Kopfkino

Ein Mann findet plötzlich die Weltformel

Gleich-die-WeltformelDer Regional-Express von Dortmund nach Aachen hat Verspätung, und daher sind unterwegs auch all jene eingestiegen, die eigentlich erst mit dem nächsten hatten fahren wollen. Der Zug ist überfüllt. Ich kann mich an meinem Fensterplatz der Vierersitzgruppe nicht bewegen, denn schräg gegenüber hat sich eine wirklich dicke junge Frau niedergelassen und scheint unter dem Ruckeln und Zuckeln der Bahn wie Brei zu zerfließen. Jedenfalls wird sie immer breiter, touchiert beständig mein Knie, und so sehr ich mich auch bescheide, ihr Knie folgt meinem Knie nach, um es warm und feucht zu herzen.

Mir gegenüber, also
direkt neben der Dicken sitzt ein Inder, und der wird vor meinen Augen langsam an die Fensterwandung gequetscht, weshalb er schnappt wie ein Fisch auf den Planken eines Kutters. Zum Glück sind diese Leute leidensfähig. Rettung ist nicht in Sicht, denn selbst wenn wir uns der fetten Frau entringen könnten, auf dem Gang ist kein Durchkommen. So sehne ich den Ort Düren herbei, der es eigentlich wirklich nur verdient, weil die dicke Frau ihrer Freundin rechts von mir erklärt hat, welche Stationen noch anstehen, bis man in Düren aussteigen werde.

Ach, und es sind noch so schrecklich viele. Die dicke Frau sagt, sie werde in Düren zuerst was essen, doch zum „Selberkochen“ habe sie keine Lust, sie sei ja nicht blöd. Ich vermute schon, dass sie alles isst, was groß und dick macht; da sagt sie, sie werde einen Döner essen (oder fünf?), in einem Laden, der „schon recht luxuriös“ sei "für eine Dönerbude." Derweil plärrt ein Säugling, ringsum wird telefoniert oder man redet irgendwas dahin und durcheinander, und aus allen Richtungen zischt unerwünschte Ohrstöpselmusik. Sie soll ja eigentlich in die Köpfe der Verstöpselten hinein. Doch da just die besonders hohl und daher gute Resonanzkörper … Entschuldigung, der überfüllte Zug ist gar nicht unser Thema. Denn in Düren leert sich der Zug, die Dicke reißt in ihrem Kielwasser Säugling, Kinder, verstöpselte Jugendliche, Frauen und sogar gestandene Männer mit. Ich atme auf, schaue mich erleichtert um, und indem sich der Zug aus dem Dürener Bahnhof entfernt, kann ich sogar hören, was drei Sitze weiter auf der anderen Seite gesprochen wird. So erlebe ich das Aufstehen eines neuen Propheten.

Aufgestanden ist der hochgewachsene Prophet zwischen dem Bahnhof Rothe Erde und dem Aachener Hauptbahnhof, denn der Zug endet dort. Zuvor jedoch, als er noch kein Prophet war, hatte er sich mit einer etwa 50-jährigen attraktiven Frau unterhalten. Die Initiative ging ganz offenbar von ihr aus, und sie führte das Gespräch, indem sie die Themen vorgab. Der junge Mann war vermutlich Iraner, denn sie sprach mit ihm über den Schah von Persien und dass es sein großer Fehler gewesen sei, den Frauen das Tragen des Kopftuches zu verbieten. In der Folge beteuerten sie einander, dass man Toleranz walten lassen müsse, überall auf der Welt. Und so ging es hurtig hin und her, bis die Frau am Bahnhof Rothe Erde aussteigen musste. Da sagte sie ihm, schon halb im Gang: „Schön, dass wir uns getroffen haben. Und vielleicht sehen wir uns ja noch mal wieder, wenn Sie auch in Aachen wohnen!“ Da beeilte er sich zu versichern, dass er ganz genauso empfinde, und als ich hinüber sah, da schossen ihm gerade Aufregung und Freude rot in die Ohren. Und in dieser euphorischen Stimmung, kam ihm die Erleuchtung, allerdings nicht sofort, sondern eine kleine Weile nachdem sie ausgestiegen war.

Zwischen Aachen Rothe Erde und dem Hauptbahnhof rollt der dort endende Zug ganz langsam. Man hat einen schönen Blick über die Stadt bis hin zum Lousberg hinüber, ist dann plötzlich über Straßen, Häusern und Dächern, schaut in enge Hinterhöfe hinein und fährt dabei auf dem langen Burtscheider Viadukt, einem prächtigen Bauwerk von 1840 mit imposanten Stützpfeilern. Diese eindrucksvolle Szenerie, gepaart mit der freudigen Erwartung auf den Endbahnhof, hat etwas Erhebendes. Freilich ist es nicht ausgemacht, dass der junge Mann seine Umwelt überhaupt wahrnahm. Er war nämlich in aufgekratzter Stimmung und völlig von seinen Gefühlen eingenommen, sah also mehr nach innen als nach außen. Und da plötzlich brach es laut aus ihm heraus. Eine Frage: ...

… und eine Antwort. „In was für einer Welt leben wir eigentlich? Ist es etwa ein Alptraum oder ein Traum? Ich würde sagen: beides.“ Dann erhob er sich, stand auf als Prophet und ging den Gang hinunter, ein großer, hübscher Iraner. „Wenn ihr wüsstet!“, rief er im Gehen, „wenn ihr wüsstet!“, und zog davon. Gerne hätte ich ihn noch etwas gefragt, doch er verschwand leider sofort. Ich sah ihn nicht aussteigen, und auch auf dem Bahnsteig war er nicht. So mochte ich beinah glauben, dass der Mensch durch eine wie auch immer geartete Erleuchtung den Gesetzen der klassischen Physik entzogen wird und hinfort Dinge tun kann, die kein einfacher Mensch vermag.
Die Erleuchtung - Originaldokument
Die Erleuchtung, dass die Welt sowohl Traum wie auch Alptraum ist, lässt sich leider nicht einfach auf einen anderen übertragen. Denn Erleuchtungen sind individuell, man kann sie nicht erlernen oder übernehmen. Deshalb könnte der neue Prophet zwar eine Religion gründen, doch der einzige Nutznießer wäre er selbst. Wer noch nie erleuchtet wurde, kann die Erleuchtung des Mannes nicht nachvollziehen, allenfalls logisch betrachten. In logischer Hinsicht sind Frage und Antwort blanker Unsinn. Ebenso gut könnte man fragen und antworten: „Ist das Leben ein Schmalzkuchen oder ein Tapeziertisch? Es ist ein Schmalzkuchen auf einem Tapeziertisch.“ Sorry, ein Spaß. Ernsthaft: Die Frage: „Ist das Leben ein Alptraum oder ein Traum?“ beinhaltet eine logisch unerlaubte Einschränkung. Denn wer sagt denn, dass das Leben ein Traum ist? Wenn das Leben ein Traum ist, ist dann der nächtliche Traum ein Traum im Traum, ein Traum zweiter Ordnung? Und wer träumt diesen Traum? Träumt der träumende Prophet seinen und meinen Traum? Er hat mich doch gar nicht wahrgenommen und nicht gesehen, dass ich hinter seinem Rücken hinkritzelte, was er sagte, wozu ich eine Ecke vom Magazin der Süddeutschen Zeitung abrissen hatte. Und wirst auch du gerade vom Propheten geträumt? Hoffentlich nicht. Das wäre absurd, denn wer hat denn die Menschen geträumt, bevor der Prophet geboren wurde?

Die zweite Möglichkeit wäre, dass es einen göttlichen Träumer gibt, der alle Träume der Menschen träumt, sich aufgespalten hat in Milliarden Seelen. Ein aufgespaltener Gott aber, der sich selbst nicht mehr als Einheit erlebt, ist so gut wie gar kein Gott. Und wenn er kein Gott ist, kann er uns alle auch nicht träumen.

Ist gibt im Deutschen kein Antonym zum Sustantiv „Traum“. Ein solches Wort könnte beispielsweise „Wach“ lauten. Wach und Traum sind die beiden Erlebensbereiche des Menschen. Im Traum werden wir getan, im Wach tun wir mit Bedacht. Das Leben ist also nicht Traum oder Alptraum, sondern allenfalls Traumwelt und Wachwelt. Da die Frage "Ist das Leben ein Alptraum oder ein Traum?" unzulänglich ist, kann die Antwort nicht bestehen.

Vielleicht hat aber der Prophet etwas ganz anderes gemeint. Traum oder Alptraum sind Metaphern für sein Lebensgefühl in der Wachwelt. Angenommen, bei Reiseantritt sei ihm etwas wirklich Übles passiert, angenommen, ihm ist auf dem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofs das Mobiltelefon hinunter gefallen. Und als er es ans Ohr hob, hat’s nicht mehr telefonieren wollen. Das wäre doch ein Alptraum. Da aber beschert ihm das Schicksal eine wunderbare Begegnung. Es taucht eine Frau in seinem Leben auf, nimmt ihn wahr und nimmt ernst, spricht mit ihm und hört ihm zu, zeigt ihm Sympathie und Wohlwollen. Was muss das für ein wunderbares, ja, traumhaftes Erlebnis gewesen sein.

Wer Licht wahrnehmen will, muss auch Schatten haben. Wo nur Licht ist, erkennst du nichts, weshalb die nah am Licht sich den Schatten holen, indem sie das Elend der unter ihnen betrachten. Wer jedoch eben noch in einem schattigen Alpdruck lebte, kann von einer schönen Begegnung in himmlisch lichte Sphären versetzt werden und einfach so aus dem Zugabteil verschwinden. Hören wir also nicht auf seine Worte. Worte sind nichts, das Gefühl ist alles, das sind die Worte des neuen Propheten.
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Kopfkino - Bitte warten

Damen-Herren-Fertigungsladen

Obwohl noch heller Tag muss ich Licht machen, damit nicht wieder die Dunkelheit über mich hereinbricht, derweil ich nur Augen für Tastatur und Bildschirm habe, wie es gestern geschah. Plötzlich hielt ich mit dem Schreiben inne. Nur der Bildschirm spendete Licht, und ich hockte davor wie an einem Herdfeuer. Mir war, als wäre ich aus der Welt gerutscht. Doch der Bildschirm ist ein Bildschirm, ein Herdfeuer ist ein Herdfeuer, und tatsächlich rutschte ich erst in der Nacht aus der Welt. Ich lag wach, horchte in die Stille und wie ich rückwärts hochschaute, war über meinem Kopfkissen ein schmaler gelber Lichtfleck an der Wand, der wie ein Irrlicht zitterte. Wo kam er her? Natürlich, ich hatte die Vorhänge des östlichen Fensters nicht richtig zugezogen, das Irrlicht kam von der Laterne draußen. Ein heftiger Nachtwind zerrte an ihr.

Da stellte ich mir vor, einen Text zu schreiben, meine Gedanken sollten zur Wand hochgehen, den Lichtschein einfangen und darauf zum hohen Fenster gleiten, sich den Weg durch die Vorhänge suchen und in die Leuchtröhre der im Wind schaukelnden Laterne eintauchen. Hier wäre keine nächtliche Stadt und kein Wind, - hier ist im hellen Licht nicht einmal ein Gedanke außer meinem. Und der droht wie ein Insekt zu verschmoren. Und doch, es ist so schön, den Gedanken eine Weile zu lassen, wo nicht Welt ist, sondern Licht. Allerdings, das gebe ich zu, ein Gedanke außerhalb der Welt ist reine Spielerei und zu nichts wirklich gut.

Dass ich aus der
Welt rutschte, hat nichts mit dem im Licht verlorenen Gedanken zu tun. In den Nachrichten wurde berichtet, dass man die Zeit umgestellt habe, just als mein Gedanke in der Laterne verschwand. Also, man sagte nichts über meinen verlorenen Gedanken, sondern über eine Stunde, die verloren ging, ohne dass ich es bemerkte. Da war kein Rumpeln aus gigantischen Räderwerken, kein irres Rasen von Zahnrädern, kein Rasseln von Antriebsketten. Nichts war zu hören. Die Nacht war still. Es ging nur ein heftiger Wind.

Heute Morgen sah ich, dass den Uhren nicht mehr zu trauen ist. Sie zeigen verschiedene Stunden an. Mal war sieben, mal acht, o Gott, wo gehöre ich hin? Meine innere Uhr neigt der Vergangenheit zu, will sieben haben, wo acht ist. Wie soll ich sie dazu bewegen, den Zeitsprung zu machen, wo ich doch selber nicht springen will. Alles in mir verweigert den Zeitverschiebern die Gefolgschaft. Was bilden sich die Herrschaften ein? Wer hat sie befugt, meinen Zeittakt zu verändern? Das ist keine kleine Sache, um Himmels willen nicht. Denn ich habe kein Räderwerk in mir, das sich so einfach beschleunigen oder bremsen lässt. Für solche Eskapaden bin ich nicht angefertigt.

Über meinem Kopf mag ein huschender Lichtschein sein, der meine Gedanken einfängt und nach draußen holt. Doch eitle Herrschaften, die sich erfrechen, an der Zeit zu schrauben, die dulde ich über mir nicht. Ach, diese meine Klage ist schon unerhört, bevor sie Gestalt gewonnen hat. Ich bin aus der Zeit gerutscht und kann nichts machen. Fortan werde ich überall zu spät kommen, selbst wenn ich mich der neuen Uhrzeit unterwerfe. Wir treffen uns um acht? Gut, das kann ich einrichten. Äußerlich werde ich da sein, doch mein Inneres ist eine Stunde zurück. Wir müssen warten.

In der Dämmerung hat es zu regnen begonnen. Von der Straße her zischen die Autoreifen. Ich schaue aus dem Fenster. Eine Frau mit Kapuzenjacke geht vorbei, hält unterm Regen den Kopf gesenkt und hat die Hände in den Taschen. Seltsam, sie fröstelt um zwanzig vor acht und ich sehe sie um zwanzig vor sieben. Am Himmel jagen graue Wolken, die Laterne schaukelt im Wind. Gleich wird sie aufflammen. Dann hole ich mir meinen Gedanken zurück. Was er zu berichten weiß, schreibe ich später. Man wird warten müssen, bis ich in der Zeit angekommen bin.
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Hier hängen nur Zettel, wenn du befugt bist zu lesen

Für-Unbefugte

Herbert Nebenmann und ich sind uns eigentlich nicht sehr ähnlich, zumindest nicht, wenn wir gehen. Herbert ist eher zu klein geraten und ich bin für meinen Geschmack zu groß, weshalb ich ein wenig krumm gehe, während Herbert sich kerzengerade hält. Sieht man uns zusammen, straft jeder den anderen lügen. Und ein unvoreingenommener Betrachter würde finden, aus uns beiden könnte man einen Guten machen, der sich nicht recken muss, nicht krümmen, sondern einfach lässig daherschlendern dürfte. Deshalb ist es aus ästhetischen Gründen fast besser, wenn Herbert und ich einander meiden. Für sich genommen, also ohne das entlarvende Gegenbild, sieht doch jeder von uns am besten aus. Genauso sollten vielleicht nicht unbedingt ein rundnasiger und ein scharfnasiger Mensch zusammen herumgehen – aber das ist jetzt wirklich nicht mehr mein Thema.

Der durchaus enorme Größenunterschied hat zudem die unangenehme Begleiterscheinung, dass Nebenmann zu mir aufschauen muss, während ich ungewollt zu ihm hinabsehe, was mir eine gewisse Vormachtstellung einzuräumen scheint, die allerdings ganz und gar ungerechtfertigt ist. So sollten wir allenfalls nebeneinander sitzen, nicht jedoch nebeneinander gehen, was wir inzwischen auch kaum noch tun, oft jedoch während unseres gemeinsamen Studiums getan haben. Damals wollten wir einfach nicht wahrhaben, dass uns die Natur und die Gesetze der Ästhetik das Paarlaufen verbieten.

Wir hätschelten nämlich ähnliche Vorlieben und Ideen, worüber wir uns gerne gehend austauschten, ich von oben herab, er von unten herauf. Eine dieser Ideen betraf die zahlreichen Türen in den langen Gängen der Universität. Wir hatten gefunden, dass die meisten dieser Türen immerzu und jederzeit geschlossen waren. Das gab zunächst überhaupt keinen Sinn, denn wozu führen elend lange Gänge zu ungezählten Türen hin, wenn die Türen von niemandem benutzt werden? Andererseits war die Sache doch etwas vertrackter als es hier den Anschein hat.

Geschlossen waren die Türen nur, wenn Herbert und ich keinen Grund hatten, sie zu öffnen. Wenn wir also von einem Hörsaal des Pataphysischen Instituts unterwegs waren zu - sagen wir mal - einem Seminarraum im fernen Seitenflügel und tauchten in einen der halbdunklen Flure ein, schritten über die quietschenden Fliesen aus blauem Balatum und rissen mal aus purem Übermut an einer Türklinke – nie fanden wir eine offen. Hieß es aber zum Beispiel, wir hätten uns zur Besprechung einer Seminararbeit in Zimmer soundso zu melden, gelegen im Haupttrakt der 2. Etage, wo wir noch nie eine Tür offen gefunden hatten, gingen wir also hin und klopften an so eine Tür, wurde flugs von innen „Herein!“ gerufen, zumindest aber irgendwas Unwirsches geknurrt. Und traten wir dann ein, sahen wir eine Sekretärin mit der leeren Kanne in den Nebenraum gehen, wo sie aus dem Hahn überm Waschbecken Wasser holte, um dann zurückzukommen und das Wasser in die Kaffeemaschine zu gießen und mit dem Rest die Blumentöpfe auf der Fensterbank zu fluten. Und da wir diese Szenerie nicht einmal vorfanden, sondern dreimal hinter unterschiedlichen Türen, einigten wir uns darauf, dass sich uns ein kosmisches Prinzip erhellen wollte: Erst just wenn wir bestellt waren und an die besagte Tür klopften, wurde der Raum dahinter erschaffen, mitsamt Sekretärin, leerer Kaffeekanne und vertrockneten Fensterblumen. Dieses kosmische Prinzip hatte etwas Unerbittliches, gleichsam Ehernes, denn allein der Wunsch, eine gießende Sekretärin zu beobachten, reichte nicht, wie wir in folgenden Testreihen herausfanden. Immer musste ein höherer Grund vorliegen, – wir mussten bestellt sein, um eine solche Sekretärin vorzufinden.

Hier wäre zwischendurch zu erwägen, wie denn eine gerade erst entstandene Sekretärin sich erlebte. Wurde sie sich urplötzlich ihrer selbst bewusst mit einer leeren Kanne in der Hand, wenn’s an die Tür klopfte? Dachte sie dann: „Huch, das bin ja ich! Und ich muss Wasser holen!“? Dann ein Blick zur Tür, wie sie langsam aufgeht und zuerst einen gebückten Großen und dann einen gereckten Kleinen einlässt. Es entzieht sich leider der Erkenntnis, ob im kosmischen Plan der Sekretärin vorgesehen ist, dass sie sich über den grotesken Größenunterschied amüsieren kann. Wir fanden unterschiedliche Modelle vor. Mal wurde keine Miene verzogen, mal wurden die Augen erstaunt gerundet, mal glitt ein verstecktes Grinsen übers Sekretärinnengesicht. Wasser holen – ausgießen – nach dem Begehr fragen und eine maulfaule Auskunft geben, das sind die beobachtbaren Abläufe im kosmischen Plan einer solchen Sekretärin, weshalb sie den Vorgang des Wasserholens bis hin zum Ausgießen auch so recht auszukosten und in die Länge zu ziehen trachtet. Denn sobald Nebenmann und ich wieder gegangen waren, tauchte sie ja erneut in einen unwägbaren Dämmer, aus dem sie erst erwacht, wenn jemand an die Tür klopft, der herbestellt ist.

Ein Schluck Wasser - ah, das tat gut – und weiter:

... und zurück in die Gegenwart, vielmehr in die just erst ein bisschen vergangene Gegenwart. In meinem eigenen kosmischer Plan ist nicht vorgesehen, die Bilder einer bestimmten Ausstellung zu sehen. Zuerst stahl sich der dazu vorgesehene Donnerstag davon, wollte mit diesem und jenem verbracht werden, nicht aber mit Bildbetrachtungen. Der Freitag gab sich freimütig, ließ sogar die Sonne blinzeln, was jedoch, wie sich später herausstellte, eine Finte der kosmischen Vorsehung gewesen ist. Denn ich vergaß deshalb, meine Lesebrille einzustecken, da ich nämlich von mir weiß, dass ich unter der hellen Sonne alles ohne Brille sehen kann, selbst kleinste Miniaturen, gemalt mit einem einzigen Schamhaar. Der Leser möge das Wort „einzigen“ entschuldigen, weil doch solch ein vereinzeltes Haar weit weniger erquicklich ist als … - vom Thema abgekommen.

Jacke-mit-ohne-BrilleNun begab es sich, dass im Ausstellungsgebäude alle Fenster verhängt waren. Die Räume lagen nicht gänzlich im Finstern, denn man hatte sehr wohl mit ein paar Funzeln für ein bisschen Licht gesorgt. Doch um die Zeichnungen an den Wänden wirklich betrachten zu können, hätte sich in meinen diversen Taschen die Brille finden müssen. Das tat sie aber nicht, obwohl ich ihr alle Zeit der Welt ließ, sich zu materialisieren. Die Ausstellung zeigte Originalzeichnungen aus der satirischen Zeitschrift „Eulenspiegel“, die zu DDR-Zeiten gar eine Auflage von 500.000 Exemplaren gehabt hatte. Satirische Zeichnungen zu fertigen unter den gewiss sorgsam bebrillten Augen von Zensurbeamten, das verlangt nach Zeichnern, die sich auf das Arbeiten unter bedrückenden Bedingungen verstehen. Vermutlich kommen deshalb die meisten der DDR-Zeichner aus handfesten Berufen, waren Schlosser, Monteure oder Bauzeichner gewesen, bevor sie das harte Brot geduckter Satiriker essen durften. Meine liebenswerte Begleiterin erbot sich, mir die Bildunterschriften vorzulesen, doch ich zog es vor, die Bildtexte nicht zu erfahren, denn die durchaus gekonnten Zeichnungen erinnern stilistisch an die Witze in der Bäckerblume oder in Kreuzworträtselheften. Vermutlich hatte ich die Brille vergessen, weil virtuos gezeichnete Harmlosigkeit pures Gift ist für mein zartes Gemüt. So blieb mir das ganze Elend verschlossen und nur eine Zeichnung in Erinnerung. Unter einer Tafel mit der Aufschrift „Information“ saß hinterm Tisch ein Mann mit Brille, aber ohne Mund.

Aus purem Trotz fragte ich später den Glatzkopf hinter der Kasse, warum die Bilder nicht ordentlich ausgeleuchtet wären. Er tat’s Maul auf und sagte, dass jede Lichteinwirkung den Bildern schade, und man wolle sie schließlich auch in hundert Jahren noch zeigen. Diese artige Idee war irgendwie tröstlich, wo man doch nicht mehr so recht daran glauben mag, dass der kosmische Plan der Menschheit so weit in die Zukunft ragt. Also ich bin dann glücklich tot.
„Ich habe gestern einen Urlaub in der Türkei gebucht. Ein bisschen Party machen. Und wenn ich zurückkomme, habe ich die richtige Bräune für den Abiball, hihi.“

„Ach, ich habe im Moment sowieso mit den Knien zu tun und weiß gar nicht, welche Schuhe ich anziehen soll. Das liegt am unnatürlich warmen Wetter. Früher waren doch Februar und März die kältesten Monate.“

Aus der Fülle der
Menschenkinder bescherte mir der kosmische Plan bislang immerzu Mitreisende, die solche und ähnliche Sätze sagen müssen. Ich besteige den ICE, suche meinen reservierten Platz auf, und genau da sitzen Menschen ringsum, deren Unterhaltungen mich unerwünscht in bodenloses Grübeln stoßen. Die eine Lebenswelt will man sich nicht vorstellen müssen, die andere eigentlich ebenfalls nicht. Und dann musste ich auch noch der älteren Dame beinah recht geben, denn als in Hamm der ICE geteilt wurde, trat ich auf den Bahnsteig, einerseits um zu rauchen, anderseits, damit ich mal in Hamm gewesen bin. Da war es tatsächlich so warm, dass ich vorsichtshalber meine Kniegelenke testete. Und als ich mich wieder auf meinen Fensterplatz setzen wollte, musste sich mein Nebenmann erheben. Wegen der Gefahr für seine Knie, warnte ich: „Der Frühling ist ausgebrochen.“

Dieser Mann hatte beim Reiseantritt schon meine Aufmerksamkeit erweckt, als er neben mir Platz nahm und dabei die auf dem Platz liegende Bahnzeitschrift ignorierte. Dann hatte er bis Hamm wie absichtsvoll auf ihr gesessen, weshalb ich nicht wusste, ob es ein Versehen war oder ob er vielleicht einer seltsamen Bahnfahrersekte angehörte, deren Mitglieder sich grundsätzlich auf Zeitschriften setzen, weil sie die Theorie vertreten, Sitzpolster würden mikrobiotische Weltreiche beherbergen, mit denen man sich besser nicht gemein macht. Wunderlich fand ich auch, dass wir ähnliche Kleidung trugen, schwarzes Jackett, dunkelgraues Hemd und Jeans, als hätten wir uns abgesprochen. Allerdings war sein schwarzer Mantel dünner als meiner, quasi für den in Hamm ausgebrochenen Frühling gemacht, was er mir durch Anheben demonstrierte. Er habe eine Lesung hinter sich, sagte er, als wir wieder saßen. Eine halbe Stunde habe er auf der Leipziger Buchmesse gelesen, und das sei nicht besonders erbaulich gewesen, weil ein anderer Autor in der Nähe ihn per Lautsprecher zu übertonen drohte. Aber was hätte er machen sollen, der Verlag habe ihn zu dieser Lesung genötigt oder gebeten und so. Bald stellten wir einander vor, er war und ist vermutlich immer noch der Musiker, Autor und Zeichner Eugen Egner, und ich bin ja ich, das stand jedenfalls auf der Visitenkarte, die ich ihm gab. Wir sind, wie wir herausfanden, Titanic-Kollegen. Sähe Eugen Egner wie seine gezeichneten Figuren aus, dann hätte er irgendwo an seinem Körper vielleicht eine groteske Ausbuchtung oder er trüge auf seinem Rücken eine aufgeschnallte Truhe.

Dem war nicht so, und die Zeitschrift hat er dann auch endlich ins Netz des Vordersitzes geschoben. Wir redeten bis Wuppertal, das dem Gefühl nach gleich hinter Hamm auftauchte. Ach, warum kann’s nicht immer so kurzweilig gefügt sein in der Welt, aber nein, hinter Köln ging das Elend von neuem los, mein kosmischer Plan sah vor, dass ich anhörte, wie ein Vater seiner kleinen Tochter erklärte: „Jetzt hat er gepfeift, und wir fahren los.“ Ich habe Egner ins Teppichhaus eingeladen und ihm gesagt, er solle mal auf den Button „Spasss im Teppichhaus“ klicken. Und als ich zu Hause mal probeweise drauf klickte, tat’s der Link nicht, und ein Text behauptete, dass es unter diesem Tag keine Einträge gäbe, was mich dann ziemlich geärgert hat, weshalb ich hier geschrieben habe, wie mir das vorkam. Wie unprofessionell mir das wirklich vorkam, habe ich allerdings nicht geschrieben. Die Sache mit dem nicht funktionierenden Link ließ mich jedenfalls an Herbert Nebenmann denken und an die Türen, hinter denen sich die Räume erst auftun, wenn man hinbestellt ist.

Iss Yummy Yummy

Ah, die ewigen Rätsel, wer den Menschen eigentlich hin- oder herbestellt, wo das kosmische Register geführt wird, in dem verfügt ist, welche Türen sich öffnen, welche nicht, welche Zettel einer lesen, welche Zeichnungen betrachten darf, welche Links funktionieren, wann und warum man eine Sekretärin beim Wasserholen zu sehen kriegt oder Egner, wie er auf einer Bahnzeitschrift sitzt. Und warum muss ein Riesenweib mir befehlen, „Yummy Yummy“ zu essen, wenn ich hungrig durch die Kölner Bahnhofshalle streiche und nicht mal weiß, wie das Zeug überhaupt schmeckt? Das soll mir bei Gelegenheit mal einer erklären.
E N D E
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Affenfelsen im Vorfrühling


Auf der
Dachterrasse saßen sechs Studenten, je drei um einen Tisch, und lernten Mathematik. Einer trug nur sein T-Shirt und hatte bereits einen Sonnenbrand auf den nackten Armen. Ich setzte mich dazu und las die Süddeutsche. Es hängt ja sehr von der Stimmung ab, wie man etwas beurteilt. Wenn die eifrigen Studenten sich leise unterhielten, freute ich mich jedesmal, dass ich mich nicht mit mathematischen Klausurfragen beschäftigen musste, sondern im linden Licht des Vorfrühlings in der Zeitung blättern durfte, um allein nach Lust und Laune zu lesen. Das alles war wichtiger als der Inhalt der Zeitungstexte, der ja austauschbar ist und selten lange im Gedächtnis bleibt. Die Situation hingegen ist mir gewiss noch lange präsent.

Salz-und-Pfeffer

Das war
gestern. Heute ist die Luft noch milder, und je weiter ich ins Stadtzentrum komme, desto wärmer wird es. Noch steht die Sonne zu tief, als dass sie die Häuserschluchten ausleuchten könnte. Doch hie und da gibt es kleine Lichtungen, und befinden sie sich vor Cafes, dann scheinen Tische und Stühle sich just dort zu versammeln. Der Münsterplatz liegt im Schatten. Trotzdem stehen Tische und Stühle vor dem Cafe. Man kann sich hinsetzen und auf die Sonne warten, denn am Dom entlang ist heller Sonnenschein, ein Streifen, der sich langsam von den Mauern des Doms herunter über das Pflaster verbreitert. Bald wird die Sonne über einen Dachfirst lugen, und nach und nach geraten die Tische ins Licht. Vom Dom her klingen die Glocken aus, und mit einem Mal ist die Szenerie ganz sonntäglich.

Das klingt nach heiler
Welt, ein bisschen klerikal eingefärbt. So heil ist die Welt dann doch nicht. Die Sonne lässt lange auf sich warten, vor mir sitzen zwei massige Holländer im Pitbullsmoking und sprechen derbes Zeug, links von mir nimmt ein Paar Platz, dessen großer Hund mir hinfort sein Hinterteil zeigt, und drüben im Licht des Münsterplatzes baut ein Musikant seine Einmannkapelle auf, der für meinen Geschmack schlechte Musik macht, wobei die Betonung von Musik auf dem U liegt und das S kurz gesprochen wird. Der Mann singt englisch und begleitet sich auf der elektronischen Orgel und einer verbeulten Trompete. Den Takt schlägt er nebenher auf einer Charleston-Maschine, besser bekannt als Hi-Hat. Mir rutscht sein Rhythmus in die Füße, doch er hält sich nicht dran, sondern wird langsamer oder schneller, wie er gerade lustig ist. Später singt er dann „Versuchs mal mit Gemütlichkeit“ in gebrochenem Deutsch, und danach lasse ich den Takt sausen, zumal die Sonne bei mir angekommen ist und mich blendet, so dass ich ihn kaum noch sehen kann, was wiederum ganz schön ist.

Man ist ja geneigt zu
vermuten, ein Straßenmusiker bekäme besonders viel Zuspruch, wenn er gut singt und spielt. Das jedoch ist vermutlich falsch. Denn wie auf unerklärlichen Ratschluss hin bleiben die Menschen mal stehen, mal gehen alle vorbei. Sobald jemand stehen bleibt und zuhört, bleiben auch andere stehen. Eine Weile wächst die Gruppe und umringt den Musiker, er fühlt sich angespornt und legt sich ins Zeug, es wird artig applaudiert, dann löst sich die Ansammlung auf, und der Musiker verfällt wieder in einen launigen Trott. So geht es hin und her. Es ist ein Schwingen wie überall in der Natur, und gesteuert wird es nicht von den Beteiligten, sondern der Art der Interaktion zwischen den Beteiligten und ihrer Umwelt.

Da denke ich, obwohl der
Mensch unserer Breiten sich mit Technik umgibt und er sich selbst als die wesentliche Größe in der Welt ansehen mag, ist er in Wahrheit in allen seine Urteilen und Handlungen wesentlich abhängig von der Umwelt, dem Wetter, seinen Stimmungen, der Situation und dem Verhalten der Artgenossen.
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Nächtlicher Auftrag

Nächtlicher-Auftrag

Gestern Nacht lag ich im Bett und dachte: Mach, dass ich morgen einige wichtige Dinge erledigen kann. So hingeschrieben, klingt es wie ein Gebet. Es war aber nicht wie ein Gebet gemeint, denn eigentlich sprach ich mit mir und gab meinem Ich der Nacht einen Auftrag. Einfache Dinge erledigt mein Ich der Nacht prompt. Wenn ich ihm zum Beispiel sage, dass ich am nächsten Morgen um 6:05 Uhr aufwachen will, dann wache ich pünktlich um 6:05 Uhr auf. Und stimmt die Uhrzeit nicht ganz, dann geht die Uhr nicht richtig. Mein gestriger Auftrag betraf viel schwierigere Angelegenheiten, und trotzdem wurde auch er durchgeführt. Ich erledigte den Tag über einige Dinge zu meiner Zufriedenheit, kam gut in meiner Arbeit voran und schaffte es sogar, zwei Beiträge für das Teppichhaus zu schreiben, einen polemischen und diesen hier. Man kann also sagen, das Ich der Nacht hat das Tages-Ich gut bedient. Wie ist das möglich?

Ein Versuch der Verallgemeinerung: Die Handlungen des Menschen bei Tag beeinflussen auf unwägbare Weise die nächtlichen Träume, mithin das Erleben einer der beiden menschlichen Daseinsformen. In der Daseinsform des Wachens ist der Mensch wiederum von seinen nächtlichen Traumerfahrungen und den unbewussten Vorgängen beeinflusst. So ragt eine Daseinsform in die andere und bedingt sich wechselseitig.

Sich selbst einen Auftrag für die Nacht zu geben, ist eine seltsame Angelegenheit. Tag-Ich spricht mit Nacht-Ich, und wer ist es, für den sie es tun? Irgendwo in der Mitte zwischen beiden ist ein beobachtendes und erlebendes Ich. Dieses Ich profitiert von einer Zusammenarbeit der beiden anderen. Die Hirnforschung behauptet, sie habe eine solche Zentrale nicht gefunden. Trotzdem kann jeder Mensch sie erleben, wenn er sich einmal einen Augenblick selbst betrachtet und gleichsam gut auf sich und seine Handlungen achtet. Sie sollten auf die Zukunft gerichtet sein. Denn seltsam genug, auch das Ich, das du gestern warst, beeinflusst dein Heute. Also ist es ratsam, vernünftig für das Ich vom morgen zu sorgen.

Es scheint, als verstünden es einige gut, für sich selbst zu sorgen, andere könnten es gar nicht. Die es nicht können, verfügen nicht über die materiellen Mittel, ihr Leben angemessen zu gestalten. Das würden sie auch nicht können, wenn sie sich nächtliche Aufträge geben, denn ein solcher Auftrag muss sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten bewegen. Es geht um Bildung, Können und Kapital, und wenn sie fehlen, ist Hilfe von außen nötig. Das Schicksal dieser Menschen muss einen nicht einmal groß bekümmern. Sozialer Ausgleich ist eine Angelegenheit der Vernunft. Es ist vernünftig, sich sozial zu verhalten, weil die Gesellschaft insgesamt durch ihren Zusammenhalt gestärkt wird. Sie ist effektiver, und das kommt allen zugute. Deshalb muss die verantwortliche Selbstsorge erweitert werden. Zu ihr gehört auch soziales Verhalten. Unsere Ichs der Zukunft freuen sich, wenn wir ihnen eine freundliche Welt bauen, in der es sich gemeinschaftlich gut leben lässt.
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Sonntagstour - Verwirrte Zeiten

Sonntagnachmittag zwischen Tag und Traum – eine befremdliche Stimmung über der Stadt. Richtig hell ist es den ganzen Tag über nicht gewesen, und gegen drei dämmert es bereits. Es ist die Zeit der bummelnden Paare ohne besonderes Ziel, in der Hoffnung, dass sich irgendwo etwas Sehenswürdiges findet. Und wo sich nur die Schaufensterauslagen stummer Läden betrachten lassen, ziehen namentlich die Männer, denen eine Frau im Arm hängt, Gesichter zwischen Missmut und Unglück. Das ist übrigens bei den meist jüngeren Händchenhaltern anders. Könnte es sein, dass große und ausdauernde Nähe die Langeweile im Gepäck hat?

Auf der Pontstraße unterhalb
des Markts rieche ich frisches Fleisch. Es gibt keine Metzgerei in der Nähe, und gäbe es eine, hätte sie geschlossen. Hat man etwa am heiligen Sonntag auf einem Hinterhof eine Sau abgestochen und zerhauen? Und das an diesem trüben Nachmittag? Eine Spur von Pferdeäpfeln führt über das Pflaster hinauf auf den Markt. Hier ist ein kleiner Menschenauflauf, und zwischen den dunkel gekleideten Passanten blinken Ritterrüstungen, streichen Herolde und Weibsbilder in Trachten umher. Über ihren Köpfen blitzen Schwertklingen auf und schlagen klirrend aneinander. Ein Planwagen steht auch da, und dunkle Zelte aus roher Leinwand sind errichtet. Rauch zieht gen Himmel, - in geschmiedeten Ständern glimmen Feuer. Was ist das für ein rustikaler Zauber? In einem geöffneten Zelt sitzen welche über Bratwürsten, und die werden verkauft an einem Stand der Metzgerinnung. An der Rückwand ein Plakat: „125 Jahre Aachener Metzgerinnung“. Hm. Wenn die Aachener Metzgerinnung noch so jung ist, was hat sie dann mit der Ritterzeit zu tun? Das erschließt sich nicht. Vielleicht ist einer der Innungsmeister in einem Verein von Freizeitrittern und hat das Spektakel angeregt.

Man kann das
Rathaus besichtigen. Kostümierte mit Hellebarden flankieren das Portal. Man muss sich nur zwischen ihnen hindurchtrauen, der Eintritt ist frei. Auch im Foyer stehen kostümierte Kerls. Sie werden an diesem Tag hunderte Mal fotografiert, und falls sie bei jedem Foto ein bisschen von ihrer Seele verlieren, sind sie fortan seelenlos. Eine Frau vom Fremdenverkehrsamt führt ins Amtszimmer des Bürgermeisters. Es zeigt nach hinten hinaus, auf den Katschhof. Die Fremdenführerin erzählt, als auf dem Rathausgrund noch die Kaiserpfalz stand, habe Kaiser Karl genau wie der Oberbürgermeister hinaus auf den Katschof geschaut, denn der Eingang sei damals auf der Katschhofseite gewesen, damit der Kaiser seinen Dom im Blick hatte. Ja, gut dass wir jetzt wissen, wo Karl der Große hingeguckt hat und in welcher Rausguck-Tradition der Oberbürgermeister von Aachen steht.

Die Fleischerinnung erinnert mit
frischer Bratwurst an das 19. Jahrhundert, ein Verein spielt Mittelalter, wie Kaiser Karl im 9. Jahrhundert aus dem Fenster geguckt hat, weiß eine Dame vom Verkehrsverein, und Japaner auf Fünf-Tage-Europa-Trip fotografieren die Inneneinrichtung im Aachener Barock, - was für ein Durcheinander. Übrigens wollte ich niemals hinsehen müssen, wo der Oberbürgermeister von seinem Schreibtisch aus hinschaut, wenn er mal nicht aus dem Fenster guckt. Er hat da etwas Scheußliches vor Augen. Ich habe es fotografiert, zeige das Bild aber erst am Schluss, um meine werte Kundschaft nicht zu verschrecken.

Im Krönungssaal, versteckt hinter
großen Pinwänden, lässt sich eine Stahltür öffnen. Sie führt ins Treppenhaus einer großen Wendeltreppe, in dem allerlei Gerümpel abgestellt ist. Es riecht nach Wein. An den Wänden sind gelegentlich alte Ziegel und noch ältere Bruchsteine zu sehen. Von weiter unten tönt das Klirren von Gläsern. Dort scheint eine Küche zu sein. Und unten am Fuß der Treppe läuft der Gang stumpf aus. Da ist eine Stahltür an der Seite, auch sie lässt sich öffnen. Ich stehe auf einer Treppenstufe und sehe hinab in einen Versammlungsraum, aus rohen Bruchsteinen gemauert. Der Saal ist voller Menschen an eingedeckten Tischen, die neugierig den Kopf wenden, denn die laut zufallende Seitentür stört einen Vortrag. An der Stirnseite des Raumes stehen fünf Männer in dunklen Anzügen auf einer Bühne. Sie haben Fühler auf dem Kopf und tragen in knubbeligem Hochdeutsch einen Sprechgesang vor. Da bin ich mitten in eine Geheimgesellschaft geplatzt, die unbemerkt von den oben herumlaufenden Touristen in einem verschwiegenen Ratskeller ihre Riten abfeiert.

Und ich habe meine
Jeckenkappe nicht bei mir. Man schaut mich abweisend an, will mich nicht dabeihaben, hatte ohnehin die Kellnerin erwartet, als ich durch die Tür kam. Deshalb lege ich gar nicht erst ab, sondern schlage den Mantelkragen hoch und gehe wieder. Es freut mich, dass die zufallende Stahltür noch mal ordentlich scheppernd ins Schloss fällt. Ich will schließlich auch einen Spaß machen.

Der Flügel eines schmiedeisernen Tores lässt sich aufschieben, ich stehe wieder auf dem Markt, abseits des halblustigen Treibens. Solch schmiedeeiserne Tore hat einst mein Vater gemacht. Auch mein Großvater und mein Urgroßvater waren Schmiede. Drum will ich einmal etwas zur Ehrenrettung der Schmiede sagen. Die Jakobsstraße hoch, da kommen wir an einem Denkmal für den wehrhaften Schmied vorbei. Von ihm erzählt die Sage, er habe in Gertrudisnacht von 1278 den Grafen Wilhelm von Jülich und seine Söhne mit dem Hammer erschlagen und so die Stadt gerettet. Graf Wilhelm war im Morgengrauen mit 500 Gefolgsleuten in die Stadt eingedrungen, und als er auf Widerstand stieß, wollte er sich zurückziehen. Da kam auf dem Weg zur Arbeit ein Schmied daher und schlug kurzerhand mit seinem Hammer zu. Früh morgens sind Schmiede nämlich schlecht gelaunt und brauchen einen Amboss. Zur Not tut’s da auch ein behelmter Kopf.

In Wahrheit war der
Mann kein Schmied gewesen, sondern ein Metzger. Es gab natürlich schon vor 1883 Metzger in Aachen. Metzger stehen auf im Bewusstsein, dass sie im Morgengrauen Blut vergießen werden. Es sieht genauso aus wie Menschenblut, und vermutlich riecht es auch so. Der wehrhafte Metzger jedenfalls fand nichts dabei, den flüchtenden Grafen und seine Söhne hinzuschlachten. Er tat es der Sage nach wortlos und natürlich mit einem Schlachterbeil. Später war den Aachenern die Sache peinlich. Die Stadt wurde nämlich wegen dieser Morde dazu verurteilt, die Grafenwitwe Richarda zu entschädigen. Und damit die Sache nicht ganz so blutig in Erinnerung blieb, machte man aus dem Metzger einen Schmied. Der steht nun in Bronze gegossen an der Jakobstraße und hält einen schweren Hammer bereit.

Für das angekündigte
Handyfoto müssen wir noch einmal zurück ins Rathaus. In den 50er Jahren habe man ins Amtszimmer des Oberbürgermeisters diese Sitzgruppe gestellt, erzählte die Fremdenführerin, was damals von vielen als Stilbruch kritisiert worden sei. Und als die Stühle verschlissen waren, habe man ähnliche besorgt. Das klingt irgendwie ulkig, denn warum sollte man einen Stilbruch erneuern, wenn er glücklich verschlissen ist? Haben Stilbrüche nicht etwas Derbes und in sich Hässliches? Wer als Oberbürgermeister in einem historischen Rathaus von lauter alten Dingen umgeben ist, hat es gewiss schwer, das Drinnen des Rathauses mit dem Draußen seiner Mitbürger in Einklang zu bringen. Gebäude stehen still da, rühren sich nicht und verraten nichts, und trotzdem beeinflussen und formen sie die Menschen, die zwischen ihnen daherlaufen oder sich in ihnen aufhalten. Und ich frage mich, was macht zum Beispiel dieser Anblick hier mit meinem Oberbürgermeister:

Sitzgruppe des Grauens

Hoffentlich schaut der Mann oft aus dem Fenster.
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Eine Nacht im Raiffmuseum

Halloween special
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Eventuell du selbst - Ausfahrt in fünf Etappen

BlattwerkZeit der Saatkrähen. Fett und selbstgewiss sonnen sie sich auf der Hangwiese, zwischen ihnen wartet ein Graureiher. Mal erhebt sich eine Krähe mit leichtem Flügelschlag und zieht die anderen mit. Sie segeln im Wind, landen auf Weidenpfählen, fliegen wie nach gemeinsamem Ratschluss wieder auf, lassen ihr aggressives Kräääh hören, landen und suchen mal schreitend, mal hüpfend nach Nahrung.

Da entfernt sich eine Krähe übermütig von der Gruppe und steigt hoch hinauf in den blauen Himmel. Plötzlich ist ein Baumfalke bei ihr. Ein hartnäckiger Luftkampf beginnt. Für eine Weile ist nicht auszumachen, wer Jäger, wer Gejagter ist. Offenbar hat sich der Falke vertan, denn gemeinhin vergreift er sich an kleineren Vögeln. Er ist schneller als die Krähe, doch sie ist kein ängstlich flatternder Star. Sie wehrt sich und entzieht sich immer wieder durch enge Kreise, so dass der Falke über sein Ziel hinausschießt. Mal ist er über, mal unter ihr – nur ein richtiger Fangstoß gelingt ihm nicht. Die Krähe ermüdet, umrundet eine kleine Baumgruppe und rettet sich auf einen Weidenpfahl. Ihr Widersacher zieht einen suchenden Kreis, dann schießt er hinab und scheucht seine Beute auf. Erneut steigen sie in den Himmel, umkreisen sich im Tanz auf Leben und Tod. Endlich besinnt sich der Falke, lässt von der widerspenstigen Beute ab und fliegt davon. Matt kehrt die Krähe in ihre Gruppe zurück. Sie wird hungrig sein und bald nach einem Happen Ausschau halten. Dann muss Fräulein Spitzmaus unter der schönsten Herbstsonne sterben.

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Mitten im Anstieg auf den Höhenrücken war ich vom Rad abgestiegen, aufmerksam geworden durch das Geschrei der beiden Vögel. Jetzt steige ich wieder in die Pedale – es geht mühsamer als zuvor. Dabei führt der Weg hier noch schräg den Hang entlang. Beim Radsporttraining fuhr ich einmal mit einer großen Gruppe in die Eifel. Plötzlich bogen die Vorderleute ab, und es ging steil hinauf. Ich schaltete zweimal kurz hintereinander, und nach dem zweiten Mal sagte einer hinter mir: „Dat wor dä Letzte!“ Für einen Augenblick sank mein Mut, denn ich hatte keine Ahnung, wie lang der Anstieg sein würde und ob er eventuell noch steiler zu werden beliebte. Solche Bemerkungen gehören zur Zermürbungstaktik. Man darf sich davon nicht beeindrucken lassen, sonst verkrampft man und sackt wie ein Stein durchs Fahrerfeld. Hier hilft ein Gedanke: Was dir selbst weh tut, tut auch anderen weh. Denn es ist nicht ausgemacht, ob der andere nicht blufft und sich auf deine Kosten zu stärken versucht.

Trotzdem ist es gut, einen Gang in Reserve zu halten, was ebenfalls eine allgemeine Lebenslehre ist. „Alles uit de kast“ - „Zijn duivels ontbinden“ - alles geben, was möglich ist, sollte man nur in Ausnahmesituationen. Bald wird der Weg zum Hang hin abbiegen, als hätten seine Baumeister keine Lust mehr gehabt, die Steigung zu mildern. Dann brauche ich den Letzten, und aus dem Sattel muss ich auch, um die kleinste Übersetzung drehen zu können. Zum Glück ist niemand hinter mir, der es höhnisch trocken quittiert.

Zeit übers Rauchen zu fluchen, aber meine schlechte Kondition hat auch etwas mit den bequemen Wegen der letzten Wochen zu tun. Über den steilen Weg nur Gutes, denn mit seiner Hilfe habe ich mich aus dem lauten Talgrund der Maastrichter Laan erhoben, und schon auf halber Höhe gewährt er einen weiten Blick übers Tal und auf die dunstige Hügelkette am Horizont. Weiter oben verschwindet der Weg in einem Einschnitt, und dort werfen Bäume und Büsche seltsame Schattenmuster, in die sich aus der Ferne allerhand hineinsehen lässt. Die blitzende Herbstsonne gaukelt mir tagträumerisch einen Schattenmann vor, der oben im Hohlweg einen schwarzen Hund an der Leine führt.

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Bekanntlich symbolisiert ein geträumter Hund die menschlichen Triebe; diesen Hund gelegentlich an die Leine zu legen, das macht den kultivierten Menschen aus. Indem ich mich zwinge, den Anstieg zu nehmen aus purem Übermut und ohne äußeren Grund, habe ich mich selbst an der Leine. Und ist der Weg auch steil, es ist stets angenehmer, sich selbst anzutreiben als sich dem Zwang eines Stärkeren zu unterwerfen.

Mann und Hund lösen sich im Herannahen auf, sind harte Schatten im Hohlweg, und das Gesicht des Mannes ist nur trockenes Blattwerk. Steinchen und Blätter knistern unter den Reifen, noch zwanzig Tritte und ich habe das steilste Stück hinter mir. Diese Wegstrecke ist wie eine symbolische Ypsilonabzweigung. Der linke Ast des Ypsilons ist weiterhin asphaltiert und bequem zu fahren. Der rechte bleibt steil. Er ist nur eine Karrenspur im Gras, von einem Maisfeld gesäumt. Mehrfach schon war ich versucht, ihn zu fahren, und für einen Augenblick halte ich auf ihn zu. Doch dann ertönt vom Feld oben der aufbrausende Motor eines Traktors. Zu blöd, denke ich, dass einem auf dem rechten Weg neuerdings Traktoren entgegenkommen, so dass man unter die Räder zu kommen droht, weil die Böschung keinen Platz zum Ausweichen bietet.

Der linke Weg führt an einer längst abgeernteten Apfelplantage vorbei, dann stößt er im spitzen Winkel auf die Straße. Ich biege um die Ecke nach Osten ab. Einige Kilometer geht es jetzt durch die Felder über einen Höhenkamm. Leider rollt es nicht, ein kalter Wind aus Ost bremst die Fahrt. Es wird immer schwieriger, den rechten Weg zu finden. Die Sachverhalte werden stetig wirrer. Seit Tagen schwirrt mir der Kopf – zu viele Informationen aus zweiter Hand, allgemeines Hörensagen, nur selten eigene Anschauung, wie soll man da den Durchblick bewahren. Was alltäglich vom medialen Affenfelsen gerufen, getutet und geblasen wird, diese nervtötende Kakophonie ist kein getreuliches Abbild des Lebens, sondern im hohen Maße selbstbezüglicher Medienrummel. In unserer Welt vollzieht sich ein gewaltiger Umbruch, und das meiste geschieht im Verborgenen, ist schwer zu erhellen und einzuschätzen. Da ist es auch für ehemals seriöse Journalisten bequemer, irrelevante Nachrichten über eine durchgeknallte Ex-Tagesschausprecherin zu verbreiten. Dabei kann sich doch jeder denken, dass eine Frau, die früher alles vom Blatt abgelesen hat, mit eigenen Gedanken überfordert ist.

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Genug davon und
kein Wort mehr darüber. Es ist ein Kreuz, dass die Aufnahmekapazität des postmodernen Menschen beständig zugekleistert wird mit Schwachsinn und Berichten über die Produzenten von Schwachsinn. Ein Hinweisschild am Straßenrand zeigt eine Telefonnummer. Wer mutwillige Milieuvervuiling (Umweltverschmutzung) beobachtet, kann dort anrufen. Auf den ersten Blick ist’s eine gute Idee. Allerdings ist der Denunziant keine erfreuliche Erscheinung. Jedermann sein eigner Polizist, nicht der seines Nachbarn. Wenn wir wollen, dass unsere von Informationen und Daten geprägte Gesellschaft lebenswert bleibt, müssen wir neue Regeln des Zusammenlebens finden. Die umfassende Kontrolle durch den Staat wird das Leben nur härter machen, denn Überwachung ist ein Produkt der moralischen Verkommenheit. Die Deppen mit dem Ohr an der Tür des Nachbarn sind nur asozial, eine Staatsmacht, die ihre Bürger aushorchen will, ist antisozial.

Wir alle sind Opfer der Überwachung durch Wirtschaft und Staat. Doch einige Untaten verüben wir an uns selbst. Leichtfertig tragen wir private Dinge in die Öffentlichkeit. Bequemlichkeit oder Technikverliebtheit verstellt uns den Blick auf die Folgen für das eigene Leben und die Gesellschaft. Vor etwa zehn Jahren sah ich in der Stadt einen jungen Mann, der an einem Hemdenständer drehte und dabei jemanden per Handy befragte: „Verdammte Scheiße, wie soll ich denn wissen, welche Farbe dir gefällt!“, schimpfte er. Ich war verwundert, dass da jemand seinen privaten Kram so ungeschminkt in die Öffentlichkeit trug. Inzwischen zählt diese Form der Geistesverwirrung zum Normalverhalten.

Nicht nur
Banales, auch was früher verschämt unters Sofa geschoben wurde, das liegt im Scheinwerferlicht, wird abgefilmt und über diverse Kanäle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Welt scheint oktoberbunt, doch im künstlichen Licht der Scheinwerfer wirft ein jeder von uns einen stetig größer werdenden Datenschatten. Er bildet verschiedene Facetten unserer Leben ab, und durch die Vernetzung der Facetten entstehen digitale Schattenmenschen.

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Zu-hohe-Spannung

Entschuldigung, war nicht so gemeint, so unter der hellen Oktobersonne - die äußeren Umstände ließen mich in schwere Gedanken geraten. Gegen den kalten Ostwind an, da rollt es einfach nicht. Bin auch, wie gesagt, ein wenig aus der Übung. Doch wenn der Geist überspannt ist, hilft die Anspannung der Muskeln. Da ist immer noch jemand stärker als du - eventuell du selbst.

Guten Abend
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Nutzloses Schallexperiment mit Vokalen

Schallexperiment02

(Zeichnung und Ausführung: Trithemius)
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Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?

Angenommen du hättest gerade großen Hunger. Vor dir stünden zwei dampfende Teller mit jeweils einem deiner Leibgerichte, beide vorzüglich zubereitet. Nehmen wir an, von beiden Gerichten ginge die gleiche Verlockung aus und du wüsstest, dass nach deiner Entscheidung der andere Teller sogleich weggenommen wird. Wie entscheidest du dich? Du nimmst den rechten Teller? Gut, dann trage ich den anderen hinaus und kippe das Essen ins Klo.

Wie fühlt sich deine Wahl an, nachdem du gelesen hast, was mit dem anderen Gericht passieren wird? Willst du es dir vielleicht noch einmal überlegen? In dieser unerquicklichen Entscheidungssituation bist du nach den Befunden der Hirnforschung nicht frei. Der Physiologe und Hirnforscher Wolf Singer glaubt, dass du in deinen Handlungen durch die Struktur deiner Neuronen vorbestimmt bist. Während du noch hin- und hergerissen bist, welches Gericht du der Vernichtung überantworten willst, versuchen neuronale Prozesse in deinem Hirn die im Augenblick richtige Entscheidung auszukungeln. Doch da stehen zwei gleichwertig leckere Gerichte vor dir, und du willst dich gegen keines entscheiden. Damit das Essen nicht kalt wird, brauchst du dringend einen Impuls, der von außerhalb deines Gehirns kommt. Da wechselt plötzlich das Licht. Und im neuen Licht besehen, lässt du mich einen der beiden Teller abräumen.

Warten-bei-Rot-warten-bei-G
Warten bei Rot - warten bei Grün - Handyfoto/Gifgrafik Trithemius 09/07

Das Unwägbare, das in diesem Fall deine Wahl bedingt, nennt Singer „thermisches Rauschen“. Was bedeutet das? Bist du Atheist und Materialist, glaubst du, das thermische Rauschen, das deine Willensentscheidungen beeinflusst, sei zufälliger Natur. Vielleicht glaubst du jedoch nicht an Zufälle, sondern an göttliche Fügungen bzw. an spaßreligiöse Ideen wie leitende Engel oder das gütige Universum. Im ersten Fall bist du also abhängig von Zufällen, im anderen Fall leitet dich Magie.

Was ist neu an der Erkenntnis, dass unsere Willensentscheidungen auf neuronalen Prozessen beruhen? Wie anders sollte es möglich sein? Irgendwo in unserem Gehirn müssen sich doch Zustände messbar ändern, wenn etwas gedacht wird. Der freie Wille kann nicht aus nichts bestehen. Auch die Reihenfolge ist plausibel. Wenn ich mich für etwas entscheide, muss das irgendwo schon gedacht sein, und zwar bevor ich es in Worte kleiden kann, denn wir denken nicht in Wörtern. Die Wörter geben unserem Denken nur eine fassbare Struktur. Erst wenn wir aus den Wörtern Bilder machen, verschaffen wir uns Klarheit über die Situation.

Der freie Wille ist ein Bild. Der Mensch projiziert sein Selbstbild nach draußen, damit er es betrachten kann. Und dann entscheidet er sich nach seinem Bild, nach seinem Willen. In dieser seiner Fantasie ist er frei und verantwortlich. Diese Verantwortung hat er allein durch seine Existenz. Sie schließt ein, dass er sich vergewissert, wie er in der Welt steht, und dass er sein natürliches Verhalten gegebenenfalls revidiert, also ein neues Willensbild von sich entwirft. Und hat er mit dem thermischen Rauschen zu tun, dann funken ihm Zufall oder Weltgeist hinein, ganz so, wie es zu seinem Weltbild passt.

(Diskussion hier)
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Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
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Danke.
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