Ethnologie des Alltags

Über blutende Nasen, Gegenwart und plötzlichen Frühling

Im Jahr 2115 steht hier kein Baum mehr. Im Jahr 2115 gibt es nicht mal ein Jahr 2115, jedenfalls niemanden mehr, der die Jahre auf diese Weise zählt. Heute steht vor meiner Nase ein Baum. Er ist freilich gewachsen, bevor ich meine Nase hinbewegt habe, hat quasi ältere Rechte als meine Nase. Was nicht heißen will, dass meine Nase rechtlos ist. Sie ist sogar über mich krankenversichert. Als sie einmal hemmungslos geblutet hat und einfach nicht aufhören wollte, so dass das Waschbecken in meinem Bad aussah, als hätte ich ein Huhn drin geschlachtet; dabei wollte ich ein Huhn nicht mal anfassen wegen der Milben in seinem Gefieder.


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Weihnachtsmann-Schlauchhosen, Elefantenrüsselslips und wo Herr Sauer war

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Schmocks Trendkompass Oktober – Pröll

Nicht immer Scherz treiben

Der Verstand eines Mannes zeigt sich im Ernsthaften, welches daher mehr Ehre bringt, als das Witzige. Wer immer scherzt, ist nie der Mann für ernste Dinge. (…) Nie weiß man, ob er bei Vernunft spricht, welches so viel ist, als hätte er keine. Nichts geziemt sich weniger, als das beständige Schäkern. Manche erwerben sich den Ruf, witzige Köpfe zu seyn, auf Kosten des Kredits für gescheute Leute zu gelten. Sein Weilchen mag der Scherz haben, aber alle übrige Zeit gehöre dem Ernst.

(Baltasar Gracian; Handorakel und Kunst der Weltklugheit)

Zum Auftakt deshalb ein ernstes Thema: „Der Suicid ist bei uns in Deutschland nicht strafbar“, sagte fast bedauernd der Ex-SPD-Vorsitzende Franz Müntefering bei Günter Jauch zum Thema „Gibt es ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben?“ Es wird Jauch oft vorgeworfen, zu seicht zu sein und nicht die richtigen Fragen zu stellen. Hier zeigte sich ein Beispiel, ...

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Fest der deutschen Einheit in Hannover – aus begrenzter Sicht

In Hannover, so hört man, wurde zum Tag der Wiedervereinigung ein großes Fest gefeiert und zwar rund ums Rathaus, im angrenzenden Maschpark und drüben am Maschsee auch, wo schon mittags solche Menschenmassen signalisiert wurden, dass kein Durchkommen wäre. Es wäre auch viel Prominenz da gewesen, lauter Ehemalige. Ich habe ein Foto gesehen, wie sie in der ersten Bank der Marktkirche rumgesessen. Von denen war der geringste wohl der zum Rücktritt gezwungen wordene Exbundespräsident Dingens Wulff, neben der dem Trunk ergebenen Exvorbeterin der evangelischen Kirche, Tusnelda Käsmann. Dann machte sich da noch ein Mann breit, der mal Bundeskanzler gewesen war und sich Герхард Schröder mit Frau schimpft. Aus der Ex-DDR waren eine Frau Merkel und ein Herr Gauck angereist, weil sie nicht mehr durch eine Mauer daran gehindert werden konnten. Aus deren Sicht gewiss ein Grund zu feiern. Gastgeber dieser durchaus zweifelhaften Feier war ganz Niedersachsen, also ich auch, vertreten durch Ministerpräsident Kurt Weill, der zum Vereinigungsfest eigens eine Hymne komponiert haben soll, die aber leider nicht gespielt wurde.

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Endlich! Das Niveau am Teppichhaus wird abgesenkt

Der Bürgersteig vor dem Teppichhaus war lange Zeit ein Flickenteppich. Kürzlich ist er ziemlich aufwändig neu gemacht worden. Die Flicken aus Asphalt wurden mit einem Bagger aufrissen, der Schutt abgetragen, ein Kiesbett gelegt, ein Sandbett bereitet, die Kantsteine wurden neu gesetzt, der Bürgersteig auf Länge der Straße mit Betonplatten gefliest. Die Straßenbäume bekamen eine neue, großzügige Einfassung. Gestern Morgen rückten fünf Arbeiter vom Tiefbauamt mit schwerem Gerät an und rissen den Bürgersteig vor der Einfahrt wieder auf wie eine frisch verheilte Wunde.


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Schmocks Trendkompass – alles selbstgenäht

Heute war in meinem Spam-Ordner eine Mail mit dem Betreff „wichtig“. Ich habe sie unbesehen gelöscht. Armes Wort. Es hat es immer schwer gehabt. Ist es doch schon früh verwaist. Das Adjektiv „wichtig“ stammt ab von dem im Mittelhochdeutschen untergegangenen Substantiv Wicht (engl. weight) und der hochdeutschen Präfixbildung „Gewicht“. Sein unangenehmer Onkel ist der Wichtigtuer. Auch der blödeste Spammer sollte inzwischen gemerkt haben, dass wichtig längst eine negative Konnotation hat und sich vorab schon als Lüge entlarvt, wenn es an einer E-Mail klebt, die bekanntlich überhaupt kein Gewicht hat.

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Nicole hört auf sich selbst

Es ist gewiss ein Vorurteil, und ich bin erstaunt, dass es noch bestätigt wird, aber die Friseurin, die mich am Samstagvormittag nach langer Wartezeit in den Frisurstuhl bittet, stellt sich vor mit Nicole. Früher, ja früher habe ich gedacht, dass Nicole der passende Name für eine Friseurin ist, aber jetzt denke ich das nicht mehr. Die Zeit rollt über alles hinweg, auch über die Moden von Vornamen. Und dann kommt diese junge, ranke Frau, reicht mir die Hand und stellt sich vor mit Nicole. Und ist nicht mal blond. Na gut. Ich lasse mir nichts anmerken. Nach etwa zwanzig Minuten bin ich recht zufrieden mit Nicoles handwerklicher Leistung.

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Schmocks Trendkompass – Sommerblues, dicke Luft und Fisch

Morgens habe ich es schon eine Weile gehört, eigentlich nicht gehört. Die Vögel haben nämlich aufgehört zu singen, begrüßen das Tageslicht nicht mehr mit Pfeifen, Zwitschern, Tirili. Kürzlich war ich im Bad und eine scheußliche Taube gurrte vom Dach in den Luftschacht. Hörte sich aber an, als wäre sie zu Besuch, wie letztens die krächzende Krähe mich fürchten ließ, das wäre ein herbstlicher Auftakt. Die Singvögel aber haben die lautstarke Balz schon lange hinter sich, ihr Nachwuchs ist bestimmt schon flügge. Wenn ich aus dem Fenster schaue, dann werden die Bäume so erbärmlich vom Sturmwind gezaust, dass man sie glatt nach drinnen holen möchte. Nein, gar nicht, um sie zu verheizen. Meine Heizung verbrennt Gas und ist längst aus einem kurzen Sommerschlaf erwacht.

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Über die Kondomisierung der Dinge

Das Wort „Husse“ ist mir spät im Leben begegnet. Ich musste fünfzig werden, bevor der Weltgeist mich für gefestigt genug hielt, das visuelle Unglück „Husse“ kennenzulernen. Damals trat ein junger Kollege in mein Leben ein, mit dem ich mich anfreundete. Nicht lange, da waren wir so vertraut, dass er mich arglos zu sich einlud. Er hatte alle Stühle am Esstisch unter komischen Überzügen verborgen, verlor darüber aber kein Wort. Er fand es offenbar normal. Ich wollte nicht als Banause dastehen, sagte also auch nichts, zumal sich damals die Ehefrau gerade von ihm getrennt hatte und ich dachte, die Kondomisierung der Stühle stammte noch von ihr.

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Der liebe Hans - Inspiring Voyeurism (2)

Mein erster Beitrag zum archäologischen Literaturprojekt Inspiring Voyeurism des Kollegen Merzmensch ist im HACK-Blog erschienen. Ich habe ihn Der liebe Hans genannt.

Hans hat im Abstand von drei Jahren zwei Ansichtskarten an seine Eltern geschickt, die erste 1954 aus Bonn, die zweite 1957 aus Berlin. Ich habe die Karten auf dem Flohmarkt hintereinander gestapelt gefunden, ein Glücksgriff. Denn so erzählen die Karten eine längere Geschichte aus dem Leben von uns unbekannten Personen. Wäre es nicht so heiß gewesen am Stand des Trödlers, hätte ich gern weitere Karten von Hans gesucht. Aber so ist auch schön. Sehen Sie selbst.
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Die kulinarische Konsequenz. Gibts Rezepte?
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Irgendwann erreichte...
Irgendwann erreichte der Brief, wenn auch nach sehr...
Lo - 29. Mär, 00:14
Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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