Jenseits der vertauten Wege

„Wenn ein Mensch geboren ist und erste Eindrücke empfängt, bilden sich diese in seinem Gehirn ab wie eine sich langsam modellierende Landschaft – mit Flussläufen, Tälern, Ebenen, Gebirgszügen und Einöden. Und je nach Heftigkeit der Eindrücke gewinnt die Landschaft an Lieblichkeit und Schroffheit mit all den Nuancen dazwischen. In dieser Landschaft ist von Tag eins ein Aufmerksamkeitsfunke unterwegs, mal gesteuert, als Reaktion auf einen Eindruck, mal frei in völliger Selbstvergessenheit, gleich einem Wanderer in seinem Universum. Wo er mal gewesen ist, hinterlässt er Spuren. Wenn er sie wiedersieht, sagen sie ihm: hier ist vertrautes Land.“

Coster saß auf der Bank vor der Hangwiese, mit dem Blick nach innen gewandt, als hätte er sich in seiner Schilderung verloren. Ich dachte, dass es gut wäre, ihn zu unterbrechen, damit er nicht völlig abdriftete. Darum sagte ich: „Vermutlich kreist der Wanderer am liebsten auf vertrauten Wegen.“
Coster schreckte auf: „Ja, darum müssen wir ihn dort herausholen, indem wir ihn mit neuen Eindrücken überraschen.“

„Die Eltern montieren ein Mobile über seinem Kinderbett, womöglich eins mit Spieluhr.“
„Zum Beispiel. Zu den visuellen Reizen gesellen sich die Taktilen und Akustischen. Mal staunt der Säugling das gelbe Kleid der Mutter an und hört aus ihrem Mund den Laut „gelb“. Später lernt es, diesen Laut selbst hervorzubringen, womit es sich die Vorstellung des gelben Kleids der Mutter beliebig aufrufen kann, selbst wenn die Mutter gar nicht in der Nähe ist. Male dir die weitere Entwicklung selber aus Trithemius! Bist ja alt genug.“

„Könnte ich, wenn ich wüsste, worauf Sie hinaus wollen, Coster.“
„Auf die je individuelle Herausbildung der Gehirnslandschaft. Zwei und mehr Kinder des gleichen Kulturkreises bilden ähnliche Landschaften aus, jedoch niemals identische. So kommt es, dass jedes Individuum in seinem Kopf einen eigenen Kosmos beherbergt, in dem ähnliche Verhältnisse bestehen. Um die Isolation im eigenen Kosmos zu überwinden, kann der Mensch Informationen austauschen, meist über Sprache.“
„Ja, aber es ist keine 1:1-Verbindung möglich“, wandte ich ein. „Sagt eines ‚gelb‘, verbindet es etwas anderes damit als sein Hörer, je nach der Weise wie der Laut ‚gelb‘ in seinen Kopf gelangt ist und mit der Farbe verknüpft wurde.“
„Es stört die Kommunikation meistens nicht, dass jedes Individuum andere Konnotationen hat“, sagte Coster ungeduldig. „Das ist das kosmische Rauschen, aber das Gehirn modelliert das Rauschen heraus, indem es nassforsch in sein eigenes Gelb übersetzt.“ Er schaute mich eindringlich an.
„Hätten wir das endlich geklärt?“, fragte er leicht genervt. „Dass du aber auch immer so ein langsamer Denker sein musst, Trithemius.“
„Na, erlauben Sie mal, Coster. Ich muss Ihren Gedankenwust doch ordnen und allgemein zugänglich machen.“
„Allgemeine Zugänglichkeit habe ich nicht erbeten. Sollen denn Traumschiffe anlanden in meinem Kopf, Tausende Touristen ausspucken, damit sie überall herumlatschen?“
„Um Himmelswillen, das nicht!“
„Vor allem nicht, wenn ich jetzt zur Theorie der Multiversen übergehe. Dann verlaufen sich die Leute doch.

Wir wissen längst: Je tiefer die Astrophysik in den physikalischen Kosmos eindringt, desto schneller expandiert er. Du kennst das Bild, Trithemius: Dem Hund ist ein Stock auf den Kopf gebunden, woran vor seiner Nase die Wurst baumelt. Ich glaube, unsere Astrophysiker schauen in ihrer Hybris der groß und noch größeren Spiegel- und Radioteleskope in die falsche Richtung. Sie fabulieren von Multiversen, von Duplikaten unserer Welt, wo jeder Mensch mehrfach existieren kann. Aber diese theoretischen Alternativwelten seien für uns unerreichbar. Hier die Blickrichtung zu ändern ist schier unmöglich. Der vergeblich galoppierende Hund wird am Leben gehalten von Steuergeldern und eingeworbenen Drittmitteln, ernährt wiederum selbst Lehrstuhlbesitzer mit ihren Familien und ein Heer von Forschern und Technikern. Ändern wir trotzdem mal die Blickrichtung und sagen: Die Multiversen sind unsere Köpfe. Jeder von uns, du auch, existiert im Kopf dessen, der ihn kennt, zwar in umgestalteter Form, doch in je subjektiven Teilaspekten ähnlich mit dem beispielsweise real herumlaufenden Trithemius.“

„’Beispielsweise real herumlaufen‘, ne ne, Coster, sowas mache ich nicht.“
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