Auf der Dornröschenbrücke kann es auch schön sein

Es gibt ein Wort, das mir immer wieder in die Sätze gerät, obwohl es in den wenigsten Fällen seines Auftretens erforderlich ist. Es ist so liebedienerisch, dass ich es nicht etwa rufen müsste und ihm sagen: „Kannst du mal kommen und helfen!“ No Sir, wann immer ich zu schreiben beginne, lehnt es bereits an der Ecke, und hast du nicht gesehen, steht’s auch schon im Satz und versteckt sich zwischen den Wörtern, die ich gerufen habe. Manchmal scheint es sogar über die Fähigkeit zu verfügen, sich unsichtbar zu machen, so dass es mir erst später auffällt, wenn ein Text schon veröffentlicht ist.

Wieso es sich bei mir wohl fühlt, weiß ich … nicht. Es muss einst auch sein Gegenteil bedeutet haben, doch im heutigen Sprachgebrauch bedeutet es nur noch eine Hinzufügung. Wenn es sich aufgedrängt hat und ich bemerke es rechtzeitig, dann ist die Aussage … in der Regel besser, stärker und bestimmter, sobald ich es vor die Tür gesetzt habe. Es scheint mir aus dem Mündlichen zu kommen und ich gebe zu, dass es … schon mal die Sprachmelodie verbessert.

Kürzlich traf ich einen Mann, der sagte unaufgefordert, er habe eine Plage. Das Wörtchen „auch“ rutsche ihm in alle Sätze. Er nahm es gelassen, ja, konnte darüber lachen und ließ es mehrmals hintereinander ertönen. „Auch, auch, auch!“ Wir saßen ans Geländer der Dornröschenbrücke gelehnt, tranken Bier, rauchten und genossen den Sonnenuntergang. Vor uns die Leine, unter uns die Leine, hinter uns die Leine. Ab und zu hörten wir das rhythmische Schlagen der Ruderblätter eines Achters, guckten ihm kurz hinterher, um uns wieder der untergehenden Sonne zuzuwenden.

Wenn die Sonne über dem Leinetal untergeht und nicht vorher hinter einer Wolkenbank verschwindet, setzt sie jedes Mal die Krone eines stattlichen Baumes in Brand. Er steht in der Ferne am rechten Ufer, wo die Leine nach links hinter einer Flussbiegung verschwindet. Ich kann mich aber nicht darauf konzentrieren, denn ich muss mich der Auchplage des Mannes neben mir widmen und gleichzeitig will ich einem jungen Gitarristen zuhören. Er heißt Daniel, und ich habe ihn kennen gelernt, bevor der Auchmann sich zu uns setzte, zusammen mit einem Freund. Der wiederum stützt mir aus unerfindlichen Gründen sein Handy aufs Knie und spielt mir eine Tondatei von Jürgen von der Lippe vor. Ich komme nicht dahinter, was es damit auf sich hat. Irgendetwas habe ich gesagt, das ihn ermuntert hat, diese Tondatei auf seinem Handy zu suchen.

Ich hatte nur erzählt, dass ich gehört hatte, wie eine junge Frau ihrem Freund erklärte, worum die Dornröschenbrücke manchmal unter den Tritten eines Joggers ins Schwingen gerät. Dieser Mensch habe die falsche Lauftechnik. Wenn einer seinen Fuß richtig abrolle, dann wippe die Brücke nicht. Die anderen sind dann wohl Hackenläufer wie übrigens die meisten Menschen. Das weiß jeder, der Obernachbarn hat. Diese hübsche Frau, die von den Armen bis weit auf den Rücken tätowiert ist, gab mir auch ein Beispiel, dass Sprache manchmal klüger ist als der Sprecher, ja, den rechten Sinn erst über den Fehler in eine Aussage legt. Sie sagte über einen unglücklich verliebten Freund: „Der Philipp ist so ein netter, lieber Mann. Kann der nicht einfach sein Gegenteil finden?“

Sie meinte wohl „Gegenstück“ im Sinne der zwei Kugelhälften im Gleichnis von Platon. Aber ihr Versprecher ist näher an der Wirklichkeit. Ein netter, lieber Mann wird in der Regel ganz und gar nicht sein liebes, nettes Gegenstück finden. Es liegt wohl daran, dass die Chance, die 2. Kugelhälfte zu finden, recht gering ist, und daher geben die meisten zu früh auf und bescheiden sich mit ihrem Gegenteil. Nur weiß ich nicht, was von der Lippe damit zu tun hat und bin froh, als die Tondatei zu Ende ist und mich wieder der leisen Gitarrenmusik zuwenden kann. Denn auch Daniel singt vom Schönen Scheitern. Und hier darf das Auch endlich mal stehen bleiben.

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TT-Musik von: The Bear That Wasn't - Your Huckleberry Friend
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Aufmunternde Töne - Mein surrealer Alltag (19)

Es regnet in die Leine. Schon immer hat mich fasziniert, wenn es ins Wasser regnet, wenn Wasser sich selber empfängt, wenn die Wasseroberfläche unter den eintauchenden Regentropfen blubbert und wallt, wenn die Millionen und Abermillionen Tropfen das schwarz dahinströmende Wasser des Flusses zum Glitzern bringen, ein Meer herbeizaubern von silbrige aufblitzenden Punkten. Das unentwegte Aufspritzen, Sprudeln und Brausen hat etwas geheimnisvoll Wollüstiges.

Ich kann’s nicht mehr sehen, wende mich ab, verlasse die Dornröschenbrücke und gehe zurück in die Stadt. Bin zu betrübt, mich an der Natur zu erfreuen. Es macht mir glatt ein schlechtes Gewissen, wenn ich meinem Kummer nicht genug beachte. Trübe Gedanken, und auch noch Regen. Da lasse ich den Kopf hängen, weiß es aber erst, als ich unter einer Arkade den Mann mit dem Taschentuch bemerke. Kaum sehe ich ihn aus den Augenwinkeln, wie er sich untergestellt hat und ein großes Stofftaschentuch aus der Hose zieht, bin schon vorbei, da höre ich ihn hineintrompeten.

Bitte, wenn man betrübt ist, so richtig tief betrübt, du kennst das Gefühl, dann wünscht man sich, eine Lichtgestalt käme daher und würde ihre zarte Hand auf die von Gedanken erhitzte Stirn legen, sie kühlen und besänftigen. Es muss ja keine Himmelserscheinung sein. Ein gewöhnlicher Mensch könnte das tun. Aber meine Erfahrung sagt mir, wenn man just eine solche Lichtgestalt sich wünscht, wenn man sie wirklich gut gebrauchen könnte, dann kommt sie nicht, ist irgendwo anders beschäftigt.

Deshalb will ich mich nicht beklagen über den Mann mit dem Taschentuch. Er ist mehr, als ich erwarten kann. Wie er nämlich schon in meinem Rücken zweimal kräftig ins Taschentuch prustet, da hört sich das doch verdammt noch mal an wie: „Kopf hoch!“ Ich drehe mich um, in der Hoffnung, er hätte es gesagt, aber seine Nase steckt noch immer tief im Taschentuch.

Ein unerwartetes „Kopf hoch!“, denke ich, ist schon eine echte Aufmunterung. Aber muss es denn so hässlich tönen? Muss diese dankenswerte Aufmunterung ausgerechnet aus Rotz gemacht sein? Ich erwarte ja keine Engelsstimme, aber könnte das „Kopf hoch!“ nicht wenigstens aus dem Schallloch unter seiner Nase kommen? Da kann ich ja schon froh sein, dass die Aufmunterung nicht noch weiter unten ertönt und gemacht ist aus üblen, giftigen Dünsten. Aber selbst dann, wenn man richtig tief betrübt ist, muss man nehmen, was gerade im Angebot ist.

Mehr aus dem surrealen Alltag
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Plausch mit Frau Nettesheim - Internetkunst ist kein Entenrennen - Manifest der Netzpataphysik

trithemius & Frau Nettesheim


Trithemius
Wie gefällt Ihnen der Text Ihres neuen Freundes Paul Duroy, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Er ist ausgezeichnet.

Trithemius
Wer, Paul?

Frau Nettesheim
Trithemius, jetzt spielen Sie nicht den Eifersüchtigen.

Trithemius
Na gut, ich finde „Schöner Scheitern“ ebenfalls ausgezeichnet. Duroys Text gibt nicht nur Denkanstöße, sich neu im Leben zu orientieren, sondern ist auch ein künstlerisches Manifest. Es propagiert Kunst, die sich den Zwängen des Marktes entzieht, überhaupt nichts mit diesem Entenrennen zu tun haben will. Sie findet im Leben statt und nicht in Museen oder auf dem Kunstmarkt. "Nimmst du Eintritt?", hat Günter Perplies mich gefragt. Ich sage: "Nein!", sagt er: "Wir auch nicht." Es ist wunderbar, dass er sogleich verstanden hat, worum es geht, obwohl eine Galerie normalerweise vom Kunsthandel lebt.

Frau Nettesheim
Wenn diese Kunst nicht auf den Kunstmarkt drängt, wohin dann?

Trithemius
Sie sucht den Kontakt und die Interaktion mit allen, die sich angesprochen fühlen. Jeder Künstler schafft sein Werk nur zu 50 Prozent. Ein Buch, das niemand aufschlägt, ist tot, ein Bild, das keiner betrachtet, existiert nicht. Die 50 Prozent zum Leben von Bild und Buch geben die Leser, Betrachter und Kommentatoren hinzu, indem sie das Angebot durch ihren Kopf schicken und mit der Bedeutung versehen, die es für sie hat. Aber sie sind bei den klassischen Medien stumm, Rezipienten, keine Produzenten. Im Internet ist es völlig anders. Hier nehmen sie teil an einer Kunst, deren wesentliches Merkmal die Interaktion innerhalb eines Netzwerkes ist. So sind alle interaktiven Projekte des Teppichhauses zu verstehen, die fünf Lesenächte, die Freitagsdiskussion, die Papiere des PentAgrion, das Hin- und Herkommentieren, und die Steigerung ist meine pataphysikalische Forschungs- und Lesereise. Wer mich für eine Nacht beherbergt, für den lese ich, und damit ist er Teilnehmer und Mitgestalter einer sozialen, interaktiven Kunstaktion. Und so verbietet sich, dass es dabei um Geld geht. Geld hat überhaupt nichts verloren in einer solchen Aktion. Das Motto des Teppichhauses ist seit den Anfängen: Klaut alles. Das schließt eine kommerzielle Nutzung aus.

Frau Nettesheim
Wollen Sie aufhören zu essen?

Trithemius
Hab schon mal dran gedacht, aber aus anderen Gründen. Sie lenken mich ab, Frau Nettesheim. Es gibt ja bereits ein neues Mäzenatentum im Netz, Leute sponsern Wikipedia oder die Entwickler von Opensource-Programmen. Verstehen Sie doch, wer Wissenschaft, Literatur und Kunst im Internet anbietet, der wechselt nicht einfach nur vom Papier ins Digitale. Er muss auch seine Denkrichtung ändern, sonst nutzt er das Internet wie eine Litfaßsäule, die ja von dem Buchdrucker Ernst Litfaß erfunden wurde, als Einkanalmedium. Wer das Internet als Einkanalmedium begreift, wer es mit dem Denken der Buchkultur angeht, hat zwar einen Porsche, fährt aber nur im 1. Gang. Es geht um den Aufbau und die Weiterentwicklung von Netzwerken, in denen soziale Energie fließen kann.

Frau Nettesheim
Eine soziale Plastik, wie sie Joseph Beuys propagiert hat?

Trithemius
So ähnlich. Mir gefällt das Wort Plastik nicht, weil es zu statisch klingt. Soziale Netzwerke sind dynamisch, verändern beständig ihre Form, erweitern, verästeln sich, und wo sie sich verdichten, da ist ein schöpferisches Hin und Her, erfasst das Leben jedes Teilnehmers und gibt ihm neue ungeahnte Qualität. Es ist leicht, es hat Witz und steht weit über den bedrückenden Zwängen, die sich in unseren Gesellschaften aufbauen.

Frau Nettesheim
Das klingt hübsch. Haben Sie etwa einen neuen Weg für sich gefunden, Trithemius?

Trithemius
Und einen neuen Kunstbegriff. Es fehlte mir bis vor kurzem die Radikalität, die in Duroys Text zum Ausdruck kommt. Manchmal habe ich noch mit einem Auge zum Printmedium rüber geschielt, überlegt, ob ich wieder mal was für die Titanic schreiben soll und so. Aber das war jedes Mal ein Rückfall in altes Denken, ins Denken der Buchkultur. Das Internet ist keine stumme Erinnerungsoberfläche, es ist wie eine riesige wandernde Parabolantenne, die Impulse auffängt und wieder abstrahlt. Diese Antenne lässt sich nutzen als soziale Vernetzungsmaschine, mit der sich Zeit, Raum und andere Einschränkungen überwinden lassen. Wer daran mitwirkt, verdichtet das Internet und bereichert sein Leben.

Frau Nettesheim
Weshalb Sie sich Internetdichter nennen.

Trithemius
Einer muss den Anfang machen mit der NETZPATAPHYSIK. Schließlich haben wir ein Teppichhaus, Frau Nettesheim, kennen uns also aus mit Knüpftechniken.

''Der Künstler steht zwischen den Tagen wie ein Scharnier." (Paul Duroy)

Lesung im Tausch gegen Nachtquartier

Vorankündigung in anderen Blogs:

Eugene Faust: Blogger zwischen Hannover und Aachen aufgepasst!
Heinrich: Wer mit dem Teppich fliegt, braucht kein Kettenschloss
videbitis: Aushang rechts neben der U-Bahnstation am Neumarkt
Einhard: Wichtiger Hinweis - "Was zum Henker ist pataphysisch?"
...
Vielen Dank,
Trithemius

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Ich habe Füße gesehen – Mein surrealer Alltag (18)

Hannover, Maschseefest, Promenade am Nordufer. Unglaublicher Trubel. Von links und rechts schieben Menschen jeden Alters vorbei, in Paaren, Gruppen, Rotten, ganze Prozessionen, Publikum wie auf der Kirmes, nur etwas feiner. Es gibt nämlich nicht nur Kirmesfress- und Saufbuden, entlang der Promenade sind doppelstöckige Vergnügungstempel entstanden, zwei Gassen mit aufwendigen Metallkonstruktionen, rappelvoll mit standhaften Trinkern und Essern. Hier herrscht Partystimmung. Man hat die besten Freizeitsachen an und ist fest entschlossen, sich zu amüsieren. Zwischendrin kleine alkoholisierte Gruppen in gleichen T-Shirts mit launigen Aufschriften. Sie feiern Junggesellenabschied. Wen’s erwischt hat, leicht zu erkennen, denn die Eheaspiranten müssen originelle Kostüme tragen, und der Gipfel der Originalität, man biegt sich vor Lachen, sind Jungmänner in Frauenkleidern. Die Gruppe „Eheknast“ steht gleich am Eingang im Weg und belästigt Passanten mit albernen Bitten „für einen guten Zweck!“

Als Alltagsethnologe müsste ich mich eigentlich um diese wild grassierende Mode kümmern, aber ich hoffe fest darauf, dass andere das machen. Es ist nicht verlockend. Einmal sah ich im Bremer Hauptbahnhof eine solche Jungmännergruppe, und der zukünftige Ehemann war gehalten, sich ein Kondom über den Kopf zu ziehen, was ihm aber einfach nicht gelingen wollte. Er hat es immer und immer wieder versucht, hatte wohl einen 20er Pack Kondome. Ihm flogen die Kondomfetzen nur so um die Ohren. Vielleicht zu seinem Glück. Am Ende wäre er noch im 20. Kondom erstickt. Und wer macht dann Mund-zu-Mund-Beatmung?

Ich sitze mit vielen anderen auf der Kaimauer des Maschsees und schreibe was in mein Reporterblöckchen. Vor mir flanieren unzählige Menschen. Da stellt plötzlich ein dicklicher Mann seinen nackten, sandalenbewehrten Fuß direkt neben meinen Tabak und krempelt erst rechts, dann links seine Hose auf. Er lässt sich Zeit, so dass ich in den ausgiebigen Genuss der Nähe und Betrachtung seiner klobigen Füße komme. Trotzdem, als er endlich fertig gerüstet da steht, hat er es nicht gut gemacht. Während nämlich die Krempelung seines rechten Hosenbeins direkt unter seinem Knie endet, spannt die linke über seiner dicken Wade. Zudem ist zu tadeln, dass die helle Freizeithose links wie rechts nicht in sauberen Lagen gekrempelt ist, sondern unordentliche, wurstige Faltungen aufweist.

Noch einmal zurück. Ich sitze auf der Mauer, habe den Maschsee im Rücken, höre hinter mir die große Fontäne rauschen, vor mir zieht unglaublich viel Volk vorbei, und während ich das gerade aufschreiben will, fällt ein Schatten auf mich. Ein dicklicher Mann stellt neben mir seine Füße abwechselnd auf die Mauer und krempelt seine Hosenbeine hoch. Er nimmt sich Zeit, denkt im Traum nicht daran, ich oder auch nur irgendeiner könnte Anstoß daran nehmen, so hautnah mit seinen nackten Füßen konfrontiert zu sein, sondern verschafft sich wohlgemut ein wenig Kühlung seiner offenbar erhitzten Waden. Und wie er gerade mit dem rechten Hosenbein fertig zu sein glaubt, da fällt ein weiterer Schatten auf mich, etwas kleiner als zuvor, und verschmilzt mit seinem. Eine dickliche Frau ist in unseren Intimbereich eingetreten, im Zweifel seine „bessere Ehehälfte“. Sie redet was, er antwortet maulfaul, bis er auch mit dem linken Hosenbein abgerechnet hat. Dann wendet er sich um, geht vier Schritte weiter und stellt sich zu einem anderen Paar.

Derweil ich noch seine unordentliche Krempelung moniere, die ebensogut meine Sache gewesen ist wie seine, schließlich habe ich ein gutes Stück meiner Lebenszeit zusammen mit seinen Füßen verbracht, und sein Schnaufen habe ich noch immer im Ohr, während ich also mein ästhetisches Hosenaufkrempelgefühl beleidigt sehe, gibt seine Frau ihrem Fraternisierungsimpuls nach und stellt ebenfalls ihren rechten Fuß zu mir auf die Mauer, dann den linken, macht’s genau wie er, aber ein wenig fixer.

Wie sie sich aufrichtet und sich zu ihrem Mann begibt, da hat sie ihre Hosen deutlich sauberer gekrempelt, obwohl sie einen mächtigen Rucksack auf dem Rücken trägt, der geeignet wäre, sie nach hinten zu ziehen und ihr das Aufkrempeln schwer zu machen. Er ist etwa so groß und rund wie der Bauch ihres Mannes. Solche Ergänzung, solch wundersame Eintracht, solche Gleichheit im Verschiedensein habe ich lange nicht gesehen. Ist Maschseefest.

Mehr aus dem surrealen Alltag
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Schönes Scheitern - empfohlen von Gastautor Duroy

Als ich wartend vor einem Friseurladen saß, da fuhr vor meinen Füßen ein Radfahrer vorbei, ein Mann Mitte 30 ohne besondere Merkmale. In der Rechten hielt er am Lenker einen rosafarbenen Luftballon, der kunstvoll zu einer rosafarbenen Giraffe zusammengeschlungen war. Und just auf meiner Höhe sagte der Mann zu ihr: " Bist du damit mal wieder nicht einverstanden?" Die Giraffe an seinem Lenker wippte "Nein" und "Ja", was in der Sprache von rosafrabenen Luftballon-Giraffen eins wie das andere meint. Und ich dachte noch, übt der vielleicht Bauchreden?

Mit dieser Deutung des Geschehens vor dem Friseurladen bin ich natürlich schön gescheitert. Vermutlich hat der junge Mann gar nicht mit seiner rosafarbenen Luftballon-Giraffe diskutiert, war gar kein jung aufstrebender Bauchredner, sondern hat telefoniert mit einem widerspenstigen Geist. Noch schöneres Scheitern empfiehlt Ihnen Teppichhaus-Gastautor Paul Duroy. Nachdem ich seinen Text unter der Stehlampe in seinem Blog gelesen hatte, war ich sehr erleichtert.


Schöner Scheitern

oder: über die nicht geringe Kunst der aesthetischen Resignation
von PAUL DUROY


''Wenn du kurz davor bist: kurz vor dem Fall;
und wenn du denkst: ''fuck it all'',
wenn du dir sicher bist, niemand kann dich mehr verstehen:
Kapitulation, ohoho, Kapitulation, ohoho, Kapitulation ohoho ohoho...''

(Tocotronic, Kapitulation)

Als ich vor ca. drei Jahren meine Arbeit an meinem Essay zur Frage der modernen Aesthetik, ''Bruchstueck'', beendete, kam im Sommer 2007 das wundervolle Tocotronic-Album ''Kapitulation'' heraus. Das Euphorisierende daran war, dass ich fuer mich, noch gaenzlich nichts vom Erscheinen einer SOLCHEN Platte ahnend, einen Ansatz gefunden hatte, zum modernen Leben im Kapitalismus zu stehen, den diese Band dann (davon natuerlich voellig unabhaengig) ebenso bestritt.

Worum geht es in dieser neuen Aesthetik, in dieser Form, das Leben schoen zu leben, sofern das im totalen Konsumzeitalter noch moeglich ist? Schauen wir uns noch einmal das Eingangszitat an: hier klingt eine gewisse Larmoyanz an, die allerdings sofort zerstaeubt, wenn man sich das Lied anhoert: das Ganze wird selbstbewusst in sueßen hymnischen Klaengen vorgetragen, stolz, ein kleines Programm der Unabhaengigkeit. Hier wird ein negativ konnotierter Begriff (Kapitulation) einfach mit positivem Vorzeichen versehen, einvernahmt und sympathisch gemacht. Hier braucht es nicht die Radikalitaet eines: ''Macht kaputt, was euch kaputt macht.'', sondern einfacher: kapituliere. Lauf nicht mit im Hamsterrad, dreh deine eigene Muehle, mach was Schoenes aus deinem Scheitern. Die ganze Platte atmet diesen Geist, kauft, kopiert oder klaut sie euch...es lohnt sich wirklich!

Der Eingangs-Track ist uebrigens ''Mein Ruin'', ein Titel, der Jammer und Suhlen im eigenen Leid anklingen laesst, aber dann doch so so viel anders ist, als man vermutet. Hier geht es darum, den eigenen Ruin zu aesthetisieren und das darf dann gern stolz klingen, wie ein Fanfarensatz in einer Bewerbung:

Mein Ruin ist mein Bereich, denn ich bin nicht einer von euch,
mein Ruin ist, was mir bleibt, wenn alles andere sich zerstaeubt.

Mein Ruin das ist mein ZIEL, die Lieblingsrolle, die ich spiel,
mein Ruin ist mein Triumph, Empfindlichkeit und Unvernunft,
eine Befreiung, eine Pracht, sanfter als die tiefste Nacht,
die ab jetzt fuer immer bleibt und ihre eigenen Lieder schreibt.

Mein Ruin ist mein Bereich, denn ich bin einer unter euch
mein Ruin ist, was mir bleibt, wenn alles andere sich betaeubt.


Und wenn es dann nur Illusion war, zerschellt der Lebens-Kuenstler wenigstens an seinen eigenen Traeumen statt an der Leistungsgesellschaft:

wie eine Welle, die mich traegt und mich dann unter sich begraebt.

Wenden wir nun unseren Blick meinem ''Bruchstueck'' zu. Ich schrieb dieses Konvolut damals vorwiegend auf Reisen in der Bahn, in Mitfahrgelegenheiten und beim Trampen nach Dortmund, Berlin und nach Frankreich, warum auch immer. Es ist aus dem Geist des Unterwegsseins und des Wandels geboren, ein getriebenes Werk, ein fieberhaftes Werk, ein transitives Werk, eine Aesthetik der Resignation. Damals hatte ich Auszeiten genommen von meiner Arbeitsmuehle, in der ich zum Teil 12 Stunden am Tag arbeitete, leer war, ausgebrannt, perspektivlos, gefangen in der Plackerei noch des Nachts. Ich nahm mir immer mehr Auszeiten, Resturlaub, Krankentage und ''Sabbaticals''. Ich war drin im System, aber kam nicht raus und brauchte einen Bruch...zunehmend bekam ich das gefuehl, auf meinen erratischen (und nur selten sinnvollen) Reisen mich selbst zu suchen, jemand, den ich verloren hatte, jemand den es zu finden galt. Das Ding faengt so an:

''Ich koennte es beschreiben als Projekt meiner Erweiterung, eine gelassene Expansion meiner selbst. Dieses Projekt ist der Versuch des ungezielten Ueberschreitens meiner sonst so kleinen Moeglichkeiten. Der Sprung aus sich selbst heraus ins Endlose...''

Etwas weiter der kryptische Satz:
''der Künstler steht zwischen den Tagen wie ein Scharnier.''

Wo andere daran denken, Zeit zu verlieren, wenn sie nicht arbeiten, kam ich zu dem Ergebnis: ''Es wird tausende Augenblicke kosten, den EINEN Augenblick der Fuelle zu beschreiben oder ihn ueberhaupt erst durch die Beschreibung zu fuellen, aber gerade DAS wird die Kunst sein!''

Auch und gerade am Kuenstlerweg kann man wie in der ''freien Wirtschaft'' scheitern, aber man scheitert wahrhaftig und gerade dieses Scheitern ist schoen...und es erfolgt unter Tanz und Triumph, Gesang und Heiterkeit statt Jammern und Wehklagen, dass man es nicht zum Großverdiener gebracht hat. Das ist wahre Resignation, selbstauferlegtes, autonomes Scheitern, ein rauschendes Fest der Moeglichkeiten, eine wahnwitzige Verschwendung seiner selbst, der Raub von immenser Arbeitszeit aus der Leistungsgesellschaft, die in die Kunst und das erfuellte Leben wandert. Deshalb ''Bruchstueck''...glatte Flaechen schneiden erst, wenn sie gebrochen oder verkratzt werden. Dann tun sie weh.

Und der Kuenstler muss gebrochen sein, wie eine geborstene Flasche in Scherben stehen/liegen, an der er sich selbst, an der andere sich schneiden...aber wehtun muss es. Und wenn es wehtut, wird aber nicht geweint, sondern gelacht ueber die Erkenntnis, dass wir noch fuehlen koennen, dass uns der Konsum und all das globale klebrige Infotainment noch nicht gaenzlich paralysiert haben, dass da mehr ist, das es nur zu entgrenzen gilt durch einen jeden von uns, ein großes Scheitern in einem jeden von uns, das nur darauf wartet, zelebriert und betanzt zu werden, das nur darauf wartet, uns zu umarmen und suess zu kuessen...

Das wird die wahre Revolution sein: dass wir nach unserem eigenen Scheitern suchen...sic transit gloria mundi. Und wir werkeln und flicken weiter an alledem, fangen dies an, hoeren jenes mittendrin auf, sind herrlich inkonsequent, widerspruechlich und scheitern unter lautem Lachen an unseren eigenen, nicht fremden!, Zielen...und die frohe Kunde noch dazu: es bedarf nicht mehr der großen Wuerfe und der großen Werke, die zeitlos vor uns stehen: es reichen schon kleine Erfolge auf dem Weg des Scheiterns und der lebensbejahenden Resignation in Ratlosigkeit und wie heißt es ebenfalls so schoen in dem Song der neuen Tocotronic-Platte ''Schall und Wahn'':

Was wir niemals zu Ende bringen...kann kein Moloch je verschlingen.
(Tocotronic, Keine Meisterwerke mehr)

Der Moloch des modernen totalitaeren Global-Kapitalismus wird sich seine grausig-gierigen Zaehne an uns ausbeißen, wenn wir endlich damit anfangen, die Dinge nicht mehr produktiv zu Ende zu bringen. Der schoene Rest, die Zeit, die bei alledem fuer uns abfaellt, die Verwunderung ueber unsere neuen Moeglichkeiten und die Erleichterung darueber, wie schoen wir scheitern koennen, wenn wir denn nur wirklich wollen, das ist wahrhaftige Groeße...

und jetzt geht raus und lebt und stuermt, tanzt, bewegt, schneidet, brecht und jubelt, lobsingt und faulenzt...wir sind auf einem guten Weg...

Paul Duroy - das gleiche unter seiner Stehlampe

Weitere Gastautoren
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Radfahren ohne Kette - Mein surrealer Alltag (17)

Vor Monaten bekam ich ein Fahrradschloss geschenkt, nicht so ein dünnes Kabel, auf das ein Fahrraddieb nur spucken würde, sondern eine schwere ummantelte Kette mit einem mächtigen Verschluss. Wenn der einrastet, dann für die Ewigkeit. Kette und Schloss könnten einen Elefanten tragen, aber das habe ich natürlich nicht ausprobiert. Mein Vermieter regt sich sowieso schon auf, dass der ganze Hof mit Fahrrädern zugestellt ist. Vermutlich bekäme er einen neuen Anfall, wenn ich auch noch einen Elefanten mittenrein hänge.

Manchmal dachte ich beim Radfahren, ich hätte ein dickes Kind auf dem Gepäckständer oder einen Kasten Bier. Aber da hing nur mein Fahrradschloss. Und die Leute erst, die haben, wenn ich vorbeifuhr, bestimmt gedacht, da kommt wieder der Mann auf dem Fahrrad, das wie ein mächtiges Fahrradschloss aussieht. Da hatte ich oft den Impuls zu sagen: He, Leute, was ihr seht, das ist nicht mein Fahrrad, sondern nur das Fahrradschloss. Das Fahrrad befindet sich darunter und ist von klassischer Bauart.

Man kann sich denken, dass ich dieses übermächtige Fahrradschloss nicht immer mitnehme. Manchmal will ich meine Freiheit und einigermaßen unbelastet sein. Glücklicherweise bekam ich einen beleuchteten Schlüssel für das Schloss und einen Ersatzschlüssel. Da habe ich es manchmal einfach im Hof angeschlossen, vielmehr den Hof an mein Schloss. Seither ist der Hof noch nie gestohlen worden, denn selbst ausgemachte Haus- und Hofdiebe würden vor dem Anblick meines Fahrradschlosses erblassen. Das könnte mein Hausbesitzer mir ruhig danken, statt sich über ein paar läppische Fahrräder aufzuregen.

Jedenfalls war ich gestern ohne mein schweres Schloss unterwegs. Und als ich an einem Supermarkt auf der Limmer Straße vorbeikam, dachte ich, wenn ich mal wieder essen soll, dann könnte ich hier einkaufen. Vor dem Eingang stand ein Berber und hielt der ein- und ausströmenden Kundschaft einen Plastikbecher hin. Ich stellte mein Fahrrad neben ihn und sagte: „Hallo, könnten Sie mal eine Weile auf mein Fahrrad aufpassen?“ Dabei legte ich ihm einen Euro in den Becher. „Aber ja“, sagte er. „Ich stelle mich direkt daneben!“ und stellte sich direkt daneben.

Nach dem Einkauf holte ich beim Bäcker vor den Kassen noch zwei Stück Kuchen in getrennten Tüten. Der Rheinländer kauft ja nichts, er holt es, bezahlt aber dafür. Draußen stand der Berber schützend vor meinem Fahrrad. Er hatte es parallel zum Schaufenster geparkt und sagte: „Ich habe Ihr Rad zur Seite gestellt. Ein Platz wurde frei, da habe ich es dahin gestellt.“
Ich dankte ihm, hielt die Tüten hoch und sagte: „Kirschstreusel oder Walnussplunder?“
„Ach, nein, danke“, sagte er. „Ich habe ja keine Zähne mehr und hab es nicht so mit Kuchen.“ Da gab ich ihm noch mal Geld, versäumte aber zu fragen, was er denn überhaupt noch essen kann. Vermutlich nur Suppe. Jedenfalls dachte ich, es ist gar nicht so einfach, jemandem eine Freude zu machen, wenn man nicht mal weiß, dass er keine Zähne mehr hat. Also, wenn Hilfe zu weit oben ansetzt und den anderen zu sehr festlegt, dann ist’s keine Hilfe. Er hat mir meine Ungeschicklichkeit aber nicht verübelt, sondern rief mir noch so was wie „Gehabt euch wohl!“ hinterher.

Zu Hause schloss ich den Hof an meinem Rad fest und war ziemlich froh, dass ich mal wieder ohne Schloss unterwegs gewesen war. Mitte August werde ich eine Lesereise von Hannover nach Aachen machen, ähnlich wie er hier. Headphones für unterwegs habe ich mir letztens schon geholt.

Trithemius liest aus pataphysischen Geheimpapieren

ist der Arbeitstitel. Für dieses Abenteuer hole ich mir ein neues Fahrrad. Mein altes ist ein bisschen müde von den vielen Anstrengungen und ruht dann in meinem Fahrradschloss so bequem und sicher wie in einer Hängematte.
Lesung im Tausch gegen Nachtquartier Vorankündigung in anderen Blogs:

Eugene Faust: Blogger zwischen Hannover und Aachen aufgepasst!
Heinrich: Wer mit dem Teppich fliegt, braucht kein Kettenschloss
videbitis: Aushang rechts neben der U-Bahnstation am Neumarkt
Einhard: Wichtiger Hinweis - "Was zum Henker ist pataphysisch?"
...
Vielen Dank,
Trithemius

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Was am Feuer beredet und bei Tag erfasst wurde - Mein surrealer Alltag (16)


Wie das
zuging, weiß ich nicht. Wie konnten meine Truppen derart aufgerieben werden? Wieso brach die Nacht so rasch über sie herein, so dass sie in der Finsternis umhertappten und versprengt wurden? Für den Augenblick habe ich einen Ort der Sammlung gefunden. Hier glimmt ein Herdfeuer. Das Holz ist nass und will nicht recht brennen, aber es findet sich mehr als ich erhofft hatte. Mit und mit treffen Truppenteile ein. Die Leute sind im schlechten Zustand. Ihr Stolz ist gebrochen. Stumm hocken sie sich ans Feuer und besehen ihre Wunden.

Die Unterführer sitzen abseits, und ich höre, wie sie leise gegen mich murren, gegen mich, ihren Hauptmann. Wie konnte er uns in diesen Einsatz schicken, fragen sie, wo doch selbst wir Unterführer wussten, dass er kaum zu gewinnen war. Wir waren tapfer und stark, wir hatten das Land beinah befriedet und bauten auf, was zuvor am Boden lag. Aber es mangelte an allem, und dieser Mangel hat uns eine offene Flanke beschert. Sie war nicht zu sichern, und wir wussten, dass dieser Leichtsinn bestraft werden würde.

Sie haben Recht, meine Unterführer. Mir ist es nicht gelungen, die erforderlichen Mittel bereitzustellen. Aber ich dachte, noch Zeit zu haben und bemühte mich, bis die Natur sich mit einer Gewalt gegen uns wandte, wie ich sie kaum zuvor erlebt habe. Es ist wahr, die Nacht kündigte sich an. Doch dann war’s kein Gleiten mehr, sondern ein Sprung gewesen. Grad konnten wir einander noch sehen, grad zuvor sahen wir uns im milden Licht der untergehenden Sonne, aber dann war urplötzlich totale Finsternis. Und Aufruhr und Verwirrung und blindes Umhertappen. Dann, nach dem ersten Schock die verzagten Rufe. Gar schrecklich hallten sie durch die Finsternis, begleitet von großem Wehklagen aus dem Dickicht von Hader und Verzweiflung, Not und Elend.

Nicht, dass er seine Unerfahrenheit ins Feld führen könnte, sagen die Unterführer. Er wusste es, denn hat er uns nicht zuvor versammelt und uns die Schwere des Einsatzes vor Augen geführt? Dass der Nachschub nicht gesichert wär, hat er uns gesagt. Und dass die Sache überhaupt nur zu machen wäre, wenn fremde Hilfe käme. Trotzdem sandte er keine Boten aus, sondern stand nur am Waldrand, den Fuß auf einem Stein und schaute wartend in die Ferne.

„Uns Pioniere hat er völlig alleine gelassen! Er nannte nur ein ungefähres Ziel, gab aber nicht an, wo Wege, Straßen und Brücken hin müssten. Doch das ist kein Wunder, denn er hatte nur einen ungenauen Plan von dem Land, in das er uns geführt hat.“

„Uns von der Versorgung hat er niemals gesagt, dass wir gut haushalten müssen, dass wir nur Verpflegung für wenige Tage hätten. Er war wohl anderweitig beschäftigt, vermutlich mit sich.“

Das finde ich unverschämt von meinem Versorgungsfeldwebel. Selbst wenn er Recht hätte, aber das zu sagen steht ihm nicht zu. In meiner Welt gilt ein anderes Gesetz. Wenn das Ziel gut ist, stellen sich auch die Mittel ein. Das dauerhafte Fehlen der Mittel ist ein Argument gegen das Ziel. Wie kann ich Boten aussenden, wenn ich diesem Ratschluss unterliege? Soll ich sie verschleißen, wenn auch ihre Hilfe nicht reicht? Wir wollen den Morgen abwarten und den Schaden in Ruhe betrachten. Ja, in der Nacht hat sich alles in sich zurückgezogen und war allein mit seinem Schmerz, allein in seinem Schlaf. Doch unter der hellen Sonne, da sieht die Welt wieder anders aus. Da reckt sich alles, was in der Nacht am Boden lag. Man staunt und schaut sich um und stellt mit großer Erleichterung fest, das Leben geht weiter, und alles entfaltet sich auf’s neu. Aber es ist etwas anders als am Tag zuvor. Alles, was sich regt, das ist auch ein bisschen gewachsen.

Die Unterführer horchen auf. „Ei, das ist ja eine feine Philosophie!“, ruft der Versorgungsfeldwebel und spuckt ins Feuer. „Dann braucht der Herr sich nur hinzusetzen und sich was zu wünschen, schon kommen ihm die gebratenen Tauben in den Mund geflogen. Und kommen sie nicht, dann ist’s halt Schicksal, göttlicher Plan oder so’n Zeug. Dann wird der Herr Hauptmann eben verhungern und uns gute Leute gleich mit verderben.“

„Das ist gut gesagt, Feldwebel, aber tifft nicht den Kern. Ich weiß sehr wohl, dass man sich regen muss und sich placken. Aber es rege und placke sich jeder nur in dem Geschäft, indem er eine goldene Hand hat. Wenn nach den Gesetzen der Plausibilität ein Einsatz nicht zum Erfolg führen kann, dann darf man nicht noch fremde Truppen mit hineinziehen. Aber auf sich selbst hoffen, darf man wohl. Und das habe ich getan. Ich bin Pataphysiker und ihr seid es auch. Also schickt euch darein. Wir sind die Hüter und Beschützer des Einzelfalls und machen unsere Sache gut, egal wie schlecht die Verhältnisse sind.“

Da waren sie erstmal still. Aber das lag nicht allein an meinen Worten. Die waren nur Hintergrundmusik. Sie waren still und schöpften Hoffnung, denn die Sonne ging plötzlich auf.
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Die Komiker streiken - Mein surrealer Alltag (15)


Der Impuls, etwas
Lustiges zu schreiben, flog mich an, gerade eben. Ausgerechnet jetzt? Das erstaunt mich ein wenig. Aber gut, sage ich hoffnungsfroh, was ist denn Lustiges im Angebot?

Nichts, absolute Leere. Die lustigen Ideen wenden mir den Rücken zu, haben die Hände in den Hosentaschen und pfeifen sich eins, gucken die Katze aus dem Baum und ulken: „Keinen gesehen!“ Albernes Pack! Einer scheint mich zu bedauern, wie ich da von allen geschnitten werde, wendet sich um und sagt: „Ich könnte einen Witz erzählen.“ Aber zum Glück fiel ihm dann doch keiner ein.

Man könnte jetzt sagen, demnach wäre meine Suche nach Humor gescheitert. Das freilich bestreite ich entschieden.

Abgelegt unter: Mein surrealer Alltag
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