documenta 12 - Mutter schmiert Stullen

Kassel (dpa) - 1735 Tage musste die Kunstwelt warten, dann ging es pünktlich auf die Minute los: Punkt zehn fuhr der Wagen von Bundespräsident Horst Köhler - mit einem weißen "d12"-Fähnchen am Türrahmen - vor dem Fridericianum in Kassel vor. Als symbolischer erster Gast hat Bundespräsident Köhler die documenta 12 in Kassel eröffnet. Für die nächsten hundert Tage werden 650 000 Besucher auf der weltweit wichtigsten Ausstellung moderner Kunst erwartet. Knapp zwei Stunden Zeit sah das Protokoll für die beiden größten der fünf Ausstellungsbauten vor. Geführt wurden Köhler und seine Frau von documenta-Chef Buergel und dessen Frau. Die Presse blieb ausgeschlossen, bis auf wenige Minuten vor zwei der interessantesten Objekte der "d12".
Besonders beeindruckt zeigte sich Bundespräsident Horst Köhler von dem 25 Meter langen digitalen Tableau des Berliner Künstlers Hanno P. Glimmerschiefer, das die drei Leitmotive der diesjährigen documenta in sich vereint: Ist die Moderne unsere Antike? - Was ist das bloße Leben? - Was tun?

Mutter-schmiert-Stullen
Hanno P. Glimmerschiefer - Mutter schmiert Stullen (d12)

Köhler verwies auf die Stärke der Kunst, die Fragen nach dem Was tun zum Diskurs zu machen: „Die documenta bringt die Probleme der Welt mitten in unser Wohnzimmer. Ich hoffe, das regt viele Menschen an, über genau diese Probleme noch einmal nachzudenken.“
Roger-Martin Buergel, Leiter der documenta 12, erläuterte während des Pressetermins mit dem Bundespräsidenten, bei Kunst gehe es nicht um Objekte, sondern um ästhetische Erfahrung. "Und das beginnt mit Verstehensirritationen, einem Erlebnis der Andersheit." Er könne durchaus verstehen, dass mancher Ausstellungsbesucher frustriert sei, "aber Frustration ist der unverzichtbare Bestandteil von Bildung.“

Tretet Dada bei!
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Teppichhaus - Programmankündigung

vorab

Liebe Kundinnen und Kunden,


wenn die Wetterverhältnisse es zulassen, startet heute Abend gegen 22 Uhr im Stammhaus eine neue Folge des Nachtschwärmers. Die Fahrten mit der Nachtdraisine über verschiedene Gleisstrecken in Belgien, den Niederlanden und in der Eifel begannen im Dezember 2005 und erschienen in drei Staffeln allnächtlich bis April 2006. Zur Einstimmung sind letzten vier Fahrten wieder öffentlich:
-1- -2- -3- -4-
Viel Vergnügen bei unserer nächtlichen Reise wünschen
Helene Nettesheim
Trithemius
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Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim - Kakophonie im Nachmittagskopf

trithemius & Frau NettesheimFrau Nettesheim
Trithemius! Was ist los mit Ihnen?

Trithemius

Nix.

Frau Nettesheim
Genau das meine ich. Sie sind doch sonst so gesprächig.

Trithemius
Liebe Frau Nettesheim, so gerne ich mich mit Ihnen unterhalte, ich kann meinem denkfaulen Nachmittagskopf gerade mal keine zitatwürdigen Äußerungen abringen.

Frau Nettesheim

Von Ihnen erwartet das ohnehin keiner.

Trithemius

Sie sind vielleicht lustig. Wir sitzen hier auf dem Präsentierteller oder besser gesagt, auf einer virtuellen Bühne. Und das für ewige Zeiten, zumindest solange das Internet besteht. Stellen Sie sich vor, Frau Nettesheim, wenn wir beide längst abgenippelt sind, kann jemand unser aktuelles Gespräch belauschen, der sich zur Zeit noch in der Krabbelphase befindet und am liebsten an seinen Zehen lutscht. Irgendwann ist er erwachsen und fragt die Suchmaschine seines Rechners nach dem Wort „Kakophonie“. Und prompt müssen wir beide antanzen und drüber sprechen.

Frau Nettesheim

Wir reden doch gar nicht über Kakophonie, sondern über Ihren denkfaulen Nachmittagskopf.

Trithemius
Wir reden auch nicht übers Sterben. Doch unser Gespräch übers Sterben, im Hellen betrachtet“ vom November 2005 wird neuerdings ständig aufgerufen. Das heißt, während ich Ihnen grad was über die Kakophonie auf dem Markt erzählen will, lässt ein anderer uns zum Thema letzte Ruhe parlieren. Im Internet kann alles gleichzeitig passieren.

Frau Nettesheim
Für uns beide ist nur der jeweilige Augenblick von Belang. Ihre Vision, wir würden zum dadaistischen Simultangerede herbeizitiert, ist in Wahrheit ein rein theoretisches Problem.

Trithemius
Dadaistisches Simultangerede ist das Stichwort, Frau Nettesheim. Heute Mittag saß ich auf dem Markt und wollte zu einem Milchkaffee die Süddeutsche lesen. Doch rund um mich herum war ein derart kakophonisches Stimmengewirr, dass ich mir gewünscht habe, meine Ohren wären wieder zu. Und dann habe ich mich immer wieder erstaunt umgeguckt, denn außer mir schien das niemanden zu stören.

Frau Nettesheim
Die Leute blenden den Lärm eben aus. Nur Sie sind noch nicht daran gewöhnt, weil Sie gerade erst beim Ohrenarzt waren. Ich muss noch immer schmunzeln, dass Sie mir kürzlich erzählt haben, die Güterzüge seien leiser geworden, seitdem man auf der Brücke neue Schienen verlegt hat.

Trithemius
Da sehen Sie mal, wie man sich täuschen kann und subjektive Wahrnehmungseinschränkungen zu rationalisieren versucht.

Frau Nettesheim
Darin sind Sie Weltmeister.

Trithemius
Vielen Dank, Frau Nettesheim. Man wird Ihre freundliche Bemerkung noch beschmunzeln können, wenn wir beide längst der subjektiven Wahrnehmungstäuschung unseres Hinscheidens unterliegen.

Frau Nettesheim
Do maache se in Kölle kein Finster vür op.

Frau Nettesheim
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Abendbummel online - Hören Sie das Knistern der Scheine?

Helfen die TablettenAm Ende der Bank entlang der Hausfront des „Domkellers“ sitzen neben mir drei wohlsituierte Herren. Bald gesellt sich eine Frau hinzu. Ihr fröhlicher Gruß wird nur achtlos erwidert. Die Drei sind sich einig, dass ihrer An- oder Abwesenheit nur geringe Bedeutung zukommt. Offenbar ist sie mit dem stoffeligsten der drei verheiratet, und das hat sie abgehärtet, denn sie lässt munter auf Blumen in ihrer Einkaufstüte schauen. „Sind das nicht schöne Farben?“, fragt sie. Einer brummelt „Hm, ja“, dann reden sie über ein Fußballspiel und den Schiedsrichter.

Wie das Gespräch vom Rasen hinüber zur Arktis fliegt und wie grünlich, vom Flieger aus gesehen, die Eisberge schimmern, bekomme ich nicht mit, denn ich versuche mit mäßigem Erfolg meine Ohren zu verschließen. Einer murmelt etwas von Klimaerwärmung. Der die Eisberge von oben gesehen hat, versichert, dass die Flugzeughersteller alles in ihrer Macht stehende für den Klimaschutz tun. In einem Institut der Technischen Hochschule forsche man im Auftrag von Rolls-Royce an Turbinenschaufeln. Dazu sei eigens eine Halle errichtet worden. Rolls-Royce liefere immer wieder Metallblöcke an und lasse sie mit unterschiedlicher Hitze schmelzen, auf dass man die absolut und endgültig beste Turbinenschaufel daraus gieße. Und habe man an der TH erst einmal die Königin aller Turbinenschaufeln gefunden, verbrauche ein Flugzeug weniger Kerosin als ein Moped, weshalb man schon jetzt ruhigen Gewissens die Eisberge überfliegen und angucken dürfe, denn man müsse sich schließlich mit eigenen Augen vom Zustand der Eisberge überzeugen. Zugegeben, das mit dem Moped habe ich erfunden.

Von den eisbergfreundlichen Schaufel-Tests wandert das Gespräch zu den Ohren des einen. Er hat einen Pfropfen drin. „Mit den Ohren ist nicht zu spaßen“, meint die Frau, und nutzt die Gelegenheit, sich ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu sichern. Der Taube müsse zum Ohrenarzt, der werde mit einem feinen Röhrchen den Pfropfen heraussaugen. Ich gucke stiekum zu ihm hinüber. Ein Röhrchen in seinem Ohr und das andere Ende im Mund des Ohrenarztes – da hätte ich lieber noch mehr von den Turbinenschaufeln gehört. Doch leider will er nicht auf den Rat der Frau hören, sondern erwägt, sich die Ohrstöpsel selbst herauszupulen, da er ja „Selbstzahler“ sei. Nun hebt die Frau mit schweren Warnungen an, welche Verwüstungen eine Haarnadel in seinem Ohr anrichten könnte, dringt jedoch nicht durch den Pfropfen an seinen Verstand.

Gestern abend wurde mir ein Professor der Ohrenheilkunde vorgestellt, und ich sagte: „Den Herrn Professor Doktor, Doktor kenne ich schon.“ Da grinste er sardonisch und fragte: „Habe ich Ihnen auch schon einmal weh getan?“ „Ja“, sagte ich. Tatsächlich war ich vor Jahren bei ihm gewesen. Er war zu einer Vitrine gegangen, in der allerlei hässliche Gerätschaften lagen, und hatte eine seltsam geformte Pinzette herausgeholt, die vermutlich älter war als wir beide zusammen. Damit hatte er in meinen Ohren herumgepult und mir dabei so weh getan, dass ich dachte, ich sitze auf einem Folterstuhl. Als die blutige Tortur vorbei war, hatte er Daumen und Zeigefinger aneinander gerieben und gefragt: „Hören Sie das?“ Ja, diese Geldzähl-Geste hörte ich genau und ich ärgerte mich, dass ich privat versichert bin und er sich gewiss ein fettes Honorar für seine Stümperei berechnen würde.

Ich wandte mich von meinem alten Peiniger ab und sagte ihm auch nicht, dass ich just vorgestern bei einem seiner Kollegen gewesen war, einem Arzt ohne Doktortitel. Er verpasste mir eine sanfte, schmerzlose Ohrenspülung. Denn dafür gibt es ein probates medizinisches Gerät. Jetzt bin ich befreit und höre ein nächtliches Moped noch, wenn es längst in der Inneren Mongolei angekommen ist.

Ein Freund eines Freundes ist einmal wegen Magenproblemen zum Internisten gegangen. Der verschrieb ihm Tabletten. Eine Woche später stand der Mann an der Supermarktkasse und entdeckte drei Schlangen weiter seinen Internisten. Der Internist rief:
„Und? Helfen die Tabletten?“
„Ja, prima!“
„Dann nehmen Sie die weiter!“
"Gut, mache ich!"
Eine Woche später bekam der Freund meines Freundes von seinem Internisten eine neue Rechnung für „Eingehende Beratung.“
Die Geschichte ist natürlich eine urbane Sage.

Guten Abend


Abendbummel online
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Abendbummel online - Alles hängt davon ab, von welcher Seite man durch die Scheibe guckt

Es ist bereits dunkel, und wir bummeln am Bahnhof vorbei die Straße hinunter. Dort gibt es einen Laden, dessen Eigentümer den Berufsstand der Schaufensterdekorateure verachtet. Der Mann hat eigene Vorstellungen von der richtigen Präsentation der Ware, denn er kennt seine Kundschaft und ihre Begehrlichkeiten.

Als junger Mann war ich Schriftsetzer, trug einen grauen Kittel und hatte handwerklichen Berufsstolz. Eines Tages kam ein Kunde in die Druckerei, der Kaffeefahrten veranstaltete. Er hielt mir einen alten Werbezettel unter die Nase und sagte, ich solle ihm einen neuen Zettel mit den aktuellen Daten setzen. Der Reklamezettel versammelte ein Dutzend Schrifttypen in allen Größen und Schnitten. In meinen Augen war das visuelle Umweltverschmutzung. Obwohl ich Kaffeefahrten nie für eine kulturelle Veranstaltung gehalten habe, hatte ich den Ehrgeiz, dem Kunden einen typographisch einwandfreien Werbezettel zu gestalten. Es ging um Berufsethos. Wenn ein zerschossener Mafiosi aufgefunden wird, sagt der Arzt ja auch nicht, den lasse ich so, wie er ist. Ich setzte den Zettel ab und gestaltete ihn völlig um, setzte nur eine Schriftart ein und gab den Inhalten gleichen Rangs auch die selbe Größe. Später wurde meine Neufassung zweitausend mal auf vierfarbige DIN-A5-Vordrucke gedruckt, die der Kunde angeliefert hatte. Dann kam der Kunde, um sie abzuholen. Die Zettel waren in handliche Pakete eingepackt, auf deren Stirnseite jeweils einer der Werbezettel klebte. Der Kunde beugte sich drüber und stieß einen Wutschrei aus. „Falsch! Alles falsch, die Zettel sollten genau wie die Vorlage gedruckt werden!“

Hier wache ichMein Chef kam in die Buchbinderei und musste sich anhören, dass der Kaffeefahrtveranstalter die Zettel nicht abnehmen würde. Und schlimmer noch, jetzt müsste er auch die teuren vierfarbigen Vordrucke nachbestellen. Das ganze sei eine Katastrophe und werde ihn vermutlich ruinieren.

Ich wurde zur Rede gestellt und versuchte dem Kunden zu erklären, warum ich seinen Zettel nicht nach der Vorlage hatte setzen können. Da rief er aufgebracht: „Die Gestaltung ist von Psychologen ganz genau ausgetüftelt worden. Daran darf nichts verändert werden, sonst wirkt er nicht!“

Er selbst war der Psychologe gewesen, ahnte ich. Denn besonders die windigen Vögel verstehen viel von angewandter Psychologie. Nur dann sind sie mit ihrer Bauernfängerei erfolgreich. Die verwirrende Typographie hätte ich also nicht in Ordnung bringen dürfen, denn das Ziel des Zettels war die Verwirrung der potentiellen Opfer. Diese Erfahrung lehrte mich etwas über den richtigen Zusammenhang von Form und Inhalt.

Dürfte ein Schaufensterdekorateur im Schaufenster des Fotos Ordnung machen, würde er vermutlich als erstes den Polizisten rausschmeißen. Später käme der Ladenbesitzer und würde rufen: „Wo ist mein Polizist? Wollen Sie mich ruinieren?! Dass der da steht, hat sich ein Psychologe ausgedacht. Denn wenn der Wachtmeister nachts nicht hinter meinen Waschmaschinen steht, hauen sie mir die Scheibe ein und klauen die Teile!“

Gute Nacht

Abendbummel online
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Abendbummel online - Hhum, Schwerkraftwandel

Angenommen, ich wäre grad mal 1,60 Meter groß, ginge verträumt an einem Fotogeschäft vorbei, würde im Schaufenster plötzlich etwas entdecken, mich abrupt hinwenden und stupse mit der Nase den Busen einer Frau an, die mir nichts ahnend entgegenkommt. Was sollte ich dann am besten sagen? „Hhum!“? Das würde man mir bestimmt verübeln und mich einen Grobian schimpfen. Es war aber grad umgekehrt. Ich gehe nichts ahnend am Fotogeschäft vorbei, und plötzlich ändert eine Frau ihren Kurs Richtung Schaufenster, stupst ihre Nase gegen meine Brust und sagt: „Hhum!“

Dabei ist wieder genug Platz in der Stadt. Die Pilger sind weg. In der Bäckerei trete ich zum ersten Mal seit langem an eine leere Theke. Die Bäckereifachverkäuferinnenauszubildende hantiert mit irgendwelchen Dingen herum und sagt: „Ich komme gleich zu Ihnen!“ Hübsch, in den letzten Wochen musste ich fünf Minuten anstehen, und jetzt sorgt man sich schon um Sekunden meines Lebens.
schlaf gut„Bitteschön, was darf es sein?“
„Ich wäre fast schon verhungert.“
„O Gott, das wollen wir aber nicht!“
Zur Entschädigung dient Fräulein Pluralis Majestatis mir einen Feinschmecker - Pass an. Bis Ende Juni soll ich mir sieben Stempel verdienen, indem ich für mehr als drei Euro einkaufe. Der Stempel zeigt ein „F“ für Feinschmeckerpunkte. Sieben Punkte werden mit Pain Parisien oder Focaccia gratis belohnt.

Draußen am Tisch
lese ich, dass die Rückseite des Passes vollständig ausgefüllt werden muss, Name, Anschrift, E-Mail. Ja, warum das denn? Kriege ich dann die Bäckerblume frei Haus und als E-Paper? Oder will der Aachener Großbäcker in den lukrativen Datenhandel einsteigen?

Die Pilger sind weg, doch leider haben sie vor dem Dom einen knödelnden Gitarristen vergessen. Der Mann im roten T-Shirt hingegen schläft erst seit heute auf der belebten Krämerstraße, denn auch während Heiligtumsfahrt räumten die grimmigen Sheriffs vom Ordnungsamt alle Bettler und Berber ab, aus christlicher Nächstenliebe.

Ob ich das Ende der hässlichen Hüfthosen-Mode noch erleben werde? Oder ist der optische Schwerpunkt der Frau auf ewige Zeiten nach unten gerutscht und ich nehme den Anblick von Dackelbeinen mit ins Grab? Ulkig sehen auch die Typen mit den tiefergelegten Hosenböden aus, wenn sie versuchen, die Hände in die Taschen zu stecken, aber nur mit den Fingerspitzen hineinlangen können. Was zieht die Hosen eigentlich so nach unten? Vermutlich liegt es am Schwerkraftwandel, und der Arsch geht als erster auf Grundeis.

Guten Abend

Abendbummel online
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seid auch im geringsten nicht im geringsten untreu - Kosogs Diktat

liebe kinder! heute nacht nahm ich mir vor, euch diesen morgen einige lehren fürs leben des näheren nieder zu schreiben - so beginnt das Testament einer Mutter, das keine Mutter niedergeschrieben hat, sondern der Realschullehrer Josef Lammertz. In diesem Testament sind alle Schwierigkeiten der Groß- und Kleinschreibung versammelt. Bekannt gemacht wurde der Text 1912 von Oskar Kosog, Lehrer am Lehrerinnenseminar. Er versah es mit 65 Erklärungen, machte aber selbst im Diktat 5 Fehler.

Das „Testament einer Mutter“, genannt Kosogs Diktat, diente in den Jahren danach als abschreckendes Beispiel für die unnötig komplizierten Regeln der seit 1903 geltenden Duden-Orthographie. Professor Dr. Kühnhagen, Verfechter der Kleinschreibung, schreibt in seinem Buch "notstände unserer rechtschreibung":
„wie schwer unsere amtliche rechtschreibung allein in dem Punkte des schreibens der hauptwörter mit großen anfangsbuchstaben ist, zeigen die versuche mit einem diktat, das mittelschullehrer kosog aus josef lammertz: ‚die rechtschreibung für das deutsche volk’ entnahm. (…)
30 lehrer machten 4 bis 22 fehler, 8 frauen mit höherer mädchenschulbildung 13 bis 30 fehler, 10 akademiker, darunter dozenten der universität, 14 bis 30 fehler, eine anzahl studierender damen 12 bis 21 fehler, 12 studenten 14 bis 32 fehler, ein oberlehrer, der sich dem versuche anschloß, 18 fehler."
Das Zitat stammt aus einer Steitschrift von Walter Porstmann aus dem Jahr 1920. Der Ingenieur Porstmann, Begründer des DIN-Papierformats, setzte sich in dieser Streitschrift für die radikale Kleinschreibung ein. Er wollte die Buchstaben aus der Holzzeit in die moderne Eisenzeit überführen und fortan „Staben“ nennen. Mit seinen Reformbemühungen stand er nicht allein. Doch mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde dem ein Ende gesetzt.

Anfang der 50er Jahre machte Leo Weisgerber, einer der Väter der deutschen Nachkriegsgermanistik, erneut auf Kosogs Diktat aufmerksam:
"Dieses Diktat lernte ich zufällig durch einen Kollegen kennen. Ich warf einen flüchtigen Blick auf den ersten Satz, und sofort schoß mir der Gedanke durch den Kopf, daß das Diktat vortrefflich zu einem Versuche geeignet sei. Ich wartete nun, um jenen flüchtigen Eindruck zu verwischen, etwa drei Jahre und ließ mir sodann das "Testament" in die Feder diktieren. Dabei machte ich fünf Fehler, von denen sich einer allerdings nicht im Duden fand; rechnet man diesen ab, so bleiben immer noch vier, für einen Lehrer jedenfalls sehr viel."
Wie sich Leo Weisgerber die Wartezeit verkürzt hat, ist nicht überliefert. Nach einem sofort schießenden Gedanken drei Jahre warten zu müssen, war gewiss hart. Er wird da gesessen und ungeduldig mit den Fingern auf dem professoralen Lehnstuhl getrommelt haben. Endlich, der Zeiger der Uhr rückte vor, drei Jahre waren um. „Sodann“ ließ Leo Weisgerber sich „Das Testament einer Mutter“ diktieren. Weisgerber (fünf Fehler!) berichtet weiter:
"Bald sollte sich jedoch zeigen, daß ich eigentlich eine glänzende Leistung vollbracht hatte. Der Versuch wurde nämlich zunächst an 30 Lehrern wiederholt; dabei betrug die geringste Fehlerzahl 4, die höchste 22,..., sodann wurde das Diktat von 8 Frauen, die sämtlich mindestens eine höhere Mädchenschule besucht hatten, niedergeschrieben, dabei machte eine Dame 13 Fehler, sodann stieg die Fehlerzahl sofort auf 22 und endlich bis auf 30. (...) Nicht viel besser war es bei 10 Herren mit akademischer Vorbildung (Mediziner, Juristen, Dozenten der Philosophie); ihre Arbeiten wiesen 14-30, im Durchschnitt 20 1/2 Fehler auf. 10 studierende Damen machten 12-21, und 12 studierende Herren 14-32 Fehler. Der einzige Oberlehrer, der sich dieser Prüfung unterzog, lieferte eine Arbeit mit 18 Fehlern." (Weisgerber 1955, S.54f)
Was war geschehen? Die selben Testpersonen hatte doch schon vor 1920 Kühnhagen getestet, mit exakt dem gleichen Ergebnis. Ein Hund lief in die Küche und stahl dem Koch ein Ei ... - die geistigen Wirren der Nazidiktatur hatten offenbar das Raum-Zeitkontinuum durcheinander gebracht. Irgendwo in einer galaktischen Zeitschleife saß nun ein trauriger Haufen von Opfern der Groß- und Kleinschreibung, Frauen, Damen, Akademiker, ..., um auf ewig das Kosog’sche Diktat zu versieben. Und ein „Oberlehrer“ war auch dabei. Doch wenn er schon der Zeitreise mächtig war, warum hatte Weisgerber dann nicht auch ein bisschen Nachhilfe in Stilkunde beim Kollegen Kühnhagen genommen? Oder war der angebliche neue Test ein kleiner Wissenschaftsbetrug, den Weisgerber sprachlich umständlich kaschieren musste? Vermutlich war er nur ein wenig zerstreut, man kennt das von Professoren. Dass er zur Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der unseligen SS-Forschungseinrichtung „Ahnenerbe“ gewesen war, hatte er nämlich auch vergessen, wie viele seiner Kollegen.

Die Kritik an der Großschreibung war und ist trotzdem berechtigt. Jacob Grimm hat sie schon formuliert und daher das berühmte Deutsche Wörterbuch in Kleinschreibung drucken lassen. Doch alle Versuche, die typographisch hässliche und orthographisch unsinnige Großschreibung abzuschaffen, sind kläglich gescheitert. In Dänemark dagegen nutzte man nach dem zweiten Weltkrieg die Gunst der Stunde des Neuanfangs und entledigte sich der „wertlosen Einfälle von Schreiberknechten“, wie der dänische Sprachforscher Otto Jespersen damals schrieb. Seither gibt es die Groß- und Kleinschreibung nur noch im deutschen Sprachraum.

Bei der jüngsten Orthographiereform hat man sich an die Groß- und Kleinschreibung gar nicht erst herangewagt. Die letzten Versuche wurden 1962 mit den Wiesbadener Empfehlungen und 1973 gemacht. Ein Sturm der Entrüstung fegte anschließend durch die Presse. Mit Zähnen und Klauen verteidigten deutschtümelnde Eiferer die wertlosen Einfälle der Schreiberknechte der Barockzeit als wesenhaften Bestandteil der deutschen Sprache. Mit herbei gesuchten Sätzen wie:
„wer ist bräutigam und braut zugleich?“ (der Bierbrauer)
„ich habe liebe genossen“ (liebe Genossen oder Liebe genossen)
„die schöne naht im nachtgewande“ (schöne Naht oder die Schöne naht)
versuchte man zu beweisen, dass die Großschreibung der Substantive für das Verständnis unumgänglich sei, womit die Deutschen dann offenbar die einzigen Blöden auf dem Erdball sind, die den Wortsinn nicht aus dem Zusammenhang erschließen können.

Daher muss sich unsere Industrienation vermutlich auf immer den Luxus von Orthographieregeln leisten, die niemand völlig beherrscht, nicht einmal der zweimal mit Kosogs Diktat getestete „Oberlehrer“.

Das Kosog'sche Diktat
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Abendbummel online - Geschrumpft, Gebügelt und in den Sack gesteckt

Zweimal PechWenn du vor einem Café sitzt und hinter dir haben sich fünf Griechen um einen Tisch geschart und die akustische Oberhoheit in Besitz genommen, dann ist es eigentlich ganz hübsch, einen Hörsturz zu haben. Da schiebt sich ein Sirren und Schwirren zwischen mich und die lautstarke Welt, mal wie weißes Rauschen, mal wie sphärische Musik, und ich kann mich trotz der Schwadroneure auf meine Zeitung konzentrieren. Sie passt übrigens gut auf den kleinen Cafétisch und lässt sich blättern, ohne vom Wind zerzaust zu werden, denn sie hat das handliche Tabloid-Format. Allerdings weht kaum ein Lüftchen, und es ist drückend schwül.

Mit Pressekonzentration ist natürlich nicht das Schrumpfen einer Tageszeitung von 400 x 570 Millimeter auf 280 x 400 Millimeter gemeint. Trotzdem hat das neue Format der einst stolzen linksliberalen Frankfurter Rundschau etwas mit der Pressekonzentration in Deutschland zu tun.

Es böllert, nicht in meinem Kopf, sondern vor der Rathaustreppe. Dort oben hat sich eine Hochzeitsgesellschaft aufgebaut und lässt sich von einer Konfettikanone beschießen. „Willst du ein Jahr glücklich sein, dann heirate“, weiß ein chinesisches Sprichwort. Gegen das Grau des Alltags setzt die neue Frankfurter Rundschau einen Kessel Buntes. Das missfällt vielen Lesern, wie den Leserbriefen an Bronski, den redaktionseigenen „Leserversteher“ zu entnehmen ist. Im FR-Blog wird noch heftiger kritisiert, was der neue Verleger Alfred Neven-DuMont der Frankfurter Rundschau angetan hat. Nicht jedem ist nach Konfetti für den Verstand.

Ein fernes Grollen.
Über dem Rathaus ballen sich bleigraue Wolken, und die Schwalben kreisen hoch im Himmel. Das tun sie übrigens nicht, um uns zu zeigen, dass es bald regnen wird, als wären sie alle von Kachelmann bezahlt. Sie folgen den Insekten, die von den Aufwinden des kommenden Unwetters nach oben gesogen werden.

Nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches mussten die Deutschen ja zuerst einmal von der Obrigkeitshörigkeit geheilt werden, und zu diesem Zweck bescherten uns die Alliierten ein demokratisches Zeitungskonzept. In jeder Stadt vergaben sie zwei Zeitungslizenzen, eine für eine rechtskonservative, eine für eine linksliberale Zeitung. Diese von den Alliierten verordnete Meinungsvielfalt hat unsere Demokratie nachhaltig geprägt, denn sie brachte den Deutschen bei, dass es kein Verbrechen ist, in politischen Fragen unterschiedlicher Meinung zu sein.

Die erste Lizenz erhielten
die sozialdemokratisch orientierten Aachener Nachrichten. Sie erschien erstmals am 24. Januar 1945, also noch vor der Kapitulation, denn Aachen war bereits im Oktober 1944 von alliierten Truppen eingenommen worden. Etwa ein Jahr später erschien die CDU-nahe Aachener Volkszeitung. Inzwischen sind beide Zeitungen in einem Verlag aufgegangen, der zu Teilen der CDU-nahen Rheinischen Post gehört. Aachener Nachrichten und Aachener Zeitung teilen sich einen Chefredakteur und einige Ressorts. Meinungsvielfalt darf man da nicht mehr erwarten.

Die Frankfurter Rundschau war übrigens die zweite freie Zeitung nach der Nazidiktatur. Seit 1973 gehörte sie der Karl-Gerold-Stiftung, was ihre Unabhängigkeit als überregionale linke Tageszeitung für drei Jahrzehnte sicherte.

Die Griechen sind plötzlich seltsam still, am Himmel Wetterleuchten, dann ferner Donner. Wir sitzen unter einem großen Schirm, meinetwegen kann es losgehen. Im Jahr 2003 geriet die Frankfurter Rundschau in wirtschaftliche Schwierigkeiten, wurde hin und her verkauft, bis sich der Verlagskonzern M. DuMont Schauberg als Retter andiente. Von 1.700 Mitarbeitern blieben noch 500 übrig, der Chefredakteur Wolfgang Storz wurde gegen den Willen der Redaktion entlassen und durch Uwe Vorkötter von der Berliner Zeitung ersetzt. Mit der ehrwürdigen Frankfurter Rundschau hat das neue Blatt nur noch den Namen gemeinsam.

Große Verlagsgruppen wie M. DuMont Schauberg sammeln Zeitungen. Ursprünglich erschienen im DuMont Verlag der linksliberale Kölner-Stadtanzeiger und die Boulevardzeitung Express. Inzwischen gehören zur Verlagsgruppe auch die konservative Kölnische Rundschau und die Mitteldeutsche Zeitung. Diese auflagenstarke Regionalzeitung für das südliche Sachsen-Anhalt war zu DDR-Zeiten ein Organ der SED. Es ist den Großverlegern offenbar nicht wichtig, welche politische Ausrichtung eine Zeitung hat. Man wird nachher ohnehin alles glatt bügeln. Das Glatte und Bunte verkauft sich einfach besser. Die DuMontsche Frankfurter Rundschau hat einen verrückten Falz. Der sei aus technischen Gründen nötig, erklärt der „Leserversteher“ Bronski. Und er druckt den Tipp einer Leserin ab: Einfach neu falten und drüber bügeln, - genau wie es der Verleger mit der FR gemacht hat.

Die Kellner und Kellnerinnen haben Schichtwechsel und kassieren ab. Die mich bedient hat, kommt offenbar aus dem Osten. So klang es, als sie eben im Vorbeirennen meinen Teller mitnahm und „hat’s geschmeckt“ fragte, ohne meine Antwort noch abzuwarten. Das Café spart am Personal, und so kriegt man als Gast nur eine flüchtige Notversorgung. Jetzt lächelt meine Kellnerin sogar. Na ja, ich habe es mir mit einem Euro Trinkgeld erkauft.

Der Regen geht nieder,
spritzt vom Schirm auf meinen Tisch und auf den Zuckerstreuer. In der Untertasse meines Milchkaffees sammelt sich Wasser. Ich packe meine gebügelte Frankfurter Rundschau in den Rucksack, rauche eine Zigarette und schaue in den Regen.
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Irgendwann erreichte der Brief, wenn auch nach sehr...
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Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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