Aus Stadt und Land

Die kluge Kuh Klara findet Kühle im Schatten„Das sind Pflaumen?“, fragt die Kassiererin bei Plus, damit sie die richtige Codezahl in die Waage eintippen kann.
„Ich glaube, ja“, sage ich und denke: Wir Leute aus der Stadt.

Immerhin trägt sie nicht so ein Plus-T-Shirt mit der Aufschrift: „Wir werden Sie begeistern“. Das sieht nämlich zu albern aus an Frauen, die vor lauter Stress nicht mal mehr hochschauen, so dass ein Gruß ungehört verhallt. Smarte Herren in Chefetagen haben sich das T-Shirt ausgedacht. Dabei haben sie nicht im Traum daran gedacht, die Arbeitsbedingungen ihrer Angestellten anzupassen. Darum geht der Schuss nach hinten los, und ich denke, wenn du arme gestresste Frau mich begeistern wolltest, müsste ich drauf sein wie deine smarten Chefs, und das wollte ich ums Verrecken nicht.

Luftig gekleidete Studenten bilden hübsche Schlangen vor drei Kassen. Jeder nur mit sich und seinen Zielen beschäftigt. Einige kommen von der Liegewiese des Westparks, andere wollen gleich wieder hin, mit Grillgut und Getränken im Arm. Vermutlich ist’s eine dumme Frage, trotzdem stellte ich sie mir gestern: Wozu legt sich das junge Volk stundenlang in die pralle Sonne? Wollen sie sich vor dem Urlaub die Urlaubsbräune holen, damit man sie im Ballermann nicht als Neuankömmlinge erkennt? Fällt das bei Kunstlicht überhaupt auf? Und wäre es nicht eigentlich ein zu großer Aufwand für so eine kleine Sache? Spätestens, seitdem spezielle Studios die rundum Elektronegerbräune versprechen, gehört doch das nahtlose Braunsein eigentlich zur Prollkultur. Die edelfuchsige Bräune vom Aufenthalt auf Segeljachten kann man sich jedenfalls weder im Sonnenstudio noch im Aachener Westpark holen.

Bessy, Klara und Kolleginnen halten nichts davon, in der Sonne zu braten. Allerdings heißen die klugen Kühe nicht so, sondern sie haben Nummern auf dem Hinterteil, je links und rechts des Schwanzansatzes. So eine Nummer ist nur auf den ersten Blick praktischer als ein Name. Der moderne Landwirt verwaltet seinen Viehbestand mit dem Computer, und dem Computer ist’s gleich, ob er Namen oder Zahlen verarbeitet. Doch für den Landwirt am Bildschirm macht es einen gewaltigen Unterschied, ob er die treue Klara oder Kuh Nummer 125 in einen fernen Schlachthof schickt. Eine Nummer statt eines Namens erleichtert jedes rohe Geschäft. Solche Ideen geistern gewiss auch durch den Kopf unseres Innenministers und seiner Gesinnungsfreunde.

Moment, der Bummel ist noch nicht rund:
„Sind das Pflaumen?“
„Ich glaube, ja.“
Codezahl 0815.

Guten Abend


Abendbummel online
Foto: Trithemius
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Kirschen essen mit Frau Nettesheim

trithemius & Frau Nettesheim
Trithemius
Ist mir nicht Recht, wenn ich keine Zeit für Sie habe, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Und warum haben Sie keine Zeit? Weil Sie sich die Arbeit nicht gut einteilen.

Trithemius
Ja. So bin ich eben. Ich lasse mich oft hinreißen, den Dingen und Menschen Zeit zu widmen, selbst wenn ich etwas anderes machen sollte. Man darf sich auch nicht zum Sklaven der inneren Stimme machen, wo bleibt denn sonst der freie Wille?

Frau Nettesheim
Wissen Sie, was mich an Ihnen fasziniert, Trithemius? Sie finden immer ein Argument, das Ihre Position untermauert. Und Sie zählen darauf, dass ich nicht dran tippe und Ihre kühnen Behauptungen zum Purzeln bringe.

Trithemius
Darum sind Sie mir auch so sympathisch, Frau Nettesheim. Mit Ihnen ist eben gut Kirschen essen.

Frau Nettesheim

Dazu haben Sie jetzt keine Zeit; das kommt davon.

Trithemius

Von der Süßen kam das Bittere.
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Beschaulicher Bummel

Hier werden Sie gerüstet

Die Urform des heutigen Wegweisers hat statt eines Richtungspfeils eine geschlossene Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. Dieser Wegweiser stand stellvertretend für den Arm eines Menschen und war für Fahrende und Wanderer der Vergangenheit viel wichtiger als heute. Denn in unseren Zeiten ist das Wegenetz gut ausgebaut und beschildert. Da ist ein Vorankommen einfach und ein Verirren selten tragisch. Der Wanderer der Vergangenheit war froh um jedes Wegzeichen, denn es bewahrte ihn vor dem Verderben in einer schier endlosen Fremde. Man kann sich die Erleichterung vorstellen, mit der er die zeigende Hand begrüßte.

Ein Bild.
Wir setzen das Leben gleich mit einer fremden Welt, deren Anfang und Ende niemand je gesehen hat. Wenn sich irgendwann nach der Geburt die Selbsterkenntnis einstellt, findet man sich auf einer Waldlichtung vor. Die Lichtung ist entweder klein und voller Gestrüpp oder groß und gut bewirtschaftet, je nachdem, was die Vorfahren dort geleistet haben. Doch irgendwann verlässt der junge Mensch die angestammte Lichtung und schlägt sich in die Büsche, mal freiwillig, mal gezwungener Maßen. Er will oder muss seinen eigenen Weg gehen.

Von den Bären
Kanadas wird berichtet, dass sie über Generationen hinweg dieselben Pfade durch den Wald benutzen und dabei sorgsam in die Fußstapfen ihrer Vorfahren treten. Das ist eine probate Weise voranzukommen, denn so nutzen sie die Kenntnisse und Erfahrungen ihrer Vorgänger, allein aus dem Lesen ihrer Spuren. Der Mensch im Naturzustand macht es ebenso, doch er muss nicht exakt die Fußstapfen der Alten nehmen, denn sie haben ihm ihre Erfahrungen und Kenntnisse nicht nur durch Tritte, sondern auch mittels Sprache beigebracht, meist in Form von Liedern, weil sie sich besser einprägen. Dieses tradierte Wissen hilft dem Menschen eines Naturvolkes, seine Welt zu lesen und für seine Zwecke zu deuten.

Der Wald des Lebens in unseren Breiten ist nicht überall unwegsam. Er ist mit Lichtungen übersät, von vielen Pfaden, Wegen und Straßen durchzogen und mit unzähligen Wegweisern versehen. Ständig kommen neue Wegstrecken hinzu und manchmal werden sie verlegt oder überwuchern, wenn keiner sie mehr geht. Wer reich und mächtig ist, hat prächtige Alleen, auf denen er per Kutsche fahren, sich per Sänfte oder gar auf den Händen anderer tragen lassen kann. Besonders seitlich dieser Alleen liegt viel Gestrüpp, das beim Anlegen und bei der Pflege anfällt. Deshalb können Unbefugte solche Alleen selten für sich nutzen, denn das Gestrüpp, das sie begrenzt, ist fast überall unüberwindlich.

Allgemein zugänglich sind die Straßen und Wege der Heilslehren und Religionen. Es kann dir sogar passieren, dass dich zwei junge Männer mitten im Wildwuchs des Lebens ansprechen und dich auf ihre bequeme Straße komplimentieren wollen. Folge ihnen, wenn du deinen Weg nicht mehr selber finden willst. Manche bieten dir derart bequeme Straßen an, da brauchst du deinen Kopf nur noch, damit es dir nicht in den Hals regnet.

Wenn du jedoch
anders gestrickt bist und dir deinen eigenen Weg suchen willst, auf dem du schön und gut vorankommst, dann brauchst du ein bisschen Geschick, Erfahrung und Kenntnisse. Doch das Wichtigste ist, du musst die Natur des Lebens lesen lernen. Denn es hilft nichts, sich einen Kompass zu nehmen und nach Marschzahl loszulaufen. Der Wildwuchs des Lebens verlegt dir bald den Weg. Du verhakst dich in Dornen, du fällst über knorrige Wurzeln, du triffst auf fremde Lichtungen, wo man dich nicht haben will, du stehst machtlos da, weil dir ein Mächtigerer als du den Weg verlegt hat, da gibt es Sümpfe, Klippen, steile Abhänge, unergründlich tiefe Schluchten. Ja, und du kannst dich in Gebiete verlaufen, in denen du völlig auf dich gestellt bist, wo kein Wegweiser die Nähe anderer Menschen verheißt. Dann kann es dir geschehen, dass du jede Richtung verlierst und dich jahrelang im Kreis bewegst, wenn du nicht am unerquicklichen Boden hockst, weil dir die Einsamkeit den Mumm geraubt hat. Und nicht zuletzt können andere dich in die Irre führen, absichtlich oder unbedacht. Sie können dich vereinnahmen und du schließt dich ihnen an, obwohl sie selbst nicht wissen wohin. Die Gefahr ist groß, denn auch Menschen auf schlechten Wegen suchen nach Weggefährten.

Es ist gut, sich zu Guten zu gesellen, ein Rat des Balthasar Gracian, der die von Schopenhauer übersetzte „Kunst der Weltklugheit“ geschrieben hat. Doch bevor du den oder die guten Weggefährten findest, musst du auch allein zurechtkommen, also lies einmal die Natur des Lebens.

Die Grammatik ist
einfach, der Wortschatz ist leichtfasslich. Der Mensch ist auf rasche Entscheidungen hin angelegt. „Geschwindigkeit geht vor Genauigkeit.“ Nur so kann das menschliche Gehirn die ständig wechselnde Fülle der inneren und äußeren Wahrnehmungen bewältigen. Das Leben wimmelt nämlich, es ist Chaos. Doch in diesem Chaos lassen sich Wege anlegen und Wege finden, denn überall finden sich natürliche Wegweiser. Der Schlüssel für sie ist die Genauigkeit. Manchmal muss man schnell reagieren und hat keine Zeit, sie zu beachten, besonders in so raschen Zeiten wie heute. Doch wo immer es möglich ist, da schaue man in Ruhe um sich ...

In diesem Text
hier ist Zeit. Ich habe ihn heute Morgen während einer Omnibusfahrt zu schreiben begonnen. Während ich schrieb, rumpelte der Omnibus eine Weile über eine Baustellenstraße. Da entgleiste mir mein Stift, und deshalb musste ich eine Pause beim Schreiben einlegen. Das gab mir Gelegenheit darüber nachdenken, wohin der Text eigentlich führen soll. Und so brachte die unruhige Fahrt Langsamkeit in mein Denken. Da war Zeit, sich umzuschauen. Auf solche Wegweiser des Lebens achte ich, wenn ich kann. Sie sind nicht von einer höheren Macht geschickt, die mir etwas zeigen will. Solche Ideen verfolgen die Pilger auf den Prachtstraßen der Religionen und verschlungenen Pfaden der Heilslehren. Nein, diese Zeichen haben eigentlich gar nichts mit mir zu tun. Haben sich etwa seit fünf Jahren unzählige Fachleute damit beschäftigt, die Straße zu sanieren, damit ich just heute eine Botschaft des Lebens bekomme? Bitte, das ist doch Quatsch.

Zurück wurde ich mit einem Personenkraftwagen gefahren; ich ließ mich vor der Innenstadt absetzen und bummelte quer hindurch nach Hause. Unterwegs war ich in einem Café, musste lange auf meine Bestellung warten, saß noch rauchend auf dem Markt, schaute aufs eingerüstete Rathaus, und dabei dachte ich immer wieder an diesen Text. Eben habe ich ihn geschrieben und ganz anders gemacht, als ich ihn im Omnibus begonnen hatte. Auf diese Weise ist er in Ruhe gewachsen, und er ist anschaulicher und genauer als am Anfang. Dieses Beispiel lässt sich auf alle Lebensbereiche übertragen.

Die Dinge brauchen Zeit und Hinwendung. Die Zeit muss der Mensch sich nehmen, zur Hinwendung muss er sich häufig zwingen. Wo dir das Leben ein kleines oder großes Hindernis in den Weg stellt, da achte das Hindernis als Zeichen. Halt mal an, schaue dich um und finde heraus, in welche Richtung es weiter gehen kann.

Das ist die kleine Kunst, das Leben zu lesen und gut voranzukommen.

Guten Abend

Kopfkino
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Mein liebstes Zeitungsfoto (1)

Telefonstress1

Platz 3 - "Stress"
Lange Zeit war die Frau mit Telefonhörer mein liebstes Zeitungsfoto, der Bildunterschrift wegen. Denn die Aussage ist klar:

Frau am Telefon = Stress,
Blick ins Leere = schlechte Verdauung.

Platz 2 - "Schwimmpause"
aus den Aachener Nachrichten vom 06. Juli 2007. Hier ist besonders zu loben, dass dem Fotografen Patrick Kreutz das Bild einer typischen Auszeit eines Badegastes mit einem Betriebsleiter gelungen ist.

Auszeit mit Betriebsleiter

Platz 1 - "Wie die Schweine"
Das Foto zeigt eine Situation, die ich so noch nie gesehen habe. Und die einkopierte Bildunterschrift ist kongenial. Leider gehört mir dieses zeitlose Dokument des deutschen Alltags nicht, sondern ihr.

Bild und Text
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Redundante Gurke

Liegende im Vorbeigehen

So ein vorbildhaftes Verhalten zeigen Touristen selten. Die meisten trotten durch die Straßen, stehen im Weg und ziehen einen Flunsch, weil die Ladenketten- und Handyläden in Aachen genauso aussehen wie zu Hause. Doch das hätten sie sich denken können. In deutschen Fußgängerzonen kann es einem ergehen wie dem Bauern, der vor Köln stand und sagte: "Das ist Neuss!" Geringe Unterschiede senken den Informationsgehalt, und das bringt Langeweile. Und wenn ich dauernd gelangweilte Gesichter sehe, langweile ich mich auch.

Leider hat die Saure-Gurken-Zeit begonnen, weshalb ich auch mit einer sauren Gurke über der Tastatur sitze. Was ist eigentlich ein Schock? Ein Beispiel: Als der Bild-Chefredakteur Kai Diekmann eines morgens die TAZ aufschlug, worin Kollege Gerhard Henschel über Diekmanns missglückten Versuch berichtete, seinen Kai mit Leichenteilen verlängern zu lassen. Das war natürlich erfunden, genauso wie die meisten BILD-Berichte, wenn’s um unten rum geht, damit die Auflage wieder ansteigt. Immerhin die. Also dieses Ereignis war für den Bild-Chefredakteur ein Schock, garantiert. Denn die Satire in der TAZ hatte für Kai Diekmann einen hohen Informationsgehalt. Er hatte nicht erwartet, dass man ihm antut, was er anderen Leuten durch BILD antun lässt. Mit jedem erneuten Lesen sank der Informationsgehalt. Der Beitrag in der TAZ wurde für Kai Diekmann zunehmend redundanter, informationstheoretisch gesagt. So wurde aus einem anfänglichen Schock ein Ärgernis oder eine latente Bedrückung. Wer das nötige Geld hat, lässt Anwälte antanzen, damit sie das Ärgernis oder die latente Bedrückung beklagen.

Heute verkündet BILD auf dem Titel einen GELDSCHOCK.

Wenn keine Kunden im Laden sind, sitzt mein Tabakhändler hinter der Theke und liest die Aachener Zeitung oder die BILD. Der Geldschock hat ihn offenbar nicht vom Hocker gerissen, denn er dreht gelangweilt Däumchen. Um ihn aufzumuntern frage ich: „Was gibt’s Neues?“. „Och, nüüss!“, sagt er und nimmt meine Tabakmarke aus dem Regal.

Mit einem
Andenkenladen in Parterre eines historischen Wohnhauses am Dom muss mein Tabakhändler sich vermutlich keine Gedanken um einen Geldschock machen. Er sieht auch nicht wie ein Börsenspekulant aus. Allerdings gibt es viele Bildleser, in deren Portemonnaie tendenziell Ebbe herrscht. Das Bewusstsein, kein Geld zu haben, hat für sie keinen Neuigkeitswert. Einen Schock haben sie irgendwann in der Vergangenheit bekommen, zum Beispiel als Herren in Nadelstreifen verkünden ließen, dass der Arbeitsplatz vorgestern ans andere Ende des Erdballs verlagert wurde. So ein Schock kann lange in den Knochen sitzen, doch auch eine bedrückende Tatsache wird, informationstheoretisch gesehen, jeden Tag redundanter, - und dann zum endlos bedrückenden Einerlei.

Letztens habe ich einen Bericht über die Kunden der Hilfsorganisation DIE TAFEL gesehen. Man kriegt schon beim Zuschauen et ärme Dier von soviel Elend. Dass es in unserer schwerreichen Gesellschaft unzählige Menschen mit erdrückenden existenziellen Sorgen gibt, und dass sie keine Anwälte haben, ist kein Schock, sondern Alltag, den kaum jemand noch beklagt.

Die Tour de France rollt. Beim Prolog am Samstag sprachen die beiden öffentlich-rechtlichen Reporter in jedem zweiten Satz von Doping. Natürlich hat man bei ARD und ZDF ein schlechtes Gewissen, denn sie müssen sich viele Jahre der Kumpanei mit T-Mobile und anderen Radrennställen zum Vorwurf machen. Die ARD trat sogar zeitweilig als Co-Sponsor von T-Mobile bzw. Telekom auf. Das war ein journalistischer Sündenfall der Sonderklasse. Wenn Informationserzeuger und Informationsverbreiter eins sind, ist jede objektive Berichterstattung unmöglich. Jetzt hatte man die Reporter dazu verdonnert, ständig vom Doping zu faseln. Doch das nutzt leider gar nichts. Wenn man ein Wort zu oft hintereinander benutzt, wird es redundant, und der Hörer beginnt sich zu langweilen. Hier gilt das gleiche Gesetz wie im Leben. Horaz hat es formuliert:
Auf dem Mittelweg gehst du am besten.

Guten Abend
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Sonntagstour über die Grenze

Schaufenster einer Druckerei in Vaals
Der Ansager und ein versehentlich gespiegelter Zuhörer

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Der Mann in der Tankstelle gab mir eben für die Sonntagszeitung auf fünfzig Euro heraus und hat mir das Wechselgeld bis fünfzik vorgezählt. Er ist neu hinter der Kasse, bestimmt ein Aachener. Hochdeutsch ist „fünfzik“ nicht. Das Suffix –ig wird weich gesprochen. Dialektsprecher im Rheinland übertreiben manchmal, wenn sie Hochdeutsch sprechen. Die Sprachwissenschaft nennt solche Erscheinungen hyperkorrekt. In der Vergangenheit wurde dann zum Beispiel aus dem Nachnamen Stüttchen das feiner klingende Stüttgen. Hör mal, wir sind noch gar nicht richtig losgefahren, und schon komme ich vom Thema ab. Das kann ja heiter werden. Übrigens verzeichnet der Duden schon die häufig vorkommende Aussprache „fümfzich“. Diese Aussprache ist nicht hyperkorrekt sondern lippenfaul, denn „fümfzich“ ist einfacher zu sprechen als „fünfzich“. Ach, komm lass mich auch mal über Belanglosigkeiten reden. Heute ist schließlich Sonntag.

Zuerst radeln wir durch den Westpark. Glauben die Leute noch nicht so recht an das sonnige Wetter? Eigentlich müssten sich die Sonnenhungrigen schon auf der Liegewiese ausbreiten. Sie ist bei den Studenten aus dem Hochschulviertel sehr beliebt. Klar, du hast Recht, die liegen noch im Bett, garantiert. Auf der Bankgruppe beim Weiher lagern die Russen. Sie sind Tag und Nacht hier, gucken auf den Weg und lassen den Fusel kreisen. Das waren vielleicht mal in Russland ehrenwerte Männer, die ihr Glück im Westen versuchen wollten, um ihren Familien etwas Gutes zu tun. Und dann gab’s hier keine Arbeit. Wir fahren links am Weiher vorbei. Um die Russen wabert immer ein Hauch von Schwermut. Da möchte ich dich nicht durchfahren lassen. Außerdem ist da zuviel Schatten. Seltsam, die Russen setzen sich nie in die Sonne.

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Weiter gehts nebenan
2063 mal gelesen

Unter dem Westwind - in fünf Etappen

Unter dem Westwind

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Was wohl so ein mächtiger Baum empfindet, wenn er wüst vom Wind gezaust wird? Ob ein angenehmer Schauer den Stamm hinunterrauscht, wenn seine Blätter in den heftigen Böen flattern? Wenn meine Haare fliegen, rieselt es mir jedenfalls fein ins Mark, und heute flogen meine Löschen ordentlich, als ich mit dem Rad die Turmstraße hochfuhr. Wind, Wetter und jagende Wolken übers Himmelsblau als wäre über Nacht die Nordsee herangerückt. Tatsächlich schwappten vor Jahrmillionen hier die Wellen eines flachen Meeres ans Ufer. Wir fahren übrigens in die Niederlande, wo man sich der Tatsache durchaus bewusst ist, dass der blanke Hans einmal in Raserei geraten könnte, um sich das Land zurückzuholen, das man ihm abgenommen hat. Warte, wenn wir die Kuppe beim Langen Turm genommen haben, dann reden wir weiter.

Gleich rollen wir auf
einer breiten Brücke über das Gleissystem des nahen Westbahnhofs und haben einen schönen Blick auf den Kessel der Stadt. Das Licht fliegt über Häuser und Dächer wie sinnbildhaft fürs Leben. Mal hat der Mensch dort unten Sonne, mal hat er Schatten. Und tatsächlich geht es demokratisch zu, denn die Natur macht keinen Unterschied zwischen Nobelviertel und Armenhaus. Am Horizont ist der Höhenzug der Nordeifel zu sehen. Die Farbluftperspektive macht aus dem Wechsel des Lichts ein blaues dunstiges Einerlei. Doch das ist nur der beschränkten menschlichen Wahrnehmung zuzuschreiben. Was der Mensch von weitem besieht, versteht er nicht. Da mag er noch so schöne Theorien bedenken. Erkenntnis und innere Gewissheit ist uns nur in der Nähe beschieden. Und auch hier taugen die meisten Theorien nichts. Sie verstellen nur den Blick, weil sie grob vereinfachen, damit die immense Vielfalt des Lebens in die kleine menschliche Birne passt. Für die innere Gewissheit braucht man einen wachen Verstand, ein offenes Herz und den Austausch mit Menschen, von denen man sich etwas abgucken kann.
Fortsetzung nebenan
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1602 mal gelesen

Einspaltiger toter Briefkasten

Nach einem arbeitsreichen Tag und Fußwegen durch Nässe und, ja, sogar Kälte zu Hause aufs Bett zu fallen und einzuschlafen, derweil Musik dudelt und der Abend langsam herabsinkt, das geht ja noch. Doch ich träumte unentwegt von einem Text, den ich zu einer Glosse umschreiben sollte und der einfach nicht in die vorgesehenen drei Zeitungsspalten passen wollte.

Konservenmusik kann etwas Gnadenloses haben. Musiker aus Fleisch und Blut wären nach und nach leiser geworden und von wilden Rhythmen zu sanften Klängen übergegangen. Sie hätten mir die Glosse in eine gefällige typographische Form musiziert. Und wenn ich mich erleichtert aufseufzend herumgedreht hätte, dann hätten die achtsamen Musiker ihre Instrumente eingepackt und wären auf Zehenspitzen gegangen, nicht ohne mich vor dem Hinausgehen noch zuzudecken. Da ich aber Musik-Konserven hörte, erwachte ich völlig durchgefroren und in dem Bewusstsein, der Text passt noch immer nicht ins Layout.

Gut, ich habe mir einen
Pullover übergezogen, die Heizung angemacht und schreibe jetzt einfach einen einspaltigen Text, der so lang sein kann, wie er will. Und damit weder Hurenkinder, Schusterjungen noch Gießbäche das Druckbild stören, gibt es auch keinen umlaufenden Text, sondern zwei Fotos übereinander. Typographische Fehler werden ja selten so richtig wahrgenommen. Doch sie knirschen beim Lesen und hinterlassen unerquickliche Gefühle, so dass der Leser unwirsch aufschaut, nicht wissend, was ihm die Laune verhagelt hat, und schon kriegen Unschuldige ihr Fett weg, die vielleicht nicht einmal lesen können.

Der Nachteil meiner
typographischen Fürsorglichkeit – man möge sich darauf einstellen, dass die Fotos ziemlich hässlich sind, denn sie zeigen ein ekliges Hinweiszeichen auf einen toten Briefkasten. Das Hinweiszeichen wäre weniger eklig, wenn ich es in seinem frischen Zustand hätte fotografieren können. Doch zu diesem Zeitpunkt vor zwei Tagen hatte ich mein Handy nicht bei mir. So ist dann wohl auch die geheime Nachricht schon abgeholt worden. Hoffentlich fand der Agent nicht die Anweisung vor, weitere tote Briefkästen einzurichten, denn wie gesagt, wenn auch der tote Briefkasten selbst für das unkundige Auge unsichtbar ist, das Hinweiszeichen ist nicht schön anzusehen.
Toter-Briefkasten
Erdbeerjoghurt auf Bürgersteig vor einem verwaisten Ladenlokal
Fotos: Trithemius


Am 24. Juli 1994 schilderte der Ex-KGB-Agent Victor Suverov im Niederländischen Fernsehen einige Praktiken des KGB. Sowjetische KGB-Agenten hätten zum Markieren toter Briefkästen ausgegossenen Joghurt benutzt. Die Farbe markierte die Wichtigkeit der Information. Befragt, warum gerade Joghurt, sagte Suverov, Joghurt auf dem Bürgersteig sehe eklig aus. Jeder mache einen Bogen darum.

Eben stellte ich
fest, dass sich seit kurzem auch in meiner Wohnung ein toter Briefkasten befindet. Es ist mein Kühlschrank. In ihm steht ein einsamer Becher Erdbeerjoghurt. Die geheime Botschaft ist klar: Geh einkaufen, Mann. Leider sah ich sie zu spät, denn ich hatte ja stundenlang mit den drei Spalten einer unpassenden Glosse gekämpft.

Guten Abend


Abendbummel online
2345 mal gelesen

Süß und scharf und lieblich

Damen waschenWenn es auch unablässig schüttet, egal, jetzt wird gebummelt. Unter meinem Schirm ist noch Platz. Warum eigentlich kann das Mobiltelefon noch kein Infraschallfeld erzeugen, von dem die Regentropfen abperlen? So was erfindet mal wieder keiner. Oder die Regenschirmfabrikanten haben das Patent aufgekauft, und jetzt verrottet es in irgendeinem Tresor. Infraschall ist allerdings auch ein wenig heikel, denn er löst Wahrnehmungsstörungen aus – man sieht Geisterscheinungen.

Es gibt zur
Zeit zwei Klassen von Geistern, jene mit und jene mit ohne Regenschirm. Die ohne besitzen keinen oder haben ihn irgendwo vergessen und sind sowieso Optimisten. Es ist aber kein schöner Anblick, wenn selbst die Optimisten gebückt gehen und sich die Jacke zuhalten, damit ihnen nicht auch noch das seifende Wasser von den Regenschirmen der Pessimisten in den Kragen tropft. Obwohl ja nicht nur Pessimisten einen Regenschirm mit sich führen. Es geht um verantwortliche Selbstsorge. Nur ein Regenschirm berechtigt den Anspruch auf ein schönes Leben, eine antike Idee, die der Wissenschaftsphilosoph Michel Foucault wieder ans Licht gehoben hat. Also zählen wir uns zur Kategorie der vorsorglich beschirmten Optimisten.

Im Café droht die Scheibe zu beschlagen. Na ja, draußen ist ohnehin nicht viel zu sehen. Herbstliche Düsternis. Ich sitze neben einer lesenden Chinesin. In einer Vitrine plätschert der dreistöckige Schokoladenbrunnen. Welch ein Luxus. Doch der größere Luxus sitzt einen Tisch weiter, zwei Männer, die sich vergnügt über Literatur unterhalten. Da vermisse ich meinen Freund Mike, der vor einem Jahr weggezogen ist. Er sprach gern von englischer Kriminalliteratur und just von Ian Ranking und seinem Kommissar John Rebus, über den auch die beiden sich unterhalten. Und dann erzählt der eine von einem Roman, in dem Gott eine Freundin hat, Jeanette heißt sie, glaube ich. Hab’s leider nicht recht verstehen können. Jedenfalls hat Gott seiner Freundin die Welt geschenkt. Das klingt verflucht plausibel. Meistens kriegen die Flittchen die besten Geschenke, und was sie dann damit machen, sehen wir nicht nur am Wetter. Irgendwer muss dem kapriziösen Weib dringend den Kopf waschen, der verliebte Narr macht's garantiert nicht.

Ach ja, zum Foto
oben: Wenn mir demnächst einmal danach ist, Damen zu waschen, dann weiß ich, wo ich hingehen kann. 15 Euro, das ist preiswert, vor allem, wenn sie sich anschließend auch noch selbst fönt.

ChiliSchokolade

Einen Selbstversuch hatte ich drüben in der Cafeteria versprochen. Leider fiel es mir erst wieder ein, als ich schon Kaffee getrunken hatte, en die winkel van de nederlandse „chocolate company“ ist gleich nebenan. Meine Aussagen sind also mit Vorsicht zu genießen. Diese Vorsicht vergaß ich bei der heißen Chili-Schokolade, die mir eine Kellnerin mit bezauberndem niederländischen Akzent servierte.

In heißer Milch steckt ein Holzlöffel, und der steckt in einem Schokoladenblock, der sich langsam auflöst. Den Mund kann man sich an der Milch nicht verbrennen, denn es dauert eine Weile, bis sich die Schokolade verteilt hat. Jedenfalls schwamm plötzlich ein rosiger Splitter in der Milch. Wenn man gerade keinen Grund zum Weinen hat, sollte man ihn nicht zerbeißen. Zum Glück wird zur Chilischokolade eine feine Puddingcreme gereicht, mit der sich die Geschmacksnerven besänftigen lassen. Meine Stimmung hob sich. Leider ist ungewiss, ob es an der Chilischokolade lag oder an der Kombination von Kaffee, Chilischokolade, Kellnerin und an der Tatsache, dass ich fein drinnen saß, während draußen die geduckten Optimisten vorbeirannten.

Guten Abend

Fotos: Trithemius
1599 mal gelesen

Extreme Lagen erfordern teuflische Mittel

reim dich oder ich fress dichEin fahrender Student klopfte eines Nachts an die Tür eines einsamen Bauernhauses und bat um ein Nachtlager. Der gutmütige Bauer holte den durchgefrorenen Studenten in die Stube, wo die Familie sich gerade um den Tisch versammelt hatte, um das Nachtmahl einzunehmen. Der Student blies froh in seine klammen Hände. „Warum machst du das?“, fragte der Bauer. „Na, damit sie warm werden“, sagte der Student. Man reichte dem Studenten einen Teller dampfender Suppe. Der Student wollte sich nicht den Mund verbrennen und blies in die Suppe. „Ja, warum machst du das denn?“, fragte der Bauer. „Damit die Suppe abkühlt“, sagte der Student arglos. „Oho!“, rief der Bauer. Bist du etwa einer, der heiß und kalt zugleich aus dem Maul blasen kann?! Das kann nur mit dem Teufel zugehen, also pack dich wieder!“
(Freie Nacherzählung eines Schwanks aus dem Rollwagenbüchlein von Jörg Wickram. Ein Eintrag über das Rollwagenbüchlein fehlt leider noch bei Wikipedia. Das Rollwagenbüchlein ist eine Sammlung von Schwänken und Anekdoten, die man sich im 16. Jahrhundert bei der beschwerlichen Reise mit dem Rollwagen erzählte)
terrorsommer zwei punkt nullAuch Schokolade kann den Menschen heiß und kalt machen, je nach Bedarf. Wenn’s auch nicht mit rechten Dingen zugeht, diese Teufelei soll egal sein, angesichts der rasch wechselnden Wetterlage. Am 21. Juni hat übrigens die jährliche Regenzeit begonnen, auf die wir uns in Zukunft einstellen müssen: Tropische Temperaturen und heftige Regengüsse mit Kälteeinbrüchen, immer hübsch hin und her. Gerade hast du dir die heiße Schokolade geholt und willst dich wärmen, schon knallt die Sonne durch ein Wolkenloch, und du brauchst Eisschokolade. Da hilft es, wenn du ebenfalls kalt und heiß zugleich aus dem Maul blasen kannst.

Man kann die neue Regenzeit natürlich auch „Terrorsommer“ nennen, wenn man zum Beispiel sensationsgeil wie Lumpi ist und täglich in der BILD-Redaktion hockt. Natürlich meinen sie mit "Terrorsommer" nicht das Wetter, sondern den geistigen Terror, mit dem sie ihr Geld verdienen. Es ist grad so, als wollten sie ein paar hochgehende Kofferbomben herbeipfeifen.

Man stelle auf dem Markt ein paar bunte Fahnen und ein Absperrgitter auf. Dann kannst du darauf wetten, dass sich die Müßiggänger und Bummler bald ans Gitter hängen und die Fassade des Rathauses angaffen. Nur ein Bummler konnte leider nicht mitmachen.
Wenn die bunten Fahnen flattern
Er durfte nämlich sein Fahrrad aus der Werkstatt holen. Wie fein es jetzt wieder ist, ein heißes Gefährt. Auf der Heimfahrt musste er es ordentlich anpusten, damit er sich keine edlen Teile verbrannte. Doch dann begann es auch schon wieder zu regnen.

Guten Abend

Fotos: Trithemius
Abendbummel online
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Plausch mit Frau Nettsheim - Pedalritterjammer

Wenn-Pedalritter-jammern
Frau Nettesheim
Mehr über die Stahlrösser der Reiterstadt Aachen ...
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Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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