Plausch mit Frau Nettesheim - Daneben

trithemius & Frau Nettesheim
Frau Nettesheim
Ihr Eintrag gestern war ziemlich kryptisch.

Trithemius
Ja, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Und weiter?

Trithemius
Was?

Frau Nettesheim
Wollen Sie nicht erklären, was es damit auf sich hat?

Trithemius
Ach so. Ich war den Tag über komplett lustlos. Überdruss, Frau Nettesheim. Die Welt ging mir auf den Geist. All das Getute und Geblase in den Medien, Stoiber, Pauli, Seehofer, Merkel, Scharping; das Wetter, die Leute auf der Straße, das Leben überhaupt… und mir selbst fiel ich auch auf den Wecker, weil ich mich nicht mit meinem Überdruss abfinden wollte. Immerhin traf ich mich am Abend im Egmont mit Careca. Er trank einen Milchkaffee und eine Cola – er musste noch weiter fahren – ich trank drei Kölsch, die mir mal wieder im falschen Glas serviert wurden. Doch es war anregend, Careca im realen Leben zu begegnen. Später brachte ich ihn zu seinem Auto, denn es regnete, und er hatte keinen Schirm. Als ich wieder zu Hause war, packte mich erneut die Lustlosigkeit. Da fiel mir ein, dass Theobromina gesagt hat, man dürfe einen nassen Schirm nicht aufspannen, weil dann jemand im eigenen Umfeld stirbt. Gut, habe ich gedacht, hier ist außer mir niemand. Dann habe ich den Schirm aufgespannt, um aus dem Leben zu scheiden. Hat aber nicht geklappt, wie Sie sehen, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Wären Sie so freundlich, mich mit diesem Unsinn zu verschonen und meine Frage zu beantworten, Herr Trithemius?

Trithemius
Ui, jetzt wird sie förmlich, da muss ich mich benehmen. Also, das ist ganz einfach, Frau Nettesheim. Man sieht zwei Schlüssel. Der rechte ist heller, er verweist darauf, dass ich beim Tippen der Zeile stets den Buchstaben rechts neben dem richtigen Buchstaben getippt habe, aus PUREM ÜBERDRUSS, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Und Sie erwarten, dass sich jemand ernsthaft mit dem Produkt Ihres Überdrusses auseinander setzt und die Zeile dechiffriert?

Trithemius
Hätte ja sein können, Frau Nettesheim. Es war ein Versuchsballon, eine Frage an die Welt, ob ich noch drin bin oder gänzlich rausgerutscht.

Frau Nettesheim
Armer schwarzer Kater.

Trithemius
Ach ja, ich werde gleich in die Bibliothek gehen und in Bächtold-Stäublis Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens nachschlagen, was es mit dem Schirm auf sich hat. Es wird gewiss anregend, in die Ideenwelt des Volksglaubens einzutauchen, der ja im Wesentlichen von Frauen gepflegt wird. Sie sind ja auch so ein Kräuterweib, Frau Nettesheim, und rühren bei Neumond Ihren Pudding nach rechts.

Frau Nettesheim
Wiszdvjlpüg!
1548 mal gelesen

Nutzloses Schallexperiment mit Vokalen

Schallexperiment02

(Zeichnung und Ausführung: Trithemius)
1617 mal gelesen

Dubioses Frauenlob

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Gestern habe ich in einem Tagebuch von 1991 geblättert, Frau Nettesheim, und wissen Sie, was ich dort gefunden habe?

Frau Nettesheim
Ihr altes Ich?

Trithemius
Ja, das auch. Es ist tatsächlich seltsam, seinem Ich von vor 16 Jahren zu begegnen. Man erkennt sich wieder, und gleichzeitig erschaudert man vor der eingeschränkten Zukunftsperspektive. Wenn ich früher ein neues Tagebuch begann, habe ich die jungfräulich weißen Seiten durchgeblättert und gedacht, dass es hübsch wäre zu wissen, was am Ende alles drin stehen wird. Und dann sammelte sich Buch um Buch an, alle zwei Monate, bis zum Jahr 2000. Da standen 42 Tagebücher in der Reihe, und eine ganze Weile habe ich sie ignoriert, weil mein Leben sich so drastisch verändert hatte und mir der Zugang zum alten Ich verwehrt war. Heute ist’s ein Dokument der 90er Jahre, und wenn ich die 90er Jahre auch nur aus meiner subjektiven Perspektive festgehalten habe, so spiegeln die Tagebücher trotzdem den Zeitgeist.

Frau Nettesheim
Ein ähnlicher Effekt tritt auch bei den Weblogs auf, wenn man sie aus zeitlicher Distanz betrachtet. Und die vielen subjektiven Sichtweisen in den Blogs ergeben insgesamt ein zuverlässigeres Bild der Zeit, da doch ein jeder die Welt anders interpunktiert, wie ich gestern aus Ihrem Text herausgelesen habe. Eigentlich wollten Sie mir jedoch sagen, was Sie im Tagebuch gefunden haben.

frauenlobTrithemius
Ach ja, ein Frauenlob ihres ehrenwerten Ahnen aus dem Jahre 1509. Und da habe ich gedacht, dass Sie, Frau Nettesheim, die lebendige Bestätigung seiner Ausführungen sind, obwohl sie der wissenschaftlichen Empirie entbehren.

Frau Nettesheim
Ich weiß nicht, ob Agrippa den Frauen damit ein Kompliment macht. Wenn Frauen von der Natur begünstigt sind, können die Männer sich faul zurück lehnen und alles auf die genetischen Anlagen schieben.

Trithemius
Mir ist schon klar, dass die genetischen Anlagen allein nicht den ganzen Menschen ausmachen. Ihre Frische und Ansehnlichkeit hat gewiss auch mit kultureller Verfeinerung zu tun, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Ja, und hätten Sie sich heute Morgen den Barthobel durchs Gesicht gezogen, würden Sie jetzt nicht aussehen wie ein Bärremkrüffer.

Trithemius
Welch ein wunderbares Wort, Frau Nettesheim. Das habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Da verzeihe ich Ihnen glatt den hässlichen „Barthobel“.
Kölsch: Bärrem, Haufen oder ein Stapel (von Strohballen); Krüffer, Kriecher; Bärremkrüffer, (übertragen) ein Landstreicher, der in einem Strohballenstapel wohnt.
1646 mal gelesen

Fingerkuppenkräuselkrause

Zu viele Dinge in der Welt, zuviel Information. Ich wollte einen Pullover, habe aber einen Wasserkocher gekauft. 5000 Seiten Gebrauchsanleitung in allen Weltsprachen. Dabei ist das Gerät nicht etwa die technische Variante einer Eier legenden Wollmilchsau, sondern kocht nur Wasser. Meine Gebrauchsanleitungsbibliothek füllt eine ganze Kommodenschublade, und fast alles davon ist noch ungelesen. Für die erfolgreiche Benutzung eines Wasserkoches ist die Lektüre der Gebrauchsanweisung nicht unbedingt erforderlich, sondern eher hinderlich, denn ich will ja jetzt heißes Wasser und nicht erst in fünf Stunden. Tatsächlich ist nicht einmal gesagt, dass ich den Wasserkocher besser zu bedienen lerne, wenn ich die Gebrauchsanweisung studiere. Bei den meisten Geräten reicht dem Nutzer das Weltwissen, das er sich im Laufe seines Lebens angeeignet hat gepaart mit der Technik Versuch und Irrtum. Generell ist die genaue sprachliche Beschreibung nicht so leistungsfähig wie man glauben könnte. Eine Aufbauanleitung für ein Möbelstück zum Bespiel wäre sprachlich kaum zu vermitteln. Hier sind Schaubilder mit den einzelnen Aufbauphasen hilfreicher.

Interpunktion
Wenn man zum Beispiel ein Ereignis oder ein Bild digitalisiert, dann setzt man einer fließenden komplexen Wirklichkeit eine grobe Struktur gegenüber. Anders: Man nimmt über ein Netzwerk die Information ja oder nein ab. Eine Kurve lässt sich mit Hilfe von Punkten beschreiben. Ich könnte sie auch anders interpunktieren ( im Bespiel rot). In beiden Fällen vermittelt sich das Bild der Kurve. Nur eine vergleichende Überprüfung bringt an den Tag, dass die gleiche Kurve auf unterschiedliche Weise dargestellt ist. Ist die zugrunde liegende Struktur zu fein für das menschliche Auge, dann bilden sowohl die grünen wie die roten Punkte die Kurve scheinbar 1:1 ab. So wäre die unterschiedliche Interpunktion von grün und rot nicht mehr zu erkennen.

Ähnliches geschieht bei der Zerlegung eines Bildes in Rasterpunkte im Reproverfahren. Wenn man mehrere Aufnahmen macht und dabei das Raster jeweils um einige Grad dreht, einmal um die Achse, sieht ein unbefangener Betrachter bei jeder Einzelaufnahme das gleiche, nicht jedoch das selbe Bild, wie er glaubt zu sehen. Legt man nur zwei solcher Filme übereinander, erhält man einen Moiré-Effekt. Alle Bilder übereinander ergeben nur noch schwarz. Die Bildinformation ist verschwunden. Hier zeigt sich, dass sich eine Information nur wahrnehmen lässt, wenn sie ausgedünnt ist. Die Information muss ausgedünnt sein, damit der Mensch sie verwerten kann. Der Verfeinerung der Wahrnehmungsstrukturen sind also Grenzen gesetzt.

Der Mensch eignet sich die komplexe Welt über die Wahrnehmungsstruktur Sprache an. Dass die Wörter der Sprache wie grobe Punkte sind, mit deren Hilfe wir die Wirklichkeit erfassen, ist uns bei der Sprachverwendung selten bewusst. Wir neigen dazu, die sprachliche Erfassung mit der Wirklichkeit gleichzusetzen. Eine Verfeinerung der Sprachstruktur brächte jedoch keine genauere Wirklichkeitserfassung. Wenn wir an einer Stelle verfeinern, müssen wir an einer anderen Stelle vergröbern, damit Gesamtmenge der Information das menschliche Maß nicht überschreitet.

Was ist Fingerkuppenkräuselkrause? Ich bekomme sie, wenn ich bestimmte Textilien berühre. Denn da nehme ich das Textil nicht mehr als eventuell tragbar wahr, sondern es vermittelt sich mir nur eine Information: „Ich war einmal ein Joghurtbecher.“
1333 mal gelesen

Befremdliches unter der Herbstsonne

Skulptur-ohne-Titel"Skulptur ohne Titel" - die Arbeit des niederländischen Malers, Zeichners und Bildhauers Jaap Mooy (1915-1987) steht seit August 2007 im AVANTIS European Science and Business Park, einem kaum besiedelten deutsch- niederländischen Gewerbepark in der Nähe von Aachen. „Der Mensch braucht das Bild“, sagt Jaap Mooy, dessen plastisches Werk in der Tradition des Dadaisten Hans Arp steht.

Die Skulptur zeichnet sich durch geometrische Formen und Kühle aus. Unter der blitzenden Herbstsonne entfaltet sie einen befremdlich anmutenden Glanz. Man mag an einen Blitz denken, von einem zürnenden heidnischen Gott zum Erdboden geschleudert. Doch sie erinnert auch an ein Relikt der Vorzeit, gleich einem Monolithen zur Bestimmung des Sonnenstands, oder an eine moderne Variante der Skulpturen auf rapa nui, die der Holländer Jakob Roggeveen Paasch-Eyland (Osterinsel) nannte, nach dem Tag der Anlandung am Ostersonntag des Jahres 1722.

(gesehen am 25. September 2007, gegen 12:00 Uhr)
2773 mal gelesen

Kopfsteinpflastermusik

Kopfsteinpflaster-auf-dem-AJa, gibt’s, denn heute keinen Abendbummel?

Die Frage ist ein fünfhebiger Jambus, erste Silbe unbetont, zweite Silbe betont, und das fünfmal im Vers. Der Jambus ist beschwingter als sein Bruder Trochäus, der sogleich mit einer betonten Silbe beginnt, als würde einer bei dir zu Hause die Tür eintreten und: „Komm jetzt mit!“ rufen.
Nein, Trochäus woll’n wir nicht,
Wir bummeln jetzt in Jamben.

Den ganzen Bummel in Jamben zu schreiben, das wäre mir aber zu mühselig. Denn immer wenn ich einen Jambus zu schreiben versuche, fällt mir ein Satz ein, der partout ein Trochäus sein will. Und umgekehrt. Übrigens, wir gehen inzwischen über den belebten Münsterplatz. Hier liegt Kopfsteinplaster, da empfiehlt es sich nicht, über Schrittfolgen nachzudenken. Guck, da klackert wieder eine Frau in Pumps heran. Wie Frauen auf hohen Absätzen über Kopfsteinpflaster gehen, das nötigt mir stets Bewunderung ab. Es ist eine Akrobatenleistung, die allein der Schönheit oder der Eitelkeit gewidmet ist, also im hohen Maße kulturell.

Übrigens, ist dir
das eigentlich schon einmal aufgefallen? Das Wort „Trochäus“ ist selbst ein Jambus, während das Wort „Jambus“ ein Trochäus ist. Ich gebe zu, das ist eher nutzloses Wissen. Doch wer sich mit nutzlosem Wissen beschäftigt, verhält sich ebenso kulturell wie die Frauen mit hochhackigen Schuhen auf Kopfsteinpflaster. „Kultur ist Reichtum an Problemen“, sagt Egon Friedell.

Komm, wir lassen mal den Mann mit dem Rollwagen vorbei. In letzter Zeit denke ich oft darüber nach, wie denn wohl in 10 bis 15 Jahren die Bürgersteige und Plätze gestaltet sein werden. Im Jahre 2020 steht nicht nur ein Mann mit Rollwagen, - wie heißen die Dinger noch mal, doch nicht Petstroller? Na, egal, wir waren im Jahr 2020, dann heißen die vielleicht ganz anders. Also, dann steht nicht nur einer mit seinem Schiebekärrchen hinter dir und kann nicht weiter, dann stehen in der Stadt Hunderte herum. In jedem Fall brauchen wir dann breitere Bürgersteige und Rampen an allen Eingängen. Selbstverständlich werden die Kopfsteinpflasterpassagen dann mit Rollbahnen durchzogen sein oder gar ganz weichen müssen. Weißt du, und darum sitze ich zur Zeit noch so gerne am Münsterplatz. Solange noch die akrobatischen Hochhackigen über das Kopfsteinpflaster klackern.

Guten Abend
(Das ist ein Trochäus)
1556 mal gelesen

Plausch mit Frau Nettesheim - Beinah vergessen

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Fast hätte ich vergessen, dass heute Weltalzheimertag ist, Frau Wermelskirchen.

Frau Nettesheim
Nettesheim.

Trithemius
Ach so, und wer bin dann ich?

Frau Nettesheim
Damit macht man keine Witze, Trithemius, zumal Sie im Glashaus sitzen.

Trithemius
Und ich dachte, das hier ist das Teppichhaus.

Frau Nettesheim
Wenn ich mir angucke, was gestern im Schaufenster lag, dann könnte es auch ein Schuhladen sein.

Trithemius
Hätte ich beinah vergessen.

Frau Nettesheim
Was?

Trithemius
Na, Lurchi zu bloggen. Ich hatte es vorgestern angekündigt und dann wieder vergessen, bummelte durch die Stadt und überlegte, ob ich einen Abendbummel schreiben sollte und worüber. Und hätte mich nicht eine gute Blogfreundin daran erinnert, wäre ich wegen Lurchi wortbrüchig geworden.

Frau Nettesheim
Wortbrüchig wegen Lurchi? Hihi. Einer wie Sie sollte sich mit Ankündigungen eben zurückhalten.

Trithemius
Ja, zumal es deutlich weniger Spaß macht, eine Ankündigung in die Tat umzusetzen. Die Ankündigung eines Vorhabens verändert die Motivationslage. Dann ist man denen gegenüber in der Pflicht, die von der Ankündigung wissen.

Frau Nettesheim
Und da Sie sich nicht gerne in die Pflicht nehmen lassen, verlieren Sie die Lust. Folglich hatten Sie Lurchi nicht vergessen, sondern verdrängt.

Trithemius
Möglich, doch ich bin der Ansicht, dass sich der Mensch in erster Linie selbst in die Pflicht nehmen sollte. So vermeidet er die ständig drohende Fremdbestimmung. Eine Arbeit, die ich mir selbst auferlege, macht viel mehr Freude. Wirklich, Frau Nettesheim, als ich leichtfertig mein Vorhaben ankündigte, war ich noch voller Tatendrang, und vor allem wusste ich, warum ich eine Lurchi-Bildgeschichte vertonen wollte. Das war fast weg, als ich die Bildgeschichte fürs Blog layoutet und dann vertont habe.

Frau Nettesheim
An einigen Stellen Ihres Vortrags klingt eine gewisse Gleichgültigkeit an.

Trithemius
Das interpretieren Sie jetzt hinein, Frau, äh, Nettesheim, weil ich Ihnen innere Vorgänge offenbart habe. Denn mit dem Tun kam auch die Lust am Tun zurück, wenn auch nicht mit der Frische, die ich sonst verspüre.

Frau Nettesheim
Sie haben den Unterschied zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation erlebt.

Trithemius
Intrinsische Motivation ist das Geheimnis guter Arbeit. Auch das Blog sollte man in erster Linie zum eigenen Vergnügen betreiben. Man muss die Sachen so machen, wie man sie gerne lesen würde. Wenn man zusätzlich positive Rückmeldung von anderen bekommt, dann ist das erfreulich. Bleibt sie jedoch aus, ist’s auch nicht schlimm, denn man hat sich schon selbst eine Freude gemacht. Mit anderen Worten: Jedermann sein eignes Publikum.

Frau Nettesheim
Eine Erkenntnis dank Lurchi.

Trithemius
Lange schallt’s im Laden noch,
Salamander lebe ... schade, jetzt habe ich den Reim vergessen.
1608 mal gelesen

Spasss im Teppichhaus - Polizeifotos

lernen-mit-Pippin
1793 mal gelesen

Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?

Angenommen du hättest gerade großen Hunger. Vor dir stünden zwei dampfende Teller mit jeweils einem deiner Leibgerichte, beide vorzüglich zubereitet. Nehmen wir an, von beiden Gerichten ginge die gleiche Verlockung aus und du wüsstest, dass nach deiner Entscheidung der andere Teller sogleich weggenommen wird. Wie entscheidest du dich? Du nimmst den rechten Teller? Gut, dann trage ich den anderen hinaus und kippe das Essen ins Klo.

Wie fühlt sich deine Wahl an, nachdem du gelesen hast, was mit dem anderen Gericht passieren wird? Willst du es dir vielleicht noch einmal überlegen? In dieser unerquicklichen Entscheidungssituation bist du nach den Befunden der Hirnforschung nicht frei. Der Physiologe und Hirnforscher Wolf Singer glaubt, dass du in deinen Handlungen durch die Struktur deiner Neuronen vorbestimmt bist. Während du noch hin- und hergerissen bist, welches Gericht du der Vernichtung überantworten willst, versuchen neuronale Prozesse in deinem Hirn die im Augenblick richtige Entscheidung auszukungeln. Doch da stehen zwei gleichwertig leckere Gerichte vor dir, und du willst dich gegen keines entscheiden. Damit das Essen nicht kalt wird, brauchst du dringend einen Impuls, der von außerhalb deines Gehirns kommt. Da wechselt plötzlich das Licht. Und im neuen Licht besehen, lässt du mich einen der beiden Teller abräumen.

Warten-bei-Rot-warten-bei-G
Warten bei Rot - warten bei Grün - Handyfoto/Gifgrafik Trithemius 09/07

Das Unwägbare, das in diesem Fall deine Wahl bedingt, nennt Singer „thermisches Rauschen“. Was bedeutet das? Bist du Atheist und Materialist, glaubst du, das thermische Rauschen, das deine Willensentscheidungen beeinflusst, sei zufälliger Natur. Vielleicht glaubst du jedoch nicht an Zufälle, sondern an göttliche Fügungen bzw. an spaßreligiöse Ideen wie leitende Engel oder das gütige Universum. Im ersten Fall bist du also abhängig von Zufällen, im anderen Fall leitet dich Magie.

Was ist neu an der Erkenntnis, dass unsere Willensentscheidungen auf neuronalen Prozessen beruhen? Wie anders sollte es möglich sein? Irgendwo in unserem Gehirn müssen sich doch Zustände messbar ändern, wenn etwas gedacht wird. Der freie Wille kann nicht aus nichts bestehen. Auch die Reihenfolge ist plausibel. Wenn ich mich für etwas entscheide, muss das irgendwo schon gedacht sein, und zwar bevor ich es in Worte kleiden kann, denn wir denken nicht in Wörtern. Die Wörter geben unserem Denken nur eine fassbare Struktur. Erst wenn wir aus den Wörtern Bilder machen, verschaffen wir uns Klarheit über die Situation.

Der freie Wille ist ein Bild. Der Mensch projiziert sein Selbstbild nach draußen, damit er es betrachten kann. Und dann entscheidet er sich nach seinem Bild, nach seinem Willen. In dieser seiner Fantasie ist er frei und verantwortlich. Diese Verantwortung hat er allein durch seine Existenz. Sie schließt ein, dass er sich vergewissert, wie er in der Welt steht, und dass er sein natürliches Verhalten gegebenenfalls revidiert, also ein neues Willensbild von sich entwirft. Und hat er mit dem thermischen Rauschen zu tun, dann funken ihm Zufall oder Weltgeist hinein, ganz so, wie es zu seinem Weltbild passt.

(Diskussion hier)
1421 mal gelesen

Spasss im Teppichhaus

Chaos-im-Gepaeck
1355 mal gelesen

Knatschjeck aus Tüten

FunkenflugEinige Tage kaum erreichbar zu sein, ist Luxus. Doch kehrst du zurück, musst du ein bisschen dafür büßen. In deinem Leben hat sich ein Informationsstau gebildet. Das ist, als hätte man dir während deiner Abwesenheit den Schrank vollgeräumt. Du machst arglos die Schranktüren auf, und da purzeln dir allerlei Schachteln entgegen. Die meisten tragen Aufschriften oder Bilder, manche sind sogar recht farbenfroh. Du hast es geahnt, trotzdem erschrickst du vor der Fülle. Dann guckst du dir den Haufen zu deinen Füßen an und sortierst erst einmal vorsichtig mit der Fußspitze. Die grauen Schachteln verlangen danach, als erste aufgemacht zu werden. Das ist recht unangenehm, und darum …

… habe ich erst einmal gegessen und ein ordentliches Kölsch gekippt. Dann habe ich die bunten Schachteln aufgemacht. Und immer wenn ich gerade in Stimmung war, öffnete ich eine der grauen.

Es dauert eine Weile, bis man sich alle Inhalte in den Kopf gekramt hat. Hinter jeder Mitteilung steckt schließlich ein Absender mit einem kompletten Leben. Das verlangt mehr oder weniger Hinwendung und Zuwendung. Stünden all diese Menschen um einen herum, was wäre das für ein Theater! Doch die Fernkommunikation findet in der zweiten Dimension statt. Der Mensch des 21. Jahrhundert muss einen Teil seiner Aufmerksamkeit der zweidimensionalen Uneigentlichkeit widmen. Alltäglich muss er sich dort eine leise Dröhnung hereinziehen. Ich bin jedenfalls heute knatschjeck.

Guten Abend
1380 mal gelesen

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Teppichhaus Trithemius / Teestübchen Trithemius

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