Teppichhaus Textberatung

Ich bin der Knut

Meine Mutter war keine Sprachpuristin. Doch wenn ich als Kind einen Satz sagte wie: „Die hat mich geärgert“, korrigierte meine Mutter: „Die steht om Maat un verköv Äppel!“ (Die steht auf dem Markt und verkauft Äpfel.) „Die“ ist eben kein Personalpronomen, sondern ein Artikel (Geschlechtswort), und allenfalls eine namenlose Marktfrau dürfte man so abfällig benennen als wäre sie ein Ding.

Der Lehrer fordert Fritzchen auf, einen Satz mit den Artikeln der, die, das zu bilden. Fritzchen sagt:
Meine Schwester bekommt ein Kind.
Der die das gemacht hat, ist abgehauen.
"Die steht om Maat un verköv Äppel", - was nicht angenehm für eine Schwangere ist, abgesehen davon, dass „die“ in diesem Satz auch grammatisch falsch ist.

Ein Satz aus dem Rheinland mit dem Gleichklang von das: "Dat dat dat darf?" Es kommt darauf an, wer mit dat gemeint ist, obwohl Frauen ja eigentlich fast alles dürfen.

Der, die das sind Artikel und stehen als Begleiter des Substantivs in der Stellung eines Attributs. Sie geben das grammatische Geschlecht eines Substantivs an: der (Maskulinum), die (Femininum), das (Neutrum). Die drei grammatischen Geschlechter der deutschen Sprache haben nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun, denn hier gibt es nur zwei. Zudem folgt das grammatische Geschlecht auch keiner eindeutigen Logik. Der Leser kann auch eine Frau sein oder ein Kind. Leider haben feministische LinguistInnen der 80er Jahre den Unterschied und die Unterschiedinnen zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht nicht wahrhaben wollen und uns die hässlichen Doppelformen sowie das große Binnen-I eingebrockt.

Die daIn den 80er Jahren gab es eine weibliche Gesangsgruppe mit dem Namen „Narziss, Goldmund und Die-da“. Die-da war die Tochter des Produzenten der Gruppe. Bei den ersten Studioaufnahmen fehlte eine dritte Stimme. Weil man so rasch keine weitere Sängerin auftreiben konnte, soll der Produzent auf seine zufällig anwesende Tochter gezeigt haben mit den Worten: „Nehmt doch die da!“ Schon hatte seine dickliche Tochter den Namen einer Unperson. Das wird ihr Selbstwertgefühl ungemein gestärkt haben. Wohl dem, der einen liebenden Vater hat.

Die Konkreta des deutschen Substantivs haben zwei Untergruppen: Name und Klassenbezeichnung. Klassenbezeichnungen wie: Mensch, Hund, Holz, Baum können mit einem Artikel versehen werden. Personennamen jedoch bezeichnen Einzelwesen und keine Klasse von Wesen. Deshalb benötigen sie keinen Artikel; die Doris, der Dieter, die Verona - solche Bildungen sind umgangssprachlich, haben sich jedoch aus der Jugendsprache der 60er Jahre in die Allgemeinsprache eingeschlichen.

Es klingt seltsam, wenn eine Frau sich vorstellt: „Ich bin die Sandra.“ Gehört sie also einer Klasse der Sandras an? Was kennzeichnet diese Klasse? Sind alle Sandras blond, aufgebrezelt und arbeiten in einem Fingernagelstudio? Wer solche Vermutungen nicht aufkommen lassen will, sollte den Vornamen nicht unnötig mit einem Artikel belasten.

Bei „der Jörg“ hingegen finde ich den Artikel angebracht, denn mir sind schon viele windige Jörgs über den Weg gelaufen. Der erste Jörg lieh sich eine große Kiste mit Piccolo-Comics von mir. Als ich sie zurückhaben wollte, sagte er leichthin, sein Vater habe die Kiste im Garten verbrannt. Seither bin ich bei den Jörgs immer vorsichtig, desgleichen bei den Trägern der Langform Jürgen. Was hat es eigentlich mit dem Jürgen-Möllemann-Video auf sich, von dem BILD heute berichtet?

Teppichhaus-Textberatung

Manche Wörter sind blöd wie Hüfthosen

PedalritterIn den Redaktionen der Aachener Zeitungen, die inzwischen alle in einem Verlag erscheinen, herrscht leider seit Jahrzehnten die Meinung, man dürfe ein Substantiv nicht zweimal hintereinander verwenden. Vielleicht hat der Urheber dieser Macke seine Macke von einem kleingeistigen Schulmeister mitbekommen. Leider sind solche Schulmeister selten imstande, das dazu nötige Ausdrucksvermögen und einen großen Wortschatz zu vermitteln.

Der originelle Mensch, der sich einst die Wörter Pedaltreter, Pedalritter, Drahtesel und Stahlross ausgedacht hat, müsste posthum des Landes verwiesen werden. Seine Wortprägungen waren bei der Erstverwendung vielleicht lustig. Sie entstammen vermutlich einer Zeit, in der man das Radfahren noch für eine Tätigkeit von spleenigen Zeitgenossen ansah. Der berühmte englische Lexikograph Dr. Samuel Johnson höhnte über ein erstes pedalgetriebenes Gefährt: „Somit hat der Mensch die Wahl, ob er sich selbst bewegen will oder sich selbst und einen Wagen dazu.“ Ähnlich dachten einige Jahrzehnte später die Schaulustigen, als sie dem Freiherr von Drais während der Jungfernfahrt mit der Draisine am 12. Juni 1817 den Vogel zeigten. Einer ihrer geistigen Nachfahren hat sich die vogelzeigenden Wörter Pedalritter auf Drahtesel und dergleichen ausgedacht. Bekämen seine Erben dafür Tantiemen, wären sie reiche Leute. Übrigens gibt es vergleichbar lächerliche Ausdrücke nicht für den Autofahrer.

Durch ständigen Gebrauch sind die albernen Komposita aus dem Sachbereich des Fahrrads natürlich nicht schöner geworden. Inzwischen hat sich das Radfahren jedoch als zuweilen günstige Fortbewegung erwiesen. Daher sind die Metaphern zudem überholt und altbacken. Sie entstammen dem engstirnigen Denken einer vergangenen Lebenswirklichkeit.

Nicht jeder kann es sich leisten, etwas wegzuwerfen. Mancher hat einfach nicht soviel im Kopf. Sieht er ein Wort wie Fahrrad, greift er intuitiv in eines seiner wenigen Sprachkästchen und holt den Drahtesel oder das Stahlross hervor. Guckt es kurz an – findet es immer noch prima oder wenigstens gut genug oder er denkt: „na ja, was Besseres gibt’s halt nicht auf dieser Welt“, - und gibt zum zehntausendsten Mal den selben despektierlichen Altmännerwitz in Druck. Bitte diese Sprachschublade nicht mehr öffnen. Sie enthält dummes Zeug.

Sprachmoden sind schwerer zu überwindenAlberne Sprachmoden sind schwerer zu überwinden als ihre Erfinder
(Foto: Trithemius)



Teppichhaus Textberatung

Oh, das ist ein gefährlicher Wurm

Dialogfetzen aus einem Kinofilm, der gerade im Fernsehen läuft.

1 Weiter machen.
2 Na also, habe ich doch gesagt, überhaupt kein Problem.
3 Oh, das ist ein gefährlicher Wurm.
4 Hoooouuu.
5 Ich mach das schon.
6 Bleib hier, warte, NN!
7 Fahr dichter ran!
8 Jetzt den da noch!
9 Du übernimmst den!
10 Ich erledige die beiden.
11 Ahhhhh!
12 Oh, General NN, da kommt jemand!
13 Keine falsche Bewegung!
14 Na, komm schon, steh schon auf!"

Sieben dieser Sätze
aus etwa fünf Minuten des Films haben die Form von Anweisungen (1, 6, 7, 8, 9, 13 und 14 sind Befehlssätze). Es gibt fünf Aussagesätze (2, 3, 5, 10 und 12). Sie enthalten jedoch nur unspezifische Angaben und könnten ersatzlos wegfallen. Die Äußerungen in 4 und 11 sind Interjektionen, also keine grammatisch vollwertigen Sätze. Man muss nicht seine Beschreibung des restringierten Codes bemühen, um festzustellen, dass mit solchen Dialogen kein Literaturpreis zu gewinnen ist.

Zwei Fragen:

Wie heißt der bekannte Film?
Finden nur Filme mit rudimentärem Sprachcode ein Massenpublikum?

Teppichhaus Textberatung

Sprache Wurst - Text Käse

statt Käse„Wenn Ihnen Käse nicht Käse ist, dann sind Sie bei ... genau richtig.“

Den Satz kann man unterschreiben, denn feine Unterscheidungen sind eine kulturelle Leistung, oder wie der Österreicher Egon Friedell sagt: „Kultur ist Reichtum an Problemen.“

Dem kulturellen Problemreichtum gemäß ist holländischer Mai-Gouda kein Schweizer Käse, und deutsche Grammatik ist nicht Wurst.

Die Überschrift: „Exakt das, was Sie wollen, statt eines x-beliebigen Angebots!“, wäre jedenfalls hübscher, denn „statt“ als Präposition verlangt den … - Moment, hab grad den Mund voll - … Genitiv.

Das Auge isst schließlich auch mit.


Teppichhaus Textberatung

User Status

Du bist nicht angemeldet.

offene bloguniversität

Aktuelle Beiträge

How long is vorläufig............?
How long is vorläufig............?
walhalladada - 20. Jun, 12:07
Vorläufige Stilllegung
Die einen nennen es Betriebsferien, die anderen die...
Trithemius - 20. Mai, 18:49
Vielen Dank ...
... für die Blumen, meine Liebe.
Trithemius - 20. Mai, 18:47
wie immer trefflich
auf den punkt gebracht;-)
la-mamma - 16. Mai, 17:13
Wenn auch die Lotsen...
„Aber Bloggen! Wozu die Menschen heutzutage...
Trithemius - 8. Mai, 10:13
Merkel kriegt Karlspreis...
Aus technischen Gründen hier:
Trithemius - 2. Mai, 11:25
Ja, bester Doktor Schein,
ohne Ihre und Lamammas Besuche geht's in dieser Filiale...
Trithemius - 2. Mai, 11:23
Ich bin ganz erschrocken,...
Ich bin ganz erschrocken, lieber Herr Trithemius, in...
walhalladada - 30. Apr, 22:00

Nachschlagen

Kalender

Juli 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 
 

Wetter

über dem Teppichhaus:


Temperatur: 19 C
UV Index: 0
Luftfeuchte: 72 %
Sichtweite: Unlimited km
Luftdruck: 989.8 mb
Windstärke: 14 km/h

Weather data provided by weather.com

Web Counter-Modul

Status

Online seit 484 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Jun, 12:07

Abendbummel online
Bild & Text
Frau Nettesheim
Internetregistratur
Kopfkino
Pataphysisches Seminar
Schriftwelt im Abendrot
Teppichhaus Intern
Teppichhaus Textberatung
Textregistratur
Zirkus des schlechten Geschmacks
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren