Unter dem Westwind - in fünf Etappen

Unter dem Westwind

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Was wohl so ein mächtiger Baum empfindet, wenn er wüst vom Wind gezaust wird? Ob ein angenehmer Schauer den Stamm hinunterrauscht, wenn seine Blätter in den heftigen Böen flattern? Wenn meine Haare fliegen, rieselt es mir jedenfalls fein ins Mark, und heute flogen meine Löschen ordentlich, als ich mit dem Rad die Turmstraße hochfuhr. Wind, Wetter und jagende Wolken übers Himmelsblau als wäre über Nacht die Nordsee herangerückt. Tatsächlich schwappten vor Jahrmillionen hier die Wellen eines flachen Meeres ans Ufer. Wir fahren übrigens in die Niederlande, wo man sich der Tatsache durchaus bewusst ist, dass der blanke Hans einmal in Raserei geraten könnte, um sich das Land zurückzuholen, das man ihm abgenommen hat. Warte, wenn wir die Kuppe beim Langen Turm genommen haben, dann reden wir weiter.

Gleich rollen wir auf
einer breiten Brücke über das Gleissystem des nahen Westbahnhofs und haben einen schönen Blick auf den Kessel der Stadt. Das Licht fliegt über Häuser und Dächer wie sinnbildhaft fürs Leben. Mal hat der Mensch dort unten Sonne, mal hat er Schatten. Und tatsächlich geht es demokratisch zu, denn die Natur macht keinen Unterschied zwischen Nobelviertel und Armenhaus. Am Horizont ist der Höhenzug der Nordeifel zu sehen. Die Farbluftperspektive macht aus dem Wechsel des Lichts ein blaues dunstiges Einerlei. Doch das ist nur der beschränkten menschlichen Wahrnehmung zuzuschreiben. Was der Mensch von weitem besieht, versteht er nicht. Da mag er noch so schöne Theorien bedenken. Erkenntnis und innere Gewissheit ist uns nur in der Nähe beschieden. Und auch hier taugen die meisten Theorien nichts. Sie verstellen nur den Blick, weil sie grob vereinfachen, damit die immense Vielfalt des Lebens in die kleine menschliche Birne passt. Für die innere Gewissheit braucht man einen wachen Verstand, ein offenes Herz und den Austausch mit Menschen, von denen man sich etwas abgucken kann.
Fortsetzung nebenan
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Einspaltiger toter Briefkasten

Nach einem arbeitsreichen Tag und Fußwegen durch Nässe und, ja, sogar Kälte zu Hause aufs Bett zu fallen und einzuschlafen, derweil Musik dudelt und der Abend langsam herabsinkt, das geht ja noch. Doch ich träumte unentwegt von einem Text, den ich zu einer Glosse umschreiben sollte und der einfach nicht in die vorgesehenen drei Zeitungsspalten passen wollte.

Konservenmusik kann etwas Gnadenloses haben. Musiker aus Fleisch und Blut wären nach und nach leiser geworden und von wilden Rhythmen zu sanften Klängen übergegangen. Sie hätten mir die Glosse in eine gefällige typographische Form musiziert. Und wenn ich mich erleichtert aufseufzend herumgedreht hätte, dann hätten die achtsamen Musiker ihre Instrumente eingepackt und wären auf Zehenspitzen gegangen, nicht ohne mich vor dem Hinausgehen noch zuzudecken. Da ich aber Musik-Konserven hörte, erwachte ich völlig durchgefroren und in dem Bewusstsein, der Text passt noch immer nicht ins Layout.

Gut, ich habe mir einen
Pullover übergezogen, die Heizung angemacht und schreibe jetzt einfach einen einspaltigen Text, der so lang sein kann, wie er will. Und damit weder Hurenkinder, Schusterjungen noch Gießbäche das Druckbild stören, gibt es auch keinen umlaufenden Text, sondern zwei Fotos übereinander. Typographische Fehler werden ja selten so richtig wahrgenommen. Doch sie knirschen beim Lesen und hinterlassen unerquickliche Gefühle, so dass der Leser unwirsch aufschaut, nicht wissend, was ihm die Laune verhagelt hat, und schon kriegen Unschuldige ihr Fett weg, die vielleicht nicht einmal lesen können.

Der Nachteil meiner
typographischen Fürsorglichkeit – man möge sich darauf einstellen, dass die Fotos ziemlich hässlich sind, denn sie zeigen ein ekliges Hinweiszeichen auf einen toten Briefkasten. Das Hinweiszeichen wäre weniger eklig, wenn ich es in seinem frischen Zustand hätte fotografieren können. Doch zu diesem Zeitpunkt vor zwei Tagen hatte ich mein Handy nicht bei mir. So ist dann wohl auch die geheime Nachricht schon abgeholt worden. Hoffentlich fand der Agent nicht die Anweisung vor, weitere tote Briefkästen einzurichten, denn wie gesagt, wenn auch der tote Briefkasten selbst für das unkundige Auge unsichtbar ist, das Hinweiszeichen ist nicht schön anzusehen.
Toter-Briefkasten
Erdbeerjoghurt auf Bürgersteig vor einem verwaisten Ladenlokal
Fotos: Trithemius


Am 24. Juli 1994 schilderte der Ex-KGB-Agent Victor Suverov im Niederländischen Fernsehen einige Praktiken des KGB. Sowjetische KGB-Agenten hätten zum Markieren toter Briefkästen ausgegossenen Joghurt benutzt. Die Farbe markierte die Wichtigkeit der Information. Befragt, warum gerade Joghurt, sagte Suverov, Joghurt auf dem Bürgersteig sehe eklig aus. Jeder mache einen Bogen darum.

Eben stellte ich
fest, dass sich seit kurzem auch in meiner Wohnung ein toter Briefkasten befindet. Es ist mein Kühlschrank. In ihm steht ein einsamer Becher Erdbeerjoghurt. Die geheime Botschaft ist klar: Geh einkaufen, Mann. Leider sah ich sie zu spät, denn ich hatte ja stundenlang mit den drei Spalten einer unpassenden Glosse gekämpft.

Guten Abend


Abendbummel online
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Süß und scharf und lieblich

Damen waschenWenn es auch unablässig schüttet, egal, jetzt wird gebummelt. Unter meinem Schirm ist noch Platz. Warum eigentlich kann das Mobiltelefon noch kein Infraschallfeld erzeugen, von dem die Regentropfen abperlen? So was erfindet mal wieder keiner. Oder die Regenschirmfabrikanten haben das Patent aufgekauft, und jetzt verrottet es in irgendeinem Tresor. Infraschall ist allerdings auch ein wenig heikel, denn er löst Wahrnehmungsstörungen aus – man sieht Geisterscheinungen.

Es gibt zur
Zeit zwei Klassen von Geistern, jene mit und jene mit ohne Regenschirm. Die ohne besitzen keinen oder haben ihn irgendwo vergessen und sind sowieso Optimisten. Es ist aber kein schöner Anblick, wenn selbst die Optimisten gebückt gehen und sich die Jacke zuhalten, damit ihnen nicht auch noch das seifende Wasser von den Regenschirmen der Pessimisten in den Kragen tropft. Obwohl ja nicht nur Pessimisten einen Regenschirm mit sich führen. Es geht um verantwortliche Selbstsorge. Nur ein Regenschirm berechtigt den Anspruch auf ein schönes Leben, eine antike Idee, die der Wissenschaftsphilosoph Michel Foucault wieder ans Licht gehoben hat. Also zählen wir uns zur Kategorie der vorsorglich beschirmten Optimisten.

Im Café droht die Scheibe zu beschlagen. Na ja, draußen ist ohnehin nicht viel zu sehen. Herbstliche Düsternis. Ich sitze neben einer lesenden Chinesin. In einer Vitrine plätschert der dreistöckige Schokoladenbrunnen. Welch ein Luxus. Doch der größere Luxus sitzt einen Tisch weiter, zwei Männer, die sich vergnügt über Literatur unterhalten. Da vermisse ich meinen Freund Mike, der vor einem Jahr weggezogen ist. Er sprach gern von englischer Kriminalliteratur und just von Ian Ranking und seinem Kommissar John Rebus, über den auch die beiden sich unterhalten. Und dann erzählt der eine von einem Roman, in dem Gott eine Freundin hat, Jeanette heißt sie, glaube ich. Hab’s leider nicht recht verstehen können. Jedenfalls hat Gott seiner Freundin die Welt geschenkt. Das klingt verflucht plausibel. Meistens kriegen die Flittchen die besten Geschenke, und was sie dann damit machen, sehen wir nicht nur am Wetter. Irgendwer muss dem kapriziösen Weib dringend den Kopf waschen, der verliebte Narr macht's garantiert nicht.

Ach ja, zum Foto
oben: Wenn mir demnächst einmal danach ist, Damen zu waschen, dann weiß ich, wo ich hingehen kann. 15 Euro, das ist preiswert, vor allem, wenn sie sich anschließend auch noch selbst fönt.

ChiliSchokolade

Einen Selbstversuch hatte ich drüben in der Cafeteria versprochen. Leider fiel es mir erst wieder ein, als ich schon Kaffee getrunken hatte, en die winkel van de nederlandse „chocolate company“ ist gleich nebenan. Meine Aussagen sind also mit Vorsicht zu genießen. Diese Vorsicht vergaß ich bei der heißen Chili-Schokolade, die mir eine Kellnerin mit bezauberndem niederländischen Akzent servierte.

In heißer Milch steckt ein Holzlöffel, und der steckt in einem Schokoladenblock, der sich langsam auflöst. Den Mund kann man sich an der Milch nicht verbrennen, denn es dauert eine Weile, bis sich die Schokolade verteilt hat. Jedenfalls schwamm plötzlich ein rosiger Splitter in der Milch. Wenn man gerade keinen Grund zum Weinen hat, sollte man ihn nicht zerbeißen. Zum Glück wird zur Chilischokolade eine feine Puddingcreme gereicht, mit der sich die Geschmacksnerven besänftigen lassen. Meine Stimmung hob sich. Leider ist ungewiss, ob es an der Chilischokolade lag oder an der Kombination von Kaffee, Chilischokolade, Kellnerin und an der Tatsache, dass ich fein drinnen saß, während draußen die geduckten Optimisten vorbeirannten.

Guten Abend

Fotos: Trithemius
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Extreme Lagen erfordern teuflische Mittel

reim dich oder ich fress dichEin fahrender Student klopfte eines Nachts an die Tür eines einsamen Bauernhauses und bat um ein Nachtlager. Der gutmütige Bauer holte den durchgefrorenen Studenten in die Stube, wo die Familie sich gerade um den Tisch versammelt hatte, um das Nachtmahl einzunehmen. Der Student blies froh in seine klammen Hände. „Warum machst du das?“, fragte der Bauer. „Na, damit sie warm werden“, sagte der Student. Man reichte dem Studenten einen Teller dampfender Suppe. Der Student wollte sich nicht den Mund verbrennen und blies in die Suppe. „Ja, warum machst du das denn?“, fragte der Bauer. „Damit die Suppe abkühlt“, sagte der Student arglos. „Oho!“, rief der Bauer. Bist du etwa einer, der heiß und kalt zugleich aus dem Maul blasen kann?! Das kann nur mit dem Teufel zugehen, also pack dich wieder!“
(Freie Nacherzählung eines Schwanks aus dem Rollwagenbüchlein von Jörg Wickram. Ein Eintrag über das Rollwagenbüchlein fehlt leider noch bei Wikipedia. Das Rollwagenbüchlein ist eine Sammlung von Schwänken und Anekdoten, die man sich im 16. Jahrhundert bei der beschwerlichen Reise mit dem Rollwagen erzählte)
terrorsommer zwei punkt nullAuch Schokolade kann den Menschen heiß und kalt machen, je nach Bedarf. Wenn’s auch nicht mit rechten Dingen zugeht, diese Teufelei soll egal sein, angesichts der rasch wechselnden Wetterlage. Am 21. Juni hat übrigens die jährliche Regenzeit begonnen, auf die wir uns in Zukunft einstellen müssen: Tropische Temperaturen und heftige Regengüsse mit Kälteeinbrüchen, immer hübsch hin und her. Gerade hast du dir die heiße Schokolade geholt und willst dich wärmen, schon knallt die Sonne durch ein Wolkenloch, und du brauchst Eisschokolade. Da hilft es, wenn du ebenfalls kalt und heiß zugleich aus dem Maul blasen kannst.

Man kann die neue Regenzeit natürlich auch „Terrorsommer“ nennen, wenn man zum Beispiel sensationsgeil wie Lumpi ist und täglich in der BILD-Redaktion hockt. Natürlich meinen sie mit "Terrorsommer" nicht das Wetter, sondern den geistigen Terror, mit dem sie ihr Geld verdienen. Es ist grad so, als wollten sie ein paar hochgehende Kofferbomben herbeipfeifen.

Man stelle auf dem Markt ein paar bunte Fahnen und ein Absperrgitter auf. Dann kannst du darauf wetten, dass sich die Müßiggänger und Bummler bald ans Gitter hängen und die Fassade des Rathauses angaffen. Nur ein Bummler konnte leider nicht mitmachen.
Wenn die bunten Fahnen flattern
Er durfte nämlich sein Fahrrad aus der Werkstatt holen. Wie fein es jetzt wieder ist, ein heißes Gefährt. Auf der Heimfahrt musste er es ordentlich anpusten, damit er sich keine edlen Teile verbrannte. Doch dann begann es auch schon wieder zu regnen.

Guten Abend

Fotos: Trithemius
Abendbummel online
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Plausch mit Frau Nettsheim - Pedalritterjammer

Wenn-Pedalritter-jammern
Frau Nettesheim
Mehr über die Stahlrösser der Reiterstadt Aachen ...
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Kleine Portale - große Welten

Eben bekam ich Lust, das Wort reziprok einmal zu benutzen. Reziprok bedeutet wechselseitig, aufeinander bezüglich. Als ich noch Tagebuch schrieb, ist mir irgendwann aufgefallen, dass die Ereignisse sich negativ reziprok zu ihrer Darstellung im Tagebuch verhalten. Anders gesagt, wenn ich viel erlebte, stand wenig im Tagebuch und umgekehrt. Schon die Gewissheit, dass da viel zu schreiben wäre, hat mich davon abgehalten, es auch wirklich aufzuschreiben. In ruhigen Lebensphasen dagegen waren die Einträge vielfältiger und lebendiger als das Leben selbst.

Es ist vermutlich leichter, sich einer kleinen Sache zu widmen, sie nah und näher zu betrachten, sie zu drehen und zu wenden, ins Gegenteil zu verkehren, ihre Determinanten zu untersuchen oder sonst wie mit ihr zu spielen, als hastig über viele Ereignisse hinwegzugehen in dem Bewusstsein, da wäre ja so Vieles zu erfassen und festzuhalten.

Das Leben selbst verhält sich umgekehrt reziprok zu seiner geistigen Verarbeitung, woraus folgt, dass ein allzu lebendiges, rauschhaftes Dasein etwas rasend Oberflächliches hat, das zu bewerten und zu verarbeiten der Mensch kaum im Stande ist, so dass er sich einem Naturzustand der Debilität annähert.

Allzu viel ist ungesundEin pralles oder durchweg flüchtiges Leben können nur jene führen, die für die Besorgungen des Alltags fleißige Dienstboten und gute Geister haben, sich also alle notwendigen Hilfsdienste kaufen können, so dass sie selbst nur wenige Qualifikationen benötigen und ihre Talente auch nicht trainieren müssen, bis auf das Talent, andere für die eigenen Zwecke einzuspannen oder das Talent einer einzigen Profession. Viele dieser Personen erleben irgendwann eine Krise. Plötzlich wird das rauschhafte Leben als leer empfunden, woraus sich der Zwang ergibt, doch einmal innezuhalten und zu schauen, welchem Teilbereich des Daseins man sich sinnvoll widmen könnte. Der Millionenerbe und Berufsplayboy Gunter Sachs begann im Alter zu fotografieren. Seine Ex-Ehefrau Brigitte Bardot engagierte sich für den Tierschutz, bevor sie sich den Rechtsradikalen des Le Pen zuwandte. Auch die griechische Sängerin Melina Mercouri ging in die Politik, desgleichen der italienische Pornostar Cicciolina. Die deutsche Sängerin Nina Hagen versenkte sich in Esoterik, die Schauspielerin Marianna Koch studierte Medizin - um nur einige Beispiele zu nennen. Wer den Absprung zu spät oder gar nicht findet, dem droht ein Ende als Alkoholiker, der Drogentod oder er wird irgendwann mumifiziert in der einsamen Wohnung aufgefunden.

Eigentlich wollte ich ja nur das Wort reziprok einmal verwenden. Die große Menschheitsfrage, was Glück ist und wie man es findet, lässt sich leicht beantworten. Im jeweiligen Leben muss ein ausgewogenes reziprokes Verhältnis zwischen Eile und Weile bestehen, so dass man sowohl rauschhaft mitfließen kann im Strom der Zeit wie auch innehalten, behandeln und betrachten, und das mit Herz, Hand und Verstand. Die Betrachtung benötigt keine besonderen Zielobjekte. Ein wenig Hinwendung macht selbst aus kleinen Dingen Portale zu eigenen Welten. Es reicht eine kleine Sache wie das Wörtchen reziprok.

Schönen Sonntag
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Gut gestützter Abendbummel

Eigentlich wollten wir uns ja heute einen faulen Tag machen, zumal es draußen irgendwie herbstlich ist. Raus müssen wir trotzdem, denn wir sind ja Regenmenschen. Bei Regen und Wind ist viel mehr Sauerstoff in der Luft. Das habe ich früher beim Radsport deutlich spüren können. Regen wirkt sich positiv auf die Ausdauerleistung aus.

grosse tasse kaf"Aus aus", also der Radsport. Er fordert viel Zeit, und die habe ich grad mal nicht. Doch Zeit für einen Kaf muss drin sein.
Kaf ist kein Tippfehler. Die Computerkassen sind gnadenlose Orthographie-Determinatoren. Allerdings hätte der Programmierer der Kasse auch „kleiner Kaffee“ – „großer Kaffee“ ins Programm eingeben können, das hätte gepasst, zumal "große" sowieso falsch geschrieben ist und damit ein Buchstabe zu lang.

So ein Kassenzettel ist eine wahre Plaudertasche. Der Kunde ist also am 29. Juni 2007 um 17:32 Uhr im Cafe am Münsterplatz an die Theke getreten, hat „eine grosse Tasse Kaf“ gekauft und ein "Wrap vegetarisch" dazu. Bedient hat ihn eine Frau Ebdalin. Ihr Name steht auch auf einem Schild an ihrem Kittel. Sie ist eine öffentliche Person. Die Bestellung hat den Kunden ein kleines Vermögen gekostet, wenn man es in Deutsche Mark umrechnet. 1,30 DM beträgt die Mehrwertsteuer. Von der Summe, die den Tasse-Kaf-Trinkern an einem Tag in diesem Cafe im Auftrag des Finanzministers abgezockt wird, könnte einer von ihnen eine Villa am Starnberger See mieten. Pardon, das waren jetzt viele Umstandsangaben in einem stilistisch dafür eher ungeeigneten Relativsatz. Die ganze Satzkonstruktion ist eine Zumutung. Ich würde hier nicht weiterlesen.

Rein in die KompressionWerbung kann so verführerisch sein. Fast jeden Tag lockt mich dieser Korb. Ob das Einsteigerset etwas Ähnliches ist wie ein Schuhlöffel für Kompressionsstrümpfe? Mit Gleitöl? Oder soll der übermütige Passant zum Hals-über-Kopf-Einstieg in die wunderbare Welt der Körperkompression verlockt werden? Man weiß es nicht. Auf jeden Fall hat die Kompressionsware Zukunft. Sie geht gut, anders als Umstandsmode. Allerdings habe ich heute seit langer Zeit mal wieder eine Schwangere gesehen. Sie stand vor mir an der Kasse des Supermarkts. Dass sie am 29. Juni 2007 um 19:05 Uhr in just diesem Supermarkt eingekauft hat, weiß auch ihre Bank. Wer viel mit Karte bezahlt, dessen Leben lässt sich bei seiner Bank ziemlich genau nachzeichnen. Das ist eigentlich noch viel seltsamer als ein Kompressionsstrumpfeinsteigerset.

Der Verkauf von Umstandsmode lohnt sich nicht mehr

Guten Abend

(Fotos: Trithemius)
1491 mal gelesen

Ich bin der Knut

Meine Mutter war keine Sprachpuristin. Doch wenn ich als Kind einen Satz sagte wie: „Die hat mich geärgert“, korrigierte meine Mutter: „Die steht om Maat un verköv Äppel!“ (Die steht auf dem Markt und verkauft Äpfel.) „Die“ ist eben kein Personalpronomen, sondern ein Artikel (Geschlechtswort), und allenfalls eine namenlose Marktfrau dürfte man so abfällig benennen als wäre sie ein Ding.

Der Lehrer fordert Fritzchen auf, einen Satz mit den Artikeln der, die, das zu bilden. Fritzchen sagt:
Meine Schwester bekommt ein Kind.
Der die das gemacht hat, ist abgehauen.
"Die steht om Maat un verköv Äppel", - was nicht angenehm für eine Schwangere ist, abgesehen davon, dass „die“ in diesem Satz auch grammatisch falsch ist.

Ein Satz aus dem Rheinland mit dem Gleichklang von das: "Dat dat dat darf?" Es kommt darauf an, wer mit dat gemeint ist, obwohl Frauen ja eigentlich fast alles dürfen.

Der, die das sind Artikel und stehen als Begleiter des Substantivs in der Stellung eines Attributs. Sie geben das grammatische Geschlecht eines Substantivs an: der (Maskulinum), die (Femininum), das (Neutrum). Die drei grammatischen Geschlechter der deutschen Sprache haben nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun, denn hier gibt es nur zwei. Zudem folgt das grammatische Geschlecht auch keiner eindeutigen Logik. Der Leser kann auch eine Frau sein oder ein Kind. Leider haben feministische LinguistInnen der 80er Jahre den Unterschied und die Unterschiedinnen zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht nicht wahrhaben wollen und uns die hässlichen Doppelformen sowie das große Binnen-I eingebrockt.

Die daIn den 80er Jahren gab es eine weibliche Gesangsgruppe mit dem Namen „Narziss, Goldmund und Die-da“. Die-da war die Tochter des Produzenten der Gruppe. Bei den ersten Studioaufnahmen fehlte eine dritte Stimme. Weil man so rasch keine weitere Sängerin auftreiben konnte, soll der Produzent auf seine zufällig anwesende Tochter gezeigt haben mit den Worten: „Nehmt doch die da!“ Schon hatte seine dickliche Tochter den Namen einer Unperson. Das wird ihr Selbstwertgefühl ungemein gestärkt haben. Wohl dem, der einen liebenden Vater hat.

Die Konkreta des deutschen Substantivs haben zwei Untergruppen: Name und Klassenbezeichnung. Klassenbezeichnungen wie: Mensch, Hund, Holz, Baum können mit einem Artikel versehen werden. Personennamen jedoch bezeichnen Einzelwesen und keine Klasse von Wesen. Deshalb benötigen sie keinen Artikel; die Doris, der Dieter, die Verona - solche Bildungen sind umgangssprachlich, haben sich jedoch aus der Jugendsprache der 60er Jahre in die Allgemeinsprache eingeschlichen.

Es klingt seltsam, wenn eine Frau sich vorstellt: „Ich bin die Sandra.“ Gehört sie also einer Klasse der Sandras an? Was kennzeichnet diese Klasse? Sind alle Sandras blond, aufgebrezelt und arbeiten in einem Fingernagelstudio? Wer solche Vermutungen nicht aufkommen lassen will, sollte den Vornamen nicht unnötig mit einem Artikel belasten.

Bei „der Jörg“ hingegen finde ich den Artikel angebracht, denn mir sind schon viele windige Jörgs über den Weg gelaufen. Der erste Jörg lieh sich eine große Kiste mit Piccolo-Comics von mir. Als ich sie zurückhaben wollte, sagte er leichthin, sein Vater habe die Kiste im Garten verbrannt. Seither bin ich bei den Jörgs immer vorsichtig, desgleichen bei den Trägern der Langform Jürgen. Was hat es eigentlich mit dem Jürgen-Möllemann-Video auf sich, von dem BILD heute berichtet?

Teppichhaus-Textberatung
2705 mal gelesen

Kurzer Erinnerungsbummel

Bei dem derzeitigen Wetter weiß man gar nicht, was man anziehen oder ausziehen soll. Am Markt ist es plötzlich so lausig kalt, dass meine starren Finger die Süddeutsche nur mühsam auseinanderkriegen. Und dann ist sie auch noch kaum im Wind zu bändigen. Immerhin kann ich im Sportteil etwas von Rudolf Scharping lesen, dem derzeitigen Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Scharping fordert: „Der Kampf gegen Doping muss absolut konsequent und seriös geführt werden.“

Man erinnere sich, 10 Jahre zurück: Anlässlich der Tour de France 1997 konnte man im Fernsehen viele Beispiele von Scharpings Seriosität beobachten. Damals war Scharping noch Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag, und als begeisterter Hobby-Radfahrer hatte er Jan Ulrich und Erik Zabel während einiger Touretappen begleitet. Dabei war er den beiden so auf den Pelz gerückt, dass er seinen Spezi Erik Zabel sogar mit schlüpfrigen Wortspielen erfreuen durfte. Näheres in folgendem Text, den ich damals für die Titanic-Rubrik „Briefe an die Leser“ geschrieben habe:
Die Worte des Vorsitzenden Scharping
(Titanic 10/97)

Derselbe Rudolf Scharping hat angeblich erst kürzlich vom heulenden Erik Zabel erfahren, dass im Radsport gedopt wird. Jetzt verdreckt der mir schon wieder das Sommerloch. Na ja, ein richtiger Sommer ist es sowieso nicht.


Guten Abend
1425 mal gelesen

Frau Nettesheim räumt auf

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Frau Wermelskirchen, kann ich mal mit Ihnen reden?

Frau Nettesheim
Hallooo, Trithemius! Sind Sie noch nicht ganz wach? Oder arbeiten Sie vielleicht hinter meinem Rücken eine neue Hilfskraft ein.

Trithemius
Verzeihung, Frau Nettesheim, man ist halt manchmal in Gedanken. Ich kenne überhaupt keine Frau Wermelskirchen.

Frau Nettesheim
Ach so, Herr Durcheinein.

Trithemius
Das ist nicht lustig. Ich bin leise verwirrt. Als ich mich heute im Teppichhaus einloggen wollte, habe ich statt meines Namens das Wort „Login“ eingegeben.

Frau Nettesheim
Hi hi.

Trithemius
Sie nehmen meine Probleme nicht ernst, Frau Nettesheim. Bei „Login“ besteht zumindest ein Zusammenhang. Doch gestern ist mir etwas Ähnliches passiert, nur schlimmer. Da habe ich ins Namenfeld „Zeitreise“ eingetippt. Die Tür hat natürlich mein Passwort nicht akzeptiert und blieb zu. Und jetzt frage ich Sie, wieso tippe ich „Zeitreise“ ein? Das ist doch kein Name.

Frau Nettesheim
Vielleicht waren Sie gedanklich mit Zeitreisen beschäftigt.

Trithemius
Ach, woher denn. Ich glaube, solche Fehlhandlungen sind das Ergebnis von synästhetischen Prozessen. Da kommunizieren verschiedene Bereiche des Gehirns miteinander, die es eigentlich gar nicht sollten. Als wäre ein Wanderer unterwegs im Gebirge, und unter seinem Fuß löst sich ein Stein. Hundert Meter tiefer plumpst der Stein in einen See, an dessen Ufer ich sitze, und ich denke, da ist ein Fisch aus dem Wasser gesprungen und wieder eingetaucht. Dann beobachte ich die Wasserfläche, ob noch ein Fisch hochkommt. Darum komme ich zu spät zum Abendessen. Der unachtsame Wanderer von vorhin sitzt natürlich schon am Tisch und sagt: „Alles alle!“ Da denke ich, verfickt, wäre ich beizeiten losgegangen, hätte ich was auf dem Teller und müsste mir sein Grinsen nicht angucken.

Frau Nettesheim
In Ihrem Kopf muss ein hübsches Durcheinander sein. Vielleicht sollten Sie jeden Morgen das Alphabet aufsagen, wie Moscherosch es beschreibt:
"Wann ich Morgens auffstehe, sprach Grschwbtt, so spreche ich ein gantz A.B.C., darinnen sind alle Gebett auff der Welt begriffen, vnser Herr Gott mag sich darnach die Buchstaben selbst zusamen lesen vnd Gebet drauß machen, wie er will, ich könts so wol nicht, er kan es noch besser. Vnd wann ich mein abc gesagt hab, so bin ich gewischt vnd getrenckt, vnd denselben Tag so fest wie ein Maur."
Trithemius
Ja, Frau Nettesheim, doch warum sollte ich das Alphabet brabbeln, wenn ich mich mit Ihnen unterhalten kann. Danach fühle ich mich aufgeräumt, erfrischt und wie mit Feudel und Staubwedel geputzt.

Frau Nettesheim
Sie sind ein verfluchter Charmeur, Trithemius.

Trithemius
Zeitreiselogin.

Frau Nettesheim
1563 mal gelesen

Holla, ein paariges Organ von etwa halbkugeliger Form

Huch Frau Merkel hat auch so etwasHeute drängt sich Angela Merkels falscher Busen ins mediale Bild. Die Dreisterneköche des schlechten Geschmacks aus der Bildredaktion erregen sich: "Merkel in Polen verhöhnt".

Ein wenig genauer schreibt Heute.de: "Polnische Presse verhöhnt Merkel als 'Stiefmutter Europas'(...) Am drastischsten langte in Polen das konservative Magazin Wprost hin. Auf dem Titelbild zeigte das Blatt als Fotomontage eine barbusige Kanzlerin Angela Merkel, die die Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczynski an ihrem Busen nährt." Heute.de zitiert die Politiker: Rainer Brüderle (FDP), Fraktions-Vize; Markus Meckel (SPD), Chef der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe; Eduard Lintner (CSU), Außenexperte:
Brüderle: 'Geschmacklosigkeit' -
Meckel: 'Fassungslos' -
Lintner: 'Geschmacklosigkeit'

Zounds! Spricht man denn so über den Busen der Frau Bundeskanzler? Ist er wirklich eine "Geschmacklosigkeit"? Dass sie einen hat, ist jedenfalls nichts Schlimmes. Frauen sind eben so. Man kann es im Schülerduden „Die richtige Wortwahl“ nachlesen. Angela Merkels Busen sogar „fassungslos“ zu nennen, ist auch nicht gerade fein. Wenn die Polen einen Busen montiert hätten, wo gar keiner ist, das wäre eventuell ein Grund sich leise zu wundern. Doch eigentlich ist es sogar charmant, wenn die polnische Presse einmal darauf hinweist, dass Angela Merkel kein Neutrum ist, sondern eine Frau. Man vergisst es so rasch.

Haben Abgeordnete des
Bundestags eigentlich nichts Besseres zu tun als sich über medialen Firlefanz und künstliche Titten aufzuregen? Was kommt als nächstes? Lassen sie zusammen mit BILD vor dem Kanzleramt der verhöhnten Prophetin polnische Büstenhalter verbrennen?

Zirkus des schlechten Geschmacks
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