Auf einer Seite setzen die Bäume Moos an
von Trithemius - 28. Mär, 11:06
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an? Ich habe nicht nachgeguckt, es wäre leicht herauszufinden. Dann hätte ich jedoch keine Lust mehr, darüber zu schreiben.
Ich habe mich vor vielen Jahren deshalb einmal mit meiner Familie im Wald verirrt. Der Himmel hatte sich zugezogen, Gewitter drohte, und ich war noch nie in diesem Teil des Waldes gewesen. Wir standen mit den Fahrrädern, die kleineren Kinder hinten drauf, ratlos an einem 5-Sprung, einer Kreuzung also, wo wir vier Möglichkeiten hatten, rasch nach Hause zu kommen.
Ich hatte gelesen, dass die Bäume auf einer Seite Moos ansetzen. Da der Wind hier meist aus Westen kommt, wäre es ein guter Wegweiser gewesen. Doch auf welcher? Ich entschied mich für die falsche Richtung, und nach langem Irren fanden wir heraus. Wir waren in Belgien gelandet. Ein Ehepaar, das von dort kam und in der Nähe wohnte, hat uns geholfen, und meine Frau und die Kleinen nach Hause gefahren mit dem Auto. Ihr Fahrrad hinten drin.
Es ist nämlich so, dass es oft besser ist, eine Sache gar nicht zu wissen als halb.
Ein anderes Beispiel erlebte ich heute. Ich fand nämlich heraus, warum ich jemanden aus dem blog geographisch falsch angesiedelt hatte. Ich schrieb E-Mails hin, und in meiner Vorstellung gingen sie nach Süden. Doch eigentlich war es die andere Richtung, die Mails wussten zum Glück, wo sie hinsollten. Es wäre, was anderes, wenn man einen Brief in der eigenen Tasche befördern würde, oder?
Nebenbei, es hat gar nichts mit dem Thema zu tun. Doch weil heute Samstag ist … In Halldor Laxness’ Roman „Am Gletscher“ wird von einer wundersamen Postbeförderungs-Methode berichtet: Der Bischof sendet einen Brief in die einsame Gegend am Gletscher. Weil ein Priester dort die Kirche vernagelt hat und nur noch Autos repariert. Vom Glauben abgefallen, der Mann! Das kann schon mal passieren.
Nun, der Brief wird also einem Bauern gegeben. Er nimmt ihn mit, und bei Gelegenheit gibt er ihn einem, der zufällig mal in diese Richtung muss. Der kann dann auch schon mal ein paar Tage oder Wochen irgendwo in einer Stube herumliegen, bis er in die nächste Hosentasche wandert und weiter befördert wird.
Wenn er sein Ziel erreicht ist er schon ein bisschen speckig. Von den vielen Händen und den schmutzigen Hosentaschen. Ist das nicht witzig?
Kannst du dir das vorstellen: Da sitze ich vor der Tastatur und finde plötzlich das ß nicht. Es hat sich verborgen, das dumme Huhn Eszett, weil es Angst hatte, dass ich etwas Schlechte über es schreibe.
Das kriegst du jetzt, ß, das hast du davon:
Es ist nämlich so, das Eszett ist in jungen Jahren ein Doppel-s gewesen. Jan Tschichold, ein berühmter Typograph vom Anfang des letzten Jahrhunderts, hat darauf aufmerksam gemacht, doch ein bisschen, glaube ich, falsch erklärt. Jedenfalls muss man wissen, dass es in der Frakturschrift zwei verschiedene Formen des „s“ gab, ein langes (es sieht fast wie ein kleines f aus) und ein rundes. Man hatte das aus eugrafischen Gründen, also weil es schöner aussah. Trafen nun zwei s an der Silbengrenze zusammen, dann nahm man das lange s für den Schluss der ersten Silbe, das runde für den Beginn der zweiten. Das kannst du dir vorstellen, es sah wie ein ß aus. Man sieht es sogar bei dieser serifenlosen Lateinschrift noch. Ja, und irgendwann wurde es verlesen. Das heißt, man betrachtete das runde s als z. Dann hast du Eszett. Das Hühnchen Eszett ist also ein Bastard, eine kleine sprachliche Missgeburt. So, Eszett, zufrieden!? Und verbirg dich nicht wieder, sonst gibt es noch mehr drauf!
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Ich habe mich vor vielen Jahren deshalb einmal mit meiner Familie im Wald verirrt. Der Himmel hatte sich zugezogen, Gewitter drohte, und ich war noch nie in diesem Teil des Waldes gewesen. Wir standen mit den Fahrrädern, die kleineren Kinder hinten drauf, ratlos an einem 5-Sprung, einer Kreuzung also, wo wir vier Möglichkeiten hatten, rasch nach Hause zu kommen.
Ich hatte gelesen, dass die Bäume auf einer Seite Moos ansetzen. Da der Wind hier meist aus Westen kommt, wäre es ein guter Wegweiser gewesen. Doch auf welcher? Ich entschied mich für die falsche Richtung, und nach langem Irren fanden wir heraus. Wir waren in Belgien gelandet. Ein Ehepaar, das von dort kam und in der Nähe wohnte, hat uns geholfen, und meine Frau und die Kleinen nach Hause gefahren mit dem Auto. Ihr Fahrrad hinten drin.
Es ist nämlich so, dass es oft besser ist, eine Sache gar nicht zu wissen als halb.
Ein anderes Beispiel erlebte ich heute. Ich fand nämlich heraus, warum ich jemanden aus dem blog geographisch falsch angesiedelt hatte. Ich schrieb E-Mails hin, und in meiner Vorstellung gingen sie nach Süden. Doch eigentlich war es die andere Richtung, die Mails wussten zum Glück, wo sie hinsollten. Es wäre, was anderes, wenn man einen Brief in der eigenen Tasche befördern würde, oder?
Nebenbei, es hat gar nichts mit dem Thema zu tun. Doch weil heute Samstag ist … In Halldor Laxness’ Roman „Am Gletscher“ wird von einer wundersamen Postbeförderungs-Methode berichtet: Der Bischof sendet einen Brief in die einsame Gegend am Gletscher. Weil ein Priester dort die Kirche vernagelt hat und nur noch Autos repariert. Vom Glauben abgefallen, der Mann! Das kann schon mal passieren.
Nun, der Brief wird also einem Bauern gegeben. Er nimmt ihn mit, und bei Gelegenheit gibt er ihn einem, der zufällig mal in diese Richtung muss. Der kann dann auch schon mal ein paar Tage oder Wochen irgendwo in einer Stube herumliegen, bis er in die nächste Hosentasche wandert und weiter befördert wird.
Wenn er sein Ziel erreicht ist er schon ein bisschen speckig. Von den vielen Händen und den schmutzigen Hosentaschen. Ist das nicht witzig?
Kannst du dir das vorstellen: Da sitze ich vor der Tastatur und finde plötzlich das ß nicht. Es hat sich verborgen, das dumme Huhn Eszett, weil es Angst hatte, dass ich etwas Schlechte über es schreibe.
Das kriegst du jetzt, ß, das hast du davon:
Es ist nämlich so, das Eszett ist in jungen Jahren ein Doppel-s gewesen. Jan Tschichold, ein berühmter Typograph vom Anfang des letzten Jahrhunderts, hat darauf aufmerksam gemacht, doch ein bisschen, glaube ich, falsch erklärt. Jedenfalls muss man wissen, dass es in der Frakturschrift zwei verschiedene Formen des „s“ gab, ein langes (es sieht fast wie ein kleines f aus) und ein rundes. Man hatte das aus eugrafischen Gründen, also weil es schöner aussah. Trafen nun zwei s an der Silbengrenze zusammen, dann nahm man das lange s für den Schluss der ersten Silbe, das runde für den Beginn der zweiten. Das kannst du dir vorstellen, es sah wie ein ß aus. Man sieht es sogar bei dieser serifenlosen Lateinschrift noch. Ja, und irgendwann wurde es verlesen. Das heißt, man betrachtete das runde s als z. Dann hast du Eszett. Das Hühnchen Eszett ist also ein Bastard, eine kleine sprachliche Missgeburt. So, Eszett, zufrieden!? Und verbirg dich nicht wieder, sonst gibt es noch mehr drauf!


