Knapp am Tod vorbei - gefährliche Textbetrachtung

Aus dem Regal eines Supermarktes fischte ich eine Einkaufsliste. Jemand hatte sie zu den Plastiktüten unter dem Förderband gestopft. Solche Zettel sind alltagsethnologische Dokumente, geben Auskunft über Einkaufs- und Orthographiegewohnheiten und über den Zustand unserer Handschrift. Dieser hier trägt auf der Rückseite eine rätselhafte Botschaft: „manche mögen es schon kennen wiederum die die es nicht kennen werden sich Tod lahen“.

Tod-lachen

Zunächst fällt die
radikale Kleinschreibung auf, die allein beim Wort „Tod“ aufgegeben wurde. Auch „Tod lahen“ entspricht nicht der herkömmlichen Orthographie, es müsste nach alter wie neuer Rechtschreibung „totlachen“ heißen. Die Sonderstellung von „Tod“ wirkt bedrohlich. Das fehlende „c“ bei lachen und der Verzicht auf Punkte und Kommata verleihen der Botschaft etwas Atemloses. Trotzdem wurden die Zeilen nicht rasch geschrieben, wie etwa unter einem erstickten Lachanfall, denn die hübschen Buchstaben sind bis zuletzt sauber ausgeführt.

Die Einkaufsliste auf der Vorderseite ist mit Bleistift geschrieben, die Rückseite mit Kugelschreiber. Beide Aufschriften sind also zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Demnach ist der Schreiber noch einkaufen gegangen, nachdem er die unfertige Ankündigung verfasst hatte, anders als jene „wiederum“, die „es“ schon kennen. Wenn die Prophezeiung des Textes stimmt, müssen sie sich bereits in den Tod gelacht haben, liegen vermutlich glucksend in der Kiste und kriegen sich nicht mehr ein. Darauf verweist das Präsens, denn sonst müsste es heißen: „Manche kannten es schon.“

Den Grund für
deren Lachtod teilt der Schreiber nicht mit. Man mag das bedauern, doch die Unterschlagung des Anlasses ist ganz offenbar eine notwendige Sicherheitsmaßnahme. Nicht einmal der Schreiber hat gewagt, sein Wissen zu Papier zu bringen, und das erklärt auch, warum er selbst noch "Lambrusko 9% Rotwein" nach Hause tragen konnte. O Mensch, verlange nicht, "es" zu erfahren.
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Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim - Richtig Klauen

trithemius & Frau Nettesheim
Trithemius
Hallo, Frau Nettesheim, ich gucke jetzt zu Ihnen rüber!

Frau Nettesheim
Und warum kündigen Sie das an?

Trithemius
Ich wollte Sie nur vorwarnen. Am Ende erwische ich Sie, wie Sie gerade eine Büroklammer klauen, und dann, das können Sie sich denken, müsste ich Sie entlassen.

Frau Nettesheim
Weil ich eine Büroklammer in der Hand habe?

Trithemius
Nein, weil Sie sich haben erwischen lassen. Klauen will nämlich gekonnt sein, und ich vermute, da haben Sie zu wenig Übung.

Frau Nettesheim
Da vermuten Sie richtig.

Trithemius
Hm, das ist ein Fehler. Klauen ist eine Kulturtechnik.

Frau Nettesheim
Wer hat Ihnen denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?

Trithemius
Rüdiger Schaper vom Berliner Tagesspiegel. Der hat zur Verteidigung von Fräulein Hegemann geschrieben: „Klauen ist kein Kulturbruch, sondern eine altbewährte Kulturtechnik.“

Frau Nettesheim
So wie Lesen, Schreiben und Rechnen?

Trithemius
Genau. Zuerst war ich auch ein wenig befremdet. Aber nach kurzem Überlegen habe ich einsehen müssen, der Mann hat Recht. Freilich muss man sich auf Kosten anderer bereichern, ohne den juristischen Tatbestand des Diebstahls zu erfüllen. Dann kann man seine Mitmenschen, ja, sogar ganze Gesellschaften nach Herzenslust ausrauben und genießt trotzdem hohes Ansehen.

Frau Nettesheim
Sie meinen: Richtiges Klauen will gelernt sein.

Trithemius
Das ist der Punkt. Unsere Schulen haben versagt. Klauen ist kein Schulfach, und es gibt auch keine Didaktik des Klauens. Dieses Feld wird bislang nur an Hochschulen und Eliteuniversitäten beackert, in der Wirtschaftswissenschaft und im BWL-Studium. Manche lernen das richtige Klauen freilich durch das gute Vorbild im Elternhaus, doch die breiten Massen, vor allem die unteren Schichten, sind klautechnisch völlig unterbemittelt. Sie haben nicht die geringste Klaukultur, sind quasi funktionale Klau-Analphabeten.

Frau Nettesheim
Das ist doch Unsinn. Ehrlich währt am längsten.

Trithemius
Sagen Sie mal, Frau Nettesheim, wenn Sie hinterm Mond leben, wozu brauchen Sie dann überhaupt eine Büroklammer?
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Volontär H. P. Schmock entlarvt Riesenschwindel: Schmier-Scheck für Harald Schmidt ist eine Collage

Nicht schlecht habe ich gestaunt, als mir heute per E-Mail ein Foto zuging. Es zeigt die für ihren Roman Axolotl Roadkill gefeierte Jungautorin Helene Hegemann, wie sie dem ARD-Moderator Harald Schmidt einen Riesenscheck zuschiebt. Der Scheck stammt angeblich vom renommierten Berliner Ullstein Verlag und trägt die Aufschrift: „An: Harald Schmidt – privat, Verwendungszweck: Werbung für den Roman Axolotl Roadkill von Helene Hegemann“.

Harald-Schmidt-Helene-Hegemann-

Natürlich hatte ich mich gestern abend auch gewundert, als Harald Schmidt in seiner gleichnamigen Late-Night-Show die Autorin Helene Hegemann mit Samthandschuhen anfasste und die Plagiatsvorwürfe gegen sie abtat mit den Worten, sie habe ungefähr „17 Buchstaben“ von einem Blogger abgeschrieben. Auch die Süddeutsche Zeitung wundert sich in ihrer TV-Kritik: „ARD-Moderator Harald Schmidt umschmeichelt Helene Hegemann“ und klagt: „(...) leider war 'Dirty Harry' in dieser Nacht in der ARD bedingungslos zum Kuscheln aufgelegt.“

Wollte Dirty Harry nur kuscheln oder findet er tatsächlich nichts dabei, dass Helene Hegemann sich für ihren Roman fremder Quellen bedient hat? Sich geistiges Eigentum anzueignen, ist zwar Schmidts täglich Brot, aber ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass er seinen Gag-Autoren für jeden gesendeten Witz ein gutes Trinkgeld zahlt.

Jedenfalls zweifelte ich sogleich an der Echtheit des Fotos. Wer von den Rundfunkgebührenzahlern so fürstlich entlohnt wird, dass er sich eine eigene Jacht leisten kann, die er ungenutzt im Hafen von Cannes ankern lässt, würde er sich für lumpige 10.000 Euro verkaufen? Da wäre es noch wahrscheinlicher, dass Schmidt der Berliner Hochkultur-Mafia einen Gefallen schuldig war. Ein weiteres Indiz: Das Foto kann unmöglich auf der Terrasse von Harald Schmidts Kölner Wohnung aufgenommen worden sein, wie der anonyme Einsender des Fotos behauptet. In Köln liegt derzeit Schnee. Es kostete mich nicht einmal eine Stunde, die Einzelteile ausfindig zu machen, aus denen das gefälschte Foto besteht. Hier die Bildquellen des dreisten Mashup-Artisten:

1) Das Basisfoto
2) Harald Schmidts Kopf
3) Helene Hegemanns Kopf

Die Fotomontage ist schamlos, billige Stimmungsmache gegen einen verdienten Komiker, boshafte Herabsetzung einer wahnsinnig intelligenten und eloquenten Jungautorin. Nicht zuletzt eine dreiste Verletzung der Urheberrechte. Und natürlich zahlt der ehrenwerte Ullstein Verlag an seinen Autor Harald Schmidt nur reguläre Honorare. Ich bedanke mich bei mir, diesen dreisten Betrugsversuch entlarvt zu haben.

Hanno P. Schmock für Teppichhaus Trithemius
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Schlechte Laune im Universum

Heute habe ich nichts geleistet. No, Sir. Wenn ich aber doch etwas Sinnvolles getan hätte, dann wäre es nichts gemessen an dem, was ich hätte bei besserem Wetter tun können. Dann hätte ich am Morgen in alle Himmelsrichtungen losgehen können, um mich irgendwo nützlich zu machen. Aber nein, ich bin nur in eine Richtung gegangen, nach Osten, glaube ich, und bald wieder zurück. Auf den Gehwegen war Eis, das in Schlamm überging, braun und hässlich schmatzend unter meinen Stiefeln. Das war überaus verdrießlich. Wie überhaupt die Stadt derzeit nur noch hässlich ist. Da wären meterhohe Schneewehen einfach besser, aber das darf man sich auch nicht wünschen, weil das öffentliche Leben dann ganz zum Erliegen käme.

Andererseits kann ich wünschen, bis ich schwarz werde. Denn wer noch einen Beweis gesucht hat, dass Wünschen nicht hilft, sogar kollektives Wünschen nicht, der hat ihn jetzt. Oder sollten etwa die Streusalz- und Granulathersteller beim Universum besser angesehen sein als alle anderen? Es könnte wohl sein, dass die Streusalz- und Granulathersteller die einzigen sind, die fest zusammen stehen und sich diesen abscheulichen Winter wünschen, was das Zeug hält. Die anderen, also du und dein Nachbar, sein Bruder und so fort, sich einfach nur abfinden mit dem Schnee und gar nichts wünschen, sondern nur murren und maulen oder sogar still erdulden. Das ist so abwegig nicht, wenn man sieht, was die Deutschen sich als Regierung gewählt haben. Vielleicht oder sogar offenbar sind alle von einer kollektiven Todessehnsucht befallen und kriegen deshalb genau das, was sie im Stillen wünschen: Frau Holles Leichentuch, Merkel und Westerwelle.

Natürlich, wir haben Karneval, Fastnacht, Fas(e)nacht, Fastelabend, Fasnacht, Fasching, um den Winter auszutreiben. Aber wenn ich in der kosmischen Registratur was zu sagen hätte, dann würde ich den Winter erst recht so richtig lang, kalt und widerlich machen - als Strafe. Was heißt hier austreiben? Die Menschen sollen gefälligst wünschen. Wünschen, wünschen, wünschen. Wünscht euch besseres Wetter, und dann kriegt ihr es, das würde ich sagen, wenn ich was zu sagen hätte. Aber nicht närrisch werden, das macht uns Wettergöttern schlechte Laune. Wagt es ja nicht, etwa Prinzen zu küren, die sich „die Ehre geben“, am Ende noch bei Kaufhof, um sich in Kamelle aufwiegen zu lassen. Das gibt mindestens fünf Wochen Strafrunde im Winter.

Was-soll-der-Elefant

Aber Ihr Götter, wir sind so entsetzlich wintermüde. Und Ihr wisst doch: Nach müde kommt albern. Wir meinen's nicht so.
"Ach ja? Und was soll der Elefant?"
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Mein surrealer Alltag (10) - Automatisches Schreiben

Morgens, 6:15 Uhr. Gnädig bedeckt der Neuschnee den gefrorenen Schneematsch. Auch die Müllsedimente der letzten Wochen sind nicht mehr zu sehen. Das ist immerhin eine Erleichterung fürs Auge, verbirgt auch die Schneehaufen am Straßenrand, die noch am Vortag ausgesehen hatten wie Berge von Schutt. Aus dem Kiosk fällt Licht auf den Bürgersteig und lässt die dünnen Schneeflocken golden aufleuchten. Da warten zwei Kunden auf Bedienung, derweil der Kioskbetreiber die Werbetafel der Bildzeitung nach draußen bringt. Besser nicht hingucken, was BILD heute titelt. Man will ja nicht am frühen Morgen schon in den jungfräulichen Schnee brechen.

Die Bäckereifachverkäuferin hat Ränder unter den Augen. Hat sie die Nacht auf einer Luftmatratze im Laden verbracht? Das war doch gestern, als in Hannover Busse und Bahnen nicht fuhren. Vermutlich hat sie sich noch nicht davon erholt. „Endlich hat’s mal wieder geschneit!“, sage ich, um sie aufzumuntern. „Ja“, sagt sie, „ich kann’s bald nicht mehr sehen.“ Kein Wunder, bei den dicken Augen. Immerhin ist sie schon ironiefest, braucht keine Häkchengeste bei dem Wort „Endlich“. Sie stopft die Brötchen in die Tüte, als hätte sie auf jedes einzelne einen bodenlosen Groll, wünscht dann aber trotzdem einen schönen Tag.

Die beiden vor dem Kiosk sind wetterfest. Der eine hat sogar die Jacke offen. „Nein“, ruft er zur Kioskluke hinein, „gib mir mal ein Bier! Kaffee hab ich schon an der Tanke getrunken.“ Es ist nicht mal hell, unentwegt rieselt der Schnee und pudert ihm die Haare, geschätzte drei Grad unter Null, und dann schon an einer eiskalten Bierflasche lutschen? Offenbar kann man sich den Winter schön saufen. Aber man muss schon in aller früh damit anfangen.

Auf der Ihmebrücke am Schwarzen Bär gleitet einer mit dem Fahrrad aus, wirft die Arme nach vorn und legt sich lang. „Alles in Ordnung?!“ fragt ein älterer Fußgänger. „Ja, ja“, sagt der Radfahrer und rappelt sich hoch. Der Alte tritt hinzu und sagt: „Wissen Sie, was mich am meisten ärgert?“ „Nein“, sagt der Radfahrer und richtet seine verbogene Lampe. „Dass so viele, ich mache das ja auch manchmal, ohne Helm fahren.“ „Wieso?“, fragt der Radfahrer, „ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen.“ Es ist zweifellos doppeltes Pech, direkt vor einem Klugscheißer auszurutschen.

Automatisches-Schreiben
Bei aller Klage über den Winter, er ist, wie man sieht, eine gute Zeit für automatisches Schreiben. Bei dieser experimentellen Form der Kunst sind Zufallsprozesse gestaltbildend. Automatische Texte und Bilder erlauben eine Lesart der freien Assoziation. Erfunden wurde das Automatische Schreiben um 1924 von französischen Surrealisten. Max Ernst berichtet, der Arzt André Breton habe die Gruppe der Pariser Surrealisten zu einer Mauer geführt, gegen die Tuberkulosekranke zu spucken pflegten. Man hoffte, aus den Schlieren an der Wand Inspiration zu ziehen. Es handelt sich dabei um die Technik des Hineinsehens. Sie wird noch heute beim "kreativen Schreiben" angewandt. Auswurf gibt es genug auf der Welt, und wo immer einer hingespuckt hat, steht ein anderer und schreibt einen Roman. Ich hätte die heutige Bildschlagzeile vielleicht doch lesen sollen.

Mein surrealer Alltag - Folgen 1-7
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Deutsch für Blogger (4) – Wonach man sich zu richten hat – Über journalistische Stilformen

Wonach man sich zu richten hat, das ist die Bedeutung des Wortes NACHRICHT. Jeden Abend versammeln sich die Deutschen vor den Nachrichtengeräten und empfangen die neuesten Anweisungen aus der Tagesschau. Sie tun das freiwillig, anders als in einer Diktatur, wie sie etwa in Orwells Dystopie 1984 geschildert wird. In einer Demokratie dienen Nachrichten per Definition nicht der Indoktrination. Die Nachrichtenmacher des öffentlich-rechtlichen Fernsehens achten auf eine Trennung zwischen Information und subjektiver Wertung. Daher enthalten die Nachrichten der Tagesschau keine direkte Meinungsäußerung. Diese Nachrichten sind nur manchmal tatsächliche Verhaltensaufforderungen, wenn etwa gemeldet wird, dass Bahnen und Busse nicht fahren werden, weil die Angehörigen des öffentlichen Dienstes streiken. Oder wenn absehbar ist, dass es wegen der Wetterverhältnisse zu Verkehrsbehinderungen kommen wird. Allein der Wetterbericht ist eine täglich vorkommende Nachricht im etymologischen Wortsinne.

Trotzdem enthalten alle Nachrichtensendungen subjektive Wertungen. Das tägliche Aufkommen an Nachrichten ist immens, die Sendezeit begrenzt. So liegt die subjektive Wertung in der Auswahl der Nachrichten. Gewisse Themen stehen immer im Vordergrund: das Tun und Lassen von hochrangigen Politikern, deren Tagungen, Kriege, Katastrophen, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, Sport und seltsamer Weise die Geschehnisse an der Börse. Auswahl, Bebilderung, Platzierung und die Länge der Nachrichten suggerieren deren Wichtigkeit. So steht die scheinbare Objektivität der Nachrichtensendung im ständigen Widerspruch zur tatsächlichen Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion.

Ähnlich verhält es sich mit der so genannten seriösen Presse. Hier ist jedoch die Vielfalt größer, weil Zeitungen mehr Platz haben. Warum aber täglich nur genauso viel zu passieren scheint, dass es exakt in eine Zeitung passt, ist ein Phänomen, über das Kinder sich noch wundern, das Erwachsene nur selten kritisch reflektieren. Alle Massenmedien, Rundfunk wie Zeitung und Zeitschrift, schreiben voneinander ab. Wenn ein neues Thema aufkommt, wird es von allen aufgegriffen und kolportiert. Das wiederum suggeriert Zuhörern, Zuschauern und Lesern, dass sie ihr Denken und Reden daran zu orientieren haben. Auf diesem Umweg werden Nachrichten, die nur indirekt mit dem Leben des Einzelnen zu tun haben, zu Denk- und Diskussionsvorlagen.

Nachrichten werden in der Vergangenheitsform Präteritum verfasst. Die kürzeste Nachricht ist die MELDUNG, die Langform ist der BERICHT.

Hannover (eigener Bericht)
Bauarbeiter der Baufirma XY rissen am Montag in der Parterrewohnung des Hauses X-Straße Nr. 7 zwei Wände ein und störten damit die Konzentration des Autors dieser Zeilen. Sie bedienten sich dazu großer Vorschlaghämmer. Die Ruhestörung war nötig geworden, weil der Hausbesitzer den Raum eines seit langem leer stehenden Ladenlokals der Parterrewohnung zuschlagen wollte.

Beim Bericht muss das Wichtigste zuerst genannt werden. Er beantwortet bereits in den ersten Sätzen die W-Fragen: Wer, was, wo, wie, warum. Weitere Einzelheiten in absteigender Wichtigkeit. (Die weiteren Einzelheiten bleiben dem Leser diesmal erspart. Kein Platz und darum von hinten weggekürzt.) Diese Textgestaltung heißt Lead-Form. Sie soll im amerikanischen Bürgerkrieg entstanden sein. Die Kriegsberichterstatter telegrafierten ihre Berichte dergestalt hastig an die Heimatredaktion, weil die Telegraphenverbindungen jederzeit durch Kriegshandlungen unterbrochen werden konnten.

Man hätte die Form des Berichts in Friedenszeiten nicht beibehalten müssen. Doch wenn sich beim Leser einmal spezifische Rezeptionsgewohnheiten herausgebildet haben, müssen sie auch bedient werden. Zudem vereinfachte die Lead-Form den Bau einer Zeitungsseite im Bleisatz. Maschinensatz besteht aus von der Setzmaschine gegossenen Zeilen. Erwies sich ein Bericht zu lang, konnte der Metteur ihn abschnittsweise von hinten kürzen. Er nahm den Zeilenstapel aus der Satzform und warf ihn in einen Sammelbehälter. Hätte der mit ihm arbeitende Schlussredakteur einzelne Sätze aus dem Bericht gestrichen, wäre ein Neusatz der Zeilen nötig gewesen. Die überschüssigen Textabschnitte wurden also in Gänze verworfen, um später eingeschmolzen zu werden.

Nur wenige Blogs enthalten Berichte. Blogger pflegen Information und Meinung zu vermischen. Das ist ein Grund, warum Journalisten die Blogs geringschätzen. Doch die Boulevardisierung aller Massenmedien hat die klassische Trennung von Meinung und Information längst aufgehoben. Allein die Tagesschau hält sich noch daran. Daher glauben auch viele Deutsche, der Tagesschausprecher wäre der Regierungssprecher.

Abgelegt unter: Teppichhaus Textberatung

P.S.: Warum die Wohnung unter der des Autors leer stand und jetzt umgebaut werden kann, erhellt dieser Bericht:

Irreführende Werbung hat Opa getötet

auf-draht1

Hannover (eigener Bericht) In einer Wohnung im Stadtteil Linden wurde am vergangenen Wochenende die stark verweste Leiche des Rentners Erwin K. gefunden. Offenbar war er von der Stehleiter gefallen. Die Angehörigen klagen an: „Die Johanniter haben Opa getötet.“

Ein Sprecher der Johanniter wies den Vorwurf zurück. Aus Liebe zum Leben habe man ein erfahrene Werbeagentur beauftrag, den Notruf ansprechend zu visualisieren. Das Foto sage eindeutig aus, dass auf Draht ist, wer im Notfall die Johanniter ruft. Schließlich sei in der Glühbirne auch ein Draht. „Im Traum wären wir nicht auf die Idee gekommen, dass jemand versucht, mit einer Glühbirne zu telefonieren“, sagte der Sprecher bei einer Pressekonferenz.

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Mehr Wirtschaft! - Einladung zur Kaffeepause



Ein Film aus der Reihe: Mein surrealer Alltag.
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Deutsch für Blogger (3) – Abstimmung mit Füßen

Mir hat noch nie ein Mann erzählt, dass er zur Fußpflege geht, wohl hat mir eine Gewährsfrau schon berichtet, wie angenehm und entspannend es gewesen sei. Das kann ich mir vorstellen, doch sollten Fachleute für Füße nicht auch wissen, wie sie geschrieben werden? Nein.

Fusspflege

Die amtlichen Orthographieregeln gelten nur für Behörden, Schulen und Hochschulen. Fußpfleger können es mit der Rechtschreibung ihres Ladenschilds halten wie sie Kleingeld haben, sollten allenfalls bedenken, dass ein zusätzlicher Buchstabe auch mehr kostet.

Wer sich freilich bewerben will, muss alle Wörter richtig schreiben. In Bewerbungsschreiben hat Rechtschreibung noch immer Fetischcharakter. Ein Fehler, und schon ist man aussortiert. Dem hohen Wert der Orthographie steht die allgemeine Verwirrung gegenüber, wie denn nun richtig geschrieben wird. Die Gründe sind vielfältig. Mit der Orthographiereform hat der Duden seinen Status als „maßgebend in allen Zweifelsfällen“ verloren. Auch andere Verlage dürfen seither die amtlichen Regeln für ihre Wörterbücher zugrunde legen und in Zweifelsfällen eigenmächtig interpretieren. Zudem haben sich einige Verlage und Printmedien der Reform nicht angeschlossen, wie das satirische Magazin Titanic oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die inzwischen eine eigene Hausorthographie verwendet. Auch die Deutsche Presseagentur (dpa) sah sich genötigt, eine Hausorthographie festzulegen, zumal Duden, Wahrig u.a. nach der verkorksten Reform bei vielen Wörtern alternative Schreibweisen zulassen.

Tatsächlich ist den Deutschen mit der Orthographiereform die Einheitsschreibung abhanden gekommen. Augenfällig ist das beim Eszett. Es war schon immer kein vollwertiger Buchstabe, taucht nicht einmal in der Alphabetreihe auf, denn ß ist ja nur die eugraphische Form eines Doppel-s, eine barocke Ligatur aus zwei gleichen Kleinbuchstaben. Anders als viele unsinnige Regeln der neuen Rechtschreibung, ist die Regel für das Eszett logisch. Sie stärkt das Stammprinzip, so dass wir nicht mehr Singular „Kuß“ - Plural „Küsse“ schreiben müssen. Kurzer Vokal: Kuss - Küsse, langer Vokal: Fuß – Füße, diese neue Regelung kann man sich leicht merken.

Trotzdem ist das Eszett unter Druck und wird wohl allmählich aus unserer Orthographie verschwinden und ein Nischendasein führen. Wir werden uns an die Buntscheckigkeit der Orthographie gewöhnen, denn tragisch ist sie nicht. Im Gegenteil, die neue Vielfalt hat Vorzüge, wie schon Mark Twain wusste:

"Gute Rechtschreibung hat mir nie großen Respekt abgenötigt. (...) Bevor die Rechtschreiblehre mit ihren eigenmächtigen Regeln herauskam, haben die Leute mit ihrer Orthographie feine Züge ihres Charakters unbewusst enthüllt und dem, was sie schrieben, aufschlussreiche Ausdrucksnuancen zugefügt. Es ist durchaus möglich, dass die Rechtschreiblehre für uns ein Geschenk von zweifelhaftem Wert war." (Mark Twain)

Und Goethe war Rechtschreibung allemal egal:

"Mir, der ich selten selbst geschrieben, was ich zum Druck beförderte, und, weil ich diktierte, mich dazu verschiedener Hände bedienen musste, war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig. Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an: sondern darauf, dass die Leser verstehen, was man damit sagen wollte! Und das haben die lieben Deutschen bei mir doch manchmal getan.“ (Johann Wolfgang Goethe)

Das sollte Fußpflegern und Bloggern recht sein.

Vertiefen:
- Die Orthographie ist nicht vom Himmel gefallen
- Müßiger Streit um die Orthographiereform
- Unnötig großer Rucksack - das Eszett wurde aufgepumpt

Abgelegt unter: Teppichhaus Textberatung
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Tröstlich: Wie der Schnee von gestern verschwand

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Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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