Abendbummel online

Herr Ober, der Kaffee hat Kork

frühlingsbotschaftKinder im Vorschulalter orientieren sich beim Zeichnen an der Grundlinie, und das ist der untere Papierrand. Doch da heute die Sonne so freundlich schien und für morgen ein Spaziergang durch den frühlingshaften Wald geplant ist, hat das Kind die vertraute Grundlinie mit einem Bein verlassen und lässt sein Männlein fröhlich tanzen. Das Männlein hat allen Grund zu lachen, zumal sein grünes Wams von der Sonne beschienen wird. Die Zeichnung ist ein hübscher Aufbruch in die große weite Welt. Sie lag Am Hof, einem beliebten Platz in der Aachener Altstadt, wo ich einen Milchkaffee trank, nachdem ich die beiden Zettel vom Kopfsteinpflaster aufgesammelt hatte. Derweil holten gutsituierte Mütter ihre Kinder vom anliegenden Kindergarten ab und zogen plaudernd an mir vorbei, und da war von Eis die Rede, das man beim Café Mohren zu kaufen gedenke und von derlei harmlosen Sachen.

Zwischendrin gab es auch eine erkennbar sorgenvolle Mutter. Das Kinder an ihrer Hand trug einen großen Schulranzen und war offenbar in der Nachmittagsbetreuung des Kindergartens gewesen. Beide waren ein wenig übergewichtig. Zwischen Mutter und Kind wurde nicht gesprochen, und man zog eilig davon, ohne dem Eisverkauf des Cafes einen Blick zu gönnen. Trotzdem sind sie mir nicht aus dem Kopf gegangen, weil sie in so krassem Gegensatz standen zu den gutgelaunten Müßiggängern an den besonnten Cafétischen und den anderen Mutter-Kind-Paaren.

Schon oft habe ich darüber nachgedacht, wieso man in Aachens Innenstadt eher selten solche Kontraste sieht. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass sich unsere Gesellschaft sortiert. Wo es schön ist, sind die Plätze gut besetzt von Menschen, denen die Gesellschaft Chancen bietet. Die Armen müssen sich bescheiden, und schon aus Schutz vor dem Gefühl der Erniedrigung, bleiben sie meist in ihrem Umfeld. Diese schädliche Sortierung unseres Gemeinwesens beginnt für ein Kind bereits vor dem Kindergarten. Arme Kinder lernen bald, dass sie wenig Grund haben, die Männlein auf ihrem Blatt Papier hüpfen zu lassen.

Guten Abend

Prima Fernsehen mit Coster

Eigentlich sollte ich um drei Uhr im Cafe Mohren sein, wo ich mit Coster verabredet war. Um zehn vor drei verließ ich das Haus und wusste, ich würde mich verspäten. Für einen Moment keimte Unruhe in mir auf. Dann sagte ich mir, dass ich noch zehn Minuten vor dem Zuspätkommen hätte, und diese Lebenszeit wollte ich keinesfalls mit innerem Hader verbringen. Es könnte mich schließlich just ein Auto überfahren, derweil ich gerade denke: „Ich komme zu spät!“; das wäre ein schlechtes Omen fürs Jenseits. Da stelle ich mir lieber vor, ich wäre immerzu genau richtig in der Zeit. Also dachte ich andere Gedanken. Seltsam genug dachte ich etwas, wovon später auch Coster sprechen würde, allerdings radikaler und boshafter als ich es gewagt hätte. Beim Supermarkt, dessen Mitarbeiter zeitweilig in T-Shirts gezwängt waren, auf denen stand: „Wir werden Sie begeistern!“, dachte ich: „Mist, ich hab mal wieder ums Verrecken keine Lust zum Einkaufen, egal in welchem Supermarkt.“

CafehausromantikDr. Phil, Dr. Ing. Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, hatte auf der ersten Etage des Cafes einen Tisch am Fenster gewählt. „Hier hat man einen Butzenscheibenblick auf die Welt“, sagte er später, „und das ist manchmal gut für’s Gemüt." Vor sich hatte der Gemütsmensch ein Glas Wasser, einen Aachener Printenlikör und Kaffee im Glas. Als die junge Kellnerin an unseren Tisch trat, staunte ich erneut, wie gut sich Coster auf’s Charmieren versteht. Sie hatte nicht einen Blick für mich, sondern sonnte sich in seiner Aufmerksamkeit. Coster hätte also bester Stimmung sein müssen, war es aber nicht. Cafehausromantik mit Printenlikör, Kaffee und Kellnerin, das alles hatte Coster gleich einem Bollwerk vor sich aufgebaut, um eine grimmige Stimmung abzuhalten, die ihn beständig anzufliegen schien.

An der Kellnerin könne er ablesen, wie die Stimmung des Personals sei, sagte Coster. Und da der Chef des Cafes hinterm Tresen stünde, wäre ihre Fröhlichkeit auch nicht antrainiert, sondern käme aus dem Herzen. Denn wäre ihr Chef ein Leuteschinder, könnte sie das auf den kurzen Wegen zwischen Tresen und Gast nicht vergessen. Anders wäre es in einem Lokal einer Kette. Dort könnte die Freundlichkeit des Personals auch das Ergebnis eines Mitarbeitertrainings sein. Wo weite Wege lägen zwischen Unternehmensleitung und Personal, wo also der direkte Kontakt zwischen Chef und Untergebenem nicht vorliege, dort wolle er sein Geld nicht mehr hintragen.

Coster nippte an seinem Printenlikör und sagte: „Das ist mein Mittagessen.“ Er habe nämlich nichts mehr im Haus und könne sich „ums Verrecken“ nicht überwinden einzukaufen. „Schon wenn ich in der Tür das Kassenpiepen höre, kriesch isch et ärme Dier, Trithemius. Und sehe ich das Personal …“ Er nippte noch einmal an seinem Mittagessen und fuhr fort: „Weil der Einzelhandel langsam verschwindet, wissen wir nicht, welchen moralisch verkommenen Halunken man das Geld für den Einkauf in den Rachen wirft. Am Ende werden davon irgendwelche Drecksäcke fürstlich entlohnt, die sich nicht zu schade sind, eine Kassiererin fertig zu machen, weil sie angeblich 25 Cent gestohlen hat. Doch eigentlich kann man diese Leute nicht einmal von Herzen verachten, denn letzten Endes sind sie nur die Produkte einer gesellschaftlichen Entwicklung."

„Sie meinen, der Mensch ist nicht für solche Großstrukturen gemacht?“

„Ganz genau!“, sagte
Coster. „Großstrukturen jeglicher Art übersteigen das menschliche Fassungsvermögen. Der Mensch orientiert sich stets an seiner unmittelbaren Umgebung. Und wer fern ist von den ihm anvertrauen Mitarbeitern, ist zu jeder Schandtat bereit, wenn sie nur die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung zufrieden stellt, also den gesellschaftlichen Status befördert. Der richtet sich nämlich nicht nach überindividuellen moralischen Maßstäben. Wer das glaubt, ist erfrischend naiv. Ich bin sicher, die Herrschaften auf den Chefetagen verfügen über beste Manieren, wenn sie sich unter ihresgleichen befinden. Doch gegenüber den Menschen weit unter ihnen zeigen sie diese Manieren nicht. Sie sehen die Leute nicht und das macht sie zu dummen Affen. Vorsorglich entschuldige ich mich bei den Affen.“

Coster drängte zum Aufbruch, lud mich ein und schäkerte beim Bezahlen ausgiebig mit der Kellnerin. Sie sonnte sich erneut und sah nur ihn. Wer zahlt, bestimmt die Blickrichtung, dachte ich, was natürlich nicht stimmte, denn sie war nicht dem Geld, sondern Costers Liebenswürdigkeit erlegen. Im Rausgehen packte er meinen Arm. „Es hilft nur eins, Trithemius“, sagte er gut gelaunt: „Strenge Gesetze! Je größer gesellschaftliche oder wirtschaftliche Strukturen, desto strenger müssen sie gesetzlich überwacht werden. Also, wenn Überwachungskameras, dann auf den Chefetagen. Das wäre prima Fernsehen!“

Guten Abend

Ein neues Wort und seine schrecklichen Konsequenzen

Positive-Lebenshaltung

Von der
Schaufenstertafel einer Apotheke lächelt mich ein Mann an und sagt: „Ich bin Nasenduscher.“ Also richtig gesagt hat er’s nicht. Irgendein Grafik-Designer hat diesen Text ins Bild montiert. Demnach handelt es sich um eine unbewiesene Behauptung, denn es besteht durchaus die Möglichkeit, dass das männliche Fotomodell in Wahrheit noch nie eine Nasendusche genommen hat, sondern sich allmorgendlich ganz konventionell unter die Brause stellt. Frischgewaschen sieht er jedenfalls aus.

Wie mag es sein, wenn man sich öffentlich als Nasenduscher bezeichnen lässt? Was sagt der Freudenskreis zu diesem Bekenntnis? Am Ende wird der Mann noch gänzlich auf seine Pseudoexistenz als Nasenduscher reduziert, oder anders gesagt: Die Freunde lachen sich schlapp. „Da kommt der Nasenduscher!“, wer möchte schon so empfangen werden? Höchstens ein echter Nasenduscher. Solche gibt es nämlich, wie eine überaus anstrengende Internetrecherche ergab. Ich habe mich verirrt in die schillernde Welt der Nasenduscher. Gut, das Wort schillernd passt überhaupt nicht zu trockenen Nasen oder zu, Verzeihung, Nasenborke. Allein mir fällt das passende Partizip dazu nicht ein, denn ist ja zu fragen, ob es den Zustand vor oder nach der Nasendusche bezeichnen soll.

Bislang ist mir das Wort Nasenduscher entgangen. Nie zuvor ist mir ein Nasenduscher über den Weg gelaufen, obwohl es hätte sein können, denn man kann die Nase auch unterwegs duschen, quasi ambulant. Im Internet erfuhr ich, dass es sogar Nasenduscher-Partys gibt. Und eine Nasenduschenherstellungsfirma hat im letzten Jahr einen Schreibwettbewerb ausgerufen zum Thema „Mein schönstes Nasenduschen-Erlebnis“ oder so ähnlich. Leider kann man die Texte nicht einsehen, denn Einsendeschluss war Ende letzten Jahres. Zum tröstlichen Ausgleich fand ich ein Podcast, auf dem ein Mann von seinen erbaulichen Erfahrungen mit Nasenduschen berichtet.

Dem Substantiv „Nichtraucher“ haftet ein schwerer Makel an, da es den Raucher quasi zum Normalfall erklärt. Falls die Mama während der Schwangerschaft nicht geflöppt hat, kommt man bereits als Nichtraucher zur Welt. „Nicht“ ist das gestaltende Prinzip solcher Biografien. Ähnlich verhält es sich beim Wort „Nasenduscher“. Ich muss mit Erschrecken erkennen, dass ich geborener Nichtnasenduscher bin. Das deprimiert.

Guten Abend

Ich glaub', ich kauf mir ein Tief

Queenie-kauft-ein-Tief

Der Mensch kann nicht stets alles gleich gut. Du wirst morgens wach und merkst, hui, heute bin ich irgendwie … was weiß ich was. Gibt Tage, da fallen mir die passenden Wörter nicht ein, was eigentlich nur problematisch ist, wenn ich mit einem reden muss. Anderntags geht mir das Maul über, und die Sätze fließen ohne eigenes Zutun heraus, so dass ich nebenher Zeit habe zu denken, was ist denn das? Hat man mir letzte Nacht das Sprachzentrum tiefer gelegt und Heckspoiler montiert?

Ähnlich ist’s mit dem Schreiben. Tastentippen geht immer, allein die richtige Reihenfolge will mir manchmal nicht einfallen. Dann bin ich froh, dass ich einen ganzen deutschen Satz hinbekomme, doch habe ich den Punkt gemacht, tut sich gar nichts mehr. Überbelastung des Systems, der Textgenerator wurde vorsichtshalber runtergefahren. Leichte Schläge auf den Hinterkopf helfen übrigens nicht, Kopfstand schon eher.

Es gibt auch Tage, an denen ich nichts fotografiere. Ich will schon, sehe aber nichts. Wohl dem Mehrfachbegabten. Mein Künstlerfreund Rudi hat mir einmal gestanden, wenn er nicht malen könne, dann mache er Collagen, und gehe das nicht, dann würde er Gedichte schreiben. Man schwingt mental im Wind. Es gibt im Kopf Hochs und Tiefs, Flauten und Orkane, was darauf schließen lässt, dass alles vom Wetter bestimmt ist. Zur Zeit ziehen in meinem Kopf die Ausläufer von Tief Melli durch. Mal Regen, mal Sonnenschein, mal schneit es … und wieder von vorn. Tief Melli ist übrigens nach einer gewissen Melanie Irsch benannt. Sie hat von der FU Berlin die Patenschaft bei Ebay ersteigert.

Mir ist heute richtig melli im Kopf und manchmal auch irgendwie irsch. Hoffentlich hat wenigstens Melanie Irsch viel Spass mit ihrem Tief und lässt im Regen nicht die Nase hängen, weil sie quasi von sich selber nass gemacht wurde. Das hätte sie dann davon. Derzeit kann man ein Tief mit dem Buchstaben Q kaufen. Die Gebote standen um 17 Uhr bei 20,00 Euro. Namen mit Q sind selten, vermutlich gewinnt Quasimodo. „Tief Apfelpueree“ wäre irgendwie schöner.
Tief-apfelpueree
Guten Abend

Per Taxi durch die Geschichte


Der türkische
Taxifahrer, der mich heute in die Voreifel fuhr, machte darauf aufmerksam, dass die Graf-Schwerin-Straße umbenannt worden ist. Tatsächlich war das alte Schild durchgestrichen und darüber prangte ein neues. Das obere Straßenstück zum südlichen Ortsrand von Aachen hin hieß schon immer Kornelimünsterweg. Jetzt heißt die ganze Straße so. Wozu der Aufwand?

Wehrmachtsgeneral Gerhard Graf von Schwerin war 1944 Stadtkommandant von Aachen gewesen und hatte am 13. September 1944, wenige Wochen vor dem Einrücken der Alliierten Truppen, die beiden Burtscheider Jungen Karl Schwartz (14) und Johann Herren (14) wegen angeblichen Plünderns hinrichten lassen. Nach dem Krieg durfte sich FDP-Mitglied Graf von Schwerin ins Goldene Buch der Stadt Aachen eintragen, 1963 benannte man eine Straße nach ihm, passender Weise in Aachen-Burtscheid. Natürlich wurde von Schwerin nicht wegen der Schandtaten an Karl Schwartz und Johann Herren geehrt, sondern weil er die Stadt angeblich vor ihrer Zerstörung bewahrt hatte. Dafür haben die Historikern der RWTH Aachen jedoch keine Beweise gefunden. Im August 2007 hat sich der Rat der Stadt Aachen von dem peinlichen Straßennamen getrennt.

Ich fühlte mich seltsam berührt und ein wenig beschämt, als ich dem türkischen Taxifahrer erläuterte, warum die Straße umbenannt worden ist. Nationalgefühl ist unteilbar. Wenn wir zum Beispiel stolz auf unsere Verfassung sind oder darauf, dass Deutschland bereits dreimal Fußballweltmeister war, können wir nicht so tun, als gingen uns die beschämenden Aspekte der deutschen Geschichte nichts an, zumal sie, wie das Beispiel zeigt, weiterhin in die Gegenwart ragen. Der Taxifahrer sagte, er lebe schon 25 Jahre in Deutschland und habe einen deutschen Pass. So fuhren also zwei Deutsche durch die ehemalige Graf-Schwerin-Straße, doch für den türkischen Deutschen fühlte sich die Sache vermutlich anders an als für mich.

Dass Wikipedia nicht frei ist von subjektiven Darstellungen, kann man auch am Eintrag über Graf von Schwerin ablesen. Vielmehr kann man es nicht lesen, weil Angaben zu Schwerins Schuld an der Ermordung zweier Jugendlichen fehlen. Lediglich ein Literaturhinweis stellt den Zusammenhang her zwischen Gerhard Graf von Schwerin, Karl Schwartz und Johann Herren.

Im Jahre 1951 erstatteten die Eltern der beiden Jungen Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Aachen. Das daraufhin eingeleitete Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, da die standrechtliche Erschießung dem damals geltenden Recht entsprochen habe. Erst am 18. Februar 2005 wurde das Todesurteil durch das Oberlandesgericht Köln aufgehoben. Zwischen Unrechtsurteil und seiner Revidierung liegen fast 60 Jahre. Leider hat der Aachener Stadtrat eine Chance vertan. Ein Strich durch Graf-Schwerin-Straße und darüber „Schwartz-Herren-Straße“, das wäre ein Zeichen der Wiedergutmachung gewesen.


Guten Abend

Lob der Leistungsträger

auf-Knoellchen-warten

Ja, so ging’s
zu heute in Aachen. Und offenbar wurden besonders die Autofahrer „auf eine Geduldsprobe gestellt“, standen irritiert neben den Fahrzeugen und warteten vergeblich auf ihre Knöllchen. Ab und an war zu beobachten, wie einer aus Verzweiflung irgendeinen Zettel hervorkramte, ihn zerknüllte und in die Gosse warf, in Ermangelung eines echten Strafzettels. Der Müll allerdings wurde abgeholt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Müllwagen vorfuhr, und hintendrauf stand ein einzelner Mann in Grellorange. Er sprang ab, wuchtete die Mülleimer an die beiden Einfüllschächte und warf  die Tonnen nach ihrer sachgemäßen Entleerung an den Randstein. Diese kleine Nachlässigkeit habe ich ihm sogleich verziehen, denn er war ja völlig allein unterwegs.

KehrmännchenEs handelte sich vermutlich um den Leiter des Stadtbetriebs höchstpersönlich. Das Kunststück, in einer Einzelaktion die gesamte Stadt zu reinigen, hat er anscheinend schon einmal vollbracht, als es galt, die Straßen von den ekligen Müllfluten des Straßenkarnevals zu säubern. Für diese Großtat hat er von Gloria Fürstin von Thurn und Taxis höchstselbst einen Orden erhalten. Es ist nebenbei zu loben, dass sich der deutsche Adel um die Abfallbeseitigung verdient macht. Deshalb ist der Leiter des Stadtbetriebs sich auch nicht zu schade ist, den Streik der Kehrmännchen zu brechen. Leistungsträger streiken eben nicht, und so hat vermutlich im Laufe des Tages der Oberbürgermeister persönlich die wartenden Autofahrer mit saftigen Knöllchen erlöst.

Das erklärt, warum die Bürger den Streik im öffentlichen Dienst ganz gelassen nehmen, wie man den Presseberichten entnehmen kann. Das wird schon wieder, solange nur die Leistungsträger nicht streiken. Erst das wäre verheerend. Man stelle sich vor, die Aufsichtsräte der IKB hätten gestreikt, als es darum ging, den Steuerzahler um lästige 6,5 Milliarden Euro zu erleichtern. Oder die Chefs von BMW sollten grad mal auf einen Rutsch 3.500 Menschen um Lohn und Brot bringen und würden sagen: "Machen wir nicht, wir streiken." Bitte, bester Leser, stellen Sie sich die Auswirkungen auf andere Bereiche selbst vor. Einen Verzicht auf das segensreiche Wirken unserer Leistungsträger kann ich nicht weiter ausmalen, da streikt sogar meine Tastatur. Übrigens wollen die Leistungsempfänger der Bahn demnächst auch wieder streiken, wegen Bahnchef Mehdorns Trickserei. In diesem Falle wünsche ich mir jedoch dringlich, dass statt der Lokführer der Leistungsträger Mehdorn in den unbefristeten Streik tritt, und zwar für die nächsten 25 Jahre. Das sollte reichen, das Volkseigentum Deutsche Bahn vor ihm in Sicherheit zu bringen.

Guten Abend

Rosa Zeiten für Kinder

Rosa-Glückskind-

Man sollte nicht
denken, dass es rosige Kinder nur auf Plakaten gibt. Heute habe ich so ein Glückskind auf der Straße gesehen. Es war ein magerer kleiner Junge, der im sicheren Abstand hinter einem Mann herging und trotzdem versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Der Kleine trug eine schwarze Lederjacke wie der Mann, und mit gutem Willen könnte man die Gesichtsfarbe des Jungen rosa nennen. Das hatte jedoch mit dem raschen Gehen und der Kälte zu tun. Die kurzen Haare des Jungen waren mit Gel zu einem Kamm aufgestellt. Seine Miene angestrengt, ängstlich verzerrt, und Augen, die offenbar schon Übles gesehen hatten. Er war ein frühreifes Kind und wirkte so rachitisch, als sollte er nie so alt werden wie er aussah.

Es hat eine innere
Logik, dass Kinder in schwierigen Lebensverhältnissen rascher altern, denn Armut verkürzt die Lebenserwartung. Darum müssen Arme auch früher als gewöhnlich Kinder zeugen oder bekommen. Denn auch Arme fühlen sich von der Natur zur Fortpflanzung gedrängt, und gerade dann, wenn die Verhältnisse hart sind. Allerdings hinkt hier die natürliche Prägung der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher. In früheren Zeiten waren viele Kinder die Altersversorgung der Eltern. Heute sind Kinder ein Armutsrisiko. Und arme Eltern entlassen ihre Kinder ebenfalls in die Armut, denn mit einfacher Arbeit lässt sich der Lebensunterhalt nicht mehr verdienen, und das gilt nicht nur für Unqualifizierte, sondern auch für viele Angehörige des ehrlichen Handwerks.

Woran liegt das nur? Unsere Gesellschaft verliert die Mittelschicht. Sie teilt sich in arm und reich. Eine Gesellschaft mit schwacher Mittelschicht organisiert sich, soziologische betrachtet, vertikal. Das heißt, die gesellschaftlichen Schichten sind nur wenig durchlässig, weil ein Bindeglied fehlt. In einer solchen Gesellschaft kann man kaum aufsteigen. Dadurch verringert sich die Effizienz einer Gesellschaft, denn wo es keine Durchmischung gibt, können sich Talente aus unteren Schichten nicht entwickeln und somit nichts zur gesellschaftlichen Produktivität beitragen. Diese beunruhigende Entwicklung vollzieht sich nicht im Verborgenen. Die neoliberalen Politiker der herrschenden Parteien lassen sie sehenden Auges zu. Nach Auskunft der Sozialverbände begann die Verteilung von unten nach oben mit der Ära Helmut Kohl. Die Hartz-Beschlüsse der Regierung Schröder unter Mitwirkung der CDU/CSU haben die Ausplünderung der unteren und mittleren Schichten noch verschärft. Und unter Merkel geht es radikal weiter, denn inzwischen kann man da leider nichts mehr machen. Es liegt alles nur an der bösen Globalisierung.

Unsere Gesellschaft sei „Wildwest ohne Sheriff“, sagt der Kabarettist Georg Schramm. Gewiss könnte der Kleine von heute Nachmittag genau sagen, wie sich das anfühlt.

Guten Abend

Coster übern Tisch weg

Ich fand Coster im Last Exit, wie er murrend und knurrend über einer Zeitung saß. Als ich an seinen Tisch trat, stieß er mehrmals die Wörter „Schmocks“ und „Pack“ hervor. Dann besann er sich, fasste unerwartet begütigend meinen Mantelärmel und sagte: „Dich meinte ich nicht, kannst dich ruhig setzen.“
„Ach ne", sagte ich, „ich setz mich lieber eins weiter. Da ist mir zuviel negative Energie in Ihrem Dunstkreis, Herr Doktor.“ So mussten wir uns in der Folge über die Tische hinweg unterhalten, und da von der Theke her die laute Musik dudelte, wenn nicht sogar die Espressomaschine jaulte, habe ich so gut wie nix verstanden und kann nur hoffen, Coster hat mich auch nicht verstanden. Das wäre wenigstens ausgleichende Gerechtigkeit.

Kauft-Ohrstöpsel

Außerdem kann ich mir schon denken, warum Coster grantelte und es ungefähr wiedergeben. Medienschelte wird’s gewesen sein. Schimpf auf die Eliten, die sich vom Rest der Gesellschaft längst abgeschottet haben und nur am Machterhalt und an der Befriedigung ihrer niederen Instinkte interessiert sind. Und die Medien seien ihre willfährigen Schmarotzer, würden ihnen den Pelz sauber halten. Öffentlich schelten würden sie nur jene, die sich ungeschickter Weise erwischen lassen und ein törichtes Beispiel der Raffgier aus ihren Kreisen nach außen trügen. Man scheue nämlich den publizistischen Aufwand, die Sache wieder grade zu biegen. Jedesmal wenn wieder so eine himmelschreiende Sauerei aus den einvernehmlichen Kreisen der Elite nach draußen gedrungen wäre, müsste eine ganze Kompanie von Leuteverdummern aufgeboten werden zur neuerlichen Hirnwäsche der Massen, Propagandisten des Egoismus wie Olaf Henkel oder ein gewisser Herr Sinn, der sich Professor der Ökonomie schimpfe, und professorale Kollegen, die sich vom Steuerzahler für ihre hirnrissigen neoliberalen Thesen bezahlen lassen.

Überhaupt könne er, Coster, seine Professorenzunft nicht ausnehmen. Schließlich würden sie doch ihren BWL-Studenten all die miesen Tricks der wirtschaftlichen Eliten beibringen, damit sie sich später auskennen im Dreck von zum Beispiel Steuervermeidung oder gar Steuerhinterziehung. Steuern zahlen nur die Dummen, das gemeine Pack, das nicht auskommen kann trotz Onkel Konzens 1000 ganz legalen Steuertricks. Denn die Herrschaften in den Eliten wollten zwar eine exzellente Ausbildung für ihre eigene Brut, doch sie seien zu schön, dafür zu bezahlen. Man geruhe, sich durch die kleinen Leute aushalten zu lassen, um sich hübsch fürstlich vorzukommen. Natürlich dürften die nicht hochkommen. Es ist viel besser, wenn sie grad mal ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Dann haben sie nämlich nicht die Kraft, sich selber schlau zu machen. Und damit sie in ihren elenden Mußestunden nicht auf eigene Gedanken kommen, flößt man ihnen über alle denkbaren medialen Kanäle den widerlichsten Informationsmüll in die Köpfe. Und die Printmedien erst, was sei man doch eine tumbe und eitle Zunft.

Plötzlich schwieg die Espressomaschine. Coster sagte: "Die Medienhuren rechnen sich viel lieber den Eliten zu. Deshalb vertreten sie auch ihre Sache, denn zu scharfe Kritik an ihnen rechnet sich nicht. Dann bleiben die großen Anzeigenkunden weg. - Was?!“, rief er, „das ist übertrieben!?“ Er rutschte an meinen Tisch. „Dann pass mal auf: Vor etwa 10 Jahren hat mir der Verlagsleiter der Frankfurter Rundschau gesagt, man habe enormen wirtschaftlichen Druck. Die großen Anzeigenkunden würden sich verweigern und sagen: „Was wollen Sie, Ihre Zeitung wird doch nur von linken Oberstudienräten gelesen, und die kaufen unsere Produkte nicht.“ „Und“, fuhr Coster fort, „schau dir an, was aus der Frankfurter Rundschau geworden ist!“

Das also hörte ich heute sinngemäß oder auch wörtlich von Coster.

Guten Abend

Eskalierte Ordnung

ordnungWelche Ordnung ein Ladenlokal haben sollte, hängt vom Warenangebot und davon ab, was man in die Auslage legen will. Auf dem Foto setzt sich die spezielle Ordnung des Schaufensters im Laden fort. Wer also ins Schaufenster hineinschaut, sieht genau, was er zu erwarten hat. Und sollte es ihn hineintreiben, weil die Ladenordnung der Ordnung seines Kopfes entspricht, wird er beim Betreten des Ladens nicht überrascht sein, obwohl sich freilich am hinteren Ende des Ladens die Tür zu einem exklusiven Einkaufparadies auftun könnte. Es ist nicht wahrscheinlich, doch andererseits auch nicht zu bestreiten, es sei denn, man würde sich durch den Laden wühlen und nachschauen.

Träfe man einen Menschen, der gerade noch Kunde des Ladens gewesen, dann würde man sich vielleicht wundern, wenn er ganz adrett gekleidet wäre, frisch frisiert und geputzt. Es ist nämlich so, dass die Auslagen eines Menschen nicht immer darauf schließen lassen, welche Ordnung in seinem Kopf herrscht. Darum hält sich der Mensch ja an bestimmte Bekleidungskonventionen. Diese Konvention anonymisiert ihn ein wenig und lässt nur geringe Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zu.

Wer zum Beispiel bei einem Formel-1-Rennen den exklusiven Paddock-Club im VIP-Bereich der Boxengasse besuchen will, braucht einfach nur eine Eintrittskarte zu etwa 3000 Euro und geputzte Schuhe, weshalb man an der Pforte auch einen Schuhputzer bereitstellt. Es geht dort wie in vielen Bereichen des Lebens nur um die Auslagen eines Menschen. Es kann einer ein reicher Steuerhinterzieher sein oder der russischen Mafia angehören, stimmt das Outfit, sind die Schuhe geputzt, ist er gesellschaftsfähig.

Nur Narren spiegeln ihr Inneres nach außen, denn ein jeder würde seine Gesellschaftsfähigkeit verlieren, wenn er so närrisch wäre. Allerdings wächst die Neigung zum Exhibitionismus und gleichsam wächst die Lust, die Vergehen der Mitmenschen an die Öffentlichkeit zu bringen, sich und andere quasi in ein Schaufenster zu stellen. In diesem Zusammenhang ist ein neues Wort in der Sprache aufgetaucht, ein Homonym zu eskalieren. „Eskalieren" ist ursprünglich ein rückbezügliches Verb, man kann sich eskalieren, was soviel heißt wie „sich stufenweise steigern“. Auch eine Situation kann eskalieren. Das neue Wort „eskalieren“ ist eine direkte Übersetzung aus dem Englischen; to escalate bedeutet, ein Problem mit dem Verantwortlichen zu besprechen. Dieser Anglizismus „eskalieren“ wird also zielend verwendet. Man kann etwas eskalieren, was soviel bedeutet, dass man einem Vorgesetzten eine Information zukommen lässt, eventuell um Kollegen anzuschwärzen. Eskalieren kann man auch mit Hilfe einer E-Mail, indem man einen CC-Anhang macht und den Adressaten unter den Druck einer Öffentlichkeit der anderen Adressaten setzen.

Im wüsten Schaufenster unserer Gesellschaft liegt neuerdings auch das Wort eskalieren. Ich will’s ehrlich gesagt nicht haben.

Guten Abend

Haumassakatagatanamamor

Heute gibt es keinen Abendbummel, no Sir, allenfalls einen ganz kurzen, der schon zu Ende ist, bevor er überhaupt richtig angefangen hat.

„Haumassakatagatanamamor?!“, rief ein aufgebrachter Mann mit sich überschlagender Stimme in sein Handy, und ich dachte noch, da möchte ich nicht am anderen Ende sein und verstehen, was das heißt. Da er seine heftige Frage mehrfach wiederholte, bevor er zu anderen Tiraden wechselte, konnte ich mir den Wortlaut notieren. Gewiss ist alles nur annähernd aufgeschrieben, denn es ist schwierig, die Äußerung einer unbekannten Sprache aufzuzeichnen. Einen ähnlichen Effekt kann man erleben, wenn man einen fremden Dialekt aufschreiben wollte. Selbst beim eigenen Dialekt kann man nicht mit Sicherheit sagen, wie ein Wort nun wirklich geschrieben werden müsste, wenn keine Vereinbarung besteht, mit welchen Buchstaben die Laute abgebildet werden. Die Lautschrift bietet ja immer nur eine Annäherung an den Laut. Wollte man alle Laute des Deutschen korrekt in der Schrift abbilden, reichten die 26 Buchstaben des Alphabets nicht. Man bräuchte mehr als doppelt so viele, weshalb wir verschiedene Laute mit den gleichen Buchstaben wiedergeben, wie etwa mit dem ch bei „ach“ und „ich“.

Wo sind bei „Haumassakatagatanamamor“ die Wortgrenzen? Wenn man gar nichts über eine Sprache weiß, lässt sich selbst das nicht bestimmen. Man müsste dazu die Sortierung-der-KonsortenGrammatik der Sprache kennen. Hier lässt sich ermessen, was ein Sprachwissenschaftler leisten muss, wenn er eine seltene Sprache beschreiben will, für die es keine Schrift gibt. Ist eine Sprache dann aber verzeichnet, hat man eine Wortliste und ein Grammatikmodell erstellt, erst dann kann man in dieser Sprache einen Fehler machen. Sprachliche Fehler sind eigentlich eine natürliche Erscheinung. Sie treiben den Sprachwandel an, halten eine Sprache lebendig. Durch die Schriftlichkeit einer Sprache wird der Sprachwandel gebremst, kommt bei rigider Auffassung von Orthographie und Schulgrammatik sogar fast zum Stillstand.

Das Mündliche hat seine eigene Qualität und hängt nicht von Kategorien des Schriftlichen ab. Denn eigentlich sollte die Schrift der Sprache dienen, wenn auch manch törichter Sprachpfleger das Gegenteil fordert. Ob der wütende Mann nun „Haumassakatagatanamamor?!“ gerufen hat oder „Hau massa kata gatana Mamor“ ist hinsichtlich der Wirkung auf seinen Zuhörer völlig egal. Ja, selbst wenn in der Erregung manche Silben nur schludrig ausgesprochen wurden, wird der andere wissen, was gemeint ist.

Ein kurzer Bummel, wir sind so gut wie zu Hause. Was genau ist mit dem Plakat im Schaufenster einer Fotohandlung gemeint? Es ist eindeutig ein deutschsprachiger Text, doch was der Verfasser dabei für ein Durcheinander der Begriffe im Kopf hatte, möchte ich jedenfalls nicht im Kopf haben.

Guten Abend

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