Der Pohl

Einer, an den ich ein halbes Jahrhundert nicht gedacht habe, doch heute Morgen um so öfter, um meiner Erinnerung etwas mehr abzutrotzen als den Namen, dieser junge Mann war „der Pohl.“ Ob der Pohl einen Vornamen hatte, weiß ich zuverlässig nicht. Bei uns hieß er nur „der Pohl.“ Der Pohl hatte irgendwas mit der Klosterschule Knechtsteden zu tun, woher er auch meinen Bruder kannte. Er war aber nicht im gleichen Jahrgang, sondern deutlich älter. Nach dem Tod meines Vaters tauchte der Pohl immer wieder bei uns auf, um wohl meine Mutter zu besuchen. Aus heutiger Sicht war er etwas wie ein Witwentröster. Ich erinnere mich, dass der Pohl aber nur ungeschickt tröstete, stets große Reden schwang, meist die Politik Konrad Adenauers betreffend. An der ließ er kein gutes Haar.

Meine Mutter hörte sich das höflich an, derweil sie unsere Wohnküche putzte und der Pohl seine Füße hochheben musste, damit meine Mutter auch unter seinem Stuhl wischen konnte. Sie hatte mal in einer Mußestunde an Familienminister Würmeling (CDU) geschrieben oder schreiben wollen, denn Muße kannte sie eigentlich nicht. Wenn sie den Dreck wegwischte, den der Pohl mit seinen groben Schuhen in die Stube getragen hatte, war das ihre Muße. Jedenfall hatte sie an Familienminister Würmeling (CDU) geschrieben. Oder sie wollte es zumindest, um ihre prekäre Lage als Witwe mit drei kleinen Kindern darzulegen. Minister Würmeling hatte aber nicht geholfen, entweder weil ihm aus Gründen die Hände gebunden waren oder weil er nie einen Brief meiner Mutter bekommen hatte. Es war dem Pohl aber Wasser auf den Mühlen.

Trotzdem gelang es ihm nicht, meine Mutter zu überzeugen. Es gab nur einen SPD-Wähler im Dorf, und man wusste, wer das war. Meine Mutter jedenfalls nicht, obwohl sie sich alles anhörte, was der Pohl ihr einflüsterte. Es wurde aber auch vor jeder Wahl im sonntäglichen Hochamt ein bischöflicher Hirtenbrief von der Kanzel aus vorgelesen, in dem die Bischöfe darlegten, gute Christenmenschen wüssten, wen sie zu wählen und wen sie nicht zu wählen hätten. Dagegen war der Pohl mit seinen dreckigen Schuhen machtlos.

Irgendwann gab der Pohl seine Mission auf und kam nicht mehr. Meine Mutter beseitigte die letzten Spuren, indem sie unter seinem Stuhl wischte. Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Vermutlich schmort der Pohl in der katholischen Hölle.
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