Unnötig groBer Rucksack - Eszett wurde aufgepumpt

Vor Jahren stand ich einmal in einem Baumarkt und fragte mich, was wohl eine FuBluftpumpe so alles kann, zumal ich nicht wusste, was ein aufpumpbares FuB überhaupt ist. Die Abbildung auf der Verpackung ließ jedoch vermuten, dass sich im Karton eine Fußluftpumpe befand, die vermutlich in China hergestellt worden war, wo man das deutsche Eszett nicht kennt. Und sie war auch nicht dazu gedacht, einen Fuß aufzupumpen, sondern konnte mit dem Fuß betätigt werden. Hier war dem ausländischen Hersteller allerdings eine tadellose Neubildung aus "Fuß" und "Hub" gelungen. So produktiv kann ein Druckfehler sein.

Das Eszett ist in jungen Jahren ein Doppel-S gewesen. In der damals verwendeten Frakturschrift gibt es zwei verschiedene Formen des „s“, ein langes (es sieht fast wie ein kleines f aus) und ein rundes. Man hatte das aus eugraphischen Gründen, weil es schöner aussah. Trafen nun zwei s an der Silbengrenze zusammen, dann nahm man das lange s für den Schluss der ersten Silbe, das runde für den Beginn der zweiten. Heraus kam die Ligatur „ß“, auch „scharfes S“ oder „Rucksack-S“ genannt.
Ligaturen sind zwei Buchstaben, die in der Bleizeit zusammen auf einen Kegel gegossen waren, weil sie in der Orthographie häufig zusammen auftreten. Ligaturen wie „ß“, „ch“ oder „ck“ erleichterten das Setzen mit der Hand, sie sparen einen Griff ein.
Irgendwann, als man noch Fraktur druckte und Kurrent schrieb, wurde das Eszett verlesen. Das heißt, man sah in den Resten des runden „s“ in der Ligatur ein „z“. Der Name Eszett für den Buchstaben „ß“ ist also ein volksetymologischer Irrtum. Das Eszett ist ein Kleinbuchstabe. Bei ausschließlicher Großschreibung von Wörtern oder Eigennamen wird es wieder zu dem, was es einmal war, dem Doppel-S. Um einer Verwechslung von Wörtern wie Masse oder Maße vorzubeugen, gilt bislang die Regel, „SZ“ oder „SS“ zu schreiben, also: „IN MASZEN GENOSSEN“ oder „IN MASSEN GENOSSEN“. Da solche Fälle eher selten auftreten und auch kein deutsches Wort mit einem „ß“ beginnt, erübrigt sich ein großes Eszett. Schwierigkeiten bereitete allerdings die Schreibung von Familiennamen wie „Eßer“ mit Großbuchstaben oder Kapitälchen.

Grosser-DudenIm Jahr 1960 erschien in Leipzig "Der große Duden" (Duden Ost) mit einem Fehler auf dem Buchtitel: DER GROßE DUDEN. Im Regelteil dieser Ausgabe steht:
„Das Schriftzeichen ß fehlt leider noch als Großbuchstabe.
Bemühungen, es zu schaffen, sind im Gange.“

Die falsche Schreibung "GROßE" war also der Versuch der Leipziger Dudenredaktion, die angeblichen Bemühungen um ein großes ß als Ergebnis vorwegzunehmen, - ein eigenmächtiger Eingriff in die amtlich festgelegte Schreibweise. Ähnlich arrogant verfuhr damals auch die Mannheimer Dudenredaktion (Duden West), indem sie der Stadt Cuxhaven die Eindeutschung „Kuxhaven“ verpasste (14. bis 16. Auflage), obwohl Städtenamen nicht den amtlichen Regeln unterliegen. Über Änderungen der Städtenamen entscheiden nur die jeweiligen Stadträte.

Dieses Recht nahm sich der Neußer Stadtrat am 21.11.1968 und beschloss die Änderung von "Neuß" in die Schreibweise "Neuss". Kurioser Weise gab ein Designkonzept den Anstoß: Der Werbegrafiker Herbert Dörnemann hatte ein Logo für die Stadt entworfen, das "Nüsser N". Es war aus fünf Kreisen konstruiert und entsprach damit den fünf Buchstaben von NEUSS in Majuskelschrift. In Groß- und Kleinschreibung hatte Neuß aber nur vier Buchstaben, was die Symmetrie des Entwurfes zerstört hätte. Mit einem 4-seitigen Schreibmaschinenskript "Zur Konzeption des einheitlichen Erscheinungsbildes der Stadt Neuss" gelang es Dörnemann, den Stadtrat auf seine Idee einzuschwören. Der Name der Stadt sollte in Schrift (Helvetica), Schreibweise (NEUSS, Neuss) und Logo (Nüsser N) nur noch einheitlich auftreten.

Der Neusser Stadtrat entledigte sich damit einer deutschen Schreibweise, die zur Hypothek geworden war. Für die Stadt mit großem Rheinhafen und wachsenden internationalen Geschäftsbeziehungen war das deutsche Eszett in "Neuß" eine zunehmende Belastung. Wie sollten denn die ausländischen Handelspartner den Namen der Stadt korrekt schreiben, wo doch das "ß" im Typenvorrat der Schreibmaschinen und Setzkästen anderer Länder fehlte? Manche fanden die elegant wirkende Lösung, ein kleines griechisches Beta zu setzen, andere schrieben grob "NeuB", da dem "ß" nicht anzusehen ist, dass es einen scharfen S-Laut wiedergibt. So taten die Neusser dem Ausland und sich selbst einen Gefallen. Denn nach Auskunft der Neusser Stadtverwaltung haben auch die Neusser Bürger die "neue Schreibweise der Stadt Neuss mit zwei 's'" "schnell", "dankbar" und "froh" aufgenommen. So einfach kann man eine Orthographiereform machen und die Bürger dankbar froh stimmen, - wenn geschäftliche Interessen vorliegen.

Mit der jüngsten Orthographiereform ist das „ß“ in Bedrängnis geraten. Zu einer radikalen Tilgung des Buchstabens konnte sich die Reform-Kommission nicht durchringen, obwohl es den Schweizer Vertretern gewiss gefallen hätte, denn in der Schweiz wird das Eszett nicht verwendet und offenbar auch nicht vermisst. Die neuen Regeln sehen bei vielen Wörtern, die lange Zeit mit ß geschrieben wurden, das Doppel-s vor. In Texten fällt besonders die neue Schreibung der Gliedsatzkonjunktion „dass“ auf. Über die weitere Verwendung des „ß“ herrscht große Unsicherheit, und es wird auch dort getilgt, wo es eigentlich noch geschrieben werden sollte. So sieht man oft die falsche Schreibweisen „Grüsse“ oder „heissen“, obwohl die Regel besagt, dass nach langem Vokal und Diphthong weiterhin Eszett geschrieben werden soll, also „Grüße“ und „heißen“.

Im Juni 2008 frohlockte der TAGESSPIEGEL: "Die letzte Lücke im deutschen Alphabet ist geschlossen - zumindest technisch. Das ß gibt es nun auch als Großbuchstaben erstmals verankert in den internationalen Zeichensätzen ISO-10646 und Unicode 5.1. Es hat dort den Platz mit der Bezeichnung 1E9E. Das bestätigten das Deutsche Institut für Normung (DIN) und die Internationale Organisation für Normung (ISO). Die Änderung werde in Kürze veröffentlicht, sagte ein ISO-Sprecher. Damit hatte ein Antrag der DIN-Leute, eine Norm für das große ß zu schaffen, teilweise Erfolg."

Das rätselhafte Vorpreschen des Deutschen Instituts für Normung ist wohl primär eine sprachpflegerische Maßnahme, um das vermeintlich bedrohte ß zu retten. Wie alle sprachpflegerischen Bemühungen ist auch eine DIN-Norm für das große Eszett unsinnig. Es verstößt gegen die amtlichen Orthographieregeln und findet vor allem keine Entsprechung im Typenvorrat der verbreiteten Schriftfonts, für die es ja erst noch geschaffen werden müsste. Vielleicht werden unterbeschäftigte Typographen das tun, zumindest für Schriften mit Kapitälchen. Trotzdem wäre Herr Eßer nicht gut beraten, seine Visitenkarte mit einem großen Eszett setzen zu lassen. Es könnte ihm dann passieren, dass ihn ausländische Geschäftspartner erst recht mit "Herr Eber" begrüßen.
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Ein Mann findet plötzlich die Weltformel

Gleich-die-WeltformelDer Regional-Express von Dortmund nach Aachen hat Verspätung, und daher sind unterwegs auch all jene eingestiegen, die eigentlich erst mit dem nächsten hatten fahren wollen. Der Zug ist überfüllt. Ich kann mich an meinem Fensterplatz der Vierersitzgruppe nicht bewegen, denn schräg gegenüber hat sich eine wirklich dicke junge Frau niedergelassen und scheint unter dem Ruckeln und Zuckeln der Bahn wie Brei zu zerfließen. Jedenfalls wird sie immer breiter, touchiert beständig mein Knie, und so sehr ich mich auch bescheide, ihr Knie folgt meinem Knie nach, um es warm und feucht zu herzen.

Mir gegenüber, also
direkt neben der Dicken sitzt ein Inder, und der wird vor meinen Augen langsam an die Fensterwandung gequetscht, weshalb er schnappt wie ein Fisch auf den Planken eines Kutters. Zum Glück sind diese Leute leidensfähig. Rettung ist nicht in Sicht, denn selbst wenn wir uns der fetten Frau entringen könnten, auf dem Gang ist kein Durchkommen. So sehne ich den Ort Düren herbei, der es eigentlich wirklich nur verdient, weil die dicke Frau ihrer Freundin rechts von mir erklärt hat, welche Stationen noch anstehen, bis man in Düren aussteigen werde.

Ach, und es sind noch so schrecklich viele. Die dicke Frau sagt, sie werde in Düren zuerst was essen, doch zum „Selberkochen“ habe sie keine Lust, sie sei ja nicht blöd. Ich vermute schon, dass sie alles isst, was groß und dick macht; da sagt sie, sie werde einen Döner essen (oder fünf?), in einem Laden, der „schon recht luxuriös“ sei "für eine Dönerbude." Derweil plärrt ein Säugling, ringsum wird telefoniert oder man redet irgendwas dahin und durcheinander, und aus allen Richtungen zischt unerwünschte Ohrstöpselmusik. Sie soll ja eigentlich in die Köpfe der Verstöpselten hinein. Doch da just die besonders hohl und daher gute Resonanzkörper … Entschuldigung, der überfüllte Zug ist gar nicht unser Thema. Denn in Düren leert sich der Zug, die Dicke reißt in ihrem Kielwasser Säugling, Kinder, verstöpselte Jugendliche, Frauen und sogar gestandene Männer mit. Ich atme auf, schaue mich erleichtert um, und indem sich der Zug aus dem Dürener Bahnhof entfernt, kann ich sogar hören, was drei Sitze weiter auf der anderen Seite gesprochen wird. So erlebe ich das Aufstehen eines neuen Propheten.

Aufgestanden ist der hochgewachsene Prophet zwischen dem Bahnhof Rothe Erde und dem Aachener Hauptbahnhof, denn der Zug endet dort. Zuvor jedoch, als er noch kein Prophet war, hatte er sich mit einer etwa 50-jährigen attraktiven Frau unterhalten. Die Initiative ging ganz offenbar von ihr aus, und sie führte das Gespräch, indem sie die Themen vorgab. Der junge Mann war vermutlich Iraner, denn sie sprach mit ihm über den Schah von Persien und dass es sein großer Fehler gewesen sei, den Frauen das Tragen des Kopftuches zu verbieten. In der Folge beteuerten sie einander, dass man Toleranz walten lassen müsse, überall auf der Welt. Und so ging es hurtig hin und her, bis die Frau am Bahnhof Rothe Erde aussteigen musste. Da sagte sie ihm, schon halb im Gang: „Schön, dass wir uns getroffen haben. Und vielleicht sehen wir uns ja noch mal wieder, wenn Sie auch in Aachen wohnen!“ Da beeilte er sich zu versichern, dass er ganz genauso empfinde, und als ich hinüber sah, da schossen ihm gerade Aufregung und Freude rot in die Ohren. Und in dieser euphorischen Stimmung, kam ihm die Erleuchtung, allerdings nicht sofort, sondern eine kleine Weile nachdem sie ausgestiegen war.

Zwischen Aachen Rothe Erde und dem Hauptbahnhof rollt der dort endende Zug ganz langsam. Man hat einen schönen Blick über die Stadt bis hin zum Lousberg hinüber, ist dann plötzlich über Straßen, Häusern und Dächern, schaut in enge Hinterhöfe hinein und fährt dabei auf dem langen Burtscheider Viadukt, einem prächtigen Bauwerk von 1840 mit imposanten Stützpfeilern. Diese eindrucksvolle Szenerie, gepaart mit der freudigen Erwartung auf den Endbahnhof, hat etwas Erhebendes. Freilich ist es nicht ausgemacht, dass der junge Mann seine Umwelt überhaupt wahrnahm. Er war nämlich in aufgekratzter Stimmung und völlig von seinen Gefühlen eingenommen, sah also mehr nach innen als nach außen. Und da plötzlich brach es laut aus ihm heraus. Eine Frage: ...

… und eine Antwort. „In was für einer Welt leben wir eigentlich? Ist es etwa ein Alptraum oder ein Traum? Ich würde sagen: beides.“ Dann erhob er sich, stand auf als Prophet und ging den Gang hinunter, ein großer, hübscher Iraner. „Wenn ihr wüsstet!“, rief er im Gehen, „wenn ihr wüsstet!“, und zog davon. Gerne hätte ich ihn noch etwas gefragt, doch er verschwand leider sofort. Ich sah ihn nicht aussteigen, und auch auf dem Bahnsteig war er nicht. So mochte ich beinah glauben, dass der Mensch durch eine wie auch immer geartete Erleuchtung den Gesetzen der klassischen Physik entzogen wird und hinfort Dinge tun kann, die kein einfacher Mensch vermag.
Die Erleuchtung - Originaldokument
Die Erleuchtung, dass die Welt sowohl Traum wie auch Alptraum ist, lässt sich leider nicht einfach auf einen anderen übertragen. Denn Erleuchtungen sind individuell, man kann sie nicht erlernen oder übernehmen. Deshalb könnte der neue Prophet zwar eine Religion gründen, doch der einzige Nutznießer wäre er selbst. Wer noch nie erleuchtet wurde, kann die Erleuchtung des Mannes nicht nachvollziehen, allenfalls logisch betrachten. In logischer Hinsicht sind Frage und Antwort blanker Unsinn. Ebenso gut könnte man fragen und antworten: „Ist das Leben ein Schmalzkuchen oder ein Tapeziertisch? Es ist ein Schmalzkuchen auf einem Tapeziertisch.“ Sorry, ein Spaß. Ernsthaft: Die Frage: „Ist das Leben ein Alptraum oder ein Traum?“ beinhaltet eine logisch unerlaubte Einschränkung. Denn wer sagt denn, dass das Leben ein Traum ist? Wenn das Leben ein Traum ist, ist dann der nächtliche Traum ein Traum im Traum, ein Traum zweiter Ordnung? Und wer träumt diesen Traum? Träumt der träumende Prophet seinen und meinen Traum? Er hat mich doch gar nicht wahrgenommen und nicht gesehen, dass ich hinter seinem Rücken hinkritzelte, was er sagte, wozu ich eine Ecke vom Magazin der Süddeutschen Zeitung abrissen hatte. Und wirst auch du gerade vom Propheten geträumt? Hoffentlich nicht. Das wäre absurd, denn wer hat denn die Menschen geträumt, bevor der Prophet geboren wurde?

Die zweite Möglichkeit wäre, dass es einen göttlichen Träumer gibt, der alle Träume der Menschen träumt, sich aufgespalten hat in Milliarden Seelen. Ein aufgespaltener Gott aber, der sich selbst nicht mehr als Einheit erlebt, ist so gut wie gar kein Gott. Und wenn er kein Gott ist, kann er uns alle auch nicht träumen.

Ist gibt im Deutschen kein Antonym zum Sustantiv „Traum“. Ein solches Wort könnte beispielsweise „Wach“ lauten. Wach und Traum sind die beiden Erlebensbereiche des Menschen. Im Traum werden wir getan, im Wach tun wir mit Bedacht. Das Leben ist also nicht Traum oder Alptraum, sondern allenfalls Traumwelt und Wachwelt. Da die Frage "Ist das Leben ein Alptraum oder ein Traum?" unzulänglich ist, kann die Antwort nicht bestehen.

Vielleicht hat aber der Prophet etwas ganz anderes gemeint. Traum oder Alptraum sind Metaphern für sein Lebensgefühl in der Wachwelt. Angenommen, bei Reiseantritt sei ihm etwas wirklich Übles passiert, angenommen, ihm ist auf dem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs das Mobiltelefon hinunter gefallen. Und als er es ans Ohr hob, hat’s nicht mehr telefonieren wollen. Das wäre doch ein Alptraum. Da aber beschert ihm das Schicksal eine wunderbare Begegnung. Es taucht eine Frau in seinem Leben auf, nimmt ihn wahr und nimmt ernst, spricht mit ihm und hört ihm zu, zeigt ihm Sympathie und Wohlwollen. Was muss das für ein wunderbares, ja, traumhaftes Erlebnis gewesen sein.

Wer Licht wahrnehmen will, muss auch Schatten haben. Wo nur Licht ist, erkennst du nichts, weshalb die nah am Licht sich den Schatten holen, indem sie das Elend der unter ihnen betrachten. Wer jedoch eben noch in einem schattigen Alpdruck lebte, kann von einer schönen Begegnung in himmlisch lichte Sphären versetzt werden und einfach so aus dem Zugabteil verschwinden. Hören wir also nicht auf seine Worte. Worte sind nichts, das Gefühl ist alles, das sind die Worte des neuen Propheten.
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Vorläufige Stilllegung

Die einen nennen es Betriebsferien, die anderen die längste Mittagspause der Welt. Weiter ...
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Wenn auch die Lotsen verwirrt sind

„Aber Bloggen! Wozu die Menschen heutzutage Zeit finden!“, schrieb mir Thomas Gsella, damals Chefredakteur der satirischen Zeitschrift Titanic. Man kann von den Kollegen der Presse nicht erwarten, dass sie das neue Publikationsmedium Weblog freudig begrüßen. Sie reden es lieber klein. Schließlich rauben Blogs den Printmedien nachhaltig und zunehmend die Oberhoheit über die Ware Information und bedrohen Arbeitsplätze in den Redaktionen. Bis etwa zur Jahrtausendwende schien die Welt des professionellen Journalismus noch in Ordnung. Ausschließlich Redaktionen sichteten Informationen, wählten aus der Fülle des Angebots, erschlossenen Themen, nahmen Stellung, setzten Trends und bestimmten die öffentliche Diskussion. Es schien stets genau soviel zu passieren, wie gerade in die Zeitung, in die Wochenzeitschrift oder in die Tagesschau passte.

Die freie Presse ist das wichtigste Kontrollorgan einer Demokratie. Die Alliierten haben nach 1945 ein kluges System erdacht, wie den Deutschen Demokratie und eine Idee von Meinungsfreiheit beizubringen wäre. Die Lizenzen für Zeitungsgründungen wurden so vergeben, dass sich in den jeweiligen Verbreitungsgebieten eine linksliberale und eine rechtskonservative Zeitung gegenüberstanden, zum Beispiel: Aachener Nachrichten (linksliberal) - Aachener Volkszeitung (rechtskonservativ), Kölner Stadtanzeiger (linksliberal) – Kölnische Rundschau (rechtskonservativ), Frankfurter Rundschau (linksliberal) – Frankfurter Allgemeine Zeitung (rechtskonservativ). Diese Ordnung brachte eine lebendige politische Diskussion und hat die Entwicklung unserer Demokratie entscheidend geprägt.

Inzwischen sind in unserer Zeitungslandschaft nur noch Reste dieser Struktur zu sehen. Mit dem Ende der Bleizeit in den 70er Jahren gerieten viele Zeitungen in wirtschaftliche Probleme, gegen die man sich mit Zusammenschlüssen half. So fusionierten Aachener Nachrichten und Aachener Volkszeitung, gingen auf in einem gemeinsamen Zeitungsverlag, der wiederum seit 2007 in Teilen der Mediengruppe Rheinische Post gehört. In Köln ging es ähnlich zu. Die Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg gibt seit 1999 zusätzlich zum linksliberalen Kölner Stadtanzeiger auch die konservative Kölnische Rundschau heraus. 2006 kaufte DuMont sich bei der angeschlagenen Frankfurter Rundschau ein. Diese Beispiele der bedenklichen Pressekonzentration in Deutschland lassen sich fortführen. Sie gehen mit einer inhaltlichen Nivellierung einher und kennzeichnen so den Abstieg eines stolzen und wichtigen Publikationsmediums.

Wer in der Buchkultur aufgewachsen ist und es sich leisten kann, nimmt noch allmorgendlich ein Zeitungsbad, wenn’s auch immer lauer wird, weil Journalisten zunehmend Rücksicht auf wirtschaftliche Zwänge nehmen. Den Kindern der Internetkultur ist die Zeitung zu lahm. Mit der überwältigenden Vielfalt der Internetangebote kann sie nicht konkurrieren. Dieser Autoritätsverlust der etablierten Medien ist nicht mehr umzukehren, solange das Internet besteht.

Der Medienphilosoph Vilém Flusser (* 12. Mai 1920 in Prag, † 27. November 1991) hat die Entwicklung schon Ende der 80er Jahre vorausgesehen. Er sah die Buchkultur im Abendrot versinken und eine „telematische“ Gesellschaft heraufziehen, deren wesentliches Merkmal die Entwertung der Schrift, die Aufwertung der Zahl und des technischen Bildes ist. Mit dem Entstehen der Internetkultur hat sich Flussers Idee konkretisiert. Sie hat Gestalt angenommen, obwohl sie gestaltlos ist, nulldimensional, wie Flusser sagt. In der von ihm beschriebenen telematischen Gesellschaft gibt es keine Autoritäten. Hier dominiert die Diskussion. Durch ihre Vernetzung lenkt die telematische Gesellschaft sich selbst, ist in Flussers Vorstellung ein „kosmisches Hirn“. Eine ähnlich positivistische Idee ist die der Schwarmintelligenz.

„Aber Bloggen“ - Gelegentlich fragt sich mancher Blogger, was er eigentlich macht. Wozu ist es gut, unentwegt Texte und Bilder zu publizieren, sollte man das nicht besser den Profis überlassen? Die Frage ist müßig, denn indem ein Medium zur Verfügung steht, wird es genutzt. Die Entscheidung des Einzelnen, ob er bloggt oder nicht, ist ohne Belang, solange die Zahl der Blogger weltweit zunimmt. Derzeit wissen viele Blogger noch nicht recht einzuschätzen, welches Werkzeug ihnen in die Hand gegeben wird. So geht es zu in den Anfängen eines Mediums, es gibt wenig Fachkenntnis, kaum Regeln und daher allgemeinen Wildwuchs. Ob sich hier tatsächlich etwas Ähnliches wie kollektive Intelligenz entwickelt, muss sich noch zeigen.

Das Internet hat unseren Alltag nachhaltig verändert. Es zeigt uns die ungeheure Komplexität der Welt und raubt uns die Begriffe. Und indem sich die Welt nicht mehr allein von Redaktionen gefiltert darbietet, reiben wir uns die Augen und erkennen, dass wir von allem, was wir sicher zu wissen glaubten, nur den Schein der Oberfläche kannten. Doch auch das Internet bietet nur Oberflächen, und schaut man dahinter, erscheint eine neue Oberfläche. Wir erkennen, dass ein jeder Gegenstand der Betrachtung einer Zwiebel gleicht, Schale über Schale. Das ist das Dilemma unserer globalisierten und überinformierten Welt. Niemand kann mehr alle Zusammenhänge überblicken oder gar begreifen. Das gilt auch für die einst so kundige Fährleute aus den Redaktionen. Und da selbst sie die Untiefen im Ozean der Informationen nicht mehr überblicken, verlegen sie sich zunehmend auf Meinungsmache, ein Trend, der sich in allen Zeitungen ablesen lässt. Die Stilformen der Zeitungen verwischen, viele Berichte, die einst nur die Information darbieten sollten, enthalten Meinungsanteile. In den 90ern hat die Frankfurter Rundschau ihre Leser noch typographisch auf solche Mischtexte aufmerksam gemacht. Man setzte die Überschrift kursiv, wenn der Bericht auch kommentierende Elemente enthielt. Diese typographische Achtungsbezeugung vor der Selbstbestimmung des Lesers wirkt zehn Jahre später nur noch altmodisch.

Die Fehlentwicklungen beim Printmedium bringen eine Abkopplung von Traditionen der Buchkultur. Damit beschleunigt es den eigenen Niedergang. Es liegt eben nicht nur an der Konkurrenz durch Blogs und anderen Erscheinungen des Internets, wenn unsere Zeitungslandschaft erodiert.

Flussers Idee der telematischen Gesellschaft ist eine Utopie. Und da sich Utopien nicht zu verwirklichen pflegen, dürfen wir auf das Entstehen von kollektiver Intelligenz nur hoffen. Vielleicht sind selbst Blogs eine vorübergehende Erscheinung, denn sie sind Zwitter, stehen mit einem Bein in der Buchkultur und tasten mit dem anderen in die Nulldimension des technischen Bildes. In diesem Sinne bilden sie auch eine Klammer und sorgen dafür, dass der Geist nicht gar so rasch im Internet-Orkus verschwindet. Man muss sich das Weltgeschehen als Rückkopplungsmodell vorstellen. Was an Information erzeugt wird, wirkt auf das Geschehen zurück und verändert es. So hat jeder, der sich eines Publikationsmediums bedient, seinen Anteil an der Gesamtentwicklung. Das ist ein guter Grund, eine Zeitung zu machen wie auch zu bloggen.
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Merkel kriegt Karlspreis an den Hals

Aus technischen Gründen hier:
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Herr Ober, der Kaffee hat Kork

frühlingsbotschaftKinder im Vorschulalter orientieren sich beim Zeichnen an der Grundlinie, und das ist der untere Papierrand. Doch da heute die Sonne so freundlich schien und für morgen ein Spaziergang durch den Wald geplant ist, hat das Kind die vertraute Grundlinie mit einem Bein verlassen und lässt sein Männlein fröhlich tanzen. Das Männlein hat allen Grund zu lachen, zumal sein grünes Wams von der Sonne beschienen wird.

Die Zeichnung ist ein hübscher Aufbruch in die große weite Welt. Sie lag Am Hof, einem beliebten Platz in der Aachener Altstadt, wo ich einen Milchkaffee trank, nachdem ich die beiden Zettel vom Kopfsteinpflaster aufgesammelt hatte. Derweil holten gutsituierte Mütter ihre Kinder vom anliegenden Kindergarten ab und zogen plaudernd an mir vorbei, und da war von Eis die Rede, das man beim Café Mohren zu kaufen gedenke und von derlei harmlosen Sachen.

Zwischendrin gab es auch eine erkennbar sorgenvolle Mutter. Das Kinder an ihrer Hand trug einen großen Schulranzen und war offenbar in der Nachmittagsbetreuung des Kindergartens gewesen. Beide waren ein wenig übergewichtig. Zwischen Mutter und Kind wurde nicht gesprochen, und man zog eilig davon, ohne dem Eisverkauf des Cafes einen Blick zu gönnen. Trotzdem sind sie mir nicht aus dem Kopf gegangen, weil sie in so krassem Gegensatz standen zu den gutgelaunten Müßiggängern an den besonnten Cafétischen und den anderen Mutter-Kind-Paaren.

Schon oft habe ich darüber nachgedacht, wieso man in Aachens Innenstadt eher selten solche Kontraste sieht. Vermutlich hängt es damit zusammen, dass sich unsere Gesellschaft sortiert. Wo es schön ist, sind die Plätze gut besetzt von Menschen, denen die Gesellschaft Chancen bietet. Die Armen müssen sich bescheiden, und schon aus Schutz vor dem Gefühl der Erniedrigung, bleiben sie meist in ihrem Umfeld. Diese schädliche Sortierung unseres Gemeinwesens beginnt für ein Kind bereits vor dem Kindergarten. Arme Kinder lernen bald, dass sie wenig Grund haben, die Männlein auf ihrem Blatt Papier hüpfen zu lassen.

Guten Abend
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Bitte packen Sie sich möglichst viele Fisimatenten in den Kopf

Neue-SektenGerade wollte ich loswettern gegen Bildungsentertainment, das die Köpfe der Menschen mit nutzlosem Wissen zukleistert und sie vom Selbstdenken abhält, wupp, geht mein Rechner in die Knie. Aus, vorbei, ich muss wieder zum Kartoffeldruck zurück, ein Bettlaken bestempeln und es aus dem Fenster hängen lassen. Und alle werden hoch schauen und denken: Was wohnt denn da für ein Sonderling? Vermutlich ein Kauz, der nichts besseres zu tun hat als sich zu ereifern. Einen solchen Menschen kannte ich einmal. Den nannte ich bei mir den „Geißler der Zinsknechtschaft“. Der Mann hatte nur ein Thema, nämlich Zinsen. Sie sind des Teufels, unmoralisch, jedenfalls unrecht und daher verboten. So steht es bereits in der Bibel und im Koran.


Ach, das ist ein unerquickliches Thema. Schnell ist man bei Immobilien-, Finanz,- und Hungerkrise, und wollte man dieses Elend auch nur annähernd beschreiben, reicht ein einzelnes Bettlaken nicht. Zum Glück geht mein Rechner inzwischen wieder, und ich kann meine Meinung sagen, ohne dass Passanten bedauernd den Kopf schütteln. Vielleicht hätte sich aber der eine oder andere Passant Gedanken gemacht, was die Zweckentfremdung des Grundnahrungsmittels Kartoffel betrifft. Lebensmittel zu vergeuden, ist dem postmodernen Menschen längst zur zweiten Natur geworden. Und jetzt reibt er sich verwundert die Augen, dass auf der Welt tatsächlich der Hunger wächst. Als wäre es nicht die logische Folge der Gedankenlosigkeit zugemüllter Köpfe, des globalisierten Irrsinns der unkontrollierten Finanzmärkte, der hemmungslosen Profitgier und der schwächlichen Regierungen dieses Planeten.

Uff, ich bin vom Thema abgekommen. „Das Goethe-Institut und der Deutsche Sprachrat haben in den vergangenen Monaten das beste eingewanderte Wort gesucht. Rund 3500 Menschen beteiligten sich an dem Wettbewerb. Am häufigsten vorgeschlagen wurden Fisimatenten und Tohuwabohu. Das beste eingewanderte Wort wird am Freitagabend in Berlin gekürt“, meldet der Tagesspiegel heute. Wirklich, da finanziert der deutsche Steuerzahler prächtige Fisimatenten, wenn Wörter gekürt und prämiert werden wie Thüringer Würste. Erfreulich ist die Tatsache, dass sich nur 3500 Verwirrte an der Wortwurstprämierung beteiligt haben. Doch wie klein das öffentliche Interesse an diesem Schnickschnack auch ist, das hindert die Presse nicht daran, darüber zu berichten. So werden Themen gemacht, und für die massenhafte Verbreitung dieses Quarks werden stattliche Bäume gefällt, bis die Erde nur noch ein einziges Tohuwabohu ist, nämlich wüst und leer. Dabei hätte es im Falle von Tohuwabohu und Fisimatenten auch ein aus dem Fenster des Goethe-Instituts gehängtes Bettlaken getan.

Guten Abend

(Fotos: Danni, Animation: Trithemius)
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Plausch mit Frau Nettesheim - Ja und Nein

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Ich könnte Sie küssen, Helene, wenn Sie es nicht wären, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Hihi, da bin ich ja noch einmal davon gekommen. Woher kommt der ungewohnte Überschwang?

Trithemius

Keine Ahnung. Oder doch: Ich freue ich mich, dass ich endlich begonnen habe, die kleinen Geschichten zu schreiben, die in meinen Karteikarten schlummern.

Frau Nettesheim

Einiges kommt mir bekannt vor.

Trithemius

Ihnen entgeht nichts, Verehrteste. Möglicherweise steht was in einem der Nachtschwärmer. Genau weiß ich es nicht, denn ich habe den Überblick über die Texte im Lager verloren. Dann gibt es einige Szenen im Krimimanuskript, die auf meine Erlebnisse in Kirchspiel zurückgehen. Sie sind allerdings literarisch verfremdet.

Frau Nettesheim

Eine Szene der zweiten Lesenacht spielt in der Bücherei, in der Sie damals Ihr Klappbett aufgestellt hatten.

Trithemius

Tatsächlich? Jedenfalls bin ich froh, dass ich die Dinge jetzt gelten lassen kann, wie sie waren. Wissen Sie, was mich an den Leuten von Kirchspiel am meisten fasziniert hat?

Frau Nettesheim

Die Bodenständigkeit?

Trithemius

Ja, und die darin wurzelnde innere Gewissheit, was ihnen wiederum ein klares Wertesystem gibt. Man kann glatt neidisch werden auf diese intuitive Weise, in der Welt zu sein.

Frau Nettesheim

Da spricht der Zweifler. Nach Locke gründet zwar alle Erkenntnis auf Erfahrung, aber alle Gewissheit auf Intuition. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Intuition einen höheren Wahrheitsanspruch hätte als die Erkenntnis.

Trithemius

Meine Rede, Frau Nettesheim. Intuition ist kein Wissen um objektive Wahrheit, sondern schlicht eine systembedingte Funktion unseres Gehirns, mit der wir mangelnde Erkenntnis ausgleichen. Doch umgekehrt wird auch ein Schuh draus, Frau Nettesheim. Der Erkenntnis sind Grenzen gesetzt. Deshalb versuche ich ja den Mittelweg.

Frau Nettesheim

Meistens tappen Sie links und rechts in den Straßengraben.

Trithemius

Bin ich vielleicht ein Automat, der auf Schienen läuft? Suche stets nach der Wahrheit, doch misstraue allen, die behaupten, sie gefunden zu haben. Sehen Sie, an so einem sonnigen Morgen, scheint die Welt ganz wunderbar. Doch es liegt nur an Ihrer Anwesenheit und an der Weise, wie ich just in den Tag hineinschaue. Wäre das Leben immerzu Sonnenschein, würde man verblöden, denn man würde aufhören, Fragen zu stellen und neue Wege zu gehen. Deshalb ist’s gut, wenn das Leben einem mal Ja, mal Nein entgegensetzt.

Frau Nettesheim

Ja: Sie haben Recht. Nein: Genug geplaudert, machen Sie sich an die Arbeit.
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Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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