Rezeptionsforschung übern Biertisch

Ziemlich aufgekratzt berichtete Herr Leisetöne gestern Abend im Vogelfrei von einem Geschichtsseminar. Was den Mann sympathisch macht, ist seine Begeisterungsfähigkeit. Genauso begeistert und begeisternd schilderte er, dass er sich künftig der Rezeptionsforschung zuwenden wolle.

Rezeptionsforschung ist ein Zweig der Literaturwissenschaft, der erst in den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts populär wurde. Bis dahin hatte sich die Literaturwissenschaft vornehmlich mit dem Werk und seinem Autor befasst. Die Rezeptionsforschung rückte den Rezipienten, also Leser in den Mittelpunkt. Diese radikale Wendung weg vom Autor hin zum Leser entspringt der Erkenntnis, dass ein Autor nur die halbe Arbeit leisten kann. Für sein Werk ist auch ein sinnstiftender Leser erforderlich. Anders: Ein Buch, das keiner liest, ist kein Buch, sondern ein Dekorationsstück im Regal. Diese Zeilen hier sind nur Krakel auf dem Bildschirm, bis ein verständiges Auge sie sichtet. Die Voraussetzungen und Begleitumstände des Lesens, die Dispositionen des Lesers sind grob gesagt die Gegenstände der Rezeptionsforschung. Sie bedient sich häufig empirischer Verfahren.

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Die Neunerregel des Horaz

Heute Vormittag kam ich 20 Minuten zu spät zur Sprachtherapie. Ich hatte zeitig an der Bushaltestelle gestanden. Aber der Bus kam nicht. Nach 15 Minuten sah ich einen Zettel über dem Fahrplan, die Haltestelle sei ersatzlos aufgehoben. Sie werde wegen einer Unterspülung der Straße nicht angefahren. Blöd, so einen Zettel neben den Fahrplan zu hängen, auf den ich nie gucke, weil ich weiß, wann der Bus fährt, wenn er fährt. Außerdem fehlte der Hinweis auf die nächstgelegene Haltestelle. Die Unterspülung war nirgends zu sehen, aber zwei Klohäuschen standen schon am Straßenrand, untrügerische Hinweise auf eine bald eröffnete Baustelle. Ich trabte also zur Haltestelle am Lindener Markt, aber da stand, die Linie 100 werde an der Egestorfstraße abfahren. Als ich an der Fußgängerampel warten musste, fuhr dort gerade mein Bus ab. Im nächsten Bus lächelte mich aber immerhin eine hübsche Frau an, die zusammen mit mir an der aufgehobenen Haltestelle gewartet hatte.

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Schreiben nach der Methode Dr. Geraets

Wie schon gestern habe ich darüber nachgedacht, das Krankenhauskapitel umzuschreiben. Bin zu Fuß zur Mensa auf dem Conti-Campus gegangen und habe die Änderung in allen Konsequenzen bedacht. Jetzt könnte ich das Kapitel vermutlich einfach so runterschreiben. Lediglich im Lärm und dem Gewusel in der Mensa hatte ich Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Danach bummelte ich weiter in die Stadt zu einem Elektronikmarkt und kaufte einen Touchpen, weil ich den alten in Bad Godesberg verloren habe. Ein Touchpen ist ein Stift, mit dem man nicht wirklich schreiben kann. Man tippt damit auf der Tastatur des Smartphones herum und bringt Buchstaben hervor. Manche tun das mit dem Zeigefinger. Es ist keine weniger stumpfsinnige Schreibmethode. Ich habe mich schon mal darüber ausgelassen. Die Gedanken im Kopf zu ordnen, bevor man schreibt, das ist die Methode des Lütticher Staatsanwalts Dr. Rodrigo Geraets, wobei er freilich aus Misstrauen gar nichts aufschreibt. Er hat allen Grund. Weil er zu erfolgreich in der Verbrechensbekämpfung war, wurde er zu den Verkehrsstrafsachen versetzt.

Leseprobe STRABERG
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Captcha, Bots und Turing – Von der Spambekämpfung

“Aufmerksamkeit – Die neue Währung” titelte telepolis vor einiger Zeit. Blogautoren wissen das schon lange, denn der einzige Lohn für ihre Mühen sind die aufmerksamen Kommentare. Einen Kommentar zu verfassen, ist um einiges lästiger als sich freizukaufen durch Bezahlung einer Zeitung oder Zeitschrift, wo man nur stummer Empfänger ist. Zugegeben, hier im Teppichhaus zu kommentieren, ist mit Aufwand verbunden. Dem auszufüllenden Formular musste ich leider ein Captcha hinzufügen, das zu rechnen verlangt, freilich auch von mir. Ich bin jedesmal stolz, wenn ich richtig gerechnet habe.

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Captcha, Bots & Turing – Von der Spambekämpfung

“Aufmerksamkeit – Die neue Währung” titelte telepolis vor einiger Zeit. Blogautoren wissen das schon lange, denn der einzige Lohn für ihre Mühen sind die aufmerksamen Kommentare. Einen Kommentar zu verfassen, ist um einiges lästiger als sich freizukaufen durch Bezahlung einer Zeitung oder Zeitschrift, wo man nur stummer Empfänger ist. Zugegeben, hier im Teppichhaus zu kommentieren, ist mit Aufwand verbunden. Dem auszufüllenden Formular musste ich leider ein Captcha hinzufügen, das zu rechnen verlangt, freilich auch von mir. Ich bin jedesmal stolz, wenn ich richtig gerechnet habe.

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Mal was stapeln

Letztens fuhr ich mit dem ICE von Hamburg nach Hannover. Mit mir im Zugabteil saßen eine junge Frau und ein junger Mann. Beide kramten ihre Laptops hervor und im Nu war das Abteil erfüllt vom leisen Prasseln der Tastaturen. Schon in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts hatte Umberto Eco davon geschwärmt, der Computer ermögliche es, so schnell zu schreiben wie man denkt. Namentlich die junge Frau vor mir schien mir schneller zu schreiben als ich denke. Vielleicht beschleunigt sich das zielgerichtete Denken mit der Schreibgeschwindigkeit. Eventuell macht man aber auch einfach zu viele Worte.

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Teppiche knüpfen in der Turmstube

trithemius & Frau Nettesheim
Trithemius

Was fällt denn da für ein komisches Zeug vom Himmel, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Niederschlag, manche nennen ihn Regen.

Trithemius
Brrrr…Regen, das richtige Wetter, um zu Hause zu bleiben.

Frau Nettesheim
Könnte Ihnen so passen. Sie machen Arbeitsurlaub. Ich habe Sie eingemietet.

Trithemius
„Arbeitsurlaub“ wieder so ein postpostmoderner Scheiß. Gnade, hohe Frau! Soll ich etwa Holzstapeln in Tirol, Stall ausmisten in Hinterzarten oder Besen binden in der Toskana?

Frau Nettesheim
Nichts davon. Lose Enden knüpfen in der Turmstube.

Trithemius
Was soll das denn sein?

Frau Nettesheim
Schauen Sie hier. Und damit Sie auch fleißig arbeiten, erwarten wir täglich einen Arbeitsbericht aus Ihrem Berichtsheft.
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Nieuw! Sensatie! Verlichting in Tapijthuis Trithemius

Die niederländische Sprache wird in Deutschland oft belächelt. Schon Lichtenberg spottete: „Der Esel kommt mir vor wie ein Pferd ins Holländische übersetzt“. Von den vielen Wörtern anderer Sprachen, die in den deutschen Wortschatz eingedrungen sind, gibt es in neuerer Zeit kaum welche aus dem Niederländischen, abgesehen vom Kunstwort Gas, das der flämische Chemiker Helmont erfand. Die meisten niederländischen Wörter sind inzwischen in Aussprache und Schreibung dem Deutschen angepasst, so genannte Lehnwörter. So wurde aus sinaasappel (wörtlich Apfel aus China) die deutsche Apfelsine (im 18. Jh. Chinaapfel). Unser schönes Wort Bücherei, das urdeutsch daherkommt, ist eine Lehnübersetzung vom 17. Jahrhundert aus niederl. boekerij, wobei man wissen muss, dass niederländisch oe wie unser u gesprochen wird, ij entspricht unserem ei. Eine Zusammenstellung der wenigen weiteren Wörter findet sich hier.

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Sogar die dunklen Kanäle haben Löcher

Kaum ist Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) von hinterm Mond nach Deutschland eingewandert, stellt er den rundum maroden Zustand unserer Verkehrsinfrastruktur fest: Veraltete Schleusen, einsturzgefährdete Brücken, Straßen voller Schlaglöcher, marodes Schienennetz, das ist Ramsauers erschreckende Bilanz.

„Schlamperei! Von hinterm Mond sah vier Jahre lang alls perfekt aus“, schimpft der schockierte Minister auf einer Konferenz der Verkehrsminister der Länder. Jetzt stellt sich heraus, dass Deutschland 7,2 Milliarden Euro zur Sanierung der Verkehrsinfrastruktur benötigt. Wer soll das bezahlen?

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Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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