Ethnologie des Alltags

Nützliches und Unterhaltsames über das Radfahren

Englands erster und berühmtester Lexikograph, Dr. Samuel Johnson (1709-1784) hatte für mit Muskelkraft bewegte Fahrzeuge nur Spott übrig. Sein Einwand gegen einen Vorläufer des Fahrrads, einen Wagen, bei dem der Fahrer mittels Kurbel eine Antriebsfeder spannen musste, klingt zunächst plausibel: „Damit wäre wohl erreicht, dass einer die Wahl hat, ob er nur sich selber fortbewegen will oder sich selber und noch einen Wagen dazu.” (James Boswell; Dr. Samuel Johnson – Leben und Meinungen)

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Uff, SChwerkraftwellen

Gestern Morgen habe ich mir Kaffee gemacht und anschließend gefrühstückt. Es war gegen 7 Uhr, könnte aber auch früher gewesen sein. Ich guckte mich um und dachte: Huch, was is’n das? Ich hab ja ein Fenster in meiner Küche! Da hab ich doch glatt mal rausgeguckt. Unten auf dem Fußweg kam eine stämmige junge Frau heran. Sie sah aus, als würde sie etwas wirklich Schweres transportieren. Obwohl der Weg dort flach ist, ging sie vorne über gebeugt und stampfte quälend langsam näher, als ginge es da unten den Berg hinauf. Da ahnte ich schon, dass mal wieder die geheimnisvollen Schwerkraftwellen im Spiel sein müssten. Prompt meldete Bild gestern: „Einsteins Gravitationswellen entdeckt!“

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Nicht angeschaut und trotzdem alles gesehen – Alltagsethnologie im Zirkus des schlechten Geschmacks

In der Zeit intensiver Studien habe ich nicht die Muße gehabt, jedes greifbare Fachbuch zu lesen. Der Blick ins Inhaltsverzeichnis oder ins Sachregister hat geholfen, alle Bücher auszusondern, die mir nichts zu sagen hatten. Nachher reichte mir sogar nur der Anblick des Buches, um den darin schlummernden Geist oder Ungeist zu erkennen. Diese Technik auf den Alltag angewandt, hat mich gut durchs Leben gebracht. So habe ich es auch mit dem TV-Konsum gehalten. Um einen Witz aufzuwärmen: Bei einer seit Jahren omnipräsenten Medienhure dachte ich lange Zeit, der Kerl hieße „Dr. Eckart von Hirsch“, weil ich immer schon umgeschaltet hatte, bevor das Ohrfeigengesicht gänzlich vorgestellt war.

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Verschwunden im Orkus der Ignoranz – Ein Bummel über den Lindener Berg und zurück

Hässliche Orte sind unter Autobahnbrücken. Über deinem Kopf braust Verkehr, und du fragst dich, welche Idioten es am Sonntagnachmittag schon wieder so eilig haben, so unbedingt von hier nach da fahren müssen. Können sie nicht einmal wenigstens da bleiben, wo sie sind? Was ist das überhaupt für eine Art, den Mitmenschen rücksichtslos durch die Ohren zu brausen? Ich tät mich schämen. Jedenfalls bieten sie unter der Autobahnbrücke Weihnachtsbäume an und verkauft auch am 3. Adventssonntag. Ich gehe vorbei, obwohl ich in diesem Jahr einen brauche, einen kleinen nur, denn ich werde Weihnachten lieben Besuch haben.

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Fragwürdiges aus der Welt der Gucci-Sonnenbrillen

Ein sonniger Samstagnachmittag am südlichen Ufer des Maschsees. Eine Gruppe von acht jungen Männern und Frauen kommt den Weg entlang. Einer entdeckt eine Sonnenbrille, die auf der Lehne einer Bank klemmt. Ergreift sie, zeigt sie erfreut rum, weil er sie als zweifellos teure Sonnenbrille von: „Gucci!“ erkannt hat und nimmt sie mit. Niemand aus der Gruppe widerspricht ihm. Auf der Bank haben zuvor ein Junge und ein Mädchen gesessen. Sie hatten wohl gerade ihr Abitur gemacht und sprachen über ihre Sprachkenntnisse und vor allem über Zukunftspläne. Mit dem Kopf in der Zukunft kann man beim Aufbrechen schon mal die Sonnenbrille vergessen.

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Modetratsch

Um vier Uhr morgens werde ich wach, stehe kurz auf, gucke aus dem Fenster, stelle fest, dass es noch regnet, sinke zurück ins Bett, aber kann nicht wieder einschlafen, egal wie ich mich drehe, obwohl ich bei Regen doch immer gut schlafen kann. Die ganze Zeit muss ich über ein Wort nachdenken, dass ich gestern gelernt habe und wozu mir in der Straßenbahn prompt die entsprechende Erscheinung in der Dingwelt untergekommen ist, so dass ich dachte, hättest du jetzt die Kamera bei dir und wärest dreist genug, könntest du das Ding fotografieren. Ich wälze also das Wort durch meinen Kopf, betrachte es von allen Seiten, und wie Körper und Geist miteinander korrespondieren, so muss ich mich auch im Bett hin und her wälzen, wälze diesen Text quasi in mein Bettzeug, aber kriege ihn nicht auf die Reihe, so dass er als fertiges Produkt zu nehmen wäre und flugs aufzuschreiben. Also ergebe ich mich, stehe auf, mache Kaffee, packe mir den Klapprechner auf den Schoß und versuche schreibend Struktur in meine Gedanken zu bringen. Inzwischen ist es 5:37 Uhr und mir ist es noch nicht gelungen, mit dem Wort rauszurücken.

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Zwei Mädchen am Teich und was über Dünndruckprospekte

Zwei Mädchen sitzen vergnügt auf der Wiese und unterhalten sich. Obwohl sie gut einhundert Meter weit weg sind, ist eines von ihnen dauernd zu hören. Es hat eine Stimme wie ein Rasierklinge. Und wie eine Rasierklinge durchaus hübsch anzusehen ist, wenn sie von der Sonne ins rechte Licht gesetzt wird, so tönt die Stimme ebenso wohlklingend durch die Mittagshitze herüber. Trotzdem fühle ich mich gestört. Wie der Wind im dichten Laub der Bäume rauscht, das kann ich leicht ausblenden. Ich ignoriere sogar, dass es von einem der Schnellwege herüberdröhnt, mit dessen Lärm Hannovers durchgeknallte Stadtplaner jeden Einwohner an jedem Ort der Stadt bedacht haben, als würde der Lärm zur Grundversorgung gehören wie Wasser und Strom. Dieses anhaltend leise Dröhnen auszublenden, ist eine leichte Übung. Doch der Rasierklinge gelingt es immer wieder, das Bollwerk meiner inneren Sammlung zu durchschneiden, weil das Mädchen stets unverhofft spricht, nämlich grad so wie der Wind ihm die nackten Zehen kitzelt.

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Neues aus dem literarischen Untergrund - Witz komm raus!

Der literarische Untergrund ist überall, auch in meinen Schubladen und Schachteln, wo ich beim Aufräumen diesen Zettel fand. Er lag bei einem Zeitungsartikel vom August 1998 und stammt vermutlich von Schülerhand. Wie er in meinen Besitz gekommen ist, weiß ich nicht, aber er ist wohl ebenfalls aus dem Jahr 1998. Zu dieser Zeit unterrichtete ich an einem Aachener Gymnasium. Auf der Rückseite ist links oben mit Kugelschreiber mein Name vermerkt, vermutlich als einer von mehreren Adressaten, gewisse Lehrerinnen und Lehrer. Da ich mich nicht an den unterzeichnenden Namen erinnere, gehe ich davon aus, dass der Autor keiner meiner Schüler war.

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Windkantengeflüster – Le Tour – 5. Etappe

Es nieselt aus tiefgrauen Wolken. Passend zur Landschaft hat das Wetter sich eingetrübt. Die Tourkarawane rollt durch das Département Somme nach Amiens. Kann sein, dass eine helle Sonne die Schatten aus dem Land vertreiben würde, doch die Vergangenheit lastet schwer auf ihm. Man spürt es, bevor die Hubschrauberkamera die unzähligen Soldatenfriedhöfe umkreist. Hier ist Blutland. Etwa eine Million Soldaten haben bei der Schlacht an der Somme ihr Leben verloren. Als Deutscher mag man das nicht gerne sehen, aber die Schande zweier Weltkriege gehört auch zum Deutschsein.

„Was hab ich damit zu tun?“, fragt der Spätgeborene. „Was hast du mit dem Sieg der Nationalmannschaft, einem deutschen Etappensieg oder Tony Martins Gelbem Trikot zu tun?“, frage ich. Mir scheint, dass nationaler Stolz und nationale Beschämung zusammen gehören.
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Tony Martin rammt sich ins gelbe Trikot – Le Tour – 4. Etappe

Die 4. Etappe startete im belgischen Seraing. Sie führte über 221 Kilometer zum Ziel im französischen Cambrai. Die Landschaft ist geprägt von Wiesen, und dazwischen prangen goldgelbe Kornfelder, wie für die Tour eingefärbt. Teils führt die wellige Strecke durch Hohlwege, teils über freies Feld, wo der Wind ungehindert blasen kann, weshalb das Peleton bald in mehrere Stücke auseinander bricht. Auf den letzten 50 Kilometern gibt es sieben Kopfsteinpflasterpassagen. Viele Menschen entlang der Strecke. Immer mehr Leute halten ihr Smartphone hoch über den Kopf und filmen.

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