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Trithemius - 7. Apr, 17:25
„Wenn ein Mensch geboren ist und erste Eindrücke empfängt, bilden sich diese in seinem Gehirn ab wie eine sich langsam modellierende Landschaft – mit Flussläufen, Tälern, Ebenen, Gebirgszügen und Einöden. Und je nach Heftigkeit der Eindrücke gewinnt die Landschaft an Lieblichkeit und Schroffheit mit all den Nuancen dazwischen. In dieser Landschaft ist von Tag eins ein Aufmerksamkeitsfunke unterwegs, mal gesteuert, als Reaktion auf einen Eindruck, mal frei in völliger Selbstvergessenheit, gleich einem Wanderer in seinem Universum. Wo er mal gewesen ist, hinterlässt er Spuren. Wenn er sie wiedersieht, sagen sie ihm: hier ist vertrautes Land.“
Coster saß auf der Bank vor der Hangwiese, mit dem Blick nach innen gewandt, als hätte er sich in seiner Schilderung verloren. Ich dachte, dass es gut wäre, ihn zu unterbrechen, damit er nicht völlig abdriftete. Darum sagte ich: „Vermutlich kreist der Wanderer am liebsten auf vertrauten Wegen.“
Coster schreckte auf: „Ja, darum müssen wir ihn dort herausholen, indem wir ihn mit neuen Eindrücken überraschen.“
„Die Eltern montieren ein Mobile über seinem Kinderbett, womöglich eins mit Spieluhr.“
„Zum Beispiel. Zu den visuellen Reizen gesellen sich die Taktilen und Akustischen. Mal staunt der Säugling das gelbe Kleid der Mutter an und hört aus ihrem Mund den Laut „gelb“. Später lernt es, diesen Laut selbst hervorzubringen, womit es sich die Vorstellung des gelben Kleids der Mutter beliebig aufrufen kann, selbst wenn die Mutter gar nicht in der Nähe ist. Male dir die weitere Entwicklung selber aus Trithemius! Bist ja alt genug.“
„Könnte ich, wenn ich wüsste, worauf Sie hinaus wollen, Coster.“
„Auf die je individuelle Herausbildung der Gehirnslandschaft. Zwei und mehr Kinder des gleichen Kulturkreises bilden ähnliche Landschaften aus, jedoch niemals identische. So kommt es, dass jedes Individuum in seinem Kopf einen eigenen Kosmos beherbergt, in dem ähnliche Verhältnisse bestehen. Um die Isolation im eigenen Kosmos zu überwinden, kann der Mensch Informationen austauschen, meist über Sprache.“
„Ja, aber es ist keine 1:1-Verbindung möglich“, wandte ich ein. „Sagt eines ‚gelb‘, verbindet es etwas anderes damit als sein Hörer, je nach der Weise wie der Laut ‚gelb‘ in seinen Kopf gelangt ist und mit der Farbe verknüpft wurde.“
„Es stört die Kommunikation meistens nicht, dass jedes Individuum andere Konnotationen hat“, sagte Coster ungeduldig. „Das ist das kosmische Rauschen, aber das Gehirn modelliert das Rauschen heraus, indem es nassforsch in sein eigenes Gelb übersetzt.“ Er schaute mich eindringlich an.
„Hätten wir das endlich geklärt?“, fragte er leicht genervt. „Dass du aber auch immer so ein langsamer Denker sein musst, Trithemius.“
„Na, erlauben Sie mal, Coster. Ich muss Ihren Gedankenwust doch ordnen und allgemein zugänglich machen.“
„Allgemeine Zugänglichkeit habe ich nicht erbeten. Sollen denn Traumschiffe anlanden in meinem Kopf, Tausende Touristen ausspucken, damit sie überall herumlatschen?“
„Um Himmelswillen, das nicht!“
„Vor allem nicht, wenn ich jetzt zur Theorie der Multiversen übergehe. Dann verlaufen sich die Leute doch.
Wir wissen längst: Je tiefer die Astrophysik in den physikalischen Kosmos eindringt, desto schneller expandiert er. Du kennst das Bild, Trithemius: Dem Hund ist ein Stock auf den Kopf gebunden, woran vor seiner Nase die Wurst baumelt. Ich glaube, unsere Astrophysiker schauen in ihrer Hybris der groß und noch größeren Spiegel- und Radioteleskope in die falsche Richtung. Sie fabulieren von Multiversen, von Duplikaten unserer Welt, wo jeder Mensch mehrfach existieren kann. Aber diese theoretischen Alternativwelten seien für uns unerreichbar. Hier die Blickrichtung zu ändern ist schier unmöglich. Der vergeblich galoppierende Hund wird am Leben gehalten von Steuergeldern und eingeworbenen Drittmitteln, ernährt wiederum selbst Lehrstuhlbesitzer mit ihren Familien und ein Heer von Forschern und Technikern. Ändern wir trotzdem mal die Blickrichtung und sagen: Die Multiversen sind unsere Köpfe. Jeder von uns, du auch, existiert im Kopf dessen, der ihn kennt, zwar in umgestalteter Form, doch in je subjektiven Teilaspekten ähnlich mit dem beispielsweise real herumlaufenden Trithemius.“
„’Beispielsweise real herumlaufen‘, ne ne, Coster, sowas mache ich nicht.“
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Trithemius - 5. Apr, 18:23
Einer, an den ich ein halbes Jahrhundert nicht gedacht habe, doch heute Morgen um so öfter, um meiner Erinnerung etwas mehr abzutrotzen als den Namen, dieser junge Mann war „der Pohl.“ Ob der Pohl einen Vornamen hatte, weiß ich zuverlässig nicht. Bei uns hieß er nur „der Pohl.“ Der Pohl hatte irgendwas mit der Klosterschule Knechtsteden zu tun, woher er auch meinen Bruder kannte. Er war aber nicht im gleichen Jahrgang, sondern deutlich älter. Nach dem Tod meines Vaters tauchte der Pohl immer wieder bei uns auf, um wohl meine Mutter zu besuchen. Aus heutiger Sicht war er etwas wie ein Witwentröster. Ich erinnere mich, dass der Pohl aber nur ungeschickt tröstete, stets große Reden schwang, meist die Politik Konrad Adenauers betreffend. An der ließ er kein gutes Haar.
Meine Mutter hörte sich das höflich an, derweil sie unsere Wohnküche putzte und der Pohl seine Füße hochheben musste, damit meine Mutter auch unter seinem Stuhl wischen konnte. Sie hatte mal in einer Mußestunde an Familienminister Würmeling (CDU) geschrieben oder schreiben wollen, denn Muße kannte sie eigentlich nicht. Wenn sie den Dreck wegwischte, den der Pohl mit seinen groben Schuhen in die Stube getragen hatte, war das ihre Muße. Jedenfall hatte sie an Familienminister Würmeling (CDU) geschrieben. Oder sie wollte es zumindest, um ihre prekäre Lage als Witwe mit drei kleinen Kindern darzulegen. Minister Würmeling hatte aber nicht geholfen, entweder weil ihm aus Gründen die Hände gebunden waren oder weil er nie einen Brief meiner Mutter bekommen hatte. Es war dem Pohl aber Wasser auf den Mühlen.
Trotzdem gelang es ihm nicht, meine Mutter zu überzeugen. Es gab nur einen SPD-Wähler im Dorf, und man wusste, wer das war. Meine Mutter jedenfalls nicht, obwohl sie sich alles anhörte, was der Pohl ihr einflüsterte. Es wurde aber auch vor jeder Wahl im sonntäglichen Hochamt ein bischöflicher Hirtenbrief von der Kanzel aus vorgelesen, in dem die Bischöfe darlegten, gute Christenmenschen wüssten, wen sie zu wählen und wen sie nicht zu wählen hätten. Dagegen war der Pohl mit seinen dreckigen Schuhen machtlos.
Irgendwann gab der Pohl seine Mission auf und kam nicht mehr. Meine Mutter beseitigte die letzten Spuren, indem sie unter seinem Stuhl wischte. Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Vermutlich schmort der Pohl in der katholischen Hölle.
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Trithemius - 4. Apr, 09:29
Traditionell sammelten die Messdiener unseres Dorfes vor Ostern Eier. Sie zogen mit einer mit Stroh gepolsterten Zinkwanne von Bauernhof zu Bauernhof und wurden dort in die Scheunen komplimentiert, wo sie sich bedienen durften an den Nestern, die die Hühner versteckt in Stroh und Heu angelegt hatten. Die Idee, Hühner in Ställe oder gar in Legebatterien zu pferchen, war noch nicht in der Welt, zumindest nicht bei den traditionell wirtschaftenden Bauern. Man hatte allerdings schon von Hühnerfarmen gehört. Diese Vorboten einer böseren Welt lagen außerhalb der Dörfer, wegen des Gestanks, der von den Ausscheidungen von mit Fischmehl gefütterter Hühnern in die Umwelt geblasen wurden.
Dorthin verschlug es die Messdiener nicht. Sie tasteten sich brav durch dunkle Scheunen, um Hühner von ihren Nestern zu scheuchen und um die Eier zu beklauen. Ein jährlich wiederkehrender Ärger waren die Forderungen des Pastors, die halbe Ausbeute der Eier zu bekommen. Es war offenbar ein Gewohnheitsrecht, denn man hatte nie davon gehört, dass seine Ansprüche öffentlich diskutiert wurden. Und wer von den Messdienern hätte die Revolution gewagt, wenn Pastors Haushälterin sich die Hälfte der mühsam erbettelten Ausbeute aus den Wannen nahm. Das waren pro Wanne im Schnitt 20 Eier. Da kamen aus verschiedenen Wannen rasch 200 Eier und mehr zusammen, eine Herausforderung für Pastors Haushälterin, Pastors Küche, Pastors Mahlzeiten und besonders für seine Herzgesundheit, weshalb Herr Pastor schon länger an der Schaufensterkrankheit litt.
Bekanntlich rührt ihr Name daher, dass Betroffene beim Gehen aufgrund von Schmerzen in den Waden oder Oberschenkeln immer wieder stehen bleiben müssen. Um die Pausen vor Außenstehenden zu verbergen, tun sie so, als würden sie interessiert in ein Schaufenster blicken. Doch im Dorf gab es so gut wie keine Schaufenster. Mit hübsch dekorierten Schaufenstern die Laufkundschaft anzulocken, war in den wenigen Läden des Dorfes ebenfalls noch nicht bekannt. So blieb Herr Pastor einfach vor Häuser stehen und linste in die Fenster, was nicht jedem gefiel, besonders, wenn er die Augen beschattete, um besser nach drinnen sehen zu können.
Auch sah man ihn an Vorgärten stehen, um manches Blümelein und manchen Gartenzwerg zu segnen, doch als er auch anfing, die Straßenlaternen zu segnen, wurde das dem Bischof zugetragen. Die bischöfliche Strafe traf den Pastor härter als jedes Fastengebot: Ein absolutes Eierverbot. Fortan wurde der Pastor von seiner Haushälterin auf eine Diät aus Hafergrütze und dünnem Tee gesetzt.
Man sagt, seine Schaufensterkrankheit habe sich daraufhin schlagartig gebessert. Zwar blieb er immer noch gelegentlich vor den Häusern stehen, doch nicht mehr, um die Laternen zu segnen, sondern weil er mit der Nase im Wind versuchte, den Duft von gebratenem Spiegelei mit Schinkenspeck aus einer Bauernküche zu erhaschen.
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Trithemius - 1. Apr, 11:41
Der Schweizer Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli verzeichnet im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ einen Brauch aus Württemberg: Am ersten April „schickt man die Kinder in die Häuser mit einem Zettel, auf dem steht:
Aprilenbot, Aprilenbot!
Schick den Narren weiter
Gib ihm auch ein Stücklein Brot,
Dass er net vergebens goht.“
In diesem Brauch wird am kindlichen Analphabeten die Macht des Alphabets demonstriert. Wenn sich niemand erbarmt, wird das Kind bis zu seiner Erschöpfung weiter in den April geschickt, ohne zu wissen wie ihm geschieht. Theoretisch wird durch die Schulpflicht jedes Kind aus seiner Unkenntnis der Schrift erlöst. Trotz aller Bildungsbemühungen bleibt die Zahl der Analphabeten laut einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2018 konstant bei etwa 6,2 Millionen.
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Trithemius - 28. Mär, 11:06
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an? Ich habe nicht nachgeguckt, es wäre leicht herauszufinden. Dann hätte ich jedoch keine Lust mehr, darüber zu schreiben.
Ich habe mich vor vielen Jahren deshalb einmal mit meiner Familie im Wald verirrt. Der Himmel hatte sich zugezogen, Gewitter drohte, und ich war noch nie in diesem Teil des Waldes gewesen. Wir standen mit den Fahrrädern, die kleineren Kinder hinten drauf, ratlos an einem 5-Sprung, einer Kreuzung also, wo wir vier Möglichkeiten hatten, rasch nach Hause zu kommen.
Ich hatte gelesen, dass die Bäume auf einer Seite Moos ansetzen. Da der Wind hier meist aus Westen kommt, wäre es ein guter Wegweiser gewesen. Doch auf welcher? Ich entschied mich für die falsche Richtung, und nach langem Irren fanden wir heraus. Wir waren in Belgien gelandet. Ein Ehepaar, das von dort kam und in der Nähe wohnte, hat uns geholfen, und meine Frau und die Kleinen nach Hause gefahren mit dem Auto. Ihr Fahrrad hinten drin.
Es ist nämlich so, dass es oft besser ist, eine Sache gar nicht zu wissen als halb.
Ein anderes Beispiel erlebte ich heute. Ich fand nämlich heraus, warum ich jemanden aus dem blog geographisch falsch angesiedelt hatte. Ich schrieb E-Mails hin, und in meiner Vorstellung gingen sie nach Süden. Doch eigentlich war es die andere Richtung, die Mails wussten zum Glück, wo sie hinsollten. Es wäre, was anderes, wenn man einen Brief in der eigenen Tasche befördern würde, oder?
Nebenbei, es hat gar nichts mit dem Thema zu tun. Doch weil heute Samstag ist … In Halldor Laxness’ Roman „Am Gletscher“ wird von einer wundersamen Postbeförderungs-Methode berichtet: Der Bischof sendet einen Brief in die einsame Gegend am Gletscher. Weil ein Priester dort die Kirche vernagelt hat und nur noch Autos repariert. Vom Glauben abgefallen, der Mann! Das kann schon mal passieren.
Nun, der Brief wird also einem Bauern gegeben. Er nimmt ihn mit, und bei Gelegenheit gibt er ihn einem, der zufällig mal in diese Richtung muss. Der kann dann auch schon mal ein paar Tage oder Wochen irgendwo in einer Stube herumliegen, bis er in die nächste Hosentasche wandert und weiter befördert wird.
Wenn er sein Ziel erreicht ist er schon ein bisschen speckig. Von den vielen Händen und den schmutzigen Hosentaschen. Ist das nicht witzig?
Kannst du dir das vorstellen: Da sitze ich vor der Tastatur und finde plötzlich das ß nicht. Es hat sich verborgen, das dumme Huhn Eszett, weil es Angst hatte, dass ich etwas Schlechte über es schreibe.
Das kriegst du jetzt, ß, das hast du davon:
Es ist nämlich so, das Eszett ist in jungen Jahren ein Doppel-s gewesen. Jan Tschichold, ein berühmter Typograph vom Anfang des letzten Jahrhunderts, hat darauf aufmerksam gemacht, doch ein bisschen, glaube ich, falsch erklärt. Jedenfalls muss man wissen, dass es in der Frakturschrift zwei verschiedene Formen des „s“ gab, ein langes (es sieht fast wie ein kleines f aus) und ein rundes. Man hatte das aus eugrafischen Gründen, also weil es schöner aussah. Trafen nun zwei s an der Silbengrenze zusammen, dann nahm man das lange s für den Schluss der ersten Silbe, das runde für den Beginn der zweiten. Das kannst du dir vorstellen, es sah wie ein ß aus. Man sieht es sogar bei dieser serifenlosen Lateinschrift noch. Ja, und irgendwann wurde es verlesen. Das heißt, man betrachtete das runde s als z. Dann hast du Eszett. Das Hühnchen Eszett ist also ein Bastard, eine kleine sprachliche Missgeburt. So, Eszett, zufrieden!? Und verbirg dich nicht wieder, sonst gibt es noch mehr drauf!
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Trithemius - 26. Mär, 15:08
Ich habe mich gründlich getäuscht. Als ich im Jahr 2005 das Bloggen für mich entdeckte, war ich begeistert von diesem neuen, wechselseitigen Medium. Ich glaubte, mit der Demokratisierung der Publikation habe eine neue Epoche begonnen – eine Befreiung des Denkens von der Fremdherrschaft durch die klassischen Medien. Im Internet sah ich die Chance für einen öffentlichen Diskurs in einer basisdemokratischen „Universität“, die keiner Zensur unterliegt und allen offensteht. Rückblickend wird mir jedoch klar, dass ich etwas Entscheidendes übersehen habe. Die Gesellschaft war auf diese neue Form der Öffentlichkeit nur unzureichend bis gar nicht vorbereitet.
Klassische Medien hatten über Jahrzehnte hinweg weder eigenständiges noch gemeinschaftliches Denken in der Breite gefördert; sie ermöglichten lediglich eine begrenzte Teilhabe am Diskurs, etwa in stark redigierten Leserbriefspalten. In diese von Einwegkommunikation geprägte Landschaft – hier der Sender, dort der weitgehend passive Empfänger – brachen zunächst Blogs und später Formen des Mikrobloggings ein. Plattformen wie Facebook oder Twitter machten es möglich, Gedanken ungefiltert und unmittelbar zu veröffentlichen – oft solche, die zuvor nur im privaten oder informellen Rahmen geäußert worden wären. Viele dieser Äußerungen tragen daher den Charakter des Unausgereiften: Sie entstehen schnell, ohne sorgfältige Prüfung, ohne das Durchdenken von Konsequenzen oder das Abwägen von Gegenpositionen. Die traditionellen „Filter“ des Schriftlichen – Reflexion, Struktur und Selbstkritik – werden dabei häufig umgangen.
Was die erweiterte Teilhabe am öffentlichen Diskurs betrifft, habe ich zudem unterschätzt, welche Wirkung Anonymität und digitale Distanz entfalten können. Nicht wenige Menschen scheinen damit emotional überfordert zu sein. Es entstehen Kommunikationsformen, die von Aggression, Enthemmung und Verantwortungsdiffusion geprägt sind. Aus dieser Dynamik heraus entwickeln sich Phänomene wie gezielte Diffamierung, Hassrede, sogar Drohungen oder spätpubertäre digitale Vergewaltigungen, wie jetzt am Fall Collien Monica Fernandes bekannt wurde, die im analogen Raum so kaum artikuliert werden würden oder wie im genannten Fall nur durch neue KI-Werkzeuge möglich wurden.
Meine anfängliche Zuversicht war von der Annahme getragen, dass ein offenes Kommunikationsmedium automatisch zu mehr Aufklärung, Verantwortungsbewusstsein und selbstständigem Denken führen würde. Im Einzelfall mag sich diese Hoffnung erfüllen. Insgesamt jedoch zeigt sich ein ambivalenteres Bild: Die neuen Möglichkeiten verstärken nicht nur reflektierten Austausch, sondern ebenso vorschnelle Urteile und destruktive Tendenzen.
Es bleibt daher eine offene Frage, ob es künftigen Generationen gelingen wird, die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit diesen Medien zu entwickeln. Ebenso denkbar ist, dass die Gesellschaft noch lange mit den Nebenfolgen dieser technologischen Entwicklung ringen wird. Das Internet ist kein per se emanzipatorisches Werkzeug – sein Nutzen hängt entscheidend davon ab, wie verantwortungsvoll wir mit ihm umzugehen lernen oder ob wir es wie einen verhexten Besen gewähren lassen, der sich unserer Kontrolle entzieht und dem wir mit unseren Mitteln nicht mehr beikommen können.
(Aus Jules van der Ley:
Buchkultur im Abendrot)
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Trithemius - 23. Mär, 11:37
„Wenn du so durch die Felder wanderst, siehst du hinter einem Hügel plötzlich die Spitze eines Kirchturms.“ Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, räusperte sich. „Dann weißt du ohne nachzudenken…“
„… dass die Spitze nicht allein dort steht, sondern dass sich darunter eine Kirche befindet und sich ringsum ein Dorf schart. Vorausgesetzt, es ist nicht gerade in den Feldern versunken.“
„Donnerwetter! Du beendest meinen Satz, als würdest du Sekundenbruchteile in der Zukunft leben.“
.
„Entschuldigen Sie mein Vorpreschen, Professor. Aber ich hatte schon mal darüber nachgedacht. Die Kirchturmspitze genügt, und mein Kopf ergänzt den Rest – Kirche, Dorf und Pipapo.“
„Genau darauf will ich hinaus. Ein Großteil unserer Wahrnehmung funktioniert so: Ein Bruchstück reicht, und wir reagieren, als hätten wir das Ganze gesehen.“
„Manchmal genügt ein Hauch, und das Urteil steht längst.“
„Und die Geschwindigkeit ist unterschiedlich. Die Bedächtigen warten ab, die Voreiligen reagieren sofort – schnell, aber nicht immer genau. Was uns einst half, Gefahren früh zu erkennen, wirkt auch anderswo. Etwa bei der Partnerwahl: Ein Blick, ein Detail …“
„… und schon steht das Urteil. Allerdings kann man sich täuschen. Zum Beispiel, wenn sie eine Kirchturmspitze als Hut trägt. Sie erwarten ein Dorf, Professor – und finden nur die Frau.“
„Tuppes! Ich mag keine Hüte. Wenn sie mir trotzdem gefällt, arrangiere ich mich eine Weile. Aber auf Dauer wünschte ich mir eine ohne Kirchturm auf dem Kopf – eine, bei der schon der Anblick ihrer Armbeuge genügt.“
„Haben Sie das erlebt, Coster?“
„Meistens war’s eine mit einem täuschenden Hut.“
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Trithemius - 20. Mär, 09:03
In dem fremden Dorf in der Ebene hätte ich niemals so einen steilen Anstieg vermutet. Er tat sich auf, als wir den Dorfplatz überquert hatten und nach rechts in eine Gasse einbogen. Urplötzlich stieß die Gasse bolzengerade himmelwärts, gepflastert mit groben Kopfsteinen, und zwar mit einer starken Wölbung in der Mitte und zu den Seiten abfallend.
„Pardauz! Ein Kuriosum, das ich hier nicht erwartet hätte!“, rief Coster, unser Wanderführer. Das Kopfsteinpflaster schien wie der Panzer einer uralten Schildkröte. In ihrer Wölbung taten sich mörderisch breite Fugen auf, und ich bedauerte jeden Radfahrer, der diese Gasse würde befahren wollen. Nachdem wir ein wenig himmelan gestiegen waren, wich die Bebauung zurück und es taten sich Felder auf. An einem hölzernen Masten am Wegesrand klebte ein Plakat, worauf in Frakturschrift stand, dass just an diesem Abend um 19 Uhr die Tour de France vorbeikommen würde. Ich geriet in Verzückung, stellte mir vor, wie das Peloton über dieses Kopfsteinpflaster hinwegfliegen würde, dachte an die verzerrten Gesichter ausgemergelter Männer, konnte aber bei meinen Weggefährten keine Begeisterung wecken. Einer von ihnen klagte über Unwohlsein; ihm sei schwindlig, sagte er, und das Steigen mache ihm zu schaffen. Je mehr die anderen auf ihn einredeten, desto mehr bestand er darauf, umzukehren. Schließlich entschied Coster, den Rückweg anzutreten.
Während ich noch unschlüssig erwog, mit den anderen zurückzugehen und den langen Weg zum Dorf gegen Abend nochmals zu unternehmen, mahnte Coster zum Aufbruch. Unvermittelt fand ich mich zurückgelassen in der Fremde. Unschlüssig stieg ich hinab zum Dorfplatz und sah keine Seele. Das Dorf wirkte wie ausgestorben. War ich etwa in eine Wüstung geraten, und niemand außer mir würde um 19 Uhr den Anstieg säumen, wenn die Tour über das Kopfsteinpflaster hoch stürmte? Auch fiel mir auf, dass 19 Uhr um diese Jahreszeit schon spät für ein Radrennen wäre. Man müsste in der Dämmerung fahren, was in beleuchteten Städten kein Problem ist, aber hier in dieser Einöde über eine Kopfsteinpflasterpassage? Und überhaupt, wurde die Tour nicht im Sommer ausgetragen? Wo war ich nur leichtfertig hineingeraten? War ich vorgesehen als einziger Zuschauer eines Geisterradrennens?
Ich sah mich in der Dämmerung einsam an der Strecke stehen und warten. Oben am Mast direkt über dem Plakat hing ein altertümlicher Lautsprecher. Aus dessen Trichter erscholl aus weiter Ferne die hohle Stimme eines Speakers und kündigte das sich nähernde Rennen an, dann zerriss ein Knattern die Abendstille, und drei, vier, fünf Gestalten auf Motorrädern wischten vorbei, eine Trillerpfeife schrillte, ein Auto kam hupend den Berg hinauf, ein zweites, dann wieder erwartungsvolle Stille. Urplötzlich quälte sich ein einsamer Ausreißer über das Kopfsteinpflaster hinan, und was ich als schmerzverzerrtes Gesicht wähnte zu erkennen, waren das nicht die gebleckten Zähne eines Totenschädels? Mir blieb kaum Zeit mich abzuwenden, da rauschte das Peleton heran. Ich spürte es mehr als ich sah. Ein eisiger Luftzug strich vorbei, zauste meine Haare und brachte meine Beinkleider zum Flattern. Ich hörte Schneuzen, unterdrückte Rufe, sausende Fahrradketten, sah nicht hin, denn hunderte Totenschädel wären zuviel für meine angespannten Nerven gewesen. Es hätte mich umgerissen, und dann wäre ich erwacht, wie sich blanke Schädel über mich beugten, um mich in den Besenwagen zu schleppen, der am Schluss jedes Rennens fährt.
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