Gedanken über die Nacht der Bäume

Der Baum vor meinem Küchenfenster hat sich bis tief in den November gut gehalten. Sein Laub färbte sich erst spät, dann wurde es schlagartig goldgelb, und am letzten Wochenende habe ich dem Baum beim Kahlwerden zusehen können, denn seine Blätter fielen unentwegt zu Boden. Wenn es stürmt und sich alles beugen muss unter den heftigen Winden, dann scheint es plausibel, dass dürre Blätter von Zweigen gerissen werden und davontreiben. Aber bei meinem Küchenbaum war es ein stilles Fallen ohne erkennbaren Anlass. Das gilt zumindest für die Blätter aus dem Wipfel. Sie allerdings tippten in ihrem Fallen so manches andere Blatt an und schienen: „Komm mit“ zu rufen, wodurch sie ganze Kettenreaktionen auslösten. Wer oder was die Blätter aus dem Wipfel angetippt hatte, blieb unklar.

Lies mehr ...
1355 mal gelesen

Von der Poesie des Trennschleifers

Obwohl ich kein Fotograf bin, dokumentiere ich seit Jahren fotografisch meinen Alltag. Doch die besten Fotos habe ich nicht gemacht, weil ich entweder den Zeitpunkt verpasst habe für einen Schnappschuss oder gar keine Kamera bei mir hatte. Einmal sah ich eine hohe Giebelwand, worin hoch oben ein einziges, kleines Fenster war. Es stand offen. Ein ziemlich dicker Mann im Feinripp-Unterhemd hatte ein Sofakissen auf den Fensterrahmen gelegt, stützte seine Unterarme darauf und schaute dreist hinaus. Es wirkte irgendwie verboten, weil ja in Brandmauern gemeinhin gar kein Fenster erlaubt ist. Auf der Bahnstrecke von Aachen nach Neuss sah ich aus dem Zug ein knallgelb gestrichenes Haus, vor dem, gut getarnt, ein gelbes Postauto stand. Beide Bilder sind mir noch vor Augen, aber ich habe sie nicht fotografieren können.

Lies mehr ...
1018 mal gelesen

Auf vielfachen Wunsch: Frau Nettesheim mal wieder

Frau Nettesheim
Vielleicht sind Sie nur faul, Trithemius. Oder wie nennen Sie das, einen ganzen Monat nichts zu veröffentlichen?

Trithemius
Erholung? Ferien? Urlaub? Schöpferische Pause? Wussten Sie, Frau Nettesheim, dass Urlaub von erlauben abstammt? Urlaub ist die Erlaubnis, nichts zu tun. Und weil ich mein eigner Chef bin, habe ich mir den Urlaubsschein selbst ausgestellt. Hätte ich Sie um Erlaubnis fragen müssen?

Frau Nettesheim
Das hier ist ein freies Land.

Trithemius
Warum spekulieren Sie dann, ob ich vielleicht nur faul gewesen wäre? Tatsächlich hatte ich keine Lust, jeden Tag gegen die Schreibblockade anzurennen. Hab nur ab und zu dran gerüttelt, doch sie stand bombenfest. Unser Dialog ist auch so ein Rütteln; ein Test, ob es wieder geht.

Frau Nettesheim

Rütteln Sie und schütteln Sie!

Lies mehr
1433 mal gelesen

Wo das Ich die Schwindsucht hat

Als wir uns noch gar nicht lange kannten, schoss die kleine Tochter meiner Exfreundin aus dem Nichts die Formel: „Hab dich lieb!“ auf mich ab. Das machte mir mehrmals eine Sorte Zungenlähmung. Sie hinderte mich, eine ähnliche Beteuerung zurückzugeben. Offenbar hatte sie für mich noch wesentlich mehr Gewicht als für das Kind. Zurückzugeben wäre aus meinem Gefühl: „Ich hab dich auch lieb!“ Das Personalpronomen „Ich“ wegzulassen, wie es neudeutsch üblich geworden ist für emotionale Schnellschüsse, war mir unmöglich.

Lies mehr ...
1192 mal gelesen

Gedanken unter der Kreissäge

Bei einem Nachbarhaus wird das Dach repariert. Vielleicht baut man sogar einen neuen Dachstuhl. Das Haus ist wie seine Nachbarhäuser zu hoch, als dass man von der Straße unten sehen könnte, was auf seinem Dach genau passiert. Auf jeden Fall höre ich seit Tagen eine Kreissäge. Schon als kleiner Junge mochte ich keine Kreissägen beim Sägen hören. Die Dinger müssten, wenn es gerecht zugehen würde in der Welt, „Kreischsägen“ heißen und nicht der an der Kreischsäge, sondern alle Anwohner und Passanten müssten Ohrenschützer bekommen.

Wer die Bezeichnung „Kreissäge“ sich erdacht hat, war schon auf dem richtigen Weg gewesen, hatte nur vor der letzten Konsequenz halt gemacht, war wohl vor dem „ch“ zurückgeschreckt. Vermutlich war’s der Erfinder. Der hat sich gedacht: „Eine Kreischsäge kauft doch kein Schwein. Also nenne ich sie lieber Kreissäge. Klingt auch viel vornehmer.“

Lies mehr ...
1423 mal gelesen

Tschelick – Plüschtierchen am Rucksack

Manche Wetten sind einfach zu gewinnen. Wenn eine untersetzte Frau mittleren bis gesetzten Alters in Wetterjacke und mit Rucksack auf dich zukommt, kannst du darauf wetten, dass an dem Rücksack ein Bärchen oder anderes Plüschtierchen befestigt ist. Es baumelt seitlich an der Klappe und hat da die besondere Funktion, keine zu haben außer der Tatsache, dass es baumelt. Vielleicht ist das seitlich am Rucksack baumelnde Plüschtierchen aber auch ein geheimes Zeichen. Vielleicht bedeutet es: Die Trägerin dieses Zeichens ist Mitglied des losen Vereins der Harmlosen und Unbedarften. Wir tun nix. Wir wollen nur wandern.

Lies mehr ...
1075 mal gelesen

Bettinas Gerüchte – im Zirkus schlechten Geschmacks

Gleich zu Beginn dieses Textes muss ich mich entschuldigen. Ich bin nämlich gar nicht da, weshalb ich die Verantwortung für die folgenden Zeilen nicht übernehmen kann. Die schreibt ein Textautomat, und ich werde ihm nicht mal dabei über die Schulter gucken. Er hat nämlich gar keine, ist nur ein Computerprogramm.

Derweil kann ich einfach auf dem Bett liegen und über eine Sache nachdenken, die mich eigentlich gar nichts angeht. Dem Wulff seine Frau Bettina hat sich beschwert, dass Google das Gerücht verbreite, sie sei eine Hure gewesen, bevor der Wulff Christian sie geehelicht hat.

Weiterlesen ...
1205 mal gelesen

Ich hasse mein Klosett

Irgendwo habe ich mal die Ansicht gelesen, dass nicht nur die missratenen Produkte, sondern auch und besonders die originären Werke, die Geniestreiche zu tadeln wären. Denn jedes Meisterwerk zieht eine Flut, manchmal gar einen Tsunami an schlechten Nachahmungen nach sich, so dass man sich wünscht, die geniale Vorlage wäre nie in die Welt gesetzt worden. So ist denn auch das unvorsichtige Genie zu tadeln, das allein aus Geltungssucht mit einem großen Werk auf den Plan tritt, ohne Rücksicht auf den oben genannten Umstand. Ein wahres Genie, eines, das kulturell verfeinert und sittlich gefestigt ist, muss peinlich darauf bedacht sein, keine großen Werke zu schaffen, allein um den gesellschaftlichen Schaden zu vermeiden, den die Nachahmer, Stümper, die Pfuscher und Hudler, die erbärmlichen Epigonen, die Heerscharen von Nichtskönnern unbedingt anrichten werden, wenn sie sich an der großen Vorlage orientieren.

Wäre mein
Klosett beispielsweise auf dem Führerhaus eines Lastkraftwagens installiert, würde sich vermutlich sein absolut Sprit sparender Cw-Wert erweisen. Befragt man seine Maße freilich hinsichtlich der Anpassung an die menschliche Anatomie, fiele dieses Klosett durch und durch, würde es in den tiefsten Keller der Republik rappeln und da unten hoffentlich zerschellen.

Lies mehr und betrachte ein Kürbisfoto ...
1216 mal gelesen

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Teppichhaus Trithemius / Teestübchen Trithemius

Aktuelle Beiträge

Jenseits der vertrauten...
„Wenn ein Mensch geboren ist und erste Eindrücke empfängt,...
Trithemius - 7. Apr, 17:26
Der Pohl
Einer, an den ich ein halbes Jahrhundert nicht gedacht...
Trithemius - 5. Apr, 18:25
Einfach zu viele Eier
Traditionell sammelten die Messdiener unseres Dorfes...
Trithemius - 4. Apr, 10:31
Ein Bote wird in den...
Der Schweizer Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli verzeichnet...
Trithemius - 1. Apr, 11:42
Die kulinarische Konsequenz....
Die kulinarische Konsequenz. Gibts Rezepte?
Trithemius - 29. Mär, 07:18
Irgendwann erreichte...
Irgendwann erreichte der Brief, wenn auch nach sehr...
Lo - 29. Mär, 00:14
Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

RSS Box

Links

Suche

 

Kalender

April 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 2 
 3 
 6 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 

Web Counter-Modul

Status

Online seit 6979 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 10. Apr, 15:04

Credits


Abendbummel online
Bild & Text
dörfliches
Ethnologie des Alltags
Frau Nettesheim
freitagsgespräch
Gastautoren
Hannover
Internetregistratur
Kopfkino
Pataphysisches Seminar
Pentagrion
Schriftwelt im Abendrot
surrealer Alltag
Teppichhaus Intern
Teppichhaus Textberatung
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren