Übers Wetter und guten Ton

Dass es heute regnet, hätte ich gestern im Wetterbericht der ARD erfahren können. Als jedoch Claudia Kleinert anhob zu sprechen, habe ich ihr den Ton abgeschaltet. So konnte ich mich besser auf ihre Gestik konzentrieren. Wie nennt man eigentlich die Leute, die anderen sagen, wie sie sich zu bewegen haben? Dompteure, Formalausbilder? Jedenfalls hat jemand Claudia Kleinert Bewegungsvorschriften eingetrichtert. Ihre Gesten folgen einer seltsamen Choreographie, die es sich lohnte, in ihren verschiedenen Phasen festzuhalten und genauer zu betrachten. Denn die Art und Weise, wie man sich in bestimmten Funktions- oder Positionsrollen angemessen zu geben hat, spiegelt wie die Verbalsprache den Zeitgeist.

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Abendbummel durch private Welten

Privatweltaneignung„Wir haben nur Topfblumen“, sagt die Frau im Blumengeschäft, und obwohl sie sich Mühe gibt, mich zu überzeugen, lasse ich mir keinen Blumentopf andrehen. Man kann doch bei einer Einladung nicht mit einer Topfblume erscheinen, oder? Jedenfalls würde ich mich garantiert unwohl fühlen und dann würde ich mich entschuldigend etwa sagen hören: „Halten sich länger.“ Gleichzeitig würde ich mich ärgern, dass ich mich schon bei der Begrüßung der Dame des Hauses entschuldigen muss, weil ich zu faul gewesen war, noch einmal in die Innenstadt zu laufen. Also suche ich lieber ein anderes Blumengeschäft. Dort frage ich nach einem Herbstblumenstrauß, und die Blumenfrau geht mit mir vor die Tür, um mir ihre neuste floristische Kreation zu zeigen. „Nee, der ist mir zu protzig!“ Schon muss ich mich bei ihr entschuldigen und rasch hinterher schieben: „Verzeihen Sie, ich wollte Ihr Werk nicht schmähen!“ Das hilft, und sie gibt sich mit meinem Strauß wirklich Mühe.

Bei meinen
Gastgebern treffe ich auf einen freundlichen Mann, einen Freund der Familie, der sich beständig etwas in ein Büchlein notiert, Buchtitel, meine Teppichhausadresse, Wörter, die ihm gefallen … - er kartographisiert seine Eindrücke. Diese Form der Aneignung von Welt schätze ich sehr. Wenn man auf diese Weise Notizen macht, verbinden sich manche von ihnen synästhetisch mit dem Ort des Geschehens und eventuell mit der gesamten Situation. So bekommt jede Notiz eine Bedeutungstiefe, die einer nachträglichen fehlt. Vor Jahren zeichnete ich einmal 30 Tage hintereinander von morgens bis zum späten Nachmittag, wenn das Licht zu schlecht wurde. Dabei hörte ich die ganze Zeit Musik. Noch Jahre später erinnerte ich die Musik, wenn ich eines der 30 Bilder betrachtete, und ich erinnerte mich an die Bilder, wenn ich die Musik hörte. Ähnlich koppelt sich eine Notiz an den Ort des Geschehens und an die Personen. Man muss freilich auch ordentlich schreiben, wie der Mann es tut.

Zu den
Dingen, die man nicht leicht verbessern kann, gehört ein Moleskinebüchlein. In seiner jungfräuliches Form ist es nahezu perfekt. Wenn man etwas hineinschreiben will, muss man dieser Form etwas hinzufügen, das ihren Wert deutlich hebt. Der Mann schreibt mit einer kleinen, sorgfältigen Schrift. Er hat die leichte Hand eines Zeichners, und so finden sich gewiss auch einige Zeichnungen in seinem Büchlein. Wenn mir einmal ein junger Mensch begegnen würde, der auch so ein Büchlein führt, wäre ich irgendwie erleichtert. Ich fürchte diese Form des schreibenden und zeichnenden Aneignens ist eine aussterbende Kunst.

Ein Internet-Weblog hat andere Qualitäten. Ihm allerdings fehlt die Tiefendimension und vor allem das Private. Zwischen dem Leben und dem, was jemand in seinem Weblog spiegelt, klafft in der Regel eine Lücke. Was sich im privaten Raum abspielt, lohnt sich festzuhalten durch Notizen. So ein Büchlein ist eine Erweiterung des eigenen Daseins. Man kann sich in Mußestunden darin versenken und daraus schöpfen wie aus einem Bergwerk.

Guten Abend
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Plausch mit Frau Nettesheim - Am besten alles weglassen

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Ja, ja, ja, Frau Nettesheim. Ich weiß, warum Sie mich so vorwurfsvoll anschauen.

Frau Nettesheim
Gar nicht, Trithemius. Ich verstehe recht gut, warum Sie zur Zeit so wenig schreiben.

Trithemius
Es ist Demut, Frau Nettesheim. Ich kann eben nicht jederzeit in den Wortbaukasten greifen und Wörter aneinanderreihen wie Dominosteine. Versucht habe ich es sehr wohl. Doch wenn ich immerzu Wörter herausfische, die nicht zueinander passen, dann lasse ich es besser.

Frau Nettesheim
Wollen Sie mir erzählen, dass Schreiben ein wahlloses Herausfischen von Wörtern ist?

Trithemius
Eben nicht. An guten Tagen reicht ein Gedanke, ein erster Satz, und dann stellen sich in der Folge die richtigen Wörter ein. Ich muss sie nur noch gefällig anordnen. Denn es steckt ja genug Weisheit in den Wörtern. Ein jedes hat ein kaum fassbares Bedeutungsfeld, trägt seine Geschichte in sich und zwar von seinem Entstehen aus einer bildhaften Vorstellung über die verschiedenen Verwendungsweisen im Laufe der Zeit bis hin zu seiner Banalisierung und Verflachung im Alter.

Deshalb besteht der Trick im absichtlich ungenauen Einsatz von Wörtern. Dann entfalten sie beim Leser mehr Bedeutung als der jeweilige Autor sich gedacht hat. Und dann ist da auch noch das Weglassen. Wo es nicht nötig ist, eine Sache genau zu beschreiben, da lässt man Leerstellen, damit der Leser auch was zu tun hat.

Frau Nettesheim
Wenn Sie so genau enthüllen können, wie Ihr Schreiben funktioniert, warum schreiben Sie dann nicht?

Trithemius
Weil ich in der Stimmung bin, beinahe alles wegzulassen. Ich schreibe zum Beispiel den Satz: „Natürlich war und ist die Menschheit dem Wahnsinn verfallen.“ Der reicht doch, Frau Nettesheim. Wie der Wahnsinn in seinen verschiedenen Erscheinungsformen aussieht, kann sich jeder selbst ausmalen.

Frau Nettesheim
Es wäre leichter, Ihren Satz zu verstehen, wenn Sie mir ein Beispiel geben.

Trithemius
Bin ich vielleicht ein Buchhalter, der den täglichen Hirnriss Seit um Seit in Folianten pinselt? Man braucht doch nur die Bildzeitung abzuheften und jeden Monat binden zu lassen, dann hat man eine wunderbare Chronik des Irrsinns.

Frau Nettesheim
Sie übertreiben, denn eine Zeitung spiegelt nicht das reale Leben, in dem es sehr wohl gute und nützliche Handlungen gibt, anders als die journalistisch frisierten Selektionen vermuten lassen.

Trithemius
Bitteschön, Frau Nettesheim, dann gebe ich Ihnen einen unfrisierten Dialog, den ich in einem Handyladen hörte. Ein Mann namens Dominik sagt dem Service-Techniker:
„Mein Handy kackt dauernd ab, und wenn mich einer anruft, kann ich ihn nur über Lautsprecher verstehen.“
Der Techniker betrachtet das defekte Gerät und sagt:
„Es kackt ab, und was war noch?“

Frau Nettesheim
Hihi.

Trithemius
Und Sie lachen auch noch.
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Eventuell du selbst - Ausfahrt in fünf Etappen

BlattwerkZeit der Saatkrähen. Fett und selbstgewiss sonnen sie sich auf der Hangwiese, zwischen ihnen wartet ein Graureiher. Mal erhebt sich eine Krähe mit leichtem Flügelschlag und zieht die anderen mit. Sie segeln im Wind, landen auf Weidenpfählen, fliegen wie nach gemeinsamem Ratschluss wieder auf, lassen ihr aggressives Kräääh hören, landen und suchen mal schreitend, mal hüpfend nach Nahrung.

Da entfernt sich eine Krähe übermütig von der Gruppe und steigt hoch hinauf in den blauen Himmel. Plötzlich ist ein Baumfalke bei ihr. Ein hartnäckiger Luftkampf beginnt. Für eine Weile ist nicht auszumachen, wer Jäger, wer Gejagter ist. Offenbar hat sich der Falke vertan, denn gemeinhin vergreift er sich an kleineren Vögeln. Er ist schneller als die Krähe, doch sie ist kein ängstlich flatternder Star. Sie wehrt sich und entzieht sich immer wieder durch enge Kreise, so dass der Falke über sein Ziel hinausschießt. Mal ist er über, mal unter ihr – nur ein richtiger Fangstoß gelingt ihm nicht. Die Krähe ermüdet, umrundet eine kleine Baumgruppe und rettet sich auf einen Weidenpfahl. Ihr Widersacher zieht einen suchenden Kreis, dann schießt er hinab und scheucht seine Beute auf. Erneut steigen sie in den Himmel, umkreisen sich im Tanz auf Leben und Tod. Endlich besinnt sich der Falke, lässt von der widerspenstigen Beute ab und fliegt davon. Matt kehrt die Krähe in ihre Gruppe zurück. Sie wird hungrig sein und bald nach einem Happen Ausschau halten. Dann muss Fräulein Spitzmaus unter der schönsten Herbstsonne sterben.

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Mitten im Anstieg auf den Höhenrücken war ich vom Rad abgestiegen, aufmerksam geworden durch das Geschrei der beiden Vögel. Jetzt steige ich wieder in die Pedale – es geht mühsamer als zuvor. Dabei führt der Weg hier noch schräg den Hang entlang. Beim Radsporttraining fuhr ich einmal mit einer großen Gruppe in die Eifel. Plötzlich bogen die Vorderleute ab, und es ging steil hinauf. Ich schaltete zweimal kurz hintereinander, und nach dem zweiten Mal sagte einer hinter mir: „Dat wor dä Letzte!“ Für einen Augenblick sank mein Mut, denn ich hatte keine Ahnung, wie lang der Anstieg sein würde und ob er eventuell noch steiler zu werden beliebte. Solche Bemerkungen gehören zur Zermürbungstaktik. Man darf sich davon nicht beeindrucken lassen, sonst verkrampft man und sackt wie ein Stein durchs Fahrerfeld. Hier hilft ein Gedanke: Was dir selbst weh tut, tut auch anderen weh. Denn es ist nicht ausgemacht, ob der andere nicht blufft und sich auf deine Kosten zu stärken versucht.

Trotzdem ist es gut, einen Gang in Reserve zu halten, was ebenfalls eine allgemeine Lebenslehre ist. „Alles uit de kast“ - „Zijn duivels ontbinden“ - alles geben, was möglich ist, sollte man nur in Ausnahmesituationen. Bald wird der Weg zum Hang hin abbiegen, als hätten seine Baumeister keine Lust mehr gehabt, die Steigung zu mildern. Dann brauche ich den Letzten, und aus dem Sattel muss ich auch, um die kleinste Übersetzung drehen zu können. Zum Glück ist niemand hinter mir, der es höhnisch trocken quittiert.

Zeit übers Rauchen zu fluchen, aber meine schlechte Kondition hat auch etwas mit den bequemen Wegen der letzten Wochen zu tun. Über den steilen Weg nur Gutes, denn mit seiner Hilfe habe ich mich aus dem lauten Talgrund der Maastrichter Laan erhoben, und schon auf halber Höhe gewährt er einen weiten Blick übers Tal und auf die dunstige Hügelkette am Horizont. Weiter oben verschwindet der Weg in einem Einschnitt, und dort werfen Bäume und Büsche seltsame Schattenmuster, in die sich aus der Ferne allerhand hineinsehen lässt. Die blitzende Herbstsonne gaukelt mir tagträumerisch einen Schattenmann vor, der oben im Hohlweg einen schwarzen Hund an der Leine führt.

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Bekanntlich symbolisiert ein geträumter Hund die menschlichen Triebe; diesen Hund gelegentlich an die Leine zu legen, das macht den kultivierten Menschen aus. Indem ich mich zwinge, den Anstieg zu nehmen aus purem Übermut und ohne äußeren Grund, habe ich mich selbst an der Leine. Und ist der Weg auch steil, es ist stets angenehmer, sich selbst anzutreiben als sich dem Zwang eines Stärkeren zu unterwerfen.

Mann und Hund lösen sich im Herannahen auf, sind harte Schatten im Hohlweg, und das Gesicht des Mannes ist nur trockenes Blattwerk. Steinchen und Blätter knistern unter den Reifen, noch zwanzig Tritte und ich habe das steilste Stück hinter mir. Diese Wegstrecke ist wie eine symbolische Ypsilonabzweigung. Der linke Ast des Ypsilons ist weiterhin asphaltiert und bequem zu fahren. Der rechte bleibt steil. Er ist nur eine Karrenspur im Gras, von einem Maisfeld gesäumt. Mehrfach schon war ich versucht, ihn zu fahren, und für einen Augenblick halte ich auf ihn zu. Doch dann ertönt vom Feld oben der aufbrausende Motor eines Traktors. Zu blöd, denke ich, dass einem auf dem rechten Weg neuerdings Traktoren entgegenkommen, so dass man unter die Räder zu kommen droht, weil die Böschung keinen Platz zum Ausweichen bietet.

Der linke Weg führt an einer längst abgeernteten Apfelplantage vorbei, dann stößt er im spitzen Winkel auf die Straße. Ich biege um die Ecke nach Osten ab. Einige Kilometer geht es jetzt durch die Felder über einen Höhenkamm. Leider rollt es nicht, ein kalter Wind aus Ost bremst die Fahrt. Es wird immer schwieriger, den rechten Weg zu finden. Die Sachverhalte werden stetig wirrer. Seit Tagen schwirrt mir der Kopf – zu viele Informationen aus zweiter Hand, allgemeines Hörensagen, nur selten eigene Anschauung, wie soll man da den Durchblick bewahren. Was alltäglich vom medialen Affenfelsen gerufen, getutet und geblasen wird, diese nervtötende Kakophonie ist kein getreuliches Abbild des Lebens, sondern im hohen Maße selbstbezüglicher Medienrummel. In unserer Welt vollzieht sich ein gewaltiger Umbruch, und das meiste geschieht im Verborgenen, ist schwer zu erhellen und einzuschätzen. Da ist es auch für ehemals seriöse Journalisten bequemer, irrelevante Nachrichten über eine durchgeknallte Ex-Tagesschausprecherin zu verbreiten. Dabei kann sich doch jeder denken, dass eine Frau, die früher alles vom Blatt abgelesen hat, mit eigenen Gedanken überfordert ist.

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Genug davon und
kein Wort mehr darüber. Es ist ein Kreuz, dass die Aufnahmekapazität des postmodernen Menschen beständig zugekleistert wird mit Schwachsinn und Berichten über die Produzenten von Schwachsinn. Ein Hinweisschild am Straßenrand zeigt eine Telefonnummer. Wer mutwillige Milieuvervuiling (Umweltverschmutzung) beobachtet, kann dort anrufen. Auf den ersten Blick ist’s eine gute Idee. Allerdings ist der Denunziant keine erfreuliche Erscheinung. Jedermann sein eigner Polizist, nicht der seines Nachbarn. Wenn wir wollen, dass unsere von Informationen und Daten geprägte Gesellschaft lebenswert bleibt, müssen wir neue Regeln des Zusammenlebens finden. Die umfassende Kontrolle durch den Staat wird das Leben nur härter machen, denn Überwachung ist ein Produkt der moralischen Verkommenheit. Die Deppen mit dem Ohr an der Tür des Nachbarn sind nur asozial, eine Staatsmacht, die ihre Bürger aushorchen will, ist antisozial.

Wir alle sind Opfer der Überwachung durch Wirtschaft und Staat. Doch einige Untaten verüben wir an uns selbst. Leichtfertig tragen wir private Dinge in die Öffentlichkeit. Bequemlichkeit oder Technikverliebtheit verstellt uns den Blick auf die Folgen für das eigene Leben und die Gesellschaft. Vor etwa zehn Jahren sah ich in der Stadt einen jungen Mann, der an einem Hemdenständer drehte und dabei jemanden per Handy befragte: „Verdammte Scheiße, wie soll ich denn wissen, welche Farbe dir gefällt!“, schimpfte er. Ich war verwundert, dass da jemand seinen privaten Kram so ungeschminkt in die Öffentlichkeit trug. Inzwischen zählt diese Form der Geistesverwirrung zum Normalverhalten.

Nicht nur
Banales, auch was früher verschämt unters Sofa geschoben wurde, das liegt im Scheinwerferlicht, wird abgefilmt und über diverse Kanäle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Welt scheint oktoberbunt, doch im künstlichen Licht der Scheinwerfer wirft ein jeder von uns einen stetig größer werdenden Datenschatten. Er bildet verschiedene Facetten unserer Leben ab, und durch die Vernetzung der Facetten entstehen digitale Schattenmenschen.

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Zu-hohe-Spannung

Entschuldigung, war nicht so gemeint, so unter der hellen Oktobersonne - die äußeren Umstände ließen mich in schwere Gedanken geraten. Gegen den kalten Ostwind an, da rollt es einfach nicht. Bin auch, wie gesagt, ein wenig aus der Übung. Doch wenn der Geist überspannt ist, hilft die Anspannung der Muskeln. Da ist immer noch jemand stärker als du - eventuell du selbst.

Guten Abend
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Eins zwei drei, hier kommt die Ordnungspolizei

Eins-zwei-drei

Ein Kreis alter Damen sitzt hinter mir um einen Cafétisch. Ich versuche auszublenden, was sie sagen, denn ich habe keine Lust auf das ewig selbstbezügliche Gerede gut situierter Kreise. Augenblicklich werde ich eines Besseren belehrt und bekomme ein Lehrstück in Geschichtsbewusstsein zu hören, denn eine der Damen entwickelt eine Gedankenfolge, die ich in dieser Weise noch nie gehört habe. Man muss wohl den Überblick und die Abgeklärtheit des Alters haben, um leichthin über Kaffeetassen und Sahnetörtchen hinweg sagen zu können:
„Früher war es die Sklaverei, dann die Leibeigenschaft, dann der Frondienst, dann der Arbeitsdienst, dann die Dienstverpflichtung und heute ist es der Ein-Euro-Job. Das ist immer das gleiche, heißt nur anders.“
Schade, dass man fremde alte Damen nicht einfach küssen darf. Zugegeben, was sie gesagt hat, ist reichlich polemisch, der Ein-Euro-Job ist keine Sklaverei im alten Wortsinne, und Ein-Euro-Jobber sind keine Leibeigenen ostpreußischer Junker. Trotzdem hat die Darlegung etwas Erhellendes: Es gibt eine Kontinuität des gnadenlosen Zugriffs der Mächtigen auf die Lebensgestaltung der Ohnmächtigen.

Nicht weit entfernt von Sklaverei sind zum Beispiel die Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Das jedenfalls sehen auch die Autoren der ARD-Sendung (SWR) so und titeln: „Die Lohnsklaven“, ausgestrahlt am Mittwoch, dem 25. April 2007, um 23.15 Uhr im Ersten. Zitat aus dem Beitrag:
„Zwischen zwei und vier Millionen arbeiten - nach unterschiedlichen Hochrechnungen - schon heute für Löhne, die das Existenzminimum nicht abdecken. Und das, obwohl sie es sich bequem machen und Hartz IV beantragen könnten. Diese Menschen sind oft hoch motivert, fleißig, aber auch verzweifelt darüber, wie es sein kann, dass man in Deutschland unter Umständen nicht mehr von seiner Hände Arbeit leben kann.“

Diese moderne Form der
Sklaverei ist nicht staatlich verordnet wie der Ein-Euro-Job. Hier schaut der Staat einfach zu und nimmt weiterhin billigend in Kauf, denn eine flächendeckende Untergrenze für den Stundenlohn werden wir mit dieser Bundesregierung nicht bekommen. In unserem Land herrschen beschämende Zustände. Sie widersprechen unserem Rechtsempfinden und dem Grundgesetz. Doch der Rechtsstaat hat bei den derzeit Regierenden nur wenige Fürsprecher. Da passt es, dass man Symptome bekämpft, schwarze Sheriffs aussendet, um die Auswüchse der Armut aus den Innenstädten fernzuhalten.

Man wird bald mehr von ihnen brauchen. Überwachung ist ein wachsender Arbeitsmarkt - er wächst mit der Armut, und wo er nicht von Steuergeldern finanziert ist, gehört auch er zum Niedriglohnsektor. Der Staat bespitzelt, und Arme überwachen Arme. Arme Republik.
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Wenig Spasss mit Emma

Jim-Knopf-und-Frau-Mehdorn
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Gut begründete Agonie

trithemius & Frau Nettesheim
Frau Nettesheim

Hier sieht es ja aus wie bei Hempels unterm Sofa.

Trithemius

Kein Lebender hat je unter das Sofa von Hempels geguckt, Frau Nettesheim, also trifft mich ihre Bemerkung nicht.

Frau Nettesheim

Wollen Sie mir eine sophistische Diskussion aufzwingen? Ich meine das Chaos hier.

Trithemius

Ja, mir sind die Dinge ein wenig entglitten, weil ich anderweitig beschäftigt war. Wenn das Durcheinander nicht mehr mit 30 Handgriffen zu beseitigen ist, neige ich dazu, zu kapitulieren und es eine Weile zuzulassen, bis die mahnende Stimme mich zum Handeln veranlasst.

Frau Nettesheim

Dann ist ihre mahnende Stimme vermutlich heiser, weil sie seit Tagen auf taube Ohren stößt.

Trithemius

Hat sie sich deshalb Verstärkung durch Sie geholt, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim

Nein, das ist letztlich Ihre Sache. Meine Bemerkung war ein spontaner Ausruf des Schreckens. Wenn Sie sich in dem Durcheinander wohlfühlen …

Trithemius

Ich fühle mich nicht wohl darin. Und wenn ich auch noch nicht zur Tat geschritten bin, so mache ich mir seit gestern schon Gedanken darüber, was es damit auf sich hat und wie ich es am besten beseitige.

Frau Nettesheim

Und? Müssen Sie zuerst noch eine Zeichnung davon machen, bevor sie tätig werden?

Trithemius

Mich interessiert die Theorie des Unzulänglichen, Frau Nettesheim. Zum Unzulänglichen gehören verschiedene Erscheinungen, und sie alle unterliegen dem gleichen Prinzip, das ich zu Ihrer Erbauung „Hempel-Effekt“ nennen möchte. Gestern stand ich am Service-Point der Bahn in einer Warteschlange. Es ging und ging nicht voran, so dass die Schlange wuchs. Ja, einige gaben sogar entnervt das Warten auf und suchten das Weite. Ich hatte Zeit, die Damen an den Schaltern zu beobachten. Und dabei fiel mir auf, dass ihre Bewegungen sich umgekehrt proportional zum Anwachsen der Schlange verhielten. Je mehr potentielle Kunden sich in die Schlange einreihten, desto langsamer arbeiteten sie. Ja, eine der Frauen schien sogar in eine Art Starre zu verfallen, wie es die Kaninchen angeblich auch tun, wenn sie eine Schlange sehen.

Frau Nettesheim

Was hat das mit dem Chaos im Teppichhaus zu tun? Mir scheint, Ihr Versuch, den „Hempel-Effekt“ zu beschreiben, ist pures Vermeidungsverhalten.

Trithemius

Um Ihrer Unterstellung zu entgehen, will ich mich kurz fassen: Der Hempel-Effekt: Jeder Zustand des Unzulänglichen im menschlichen Dasein zieht dem jeweils Betroffenen Energie ab, und zwar mit dem Quadrat zur Belastung durch den als unzulänglich empfundenen Umstand. Wenn ein solcher Zustand nicht mehr mit 30 Handgriffen beseitigt werden kann, reicht die Energie des Menschen nur noch dazu, den augenblicklichen Zustand zu halten, nicht aber, ihn zu beseitigen.

Frau Nettesheim

Selten habe ich erlebt, dass einer sich auf so komplizierte Weise darum zu drücken versucht, in seinem Umfeld Ordnung zu machen. Jetzt brauche ich erst einmal einen Kaffee.

Trithemius

Leider ist keine Tasse mehr sauber, Frau Nettesheim.
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Medialer Bummel in fünf Etappen

Zeitungsherbst

Vorgestern

Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts dachte der Chefredakteur der New York Times über die Zukunft seines Mediums nach. Seine Vision: Zeitungen kämen morgens aus dem Faxgerät. Das Trägermedium wäre eine abwaschbare Folie. Nach dem Lesen würde die Zeitung weggewischt, und die Folie könnte für die nächste Ausgabe wiederverwertet werden.

Zunächst hat die Idee etwas Sympathisches, denn sie greift auf eine antike Tradition zurück. Die Tinte des Altertums war nicht wasserfest. Mit einem Schwamm konnte sie vom Papyrus abgewaschen werden. Der römische Dichter Martial (40-104 n. Chr.) schickte seinem vollendeten Buch gleich einen Schwamm mit, damit der Freund den Text auswischen konnte, wenn er nicht gefalle. Manche Autoren bedienten sich beim Löschen missratener Textstellen der Einfachheit halber ihrer Zungen. Bei einem Wettbewerb der Dichter am Hofe des römischen Kaisers Caligula sollen die durchgefallenen Poeten gezwungen worden sein, ihre Ergüsse selbst abzulecken.

Die Vision der abwaschbaren Zeitung ist nicht Wirklichkeit geworden, das Internet hat sie unnötig gemacht. Da jedoch vermutlich niemals ein Chefredakteur zu mir nach Hause gekommen wäre, um seine Zeitung abzulecken, ist das nicht wirklich bedauerlich.

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Gestern

Eine täglich abgewaschene Zeitung hätte auch eine nachträgliche Überprüfung von Aussagen unmöglich gemacht. Alte Zeitungen sind historische Dokumente. Trotzdem ist es nicht ratsam, sie in einer Drei-Zimmer-Wohnung zu sammeln, wie es ein Wiener getan haben soll. Am Ende konnte er sich zwischen den Zeitungsstapeln nur noch durch schmale Laufwege bewegen. Selbst das Aachener Zeitungsmuseum sammelt nur erste und letzte Ausgaben einer Zeitung sowie Exemplare, die herausragende Ereignisse des Weltgeschehens dokumentieren.

Am Freitag vollzog
sich ein herausragendes Ereignis in der deutschen Presselandschaft, und ich hatte es zunächst verpasst, da ich den ganzen Tag im Lektorat eines Verlags zugebracht hatte, wo wir die Endfassung eines Fachbuches erstellten. Gegen 20:00 Uhr frage ich vergeblich in der Tankstelle nach, und auch beim freundlichen Iraner, der gerade die Aushangtafeln in seinen Kiosk räumt, ist die Zeitung ausverkauft. Wo kriege ich jetzt noch eine Zeitung vom Tage her? Schräg gegenüber liegt der Bambi-Grill, und da ich ohnehin zu müde zum Kochen bin, beschließe ich, mir Pommes zu holen, die in Aachen Fritten heißen, was zum Beispiel im Ruhrgebiet keiner versteht, wie ich letztens erfahren habe.
Exkurs Bambi-Grill
Der Kinderfilm Bambi von 1942 ist ein Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios. Die Vorlage lieferte das 1923 erschienene Buch „Bambi, ein Leben im Walde“ von Felix Salten. Als Disneyfigur erlangte das Rehkitz Bambi internationale Berühmtheit, so dass der Name mit einem Rehkitz gleichgesetzt wird wie Tempo mit einem Papiertaschentuch. Warum das Schnellimbiss-Lokal Bambi-Grill heißt, erschließt sich ohne weiteres nicht. Vermutlich dreht sich zartes Rehkitzfleisch auf dem Dönerspieß. Wer im Bambi-Grill auf sein Essen wartet, dem steht ebenfalls vorzügliche geistige Nahrung zur Verfügung. Auf den Tischen liegen die Süddeutsche Zeitung, die F.A.Z. und das Handelsblatt aus. Dieser Umstand verweist auf den Kundenkreis, denn der Bambi-Grill liegt im Aachener Hochschulviertel. Die Zeitungsauswahl spiegelt die politische Ausrichtung heutiger Studenten.
Im Bambi-Grill hockt einer auf einem Schemel, isst Bambi-Geschnetzeltes in dicker Soße mit Fritten und liest nebenher die F.A.Z. Mist! Hoffentlich macht der jetzt keine schmantigen Flecken auf die Zeitung, denn genau die will ich der Bambi-Grill-Bedienung abschwatzen.

***

Leider pickt der Mann elend langsam in seinem Teller herum, und macht meine Hoffnung zunichte, er werde fertig mit Essen und Lesen sein, bevor ich meine Pommes bezahle. Entweder ist die FAZ so interessant, dass er kaum zum Essen kommt, oder aber er kaut auf jedem Happen Geschnetzelte 30 mal, um sich wie ein alter Indianer beim Rehkitz zu bedanken. Trotzdem frage ich die Besitzerin hinter der Theke, ob ich ihr die Frankfurter Allgemeine Zeitung abkaufen könne, denn ich hätte keine mehr bekommen. Ob sie den Grund für meinen Wunsch versteht, weiß ich nicht, doch sie deutet freigebig auf die Zeitung und sagt, ich könnte sie haben. Über der F.A.Z. sitzt allerdings stur wie ein Esel der langsame Esser. Deshalb vereinbare ich mit meiner Gönnerin, die Zeitung am Samstag abzuholen. Dann jedoch muss ich mir das Exemplar aus der Altpapiertonne suchen, denn der Sohn der Besitzerin hat sie bereits entsorgt.

FAZ mit neuem LayoutMein Exemplar der F.A.Z. riecht ein wenig. Man hat Pommes, Currywurst, Döner und sonst was über ihr verzehrt. Trotzdem bin ich froh, diese besondere Ausgabe zu besitzen. Die F.A.Z. hat am Freitag ihr traditionelles Layout aufgegeben. In einem Leitartikel auf Seite eins beschreibt FAZ-Mitherausgeber Werner D'Inka, was sich geändert hat und warum.

Das Layout ist das
Gesicht einer Zeitung und macht sie unverwechselbar. Deshalb ist es stets ein Wagnis, die bekannten Gesichtszüge zu verändern. Wer sich liften lässt, mag sich anschließend schöner finden. Trotzdem besteht die Möglichkeit, dass andere sich befremdet fühlen und sich fragen, ob sie es noch mit der selben Person zu tun haben. Deshalb titelt D’Inka: „Wir bleiben uns treu“, was ein wenig selbstbezüglich wirkt, denn als Leser ist man eher daran interessiert, ob einem die Zeitung treu bleibt. Was hat sich geändert? Auf der ersten Seite erscheint ab jetzt ein Foto und zwar in Farbe. Die Frakturschrift über den Kommentaren ist durch eine schmalfette Times ersetzt. Die Trennlinien zwischen den Spalten sind entfallen, die Spalten selbst sind durch verschieden breite Stege voneinander abgesetzt. Man will dem Leser die Orientierung erleichtern, damit er sich nicht in der Seite verirrt und versehentlich in einem Artikel nebenan weiter liest. Mehr weißer Raum macht die Zeitungsseite lichter. Das heißt, dass die Artikel kürzer als früher sind. Bleiwüsten wird es deshalb in der FAZ nicht mehr geben; Kanäle des Lichts führen das Auge, und wem ein Text zuviel Mühe macht, findet Erholung und Zerstreuung in den Oasen der Farbfotos.

Vor dieser Radikalliftung hat man sich per Marktforschung rückversichert, und D’Inka verkündet froh: „Mit den Neuerungen entspricht die Redaktion dieser Zeitung den Wünschen einer großen Mehrheit der Leser. Der Souverän hat gesprochen (…).

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Heute


Was ist los mit dem Souverän Zeitungsleser? Er ist offenbar hibbelig geworden und mag nur noch ungern lange Texte lesen. Die audiovisuellen Zerstreuungsmedien haben seine Lesegewohnheiten verändert, und zwar so radikal, dass selbst die als konservativ geltende F.A.Z. ihr Erscheinungsbild ändern muss. Von der Frakturschrift vermutet D’Inka zu Recht, dass ihre Kenntnis langsam verloren geht. Viele jüngere Leser haben Schwierigkeiten damit.

Am heutigen Nachmittag habe ich auf der Dachterrasse gesessen, um die Druckfassung des Buches noch einmal zu kontrollieren, bevor es am Montag in die Druckerei geht. Unter der blitzenden Herbstsonne strahlte das Papier im reinsten Weiß, und bei diesem ausgezeichneten Kontrast zwischen Blatt und Druckerschwärze konnte ich sogar ohne Lesebrille arbeiten. Obwohl ich mich manchmal mit dem Wind um den Manuskriptstapel zanken musste, habe ich konzentriert geschaut und gelesen, mit einem Bleistift die Seiten abgehakt oder hie und da eine kleine Korrektur angemerkt. Der Mensch braucht Material, um zu begreifen. Deshalb sollte man die Endkontrolle eines Textes nicht am Bildschirm vornehmen. Man braucht das Bewusstsein von Material, um die Schrift ernst zu nehmen, die eben nicht einfach abzuwaschen ist oder in einer amorphen digitalen Form daherkommt, jederzeit zu verändern oder spurlos zu tilgen. Die Idee der sorgfältigen Korrektur gehört zum Printmedium. Sie ist ein Relikt der verschwindenden Gutenbergkultur, in der Setzer und Korrektoren noch mit dem Druckfehlerteufel kämpften, zu dessen Vertreibung sie sich mit „Gott grüß die Kunst!“ begrüßten. Sorgfältige Korrektur ist dem Internet eher fremd. Kaum jemand macht sich die Mühe und druckt zum Beispiel einen Blogtext zum Redigieren aus, bevor er ihn veröffentlicht. Digitales Schreiben verführt zur Schludrigkeit. Und schludrig Geschriebenes wird mit Recht schludrig gelesen.

Mittwoch-BastelnAch ja, der
Ausdruck, mit dem ich auf der Dachterrasse gesessen habe – das Buch heißt „Zeitung in der Primarstufe“. Es bietet didaktische Grundlagen für das Lernen mit der Tageszeitung. Neben theoretischen Basistexten enthält es eine Fülle von Unterrichtsvorschlägen, -beschreibungen und Erfahrungsberichten von Grundschullehrerinnen und -lehrern. Sie zeigen, wie sich schon Kinder der ersten Klassen an die Zeitung heranführen lassen, indem sie lesen, auswerten, selbst für die Zeitung schreiben oder mit dem Zeitungsmaterial gestalten. Ja, auch das Basteln mit der Zeitung hat seinen Wert. Das ist machen im alten Wortsinne, "kneten, streichen, pressen, abbilden". Wer als Kind schon mit der Zeitung hantiert hat, weiß die Materialerfahrung zu schätzen. In den Händen dieser Kinder liegt die Zukunft der Zeitung.

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Morgen

Der Herbst der Zeitungen verspricht bunte Blätter. Die Redaktionen sehen sich in Konkurrenz zum Internet und vergessen dabei zu oft, was die Qualität der Zeitung ausmacht: Man kann sie anfassen und nicht auswischen. Das gilt es herauszustellen und zu bewahren. Gerade sucht die Süddeutsche Zeitung den Königsweg, im Internet ihre Seriosität zu verspielen. Boulevardthemen und aberwitzig untertitelte Bildstrecken sind der krampfhafte Versuch, den ins Internet abgewanderten Lesern Zucker zu geben. Was ist die Folge für den arglosen Leser? Karies im Gehirn. Gut, das Bild ist gewagt, doch ich weiß nicht, wie der psychologische Fachausdruck für die schleichende Verblödung lautet, zu deren Förderer sich die Zeitungen nicht machen sollten, wenn sie noch einen goldenen medialen Oktober erleben wollen.
Zeitung-in-der-Sackgasse
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Philosophie mit Brötchen

Brötchenphilosophie
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Geld macht glücklich

Zuwachs bei Ochsen
Dass die Aachener Nachrichten die Besucher des Münchener Oktoberfestes als Rindviecher beschimpfen, ist der deutschen Einheit gewiss so abträglich wie der hämische Ruf: „Wir wollen den Limes zurück!“ Es muss offenbar noch viel geschehen, bis die Einheit mit Bayern auch in den Köpfen der Menschen im Westen angekommen ist.
glück allein macht nicht glücklich
Schlimme Kunde kommt von der Noris-Bank: Das schöne alte Glück ist kaputt und muss durch Geld von der Noris-Bank ersetzt werden.

Der Wiener
Buchautor Dr. Robert Sedlaczek hat gemeinsam mit der Volkshochschule Hietzing eine Patenaktion für bedrohte Wörter ins Leben gerufen. Ich habe die Patenschaft für Glück beantragt und hoffe, dass man bei der Volkshochschule Hietzing damit einverstanden ist.
Glücks-Pate Trithemius

Gestern wurde Edmund Stoiber von der Bundeswehr mit großem Brimborium, Ehrenkompanie und Marschmusik verabschiedet. Der arglos plappernde Kommentator auf Phoenix sagte, das sei eine Geste des Dankes der Bundeswehr und des Verteidigungsministers Jung, weil Stoiber sich für die Standorte der Bundeswehr in Bayern und für den Auslandseinsatz der Bundeswehr stark gemacht hat. Stoiber war zu Tränen gerührt, als sich die Bundeswehr so zackig dafür bedankte, dass sie wieder Krieg führen darf.

Die Aachener Nachrichten
bestehen übrigens darauf, dass sie in der Überschrift nicht die Besucher des Oktobersfestes gemeint haben, sondern das Schlachtvieh.
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Regenschirm aufspannen

Kommst du mit in die Stadtbibliothek? Sie ist im Gebäude einer ehemaligen Molkerei untergebracht, das man um- und ausgebaut hat. Eine ganze Weile hat es da noch nach Milch gerochen. Doch irgendwann verliert sich alles. Früher lag die Stadtbibliothek in einem alten Gebäude in der Peterstraße. Man trat auf der ersten Etage in einen Katalograum, musste zunächst Karteikarten befragen, dann einen Bestellzettel ausfüllen und einem livrierten Angestellten aushändigen. Der nannte dir gnädig einen vagen Abholtermin, und wenn du Glück hattest, lag dein bestellter Stapel bereit, nachdem du eine Runde durch Aachen und einmal rundum gemacht hattest. Und manchmal konnte sich dein Glück unmittelbar in Pech verwandeln, wenn sich die bestellten Werke als ungeeignet entpuppten.

schirm_aufspannenDas Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens steht übrigens auf der ersten Etage. Die Bände gehören zum Präsenzbestand. Man kann sie nicht ausleihen. Im Regal drüben steht allerdings ein Nachdruck, den man ausleihen dürfte. Ich blättere lieber in der ledergebundenen Ausgabe von 1933, obwohl ich Vegetarier bin. Die Kühe, die dafür ihre Haut hergeben mussten, sind ja nicht mehr zu retten. Außerdem, wenn ich Milch trinke, muss ich mich auch damit abfinden, dass eine Kuh nicht an Altersschwäche sterben wird, sondern vorher die Gurgel ... und so. Das ganze Schriftwesen ist unmittelbar mit tierischen Produkten verbunden. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Buchpapier mit tierischem Leim gemacht. Dieses Papier hält viel länger als jüngere Papiersorten. Deshalb ist der Erhaltungszustand alter Bücher oft besser als der ihrer Nachfolger. Für das HDW gilt das leider nicht.

Im Kellergewölbe der Bibliothek lagern Pergamenthandschriften. Viele müssen noch archiviert werden. Eine Bibliothekarin sieht darin ihr Lebenswerk. Kürzlich war sie in der WDR-Lokalzeit zu sehen, und da sagt sie, dass sie bis zum Ende ihrer Dienstzeit nicht damit fertig werden würde. Vor einigen Jahren bin ich einmal mit ihr ausgegangen. Doch mit ihren Büchern konnte ich nicht konkurrieren.

Die feinste Sorte Pergament heißt übrigens Jungfernpergament. Es ist aus der Haut ungeborener Tiere gemacht. Schon seltsam, oder? Man kann sich die heilige Inbrunst vorstellen, mit der sich ein Schreibermönch an sein Pult setzte, um heilige Texte aufs Jungfernpergament zu kalligraphieren. Die Inbrunst war auch nötig, denn das Schreiben war ein mühseliges Schaffen. Oft waren die Skriptorien ungeheizt, und in vielen Randbemerkungen findet sich die Klage über schlechtes Beleuchtung und kältestarre Finger. An einer Bibel schrieb man über ein Jahr. Doch der heilige Columba im 6. Jahrhundert schrieb eine Evangelienhandschrift in 12 Tagen. Dietrich, der erste Abt von St. Evroul, nutzte übrigens den Aberglauben, um seine Schreiber zu motivieren. Er pflegte ihnen die Geschichte von einem sündhaften Mönch zu erzählen, der einmal aus freien Stücken einen Folianten abgeschrieben hatte. Als er gestorben war, verklagten ihn die Teufel, die Engel aber brachten das große Buch hervor, von dem nun jeder Buchstabe eine Sünde aufwog, und siehe da, es war ein Buchstabe übrig. Da wurde seiner Seele gestattet, in den Körper zurückzukehren und auf Erden Buße zu tun.

Bin ich etwa vom Thema abgekommen? Du guckst so merkwürdig. Ja, ich weiß, wir wollten nachschlagen, was es mit dem Schirmaufspannverbot auf sich hat. Tatsächlich steht hier was. Komisch, jahrzehntelang habe ich meinen nassen Schirm aufgespannt, und jetzt lese ich, welch schreckliches Ungemach mir deshalb widerfahren könnte. Und alle scheinen von der Gefahr zu wissen. Selbst die Queen lässt den Regenschirm erst vor dem Buckingham Palace aufspannen, habe ich bei wdr.de gelesen. Aberglaube sucht sich übrigens immer neue Erscheinungsformen. In einem Skater-Forum las ich eben: „regenschirm in der wohnung aufspannen, bringt die bullen ins haus“. Warum die Queen wohl Angst vor den Bullen hat?

Guten Abend
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