Frau Nettesheim

Plausch mit Frau Nettesheim - Ja und Nein

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Ich könnte Sie küssen, Helene, wenn Sie es nicht wären, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Hihi, da bin ich ja noch einmal davon gekommen. Woher kommt der ungewohnte Überschwang?

Trithemius

Keine Ahnung. Oder doch: Ich freue ich mich, dass ich endlich begonnen habe, die kleinen Geschichten zu schreiben, die in meinen Karteikarten schlummern.

Frau Nettesheim

Einiges kommt mir bekannt vor.

Trithemius

Ihnen entgeht nichts, Verehrteste. Möglicherweise steht was in einem der Nachtschwärmer. Genau weiß ich es nicht, denn ich habe den Überblick über die Texte im Lager verloren. Dann gibt es einige Szenen im Krimimanuskript, die auf meine Erlebnisse in Kirchspiel zurückgehen. Sie sind allerdings literarisch verfremdet.

Frau Nettesheim

Eine Szene der zweiten Lesenacht spielt in der Bücherei, in der Sie damals Ihr Klappbett aufgestellt hatten.

Trithemius

Tatsächlich? Jedenfalls bin ich froh, dass ich die Dinge jetzt gelten lassen kann, wie sie waren. Wissen Sie, was mich an den Leuten von Kirchspiel am meisten fasziniert hat?

Frau Nettesheim

Die Bodenständigkeit?

Trithemius

Ja, und die darin wurzelnde innere Gewissheit, was ihnen wiederum ein klares Wertesystem gibt. Man kann glatt neidisch werden auf diese intuitive Weise, in der Welt zu sein.

Frau Nettesheim

Da spricht der Zweifler. Nach Locke gründet zwar alle Erkenntnis auf Erfahrung, aber alle Gewissheit auf Intuition. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Intuition einen höheren Wahrheitsanspruch hätte als die Erkenntnis.

Trithemius

Meine Rede, Frau Nettesheim. Intuition ist kein Wissen um objektive Wahrheit, sondern schlicht eine systembedingte Funktion unseres Gehirns, mit der wir mangelnde Erkenntnis ausgleichen. Doch umgekehrt wird auch ein Schuh draus, Frau Nettesheim. Der Erkenntnis sind Grenzen gesetzt. Deshalb versuche ich ja den Mittelweg.

Frau Nettesheim

Meistens tappen Sie links und rechts in den Straßengraben.

Trithemius

Bin ich vielleicht ein Automat, der auf Schienen läuft? Suche stets nach der Wahrheit, doch misstraue allen, die behaupten, sie gefunden zu haben. Sehen Sie, an so einem sonnigen Morgen, scheint die Welt ganz wunderbar. Doch es liegt nur an Ihrer Anwesenheit und an der Weise, wie ich just in den Tag hineinschaue. Wäre das Leben immerzu Sonnenschein, würde man verblöden, denn man würde aufhören, Fragen zu stellen und neue Wege zu gehen. Deshalb ist’s gut, wenn das Leben einem mal Ja, mal Nein entgegensetzt.

Frau Nettesheim

Ja: Sie haben Recht. Nein: Genug geplaudert, machen Sie sich an die Arbeit.

Einvernehmen mit Frau Nettesheim

trithemius & Frau NettesheimFrau Nettesheim
Mussten Sie Herrn Reich-Ranicki so schurigeln?

Trithemius
Natürlich, da bin ich altmodisch. Es ist ein Verstoß gegen die guten Sitten, wenn Prominente Produkte anpreisen. Marcel Reich-Ranicki bewirbt zudem ein Produkt aus seinem Metier. Das wirft ein schlechtes Licht auf seine Unabhängigkeit als Kritiker.

Frau Nettesheim
Er ist doch Literaturkritiker und wirbt für ein Online Lexikon.

Trithemius
Eben, Frau Nettesheim. Ich wüsste nicht, was Reich-Ranicki befähigt, die Qualität eines Lexikons zu beurteilen, das tendenziell nicht endlich ist, da es immerzu fortgeschrieben wird. Zumindest die Aussage: „Leider nichts zu kritisieren“ ist falsch, denn selbstverständlich enthalten auch Lexika Fehler.

Frau Nettesheim
Bei Online-Lexika können sie rasch korrigiert werden.

Trithemius
Vorausgesetzt, sie fallen jemandem auf, der sich die Mühe macht, die jeweilige Redaktion zu verständigen. Da Spiegel Wissen auch die Einträge von Wikipedia sowie "freie journalistische Quellen“ einbezieht, ist das ganze Projekt eine unsichere Angelegenheit. Journalistische Quellen sind Fehlerquellen, da man immer öfter ohne zu prüfen voneinander abschreibt. Auf diese Weise entstehen Pseudofakten, die ihre Gültigkeit aus der Häufigkeit ihres Auftretens beziehen. Und wie anfällig Wikipedia für gezielte Desinformation ist, brauche ich Ihnen nicht zu erklären, Frau Nettesheim. Bei allen Infomationen ist eine gesunde Skepsis zu empfehlen, das gilt besonders für die aus dem Internet.

Frau Nettesheim
Und was ist mit Reich-Ranickis Altersbonus?

Trithemius
Quark. Er will doch hoffentlich noch ernst genommen werden.

Frau Nettesheim
Ich fürchte, Sie sind zur Zeit recht ungnädig, Herr Teppichhändler.

Trithemius
Überhaupt nicht, Frau Nettesheim. Zum Beispiel lasse ich Ihnen einfach so durchgehen, dass Sie sich in letzter Zeit so rar gemacht haben.

Frau Nettesheim
Und ich lasse Ihnen einfach so durchgehen, dass Sie meine Dienste in Anspruch nehmen, wie Sie gerade lustig sind.

Trithemius
Welch herrliches Einvernehmen, Verehrteste.

Mittagsplausch mit Frau Nettesheim - Mister Hyde geht essen

trithemius & Frau Nettesheim
Trithemius

Die Tür geht auf, und Tief „Helene von Nettesheim“ zieht durch den Laden. Jetzt heißt es, warm anziehen.

Frau Nettesheim
Unverschämter Patron!

Trithemius
Vergebung, Frau Nettesheim, ich wollte mich nur auf Ihre Kosten amüsieren. Es wäre ja auch viel hübscher, ein Hoch nach Ihnen zu benennen. Aber wenn ich für Wetter-Hoch Helene die Patenschaft ersteigern wollte, würde das vermutlich ein Loch in mein Portemonnaie reißen, und ich müsste den ganzen Monat Schwarzbrot essen. Dann hätte ich gar nix von Ihrem Hoch.

Frau Nettesheim
Sie ernähren sich doch ohnehin auf dubiose Weise, da wäre Schwarzbrot fast ein kulinarischer Höhenflug.

Trithemius
Dann bringen Sie mir mal ein Buch mit Schwarzbrotgerichten. Es ist vielleicht ganz heilsam, sich beim Essen zu bescheiden.

Frau Nettesheim
Wenn’s eins gäbe, würden Sie ebenso wenig reingucken wie in ihr verstaubtes vegetarisches Kochbuch.

Trithemius
Das bedeutet gar nichts, weil ich nämlich manchmal aushäusig esse, hehe. Deshalb muss ich gleich los, mein Mittagessen ruft.

Frau Nettesheim
Dann lebt Ihr bescheidenes Essen wohl noch. Guten Appetit.

Trithemius
Ich will nicht hoffen, dass im Salat was zappelt. Tschüs, Frau Nettesheim, es war wieder erfreulich unerfreulich mit Ihnen.

Frau Nettesheim
Halt! Wie gehen Sie denn?

Trithemius
Ich übe einen Gang, den ich kürzlich einem Schauspieler abgeguckt habe. Es ist nämlich ganz lehrreich, den Gang anderer Leute nachzuahmen. Schon ahnt man, wie sie sind und weiß, dass man auch so sein könnte, wenn’s die eigenen Ausprägungen nicht anders bestimmen würden. Wenn ich zum Beispiel atavistische Neigungen erspüren will, dann gehe ich wie Mister Hyde.

Frau Nettesheim
Das eben soll der Gang von Mister Hyde gewesen sein?

Trithemius
Nein, dazu müsste ich bei jedem fünften Schritt aus den Knien heraus nach oben wippen, sehen Sie, so, mit schrägen Schultern und eingezogenem Nacken.

Frau Nettesheim
O nein, das Gezappel sieht ja gruselig aus. Bitte verlassen Sie unverzüglich das Etablissement!

Trithemius
Tief „Angsthäschen“ würde auch passen.

Frau Nettesheim ist ungnädig

trithemius & Frau Nettesheim
Trithemius
Warum haben Sie es denn jetzt noch mal schneien lassen, Frau Hol …

Frau Nettesheim
Nettesheim. Und die Herrscherin der Unterwelt heißt Holle oder Hel und nicht Hol.

Trithemius
Erst lassen Sie mich nicht ausreden, und dann schurigeln Sie mich.

Frau Nettesheim
Es wird Zeit, dass Sie die düstere Gedankenwelt verlassen, in die Sie sich und Ihre armen Leser mit der Geschichte in drei Tagen versetzt haben.

Trithemius
Darin spiegelte sich halt meine Verfassung, Verehrteste. Ich kann doch nicht immer nur rumjuxen, zumal im elenden Februar nicht, der heuer noch einen Tag mehr hatte als sonst.

Frau Nettesheim
Und deshalb haben Sie Ihre düstere Februarstimmung mutwillig bis zum 2. März ausgedehnt? Das kommt mir vor, als würde sich einer drei Tage auf einen Eisblock setzen und jammern, mir ist kalt.

Trithemius
Ich hatte gehofft, dass während des Schreibens viele Kommentare eingehen, die mir das Herz wärmen. Dann hätte sich der Lauf der Geschichte vielleicht zum Guten gewendet.

Frau Nettesheim
Sie brauchen ganz augenscheinlich Sonne, düsterer Herr. So eine verquere Idee habe ich schon lange nicht gehört.

Trithemius
Was denn, Frau Nettesheim, das war doch Teil meines Experiments. Ich wollte mich beim Schreiben von den Ideen anderer beeinflussen lassen.

Frau Nettesheim
Das hätten Sie im Prolog sagen müssen.

Trithemius
Ja, muss ich denn immer alles erklären? Konnte man es nicht gegebenenfalls erraten oder wenigsten ahnen und oder spüren, hinein interpretieren und so weiter?

Frau Nettesheim
Nein. Dazu war Ihr Prolog zu selbstbezüglich.

Trithemius
Sie sind heute irgendwie gnadenlos, Frau Nettesheim. Was sollen denn die Kunden denken?

Frau Nettesheim
Das hätten Sie sich fragen müssen, während Sie „Das Verzeichnis“ geschrieben haben. Sie haben einen einsamen Protagonisten erfunden, der keinen Besuch empfängt, und wundern sich, dass die Besucher wegbleiben?

Trithemius
Vielleicht hat es auch gar nichts mit mir zu tun, Frau Nettesheim. Als ich heute den Friseurladen betrat, saß mein Friseur einsam an der Kasse und sortierte Zettel. Das ließ er sofort bleiben und komplimentierte mich zum Haare waschen. Und als er später hurtig an meinen Löschen herumfitschte, sagte er plötzlich: „Wie ruhig es ist. Wo sind die alle?“ Und ich sagte: „Keine Sorge, die kommen wieder raus, sobald die Frühlingssonne scheint.“ Da habe ich ihm allerdings verschwiegen, wie frostig Sie derzeit gestimmt sind, Frau Nettesheim. Sie werden’s gewiss noch ein paar Tage schneien lassen. Vielleicht sollte man mal ein eisiges Strumtief nach Ihnen benennen. Helene klingt auch viel kühler als Emma.

Frau Nettesheim
Und Sie klingen heute, als wollten Sie sich bei mir unbeliebt machen.

Trithemius
Um Himmels Willen. Ich hab ja gar nichts gegen Eis. Es kann zuckersüß sein. Aber lassen's trotzdem das Bettenausschütteln, liebe Frau Holle.

Frau Nettesheim
Ach, Trithemius. Ein Witz wird nicht besser, wenn man ihn zweimal macht.

Plausch mit Frau Nettesheim - Abschied vom Haufenprinzip

trithemius & Frau NettesheimFrau Nettesheim
Sie haben also gestern den Winter abgesagt.

Trithemius

Na und, Frau Nettesheim, das kann man doch mal machen.

Frau Nettesheim

Haben Sie nicht erzählt, Sie könnten nur Regen machen?

Trithemius
War alles nur Spaß. Es ist reiner Zufall gewesen, dass es über Jahre hinweg jedes Mal regnete, nachdem ich mein Auto gewaschen hatte. Und als mein Auto mal für ein halbes Jahr abgemeldet war und folglich während der ganzen Zeit nicht geputzt wurde, kam der dürre Sommer, Sie erinnern sich.

Frau Nettesheim
Ach. Und kürzlich haben Sie behauptet, Sie könnten jetzt auch Sonnenschein machen, Sie müssten nur voraussagen, dass die Schönwetterperiode endet, dann würde sie sich zuverlässig eine Weile halten. Wenn Sie also gestern den Winter abgesagt haben, kann ich wohl bald meinen Pelzmantel wieder rauskramen.

Trithemius

Ich hätte nicht gedacht, dass Sie es wagen, im Teppichhaus das Wort „Pelzmantel“ zu verwenden, auch wenn Sie es nur metaphorisch gemeint haben. Wer macht das jetzt sauber, Frau Nettesheim?

mehr

Plausch mit Frau Nettesheim - Fiese Witze

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Haben Sie eigentlich schon einmal „Schmidt & Pocher“ gesehen, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Wird ja oft genug wiederholt.

Trithemius
Und, was sagen Sie?

Frau Nettesheim
Ich würde einen anderen Titel vorschlagen: „Harry und Olli machen Insiderwitze über Kollegen und lachen sich schlapp.“

Trithemius
Hehe, das passt. Schon vor vielen Jahren las ich einmal in der Titanic eine Analyse der Shows im deutschen Fernsehen. Fazit: Man lädt sich gegenseitig in die Sendungen ein und promotet das Fürzchen, das die jeweiligen Kollegen gerade gelassen haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob man den Kollegen ein wenig veralbert. Denn ob bewitzelt oder nicht, alles trägt zu dessen Popularisierung bei.

Frau Nettesheim
Inzucht unter Medienhuren, die Instrumentalisierung des Witzes zu Werbezwecken - da bin ich fies vor.

Trithemius
Ui, Frau Nettesheim, Sie haben, so scheint’s, schlechte Laune.

Frau Nettesheim
Man kann das erbärmliche Gewürge nicht einmal kritisieren, ohne weiter an der Popularisierungsschraube zu drehen.

Trithemius
Oje, und ich habe Sie auch noch in dieses Gespräch verwickelt.

Frau Nettesheim
Sie müssen sowieso mal zum Friseur.

Plausch mit Frau Nettesheim - Am besten alles weglassen

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Ja, ja, ja, Frau Nettesheim. Ich weiß, warum Sie mich so vorwurfsvoll anschauen.

Frau Nettesheim
Gar nicht, Trithemius. Ich verstehe recht gut, warum Sie zur Zeit so wenig schreiben.

Trithemius
Es ist Demut, Frau Nettesheim. Ich kann eben nicht jederzeit in den Wortbaukasten greifen und Wörter aneinanderreihen wie Dominosteine. Versucht habe ich es sehr wohl. Doch wenn ich immerzu Wörter herausfische, die nicht zueinander passen, dann lasse ich es besser.

Frau Nettesheim
Wollen Sie mir erzählen, dass Schreiben ein wahlloses Herausfischen von Wörtern ist?

Trithemius
Eben nicht. An guten Tagen reicht ein Gedanke, ein erster Satz, und dann stellen sich in der Folge die richtigen Wörter ein. Ich muss sie nur noch gefällig anordnen. Denn es steckt ja genug Weisheit in den Wörtern. Ein jedes hat ein kaum fassbares Bedeutungsfeld, trägt seine Geschichte in sich und zwar von seinem Entstehen aus einer bildhaften Vorstellung über die verschiedenen Verwendungsweisen im Laufe der Zeit bis hin zu seiner Banalisierung und Verflachung im Alter.

Deshalb besteht der Trick im absichtlich ungenauen Einsatz von Wörtern. Dann entfalten sie beim Leser mehr Bedeutung als der jeweilige Autor sich gedacht hat. Und dann ist da auch noch das Weglassen. Wo es nicht nötig ist, eine Sache genau zu beschreiben, da lässt man Leerstellen, damit der Leser auch was zu tun hat.

Frau Nettesheim
Wenn Sie so genau enthüllen können, wie Ihr Schreiben funktioniert, warum schreiben Sie dann nicht?

Trithemius
Weil ich in der Stimmung bin, beinahe alles wegzulassen. Ich schreibe zum Beispiel den Satz: „Natürlich war und ist die Menschheit dem Wahnsinn verfallen.“ Der reicht doch, Frau Nettesheim. Wie der Wahnsinn in seinen verschiedenen Erscheinungsformen aussieht, kann sich jeder selbst ausmalen.

Frau Nettesheim
Es wäre leichter, Ihren Satz zu verstehen, wenn Sie mir ein Beispiel geben.

Trithemius
Bin ich vielleicht ein Buchhalter, der den täglichen Hirnriss Seit um Seit in Folianten pinselt? Man braucht doch nur die Bildzeitung abzuheften und jeden Monat binden zu lassen, dann hat man eine wunderbare Chronik des Irrsinns.

Frau Nettesheim
Sie übertreiben, denn eine Zeitung spiegelt nicht das reale Leben, in dem es sehr wohl gute und nützliche Handlungen gibt, anders als die journalistisch frisierten Selektionen vermuten lassen.

Trithemius
Bitteschön, Frau Nettesheim, dann gebe ich Ihnen einen unfrisierten Dialog, den ich in einem Handyladen hörte. Ein Mann namens Dominik sagt dem Service-Techniker:
„Mein Handy kackt dauernd ab, und wenn mich einer anruft, kann ich ihn nur über Lautsprecher verstehen.“
Der Techniker betrachtet das defekte Gerät und sagt:
„Es kackt ab, und was war noch?“

Frau Nettesheim
Hihi.

Trithemius
Und Sie lachen auch noch.

Gut begründete Agonie

trithemius & Frau Nettesheim
Frau Nettesheim

Hier sieht es ja aus wie bei Hempels unterm Sofa.

Trithemius

Kein Lebender hat je unter das Sofa von Hempels geguckt, Frau Nettesheim, also trifft mich ihre Bemerkung nicht.

Frau Nettesheim

Wollen Sie mir eine sophistische Diskussion aufzwingen? Ich meine das Chaos hier.

Trithemius

Ja, mir sind die Dinge ein wenig entglitten, weil ich anderweitig beschäftigt war. Wenn das Durcheinander nicht mehr mit 30 Handgriffen zu beseitigen ist, neige ich dazu, zu kapitulieren und es eine Weile zuzulassen, bis die mahnende Stimme mich zum Handeln veranlasst.

Frau Nettesheim

Dann ist ihre mahnende Stimme vermutlich heiser, weil sie seit Tagen auf taube Ohren stößt.

Trithemius

Hat sie sich deshalb Verstärkung durch Sie geholt, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim

Nein, das ist letztlich Ihre Sache. Meine Bemerkung war ein spontaner Ausruf des Schreckens. Wenn Sie sich in dem Durcheinander wohlfühlen …

Trithemius

Ich fühle mich nicht wohl darin. Und wenn ich auch noch nicht zur Tat geschritten bin, so mache ich mir seit gestern schon Gedanken darüber, was es damit auf sich hat und wie ich es am besten beseitige.

Frau Nettesheim

Und? Müssen Sie zuerst noch eine Zeichnung davon machen, bevor sie tätig werden?

Trithemius

Mich interessiert die Theorie des Unzulänglichen, Frau Nettesheim. Zum Unzulänglichen gehören verschiedene Erscheinungen, und sie alle unterliegen dem gleichen Prinzip, das ich zu Ihrer Erbauung „Hempel-Effekt“ nennen möchte. Gestern stand ich am Service-Point der Bahn in einer Warteschlange. Es ging und ging nicht voran, so dass die Schlange wuchs. Ja, einige gaben sogar entnervt das Warten auf und suchten das Weite. Ich hatte Zeit, die Damen an den Schaltern zu beobachten. Und dabei fiel mir auf, dass ihre Bewegungen sich umgekehrt proportional zum Anwachsen der Schlange verhielten. Je mehr potentielle Kunden sich in die Schlange einreihten, desto langsamer arbeiteten sie. Ja, eine der Frauen schien sogar in eine Art Starre zu verfallen, wie es die Kaninchen angeblich auch tun, wenn sie eine Schlange sehen.

Frau Nettesheim

Was hat das mit dem Chaos im Teppichhaus zu tun? Mir scheint, Ihr Versuch, den „Hempel-Effekt“ zu beschreiben, ist pures Vermeidungsverhalten.

Trithemius

Um Ihrer Unterstellung zu entgehen, will ich mich kurz fassen: Der Hempel-Effekt: Jeder Zustand des Unzulänglichen im menschlichen Dasein zieht dem jeweils Betroffenen Energie ab, und zwar mit dem Quadrat zur Belastung durch den als unzulänglich empfundenen Umstand. Wenn ein solcher Zustand nicht mehr mit 30 Handgriffen beseitigt werden kann, reicht die Energie des Menschen nur noch dazu, den augenblicklichen Zustand zu halten, nicht aber, ihn zu beseitigen.

Frau Nettesheim

Selten habe ich erlebt, dass einer sich auf so komplizierte Weise darum zu drücken versucht, in seinem Umfeld Ordnung zu machen. Jetzt brauche ich erst einmal einen Kaffee.

Trithemius

Leider ist keine Tasse mehr sauber, Frau Nettesheim.

Plausch mit Frau Nettesheim - Daneben

trithemius & Frau Nettesheim
Frau Nettesheim
Ihr Eintrag gestern war ziemlich kryptisch.

Trithemius
Ja, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Und weiter?

Trithemius
Was?

Frau Nettesheim
Wollen Sie nicht erklären, was es damit auf sich hat?

Trithemius
Ach so. Ich war den Tag über komplett lustlos. Überdruss, Frau Nettesheim. Die Welt ging mir auf den Geist. All das Getute und Geblase in den Medien, Stoiber, Pauli, Seehofer, Merkel, Scharping; das Wetter, die Leute auf der Straße, das Leben überhaupt… und mir selbst fiel ich auch auf den Wecker, weil ich mich nicht mit meinem Überdruss abfinden wollte. Immerhin traf ich mich am Abend im Egmont mit Careca. Er trank einen Milchkaffee und eine Cola – er musste noch weiter fahren – ich trank drei Kölsch, die mir mal wieder im falschen Glas serviert wurden. Doch es war anregend, Careca im realen Leben zu begegnen. Später brachte ich ihn zu seinem Auto, denn es regnete, und er hatte keinen Schirm. Als ich wieder zu Hause war, packte mich erneut die Lustlosigkeit. Da fiel mir ein, dass Theobromina gesagt hat, man dürfe einen nassen Schirm nicht aufspannen, weil dann jemand im eigenen Umfeld stirbt. Gut, habe ich gedacht, hier ist außer mir niemand. Dann habe ich den Schirm aufgespannt, um aus dem Leben zu scheiden. Hat aber nicht geklappt, wie Sie sehen, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Wären Sie so freundlich, mich mit diesem Unsinn zu verschonen und meine Frage zu beantworten, Herr Trithemius?

Trithemius
Ui, jetzt wird sie förmlich, da muss ich mich benehmen. Also, das ist ganz einfach, Frau Nettesheim. Man sieht zwei Schlüssel. Der rechte ist heller, er verweist darauf, dass ich beim Tippen der Zeile stets den Buchstaben rechts neben dem richtigen Buchstaben getippt habe, aus PUREM ÜBERDRUSS, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Und Sie erwarten, dass sich jemand ernsthaft mit dem Produkt Ihres Überdrusses auseinander setzt und die Zeile dechiffriert?

Trithemius
Hätte ja sein können, Frau Nettesheim. Es war ein Versuchsballon, eine Frage an die Welt, ob ich noch drin bin oder gänzlich rausgerutscht.

Frau Nettesheim
Armer schwarzer Kater.

Trithemius
Ach ja, ich werde gleich in die Bibliothek gehen und in Bächtold-Stäublis Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens nachschlagen, was es mit dem Schirm auf sich hat. Es wird gewiss anregend, in die Ideenwelt des Volksglaubens einzutauchen, der ja im Wesentlichen von Frauen gepflegt wird. Sie sind ja auch so ein Kräuterweib, Frau Nettesheim, und rühren bei Neumond Ihren Pudding nach rechts.

Frau Nettesheim
Wiszdvjlpüg!

Dubioses Frauenlob

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Gestern habe ich in einem Tagebuch von 1991 geblättert, Frau Nettesheim, und wissen Sie, was ich dort gefunden habe?

Frau Nettesheim
Ihr altes Ich?

Trithemius
Ja, das auch. Es ist tatsächlich seltsam, seinem Ich von vor 16 Jahren zu begegnen. Man erkennt sich wieder, und gleichzeitig erschaudert man vor der eingeschränkten Zukunftsperspektive. Wenn ich früher ein neues Tagebuch begann, habe ich die jungfräulich weißen Seiten durchgeblättert und gedacht, dass es hübsch wäre zu wissen, was am Ende alles drin stehen wird. Und dann sammelte sich Buch um Buch an, alle zwei Monate, bis zum Jahr 2000. Da standen 42 Tagebücher in der Reihe, und eine ganze Weile habe ich sie ignoriert, weil mein Leben sich so drastisch verändert hatte und mir der Zugang zum alten Ich verwehrt war. Heute ist’s ein Dokument der 90er Jahre, und wenn ich die 90er Jahre auch nur aus meiner subjektiven Perspektive festgehalten habe, so spiegeln die Tagebücher trotzdem den Zeitgeist.

Frau Nettesheim
Ein ähnlicher Effekt tritt auch bei den Weblogs auf, wenn man sie aus zeitlicher Distanz betrachtet. Und die vielen subjektiven Sichtweisen in den Blogs ergeben insgesamt ein zuverlässigeres Bild der Zeit, da doch ein jeder die Welt anders interpunktiert, wie ich gestern aus Ihrem Text herausgelesen habe. Eigentlich wollten Sie mir jedoch sagen, was Sie im Tagebuch gefunden haben.

frauenlobTrithemius
Ach ja, ein Frauenlob ihres ehrenwerten Ahnen aus dem Jahre 1509. Und da habe ich gedacht, dass Sie, Frau Nettesheim, die lebendige Bestätigung seiner Ausführungen sind, obwohl sie der wissenschaftlichen Empirie entbehren.

Frau Nettesheim
Ich weiß nicht, ob Agrippa den Frauen damit ein Kompliment macht. Wenn Frauen von der Natur begünstigt sind, können die Männer sich faul zurück lehnen und alles auf die genetischen Anlagen schieben.

Trithemius
Mir ist schon klar, dass die genetischen Anlagen allein nicht den ganzen Menschen ausmachen. Ihre Frische und Ansehnlichkeit hat gewiss auch mit kultureller Verfeinerung zu tun, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Ja, und hätten Sie sich heute Morgen den Barthobel durchs Gesicht gezogen, würden Sie jetzt nicht aussehen wie ein Bärremkrüffer.

Trithemius
Welch ein wunderbares Wort, Frau Nettesheim. Das habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Da verzeihe ich Ihnen glatt den hässlichen „Barthobel“.
Kölsch: Bärrem, Haufen oder ein Stapel (von Strohballen); Krüffer, Kriecher; Bärremkrüffer, (übertragen) ein Landstreicher, der in einem Strohballenstapel wohnt.

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