Kleine Portale - große Welten

Eben bekam ich Lust, das Wort reziprok einmal zu benutzen. Reziprok bedeutet wechselseitig, aufeinander bezüglich. Als ich noch Tagebuch schrieb, ist mir irgendwann aufgefallen, dass die Ereignisse sich negativ reziprok zu ihrer Darstellung im Tagebuch verhalten. Anders gesagt, wenn ich viel erlebte, stand wenig im Tagebuch und umgekehrt. Schon die Gewissheit, dass da viel zu schreiben wäre, hat mich davon abgehalten, es auch wirklich aufzuschreiben. In ruhigen Lebensphasen dagegen waren die Einträge vielfältiger und lebendiger als das Leben selbst.

Es ist vermutlich leichter, sich einer kleinen Sache zu widmen, sie nah und näher zu betrachten, sie zu drehen und zu wenden, ins Gegenteil zu verkehren, ihre Determinanten zu untersuchen oder sonst wie mit ihr zu spielen, als hastig über viele Ereignisse hinwegzugehen in dem Bewusstsein, da wäre ja so Vieles zu erfassen und festzuhalten.

Das Leben selbst verhält sich umgekehrt reziprok zu seiner geistigen Verarbeitung, woraus folgt, dass ein allzu lebendiges, rauschhaftes Dasein etwas rasend Oberflächliches hat, das zu bewerten und zu verarbeiten der Mensch kaum im Stande ist, so dass er sich einem Naturzustand der Debilität annähert.

Allzu viel ist ungesundEin pralles oder durchweg flüchtiges Leben können nur jene führen, die für die Besorgungen des Alltags fleißige Dienstboten und gute Geister haben, sich also alle notwendigen Hilfsdienste kaufen können, so dass sie selbst nur wenige Qualifikationen benötigen und ihre Talente auch nicht trainieren müssen, bis auf das Talent, andere für die eigenen Zwecke einzuspannen oder das Talent einer einzigen Profession. Viele dieser Personen erleben irgendwann eine Krise. Plötzlich wird das rauschhafte Leben als leer empfunden, woraus sich der Zwang ergibt, doch einmal innezuhalten und zu schauen, welchem Teilbereich des Daseins man sich sinnvoll widmen könnte. Der Millionenerbe und Berufsplayboy Gunter Sachs begann im Alter zu fotografieren. Seine Ex-Ehefrau Brigitte Bardot engagierte sich für den Tierschutz, bevor sie sich den Rechtsradikalen des Le Pen zuwandte. Auch die griechische Sängerin Melina Mercouri ging in die Politik, desgleichen der italienische Pornostar Cicciolina. Die deutsche Sängerin Nina Hagen versenkte sich in Esoterik, die Schauspielerin Marianna Koch studierte Medizin - um nur einige Beispiele zu nennen. Wer den Absprung zu spät oder gar nicht findet, dem droht ein Ende als Alkoholiker, der Drogentod oder er wird irgendwann mumifiziert in der einsamen Wohnung aufgefunden.

Eigentlich wollte ich ja nur das Wort reziprok einmal verwenden. Die große Menschheitsfrage, was Glück ist und wie man es findet, lässt sich leicht beantworten. Im jeweiligen Leben muss ein ausgewogenes reziprokes Verhältnis zwischen Eile und Weile bestehen, so dass man sowohl rauschhaft mitfließen kann im Strom der Zeit wie auch innehalten, behandeln und betrachten, und das mit Herz, Hand und Verstand. Die Betrachtung benötigt keine besonderen Zielobjekte. Ein wenig Hinwendung macht selbst aus kleinen Dingen Portale zu eigenen Welten. Es reicht eine kleine Sache wie das Wörtchen reziprok.

Schönen Sonntag
3095 mal gelesen

Gut gestützter Abendbummel

Eigentlich wollten wir uns ja heute einen faulen Tag machen, zumal es draußen irgendwie herbstlich ist. Raus müssen wir trotzdem, denn wir sind ja Regenmenschen. Bei Regen und Wind ist viel mehr Sauerstoff in der Luft. Das habe ich früher beim Radsport deutlich spüren können. Regen wirkt sich positiv auf die Ausdauerleistung aus.

grosse tasse kaf"Aus aus", also der Radsport. Er fordert viel Zeit, und die habe ich grad mal nicht. Doch Zeit für einen Kaf muss drin sein.
Kaf ist kein Tippfehler. Die Computerkassen sind gnadenlose Orthographie-Determinatoren. Allerdings hätte der Programmierer der Kasse auch „kleiner Kaffee“ – „großer Kaffee“ ins Programm eingeben können, das hätte gepasst, zumal "große" sowieso falsch geschrieben ist und damit ein Buchstabe zu lang.

So ein Kassenzettel ist eine wahre Plaudertasche. Der Kunde ist also am 29. Juni 2007 um 17:32 Uhr im Cafe am Münsterplatz an die Theke getreten, hat „eine grosse Tasse Kaf“ gekauft und ein "Wrap vegetarisch" dazu. Bedient hat ihn eine Frau Ebdalin. Ihr Name steht auch auf einem Schild an ihrem Kittel. Sie ist eine öffentliche Person. Die Bestellung hat den Kunden ein kleines Vermögen gekostet, wenn man es in Deutsche Mark umrechnet. 1,30 DM beträgt die Mehrwertsteuer. Von der Summe, die den Tasse-Kaf-Trinkern an einem Tag in diesem Cafe im Auftrag des Finanzministers abgezockt wird, könnte einer von ihnen eine Villa am Starnberger See mieten. Pardon, das waren jetzt viele Umstandsangaben in einem stilistisch dafür eher ungeeigneten Relativsatz. Die ganze Satzkonstruktion ist eine Zumutung. Ich würde hier nicht weiterlesen.

Rein in die KompressionWerbung kann so verführerisch sein. Fast jeden Tag lockt mich dieser Korb. Ob das Einsteigerset etwas Ähnliches ist wie ein Schuhlöffel für Kompressionsstrümpfe? Mit Gleitöl? Oder soll der übermütige Passant zum Hals-über-Kopf-Einstieg in die wunderbare Welt der Körperkompression verlockt werden? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall hat die Kompressionsware Zukunft. Sie geht gut, anders als Umstandsmode. Allerdings habe ich heute seit langer Zeit mal wieder eine Schwangere gesehen. Sie stand vor mir an der Kasse des Supermarkts. Dass sie am 29. Juni 2007 um 19:05 Uhr in just diesem Supermarkt eingekauft hat, weiß auch ihre Bank. Wer viel mit Karte bezahlt, dessen Leben lässt sich bei seiner Bank ziemlich genau nachzeichnen. Das ist eigentlich noch viel seltsamer als ein Kompressionsstrumpfeinsteigerset.

Der Verkauf von Umstandsmode lohnt sich nicht mehr

Guten Abend

(Fotos: Trithemius)
1528 mal gelesen

Ich bin der Knut

Meine Mutter war keine Sprachpuristin. Doch wenn ich als Kind einen Satz sagte wie: „Die hat mich geärgert“, korrigierte meine Mutter: „Die steht om Maat un verköv Äppel!“ (Die steht auf dem Markt und verkauft Äpfel.) „Die“ ist eben kein Personalpronomen, sondern ein Artikel (Geschlechtswort), und allenfalls eine namenlose Marktfrau dürfte man so abfällig benennen als wäre sie ein Ding.

Der Lehrer fordert Fritzchen auf, einen Satz mit den Artikeln der, die, das zu bilden. Fritzchen sagt:
Meine Schwester bekommt ein Kind.
Der die das gemacht hat, ist abgehauen.
"Die steht om Maat un verköv Äppel", - was nicht angenehm für eine Schwangere ist, abgesehen davon, dass „die“ in diesem Satz auch grammatisch falsch ist.

Ein Satz aus dem Rheinland mit dem Gleichklang von das: "Dat dat dat darf?" Es kommt darauf an, wer mit dat gemeint ist, obwohl Frauen ja eigentlich fast alles dürfen.

Der, die das sind Artikel und stehen als Begleiter des Substantivs in der Stellung eines Attributs. Sie geben das grammatische Geschlecht eines Substantivs an: der (Maskulinum), die (Femininum), das (Neutrum). Die drei grammatischen Geschlechter der deutschen Sprache haben nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun, denn hier gibt es nur zwei. Zudem folgt das grammatische Geschlecht auch keiner eindeutigen Logik. Der Leser kann auch eine Frau sein oder ein Kind. Leider haben feministische LinguistInnen der 80er Jahre den Unterschied und die Unterschiedinnen zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht nicht wahrhaben wollen und uns die hässlichen Doppelformen sowie das große Binnen-I eingebrockt.

Die daIn den 80er Jahren gab es eine weibliche Gesangsgruppe mit dem Namen „Narziss, Goldmund und Die-da“. Die-da war die Tochter des Produzenten der Gruppe. Bei den ersten Studioaufnahmen fehlte eine dritte Stimme. Weil man so rasch keine weitere Sängerin auftreiben konnte, soll der Produzent auf seine zufällig anwesende Tochter gezeigt haben mit den Worten: „Nehmt doch die da!“ Schon hatte seine dickliche Tochter den Namen einer Unperson. Das wird ihr Selbstwertgefühl ungemein gestärkt haben. Wohl dem, der einen liebenden Vater hat.

Die Konkreta des deutschen Substantivs haben zwei Untergruppen: Name und Klassenbezeichnung. Klassenbezeichnungen wie: Mensch, Hund, Holz, Baum können mit einem Artikel versehen werden. Personennamen jedoch bezeichnen Einzelwesen und keine Klasse von Wesen. Deshalb benötigen sie keinen Artikel; die Doris, der Dieter, die Verona - solche Bildungen sind umgangssprachlich, haben sich jedoch aus der Jugendsprache der 60er Jahre in die Allgemeinsprache eingeschlichen.

Es klingt seltsam, wenn eine Frau sich vorstellt: „Ich bin die Sandra.“ Gehört sie also einer Klasse der Sandras an? Was kennzeichnet diese Klasse? Sind alle Sandras blond, aufgebrezelt und arbeiten in einem Fingernagelstudio? Wer solche Vermutungen nicht aufkommen lassen will, sollte den Vornamen nicht unnötig mit einem Artikel belasten.

Bei „der Jörg“ hingegen finde ich den Artikel angebracht, denn mir sind schon viele windige Jörgs über den Weg gelaufen. Der erste Jörg lieh sich eine große Kiste mit Piccolo-Comics von mir. Als ich sie zurückhaben wollte, sagte er leichthin, sein Vater habe die Kiste im Garten verbrannt. Seither bin ich bei den Jörgs immer vorsichtig, desgleichen bei den Trägern der Langform Jürgen. Was hat es eigentlich mit dem Jürgen-Möllemann-Video auf sich, von dem BILD heute berichtet?

Teppichhaus-Textberatung
2755 mal gelesen

Kurzer Erinnerungsbummel

Bei dem derzeitigen Wetter weiß man gar nicht, was man anziehen oder ausziehen soll. Am Markt ist es plötzlich so lausig kalt, dass meine starren Finger die Süddeutsche nur mühsam auseinanderkriegen. Und dann ist sie auch noch kaum im Wind zu bändigen. Immerhin kann ich im Sportteil etwas von Rudolf Scharping lesen, dem derzeitigen Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Scharping fordert: „Der Kampf gegen Doping muss absolut konsequent und seriös geführt werden.“

Man erinnere sich, 10 Jahre zurück: Anlässlich der Tour de France 1997 konnte man im Fernsehen viele Beispiele von Scharpings Seriosität beobachten. Damals war Scharping noch Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag, und als begeisterter Hobby-Radfahrer hatte er Jan Ulrich und Erik Zabel während einiger Touretappen begleitet. Dabei war er den beiden so auf den Pelz gerückt, dass er seinen Spezi Erik Zabel sogar mit schlüpfrigen Wortspielen erfreuen durfte. Näheres in folgendem Text, den ich damals für die Titanic-Rubrik „Briefe an die Leser“ geschrieben habe:
Die Worte des Vorsitzenden Scharping
(Titanic 10/97)

Derselbe Rudolf Scharping hat angeblich erst kürzlich vom heulenden Erik Zabel erfahren, dass im Radsport gedopt wird. Jetzt verdreckt der mir schon wieder das Sommerloch. Na ja, ein richtiger Sommer ist es sowieso nicht.


Guten Abend
1453 mal gelesen

Frau Nettesheim räumt auf

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Frau Wermelskirchen, kann ich mal mit Ihnen reden?

Frau Nettesheim
Hallooo, Trithemius! Sind Sie noch nicht ganz wach? Oder arbeiten Sie vielleicht hinter meinem Rücken eine neue Hilfskraft ein.

Trithemius
Verzeihung, Frau Nettesheim, man ist halt manchmal in Gedanken. Ich kenne überhaupt keine Frau Wermelskirchen.

Frau Nettesheim
Ach so, Herr Durcheinein.

Trithemius
Das ist nicht lustig. Ich bin leise verwirrt. Als ich mich heute im Teppichhaus einloggen wollte, habe ich statt meines Namens das Wort „Login“ eingegeben.

Frau Nettesheim
Hi hi.

Trithemius
Sie nehmen meine Probleme nicht ernst, Frau Nettesheim. Bei „Login“ besteht zumindest ein Zusammenhang. Doch gestern ist mir etwas Ähnliches passiert, nur schlimmer. Da habe ich ins Namenfeld „Zeitreise“ eingetippt. Die Tür hat natürlich mein Passwort nicht akzeptiert und blieb zu. Und jetzt frage ich Sie, wieso tippe ich „Zeitreise“ ein? Das ist doch kein Name.

Frau Nettesheim
Vielleicht waren Sie gedanklich mit Zeitreisen beschäftigt.

Trithemius
Ach, woher denn. Ich glaube, solche Fehlhandlungen sind das Ergebnis von synästhetischen Prozessen. Da kommunizieren verschiedene Bereiche des Gehirns miteinander, die es eigentlich gar nicht sollten. Als wäre ein Wanderer unterwegs im Gebirge, und unter seinem Fuß löst sich ein Stein. Hundert Meter tiefer plumpst der Stein in einen See, an dessen Ufer ich sitze, und ich denke, da ist ein Fisch aus dem Wasser gesprungen und wieder eingetaucht. Dann beobachte ich die Wasserfläche, ob noch ein Fisch hochkommt. Darum komme ich zu spät zum Abendessen. Der unachtsame Wanderer von vorhin sitzt natürlich schon am Tisch und sagt: „Alles alle!“ Da denke ich, verfickt, wäre ich beizeiten losgegangen, hätte ich was auf dem Teller und müsste mir sein Grinsen nicht angucken.

Frau Nettesheim
In Ihrem Kopf muss ein hübsches Durcheinander sein. Vielleicht sollten Sie jeden Morgen das Alphabet aufsagen, wie Moscherosch es beschreibt:
"Wann ich Morgens auffstehe, sprach Grschwbtt, so spreche ich ein gantz A.B.C., darinnen sind alle Gebett auff der Welt begriffen, vnser Herr Gott mag sich darnach die Buchstaben selbst zusamen lesen vnd Gebet drauß machen, wie er will, ich könts so wol nicht, er kan es noch besser. Vnd wann ich mein abc gesagt hab, so bin ich gewischt vnd getrenckt, vnd denselben Tag so fest wie ein Maur."
Trithemius
Ja, Frau Nettesheim, doch warum sollte ich das Alphabet brabbeln, wenn ich mich mit Ihnen unterhalten kann. Danach fühle ich mich aufgeräumt, erfrischt und wie mit Feudel und Staubwedel geputzt.

Frau Nettesheim
Sie sind ein verfluchter Charmeur, Trithemius.

Trithemius
Zeitreiselogin.

Frau Nettesheim
1586 mal gelesen

Holla, ein paariges Organ von etwa halbkugeliger Form

Huch Frau Merkel hat auch so etwasHeute drängt sich Angela Merkels falscher Busen ins mediale Bild. Die Dreisterneköche des schlechten Geschmacks aus der Bildredaktion erregen sich: "Merkel in Polen verhöhnt".

Ein wenig genauer schreibt Heute.de: "Polnische Presse verhöhnt Merkel als 'Stiefmutter Europas'(...) Am drastischsten langte in Polen das konservative Magazin Wprost hin. Auf dem Titelbild zeigte das Blatt als Fotomontage eine barbusige Kanzlerin Angela Merkel, die die Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczynski an ihrem Busen nährt." Heute.de zitiert die Politiker: Rainer Brüderle (FDP), Fraktions-Vize; Markus Meckel (SPD), Chef der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe; Eduard Lintner (CSU), Außenexperte:
Brüderle: 'Geschmacklosigkeit' -
Meckel: 'Fassungslos' -
Lintner: 'Geschmacklosigkeit'

Zounds! Spricht man denn so über den Busen der Frau Bundeskanzler? Ist er wirklich eine "Geschmacklosigkeit"? Dass sie einen hat, ist jedenfalls nichts Schlimmes. Frauen sind eben so. Man kann es im Schülerduden „Die richtige Wortwahl“ nachlesen. Angela Merkels Busen sogar „fassungslos“ zu nennen, ist auch nicht gerade fein. Wenn die Polen einen Busen montiert hätten, wo gar keiner ist, das wäre eventuell ein Grund sich leise zu wundern. Doch eigentlich ist es sogar charmant, wenn die polnische Presse einmal darauf hinweist, dass Angela Merkel kein Neutrum ist, sondern eine Frau. Man vergisst es so rasch.

Haben Abgeordnete des
Bundestags eigentlich nichts Besseres zu tun als sich über medialen Firlefanz und künstliche Titten aufzuregen? Was kommt als nächstes? Lassen sie zusammen mit BILD vor dem Kanzleramt der verhöhnten Prophetin polnische Büstenhalter verbrennen?

Zirkus des schlechten Geschmacks
1680 mal gelesen

Manche Wörter sind blöd wie Hüfthosen

PedalritterIn den Redaktionen der Aachener Zeitungen, die inzwischen alle in einem Verlag erscheinen, herrscht leider seit Jahrzehnten die Meinung, man dürfe ein Substantiv nicht zweimal hintereinander verwenden. Vielleicht hat der Urheber dieser Macke seine Macke von einem kleingeistigen Schulmeister mitbekommen. Leider sind solche Schulmeister selten imstande, das dazu nötige Ausdrucksvermögen und einen großen Wortschatz zu vermitteln.

Der originelle Mensch, der sich einst die Wörter Pedaltreter, Pedalritter, Drahtesel und Stahlross ausgedacht hat, müsste posthum des Landes verwiesen werden. Seine Wortprägungen waren bei der Erstverwendung vielleicht lustig. Sie entstammen vermutlich einer Zeit, in der man das Radfahren noch für eine Tätigkeit von spleenigen Zeitgenossen ansah. Der berühmte englische Lexikograph Dr. Samuel Johnson höhnte über ein erstes pedalgetriebenes Gefährt: „Somit hat der Mensch die Wahl, ob er sich selbst bewegen will oder sich selbst und einen Wagen dazu.“ Ähnlich dachten einige Jahrzehnte später die Schaulustigen, als sie dem Freiherr von Drais während der Jungfernfahrt mit der Draisine am 12. Juni 1817 den Vogel zeigten. Einer ihrer geistigen Nachfahren hat sich die vogelzeigenden Wörter Pedalritter auf Drahtesel und dergleichen ausgedacht. Bekämen seine Erben dafür Tantiemen, wären sie reiche Leute. Übrigens gibt es vergleichbar lächerliche Ausdrücke nicht für den Autofahrer.

Durch ständigen Gebrauch sind die albernen Komposita aus dem Sachbereich des Fahrrads natürlich nicht schöner geworden. Inzwischen hat sich das Radfahren jedoch als zuweilen günstige Fortbewegung erwiesen. Daher sind die Metaphern zudem überholt und altbacken. Sie entstammen dem engstirnigen Denken einer vergangenen Lebenswirklichkeit.

Nicht jeder kann es sich leisten, etwas wegzuwerfen. Mancher hat einfach nicht soviel im Kopf. Sieht er ein Wort wie Fahrrad, greift er intuitiv in eines seiner wenigen Sprachkästchen und holt den Drahtesel oder das Stahlross hervor. Guckt es kurz an – findet es immer noch prima oder wenigstens gut genug oder er denkt: „na ja, was Besseres gibt’s halt nicht auf dieser Welt“, - und gibt zum zehntausendsten Mal den selben despektierlichen Altmännerwitz in Druck. Bitte diese Sprachschublade nicht mehr öffnen. Sie enthält dummes Zeug.

Sprachmoden sind schwerer zu überwindenAlberne Sprachmoden sind schwerer zu überwinden als ihre Erfinder
(Foto: Trithemius)



Teppichhaus Textberatung
3002 mal gelesen

Spass im Teppichhaus

Liebe Kundinnen und Kunden,

heute vormittag äußerte Herr Mark E. Ting alias Prinz Rupi diesen dringenden Wunsch zum Warenangebot des Teppichhauses:

Lieber Jules, Du weißt, was ich meine: ein wenig mehr Farbe, bisweilen weniger Ernst, auch mal Ausgelassenheit zulassen, den Spaß nicht vergessen …

Selbstverständlich hat die Teppichhausdirektion auf der Stelle ihre arbeitsscheuen Farb- und Humorexperten aufgescheucht, dem faulen Ernst einen Tritt verpasst und die gewünschte Ware fertigen lassen.

spasss-im-teppichhaus

Schönes Wochenende
1688 mal gelesen

Vom Zeigen des Zeigens

Frau-Nettesheim-VideoTrithemius
Bitte lächeln, Frau Nettesheim!

Frau Nettesheim
Schalten Sie die Kamera aus, Trithemius. Ein Standbild von mir muss reichen, ich bin keine Medientusse.

Trithemius
Das weiß ich doch, Frau Nettesheim. Das Video ist ja nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Ich wollte Ihnen nur einmal zeigen, wie hübsch Sie heute wieder aussehen.

Frau Nettesheim
Wie schamlos Sie wieder lügen. Sie zeigen, dass Sie mich zeigen.

Trithemius
Allerdings, denn das Zeigen des Zeigens ist sehr in Mode gekommen, wie ich letztens auf einer Fete erneut beobachten konnte. Man hat sich unablässig gegenseitig fotografiert und zwischendurch die Bilder auf dem Laptop betrachtet. Auf diese Weise wird der Wirklichkeit eine parallele Bildwirklichkeit hinzugefügt, die wiederum auf die Wirklichkeit Einfluss nimmt.

Frau Nettesheim
Sie meinen, dass durch die gezeigten Bilder Handlungen und Ereignisse provoziert werden, die ihren einzigen Grund im Zeigen haben?

Trithemius
Ja, Frau Nettesheim. Die inszenierte Wirklichkeit der Bildwelten gewinnt immer mehr Einfluss auf unseren Alltag. Das ist ein seltsamer Rückkopplungsprozess. Er führt zur Übermacht der zweiten Dimension und macht letztendlich unsere Leben flach.

Frau Nettesheim
Sehen Sie, darum will ich auch nicht, dass Sie zeigen, wie ich heute aussehe. Das nimmt mir die Unbefangenheit, und dadurch gewinnt das technische Bild Einfluss auf mein Verhalten.

Trithemius
Und ich dachte immer, Sie stehen über solchen Dingen, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Verschonen Sie mich mit Ihren Idealisierungen, Trithemius!

Frau Nettesheim
1468 mal gelesen

Über die Kulturtechnik Zeichnen

zeichne-mal-wieder

... heute jenseits der Dorfgrenze.
1510 mal gelesen

Plus!


Was haben vorübergehend
glückliche DDR-Bürger nach dem Fall der Mauer in die westdeutschen Kameras gestammelt? „Wahnsinn!“, und das zu Recht, der Glückshormone wegen, die ungebremst durch ihre Venen gepumpt wurden.

Wenn man in der Marketingabteilung eines Discounters am Schreibtisch hockt, erlebt man dann auch solche Momente der Überwältigung, so dass das Sprachzentrum seinen Dienst versagt und nur noch "Wahnsinn" herausrückt? Beim Aufheben einer Büroklammer vielleicht? Oder sitzt zufällig eine Neue am Empfang, die das Blut aus dem Kopf treibt, weil es anderswo gebraucht wird? Bitte, was hat euch in den Wahnsinn getrieben? Einige Überschriften aus eurer Werbebeilage vom 20. Juni 2007:

Wahnsinn! Das will ich!

Wirklich? Macht es solchen Spaß, so richtig gaga zu sein?
Offenbar, denn so geht’s bei euch weiter:

„Wahnsinnsangebote bei Plus!“, „irre billig!“
„Kleine Packungen – wahnsinnig billig!“
„… zum Wahnsinnspreis“
„Wieder eine Wahnsinnsidee von Plus“


Plus-Wahnsinn

„Wieder eine Wahnsinnsidee von Plus“, ja, was denn noch? Meint ihr das Kind in einer Hüpfburg mit der Überschrift: „Kleine Herzen hüpfen – Das ist Wahnsinn!“? Wäre so ein Kind eventuell mit Kinderschokolade zu heilen, von der ihr versprecht, dass sie „nur kurze Zeit“ wahnsinnig macht? Hackfleisch gemischt ist da wohl nicht zu empfehlen, oder? Rinderwahnsinn geht so schnell nicht weg.

Ein Tipp: Falls euch eure „Wahnsinnsideen“ im morgendlichen Katzenjammer einmal gar zu sehr quälen, - einfach mal für eine Weile trocken bleiben, denn auch die harten Getränke aus eurem Sortiment verbreiten leider „Wahnsinn“.

Tretet Dada bei!

Zirkus des schlechten Geschmacks
1921 mal gelesen

Kasseler braucht Kochmützen

Documenta-Leiter Roger M Buergel kleinAch, wie wunderbar die Zeiten, als Christiane Herzog als Gattin des damaligen Bundespräsidenten im ersten deutschen Fernsehen eine Kochsendung hatte und sich darin von einem Sternekoch mit dem passenden Namen Koch die Möhrchen schrabben ließ.

Es war ungemein erfrischend, wie Frau Christiane Herzog klarzumachen verstand, wo genau die Trennlinie verläuft zwischen Herrschaft und Dienstboten. „Herr Koch, die Kasserole, bitte!“

Schon der neureiche Trimalchio des römischen Schriftstellers Petron erfreut sich bekanntlich daran, dass sein Koch auf den Namen Schneid hört. So kann Trimalchio seinen Koch beim Namen rufen und gibt ihm gleichzeitig den Befehl, den mit Früchten gefüllten Ochsen aufzuschneiden. In diesem Sinne war Christiane Herzogs Wahl des Kochgehilfen Koch zwar nicht neu, und trotzdem nahezu genial. "Koch!" das ist: Name, Berufsbezeichnung und Befehl in einem Wort. Sparsamer kann man seine Dienstboten nicht anweisen. Leider ist Christiane Herzog schon einige Jahre tot, und so ist da auch niemand mehr, der den kometenhaften Aufstieg der Köche bremsen könnte.

Doch so sehr die emporgekommenen Köche auch kochen, sotten und mit Pfannen jonglieren, in Sterneküchen, im Fernsehen und in Zirkuszelten, noch immer kriegen Millionen nichts in die Bäuche oder verenden sogar auf dem weiten Weg ins rettende Restaurant. Schrecklich ist zum Beispiel die Situation an der Costa Brava. 100.000 Hungrige jährlich versuchen einen Platz im Restaurant El Bulli zu ergattern, doch nur 8.000 Menschen können von Molekularkoch Ferran Adrià beköstigt werden. Das Schicksal der Abgewiesenen ist ungewiss.

An der Tafel des Ferran Adrià gespeist zu werden, das ist, wie man sich leicht vorstellen kann, schier unmöglich. Der documenta-Leiter Roger M. Buergel hat dieses Kunststück offenbar fertig gebracht und ist seither des Lobes voll. Und mehr noch, er wird in den nächsten hundert Tagen je zwei hungernde Dokumentabesucher auswählen, die sich kostenlos im Restaurant El Bulli satt essen dürfen. Leider hat Roger M. Buergel weder seinen Schneider noch seinen Friseur zu soviel Altruismus überreden können, weshalb er ihre Werke auch nicht zum Kunstwerk erklärt und auf Nachfragen gereizt reagiert: Das verstehe wohl „jeder, der alle Tassen im Schrank hat“.

Tretet Dada bei!

(Fotomontage: Trithemius 06/07)

Zirkus des schlechten Geschmacks
1847 mal gelesen

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Teppichhaus Trithemius / Teestübchen Trithemius

Aktuelle Beiträge

Jenseits der vertrauten...
„Wenn ein Mensch geboren ist und erste Eindrücke empfängt,...
Trithemius - 7. Apr, 17:26
Der Pohl
Einer, an den ich ein halbes Jahrhundert nicht gedacht...
Trithemius - 5. Apr, 18:25
Einfach zu viele Eier
Traditionell sammelten die Messdiener unseres Dorfes...
Trithemius - 4. Apr, 10:31
Ein Bote wird in den...
Der Schweizer Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli verzeichnet...
Trithemius - 1. Apr, 11:42
Die kulinarische Konsequenz....
Die kulinarische Konsequenz. Gibts Rezepte?
Trithemius - 29. Mär, 07:18
Irgendwann erreichte...
Irgendwann erreichte der Brief, wenn auch nach sehr...
Lo - 29. Mär, 00:14
Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

RSS Box

Links

Suche

 

Kalender

April 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 2 
 3 
 6 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 

Web Counter-Modul

Status

Online seit 6986 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 10. Apr, 15:04

Credits


Abendbummel online
Bild & Text
dörfliches
Ethnologie des Alltags
Frau Nettesheim
freitagsgespräch
Gastautoren
Hannover
Internetregistratur
Kopfkino
Pataphysisches Seminar
Pentagrion
Schriftwelt im Abendrot
surrealer Alltag
Teppichhaus Intern
Teppichhaus Textberatung
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren