Kopfkino

Intergalaktische Kommunikation

KommunikationstörungWo der Palisadenzaun des Nudistencamps beginnt, zweigt ein Weg nach rechts ab durch den Wald. Dort ballt sich eine Menschengruppe, als wären ihre Mitglieder von verschiedenen Seiten herbeigeströmt. Während ich mich durch den Matsch des Wegrands vorbeifädele, tönt aus dem allgemeinen Verzäll die Stimme einer älteren Frau im Rollstuhl: „Ich spreche akzentfrei Niederländisch, so dass mich ein Arzt gefragt hat: Wo kommen Sie eigentlich her?!“

Das könnte man jetzt falsch verstehen, als hätte der Arzt nach der Herkunft der Dame gefragt, um das Zentrum einer Epidemie zu lokalisieren, denn manche halten das Niederländische ja für eine Rachenkrankheit. Eigentlich ist Niederländisch jedoch eine hübsche Sprache, weshalb ich die Frau um ihre Fähigkeit beneide. Wenn ich in Südlimburg Niederländisch sprechen will, antwortet man mir auf Deutsch. Die Niederländer wollen offenbar nicht, dass ein Deutscher ihre Sprache verhunzt.

Wo kommen wir eigentlich her? Und was tun wir bei der Palisade des Nudistencamps? Als Student bin ich hier einmal vorbeigekommen, da saß ein Mann im Baum und schaute mit seinem Fernglas den Nudisten zu. Was er da wohl gesehen hat? Mir reicht eigentlich, was man in einer Sauna zu sehen bekommt, wenn die schützenden Bademäntel fallen. Da guckt man lieber nicht zuviel um sich, denn die meisten Leute sehen angezogen besser aus.

Wir sind nicht wegen der Nudisten hier, sondern über die Serpentinen des Dreiländerwegs heraufgekommen, und bevor wir in den Wald fuhren, hätten wir einen schönen Blick über den Aachener Kessel gehabt, wenn es nicht so diesig wäre. Der Himmel hat einen merkwürdigen Zustand zwischen blau und bewölkt, als hätte das Wetter ein Praktikant gemacht. Das besorgt mich ein bisschen. Sollte der Himmel sich zuziehen, und der Praktikant gar ungeschickter Weise einen Temperatursturz herbeiführen, bin ich zu leicht angezogen, denn ich war erkältet.

Wir lassen den Menschenauflauf um die perfekt Niederländisch sprechende Dame hinter uns und rollen zwischen Palisade und Waldrand zur Stelle im Wald, wo sich Belgien, die Niederlande und Deutschland treffen. Dann befinden wir uns am Drielandenpunt, dem höchsten Berg der Niederlande. Man kann dort um eine Säule herumgehen und die imaginären Grenzen in einem Rund überschreiten. Prompt kommt die Sonne hervor und bescheint das bunte Treiben der Tagestouristen.

Übrigens ist der Himmel der Rhinoviren auch manchmal wolkenlos, - wenn keine lästigen Antikörper in der Nähe sind. Dann besuchen sie lustig Ausflugsorte und vermehren sich glücklich unter der Sonne des erkälteten Wirts, und leider befallen sie nicht nur Wirte, sondern auch deren Gäste. Rhinoviren werden meist von Hand zu Hand gegeben, und alle, die Ess- oder Trinkbares reichen, sind die Netzbetreiber für die Kommunikation zwischen Rhinovirus und Mensch. Diese Kommunikation findet statt, wenn wir auch die Inhalte sehr einseitig interpretieren. Sind zum Beispiel die Schleimhäute des Menschen durch das Wirken der Rhinoviren gereizt, bemerkt der befallene Mensch die Anwesenheit von Mikroorganismen, weil’s weh tut. Wehrt sich das Immunsystem des Menschen, erleben die Mikroorganismen, wie unwirtlich ihr Kosmos sein kann. So richtig für den anderen freuen kann man sich also nicht.

Ohrenaufhängung
Welch ein Gewusel am Drielandenpunt, die reinste Kirmes. Ein Dicker mit Wanderstock beguckt sich versonnen die Namentassen vor dem belgischen Andenkenladen. Er ist wohl nicht dabei, aber den einen oder die andere kennt er bestimmt. Theoretisch lassen sich alle Touristen bei den Ohren aufhängen, doch die Vielfalt der Namen nimmt zu und wird auch immer seltsamer, das ist bei den westlichen Nachbarn nicht anders. Von manchem Knurr-, Gurr-, oder Zischlaut weiß man erst, dass er ein Name ist, wenn er auf einer Andenkentasse auftaucht. Die Welt der Namen zerstreut sich. Dem Zwang zur Konformität setzt der Mensch eine Individualisierung der Vornamen entgegen. Das wirkt ein bisschen hilflos und ist pure Namenmagie.

Unsere Sprachen beruhen auch auf der Idee der Namenmagie. „Benannt – Gebannt“, auf diese Weise eignet sich der Mensch die Welt an. Leider kümmert sich die Welt nicht um unsere Namenmagie. Sie gilt nämlich nur in der menschlichen Gemeinschaft.

Eigentlich müssten wir allen Lebewesen Empfindungen zubilligen, die der menschlichen Empfindung gleichwertig sind. Denn dass wir nichts darüber wissen, wie andere Lebewesen die Welt für sich reklamieren, ist kein logisch vertretbarer Grund, sich als die Krone der Schöpfung zu betrachten. Wir Menschen können uns ja auch nur gegenseitig über unsere Sicht der Welt Auskunft geben, und selbst da haben wir Verständigungsprobleme.

Sag mal, von Hollands höchstem Berg aus betrachtet, ist die Tiefsee dann tiefer? Man ist auf jeden Fall weiter weg von der ewigen Nacht des Meeresgrunds. Wie der Vielborster der Tiefsee die Welt erlebt? Er betet nicht die Sonne, sondern das Erdinnere an, denn seine Lebensenergie kommt aus unterseeischen Vulkanen. Doch die Nahrung kommt von oben. Ab und zu sinkt ein riesiger Kadaver wie Manna aus seinem Himmel.

Wusstest du, dass derzeit etwa 5000 Walkadaver in der Tiefsee die Nahrung für die absonderlichsten Wesen bieten, die in dieser Welt entdeckt wurden? Seit 30 Millionen Jahren sinken Walkadaver herab, und um sie herum entfaltet sich ein reges Leben von Wesen, die uns fremder sind als alle Aliens, die du bisher im Kino sehen konntest. Wenn ich als Tagestourist über den Drielandenpunt streife, dann mag ich denken, ja, so ist die Welt. Doch so einfach ist die Welt eben nicht. Sie besteht aus unzähligen Kosmen, die sich alle irgendwie durchdringen. Die Gesamtheit aller Kosmen bildet das System unserer Welt. Ihre gemeinsame Basis ist der Austausch von Information. Ihre gemeinsame Musik ist Entstehung, Wachstum und Verfall im Wechselspiel.

Mit einem Hund zu kommunizieren ist leichter als mit einem Vielborster oder einem Rhinovirus zu kommunizieren, doch je fremder die Information, desto höher ist ihr Informationsgehalt, das ist schlichte Informationstheorie. Daher ist nicht nur das Leben im menschlichen Rachenraum, sondern auch das in der Tiefsee wichtiger für die Gattung Mensch als die Frage, ob wir uns gerade in Belgien, den Niederlanden oder Deutschland befinden. Wenn sich also alle Kosmen durchdringen, und jede Erscheinungsform des Lebens ihre eigene Interpretation der Welt hat, dann tut der Mensch gut daran, den anderen Arten nicht seine Interpretation der Welt aufzuzwingen. Denn anders wird deren Antwort für uns so unfreundlich sein, dagegen sind Halsschmerzen ein Sonntagsthema.

Nachdenken über die Tiefsee

Auf Hollands höchsten Berg:
Nachdenken über die Tiefsee und intergalaktische Kommunikation
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Einmal herzhaft gähnen

Wasserballett
(Fotomontage: Trithemius)


Zur Zeit macht sich ein kleines Atlantik-Tief über Deutschland her, „und das wirkt sich auch auf den Tagesschauströmungsfilm aus!“, drohte gestern Abend ein Kachelmann. Aha, oho, da rauscht also ein Tiefdruckgebiet heran, bringt heftigen Wind, gar Sturm vielleicht, und der wiederum mischt den Tagesschau-Strömungsfilm so richtig auf, so dass seine Pfeile wirr über Deutschland schwärmen. Und gucke ich raus – da jagen tatsächlich Kachelmanns Strömungspfeile am Himmel, zischen auch durch die Botanik und biegen Busch und Baum. In den Wald soll man da lieber nicht gehen, sagte Kachelmann.

Ein Meteorologe ist
Jörg (!) Kachelmann nicht, er tut nur so, denn studiert hat er etwas anderes, und bevor er seinen privaten Wetterdienst aufgebaut hat, arbeitete er beim Radio. Wenn seine ausufernde Wetterberichtsshow im Fernsehen zu Ende ist, frag ich mich oft „und wie wird jetzt das Wetter?“ Allerdings ist sein Armrudern vor diversen Karten und der verbale meteorologische Kinderkram ganz ulkig, wenn man ordentlich bekifft ist. Dann macht sogar Kachelmannexegese Spaß. Früher sorgte ich mich freilich nie um eventuell gegebenenfalls umherzischende Strömungspfeile oder Grenzlinien von Tiefs oder Hochs über dem Atlantik. Da habe ich einfach mal aus dem Fenster geguckt, wie die Leute rumlaufen. Doch wenn heute einer einen Schirm aufgespannt hat, weiß ich nicht, ob da Regentropfen fallen oder Strömungspfeile. Mir würde Jörg Kachelmann und seine Mitarbeiterin Claudia Kleinert im Maßstab 1:87 gut gefallen, er mit seinem Schirmchen im Wetterhäuschen, sie mit Sonnenblümchen vor der Tür.

Wer hat das gesehenWir gucken noch mal
raus: Et is am rääne.
Ist eigentlich die
Klimaerwärmung
vorläufig abgesagt?
Heute schon gegähnt?
Ach, komm, wir gähnen
mal ein bisschen. Das ist
nicht nur soziale
Interaktion, sondern
hält auch die wilden
Tiere davon ab,
uns aufzufressen,
behaupten jedenfalls
meine Blättchen.

Kusch! Und Klappe zu! Das ist Quatsch, bitteschön, zumindest blanke Spekulation. Auch wilde Tiere gähnen. Ihr seid eben nur Zigarettenblättchen und kein Lexikon. Übrigens ist die indogermanische Wurzel des Wortes „gähnen“ onomatopoetisch, ahmt also den Gähnlaut nach. „Gähnen“ bedeutet „den Rachen aufsperren“ und ist sowohl verwandt mit „klaffen“ wie auch mit griech. "cháos" - leerer Raum, Luftraum, Kluft. Aus dem Wort „Chaos“ hat wiederum der Brüsseler Chemiker J. B. v. Helmont (1577-1644) die gelehrte Neuschöpfung „Gas“ gebildet, ein Wort das erst im 19. Jahrhundert durch das Aufkommen der Gasbeleuchtung in die Allgemeinsprachen eindrang. Und, wer hätte das gedacht, auch das Wort „Gans“ ist mit „gähnen“ verwandt, weil die Gans den Rachen ganz weit aufzureißen versteht und Fauchlaute von sich gibt. Angeblich gähnt sogar die Ameise, bevor sie sich ans Tagwerk macht. Und dann gähnen auch die anderen Ameisen, damit sie nicht von wilden Tieren gebissen werden.

Warum ist Gähnen ansteckend? Es schützt die Gruppe vor herunterfallenden Strömungspfeilen, ganz bestimmt. Übrigens halten wir die Hand vor den Mund, damit beim enthemmten Gähnen die Seele nicht rausflutscht, denn sie ist ja auch nur irgend so ein Gas. Weil Gänse keine Hände haben, wird ihnen in manchen Gegenden Frankreichs die Seele immer wieder reingestopft, was ihnen aber irgendwie auf die Leber schlägt.


Ja, und damit der Regen nicht aufs Gemüt schlägt, vergeuden wir noch ein bisschen Zeit und bummeln weiter durch die Etymologie. Das Wort „vergeuden“ – nutzlos vertun – ist natürlich auch mit „gähnen“ verwandt. Vergeuden ist eine Präfixbildung zu dem untergegangenen mittelhochdeutschen Verb „guiden“ – prahlen, groß tun, das Maul aufreißen. Wenn Kachelmann jetzt nicht Jörg sondern Guido heißen würde, dann hätte das aber leider nichts mit guiden zu tun. Das wäre Volksetymologie. Guido ist die Kurzform zu Witold und bedeutet Herrscher des Waldes. Das Wort „Wald“ wiederum ist in seiner Herkunft dunkel wie der Wald selbst. Deshalb lieber nicht reingehen (s.o.). Eventuell gehört „Wald“ zur Wortsippe von „wild“. Und das bedeutet „nicht angebaut“, also einfach so wachsend. Genauso ist der heutige Text, - nicht angebaut, sondern einfach unter einem Atlantiktief und Kachelmannschen Strömungspfeilen gewachsen.
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Beschaulicher Bummel

Hier werden Sie gerüstet

Die Urform des heutigen Wegweisers hat statt eines Richtungspfeils eine geschlossene Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. Dieser Wegweiser stand stellvertretend für den Arm eines Menschen und war für Fahrende und Wanderer der Vergangenheit viel wichtiger als heute. Denn in unseren Zeiten ist das Wegenetz gut ausgebaut und beschildert. Da ist ein Vorankommen einfach und ein Verirren selten tragisch. Der Wanderer der Vergangenheit war froh um jedes Wegzeichen, denn es bewahrte ihn vor dem Verderben in einer schier endlosen Fremde. Man kann sich die Erleichterung vorstellen, mit der er die zeigende Hand begrüßte.

Ein Bild.
Wir setzen das Leben gleich mit einer fremden Welt, deren Anfang und Ende niemand je gesehen hat. Wenn sich irgendwann nach der Geburt die Selbsterkenntnis einstellt, findet man sich auf einer Waldlichtung vor. Die Lichtung ist entweder klein und voller Gestrüpp oder groß und gut bewirtschaftet, je nachdem, was die Vorfahren dort geleistet haben. Doch irgendwann verlässt der junge Mensch die angestammte Lichtung und schlägt sich in die Büsche, mal freiwillig, mal gezwungener Maßen. Er will oder muss seinen eigenen Weg gehen.

Von den Bären
Kanadas wird berichtet, dass sie über Generationen hinweg dieselben Pfade durch den Wald benutzen und dabei sorgsam in die Fußstapfen ihrer Vorfahren treten. Das ist eine probate Weise voranzukommen, denn so nutzen sie die Kenntnisse und Erfahrungen ihrer Vorgänger, allein aus dem Lesen ihrer Spuren. Der Mensch im Naturzustand macht es ebenso, doch er muss nicht exakt die Fußstapfen der Alten nehmen, denn sie haben ihm ihre Erfahrungen und Kenntnisse nicht nur durch Tritte, sondern auch mittels Sprache beigebracht, meist in Form von Liedern, weil sie sich besser einprägen. Dieses tradierte Wissen hilft dem Menschen eines Naturvolkes, seine Welt zu lesen und für seine Zwecke zu deuten.

Der Wald des Lebens in unseren Breiten ist nicht überall unwegsam. Er ist mit Lichtungen übersät, von vielen Pfaden, Wegen und Straßen durchzogen und mit unzähligen Wegweisern versehen. Ständig kommen neue Wegstrecken hinzu und manchmal werden sie verlegt oder überwuchern, wenn keiner sie mehr geht. Wer reich und mächtig ist, hat prächtige Alleen, auf denen er per Kutsche fahren, sich per Sänfte oder gar auf den Händen anderer tragen lassen kann. Besonders seitlich dieser Alleen liegt viel Gestrüpp, das beim Anlegen und bei der Pflege anfällt. Deshalb können Unbefugte solche Alleen selten für sich nutzen, denn das Gestrüpp, das sie begrenzt, ist fast überall unüberwindlich.

Allgemein zugänglich sind die Straßen und Wege der Heilslehren und Religionen. Es kann dir sogar passieren, dass dich zwei junge Männer mitten im Wildwuchs des Lebens ansprechen und dich auf ihre bequeme Straße komplimentieren wollen. Folge ihnen, wenn du deinen Weg nicht mehr selber finden willst. Manche bieten dir derart bequeme Straßen an, da brauchst du deinen Kopf nur noch, damit es dir nicht in den Hals regnet.

Wenn du jedoch
anders gestrickt bist und dir deinen eigenen Weg suchen willst, auf dem du schön und gut vorankommst, dann brauchst du ein bisschen Geschick, Erfahrung und Kenntnisse. Doch das Wichtigste ist, du musst die Natur des Lebens lesen lernen. Denn es hilft nichts, sich einen Kompass zu nehmen und nach Marschzahl loszulaufen. Der Wildwuchs des Lebens verlegt dir bald den Weg. Du verhakst dich in Dornen, du fällst über knorrige Wurzeln, du triffst auf fremde Lichtungen, wo man dich nicht haben will, du stehst machtlos da, weil dir ein Mächtigerer als du den Weg verlegt hat, da gibt es Sümpfe, Klippen, steile Abhänge, unergründlich tiefe Schluchten. Ja, und du kannst dich in Gebiete verlaufen, in denen du völlig auf dich gestellt bist, wo kein Wegweiser die Nähe anderer Menschen verheißt. Dann kann es dir geschehen, dass du jede Richtung verlierst und dich jahrelang im Kreis bewegst, wenn du nicht am unerquicklichen Boden hockst, weil dir die Einsamkeit den Mumm geraubt hat. Und nicht zuletzt können andere dich in die Irre führen, absichtlich oder unbedacht. Sie können dich vereinnahmen und du schließt dich ihnen an, obwohl sie selbst nicht wissen wohin. Die Gefahr ist groß, denn auch Menschen auf schlechten Wegen suchen nach Weggefährten.

Es ist gut, sich zu Guten zu gesellen, ein Rat des Balthasar Gracian, der die von Schopenhauer übersetzte „Kunst der Weltklugheit“ geschrieben hat. Doch bevor du den oder die guten Weggefährten findest, musst du auch allein zurechtkommen, also lies einmal die Natur des Lebens.

Die Grammatik ist
einfach, der Wortschatz ist leichtfasslich. Der Mensch ist auf rasche Entscheidungen hin angelegt. „Geschwindigkeit geht vor Genauigkeit.“ Nur so kann das menschliche Gehirn die ständig wechselnde Fülle der inneren und äußeren Wahrnehmungen bewältigen. Das Leben wimmelt nämlich, es ist Chaos. Doch in diesem Chaos lassen sich Wege anlegen und Wege finden, denn überall finden sich natürliche Wegweiser. Der Schlüssel für sie ist die Genauigkeit. Manchmal muss man schnell reagieren und hat keine Zeit, sie zu beachten, besonders in so raschen Zeiten wie heute. Doch wo immer es möglich ist, da schaue man in Ruhe um sich ...

In diesem Text
hier ist Zeit. Ich habe ihn heute Morgen während einer Omnibusfahrt zu schreiben begonnen. Während ich schrieb, rumpelte der Omnibus eine Weile über eine Baustellenstraße. Da entgleiste mir mein Stift, und deshalb musste ich eine Pause beim Schreiben einlegen. Das gab mir Gelegenheit darüber nachdenken, wohin der Text eigentlich führen soll. Und so brachte die unruhige Fahrt Langsamkeit in mein Denken. Da war Zeit, sich umzuschauen. Auf solche Wegweiser des Lebens achte ich, wenn ich kann. Sie sind nicht von einer höheren Macht geschickt, die mir etwas zeigen will. Solche Ideen verfolgen die Pilger auf den Prachtstraßen der Religionen und verschlungenen Pfaden der Heilslehren. Nein, diese Zeichen haben eigentlich gar nichts mit mir zu tun. Haben sich etwa seit fünf Jahren unzählige Fachleute damit beschäftigt, die Straße zu sanieren, damit ich just heute eine Botschaft des Lebens bekomme? Bitte, das ist doch Quatsch.

Zurück wurde ich mit einem Personenkraftwagen gefahren; ich ließ mich vor der Innenstadt absetzen und bummelte quer hindurch nach Hause. Unterwegs war ich in einem Café, musste lange auf meine Bestellung warten, saß noch rauchend auf dem Markt, schaute aufs eingerüstete Rathaus, und dabei dachte ich immer wieder an diesen Text. Eben habe ich ihn geschrieben und ganz anders gemacht, als ich ihn im Omnibus begonnen hatte. Auf diese Weise ist er in Ruhe gewachsen, und er ist anschaulicher und genauer als am Anfang. Dieses Beispiel lässt sich auf alle Lebensbereiche übertragen.

Die Dinge brauchen Zeit und Hinwendung. Die Zeit muss der Mensch sich nehmen, zur Hinwendung muss er sich häufig zwingen. Wo dir das Leben ein kleines oder großes Hindernis in den Weg stellt, da achte das Hindernis als Zeichen. Halt mal an, schaue dich um und finde heraus, in welche Richtung es weiter gehen kann.

Das ist die kleine Kunst, das Leben zu lesen und gut voranzukommen.

Guten Abend

Kopfkino
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Sonntagstour über die Grenze

Schaufenster einer Druckerei in Vaals
Der Ansager und ein versehentlich gespiegelter Zuhörer

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Der Mann in der Tankstelle gab mir eben für die Sonntagszeitung auf fünfzig Euro heraus und hat mir das Wechselgeld bis fünfzik vorgezählt. Er ist neu hinter der Kasse, bestimmt ein Aachener. Hochdeutsch ist „fünfzik“ nicht. Das Suffix –ig wird weich gesprochen. Dialektsprecher im Rheinland übertreiben manchmal, wenn sie Hochdeutsch sprechen. Die Sprachwissenschaft nennt solche Erscheinungen hyperkorrekt. In der Vergangenheit wurde dann zum Beispiel aus dem Nachnamen Stüttchen das feiner klingende Stüttgen. Hör mal, wir sind noch gar nicht richtig losgefahren, und schon komme ich vom Thema ab. Das kann ja heiter werden. Übrigens verzeichnet der Duden schon die häufig vorkommende Aussprache „fümfzich“. Diese Aussprache ist nicht hyperkorrekt sondern lippenfaul, denn „fümfzich“ ist einfacher zu sprechen als „fünfzich“. Ach, komm lass mich auch mal über Belanglosigkeiten reden. Heute ist schließlich Sonntag.

Zuerst radeln wir durch den Westpark. Glauben die Leute noch nicht so recht an das sonnige Wetter? Eigentlich müssten sich die Sonnenhungrigen schon auf der Liegewiese ausbreiten. Sie ist bei den Studenten aus dem Hochschulviertel sehr beliebt. Klar, du hast Recht, die liegen noch im Bett, garantiert. Auf der Bankgruppe beim Weiher lagern die Russen. Sie sind Tag und Nacht hier, gucken auf den Weg und lassen den Fusel kreisen. Das waren vielleicht mal in Russland ehrenwerte Männer, die ihr Glück im Westen versuchen wollten, um ihren Familien etwas Gutes zu tun. Und dann gab’s hier keine Arbeit. Wir fahren links am Weiher vorbei. Um die Russen wabert immer ein Hauch von Schwermut. Da möchte ich dich nicht durchfahren lassen. Außerdem ist da zuviel Schatten. Seltsam, die Russen setzen sich nie in die Sonne.

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Weiter gehts nebenan
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Unter dem Westwind - in fünf Etappen

Unter dem Westwind

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Was wohl so ein mächtiger Baum empfindet, wenn er wüst vom Wind gezaust wird? Ob ein angenehmer Schauer den Stamm hinunterrauscht, wenn seine Blätter in den heftigen Böen flattern? Wenn meine Haare fliegen, rieselt es mir jedenfalls fein ins Mark, und heute flogen meine Löschen ordentlich, als ich mit dem Rad die Turmstraße hochfuhr. Wind, Wetter und jagende Wolken übers Himmelsblau als wäre über Nacht die Nordsee herangerückt. Tatsächlich schwappten vor Jahrmillionen hier die Wellen eines flachen Meeres ans Ufer. Wir fahren übrigens in die Niederlande, wo man sich der Tatsache durchaus bewusst ist, dass der blanke Hans einmal in Raserei geraten könnte, um sich das Land zurückzuholen, das man ihm abgenommen hat. Warte, wenn wir die Kuppe beim Langen Turm genommen haben, dann reden wir weiter.

Gleich rollen wir auf
einer breiten Brücke über das Gleissystem des nahen Westbahnhofs und haben einen schönen Blick auf den Kessel der Stadt. Das Licht fliegt über Häuser und Dächer wie sinnbildhaft fürs Leben. Mal hat der Mensch dort unten Sonne, mal hat er Schatten. Und tatsächlich geht es demokratisch zu, denn die Natur macht keinen Unterschied zwischen Nobelviertel und Armenhaus. Am Horizont ist der Höhenzug der Nordeifel zu sehen. Die Farbluftperspektive macht aus dem Wechsel des Lichts ein blaues dunstiges Einerlei. Doch das ist nur der beschränkten menschlichen Wahrnehmung zuzuschreiben. Was der Mensch von weitem besieht, versteht er nicht. Da mag er noch so schöne Theorien bedenken. Erkenntnis und innere Gewissheit ist uns nur in der Nähe beschieden. Und auch hier taugen die meisten Theorien nichts. Sie verstellen nur den Blick, weil sie grob vereinfachen, damit die immense Vielfalt des Lebens in die kleine menschliche Birne passt. Für die innere Gewissheit braucht man einen wachen Verstand, ein offenes Herz und den Austausch mit Menschen, von denen man sich etwas abgucken kann.
Fortsetzung nebenan
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1609 mal gelesen

Kleine Portale - große Welten

Eben bekam ich Lust, das Wort reziprok einmal zu benutzen. Reziprok bedeutet wechselseitig, aufeinander bezüglich. Als ich noch Tagebuch schrieb, ist mir irgendwann aufgefallen, dass die Ereignisse sich negativ reziprok zu ihrer Darstellung im Tagebuch verhalten. Anders gesagt, wenn ich viel erlebte, stand wenig im Tagebuch und umgekehrt. Schon die Gewissheit, dass da viel zu schreiben wäre, hat mich davon abgehalten, es auch wirklich aufzuschreiben. In ruhigen Lebensphasen dagegen waren die Einträge vielfältiger und lebendiger als das Leben selbst.

Es ist vermutlich leichter, sich einer kleinen Sache zu widmen, sie nah und näher zu betrachten, sie zu drehen und zu wenden, ins Gegenteil zu verkehren, ihre Determinanten zu untersuchen oder sonst wie mit ihr zu spielen, als hastig über viele Ereignisse hinwegzugehen in dem Bewusstsein, da wäre ja so Vieles zu erfassen und festzuhalten.

Das Leben selbst verhält sich umgekehrt reziprok zu seiner geistigen Verarbeitung, woraus folgt, dass ein allzu lebendiges, rauschhaftes Dasein etwas rasend Oberflächliches hat, das zu bewerten und zu verarbeiten der Mensch kaum im Stande ist, so dass er sich einem Naturzustand der Debilität annähert.

Allzu viel ist ungesundEin pralles oder durchweg flüchtiges Leben können nur jene führen, die für die Besorgungen des Alltags fleißige Dienstboten und gute Geister haben, sich also alle notwendigen Hilfsdienste kaufen können, so dass sie selbst nur wenige Qualifikationen benötigen und ihre Talente auch nicht trainieren müssen, bis auf das Talent, andere für die eigenen Zwecke einzuspannen oder das Talent einer einzigen Profession. Viele dieser Personen erleben irgendwann eine Krise. Plötzlich wird das rauschhafte Leben als leer empfunden, woraus sich der Zwang ergibt, doch einmal innezuhalten und zu schauen, welchem Teilbereich des Daseins man sich sinnvoll widmen könnte. Der Millionenerbe und Berufsplayboy Gunter Sachs begann im Alter zu fotografieren. Seine Ex-Ehefrau Brigitte Bardot engagierte sich für den Tierschutz, bevor sie sich den Rechtsradikalen des Le Pen zuwandte. Auch die griechische Sängerin Melina Mercouri ging in die Politik, desgleichen der italienische Pornostar Cicciolina. Die deutsche Sängerin Nina Hagen versenkte sich in Esoterik, die Schauspielerin Marianna Koch studierte Medizin - um nur einige Beispiele zu nennen. Wer den Absprung zu spät oder gar nicht findet, dem droht ein Ende als Alkoholiker, der Drogentod oder er wird irgendwann mumifiziert in der einsamen Wohnung aufgefunden.

Eigentlich wollte ich ja nur das Wort reziprok einmal verwenden. Die große Menschheitsfrage, was Glück ist und wie man es findet, lässt sich leicht beantworten. Im jeweiligen Leben muss ein ausgewogenes reziprokes Verhältnis zwischen Eile und Weile bestehen, so dass man sowohl rauschhaft mitfließen kann im Strom der Zeit wie auch innehalten, behandeln und betrachten, und das mit Herz, Hand und Verstand. Die Betrachtung benötigt keine besonderen Zielobjekte. Ein wenig Hinwendung macht selbst aus kleinen Dingen Portale zu eigenen Welten. Es reicht eine kleine Sache wie das Wörtchen reziprok.

Schönen Sonntag
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Danke.
Danke.
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