Trocken oder nass – Wo beten nicht hilft

Wenn der junge Frühling und Sonnenschein mich locken, fahre ich mit dem Rad durch den Georgengarten zur Mensa auf dem Conticampus. Ich muss freilich vor 12 Uhr da sein, denn zwischen 12 und 13 Uhr wird es schlagartig derart hömmelevoll in der Contine, das es schwer ist, einen Platz zu finden. Letztens saß ich dicht an dicht mit Studenten, die ihrem geschniegelten, angepassten Auftreten nach zu urteilen von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät hereingeschneit waren. Aus dem allgemeinen Lärm wehten gelegentlich einige Gesprächsfetzen an mein Ohr. Man sprach tatsächlich über Tischgebete.


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Der böse Student – Über die Bebilderung der Schrift

Den Tag der Erde am 22. April hat Google im Jahr 2015 mit diesem Doodel gefeiert. Die Idee, das annähernd kreisförmige o in Google durch einen kreisrunden Globus zu ersetzen, ist naheliegend. Angesichts der weltweiten Vormachtstellung der Suchmaschine Google schwingt eine Nebenbedeutung mit, der arrogante Anspruch, sich den Globus einzuverleiben, quasi die Weltherrschaft zu übernehmen. Bescheidener blicken wir in die kleine Welt eines Klassenarbeitsheftes. Wir sehen den misslungenen Versuch eines bildhaften Textes im Aufsatz eines Schülers der 6. Klasse (April 1997) und meine nicht ganz freundliche Randbemerkung in Rot :

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Klarsicht auf die Handschrift braucht keine Krokodilstränen

Niemand wird für sich persönlich den Wert einer flüssigen und schönen Handschrift bestreiten. Und vermutlich weiß jeder, der schreiben kann, anzugeben, welche Bedeutung die Handschrift noch für ihn hat. Gerne wird das Besondere des handschriftlichen Briefes betont. Mancher hat kalligraphische Meisterleistungen vor Augen, den schönen Brief, die Notiz in einem Moleskinebüchlein oder den kunstvollen Eintrag im Poesiealbum. Doch das Hochwertige, das wir gefühlsmäßig mit der Handschrift verbinden, zeigt sich wesentlich beim Blick zurück in die Vergangenheit, in die Zeit vor Computer und Internet. Und vor allem, es ist privat.

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Von allen Seiten anschauen – Über das Umkreisen von Dingen

Das Palindrom wie etwa der Nonsenssatz „Leg in eine so helle Hose nie ‘n Igel“, gehört landläufig in die Abteilung Sprachspiel. Ein wenig unheimlicher ist da schon der Rückling, ein Palindrom, das von hinten gelesen eine zweite Botschaft enthält: „Die Liebe ist Sieger“ heißt rückwärts gelesen: „Rege ist sie bei Leid“ und lässt uns an SM-Spielchen denken, wie sie neuerdings durch die Roman-Trilogie “Fifty Shades of Grey” modisch geworden sind. Rückwärtslesen und -sprechen ist aber eine uralte magische Praxis. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden.

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Volontär Schmocks Trendkompass April – Schnürlidenker, Schuhe und Putins Trolle

„Dem Hinterweltler schrumpft die Welt ein. Er findet in allem und jedem Ding nur noch die Bestätigung seiner eigenen Meinung.“ (Carl Christian Bry, Verkappte Religionen – Kritik des kollektiven Wahns, 1924)

„Traue keinem über 30“ war ein beliebter Slogan in der 68er-Bewegung, den eine ganze Generation verinnerlicht hatte. Im US-Film The big fix (Der große Trick) von 1978 wird ein ehemaliger studentischer Aktivist namens Howard Eppis als Erfinder des Slogans angegeben, der nun als Werbetexter arbeitet. Vorher hatte ich nie darüber nachgedacht, dass der Spruch von irgendwem erfunden sein musste, sondern hielt ihn für einen Ausdruck des kollektiven Bewusstseins. Aber das kollektive Bewusstsein ist ein gedankliches Konstrukt, eine Idee, und erfindet keine Worte. Irgendwer muss eine allgemein vorherrschende Gefühlslage auf eine griffige Formel bringen. Wenn sie einmal da ist, scheint sie simpel zu sein, aber sie zu formulieren, ist schwerer als es scheint. Da ist die Idee nicht abwegig, dass der Erfinder einer derart eingängigen Formel später als Werbetexter arbeitet.

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Büchsenbier & Dosenpfand – Synonyme und Sprachvarietäten

Dass Deutsch nicht gleich Deutsch ist, mussten die DDR-Bürger nach der Wende zuerst lernen. Das Germanistische Institut der Universität Halle unterhielt noch in den 1990er Jahren einen Deutsch-Deutschen Übersetzerdienst für die in Westdeutschland gebräuchlichen Synonyme (sinnverwandten Wörter) für gängige ostdeutsche Wörter. Da konnte der irritierte Ostdeutsche anrufen und erfuhr, dass die Kaufhalle jetzt Supermarkt heißt und Bier nicht aus der Büchse getrunken wird, sondern aus der Dose. Der Übersetzerdienst übersetzte den Ostdeutschen laut Bericht in der SZ vom April 1994 die Kleidung mit Outfit und Arbeitstelle mit Job.

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Das Urteil des Schemjaka

„Das Urteil des Schemjaka“, ein russisches Volksmärchen in der Fassung von Giovanni Sercambi hat mir so gefallen, dass ich die Inhaltsangabe im April 1993, heute vor 22 Jahren, in mein Tagebuch schrieb. In dieser Geschichte rührte mich die Figur eines armen Mannes namens Landrea, der unschuldig in schier aussichtslose Umstände gerät, dem aber am Schluss durch kluge Richter wirklich Recht zugesprochen wird, zu wundersam um nicht Märchen zu sein. (Ich hoffe, der Text ist lesbar, war zu faul, ihn noch mal abzutippen. Und ganz verzichten auf Handschrift sollten wir sowieso nicht.)

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Über Zentrifugalbrummball und Kirmesadel

Welcher Teufel hat mich da geritten? Ich ließ mich verlocken, das hannöversche Frühlingsfest zu besuchen. „Frühlingsfest“ klingt nach erblühender und sprießender Natur, nach aufspringenden Knospen, nach einer mild wärmenden Sonne, nach dem betörenden Geruch von Regen, wenn er die bereitwillige Erde begießt. Schon wieder April, April! Es ist Etikettenschwindel. Das hannöversche „Frühlingsfest“ hat nicht davon, sondern nur den Trug von Kirmesbuden und wunderlichen Fahrgeschäften, aus deren Lautsprecherboxen schlechte Musik wummert, die sich mit der jämmerlichen Musik benachbarter Fahrgeschäfte, dem Rattern von Achterbahnkarren und den Hupen, die den Start einer weiteren Irrsinnsfahrt verkünden, zu einer infernalischen Kakophonie vermantscht. Schreiende Farben, blitzende Lichter, bizarre Gestalten, die dein ästhetisches Empfinden beleidigen, und das sind nur die Abbilder auf den schlecht gepinselten Werbetafeln. Durch die Gassen dieses Wahnwitzes schieben sich noch groteskere Figuren.

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Danke.
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