Frohe Weihnachten
von Trithemius - 25. Dez, 06:33
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Das Kalenderblatt im Bild oben rechts zeigt den September 1873. Beginnt hier die Emanzipation der Frau? Die Schreiber schauen skeptisch auf die Tippmamsell, nur der kleine Junge scheint zu begreifen, dass Mutter sich unwiderruflich vom häuslichen Bereich der Berufswelt zugewandt hat.
Das 10-Finger-Schreiben, das Blindschreiben, konnte nur durch stumpfsinnigen Drill eingeübt werden. So hat das Maschinenschreiben etwas geistlos Dummes, wie es einmalig dasteht in der Geschichte des Schreibens. Die Heerscharen von Tippsen in riesigen Schreibsälen, stumm fremde Texte schreibend, taub für die Umwelt dem Diktat aus dem Kopfhörer lauschend und blind in die Tastatur einhämmernd, diesen kafkaesken Alptraum können sich eigentlich nur ausgemachte Frauenfeinde ausgedacht haben.

Anders als der Verein behauptet, wurde er bereits 1885 als Allgemeiner Deutscher Sprachverein gegründet, unter Vorsitz des Braunschweiger Museumsdirektors Hermann Riegel. Ziel war die Reinigung der deutschen Sprache von Fremdwörtern. Der Kölner Germanist Fritz Tschirch schreibt, mit Riegels Vorsitz sei dem Sprachverein der "Fluch des Dilettantismus in die Wiege gelegt", dem sich der Verein nie mehr zu entziehen vermocht habe. Das Organ des Vereins war die "Muttersprache". Freudig begrüßte die "Muttersprache" im April 1933 die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Bis 1939 trieb man exzessive Fremdwortjagd. Neben den skurrilen Eindeutschungsvorschlägen zu Automobil (Zerknalltreibling) oder Elektrizität (Bern); (E-Lok = Bernzieh) gebar der Verein auch ein wunderbar selbstentlarvendes: aus Profil sollte Gebüge werden. Ja, das kann man sich fein vorstellen, wie im 3. Reich die Menschen mit Profil durch die hundsföttisch Gebogenen verdrängt wurden. Dem Verein nutzte alle Kriecherei nichts. Mit der von Hitler per Erlass verfügten Umstellung von Fraktur auf Lateinschrift kam 1940 auch das Aus für die Fremdwortjagd. Das Vereinsblatt "Muttersprache" war schon im Jahr zuvor verboten worden. Der Verein war den Nazis mit seiner provinziellen Deutschtümelei peinlich geworden.
1947 konstituierten sich die alten Herrschaften wieder, unter dem neuen Namen "Gesellschaft für deutsche Sprache". Das Vereinsblatt heißt weiterhin "Muttersprache". Den vom Verein 1987 gestifteten "Medienpreis für Sprachkultur" bekam als erster der WDR-Hörfunk- Journalist Klaus-Jürgen Haller. Haller, Sprachpapst von eigenen Gnaden, polemisiert in seiner Preisrede "Vom Niedergang eines Handwerks" gehorsam gegen Fremdwörter: "Nichts gegen Lehnwörter, aber wer einen Gedanken nicht deutsch formulieren kann, könnte ihn nicht zureichend verstanden haben." Gemeint sind nicht Lehnwörter, sondern Fremdwörter, doch dieser unlogisch verschwurbelte Satz widerlegt Hallers eigene These. Er wird auch nicht besser, wenn man das Fremdwort "formulieren" durch "ausdrücken" ersetzt. Vielleicht war es erneut der "Fluch des Dilettantismus", der den Verein dazu trieb, mit Haller einen Preisträger zu küren, der sich brüstete, die Entwicklung der Sprachwissenschaft der letzten 10 Jahre verschlafen zu haben. Sinnreich bist du, die SpracheWie die Kleingärtner alljährlich ihre dicksten Kohlköpfe herzeigen, so präsentiert die GfdS traditionell "Wörter und Unwörter des Jahres" und eine Hitparade der Vornamen. Finanziert wird die Spielerei zu 80 Prozent aus öffentlichen Mitteln. Immer wieder mischte sich die GfdS auch in die Diskussionen um Orthographiereformen, und man gestattet ihr sogar, Vertreter in den Rat für deutsche Rechtschreibung zu entsenden. Ebenso könnte man aber den Kleingärtnern erlauben, den Regenwald zu jäten. Ab und zu murkst die GfdS auch ein bisschen am Wortschatz herum. 1988 suchte man ungebeten einen "angemesseneren und humaneren Ausdruck für das `Retorten-Baby'" und fand nach einem öffentlichen Wettbewerb den erbärmlichen Vorschlag "IVF-Kind" preiswürdig:
von fremden Wörtern zu säubern.
nun sage doch, Freund, wie man
Pedant uns verdeutscht?
"Die Abkürzung für `In-vitro-Fertilisation` (Befruchtung im Reagenzglas) wurde als bester Vorschlag zur Übernahme in den allgemeinen Sprachgebrauch angesehen, wie die GfdS mitteilte.""Genauso haben wir uns das Humanum immer vorgestellt", höhnte darauf die Süddeutsche Zeitung in ihrem STREIFLICHT. 1989 wollte der Verein die Deutschen aus einer anderen Bezeichnungsnot erlösen. Es fehle in der deutschen Sprache das Gegenstück zu "satt", wenn man genug getrunken habe, also nicht mehr durstig ist. Wieder lobte man einen Preis aus und bekam auch das entsprechende Medienecho. Leider weiß ich nicht mehr, welches Kunstwort man prämierte. Es ist im Sprachgebrauch jedenfalls nicht aufgetaucht.
(dpa vom 12.8.1988).
Nebenbei:Die Liebe gleicht dem Trinken
Man wird davon nicht satt,
Wenn man auch viel geliebet
Und viel getrunken hat.
Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen unterschiedlich lange Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, - ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute gehts um Fremdwörter.
Anders als manche Eiferer behaupten ist der Gebrauch eines Fremdwortes immer dann legitim und überaus sinnvoll, wenn es einen Bedeutungsbereich bezeichnet, den es in der jeweiligen Sprache nicht gibt. Indem es zwischen den Sprachen unzählige Wörter gibt, deren Bedeutung nicht deckungsgleich ist, gleicht jeder Purismus dem Versuch, das Denken und Ausdrücken zu kanalisieren. Bei genauer Betrachtung wird sich kein einziges Wort finden, das eine völlige Entsprechung in einer anderen Sprache hat, von den Internationalismen wie Hotel oder Taxi einmal abgesehen. Der Deutsche spricht Englisch zum Beispiel als Deutscher, er kann sich beim Erlernen des Englischen als Fremdsprache nur die Bedeutung eines Wortes aneignen, seine Gefühlswerte jedoch allenfalls erahnen. Ein Kid ist eben kein englisches Kind, mit Kid ist in Deutschland ein globalisiertes Kind gemeint.
Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen gegen 17 Uhr unterschiedlich lange Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, - ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute gehts um Territorialzeichen.
Das Territorialzeichen entzieht ein Gebiet der willkürlichen Nutzung durch Unbefugte. Ihre ursprüngliche und unmittelbare Erscheinungsform ist der Duft. Höhere Formen wie etwa Grenzsteine wirken nur mittelbar, da sie Erfahrung, Kenntnisse oder ein gewisses Maß an Vereinbarung voraussetzen. Territorialzeichen können bildhaft, gegenständlich oder schriftlich fixiert sein. "Vorsicht Gift!Die Zettel trugen weder Unterschrift noch Herkunftsnachweis. Was hatte es damit auf sich? In der Nähe befand sich auf einer Wiese eine große Schafherde mit vielen neugeborenen Lämmern. In einem Gatter nebenan lagerten Mutterschafe, die gerade erst abgelammt hatten. Dem Schäfer stand zur Bewachung nur ein Hund zur Seite. Vermutlich hatte er diese Zettel aufgehängt, um seine Herde weiträumig gegen freilaufende fremde Hunde abzuschirmen. Interessant ist, dass der Schäfer der Alphabetschrift nur eine geringe Appellkraft zutraute, so dass er eine zuverlässige Wirkung nur durch übertriebene Drohungen zu erreichen glaubte. Dieses mangelnde Vertrauen in die Geltung der Alphabetschrift empfindet vielleicht derjenige besonders stark, der sich im Alltag meist anderer Kommunikationsformen bedient. Der Strohwisch symbolisiert die autoritative Kraft des Eigentümers, ohne dass er sich als Person oder gar namentlich legitimieren müsste. Die gleiche Wirkung ist schriftlich nur mit größerem Aufwand zu erzielen.
gehen Sie mit ihrem Hund
einen anderen Weg!
Dieses Gift ist tödlich!"
Dieser Zettel aus dem Jahr 1989 fand sich unter den Scheibenwischern mehrerer Autos. Er gewinnt seinen Nachdruck nicht durch die falsche Unterschrift "gez. eckmann", sondern gerade aus der Vertuschung des Subjektiven durch Computerschrift und durch den Hinweis "von amts wegen". In einem niederländischen Einfamilienhaus fand ich einmal neben den Ehebetten zwei prachtvolle Bettvorleger, in die die Namen "Jolanda" und "Rob" eingewirkt waren. Das linke Bett gehörte Jolanda, das rechte Rob. Oberflächlich betrachtet handelt es sich hier um Eigentumsmarken. Wenn jedoch einmal eines Morgens ein fremder Mann neben Jolanda aufwacht, die Füße auf den Bettvorleger stellt und wenn ihn dann die plötzliche Einsicht mit erschreckender Wucht befällt, "O Gott, ich bin ja gar nicht Rob!" dann wird klar, dass auch solche Bettvorleger eindeutig Territorialzeichen sind.
Die Ich-war-hier-Marke ist ein selbstbezügliches Graffito an berühmten oder banalen Orten. Der Ersttäter wählt eine Stelle, hinterlässt seine Marke und stimuliert damit den Nachahmungstrieb. 
"Wenn er in mein Atelier im fünften Stock (über ganz bürgerlichen Wohnungen) kam, bedeckte er stets die Wände, die Treppenfenster, die Türen über das ganze Gebäude mit Klebezetteln: 'Tretet DADA bei!' oder 'Anna Blume'. Er gebrauchte dafür einen Leim, der Porzellan klebt und sich nicht entfernen ließ."Im Straßenbild der 90er dominiert eine rudimentäre Ich-war-hier-Marke, das TAG. Tags sind kalligraphisch bemühte Stilisierungen des eigenen Pseudonyms oder eines Lieblingswortes, die mit Filzstift oder Sprühdose in einem Zug geschrieben werden. Ziel ist es, möglichst im ganzen Stadtbereich präsent zu sein. Für Sprayer ist das Tag ein Mittel, einen hohen Bekanntheitsgrad in der Szene zu bekommen. Für alle anderen tendiert der Mitteilungswert dieser neuzeitlichen Großstadtchiffren gegen null. Tags sind Vorboten der tendenziellen Sinnentleerung der Schrift.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde Russisch Brot von zwei Firmen hergestellt, von der Dresdener Waffelfabrik Gebrüder Hörmann (Ende 19. Jahrhundert) und der Hannoverschen Cakes-Fabrik H. Bahlsen (seit 1906), zunächst als „Leibniz-ABC“. Die Dresdener Spezialitätenbäckerei Dr. Quendt produziert Russisch Brot seit 1959. Derzeit vertreibt sie ihr Produkt über die Handelskette EDEKA. Die Packung enthält nur die Buchstaben EDKA, weshalb sich kaum was damit schreiben lässt außer: DA, EDE, DEAD, DEKADE - und EDK.
Eine andere Geschichte erzählt von einem Empfang russischer Gesandter am Wiener Hof im 19. Jahrhundert. Dort hat der Hofbäcker anlässlich des hohen Besuches beim Wiener Kongress 1814/1815 ein Gebäck entwickelt, welches die russischen Gepflogenheiten - zur Begrüßung eines Gastes wird ein Stück Brot serviert - und dem feinen Geschmack der Wiener, verbinden sollte. So fand man ein nach Karamell schmeckendes Eiweißgebäck und nannte es Russisch Brot.Beide Fassungen wirken wie Ätiologische Sagen (Erklärungssagen).



Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheint in den nächsten Wochen eine Reihe unterschiedlich langer Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Der erste kurze Beitrag beschäftigt sich mit dem Teehaus im Logo der Reihe.

Eine Steigerung dieser magischen Idee wäre es, eine Schreibfeder in den so aufgebrühten Tee zu tunken, um das Wort "Tee" damit zu schreiben.