Schriftwelt im Abendrot

Wenn auch die Lotsen verwirrt sind

Abbilden

„Aber Bloggen! Wozu die Menschen heutzutage Zeit finden!“, schrieb mir unlängst Thomas Gsella, Chefredakteur der satirischen Zeitschrift Titanic. Man kann von den Kollegen der Presse nicht erwarten, dass sie das neue Publikationsmedium Weblog freudig begrüßen. Sie reden es lieber klein. Schließlich rauben Blogs den Printmedien nachhaltig und zunehmend die informelle Oberhoheit und bedrohen Arbeitsplätze in den Redaktionen. Bis etwa zur Jahrtausendwende schien die Welt des professionellen Journalismus noch in Ordnung. Ausschließlich Redaktionen sichteten Informationen, wählten aus der Fülle des Angebots, erschlossenen Themen, nahmen Stellung, setzten Trends und bestimmten die öffentliche Diskussion. Es schien stets genau soviel zu passieren, wie gerade in die Zeitung, in die Wochenzeitschrift oder in die Tagesschau passte.

Die freie Presse ist das wichtigste Kontrollorgan einer Demokratie. Die Alliierten haben nach 1945 ein kluges System erdacht, wie den Deutschen Demokratie und eine Idee von Meinungsfreiheit beizubringen wäre. Die Lizenzen für Zeitungsgründungen wurden so vergeben, dass sich in den jeweiligen Verbreitungsgebieten eine linksliberale und eine rechtskonservative Zeitung gegenüberstanden, zum Beispiel: Aachener Nachrichten (linksliberal) - Aachener Volkszeitung (rechtskonservativ), Kölner Stadtanzeiger (linksliberal) – Kölnische Rundschau (rechtskonservativ), Frankfurter Rundschau (linksliberal) – Frankfurter Allgemeine Zeitung (rechtskonservativ). Diese Ordnung brachte eine lebendige politische Diskussion und hat die Entwicklung unserer Demokratie entscheidend geprägt.

Inzwischen sind in unserer Zeitungslandschaft nur noch Reste dieser Struktur zu sehen. Mit dem Ende der Bleizeit in den 70er Jahren gerieten viele Zeitungen in wirtschaftliche Probleme, gegen die man sich mit Zusammenschlüssen half. So fusionierten Aachener Nachrichten und Aachener Volkszeitung, gingen auf in einem gemeinsamen Zeitungsverlag, der wiederum seit 2007 in Teilen der Mediengruppe Rheinische Post gehört. In Köln ging es ähnlich zu. Die Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg gibt seit 1999 zusätzlich zum linksliberalen Kölner Stadtanzeiger auch die konservative Kölnische Rundschau heraus. 2006 kaufte DuMont sich bei der angeschlagenen Frankfurter Rundschau ein. Diese Beispiele der bedenklichen Pressekonzentration in Deutschland lassen sich fortführen. Sie gehen mit einer inhaltlichen Nivellierung einher und kennzeichnen so den Abstieg eines stolzen und wichtigen Publikationsmediums.

Wer in der Buchkultur aufgewachsen ist und es sich leisten kann, nimmt noch allmorgendlich ein Zeitungsbad, wenn’s auch immer lauer wird, weil Journalisten zunehmend Rücksicht auf wirtschaftliche Zwänge nehmen. Den Kindern der Internetkultur ist die Zeitung zu lahm. Mit der überwältigenden Vielfalt der Internetangebote kann sie nicht konkurrieren. Dieser Autoritätsverlust der etablierten Medien ist nicht mehr umzukehren, solange das Internet besteht.

Der Medienphilosoph Vilém Flusser (* 12. Mai 1920 in Prag, † 27. November 1991) hat die Entwicklung schon Ende der 80er Jahre vorausgesehen. Er sah die Buchkultur im Abendrot versinken und eine „telematische“ Gesellschaft heraufziehen, deren wesentliches Merkmal die Entwertung der Schrift, die Aufwertung der Zahl und des technischen Bildes ist. Mit dem Entstehen der Internetkultur hat sich Flussers Idee konkretisiert. Sie hat Gestalt angenommen, obwohl sie gestaltlos ist, nulldimensional, wie Flusser sagt. In der von ihm beschriebenen telematischen Gesellschaft gibt es keine Autoritäten. Hier dominiert die Diskussion. Durch ihre Vernetzung lenkt die telematische Gesellschaft sich selbst, ist in Flussers Vorstellung ein „kosmisches Hirn“. Eine ähnlich positivistische Idee ist die der Schwarmintelligenz.

„Aber Bloggen“ - Gelegentlich fragt sich mancher Blogger, was er eigentlich macht. Wozu ist es gut, unentwegt Texte und Bilder zu publizieren, sollte man das nicht besser den Profis überlassen? Die Frage ist müßig, denn indem ein Medium zur Verfügung steht, wird es genutzt. Die Entscheidung des Einzelnen, ob er bloggt oder nicht, ist ohne Belang, solange die Zahl der Blogger weltweit zunimmt. Derzeit wissen viele Blogger noch nicht recht einzuschätzen, welches Werkzeug ihnen in die Hand gegeben wird. So geht es zu in den Anfängen eines Mediums, es gibt wenig Fachkenntnis, kaum Regeln und daher allgemeinen Wildwuchs. Ob sich hier tatsächlich etwas Ähnliches wie kollektive Intelligenz entwickelt, muss sich noch zeigen.

Das Internet hat unseren Alltag nachhaltig verändert. Es zeigt uns die ungeheure Komplexität der Welt und raubt uns die Begriffe. Und indem sich die Welt nicht mehr allein von Redaktionen gefiltert darbietet, reiben wir uns die Augen und erkennen, dass wir von allem, was wir sicher zu wissen glaubten, nur den Schein der Oberfläche kannten. Doch auch das Internet bietet nur Oberflächen, und schaut man dahinter, erscheint eine neue Oberfläche. Wir erkennen, dass ein jeder Gegenstand der Betrachtung einer Zwiebel gleicht, Schale über Schale. Das ist das Dilemma unserer globalisierten und überinformierten Welt. Niemand kann mehr alle Zusammenhänge überblicken oder gar begreifen. Das gilt auch für die einst so kundige Fährleute aus den Redaktionen. Und da selbst sie die Untiefen im Ozean der Informationen nicht mehr überblicken, verlegen sie sich zunehmend auf Meinungsmache, ein Trend, der sich in allen Zeitungen ablesen lässt. Die Stilformen der Zeitungen verwischen, viele Berichte, die einst nur die Information darbieten sollten, enthalten Meinungsanteile. In den 90ern hat die Frankfurter Rundschau ihre Leser noch typographisch auf solche Mischtexte aufmerksam gemacht. Man setzte die Überschrift kursiv, wenn der Bericht auch kommentierende Elemente enthielt. Diese typographische Achtungsbezeugung vor der Selbstbestimmung des Lesers wirkt zehn Jahre später nur noch altmodisch.

Die Fehlentwicklungen beim Printmedium bringen eine Abkopplung von Traditionen der Buchkultur. Damit beschleunigt es den eigenen Niedergang. Es liegt eben nicht nur an der Konkurrenz durch Blogs und anderen Erscheinungen des Internets, wenn unsere Zeitungslandschaft erodiert.

Flussers Idee der telematischen Gesellschaft ist eine Utopie. Und da sich Utopien nicht zu verwirklichen pflegen, dürfen wir auf das Entstehen von kollektiver Intelligenz nur hoffen. Vielleicht sind selbst Blogs eine vorübergehende Erscheinung, denn sie sind Zwitter, stehen mit einem Bein in der Buchkultur und tasten mit dem anderen in die Nulldimension des technischen Bildes. In diesem Sinne bilden sie auch eine Klammer und sorgen dafür, dass der Geist nicht gar so rasch im Internet-Orkus verschwindet. Man muss sich das Weltgeschehen als Rückkopplungsmodell vorstellen. Was an Information erzeugt wird, wirkt auf das Geschehen zurück und verändert es. So hat jeder, der sich eines Publikationsmediums bedient, seinen Anteil an der Gesamtentwicklung. Das ist ein guter Grund, eine Zeitung zu machen wie auch zu bloggen.

Universalie Hüpfekästchen

Himmel-und-HölleDu stehst auf einem Fuß, beugst dich nieder, hebst den Stein auf und hüpfst durch die Felder zurück. Dabei vermeidest du, auf eine Linie zu treten, sonst bist du raus. Vielleicht nennst du das Spiel Hickelkasten. Es hat viele Namen, denn es wird weltweit gespielt. Seine Herkunft ist dunkel. Möglicherweise geht Hickelkasten auf den antiken Mithraskult zurück, in dem es sieben Initiationsstufen gab.

Das Hüpfekästchenfeld
entdeckte ich vorgestern. Es ist die Botschaft aus einer versunkenen Zeit. Sie wurde über Jahrtausende hinweg getreulich von Kindern weitergegeben. Damit gehört sie zu den ältesten Informationen aus der Vergangenheit, die sich im Alltag finden lassen. Straßenspiele tauchen im Frühling auf. Vielleicht gehörte Hüpfekästchen anfangs zu einem Frühlingskult. Wir wissen nicht, welche Überlegung dem Feld und den Regeln zu Grunde lag. Doch es hat irgend etwas mit Aufbruch zu tun.

Du stehst vor dem Spielfeld, wo noch nichts ist. Dann wirfst du den Stein und hüpfst. Das heißt, du trittst ins Leben, bestimmst ein Ziel und versuchst es auf eine bestimmte Weise zu erreichen. Sie ist dir vorgeschrieben, denn im Spiel des Lebens gibt es Schwierigkeiten. Das Hüpfen auf einem Bein symbolisiert die Unwägbarkeiten. Man kann aus dem Gleichgewicht geraten und verbotene Grenzen übertreten. Bevor du hüpfen darfst, musst du einen Stein in die Zukunft werfen. Der Wurf muss gut gezielt sein. Er ist wie ein gut gewähltes Lebensziel. Das kannst du nicht in einem Sprung erreichen. Es sind viele kleine und sorgsam abgewogene Schritte erforderlich. Doch es winkt nach jedem erfolgreichen Werfen und Hüpfen eine Belohnung. Du darfst weiter voran, steigst auf und erreichst vielleicht den Olymp. Das obere Feld heißt bei uns Himmel. Wer es in den Himmel schafft, darf ausruhen. Dann muss er wieder zurück. So steht Hüpfekästchen als spielerisches Lehrbeispiel für den Jahreslauf, für das Auf und Ab des Lebens und die eigene Vervollkommnung.

Vierzig Sekunden Text

40-Sekunden-Text

Oje, mein armer Duden

Da-liegt-ein-DudenDer Duden auf der Fensterbank ist kein gutes Zeichen. (Ich weiß, dass meine ungeputzten Fenster auch ein schlechtes Zeichen sind, aber es geht um den Duden, verehrte Kunden.) Irgendwann habe ich damit hinterm Fenster gestanden, um ein orthographisches Rätsel bei Lichte zu besehen. Seither liegt das Buch dort, was gar nicht gut ist. Zuvor hatte auf der Fensterbank ein Buch von Bastian Sick gelegen. Und weil’s ein schlechter Kauf war, diente es mir als Abstandshalter, das heißt, ich habe den Titel: „Der Dativ ist schon wieder dem Genitiv sein Tod“ oder so ähnlich vor dem Schlafengehen ins offene Fenster geklemmt, damit’s beim Lüften nicht zufällt. Seit geraumer Zeit ist Sicks (hehe) Buch verschwunden, worüber ich eigentlich recht froh bin. Allerdings klemme ich offenbar derzeit den Duden ins Fenster, und das ist nicht einem pseudoreligiösen Überwindungsgedanken geschuldet, sondern einfach ein schlechtes Zeichen.

Früher wäre mir
nie in den Sinn gekommen, einen Duden so schmählich als Abstandshalter zu missbrauchen. Dazu diente ja Sicks albernes Schulmeisterlatein. Die Entwicklung der Dudenorthographie war viele Jahre eines meiner Studienobjekte. Deshalb besitze ich vom Rechtschreibduden 27 Ausgaben. Woher kommt also diese neue Gleichgültigkeit? Selbst ein unerschütterlicher Optimist kann sich ausmalen, dass der Duden unter der allabendlichen Fensterklemme aus dem Leim gehen wird. Dann wird’s keine Freude sein nachzuschlagen, wie ich zum Beispiel Teichoskopie schreiben soll. Der Link zu Wikipedia zeigt einen Grund, weshalb mir der Duden beinah gleichgültig geworden ist. Meist geht es schneller, im Internet nachzuschauen und dann einen Link zu setzen statt einer Erklärung. Freilich ist das Internet mit Vorsicht zu genießen, weil dort viele Fehler kursieren, wie das Beispiel des dreihufigen Urpferds zeigt. Das habe ich zwar nicht erfunden, doch ich besitze darauf das Internetmonopol.

dreihufiges-Urpferd

Trotz meiner
Bedenken schaue ich immer öfter im Internet bei Wikipedia nach als in einem Wörterbuch. Offenbar machen es viele so, weshalb der Verlag Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG. jüngst den gedruckten Brockhaus aufgegeben hat und Neubearbeitungen nur noch im Internet veröffentlichen will. Der Duden wird ebenfalls vom Bibliographischen Institut herausgeben. Eventuell droht ihm ein ähnliches Schicksal. Gedruckte Nachschlagwerke wie Brockhaus und Duden sind zu langsam, werden für unsere schnellebige Zeit zu selten aktualisiert. Die Duden-Neuauflagen erscheinen zwar im Abstand weniger Jahre. Doch wenn dazwischen in der Alltagssprache neue Wörter auftauchen, werden sie von der Dudenredaktion vorerst nur mit Anwendungsbeispielen registriert. Dann kreisen sie in der Warteschleife, um irgendwann in der Neuauflage zu landen. Für Wörter in der Warteschleife herrscht Anarchie, soweit sie orthographische Varianten zulassen. Die Dudenredaktion soll sich übrigens hinsichtlich der Schreibweise eines Wortes an der Gemeinschaft der kompetenten Sprecher und Schreiber orientieren und zusätzlich die amtlichen Regeln anwenden, was nicht immer so getreulich geschehen ist.
Oft hat die jeweilige Dudenredaktion höchst eigenmächtig gehandelt. So war sie besonders in den Auflagen 14 bis 16 von einem kapitalen Teufel des Mutwillens geritten und hat eindeutschende Schreibweisen festgelegt, nach denen niemand gefragt hatte: „Rutine“ (Routine), „Schef“ (Chef) oder „Kontainer“ (Container), um nur einige zu nennen.

Immerhin garantierte der
Duden eine gewisse Kontinuität in der Orthographie, solange er allein amtliche Geltung hatte und „maßgebend in allen Zweifelsfällen“ war. Mit der jüngsten Orthographie-Reform hat der Duden dieses Monopol verloren. Auch andere Verlage dürfen jetzt die Schreibweisen aus den amtlichen Regeln ableiten und im Zweifelsfall interpretieren. Daher weichen die Wörterbücher voneinander ab. Konrad Duden wollte einst das deutsche Kaiserreich von seiner „buntscheckigen Rechtschreibung“ befreien. Bis 1903 hatte jede große Druckerei ihre eigene Hausorthographie. Das gleiche galt für viele Schulen. Daher wurde Duden von Otto von Bismarck beauftragt, das orthographische Chaos zu regeln, womit auch der staatliche Zusammenhalt gefördert werden sollte. Die von Duden und den Buchdruckereiverbänden geschaffene Ordnung bestand gut hundert Jahre. Nun ist die deutsche Orthographie erneut buntscheckig, denn wegen der Verwirrung um die Orthographiereform haben alle Verlage sich wieder eine Hausorthographie zugelegt. Auch die Presseagenturen sahen sich genötigt, eigene Schreibregelungen einzuführen. Im schreibenden Volk kursieren derweil witzige Missverständnisse, zum Beispiel das Doppel-s nach Diphthong, man schreibt fälschlich „Viele Grüsse“ (Grüße), "ausser" (außer) oder „heissen“ (heißen). Andererseits ist mit dem Internet eine Demokratisierung der Orthographie eingetreten. So haben Blogger sich Gedanken gemacht, ob es das Blog oder der Blog heißt. Man sieht beides, und das ist erfreulich tolerant. Verschiedene Schreibweisen gelten zu lassen, tut der Schriftsprache gut. Zu rigide Regeln hemmen die Sprachentwicklung.

All das hat meine Einstellung zum derzeitigen Duden verändert. Da ich jedoch zugeben muss, dass das Blättern in einem Buch wie auch das satte Geräusch beim Zuklappen etwas ganz wunderbar Edles hat, muss ich hiermit eingestehen, dass der Missbrauch des Dudens als Abstandshalter ganz und gar verwerflich ist, wie gut die Gründe auch sein mögen, die ich oben angeführt habe. Wo ist bloß dem Sick sein Buch?

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Zeitalter der schreibenden Affen

Keine-Angst-vor-Dunckelheit

Internetexperten sind Internetexperten, wobei zu bezweifeln ist, dass derzeit jemand das Phänomen Internet mit all seinen Erscheinungen auch nur annähernd überblickt oder sogar begreift. Wenn Internetexperten sich zu ihrem Medium äußern, neigen sie zur spekulativen Pauschalisierung, eben weil das Phänomen Internet kaum überschaubar ist. Das ist eigentlich ungeschickte Wissenschaft, nicht weit entfernt vom Kaffeesatzlesen. Oft sind Internetexperten so genannte Pioniere des Internets. Das bedeutet, ihr Expertentum haben sie aus der Praxis und der Reflektion dieser Praxis gewonnen, was natürlich ein eingeschränktes Blickfeld mit sich bringt.

Ein solcher Internexperte ist der Engländer Andrew Keen. Er hat ein provokantes Buch über das Internet geschrieben, worin er unter anderem sagt, das Internet sei gefährlich, denn es schaffe die Wächterfunktion der Medien ab, womit er wohl Medien wie Wochenschau, Radio und Fernsehen sowie Buch und Zeitung/Zeitschrift meint. Dabei geht er davon aus, dass in den Redaktionen dieser Medien Menschen mit Sachverstand sitzen, die die Informationen sichten und bewerten, bevor sie sie aufbereiten und verbreiten. Blogger vergleicht er mit Affen, die nicht nur unfähig sind, die Informationen aus dem Internet kritisch zu werten. Sie umgehen auch noch diese Wächterfunktion „der Medien“ und verbreiten „eine Kakophonie von Inhalten“, wie Keen in einem Interview mit dem Tagesspiegel sagt. Und weiter: „Natürlich glaube ich nicht wirklich, dass Blogger Affen sind. Ich erkenne an, dass von 70 Millionen Bloggern ein paar Tausend wirklich etwas zu sagen haben, diese Meinung aber aus welchen Gründen auch immer nicht über herkömmliche Medien verbreiten.“ Die anderen sind nach seiner Ansicht „Medienanalphabeten“, vor allem, wenn sie der YouTube-Generation entstammen. Und weiter sagt er: „Die Blogosphäre ist kein besonders effektives Medium, um qualitativ hochwertige Inhalte hervorzubringen oder neue Talente zu fördern.“, … weil die Inhalte nicht bezahlt würden.

Keens kulturpessimistische Ausführungen wirken schlüssig, denn wer sich in der Blogosphäre bewegt, kann seine Aussagen bestätig finden. Doch eigentlich betrachtet hier ein Experte des Internets sein Medium aus der Froschperspektive. Zu den Kinderkrankheiten des Internets finden sich Parallelen bei den Medien in der Vergangenheit. Bezieht man sie in die Betrachtung ein, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Das will ich hier skizzieren.

handschrift02Jedes neue Medium wird in seiner Entstehungszeit mit Misstrauen beäugt. Das beginnt bereits bei der Schrift selbst: Im Dialog des Sokrates mit Phaidros lässt Platon Sokrates sagen, Gott Theuth habe dem ägyptischen König Thamus die Schrift gezeigt und gesagt: „(…) diese Kenntnis wird die Ägypter weiser machen und ihr Gedächtnis stärken; denn als Gedächtnis- und Weisheits-Elixier ist sie erfunden." Der aber erwiderte: „O meisterhafter Techniker Theuth! Der eine hat die Fähigkeit, technische Kunstfertigkeiten zu erfinden, doch ein andrer, das Urteil zu fällen, welchen Schaden oder Nutzen sie denen bringen, die sie gebrauchen sollen. Auch du, als Vater der Schrift, hast nun aus Zuneigung das Gegenteil dessen angegeben, was sie vermag. Denn sie wird Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, - aus Vertrauen auf die Schrift werden sie von außen durch fremde Gebilde, nicht von innen aus Eigenem sich erinnern lassen. Also nicht für das Gedächtnis, sondern für das Wieder-Erinnern hast du ein Elixier erfunden. Von der Weisheit aber verabreichst du den Zöglingen nur den Schein, nicht die Wahrheit; denn vielkundig geworden ohne Belehrung werden sie einsichtsreich zu sein scheinen, während sie großenteils einsichtslos sich und schwierig im Umgang, - zu Schein-Weisen geworden statt zu Weisen."

Und weiter sagt Sokrates:
„Denn diese Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht. Und wird sie beleidigt oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe; denn selbst ist sie weder sich zu schützen noch helfen imstande.
(Phaidros 274c-278b)

Dass die Schrift das
Gedächtnis schwächt und die zu übermittelnden Weisheiten unsinnlich und unabhängig von Sprecher und Hörer verbreitet, so dass die Inhalte sich verselbstständigen, nicht begriffen, falsch verstanden oder fehl interpretiert werden können, ist eine noch heute gültige Kritik. Die Schrift hat viele Schein-Weise im Sinne Platons hervorgebracht und wird dies weiterhin verursachen. Die Kritik ist aber, das muss man einwenden, handschriftlich übermittelt, also vom kritisierten Medium selbst durch die Zeit transportiert worden. Trotz der von Platon aufgezeigten Schwächen löste das neue Medium Schrift die Mündlichkeit ab, veränderte Denken und Handeln der Menschen und prägte Kulturen. Diese Schriftkulturen messen dem Medium hohe Bedeutung zu, was sich besonders bei den Schriftreligionen zeigt. Und gleichzeitig sinkt die Wertschätzung des vorangegangenen Mediums, der Mündlichkeit. Ein Wort gilt weniger als ein handschriftlicher Vertrag. Die schriftliche Vereinbarung ist die Urkunde (im Sinne der ersten Kunde), nicht das Gesagte.

Die Kritik an der Schrift, die ja ursprünglich Handschrift ist, wird abgelöst von einer Kritik des gedruckten Buches. Vespasiano da Bistici berichtet vom Herzog von Urbino (+ 1482), dass er die kostbaren Handschriften in seiner Bibliothek nur mit weißen Handschuhen berührte und kein gedrucktes Buch in seiner Sammlung duldete. Er hätte sich dessen geschämt. So verwundert es nicht, dass die frühen Drucker ihren Büchern den Anschein gaben, sie wären mit der Hand geschrieben. Bereits Gutenberg hatte sich die Schrifttypen für die 42-zeilige Bibel von dem Kalligraphen Peter Schöffer gestalten lassen. Gedruckte Bücher galten noch lange Zeit als Werke, die nicht mit erlaubten Mitteln hervorgebracht waren. Buchdruck hatte den Ruch, Teufelswerk zu sein.

Dieses Misstrauen
entstand aus der für damalige Verhältnisse erstaunlichen Tatsache, dass sich mit Hilfe des Buchdrucks identische Kopien eines Originals herstellen ließen. Denn handschriftliche Abschriften waren Unikate und wurden als solche geachtet. Doch diese Unikate waren voller Fehler, unabsichtlichen und vor allem absichtlichen. Der Historiker Horst Fuhrmann nennt das Mittelalter „Zeit der Fälschungen“. Noch traute man vielerorts auch dem Buchdruck nicht. So schreibt Bischof Heinrich von Ahlsberg im Vorwort des Regensburger Messbuchs von 1485, er habe das Werk nach dem Druck prüfen lassen; dabei habe sich ergeben, dass die Drucke übereinstimmten. In Freising wurden fünf Männern dafür bezahlt, 400 Exemplare eines neu gedruckten Messbuches zu vergleichen, wobei sie entdeckten, dass alle Messbücher denselben Wortlaut enthielten.

Eine interessante Parallele aus der Frühzeit des Buchdrucks zu heutigen Internet-Weblogs ist das Fehlen eines Impressums auf Flugblättern (den Vorläufern der Zeitungen) und in vielen Büchern, denn es gab lange Zeit keine Pressefreiheit im heutigen Sinne, so dass sich die Drucker bei kritischen Inhalten tarnen mussten. Der Verleger und Typograf Johann Gottlob Immanuel Breitkopf (1719-1794) schreibt „In Frankreich that noch 1789 der Minister Calonne dem Könige Ludewig den XVI. den Vorschlag, die Pressfreiheit unter der Bedingung zu erlauben, wenn der Verfasser seinen Namen auf dem Titel angaebe, oder sich wenigstens der Drucker nennte, um einen von beyden noethigen Falls zur Verantwortung bringen zu koennen.“

Aus Selbstschutz tarnen sich viele der heutigen Internetuser. Denn es ist unzweifelhaft peinlich, im Internet eigene Worte oder Bilder zu finden, die man sich besser verkniffen hätte. Das werden jene User noch stärker erleben, die sich derzeit arglos offen auf Plattformen wie Facebook oder studiVZ tummeln. Wenn die Zeit darüber gegangen ist, wenn man sich selbst verändert hat, mag man sich nicht gerne konfrontieren mit einem Selbstbild der Unbedarftheit. Veröffentlichungen im Internet sind noch lange vorhanden und fallen zu beliebigen Zeiten auf ihre Urheber zurück.

Doch es geht nicht nur um Peinlichkeiten. Das zukünftige Web wird viel stärker der sozialen Kontrolle unterworfen sein als das derzeitige Internet. Wer sich zum Beispiel darin gefällt, seine Mitmenschen im Internet zu schmähen und zu beleidigen, wird in Zukunft keinen Arbeitgeber mehr finden, denn wer will sich eine Gift spritzende Persönlichkeit mit asozialen Neigungen ins Haus holen, scheinbar weise und schwierig im Umgang. Hier ergibt sich eine neue Herausforderung für die schulische Mediendidaktik, damit nachfolgende Generationen sich im Internet vorsichtiger, klüger und sozialer verhalten. Und es gilt auch zu vermitteln, medialen Informationen grundsätzlich zu misstrauen, nicht nur denen aus dem Internet.

FleißkärtchenZurück zum Buchdruck. Das gedruckte Wort erfuhr in der Folge eine enorme Aufwertung und verdrängte die Geltung der Handschrift wie die Handschrift das gesprochene Wort verdrängt hat. Handschriften stammten von einer Hand. Bücher und Zeitungen wurden von vielen Händen gemacht, von Menschen, die sich auf bestimmte Bereiche spezialisiert hatten. Autor, Lektor oder Redakteur, Setzer, Korrektor, Drucker, - sie alle standen hinter einem Werk oder hinter einer Zeitung. Dazu bedienten sie sich aufwendiger Technik, die allen anderen nicht zur Verfügung stand. Daraus bezog das gedruckte Wort seine Macht, die noch heute andauert, jedoch im Schwinden begriffen ist. Denn mit Computer und Internet kehrt alles in eine Hand zurück.

Und in der
Regel ist auch nur ein Kopf am Werk. Doch wer glaubt, dass Rundfunk, Fernsehen, Printmedien deshalb grundsätzlich verlässlicher sind, der irrt. Sie alle sind abhängig von gesellschaftlichen Umständen und politischen Vorgaben. In Diktaturen ist die Presse Verlautbarungsorgan, in Ländern mit Pressefreiheit diktiert die Wirtschaftlichkeit die Ausrichtung. Wirtschaftlichkeit hängt von Anzeigenaufkommen, Auflagenhöhe oder Einschaltquoten ab. Um sie zu steigern, schrecken manche Redaktionen nicht davor zurück, die niedrigsten menschlichen Neigungen zu befriedigen. Es gibt gewissenlose Schmocks in Redaktionen und es gibt Schmockzeitungen sowie Schmocksender. Selbst in seriösen Redaktionen werden Informationen journalistisch gefällig frisiert. Und keine Redaktion erlaubt es sich, einen großen Anzeigenkunden zu verprellen, indem sie allzu kritisch über ihn berichtet.

Durch das Internet
ist eine Gegenöffentlichkeit entstanden, und diese Gegenöffentlichkeit ist nicht durch Redaktionen kontrolliert. Die Gefahren dieser Entwicklung liegen offen auf der Hand. Sie werden von allen Skeptikern herausgestellt. Doch wo liegen die Chancen? Wir haben schlaglichtartig gesehen, dass Medien einander in der Geltung ablösen. Dabei gehen einige der spezifischen Stärken der abgelösten Medien verloren. Es ist das Opfer, das erbracht werden muss, denn die Entwicklung neuer Medien hat eine Eigendynamik und ist auch durch Kritiker nicht aufzuhalten, selbst wenn sie sich weiße Handschuhe anziehen wie der Herzog von Urbino. Doch jedes neue Medium hat auch eigene Qualitäten, die den anderen Medien fehlen. Worin liegen die neuen Qualitäten von Weblogs?

Dass eine Horde von Affen durch bloßes Herumhämmern auf der Tastatur alle Literatur der Welt hervorbringen kann, wenn man sie nur lange genug gewähren lässt, ist ein alter Witz und gleichzeitig eine rechnerische Tatsache. Stehen wir nun am Beginn dieses Experiments? Seit Jahrzehnten bemüht sich die Deutschdidaktik um reale Schreibanlässe. Schüler sollen Tagebuch schreiben, Brieffreundschaften eingehen, eine Klassenzeitung machen und dergleichen. Und wenn die realen Schreibanlässe fehlen, schreiben Schüler Aufsätze. Warum? Wer außer Lehrer und Verwandten will das lesen? Schreiben holt die Gedanken aus ihren natürlichen Kreisen und bringt sie in Sätze und logische Abfolgen. Schreiben zwingt dazu, eine Sache zu Ende zu denken und schult somit das Denken. Schreiben zwingt zum Hinterfragen und trainiert die Beobachtung. Schreiben ist ein kreativ-spielerischer und schöpferischer Prozess. Wer für Leser schreibt, muss sich Wissen aneignen. Und was geschrieben ist, lässt sich nachträglich auf seine Gültigkeit überprüfen. Das Schreiben mit einer technischen Schrift ist zudem eine Form der Objektivierung. Das Geschriebene hat eine überindividuelle äußere Form, ist dem Schreiber dadurch entfremdet und daher auch für ihn leichter zu beurteilen. Das schützt ein wenig vor einem Fehlurteil aus Zuneigung, dem auch Gott Theuth unterlag, als er die Schrift erfand.

Wer Texte im
Internet veröffentlicht, entwickelt seine Fähigkeit zu schreiben und profitiert von den geschilderten Effekten. Daher wird sich sein Schreiben auch verändern. Er wird ein Bewusstsein von Qualität entwickeln, wird sich an verschiedene journalistische Formen heranwagen, kurzum, er wird lernen, sich auszudrücken und zwar so, dass ihn andere verstehen und gerne bei ihm lesen. Jedermann sein eigner Redakteur. Eine andere Zensur findet nicht statt.

Ein weiterer Vorzug dieses
Mediums lindert einige der Mängel, die Platon der Schrift anlastet. In einem Blog schwirrt die Schrift nicht losgelöst von ihrem Erzeuger umher. Schreiben im Internet ist interaktiv. Der Autor ist eine Weile da und kann zu seinen Worten befragt werden, man kann sich ob des Verständnisses bei ihm rückversichern, kann ihn bestätigen, korrigieren, ihn auf Aspekte hinweisen, die er nicht bedacht hatte, man kann mit ihm plaudern. Das alles sind Elemente der Mündlichkeit. Dieses wundersame Medium vereint Herz, Hand und Verstand und trägt daher fast alle Vorzüge der Medien in sich, die es beerbt hat. Man muss den schreibenden Affen nur Zeit lassen, sich in seinem Gebrauch zu üben.

Geh mir weg mit Knut und Koch - Von den leisen Tönen der Gemeinsamkeit

BabylonImmer öfter habe ich nicht die geringste Lust, mich mit dem Tagesgeschehen zu beschäftigen, wie es in den Medien gleich welcher Art gespiegelt wird. Die Darstellungen unserer Welt in den Medien sind im hohen Maße selbstreferentiell, das heißt, die Medienmacher beschäftigen sich mit Themen, die sie selbst erzeugt haben. Ob eine Sache aus sich selbst heraus geschieht oder ob sie geschieht, damit oder weil in den Medien darüber berichtet wird, lässt sich daher nicht mehr feststellen.

6,6 Milliarden Menschen leben auf der Erde. 6,6 Milliarden Schicksale, 6,6 Milliarden Weltsichten, 6,6 Milliarden Menschen leben ihren Alltag, ein jeder handelt und wird behandelt, und aus diesen Ereignissen und Abläufen entsteht Information, vorausgesetzt, sie wird von anderen aufgenommen, gesichtet und gewertet.

Wären die Kulturen der Menschen allesamt schriftlos, würden die meisten der mündlichen Informationen nur eine kurze Zeit überdauern. Nur die wirklich ungewöhnlichen Informationen, solche von großer Tragweite, würden ins kulturelle Gedächtnis überführt. Dazu würden sie in gebundener Sprache festgehalten, würden ihren Einzug halten in die Lieder und Gesänge der jeweiligen Kultur. In den Liedern würde sich ein Ideal dieser Kultur manifestieren, was wiederum zurückwirkt auf jedes einzelne Mitglied der Kulturgemeinschaft. Die Lieder würden an Feuern gesungen. Man sitzt dicht beieinander, einer singt, die anderen schwingen mit. So ist das Lied in ein gemeinsames Erleben eingebettet, und jede Wiederholung des Gesangs ist eine Aktualisierung der im Lied geschilderten Geschehnisse. Auf diese Weise wird die gemeinsame Vergangenheit in die Gegenwart der Gemeinschaft und jedes einzelnen Mitglieds geholt. Und so hätte ein jeder das Bewusstsein einer kulturellen Identität. Wir sind wir und man tut dies und tut das nicht. Gemeinsame kulturelle Vorstellungen stärken den Zusammenhalt einer Gesellschaft, und dieser Zusammenhalt macht sie effektiv, wovon im Idealfall alle profitieren.

Die Menschheit kennt die Schrift, und aus dieser Kenntnis heraus haben sich Medienkulturen herausgebildet. Medien verbreiten die Informationen weit über die Rufweite hinaus. Aus diese Weise entsteht ein vielstimmiges Chaos der widerstreitenden Informationen. Wo viele Stimmen um Aufmerksamkeit buhlen, sind Strategien erforderlich, eine Information für viele attraktiv zu machen. Und indem diese Strategien immer ausgefeilter werden, ist nicht die Wichtigkeit einer Information ausschlaggebend für ihre gezielte Verbreitung. Viel wichtiger ist, ob eine Information Medienwirksamkeit verspricht. Es gibt eine einfache Faustregel für die Einschätzung von Medien. Je lauter sie posaunen, desto unwichtiger ist die Botschaft. Was kann man tun? Wir sitzen nicht mehr in Sippen beim Feuer beisammen und tauschen Informationen aus. Die Orientierung, die eine Sippe bietet, ist uns nicht mehr vergönnt.

Jacob Grimm schreibt im Vorwort zum Deutschen Wörterbuch, wie er sich die spätere Wörterbuchnutzung vorstellt. Dass nämlich der Hausvater abends im Kreis der Familie das Wörterbuch aufschlägt, um ein Wort „auszuheben“, auf dass die Hausgemeinschaft gemeinsam etwas über ihre sprache lernen möge.
„warum soll nicht der vater ein paar wörter ausheben und sie abends mit dem knaben durchgehend zugleich ihre sprachgabe prüfen und die eigne anfrischen? die mutter würde gern zuhören. frauen, mit ihrem gesunden mutterwitz und im gedächtnis gute sprüche bewahrend, tragen oft wahre begierde ihr unverdorbnes sprachgefühl zu üben, vor die kisten und kasten zu treten, aus denen wie gefaltete leinwand lautere wörter ihnen entgegenquellen.“

Grimms Vorstellung ist
durchaus romantisch. Diese spezielle Wörterbuchbenutzung macht aus dem entpersonalisierten gedruckten Wort wieder gemeinschaftliche Sprachlaute. Das ist nicht nur Austausch kultureller Information, sondern gleichzeitig wahrhaftiges soziales Geräusch, nämlich ein leiser Ton der Gemeinsamkeit. Die Welt der leisen Töne scheint auf immer verloren. Halblaut wäre ja noch zu ertragen, aber dieses ständige Mediengetöse all überall. Meine Herren. Es gilt, wieder mehr auf die Geschehnisse im Alltag zu achten, eine Archäologie des Alltags zu betreiben, und das aus subjektiver Sicht des unmittelbar Erlebten. Mit den Weblogs haben wir ein einzigartiges Medium dazu. Denn obschon es schriftlich funktioniert, trägt es Elemente des Mündlichen. Über die Kommentarfunktion ist ein Dialog möglich zwischen dem, der Informationen in die Welt setzt und jenem, der sie aufnimmt, transformiert und auf seine je subjektive Weise spiegelt. Auf diese Weise können Blogs digitale Herdfeuer sein und eine anfrischende Identität derer stiften, die sich einer kulturellen Geisteshaltung des Gemeinsinns verpflichtet fühlen.

Zwei Zettel vom Bürgersteig (2)

Referat MMIZettel (2) fand ich unweit von Zettel (1), und zwar am selben Tag auf der Aachener Jakobstraße. Links unten hat der Zettel eine Chiffre, die darauf schließen lässt, dass der Zettel von D stammt und an S weitergegeben werden soll. Der handschriftliche Text ist die Gliederung eines Referats zum Thema: Computer als Werkzeug. Unter dem Thema stehen die dem Referat zugrunde liegende Literatur und die Namen von drei Autoren, Züllinghoven, Reinhard Budde und Carola Lilienthal. Es folgt eine Vierpunkte-Gliederung von a) bis d). Unter a) sollen Werkzeug- und Maschinenbegriff geklärt werden, b) behandelt offenbar die Handhabung des Werkzeugs in Auseinandersetzung mit Material, c) stellt Werkzeug und Maschine vergleichend gegenüber. Die Schlussfrage, d), lautet: „Was hat das alles für Auswirkungen auf die SW-Entwicklung und MMI“ SW meint Software, mit MMI ist die Mensch-Maschine-Interaktion gemeint.

Erhebt sich die Frage, was denn „das alles“ genau ist. Ist es ein wichtiger Unterschied, ob man einen Computer als Werkzeug begreift oder als eine Maschine? Wenn ich meinen Laptop nehme und damit nach einem Kaninchen werfe, um es zu erlegen, benutze ich ihn eindeutig als Werkzeug, nämlich zur effektiven Ausnutzung meiner Körperkräfte durch ein Gerät. Es hängt dann ab von meiner Kraft, meiner Geschicklichkeit, den Flugeigenschaften meines Laptops und vom Verhalten des Kaninchens, ob ich erfolgreich bin und mir am Abend ein Kaninchen braten kann oder nicht. Angenommen, ich hätte das Kaninchen nicht getroffen, dann könnte niemand mit Genauigkeit sagen, woran es gelegen hat. Die Einflussgrößen erschließen sich nicht, denn die Welt ist zu komplex, als dass man eine zuverlässige Beschreibung eines Vorgangs geben könnte. Die Wahrheit lässt sich nur annähernd erschließen, niemals jedoch restlos.

Ein Programmierer schreibt ein Computerprogramm, in dem man mit Laptops nach Kaninchen werfen kann. Die Grundlagen des Programms sind Mathematik und Logik sowie eine Programmiersprache, die auf den Regeln von Mathematik und Logik beruht. Mit Hilfe der Programmiersprache entwirft der Programmierer eine grafische Welt, in der auf bestimmte Weise die Formen von Kaninchen auftauchen. Dem Nutzer dieser Welt verleiht der Programmierer Einflussmöglichkeiten. Er kann über Maus oder Tastatur einen Effekt auslösen, der die bewegte Grafik eines Laptops aufruft. In einem Kollisionsregister wird abgefragt, ob sich Laptop und Kaninchen berührt haben, worauf eine Unterroutine dieses Ereignis grafisch darstellt. Wenn nun der Benutzer mit einem Mausklick einen Laptop Richtung Kaninchen schickt, dann ließe sich mathematisch genau nachvollziehen, warum er getroffen hat oder nicht, denn das Ereignis auf dem Computerbildschirm geschieht innerhalb streng definierter Bedingungen. Ein Computerprogramm ist eine virtuelle Maschine, und eine Maschine arbeitet nach genau festgelegten Regeln. Alles was in diesen Regeln und Routinen nicht berücksichtigt ist, existiert nicht.

Die Maschine legt den Menschen auf ihre Regeln fest und lässt ihm nur einen streng definierten Gestaltungsspielraum. Ist die Maschine so komplex wie ein Computer, kann sie beim Nutzer die Illusion erzeugen, der Gestaltungsspielraum sei unendlich, woraus sich ein trügerisches Vertrauen in die Technik entwickelt, eine Gleichsetzung der Maschinenwelt mit der realen Welt.

Es ist also ein großer Unterschied, ob man den Computer als Werkzeug benutzt oder als Maschine. Der Maschinenwelt fehlen wesentliche Elemente des menschlichen Daseins, das Unwägbare sowie Ethik und Moral. Logik kommt ohne sie aus. Die Mensch-Maschine-Interaktion darf nicht nur darauf angelegt sein, dass der Mensch sich den logischen Bedingungen der Maschine anpasst. Indem der Mensch viele seiner Handlungen und Entscheidungen von Maschinenregeln anhängig macht, ja die gesellschaftlichen Vorgänge überhaupt zunehmend diesen Regeln unterwirft, macht er sein Leben unwirtlich und hart. Eine allein nach logischen Erwägungen organisierte Gesellschaft würde die Wahlmöglichkeiten ihrer Mitglieder immens einschränken, sie völlig abhängig machen und somit ihrer Menschlichkeit berauben. Es lohnt sich, darüber nachzudenken oder gar ein Referat darüber zu schreiben.

Zwei Zettel vom Bürgersteig (1)

mein Freund und ich
Zettel (1) fand ich gestern auf dem Bürgersteig. Der handschriftliche Text ist in deutscher Sprache verfasst. Es ist eine Kontaktanfrage an einen Unbekannten, der einen ausgebauten Transporter besitzt. Handschrift und Inhalt lassen auf eine junge Frau schließen. Sie hat auf den gedrehten Abriss eines Geschäftsbriefes geschrieben. Dieser Text ist niederländisch und von einem „Voorzitter“ (Vorsitzender) unterschrieben, der den seltsamen Namen Bas Eenhoorn trägt. Der voorzitter schreibt offenbar über eine Marketingstrategie. Der letzte Satz des Briefes lautet: „Om te zorgen dat de consument steeds bewuster gaat kiezen voor dé specialist in beweging!“. Das bedeutet frei übersetzt: Um dafür zu sorgen, dass der Konsument immer bewusster DEN Spezialisten für Bewegung wählt. Was ist ein „specialist in beweging“? Ein bewegter Spezialist? Die Eingabe von „specialist in beweging“ bei Google ergibt als ersten Link:

„Bewegung“ ist also buchstäblich und übertragen zu verstehen. Der Bewegungsspezialist will potentielle Konsumenten zu sich bewegen, damit er ihre Gliedmaßen bewegen kann. Leider enthüllt der Abschnitt nicht, mit welcher Werbestrategie das Unternehmen den Konsumenten für sich gewinnen will, auf dass er „bewusst“ das Angebot des vorzitters wählt. Führt Werbung zu bewussten Wahlentscheidungen? Es kann ein Nebeneffekt von Werbung sein, doch eigentlich zielt sie ja auf das Unbewusste des Konsumenten, soll dort ziehen und zerren, wo er sich nicht wehren kann. Was der Vorsitzende „bewusste Wahl“ nennt, ist ein Euphemismus für „beeinflusste Wahl“.

Es besteht ein ulkiges Bindeglied zwischen dem getippten Brief und dem handgeschriebenen Zettel, nämlich dort, wo der vorzitter unterschrieben hat. Hier treffen zwei Handschriften aufeinander. Die Frau hat geschrieben: „Mein Name ist“ und dahinter steht auf dem Kopf "Bas Eenhorn", denn Dorit, die Verfasserin des Zettels, hat sich nicht getraut, ihn zu streichen oder zu überschreiben. Er hatte schließlich das Erstlingsrecht auf dem Papier.

Der Zettel offenbart zwei unterschiedliche Lebenswelten. Trotzdem haben sie mehr als das Papier gemeinsam. In beiden Botschaften geht es um Spezialwissen zum Thema Bewegung. Wir leben halt in einer bewegten Zeit, und wer mitschwimmen will im großen Strom, muss sich auch bewegen, wird gezogen, gezerrt, geschoben oder geschubst. Deshalb ist es der größte Luxus, sich allein aus eigenem Antrieb bewegen zu dürfen.

Teestunde (8) - Willfährige Frauen tippen besser

Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen unterschiedlich lange Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags.
Heute: Schreibmaschine und Universaltastatur
Schriftwelt im Abendrot
Wer das 10-Finger-System nicht beherrscht, will gerne glauben, die seltsame Anordnung der Tastatur habe etwas mit der Buchstabenhäufigkeit oder den besonderen Finessen des 10-Finger-Schreibens zu tun. Tatsächlich gibt es aus den Anfängen der Schreibmaschinentechnik verschiedene Anordnungen, die dem Bau der Hand und der Buchstabenhäufigkeit in den jeweiligen Sprachen entsprechen (Ergonomische Tastatur bzw. Idealtastatur).

Durchgesetzt hat sich jedoch ein anderes Prinzip. Die heutige Tastaturanordnung geht auf die Universaltastatur des Waffenherstellers Philo Remington zurück. Dessen erste Schreibmaschinenserie hatte noch eine alphabetische Anordnung besessen. Das Zusammenschlagen und ständige Verhaken der Typenhebel erzwang aber eine Umgruppierung. Auf der internationalen Stenographentagung von 1888 in Toronto gelang es Remington, seine "Universaltastatur" zum Standard zu erheben. Allein dem regen Geschäftssinn Remingtons verdankt also die schreibende Nachwelt eine Tastatur, bei der sich häufig gebrauchte Buchstaben an ungünstigen Außenpositionen befinden, so dass man beim 10-Finger-schreiben das "a" zum Beispiel mit dem schwächsten Finger überhaupt, dem kleinen der linken Hand, anschlagen muss.

So ist die Universaltastatur nicht dem Menschen angepasst, sondern verlangt die Anpassung des Menschen an die Mechanik der Maschine. Ungewollt eröffnete Remington damit den Frauen den Einzug in die Bürowelt. In einem Regierungsbericht von 1908 heißt es, die Arbeitgeber würden weibliche Arbeitskräfte wegen ihrer "größeren Wohlfeilheit und Willigkeit" bevorzugen. Frauen geben sich nicht nur mit geringerer Entlohnung zufrieden, ihre fingerfertigen Hände kommen auch besser mit der schlecht angeordneten Tastatur zurecht als die ihrer männlichen Kollegen.

Mutter muss arbeitenDas Kalenderblatt im Bild oben rechts zeigt den September 1873. Beginnt hier die Emanzipation der Frau? Die Schreiber schauen skeptisch auf die Tippmamsell, nur der kleine Junge scheint zu begreifen, dass Mutter sich unwiderruflich vom häuslichen Bereich der Berufswelt zugewandt hat.

Das laute Klappern von Tastatur und Typenhebeln wurde bald mit Maschinengewehrfeuer assoziiert, was aber nicht nur am Ruch der Waffenfabrik lag. So beklagt der Buchwissenschaftler August Demmin 1890, die Schreibmaschine werde "an den Grenzen Russlands aber, durch die bekannte Unwissenheit der russischen Beamten als 'revolutionäres Werkzeug' in Beschlag genommen." Hier hatten die russischen Beamten anscheinend größeren Weitblick als August Demmin. Die Schreibmaschine sollte die Welt verändern.

Mit zunehmendem Einsatz der Schreibmaschine verdrängen die Tippmamsells die männlichen Schreibkräfte völlig. Die smarten Schreibmaschinenhersteller reagieren schon bald und widmen den Frauen viele ihrer Modellserien: ERIKA, MERCEDES, NORA, GISELA, MONICA, GABRIELE. Heute wirken die Plaketten auf den Schreibmaschinen wie Ehrentafeln für die ersten berufstätigen Frauen. Sie haben sich über die boshafte Universaltastatur mühevoll an das ferne Ziel der beruflichen Emanzipation herangetastet.

aus Süddeutsche ZeitungDas 10-Finger-Schreiben, das Blindschreiben, konnte nur durch stumpfsinnigen Drill eingeübt werden. So hat das Maschinenschreiben etwas geistlos Dummes, wie es einmalig dasteht in der Geschichte des Schreibens. Die Heerscharen von Tippsen in riesigen Schreibsälen, stumm fremde Texte schreibend, taub für die Umwelt dem Diktat aus dem Kopfhörer lauschend und blind in die Tastatur einhämmernd, diesen kafkaesken Alptraum können sich eigentlich nur ausgemachte Frauenfeinde ausgedacht haben.

Die meisten Übungsbücher geben über Sinn und Herkunft der Tastaturanordnung keine Auskunft. Sie folgen der Erkenntnis, dass Reflexion dem Erlernen mechanischer Tätigkeiten abträglich ist. So führt denn auch lange Zeit kein Weg von der Tätigkeit einer Schreibkraft zu der eines Autors. Eine dumme Tastaturanordnung verlangte jahrzehntelang dumme Schreibkräfte. Erst mit dem Schreibcomputer weicht die Trennung von Kopf und Hand. Trotzdem gilt das 10-Finger-System unter Gebildeten noch immer als nichtswürdig; ja die instinktive Ablehnung gegen die Universaltastatur ist groß, und viele rechnen es sich als Vorzug an, nach dem "Adler-Suchsystem" zu schreiben.

Die Universaltastatur ist ein Beispiel, wie sich einmal eingeführte Systeme selbst erhalten, wenn auch die technische Notwendigkeit längst verschwunden ist. Die Remingtontastatur berücksichtigt mechanische Probleme, die es schon bei der Kugelkopfmaschine nicht mehr gibt, und mit dem Aufkommen der Schreibcomputer erübrigt sich jegliche mechanische Rücksichtnahme. Trotzdem bleibt die alte Anordnung, mit einigen unwesentlichen Änderungen (QWERTZ). Eine Generation nach uns wird sie kaum noch nachvollziehen können, weil Typenhebelmaschinen dann verschwunden sein werden.

Ahnungslos war 2005 auch die Jury von Jugend forscht:
Jugend forscht daneben

Teestunde im Teppichhaus

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