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Pataphysisches Seminar

Mehr Wirtschaft! - Einladung zur Kaffeepause



Ein Film aus der Reihe: Mein surrealer Alltag.

Ohrwurm-Bashing - wider blöde Musik

Ohrwurmbashing

Bashing-Liste
Bitte hier entlang.

(Nützliches und Unterhaltsames zum Phänomen Kettenbrief hier)

Fernblick auf die nur unscharf berechenbaren Randzonen

Der Schriftgestalter und Typograph Adrian Frutiger hat versucht, eine Elementarform der besten Leserlichkeit zu finden, indem er die meistgelesenen Textschriften der Welt übereinander legte. Diese Elementarform ist zu sehen, wo sich die verschiedenen Schrifttypen überschneiden. Man könnte auch sagen, dass die Schnittmenge des Beispielbuchstabens ein idealtypisches kleines a zeigt.
Frutigers-Elementarform

Das Verfahren ist nebenbei mit
Skepsis zu betrachten. Die Methode ist rückwärtsgewandt, denn sie kann keine Ergebnisse bringen, die über die besten bereits gefundenen Formen hinausgehen. Wenn man jedoch dieses Verfahren auf den Menschen anlegt, wenn man also die gerasterten Silhouetten aller derzeit lebenden Menschen übereinander legen würde, bekäme man einerseits die typische Form, andererseits eine Vorstellung von den augenblicklichen Grenzen des Menschen. Zumindest für unsere Breiten gilt, dass der typische Mensch keine ideale Form hat, denn er ist ja nicht Mager oder Halbfett, sondern irgendwie Fett.

Interessanter als die Überlappungen sind die Grenzbereiche. Denn sie sind viel größer als beim idealtypischen Buchstaben. Und zu den Rändern hin hätte die Grafik der menschlichen Grenzbereiche nur wenige, besonders extreme Erscheinungen. Denn die individuellen Abweichungen von der Elementarform sind schier unendlich vielfältig. Eingegrenzt wird die menschliche Form nur vom biologisch Unmöglichen.
Menschenschnittmenge


Anders verhält es
sich mit dem inneren Menschen. Er lässt sich nicht so einfach grafisch darstellen. Wir haben lediglich eine vage Vorstellung davon, wie der ideale innere Mensch unseres Kulturkreises oder unserer sozialen Gruppe aussehen sollte. Der Einzelne versucht seiner Idealvorstellung zu entsprechen, begrenzt sich selbst so gut es geht, und auch die Gemeinschaft gibt Grenzen vor; sie bestimmt das Schickliche und gibt sich Gesetze. Doch wie sehen die Grenzbereiche der Fähigkeiten, des Wissens, der Moral und der Gefühle aus, die der Einzelne nicht unbedingt offenbart? Über welche Möglichkeiten das Individuum verfügt, wenn es sich den Übertritt in Grenzbereiche des menschlichen Daseins gestattet, können wir uns kaum ausmalen. Nicht einmal die eigenen Grenzbereiche kann man sicher bestimmen, denn je weiter man sich nach außen bewegt, umso unübersichtlicher, schwieriger und unwegsamer wird das Gelände.

Täglich hören wir von
Taten und Leistungen, die unser bisheriges Vorstellungsvermögen überschreiten. Doch haben wir davon Kenntnis, wissen wir, dass sie dem Bereich des Menschenmöglichen einverleibt wurden und erwägen, was das für uns bedeutet. Er habe noch nie von einem Verbrechen gehört, von dem er sich nicht vorstellen könnte, es selbst zu begehen, sagt Goethe. Dabei geht es um die Einsicht, dass der Mensch ein Tier ist, das sich eine dünne Schminke Kultur aufgelegt hat. In der Tat sind die von Mitgefühl, Moral und Gesetzen festgelegten Grenzen wie aufweichende Dämme. Unter dem Andrang egoistischer Absichten können sie nachgeben. Zudem neigt besonders der überinformierte Mensch der heutigen Zeit dazu, seine Grenzen immer weiter nach außen zu verlegen. Jeder Verstoß, jede Verrücktheit, jede Ungeheuerlichkeit, jede unglaubliche Leistung, von der wir Kenntnis erhalten, ermuntert, die eigenen Grenzen ebenfalls auszudehnen. Mit anderen Worten: Die Elementarfigur des inneren Menschen wird immer feister und schwammiger. Sie war schon zuvor nicht hübsch anzusehen. Betrachtet man die gewalttätige Menschheitsgeschichte, dann ist die menschliche Elementarfigur psychopathisch.

Wie die menschliche Elementarfigur auszusehen hat, bestimmt nicht allein die Gesellschaft. Sie wird ja wesentlich gestaltet von den Lebensbedingungen, den Ereignissen und den Alphatieren. Die Anführer, neudeutsch „Leistungsträger“ legen ihre eigenen Grenzen außerhalb der aktuellen Schnittmenge fest, und haben sie sich genügend gesellschaftliche Macht angeeignet, bestimmen sie die Verhältnisse innerhalb der Grenzen, wozu sie die anderen auf Abstand halten und einengen. Da es viele Alphatiere mit unterschiedlichen Interessen und Absichten gibt, kriegt die Figur des inneren Menschen überall Ausbuchtungen, hässliche Beulen und Verwachsungen. Es fehlt eben eine allgemein gültige Vorstellung, wie der Mensch aus guten Gründen zu sein hat. Doch sie fehlt nicht, weil es etwa keine vernünftigen Vorstellungen gibt. Sie fehlt, weil sich im Zuge des vorschreitenden Individualismus und der geistiger Trägheit immer weniger dafür interessieren. So zeigt sich der typische Mensch immer unförmiger. Wir brauchen natürlich weiterhin Alphatiere, die uns den Weg weisen. Sie werden hervorgebracht durch den Prozess der gesellschaftlichen Starbildung. Dieser Prozess bringt immer die gerade passenden Typen hervor, in unserem Fall solche, die den Individualismus, den Egoismus und die geistige Trägheit bis an die Grenzen und darüber hinaus treiben.

Lässt sich
irgendetwas daraus herleiten, was für den Alltag von Belang ist? Das weiß ich grad mal nicht. Die Welt und das schwüle Wetter machen mich ganz müd.

Träumen und Wachen

Quadrate04Träumen und Wachen – welcher der Daseinszustände des Menschen hat Vorrang? Dient die Nacht dem Tag oder dient der Tag dem Traum? Im Traum kennt der Mensch weder Handlungsfreiheit noch Moral. Er ist ein Getriebener seiner Natur. Sie schafft Bilder und Situationen, und dem Träumenden bleibt nur zu reagieren, die absonderlichsten Vorgänge zu erleben und die seltsamsten Dinge zu tun. Im Schlaf zeigt sich das innere Tier.

Bei Tage pflegen die meisten Menschen, das innere Tier zu verhüllen, vor sich und den anderen. Das wache Bewusstsein bemüht sich um die Kontrolle jener tierischen Eigenschaften, die in der jeweiligen Lebenswelt nicht erwünscht sind oder keinen Erfolg versprechen. Denn es gilt, das Tier zu ernähren, ihm Kälteschutz zu besorgen, seine Fortpflanzung und seine Erholung zu organisieren, die Freude am Spiel zu bedienen und all jene Dinge, die zum Wohlbefinden des Tieres notwenig sind.

Gestern Nacht fiel mir auf, dass ich die rauschhafte Musik der Tastatur nicht mehr höre. Ich kann mich nicht einmal mehr an die eigenartige Melodie erinnern. Vermutlich bin ich geheilt. Es gab eine Zeit, da erklang Tastaturmusik, sobald ich mit dem Schreiben begann. Eigentlich schrieb ich nicht, schob nicht, sondern wurde geschoben. Die Musik der Tastatur riss mich einfach fort. Natürlich höre ich noch heute beim Schreiben einen Rhythmus. Doch er ist keine Melodie, sondern taktet die Sätze nur und ordnet sich meist den Gedanken unter. Woher kam die Melodie? Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, dass ich damals andere Worte schrieb. Der Wortschatz hat sich nicht wesentlich verändert, nur die Reihung der Wörter zu Worten, die Inhalte haben sich verändert.

Kein Rausch ist auf Dauer gesund, und so ist es auch nur eine Weile angenehm, sich im wachen Zustand einen tierischen Wahn zu gestatten und Träume in die Wachwelt zu holen. Sobald man nämlich dem inneren Tier den ungehemmten Zugriff gestattet auf die Waffen des Intellekts, der Willkür und der Fähigkeiten, gewinnt es eine ungute Macht.

Jede Kunst fordert die Nähe zum inneren Tier. Und die wahre Kunst besteht darin, die Zügel locker zu lassen und trotzdem im Sattel zu bleiben. Wenn es gelingt, dem Tier einen beständigen Trab beizubringen, geraten die Dinge leicht, und das Reiten geht einfach. Uns so ist auch der Satz zu verstehen, der fürs Schreiben wie für alle Künste gilt: „Was sich zuletzt erst erlernen lässt, ist Einfachheit.“

Ordnung durch Telekinese

Ordnen Sie den Satz mit der Kraft Ihrer Gedanken. Vielen Dank.

drängeln

Jeremias Coster entwirrt die Welt und verknuddelt sie wieder

was-die-Flamme-zusammenhältErstaunlich sei die innere Logik von Lebenswegen, sagte Coster. Leben sei doch eigentlich ein Durcheinander von Absichten, ein Chaos von Handlungen, Worten und Gefühlen, so dass jede Voraussage eine wilde Spekulation wäre. Schaue man sich jedoch eine Entwicklung rückblickend an, müsse man fast immer sagen: Es ist plausibel. Plausibilität sei die wichtigste Ordnungsregel im Chaos des Lebens.

"Sie meinen, es ist plausibel, dass wir beide uns heute am Münsterplatz getroffen haben“, fragte ich.
„Das nicht“, sagte Coster. „Doch dass wir in der Folge des zufälligen Zusammentreffens im Cafe sitzen und … „
„Vrouwen kijken?“
„… und uns dem Müßiggang hingeben, - das ist plausibel. Denk dir mal das Leben als ein gewaltiges Chaos, stelle dir die Kreuzungen und Verwirrungen der Lebenswege räumlich vor wie Schnüre, die sich verwickeln, verknäueln und aber auch durchdringen können. Wie können sich da Ordnungen entwickeln, die für das Leben nötig sind?“
Ich zeige mit dem Kinn zum Dom hinüber und sage: „Die dort drüben glauben an die ordnende Kraft eines Gottes.“
„Ja, das Naive im Menschen verlangt nach Bildern. Sie erleichtern enorm das Verständnis. Deshalb sprechen wir ja auch über ein Bild, die Chaoswelt. Also sag, wie können sich die wirren Strukturen des Lebens zu Ordnungen fügen?“
„Indem sich Ähnliches zu Ähnlichem gesellt, weil’s plausibel ist?“
„Stell dir vor, dass auch in einem völligen Chaos gelegentlich zufällige Ordnungen entstehen müssen. Du sprichst von Ähnlichkeit. So mag es sein. Wie sich zwei Wassertropfen zusammenziehen, wenn du sie dicht beieinander träufelst, so ziehen sie sich an. Wäre es so, dann hätten diese zufällig entstehenden Ordnungen die Tendenz, sich zu erweitern. Sie beziehen Elemente aus den Randbereichen ein und verbauen sie in bestehende Kontexte."
"Ach so. Und warum ordnet sich dann die Welt nicht, sondern verfällt in ihren Randbereichen immer wieder aufs Neue? Guck dir die heutige Welt an. Man kann doch nicht ernsthaft behaupten, sie sei geordneter als vor einem Jahrhundert."
"Die Erweiterung einer Ordnungsstruktur schreitet niemals fort, bis alles geordnet ist. Das wäre ein paradiesischer Zustand. Doch den wird es nicht geben, nicht in einem Einzelleben, nicht in der gesamten Menschheit, weil …" Coster stutze.
„Weil?“
„Ich zuerst noch einen Kaffee brauche“, sagte Coster, indem er sich nach der Kellnerin umsah, die ihm augenscheinlich so sehr gefiel, dass er in Gedanken versank. Dann aber beobachteten wir beide, wie sie mit dem Kellner eine vertraute Geste austauschte, genauer, er legte ihr flüchtig die Hand auf die Hüfte.

Coster rührte in seiner leeren Kaffetasse. „Da siehst du, warum sich Ordnungen nicht beliebig erweitern können. Sie treffen irgendwann auf andere Ordnungssysteme, die sich nicht einverleiben können, weil sie zu groß sind. Das kann zu zeitweiligem Stillstand, Reibungsverlusten, zu einer langsamen Erosion und sogar zu Zerstörungen in den Randbereichen führen.“
„Auf Deutsch: Du hast Interesse an der Kellnerin, doch der Kellner hat ältere Rechte. Also kannst du deine Ordnungsstruktur nicht um die Erfahrung mit der Kellnerin erweitern.“
„Es sei denn, es würde mich gewaltig hinziehen, weil die Ähnlichkeiten zu groß sind, dann käme es…“
„ … zu Reibungsverlusten, und Sie würden den Verstand verlieren, Coster. Chaos im Kopp.“

Er sah mich prüfend an. Dann sagte er: „Das musst du einmal erlebt haben.“

Befremdliches unter der Herbstsonne

Skulptur-ohne-Titel"Skulptur ohne Titel" - die Arbeit des niederländischen Malers, Zeichners und Bildhauers Jaap Mooy (1915-1987) steht seit August 2007 im AVANTIS European Science and Business Park, einem kaum besiedelten deutsch- niederländischen Gewerbepark in der Nähe von Aachen. „Der Mensch braucht das Bild“, sagt Jaap Mooy, dessen plastisches Werk in der Tradition des Dadaisten Hans Arp steht.

Die Skulptur zeichnet sich durch geometrische Formen und Kühle aus. Unter der blitzenden Herbstsonne entfaltet sie einen befremdlich anmutenden Glanz. Man mag an einen Blitz denken, von einem zürnenden heidnischen Gott zum Erdboden geschleudert. Doch sie erinnert auch an ein Relikt der Vorzeit, gleich einem Monolithen zur Bestimmung des Sonnenstands, oder an eine moderne Variante der Skulpturen auf rapa nui, die der Holländer Jakob Roggeveen Paasch-Eyland (Osterinsel) nannte, nach dem Tag der Anlandung am Ostersonntag des Jahres 1722.

(gesehen am 25. September 2007, gegen 12:00 Uhr)

documenta 12 - Mutter schmiert Stullen

Kassel (dpa) - 1735 Tage musste die Kunstwelt warten, dann ging es pünktlich auf die Minute los: Punkt zehn fuhr der Wagen von Bundespräsident Horst Köhler - mit einem weißen "d12"-Fähnchen am Türrahmen - vor dem Fridericianum in Kassel vor. Als symbolischer erster Gast hat Bundespräsident Köhler die documenta 12 in Kassel eröffnet. Für die nächsten hundert Tage werden 650 000 Besucher auf der weltweit wichtigsten Ausstellung moderner Kunst erwartet. Knapp zwei Stunden Zeit sah das Protokoll für die beiden größten der fünf Ausstellungsbauten vor. Geführt wurden Köhler und seine Frau von documenta-Chef Buergel und dessen Frau. Die Presse blieb ausgeschlossen, bis auf wenige Minuten vor zwei der interessantesten Objekte der "d12".
Besonders beeindruckt zeigte sich Bundespräsident Horst Köhler von dem 25 Meter langen digitalen Tableau des Berliner Künstlers Hanno P. Glimmerschiefer, das die drei Leitmotive der diesjährigen documenta in sich vereint: Ist die Moderne unsere Antike? - Was ist das bloße Leben? - Was tun?

Mutter-schmiert-Stullen
Hanno P. Glimmerschiefer - Mutter schmiert Stullen (d12)

Köhler verwies auf die Stärke der Kunst, die Fragen nach dem Was tun zum Diskurs zu machen: „Die documenta bringt die Probleme der Welt mitten in unser Wohnzimmer. Ich hoffe, das regt viele Menschen an, über genau diese Probleme noch einmal nachzudenken.“
Roger-Martin Buergel, Leiter der documenta 12, erläuterte während des Pressetermins mit dem Bundespräsidenten, bei Kunst gehe es nicht um Objekte, sondern um ästhetische Erfahrung. "Und das beginnt mit Verstehensirritationen, einem Erlebnis der Andersheit." Er könne durchaus verstehen, dass mancher Ausstellungsbesucher frustriert sei, "aber Frustration ist der unverzichtbare Bestandteil von Bildung.“

Tretet Dada bei!

Teppichhaus - Programmankündigung

vorab

Liebe Kundinnen und Kunden,


wenn die Wetterverhältnisse es zulassen, startet heute Abend gegen 22 Uhr im Stammhaus eine neue Folge des Nachtschwärmers. Die Fahrten mit der Nachtdraisine über verschiedene Gleisstrecken in Belgien, den Niederlanden und in der Eifel begannen im Dezember 2005 und erschienen in drei Staffeln allnächtlich bis April 2006. Zur Einstimmung sind letzten vier Fahrten wieder öffentlich:
-1- -2- -3- -4-
Viel Vergnügen bei unserer nächtlichen Reise wünschen
Helene Nettesheim
Trithemius

Bummel entlang der Abstraktionsgrenze - Gedanken zu einer Ausstellungseröffnung am heutigen Sonntag

Sehr geehrte Damen und Herren,
zum Auftakt ein Gedicht von R. L.:

Ich dachte
Alle hätten
Von allen
Alles gewusst
Aber
Keiner hat
Von keinem
Etwas gewusst

Jetzt weiß ich
Alle haben
Von allen
Nichts gewusst

Keiner hat
Gewusst
Der er
Nichts gewusst hat

Keiner hat gewusst
Dass alle
Von allen nichts gewusst haben
Dass keiner
Etwas gewusst hat

Jetzt weiß ich
Dass keiner
Und alle
Nichts wissen

Und ich
Von keinem
Etwas weiß

Diese Verse haben gewiss eine ganze Weile in einer Schachtel geschlummert und erscheinen heute zum ersten Mal im Licht der Öffentlichkeit.

Die Schachteln mit den handschriftlichen Texten holt R. L. noch seltener hervor als seine ungezählten Mappen und Skizzenblöcke. Denn er will mit seiner Kunst nicht in der Öffentlichkeit glänzen. Für ihn ist die Kunst eine natürliche Reaktion auf die Welt, - und das ist eine Form der Weltaneignung, um die ich ihn beneide.

Wann immer ich bei ihm bin, erinnere ich R. daran, dass wir seine Gedichte zu einem Buch zusammenstellen wollten. Dann lacht er und sagt ja ja, doch diese Zurückhaltung ist genau der Grund, warum keiner und alle nichts über seine Arbeiten wissen, - außer seiner Frau M. natürlich, die sein Werk seit Jahrzehnten kritisch und sachkundig begleitet.

Wir anderen wissen also nicht, dass die Gedichte schon wegen ihrer handschriftlichen Form etwas Besonderes sind. Und noch weniger wissen wir von ihrer Verwandtschaft zu seinen Zeichnungen. Und erst recht wissen wir nicht, wie R. die Wörter unserer Sprache auf ihre Bedeutung abzuklopfen versteht, bis sie sich ergeben und gar nichts mehr zu bedeuten scheinen. Jeder kennt den Effekt: Wenn man ein Wort häufig hintereinander ausspricht, verliert sich der Bezug zu seiner Bedeutung. Plötzlich verschwindet es über die Grenze der Abstraktion und ist nur noch Klang.

R. lässt es nicht ganz soweit kommen. Er balanciert die Wörter auf der Abstraktionsgrenze aus. So erscheinen sie uns nur ein wenig fremd und wir können sie genauer betrachten. Bei dieser distanzierten Betrachtung der Wörter erhellen sich allmählich die Bedeutungstiefe und die Mehrdeutigkeit unserer Sprache, die den Wörtern und Worten im Alltagsgebrauch oft genug abhanden kommt.

Warum spreche ich eigentlich über Gedichte, die in dieser Ausstellung gar nicht zu finden sind?

Zum einen will ich neugierig auf die Texte machen, damit sie ihr Schachteldasein aufgeben können. Gleichzeitig habe ich versucht, ein künstlerisches Prinzip zu benennen, das ebenso typisch für sein bildnerisches Werk ist.

Auch die Zeichnungen - hier im Raum - siedeln auf der Grenze zur Abstraktion. Einige sind dem Abbildhaften näher, andere sind nur im Kontext ihrer Vorgänger und Nachkömmlinge zu verstehen; für sich genommen sind sie abstrakt. Doch wenn man das künstlerische Verfahren kennt, ist dieses Schwingen um die Abstraktionsgrenze herum plausibel. Alles hängt davon ab, wie lange sich R. L. einem Motiv widmet. Es gibt von ihm eine Serie von Zeichnungen aus Irland, die ich einmal auf einem Kalender abgedruckt habe. R. hatte übrigens nur grüne und schwarze Stifte mitgenommen. Denn er fuhr ja zur grünen Insel und wollte die Landschaften zeichnen. Was zunächst kurios anmutet, ist ein Akt der Selbstbeschränkung, - und in der Selbstbeschränkung kann sich bekanntlich erst die wahre Meisterschaft entfalten.

Das erste Bild der Reihe zeigt eine hügelige Landschaft. Doch Schritt für Schritt entfernen sich die Zeichnungen von diesem Vorbild. Die letzte Zeichnung weist allein Flächen und Linienkompositionen auf und lässt trotzdem noch die Stimmung der Landschaft erahnen.

Auf seinen zahlreichen Studienreisen ist R. offenbar immer so vorgegangen. Zuerst ist da der visuelle Eindruck. Andere zücken dann die Kamera und schießen rasch ein paar Erinnerungsbilder. R. nimmt sich Zeit und fragt die fremde Welt in aller Ruhe nach ihrer Struktur. Blatt für Blatt seines Skizzenblocks entfernt er sich weiter vom Bildmotiv. Auf diese Weise reduziert R.L. seine Eindrücke auf ein Gerüst sparsamer Linien.

Wer so vorgehen will, muss seiner Hand vertrauen, - er muss der Linie vertrauen und sie kraftvoll und selbstbewusst anlegen. Dieses Vertrauen in die sichere Hand zeigt sich in allen Zeichnungen. Und endlich dürfen wir einige davon in Ruhe betrachten. Sie sind vom Galeristen P. dankenswerter Weise achtsam gehängt und gut ins Licht gerückt.

Wenn später mehr Platz im Raum ist, sollten Sie sich einmal der Vorstellung einer Zugreise hingeben. Sie schauen mit ihrer linken emotionalen Seite in Fahrtrichtung zum Fenster hinaus und betrachten die Landschaften. Dabei sind Sie gefordert, denn der Künstler gibt nur die Matrix seiner schwungvollen Linien vor. Das Bild entsteht erst im Kopf des Betrachters. Man ahnt, was er gesehen hat und gleichzeitig vermittelt sich eine meisterhaft gesetzte künstlerische Struktur. Hier bestätigt sich der Ausspruch:
Was sich zuletzt erst erlernen lässt, ist Einfachheit.
Im Treppenhaus finden Sie zunächst Collagen und ganz oben eine weitere Serie von Zeichnungen. Die Collagen verraten die Nähe zu Kurt Schwitters. Wie Schwitters hebt R. verrottende Verpackungen vom Boden, sammelt Zettel und handliche Gegenstände auf und gibt ihnen einen neuen, künstlerischen Wert, indem er sie in Assemblagen und Collagen einarbeitet. Wir wissen ja nichts über ihn, weil „keiner und alle nichts wissen“, doch ich glaube nicht, dass er magische Ideen damit verknüpft – wie etwa Franz von Assisi, der jeden Zettel aufhob und verwahrte, weil der Name Gottes darauf stehen könnte, den niemand mit dem Fuß treten darf. Denn irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass auf einer alten Zigarettenpackung der Name Gottes verborgen ist.

Ich glaube, R. geht es um den Bildwitz; - Witz im alten Wortsinne, in dem auch Weisheit enthalten ist. In einigen Collagen zeigt sich das Vergängliche der Alltagskultur. Und es zeigt sich, dass die Kunst die Objekte des Alltag erheben und überhöhen kann, was ihr doch wieder etwas Religiöses gibt.

Bevor ich Sie an diesem Sonntagmittag in philosophisch unwägbares Gelände führe, gehen wir lieber gedanklich weiter nach oben. Dort hängt eine Serie von Zeichnungen, die in Griechenland entstanden ist. Die Zeichnungen sind von der griechischen Alphabetreihe inspiriert. Man kann sie trotzdem nicht der Kalligraphie zuordnen, denn die Buchstaben sind nicht geschrieben, sondern gezeichnet. Manche dieser Zeichnungen wirken wie beschriftete Kalkwände. Die Schriftzeichen sind Aufschrift oder Inschrift, also Graffito. Auch hier ging es dem Künstler um den Eigenwert der Form, nicht um ihren Bedeutungsgehalt. Vermutlich könnte kein Grieche die Texte entziffern, denn die Buchstaben sind rein ästhetisch angeordnet. Diese befremdlichen Schrifttafeln versetzen uns in die Lage des Archäologen, der sich mit einem unbekannten Zeichensystem konfrontiert sieht. Zum Glück müssen wir nichts davon entziffern. Es reicht der künstlerische Eindruck. Die heitere Ignoranz, mit der R. das griechische Alphabet seiner Bedeutung beraubt, hat für uns Betrachter etwas Entlastendes. Hier dürfen wir einfach schöne Bilder anschauen.

Da ich wie alle von keinem etwas weiß, enthalten meine Ausführungen nur meine Sicht der Bilder. Die Mehrfachbedeutung zeichnet ja gerade erst ein künstlerisches Werk aus. Trotzdem bin ich froh, dass ich zu diesen eindrucksvollen Arbeiten etwas sagen durfte und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Jetzt sollen die Bilder sprechen. Und falls Ihnen nach Erläuterung ist:

Der Künstler ist … da.


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