Spasss im Teppichhaus - Polizeifotos

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Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?

Angenommen du hättest gerade großen Hunger. Vor dir stünden zwei dampfende Teller mit jeweils einem deiner Leibgerichte, beide vorzüglich zubereitet. Nehmen wir an, von beiden Gerichten ginge die gleiche Verlockung aus und du wüsstest, dass nach deiner Entscheidung der andere Teller sogleich weggenommen wird. Wie entscheidest du dich? Du nimmst den rechten Teller? Gut, dann trage ich den anderen hinaus und kippe das Essen ins Klo.

Wie fühlt sich deine Wahl an, nachdem du gelesen hast, was mit dem anderen Gericht passieren wird? Willst du es dir vielleicht noch einmal überlegen? In dieser unerquicklichen Entscheidungssituation bist du nach den Befunden der Hirnforschung nicht frei. Der Physiologe und Hirnforscher Wolf Singer glaubt, dass du in deinen Handlungen durch die Struktur deiner Neuronen vorbestimmt bist. Während du noch hin- und hergerissen bist, welches Gericht du der Vernichtung überantworten willst, versuchen neuronale Prozesse in deinem Hirn die im Augenblick richtige Entscheidung auszukungeln. Doch da stehen zwei gleichwertig leckere Gerichte vor dir, und du willst dich gegen keines entscheiden. Damit das Essen nicht kalt wird, brauchst du dringend einen Impuls, der von außerhalb deines Gehirns kommt. Da wechselt plötzlich das Licht. Und im neuen Licht besehen, lässt du mich einen der beiden Teller abräumen.

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Warten bei Rot - warten bei Grün - Handyfoto/Gifgrafik Trithemius 09/07

Das Unwägbare, das in diesem Fall deine Wahl bedingt, nennt Singer „thermisches Rauschen“. Was bedeutet das? Bist du Atheist und Materialist, glaubst du, das thermische Rauschen, das deine Willensentscheidungen beeinflusst, sei zufälliger Natur. Vielleicht glaubst du jedoch nicht an Zufälle, sondern an göttliche Fügungen bzw. an spaßreligiöse Ideen wie leitende Engel oder das gütige Universum. Im ersten Fall bist du also abhängig von Zufällen, im anderen Fall leitet dich Magie.

Was ist neu an der Erkenntnis, dass unsere Willensentscheidungen auf neuronalen Prozessen beruhen? Wie anders sollte es möglich sein? Irgendwo in unserem Gehirn müssen sich doch Zustände messbar ändern, wenn etwas gedacht wird. Der freie Wille kann nicht aus nichts bestehen. Auch die Reihenfolge ist plausibel. Wenn ich mich für etwas entscheide, muss das irgendwo schon gedacht sein, und zwar bevor ich es in Worte kleiden kann, denn wir denken nicht in Wörtern. Die Wörter geben unserem Denken nur eine fassbare Struktur. Erst wenn wir aus den Wörtern Bilder machen, verschaffen wir uns Klarheit über die Situation.

Der freie Wille ist ein Bild. Der Mensch projiziert sein Selbstbild nach draußen, damit er es betrachten kann. Und dann entscheidet er sich nach seinem Bild, nach seinem Willen. In dieser seiner Fantasie ist er frei und verantwortlich. Diese Verantwortung hat er allein durch seine Existenz. Sie schließt ein, dass er sich vergewissert, wie er in der Welt steht, und dass er sein natürliches Verhalten gegebenenfalls revidiert, also ein neues Willensbild von sich entwirft. Und hat er mit dem thermischen Rauschen zu tun, dann funken ihm Zufall oder Weltgeist hinein, ganz so, wie es zu seinem Weltbild passt.

(Diskussion hier)
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Spasss im Teppichhaus

Chaos-im-Gepaeck
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Knatschjeck aus Tüten

FunkenflugEinige Tage kaum erreichbar zu sein, ist Luxus. Doch kehrst du zurück, musst du ein bisschen dafür büßen. In deinem Leben hat sich ein Informationsstau gebildet. Das ist, als hätte man dir während deiner Abwesenheit den Schrank vollgeräumt. Du machst arglos die Schranktüren auf, und da purzeln dir allerlei Schachteln entgegen. Die meisten tragen Aufschriften oder Bilder, manche sind sogar recht farbenfroh. Du hast es geahnt, trotzdem erschrickst du vor der Fülle. Dann guckst du dir den Haufen zu deinen Füßen an und sortierst erst einmal vorsichtig mit der Fußspitze. Die grauen Schachteln verlangen danach, als erste aufgemacht zu werden. Das ist recht unangenehm, und darum …

… habe ich erst einmal gegessen und ein ordentliches Kölsch gekippt. Dann habe ich die bunten Schachteln aufgemacht. Und immer wenn ich gerade in Stimmung war, öffnete ich eine der grauen.

Es dauert eine Weile, bis man sich alle Inhalte in den Kopf gekramt hat. Hinter jeder Mitteilung steckt schließlich ein Absender mit einem kompletten Leben. Das verlangt mehr oder weniger Hinwendung und Zuwendung. Stünden all diese Menschen um einen herum, was wäre das für ein Theater! Doch die Fernkommunikation findet in der zweiten Dimension statt. Der Mensch des 21. Jahrhundert muss einen Teil seiner Aufmerksamkeit der zweidimensionalen Uneigentlichkeit widmen. Alltäglich muss er sich dort eine leise Dröhnung hereinziehen. Ich bin jedenfalls heute knatschjeck.

Guten Abend
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Teppichhaus intern

wieder-da
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Unwahre Kirschen im Regen

Eine wahre Bitte

Die wahre Bitte, die Kirschen nicht zu berühren, wirft die Frage auf, ob es denn auch eine unwahre Bitte geben kann. „Bitte hier nicht weiter lesen!“ – wäre zum Beispiel eine unwahre Bitte, denn indem der Abendbummel noch weiter geht, erweist sich die Bitte als ihr Gegenteil, und das, obwohl es inzwischen regnet und damit ein Grund gegeben wäre, den Bummel zu beenden und nach Hause zu gehen. Jedenfalls lassen wir uns nicht weiter aufhalten und kaufen keine Kirschen, sondern denken ungefähr von hier bist da hinten darüber nach, warum es „wahre Bitte“ heißt. Will sie ihre Bitte besonders eindringlich machen, weil sie hat erleben müssen, dass eine einfache Bitte nicht reicht, ihre Kirschen vor dem Betatschen zu schützen? Unlogisch erscheint das nicht.

Gut, ich gebe zu, dass die Botschaft auf dem Schild etwas anderes bedeutet, nämlich „Ware bitte nicht berühren!“ Bei einer Aufforderung aus vier Wörtern fünf Orthographiefehler zu machen, ist große Kunst, in diesem Fall die Kunst der Marktfrau. Sie hat guten Grund, voller Stolz hinter ihrer Marketing-Meisterleistung zu posieren. Denn würde ich jetzt nicht lieber eine Ananas essen als Kirschen, dann hätte das Schild mich vielleicht zum Kauf gereizt, da es einiges signalisiert, ohne dass es ausdrücklich ausgesprochen wäre. Aus den Orthographiefehlern könnte man schließen, dass die Schreiberin nur eine unzulängliche Schulbildung hat, was man für typisch halten könnte für eine Markt-Anbieterin vom Land. Sie hat da nur eine Zwergschule besucht, und wenn zu Hause auf dem Hof viel Arbeit war, dann ließ man sie die Schule schwänzen, damit sie zum Beispiel bei der Kirschenernte helfen konnte. Was soll eine Landfrau auch mit Buchstabenwissen? In ihrem Leben geht es handfest und naturverbunden zu; man hat Wichtigeres zu tun als Orthographie zu lernen.

So etwa könnte man bei flüchtigem Betrachten des handschriftlichen Textes denken und dann unzulässiger Weise darauf schließen, dass die Verfasserin nicht nur eine ungebildete Landfrau ist, sondern auch die Kirschen eigenhändig vom Kirschbaum auf der Hauswiese gepflückt hat.

Bitte halte mal kurz den Schirm, mir ist der Schuh aufgegangen, und jetzt schleift ein Schnürsenkel durch die Pfützen. Also, die Landfrau. In Wahrheit ist sie bauernschlau, und Bauernschläue schlägt das Buchstabenwissen um Längen. Nirgendwo an ihrem Stand behauptet sie, dass die Produkte aus eigenem Anbau stammen. Obst und Gemüse hat sie vielleicht vom Großmarkt, und was der Discounter billig vermarktet, das haut sie mit saftigem Preisaufschlag als Hauswiesen- und Hofgartenprodukte raus. Irgendwie macht mich die Rosstäuscherei beinahe schwermütig. Doch dann denke ich, die Bauern und Marktweiber haben eigentlich schon immer gern betuppt. Sie haben quasi eine Art Gewohnheitsrecht. Und die eine da, die spezielle, hat auch meine Hochachtung. Denn mit vier Wörtern eine Botschaft zu verfassen, die das eigentlich Gemeinte ausdrückt sowie die eben geschilderten Assoziationen und Konnotationen wachruft, - vor diesem schriftsprachlichen Augennagel zöge ich meinen Hut, wenn ich einen hätte und der Regen mir nicht ohnehin schon in den Nacken seifen würde.

Wir sind übrigens gleich im Trockenen, und dann kannst du deinen Schirm aufspannen oder in der Badewanne aufhängen, wie du gerade lustig bist.

Guten Abend
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Abendbummel online - Achtung, hier kommt ein Geheimnis

Neulich in den USA: Jack, John, Bob und Bill, Männer ohne Job und Perspektive, hausten mit in ihren Familien in düsteren Zimmern, ihre Kinder versackten in virtuellen Internetwelten und ihre verzweifelten Frauen mussten ausdauernd Hamburger oder Hotdogs essen und dazu den ganzen Tag vor dem Fernseher hocken, um zum Beispiel Oprah Winfrey beim Reden und Hantieren zuzuschauen. Eines Tages erzählte ihnen Oprah ein Geheimnis, das ihr aller Leben verändern sollte. Eine gewisse Rhonda Byrnes hatte nämlich herausgefunden, wie man ohne eigene Leistung reich und glücklich werden kann. Ihre Erkenntnisse verrät die findige Rhonda in einem Film und einem Buch, die beide „The Secret“ heißen. Worin besteht das Geheimnis? Man kann Wünsche ans Universum schicken. Die werden prompt erfüllt. Das ist nicht etwa Hokuspokus, sondern angewandte Quantenphysik. Und das Beste ist: Es klappt.

Jack, John, Bob und Bill, Männer ohne Job und Perspektive, kamen über Nacht zu Geld und zu schmucken Eigenheimen, denn das hatten sich ihre Frauen vom Universum gewünscht. Die eine schnitt ein hübsches Haus aus der Zeitung aus, und kurze Zeit später bekam sie ein richtiges. Eine malte sich einen Riesenscheck – und schon kam die dicke Kohle ins Portemonnaie. Natürlich fiel das Geld nicht vom Himmel. Es muss ja alles mit rechten Dingen zugehen. Nein, freundliche Banker warfen einfach Hypothekenkredite aus dem Fenster, direkt vor die Füße von Jack, John, Bob und Bill.

Nun ist ja ein herumerzähltes Geheimnis per Definition kein Geheimnis mehr. Plötzlich wurde das Universum mit Wünschen überhäuft, und da es sich nicht lumpen lassen wollte, erfüllte es Wünsche auf Teufel komm raus. Doch um die Wünsche von Jack, John, Bob, Bill und ihrer mehr erfüllen zu können, musste das Universum Geld und Glück aus dem restlichen Teil der Welt zusammenraffen. In Deutschland lieh es sich das Geld zum Beispiel von der Sächsischen Landesbank, und das Glück lieh es sich von jedermann. Denn wo das Geld an allen Ecken fehlt, ist das Unglück nicht weit.

Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Prompt gab es Engpässe in der galaktischen Registratur. Anträge wurden nicht bearbeitet, Wünsche verschlampt, Glück und Geld wurden knapp. Schon erlahmte der Geldfluss, und das wiederum führte in den USA zu einer Finanzkrise, die entgegen aller Beteuerungen noch nicht überwunden ist und sich inzwischen über die halbe Welt verbreitet hat.

Mangelerscheinung
Jack, John, Bob und Bill haben sich vermutlich auch dauernd schönes Wetter gewünscht. Wer hat deshalb den ganzen Regen abgekriegt? Wir. Und das dicke Ende kommt noch: Heute verkündet Deutschlands wichtigste Straßenzeitung, der Herbsturlaub werde "knapp (und teuer)". Warum? „Wegen Regen-Sommer“. Die BILD-Redakteure mussten beim "Sommer" dieser Schlagzeile schweren Herzens auf ein kleines "s" verzichten. Keines mehr da. Einfach von anonym operierenden Sammlern aus der Bildredaktion weggewünscht.

Wohin man sieht:
Mangelerscheinungen. Es wird Zeit, dass wir uns ebenfalls etwas vom Universum wünschen. Was die Amerikaner können, können wir schließlich auch. Ab sofort wird zurückgewünscht! Ich habe eben eine dicke fette Kumuluswolke betrachtet und mir von der galaktischen Registratur ein genauso dickes Glück gewünscht. Bald kann ich vor Glück nicht mehr aus den Augen gucken, und am Teppichhaus hängt ein prächtiges Schild mit der Aufschrift:
Wegen Reichtums geschlossen.

Guten Abend
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Deutscher Alltag - Morgens am Münsterplatz

Zu-fett-gegessen
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Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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