Schriftwelt im Abendrot

Wenn das Umblättern zu lästig ist …

Die Frau neben mir im Wartebereich der Arztpraxis blättert in einer Illustrierten, liest nicht, blättert nur. Es spricht nicht unbedingt gegen die Zeitschrift, denn sie ist ungeduldig. Eben erst hat sie die Arzthelferin gefragt, wie lange sie denn noch warten müsse. Sie habe noch woanders einen Termin. Sie blättert, damit die Wartezeit vergeht. Vermutlich hat sie den Kopf zu voll, um sich auf den Inhalt der Zeitschrift konzentrieren zu können. Mir gefällt ihre Situation, nicht nur, weil ich sie attraktiv finde und gerne neben ihr sitze. Ich bewundere, wie geschickt sie blättert.

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Das Beschreiben und Bekritzeln der Bücher – eine aussterbende Subkultur des gedruckten Buches

Als im Jahr 1999 der informelle Maler Emil Schumacher gestorben war und ich einem Freund davon berichtete, holte er das dicke Harenberger Personenlexikon aus seinem Bücherregal, schlug es bei Schumacher auf, las vor, was dort geschrieben stand, schraubte seinen Füller auf und schrieb in den teuren Wälzer hinein.
„Was tun Sie da, Sir?“, fragte ich.
„Na, wenn ich schon dabei bin, kann ich doch gleich das Todesdatum eintragen“, sagte er.
Das mag man heute nicht mehr spektakulär finden, wo Onlinelexika wie Wikipedia beinah schneller als die Zeit aktualisiert werden, aber die Idee, ein gedrucktes Lexikon fortzuschreiben, war mir bis zu diesem Augenblick nicht gekommen. Der Journalist, Autor und Dichter Edgar Allan Poe hingegen schreibt:

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Die Zeitung – (2) Das Stylen der Glatze – Vom Kappen, Frisieren und Ondulieren der Fakten

Wer Augen- und Ohrenzeuge eines Ereignisses war, über das in den Medien berichtet wird, hat sich gewiss schon mal über die Diskrepanz gewundert zwischen der eigenen Wahrnehmung und der medialen Darstellung. Das kann an der journalistischen Aufbereitung eines Themas liegen. Ein einfaches Beispiel: In meiner Zeit als Lehrer an einem Aachener Gymnasium nahm ich im Herbst 1989 erstmals am bundesweiten Schulprojekt „Zeitung in der Schule teil“. Die teilnehmenden Schulklassen bekamen für sechs Wochen einen Klassensatz der Tageszeitung, um im Deutsch- oder Politikunterricht damit zu arbeiten und über ein selbstgewähltes Recherchethema für die Zeitung zu schreiben. Dabei wurden sie didaktisch von der jeweiligen Redaktion und wissenschaftlichen Mitarbeitern des organisierenden Instituts begleitet. Auf Wunsch des Sponsors, der örtlichen Sparkasse, sollte unsere Schule die Eröffnungsveranstaltung ausrichten. Unter dem Motto „101 Möglichkeit, die Zeitung zu nutzen“ ließ ich die Schüler meiner 9. Klasse Exponate aus Zeitungspapier gestalten, unter anderem auch ein Kopfkissen und eine Steppdecke, die wir auf der Liege aus dem Sanitätsraum drapierten.

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Die Zeitung – Kurze Betrachtung eines gescholtenen Mediums – (1) Nachrichten aus dem Taubenschlag

„Welches Medium ist am glaubwürdigsten?“ fragte im Jahr 1998 das Forsa-Institut die deutsche Bevölkerung: Platz eins mit 41 Prozent belegten die Tageszeitungen. Auf Platz zwei landete das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit 31 Prozent. Die Deutschen vertrauten 1998 also primär jenen Medien, die derzeit oft als „Lügenpresse“ gescholten werden. Das Internet als Nachrichtenquelle landete mit einem Prozent auf dem letzten Platz. Aus journalistischer Sicht war 1998 die Welt noch in Ordnung, nicht nur morgens um sieben, sondern bis abends spät zu den „Tagesthemen“ (Statistik aus: Volker Schulz, Die Zeitung, Aachen 2001)

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Wörter wie gefaltete Leinwand – Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

„Oh! Das haben wir?“, fragte die schöne Bibliothekarin, die neuerdings in der Lexikonabteilung saß, und rollte verzückt die Augen. Ich war froh gewesen, einen Grund zu haben, sie anzusprechen, denn ich hatte sie eine Woche zuvor auf einer Vernissage im Ludwig-Museum gesehen. Sie war mir aufgefallen wegen ihrer raspelkurzen schwarzen Haare und weil sie ganz in Schwarz gekleidet gewesen. Wir hatten ein bisschen geäugelt.
„Ja, es hat drüben im Regal am Fenster gestanden“, sagte ich. Sie befragte ihren Computer und beschied, das Deutsche Wörterbuch stehe jetzt in der Abteilung „Germanistik“ auf der 2. Etage. Ich hatte das monumentale Werk, 32 schwergewichtige Bände in Leder, erst vor kurzem in der Aachener Stadtbibliothek entdeckt und war froh gewesen, dass es zumindest zur Einsicht zugänglich war.

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ZWEI BOXKÄMPFER JAGEN EVA QUER DURCH SYLT – Alphabet und Alphabetmystik

Wido fragte: “Hat Gott kein Mitleid mit den Toma? Andere Völker kennen die Schrift. Nur die Toma bleiben unwissend.”
Gott sprach: “Ich fürchte, dass ihr keine Achtung mehr vor dem Glauben und den Überlieferungen haben werdet, wenn ihr fähig seid, euch schriftlich auszudrücken.”
“Gar nicht”, erwiderte Wido, “wir werden weiterleben wie vorher. Ich verspreche es.”
“Wenn es so ist”, sagte Gott, “will ich euch die Kenntnis der Schrift gewähren, aber nehmt euch in Acht, dass ihr sie nicht einer Frau verratet.” (zitiert nach Ignace Gelb)

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Die Handschrift hat Schwindsucht, doch die Kulturtechnik Schreiben bleibt

Von sieben heute bei Google.news gelisteten Presseveröffentlichungen zum Thema Handschrift, meinen nur drei tatsächlich das Schreiben mit der Hand, die anderen vier Führungsstil und Strategie von Fußballtrainern bzw. eines Verteidigungsministers. Dieses Bild ist exemplarisch. Hier wird eine sprachliche Bedeutungsverschiebung sichtbar, die den Bedeutungsverlust der Kulturtechnik Handschrift spiegelt. Am Verschwinden der Handschrift wird auch das Jammern nichts ändern, und hilflose Berichte von komplett ahnungslosen Schreiberlingen wie hier im Text auf NDR.de beschleunigen den Prozess nur: “Die Handschrift stirbt aus! In ein paar Jahren wird niemand mehr mit der Hand schreiben”, warnt der Vize-Chef des Deutschen Literatur-Archivs in einem großen Interview. Das wäre aber wirklich schade, schließlich sagt Handschrift soviel über uns aus.“

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Jüngling der Schwarzen Kunst (6) - Leergut

Dyckers hält dem Jüngling die geleerte Limonadenflasche hin.
“Also mach schon, Nettesheim!”
“Ich trau mich nicht!”
“Du hast es einmal gemacht, dann kannste es auch zweimal tun!”
“Komm jetzt her, Jüngling, ich werde gleich ärgerlich!” sagt Kaumanns und steht schon bei den Bodoni-Setzkästen am Ende der Gasse, die wie Treppenstufen herausgezogen sind.
Es ist wieder so ein glutheißer Arbeitstag. Es riecht unangenehm nach altem Holz, bleihaltigem Staub und Schweiß. Nein, eigentlich weiß man nicht genau, woraus sich der leicht säuerliche Geruch zusammensetzt. Manchmal meinte der Jüngling, eine der Geruchsquellen gefunden zu haben, beugte sich nieder, vergewisserte sich schnüffelnd und stellte erstaunt fest, dass es gar nicht roch.

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Herb Lubalin, Upper and lower case und die Demokratisierung der Druckschrift

Seit in meinen Keller Wasser eíngedrungen ist, bin ich nicht mehr unten gewesen. Aber ich werde mich wohl überreden müssen, das zu tun. In den Regalen lagert hoffentlich noch gut verpackt ein Stapel einer Rarität, verschiedene Ausgaben, ganze Jahrgänge, der typografischen Fachpublikation U&lC (Upper and lower case) der International Type Face Corporation, erschienen ab 1974 in New York, herausgegeben von Herb Lubalin, einem genialen Typografen und Schriftschöpfer. Fachleute kennen seine Schrift Avant Garde, eine in den 60er Jahren berühmte serifenlose Linearantiqua, Laien kennen sein Adidas-Logo.

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Jüngling der Schwarzen Kunst – 5 – Allerlei Versautes

Täglich nimmt der Jüngling den ersten Bus um 6 Uhr 35. Es gibt auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich abwechseln, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl er im Nachbardorf nur zwei Kilometer entfernt seine Schicht beginnt, kommt Hubert fast immer zu spät. Kommt mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert ist. Hubert soll ein Frauenheld sein, ist irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer sitzt er im Unterhemd hinterm Steuer. Es ist auf ihn kein Verlass, nicht mal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage kommt er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit einstellt, den Bus verpasst.

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