Zirkus des schlechten Geschmacks

Merkel kriegt Karlspreis an den Hals

Aus technischen Gründen hier:

Bitte packen Sie sich möglichst viele Fisimatenten in den Kopf

Neue-SektenGerade wollte ich loswettern gegen Bildungsentertainment, das die Köpfe der Menschen mit nutzlosem Wissen zukleistert und sie vom Selbstdenken abhält, wupp, geht mein Rechner in die Knie. Aus, vorbei, ich muss wieder zum Kartoffeldruck zurück, ein Bettlaken bestempeln und es aus dem Fenster hängen lassen. Und alle werden hoch schauen und denken: Was wohnt denn da für ein Sonderling? Vermutlich ein Kauz, der nichts besseres zu tun hat als sich zu ereifern. Einen solchen Menschen kannte ich einmal. Den nannte ich bei mir den „Geißler der Zinsknechtschaft“. Der Mann hatte nur ein Thema, nämlich Zinsen. Sie sind des Teufels, unmoralisch, jedenfalls unrecht und daher verboten. So steht es bereits in der Bibel und im Koran.


Ach, das ist ein unerquickliches Thema. Schnell ist man bei Immobilien-, Finanz,- und Hungerkrise, und wollte man dieses Elend auch nur annähernd beschreiben, reicht ein einzelnes Bettlaken nicht. Zum Glück geht mein Rechner inzwischen wieder, und ich kann meine Meinung sagen, ohne dass Passanten bedauernd den Kopf schütteln. Vielleicht hätte sich aber der eine oder andere Passant Gedanken gemacht, was die Zweckentfremdung des Grundnahrungsmittels Kartoffel betrifft. Lebensmittel zu vergeuden, ist dem postmodernen Menschen längst zur zweiten Natur geworden. Und jetzt reibt er sich verwundert die Augen, dass auf der Welt tatsächlich der Hunger wächst. Als wäre es nicht die logische Folge der Gedankenlosigkeit zugemüllter Köpfe, des globalisierten Irrsinns der unkontrollierten Finanzmärkte, der hemmungslosen Profitgier und der schwächlichen Regierungen dieses Planeten.

Uff, ich bin vom Thema abgekommen. „Das Goethe-Institut und der Deutsche Sprachrat haben in den vergangenen Monaten das beste eingewanderte Wort gesucht. Rund 3500 Menschen beteiligten sich an dem Wettbewerb. Am häufigsten vorgeschlagen wurden Fisimatenten und Tohuwabohu. Das beste eingewanderte Wort wird am Freitagabend in Berlin gekürt“, meldet der Tagesspiegel heute. Wirklich, da finanziert der deutsche Steuerzahler prächtige Fisimatenten, wenn Wörter gekürt und prämiert werden wie Thüringer Würste. Erfreulich ist die Tatsache, dass sich nur 3500 Verwirrte an der Wortwurstprämierung beteiligt haben. Doch wie klein das öffentliche Interesse an diesem Schnickschnack auch ist, das hindert die Presse nicht daran, darüber zu berichten. So werden Themen gemacht, und für die massenhafte Verbreitung dieses Quarks werden stattliche Bäume gefällt, bis die Erde nur noch ein einziges Tohuwabohu ist, nämlich wüst und leer. Dabei hätte es im Falle von Tohuwabohu und Fisimatenten auch ein aus dem Fenster des Goethe-Instituts gehängtes Bettlaken getan.

Guten Abend

(Fotos: Danni, Animation: Trithemius)

1a rangewanzt

politische-BildungVielen Dank, ARD,

für diesen Beitrag zur politischen Bildung. Da soll niemand behaupten, das öffentlich-rechtliche Fernsehen würde GEZ-Gebühren verplempern und seinen Bildungsauftrag nicht erfüllen. „Die wichtigste Wahl des Jahres – Vote for Music“ ist die ultimative Antwort auf öde Landtagswahlen in Niedersachsen, Hessen, Hamburg und demnächst in Bayern. Politik ist was für Schnarchsäcke. Die Zukunft der Jugend liegt nicht in politischer Teilhabe, sondern im Herunterladen von Klingeltönen und in der Vorbereitung auf Castingshows. An diese Zielgruppe muss man sich rechtzeitig ranwanzen, bevor die ollen Volksmusik-Liebhaber weggestorben sind - im Zirkus des schlechten Geschmacks.

Weggucken kann doch jeder

zirkus des schlechten GeschmacksHabnsenichwatlustiges auf Lager oder was fürs Gemüt, dass man sich hübsch in Ihren Text vertiefen kann und für eine Weile dem grauen Alltag entfliehen? Ich habe nämlich Feierabend und scheue mich, in Ihrer Furche zu trotten, wenn Sie jetzt unbedingt noch einen schweren Acker pflügen wollen. Schreiben Sie was Leichtes, einfach so, dass der Leser merkt, wie Sie hurtig in die Tasten gegriffen und dabei hie und da ein Schmankerl rausgehauen haben. Wie, danach ist Ihnen grad mal nich? Das kann doch jeder sagen, oder denken Sie vielleicht, es macht mir Vergnügen, auf Sie einzureden wie auf einen müden Gaul? Trotzdem mache ich es, obwohl ich im Augenblick lieber einen leichten Text von Ihnen lesen wollte.
Gestern in der Münchner Runde des Bayerischen Rundfunks vertrat Christine Scheel, finanzpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, die Ansicht, die Linke sei nicht regierungsfähig. Frau Scheel ist auch Mitglied im Verwaltungsrat der staatlichen Förderbank KfW, die Großaktionär der IKB ist. Die IKB hat sich im US-Immobiliengeschäft verspekuliert, so dass sie mit insgesamt 6,5 Milliarden Euro aus Steuermitteln gerettet werden muss. Der Aufsichtsrat hat nichts von den riskanten Geschäften der IKB gewusst, und die verantwortlichen Politiker haben auch nichts gewusst.

Sich fürs Nichtwissen fürstlich bezahlen zu lassen - wieso sollten die Mitglieder der Linken das nicht können, Frau Scheel? Das kann doch jeder. Von Steuerflüchtigen zu wissen und Krokodilstränen zu vergießen, wenn welche sich beim Verschieben ihrer Vermögen erwischen lassen, aber nichts Wirksames dagegen zu unternehmen, das kann auch jeder, wenn er nur gewissenlos genug ist. Es könnte auch jeder Ein-Euro-Jobber sich am Verscherbeln des Volksvermögens beteiligen, an der Bahnprivatisierung zum Beispiel, wenn man ihn nur in eine entscheidende Position ließe. Sachkenntnis ist nicht nötig. Dazu gibt es schließlich Beraterfirmen, die neuerdings sogar die Gesetzesentwürfe ausarbeiten wie das Gesetz über Öffentlich-Private Partnerschaften (ÖPP), das von der amerikanischen Anwaltssozietät Hogan & Hartson Raue ausgearbeitet wurde und das lustige Verhökern öffentlicher Immobilien an Investoren erleichtert, wie man hier nachlesen kann.
Halt, stopp. Nicht weiter durch diese Furche. Was Sie da alles aufwühlen, soll hübsch unten bleiben. Da gehören Bodendecker drüber, sonst muss ich mich heute Abend besaufen. Habnsenichwatwirklichlustiges auf Lager oder was fürs Gemüt? Heute offenbar nicht. Naja, morgen ist auch noch ein Tag.

Anleitung zum Unbeliebtsein

1a-Geschenktipp

Schatzilein, ich hab dir etwas ganz Besonderes zum Valentinstag mitgebracht. Siebenhundertvierundsiebzig rosenduftiges Blatt erzählen dir, wie lieb ich dich hab! Und das auch noch wahnsinnig irre, nein irrsinnig billig, ach, ich bin vor lauter Rührung ganz durcheinander!

Zirkus des schlechten Geschmacks

Herdprämie - Herdprämie - Herdprämie

Ab etwa dem 45. Lebensjahr will eine bestimmte Sorte des urbanen Mannes Modelleisenbahner werden. Mangelt es an handwerklichem Geschick, hat er, wie landläufig gesagt wird, zwei linke Hände, dann verlässt er den Modelleisenbahnclub wieder und tritt ersatzweise in eine Sprachgesellschaft ein, etwa in den Bund für deutsche Schrift oder in die Gesellschaft für deutsche Sprache. Und wie bei den Modelleisenbahner auch diplomierte Ingenieure mitmachen, so können auch Sprachgesellschaften Akademiker für sich gewinnen, zum Beispiel ältliche Professoren, die vergrämt auf wissenschaftlichen Abstellgleisen hocken. Heute meldeten die Medien, eine "Jury von Sprachwissenschaftlern" habe das Unwort des Jahres bekannt gegeben. Man hat „Herdprämie“ gekürt.

Ein unbefangener Betrachter könnte vermuten, dass sich die deutsche Sprachwissenschaft mit dem Küren von Wörtern und Unwörtern des Jahres beschäftigt, ja, dass es sogar ihre vornehmste Aufgabe ist, die Wörter des allgemeinen Sprachgebrauchs zu loben oder zu tadeln. Die Sprachwissenschaft wäre dann so etwas wie ein Wortgericht, in dem befunden wird, wie eine Sache genannt werden darf und wie nicht. Mit diesem Anspruch stünde die Sprachwissenschaft über allen, über den anderen Wissenschaften, über den Medien und über der Politik, ja, auch über den Kirchen, denn eine so verstandene Sprachwissenschaft wäre eine übermächtige Religion, die allein nach Gutdünken handelt. Sie kennt keinen Gott als ihren Auftraggeber. Ihr Auftraggeber ist die Sprache selbst, der sich auch Gott unterwerfen muss, denn mit Hilfe der Sprache kann der Mensch sogar mit Gott machen, was er will. Er kann GOTT in Versalien schreiben, GOtt mit zwei großen Anfangsbuchstaben, Gott getreu der amtlichen Rechtschreibung und zuletzt auch als einen kleinen gott.

Entschuldigung, vom Thema abgekommen. Unser Thema: Eine Sprachwissenschaft, die sich moralisierend in die Sprachentwicklung einschaltet, ist keine Sprachwissenschaft, sondern eine Religionsgemeinschaft. Wie kommt es, dass sich Sprachwissenschaftler dazu hergeben, an einem pseudoreligiösen Ritual wie der Wahl des Unwortes teilzunehmen? Es kann nur Eitelkeit sein. Denn eigentlich müssten sie wissen, dass sie spekulativen Unsinn betreiben. Sprache bezeichnet nur. Wenn ein Wort eine üble Sache bezeichnet, so liegt das Übel nicht im Wort, sondern in den realen Gegebenheiten, menschlichen Handlungen und Denkungsweisen.

Die Sprache der Politik und der Medien kennt viele Wörter, die eine bestimmte Gesinnung kennzeichnen. Diese Wörter zu verbieten oder moralisch zu geißeln ist genauso sinnvoll wie Impfung gegen Schweinepest. Man weiß nach Tilgung oder Impfung nicht mehr, wo der Pestvirus steckt. Also, froh um jedes entlarvende Wort.

Wallfahrt auf dem rechten Weg

Wallfahrt in =>=>=>=>=> Etappen

Es gibt viele Gründe, den Jakobsweg zu gehen. Mein Grund ist anrüchig. Ich trat in einen Hundehaufen. Das fühlte sich weich und freundlich an, war aber bei näherer Betrachtung eklig. Manche sagen ja, in einen Hundehaufen zu treten bringe Glück. Vermutlich stammt der Spruch von einem faulen Hundebesitzer. So, jetzt hatte ich also dessen faules Glück am Fuß, was sich zwar besser anhört als Scheiße am Bein, mich jedoch vor die Frage stellte, wie ich das beschissene Glück wieder loswerden kann.

Da sah ich an einem Verkehrsschild die Jakobsmuschel, und ich dachte: Gut, dann mache ich es wie alle, ich laufe ich mir auf dem Jakobsweg die Sohlen ab, dann bin ich die Scheiße los. Ich bin bestens gerüstet, denn ein Pilger geht mit kleinem Gepäck. In meinen Manteltaschen habe ich ein Handy, einen Ersatzknopf, einen fünf Zentimeter langen Nagel, 17 Cent, verteilt auf drei Münzen, zwei Zuckertütchen, ein hübsch gestaltetes Notizbüchlein mit Roboter-Motiv sowie einen edlen Stift, den ich jüngst von einer lieben Freundin bekam. Natürlich sind die beiden letztgenannten Gegenstände für meinen Pilgerbericht ungeeignet, denn mit einem edlen Stift darf man keinen Scheiß in ein hübsch gestaltetes Notizbüchlein mit Roboter-Motiv schreiben. Ich tippe alles ins Handy ein - Mobloggin ist wie gemacht für Scheißberichte.

Tut mir leid, dass das Wort Scheiße hier so oft auftaucht. Ich bin ja gerade erst losgegangen, und es dauert noch eine Weile bis ich mir die Sohlen mitsamt Scheiße abgelaufen habe.

Alles am Start

Steil steigt der Weg an, und schon winkt die erste Versuchung. Ehrlich gesagt, eigentlich winkt sie nicht, das machen Häuser nur selten. Also neuer Versuch: Rechts lockt (hehe) die erste Versuchung, der Söller, in dem ich mich trefflich besaufen und eventuell allen Scheiß am Bein eines Thekenhockers abwischen könnte. Und der Rest, der noch in den Rillen steckt, stört mich nicht, wenn ich den Kanal voll habe.

Ich rufe mich zur Ordnung! Wie man sieht, ist ein Pilgerweg steil, hart und steinig, nämlich mit Versuchungen und Schwierigkeiten gepflastert. Und jetzt kommen mir auch noch zwei hübsche Frauen entgegen.

=>=>=>=>
alle-Tage-glücklichAch, wie fällt der Jakobsweg mir schwer. Ist’s denn nicht genug, dass er als Einbahnstraße beginnt? Muss an ihrem Ende bei der Kneipe zum lüsternen Bären dieses Schild so faul im Kneipenfenster lehnen? Montag - Tacotag, Dienstag - Schnapstag, Mittwoch - Hefetag, Donnerstag - Biertag, Freitag - Starkbiertak, Samstag - Longdrinktag - an allen Tagen könnte ich glücklich sein, nur sonntags nicht, was für eine Schmach.

Vielleicht fragt sich der eine oder andere Leser, wie es denn inzwischen um die Scheiße bestellt ist. Sie ist noch da, und besonders seitlich der Sohle. Mir ist übrigens etwas aufgefallen. Im Rinnstein des Jakobswegs liegen Botschaften. Die Botschaft lautet „Billig“. Das ist hübsch. Man weiß ja nicht, ob der Jakobsweg überall so gut ausgeschildert ist wie hier. So habe ich eine zweite Richtschnur. Solange ich die Botschaft „Billig“ im Straßendreck finde, bin ich auf dem Pilgerweg.

Es ist überhaupt
besser, den Blick auf den Boden zu senken, denn locken nicht ringsum alleweil die schrecklichsten Ablenkungen und oder Versuchungen? Kaffeemomente zum Beispiel, denn „Wir lieben Kaffee-Momente“, in denen schöne blonde Frauen in Wäsche vor dem Spiegel posieren. Für meinen Geschmack sollte die Wäsche nicht unbedingt die Farbe von Kaffee mit viel Milch haben. Dieser Umstand sowie das Bewusstsein, eine kotige Schuhsohle zu haben sind meine Rettung. „Kackbraun“, denke ich, reiße mich los vom Kaffee-Moment der Liebe, wende mich ab und steige weiter die Straße hinauf.

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Den fünf Zentimeter langen Nagel kann ich gut gebrauchen, denn ich will überall Ich-war-hier-Marken ritzen, auf dass die Welt sehen kann, dass auch ich den Jakobsweg gegangen bin, die innere Einkehr zu suchen, um die Ergebnisse in die Welt hinaus zu tröten. Ach nein, ich habe ein noch schlichteres Motiv. Ich will nur den Scheiß vom Fuß los werden. „Eine Reise ins innere Ausland“, verspricht das Plakat eines ausländischen Gurus, der sich nach Aachen verirrt hat, hehe. Gut, das wird bestimmt vergnüglich. Da kann ich so oft Scheiße, bekackt und Dreckswelt rufen, wie ich lustig bin, denn in meinem inneren Ausland kennt mich ja keiner.

Schon spüre ich die Befreiung von der Alltagslast, und vor lauter Übermut greife ich in die Manteltasche und schmeiße mein Geld weg. Was? Das sind ja nur 17 Cent und somit so gut wie nichts? Es ist alles, was ich habe und somit gleich viel wie eine Million, die ich weggeworfen hätte. Ja, und das wird meine Botschaft sein an die anderen Pilger, so ich welche treffe. Schmeißt das Geld weg, Leute, das macht Jux! Sind wir denn Wallfahrer zum schnöden Mammon? Nein, wir wollen den Alltagsscheiß hinter uns lassen. Nebenbei, der klebt zwar noch an meiner Fußsohle, allein, es ist deutlich weniger, weil ich eben in einem vom Leser unbeachteten Moment etwas nachgeholfen habe, indem ich den Fuß an Bodendeckern abwischte. Die sind sowieso meistens hässlich, weil es einfach nicht gut für ein Lebewesen ist, so nah am Boden zu kriechen. Richten wir uns also auf und lassen den Blick schweifen.

=>=>

entenrennenDu liebe Zeit, könnte man den Dreck der Welt doch einfach so an Bodendeckern abwischen. Ob es so viele Bodendecker gibt? Ich will nicht memorieren, was es alles an Scheiß gab im Jahr 2007. Den Rückblick spare ich mir, und dem werten Mitpilger sollte ich erst recht nicht damit in den Ohren liegen, sonst geht er nachher krumm und will gestützt werden. Dazu habe ich aber ums Verrecken keine Lust. Viel mehr will ich die Reise ins innere Ausland genießen, in dem sich nämlich prima pilgern und nach Herzenslust fluchen lässt. Hussa, ihr Weggenossen, wir sind fremde, ganz anders empfindende Wesen. Egal ob das Gras alle ist oder ob das Plumeau nass im Garten liegt, wir sind auf dem rechten Weg. Und ehrlich gesagt, die Jakobsmuschel kann mir da auch gestohlen bleiben. Denn sie zeigt nur an, wo andere bereits gegangen sind. Da geht es zu wie auf der Kölner Hohe Straße am verkaufsoffenen Sonntag. Das ist eine merkantile Angelegenheit mit schwülstiger Überhöhung und öffentlicher Selbstbespiegelung. Nichts - und drüber Glasur. Ein blödes Entenrennen, irgendwie.

O
Ogmios, du weißt wie ich die verirrten Menschen flüchte, die nach einer Reise darauf lauern, mir ihre flachen Erinnerungen in die Ohren zu blasen. Da nähe ich mir lieber den Mantelknopf an die Backe oder bohre mir ein Loch ins Knie und säe Salat rein. Ja, das darf ich hier sagen, denn wir sind im inneren Ausland, wo sogar die Polizei außer Betrieb ist. Dessen habe ich mich vergewissert.

=>

nein danke! Eine Luft zum Saufen, unser sonntägliches Hochamt. Und das beste ist, wir brauchen nichts, denn wir sind uns selbst genug. Liebe, Hass, Wahnsinn – vorhanden - wozu soll diese Kombination gut sein? Wir bestellen das nicht. Bitte keine neue Scheiße. Da finden wir doch lieber eine Antwort auf eine Frage, die wir nicht gestellt haben: zweiundvierzig. Bitteschön, hier geht’s lang. Übrigens, wir hätten dem Jakobsweg ohnehin nicht mehr lange folgen können. Er führt nämlich durch Frankreich, und da lassen sie uns nicht rein. Besser so.
Zum Glück

zweiundvierzig

2008 wird schmierig aber schön

ZauberpampeWas dabei heraus kommt, wenn man Pflegedusche, Shampoo, Zahnpasta und pflegende Intensiv-Coloration mischt und für welchen Körperteil das Geschmiere dann gut ist, weiß ich nicht. Jedenfalls soll diese Mischung „2008 noch schöner machen“, was ja irgendwie Hoffnung weckt, denn schön würde das neue Jahr auf jeden Fall werden, wenn man dem Hitmarkt glauben darf. Möglicherweise und wahrscheinlich sowieso gilt dieses Versprechen aber für einen ganz bestimmten Kundenkreis, vielleicht für blonde Frauen, die außer schön doof zu gucken nicht viel zu tun haben, und ihre smarten Männer.

Man hat ja bei Hit nach eigener Aussage Deutschlands beste Wein- und Sektabteilung. Der Connaisseur kann sich das Jahr auch auf hohem Niveau schön saufen, wenn er sich dort bedient, - falls er bezahlen kann versteht sich.

„Jottseidank, Peter, et is vorbei, jottseidank!“,
sagte gestern ein Mann auf dem Aachener Markt zum anderen, der vermutlich Peter hieß. Derweil zerlegten raue Burschen den Weihnachtsmarkt. Die potemkinschen Bretterbuden der Innerlichkeit offenbarten ihre schäbigen Rückfronten und wurden dann schnöde in Laster gestopft. Gut, die sind schon mal für eine Weile weg. Peter sollte seinem Gewährsmann trotzdem nicht trauen. „Vorbei“ ist nämlich so gut wie gar nichts. Nicht mal BILD hat über die Tage eine Weihnachtsfeuerpause eingelegt, sondern wusste am Heiligabend mit der hübschen Schlagzeile aufzuwarten: „Du Scheißdeutscher!“ In diese Schlagzeile war man bei BILD so weihnachtlich verliebt, dass sie am Tag nach Weihnachten erneut auftauchte, jetzt nur ein bisschen kleiner, weil „der brutale U-Bahn-Schläger“ vorgeführt werden musste.

BILD trommelt, und unzählige politische Pappnasen fordern: „Länger wegsperren, das Pack!“, womit sie leider nicht die Bildredakteure meinen. Das Wegsperren jugendlicher Straftäter hört sich toll an, ist aber eigentlich eine Problemlösung auf Kosten der Zukunft. Je länger nämlich ein desorientierter junger Mensch im Knast ist, um so besser ist er bei seiner Entlassung in allen Gemeinheiten ausgebildet, die sich ein Menschhirn ausdenken kann, soweit einer nicht sowieso vom Militär im bedenkenlosen Niederstrecken seiner Mitmenschen unterwiesen wurde.

Ich weiß nicht, warum sich alle aufregen über die wachsende Brutalität in Deutschland. Unsere Gesellschaft toleriert, dass die Medien die niedersten menschlichen Instinkte befriedigen, dass zu Unterhaltungszwecken Gewalt verübt und Blut vergossen wird, und das rund um die Uhr und auf allen Publikationskanälen. Gehuldigt wird der Quote, der Göttin der Blödheit. Macht, Gewalt und Blödheit sind die Leitmotive in unserer Gesellschaft. Wer in dieser Leitkultur aufwächst und weder im Elternhaus noch in der Schule andere Werte erfährt, will doch einfach nur mitmachen, weiß aber nicht, dass Macht, Brutalität und Blödheit viel subtiler und geschniegelter daherkommen müssen, wenn sie hohes Ansehen in Öffentlichkeit und Medien garantieren sollen.

„Wie habe ich das vermisst, das Adrenalin, den Kampf, den Spaß!“, ruft Boris Becker im Werbespot für Pokerstars, stürzt aus dem Tennis tief nach unten und landet an einem Pokertisch. „Pokern ist großes Tennis!“ kann Becker noch stöhnen, bevor sie ihn wegblenden. Nein, das ist Pokern ganz und gar nicht. Die Verherrlichung des Spiels um Geld ist nichtswürdig und erbärmlich. Und es ist strunzblöd, sich aus Geldgier beim Absturz zum Glücksspieler filmen zu lassen. Selbstentlarvungen wie den Beckerschen Werbespot finde ich überaus erquicklich. Bitte unbedingt mehr davon, dann wird das Jahr 2008 noch vielviel schöner.

Eins zwei drei, hier kommt die Ordnungspolizei

Eins-zwei-drei

Ein Kreis alter Damen sitzt hinter mir um einen Cafétisch. Ich versuche auszublenden, was sie sagen, denn ich habe keine Lust auf das ewig selbstbezügliche Gerede gut situierter Kreise. Augenblicklich werde ich eines Besseren belehrt und bekomme ein Lehrstück in Geschichtsbewusstsein zu hören, denn eine der Damen entwickelt eine Gedankenfolge, die ich in dieser Weise noch nie gehört habe. Man muss wohl den Überblick und die Abgeklärtheit des Alters haben, um leichthin über Kaffeetassen und Sahnetörtchen hinweg sagen zu können:
„Früher war es die Sklaverei, dann die Leibeigenschaft, dann der Frondienst, dann der Arbeitsdienst, dann die Dienstverpflichtung und heute ist es der Ein-Euro-Job. Das ist immer das gleiche, heißt nur anders.“
Schade, dass man fremde alte Damen nicht einfach küssen darf. Zugegeben, was sie gesagt hat, ist reichlich polemisch, der Ein-Euro-Job ist keine Sklaverei im alten Wortsinne, und Ein-Euro-Jobber sind keine Leibeigenen ostpreußischer Junker. Trotzdem hat die Darlegung etwas Erhellendes: Es gibt eine Kontinuität des gnadenlosen Zugriffs der Mächtigen auf die Lebensgestaltung der Ohnmächtigen.

Nicht weit entfernt von Sklaverei sind zum Beispiel die Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Das jedenfalls sehen auch die Autoren der ARD-Sendung (SWR) so und titeln: „Die Lohnsklaven“, ausgestrahlt am Mittwoch, dem 25. April 2007, um 23.15 Uhr im Ersten. Zitat aus dem Beitrag:
„Zwischen zwei und vier Millionen arbeiten - nach unterschiedlichen Hochrechnungen - schon heute für Löhne, die das Existenzminimum nicht abdecken. Und das, obwohl sie es sich bequem machen und Hartz IV beantragen könnten. Diese Menschen sind oft hoch motivert, fleißig, aber auch verzweifelt darüber, wie es sein kann, dass man in Deutschland unter Umständen nicht mehr von seiner Hände Arbeit leben kann.“

Diese moderne Form der
Sklaverei ist nicht staatlich verordnet wie der Ein-Euro-Job. Hier schaut der Staat einfach zu und nimmt weiterhin billigend in Kauf, denn eine flächendeckende Untergrenze für den Stundenlohn werden wir mit dieser Bundesregierung nicht bekommen. In unserem Land herrschen beschämende Zustände. Sie widersprechen unserem Rechtsempfinden und dem Grundgesetz. Doch der Rechtsstaat hat bei den derzeit Regierenden nur wenige Fürsprecher. Da passt es, dass man Symptome bekämpft, schwarze Sheriffs aussendet, um die Auswüchse der Armut aus den Innenstädten fernzuhalten.

Man wird bald mehr von ihnen brauchen. Überwachung ist ein wachsender Arbeitsmarkt - er wächst mit der Armut, und wo er nicht von Steuergeldern finanziert ist, gehört auch er zum Niedriglohnsektor. Der Staat bespitzelt, und Arme überwachen Arme. Arme Republik.

Geld macht glücklich

Zuwachs bei Ochsen
Dass die Aachener Nachrichten die Besucher des Münchener Oktoberfestes als Rindviecher beschimpfen, ist der deutschen Einheit gewiss so abträglich wie der hämische Ruf: „Wir wollen den Limes zurück!“ Es muss offenbar noch viel geschehen, bis die Einheit mit Bayern auch in den Köpfen der Menschen im Westen angekommen ist.
glück allein macht nicht glücklich
Schlimme Kunde kommt von der Noris-Bank: Das schöne alte Glück ist kaputt und muss durch Geld von der Noris-Bank ersetzt werden.

Der Wiener
Buchautor Dr. Robert Sedlaczek hat gemeinsam mit der Volkshochschule Hietzing eine Patenaktion für bedrohte Wörter ins Leben gerufen. Ich habe die Patenschaft für Glück beantragt und hoffe, dass man bei der Volkshochschule Hietzing damit einverstanden ist.
Glücks-Pate Trithemius

Gestern wurde Edmund Stoiber von der Bundeswehr mit großem Brimborium, Ehrenkompanie und Marschmusik verabschiedet. Der arglos plappernde Kommentator auf Phoenix sagte, das sei eine Geste des Dankes der Bundeswehr und des Verteidigungsministers Jung, weil Stoiber sich für die Standorte der Bundeswehr in Bayern und für den Auslandseinsatz der Bundeswehr stark gemacht hat. Stoiber war zu Tränen gerührt, als sich die Bundeswehr so zackig dafür bedankte, dass sie wieder Krieg führen darf.

Die Aachener Nachrichten
bestehen übrigens darauf, dass sie in der Überschrift nicht die Besucher des Oktobersfestes gemeint haben, sondern das Schlachtvieh.

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