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Einfach zu viele Eier

Traditionell sammelten die Messdiener unseres Dorfes vor Ostern Eier. Sie zogen mit einer mit Stroh gepolsterten Zinkwanne von Bauernhof zu Bauernhof und wurden dort in die Scheunen komplimentiert, wo sie sich bedienen durften an den Nestern, die die Hühner versteckt in Stroh und Heu angelegt hatten. Die Idee, Hühner in Ställe oder gar in Legebatterien zu pferchen, war noch nicht in der Welt, zumindest nicht bei den traditionell wirtschaftenden Bauern. Man hatte allerdings schon von Hühnerfarmen gehört. Diese Vorboten einer böseren Welt lagen außerhalb der Dörfer, wegen des Gestanks, der von den Ausscheidungen von mit Fischmehl gefütterter Hühnern in die Umwelt geblasen wurden.

Dorthin verschlug es die Messdiener nicht. Sie tasteten sich brav durch dunkle Scheunen, um Hühner von ihren Nestern zu scheuchen und um die Eier zu beklauen. Ein jährlich wiederkehrender Ärger waren die Forderungen des Pastors, die halbe Ausbeute der Eier zu bekommen. Es war offenbar ein Gewohnheitsrecht, denn man hatte nie davon gehört, dass seine Ansprüche öffentlich diskutiert wurden. Und wer von den Messdienern hätte die Revolution gewagt, wenn Pastors Haushälterin sich die Hälfte der mühsam erbettelten Ausbeute aus den Wannen nahm. Das waren pro Wanne im Schnitt 20 Eier. Da kamen aus verschiedenen Wannen rasch 200 Eier und mehr zusammen, eine Herausforderung für Pastors Haushälterin, Pastors Küche, Pastors Mahlzeiten und besonders für seine Herzgesundheit, weshalb Herr Pastor schon länger an der Schaufensterkrankheit litt.

Bekanntlich rührt ihr Name daher, dass Betroffene beim Gehen aufgrund von Schmerzen in den Waden oder Oberschenkeln immer wieder stehen bleiben müssen. Um die Pausen vor Außenstehenden zu verbergen, tun sie so, als würden sie interessiert in ein Schaufenster blicken. Doch im Dorf gab es so gut wie keine Schaufenster. Mit hübsch dekorierten Schaufenstern die Laufkundschaft anzulocken, war in den wenigen Läden des Dorfes ebenfalls noch nicht bekannt. So blieb Herr Pastor einfach vor Häuser stehen und linste in die Fenster, was nicht jedem gefiel, besonders, wenn er die Augen beschattete, um besser nach drinnen sehen zu können.

Auch sah man ihn an Vorgärten stehen, um manches Blümelein und manchen Gartenzwerg zu segnen, doch als er auch anfing, die Straßenlaternen zu segnen, wurde das dem Bischof zugetragen. Die bischöfliche Strafe traf den Pastor härter als jedes Fastengebot: Ein absolutes Eierverbot. Fortan wurde der Pastor von seiner Haushälterin auf eine Diät aus Hafergrütze und dünnem Tee gesetzt.

Man sagt, seine Schaufensterkrankheit habe sich daraufhin schlagartig gebessert. Zwar blieb er immer noch gelegentlich vor den Häusern stehen, doch nicht mehr, um die Laternen zu segnen, sondern weil er mit der Nase im Wind versuchte, den Duft von gebratenem Spiegelei mit Schinkenspeck aus einer Bauernküche zu erhaschen.
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