Lockruf der Elche

WeihnachtsgeschenkWer im Mittelalter Waren auf dem Rhein beförderte, musste sie in Köln ausladen und drei Tage zum Verkauf anbieten, denn Köln besaß wie viele Städte am Rhein ein Stapelrecht. Man kann sich vorstellen, dass die Kölner Bürger den Markt am Stapelplatz zu schätzen wussten, vor allem wegen der Überraschungen durch das im Voraus unbekannte Warenangebot.

Das Warenangebot unserer
Tage ist nicht mehr von Zufällen bestimmt, sondern folgt dem Kalkül und den strengen Regeln der Verkaufsstrategen. Heute wurden in den Kaufhäusern die Halloween-Kürbissköpfe abgeräumt und schon steht überall die Weihnachts- dekoration im Weg.

In diesem Jahr sind gläserne Elche als Jahresendzeitfiguren anbefohlen, eine logische Konsequenz des anhaltenden Runs auf die blinkenden Elchgeweihe der Weihnachtsmärkte. Was der Elch mit Weihnachten zu tun hat? Ich glaube, er zieht in Walt-Disney-Filmen den Schlitten des von Coca-Cola erfundenen Weihnachtsmanns.

In Deutschland (jetzt habe ich mich doch dreimal bei dem Wort „Deutschland“ vertippt) – also in Deutschland ist ja eigentlich nicht der Elch geläufig, sondern der Elchtest: Man fährt mit einem A-Klasse-Mercedes vollrohr auf einen Elch zu und guckt, wer umfällt. Der Eingang zum Kaufhof wäre breit genug und der Weihnachtsschmuckdekorationstisch steht direkt in der Haupteinflugsschneise. Falls hier Kinder mitlesen: Sowas tut man nicht. Außerdem dürft ihr sowieso noch nicht Autofahren.

Ich glaube, heute ist der 2. November. Und in der Stadt gibt es ein „Rennen, Retten und Flüchten“ (Dr. Erika Fuchs), als wäre just ein Schiff mit Waren aus fremden Ländern vor Anker gegangen. Kaum zu fassen: Der Einzelhandel stellt die Weihnachtsdekoration auf, und unter diesem Diktat beginnt sogleich der Zug der Einkaufslemmige. Wieso sind eigentlich die Weihnachtsmarktbuden noch nicht vom Konsumhimmel gefallen? Da stimmt was nicht mit der Terminsynchronisation. Die Lemminge brauchen doch blinkende Elchgeweihe.

Guten Abend
Foto: Trithemius, 2. November 2007
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Welcome, ich werd' bekloppt

trends2007b
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Eine Nacht im Raiffmuseum

Halloween special
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Interaktive Online-Lesenacht

Einladung-zur-Lesenacht-02
Aus technischen Gründen findet die Online-Lesenacht hier statt.
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Übers Wetter und guten Ton

Dass es heute regnet, hätte ich gestern im Wetterbericht der ARD erfahren können. Als jedoch Claudia Kleinert anhob zu sprechen, habe ich ihr den Ton abgeschaltet. So konnte ich mich besser auf ihre Gestik konzentrieren. Wie nennt man eigentlich die Leute, die anderen sagen, wie sie sich zu bewegen haben? Dompteure, Formalausbilder? Jedenfalls hat jemand Claudia Kleinert Bewegungsvorschriften eingetrichtert. Ihre Gesten folgen einer seltsamen Choreographie, die es sich lohnte, in ihren verschiedenen Phasen festzuhalten und genauer zu betrachten. Denn die Art und Weise, wie man sich in bestimmten Funktions- oder Positionsrollen angemessen zu geben hat, spiegelt wie die Verbalsprache den Zeitgeist.

...

weiter gehts hier
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Abendbummel durch private Welten

Privatweltaneignung„Wir haben nur Topfblumen“, sagt die Frau im Blumengeschäft, und obwohl sie sich Mühe gibt, mich zu überzeugen, lasse ich mir keinen Blumentopf andrehen. Man kann doch bei einer Einladung nicht mit einer Topfblume erscheinen, oder? Jedenfalls würde ich mich garantiert unwohl fühlen und dann würde ich mich entschuldigend etwa sagen hören: „Halten sich länger.“ Gleichzeitig würde ich mich ärgern, dass ich mich schon bei der Begrüßung der Dame des Hauses entschuldigen muss, weil ich zu faul gewesen war, noch einmal in die Innenstadt zu laufen. Also suche ich lieber ein anderes Blumengeschäft. Dort frage ich nach einem Herbstblumenstrauß, und die Blumenfrau geht mit mir vor die Tür, um mir ihre neuste floristische Kreation zu zeigen. „Nee, der ist mir zu protzig!“ Schon muss ich mich bei ihr entschuldigen und rasch hinterher schieben: „Verzeihen Sie, ich wollte Ihr Werk nicht schmähen!“ Das hilft, und sie gibt sich mit meinem Strauß wirklich Mühe.

Bei meinen
Gastgebern treffe ich auf einen freundlichen Mann, einen Freund der Familie, der sich beständig etwas in ein Büchlein notiert, Buchtitel, meine Teppichhausadresse, Wörter, die ihm gefallen … - er kartographisiert seine Eindrücke. Diese Form der Aneignung von Welt schätze ich sehr. Wenn man auf diese Weise Notizen macht, verbinden sich manche von ihnen synästhetisch mit dem Ort des Geschehens und eventuell mit der gesamten Situation. So bekommt jede Notiz eine Bedeutungstiefe, die einer nachträglichen fehlt. Vor Jahren zeichnete ich einmal 30 Tage hintereinander von morgens bis zum späten Nachmittag, wenn das Licht zu schlecht wurde. Dabei hörte ich die ganze Zeit Musik. Noch Jahre später erinnerte ich die Musik, wenn ich eines der 30 Bilder betrachtete, und ich erinnerte mich an die Bilder, wenn ich die Musik hörte. Ähnlich koppelt sich eine Notiz an den Ort des Geschehens und an die Personen. Man muss freilich auch ordentlich schreiben, wie der Mann es tut.

Zu den
Dingen, die man nicht leicht verbessern kann, gehört ein Moleskinebüchlein. In seiner jungfräuliches Form ist es nahezu perfekt. Wenn man etwas hineinschreiben will, muss man dieser Form etwas hinzufügen, das ihren Wert deutlich hebt. Der Mann schreibt mit einer kleinen, sorgfältigen Schrift. Er hat die leichte Hand eines Zeichners, und so finden sich gewiss auch einige Zeichnungen in seinem Büchlein. Wenn mir einmal ein junger Mensch begegnen würde, der auch so ein Büchlein führt, wäre ich irgendwie erleichtert. Ich fürchte diese Form des schreibenden und zeichnenden Aneignens ist eine aussterbende Kunst.

Ein Internet-Weblog hat andere Qualitäten. Ihm allerdings fehlt die Tiefendimension und vor allem das Private. Zwischen dem Leben und dem, was jemand in seinem Weblog spiegelt, klafft in der Regel eine Lücke. Was sich im privaten Raum abspielt, lohnt sich festzuhalten durch Notizen. So ein Büchlein ist eine Erweiterung des eigenen Daseins. Man kann sich in Mußestunden darin versenken und daraus schöpfen wie aus einem Bergwerk.

Guten Abend
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Plausch mit Frau Nettesheim - Am besten alles weglassen

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Ja, ja, ja, Frau Nettesheim. Ich weiß, warum Sie mich so vorwurfsvoll anschauen.

Frau Nettesheim
Gar nicht, Trithemius. Ich verstehe recht gut, warum Sie zur Zeit so wenig schreiben.

Trithemius
Es ist Demut, Frau Nettesheim. Ich kann eben nicht jederzeit in den Wortbaukasten greifen und Wörter aneinanderreihen wie Dominosteine. Versucht habe ich es sehr wohl. Doch wenn ich immerzu Wörter herausfische, die nicht zueinander passen, dann lasse ich es besser.

Frau Nettesheim
Wollen Sie mir erzählen, dass Schreiben ein wahlloses Herausfischen von Wörtern ist?

Trithemius
Eben nicht. An guten Tagen reicht ein Gedanke, ein erster Satz, und dann stellen sich in der Folge die richtigen Wörter ein. Ich muss sie nur noch gefällig anordnen. Denn es steckt ja genug Weisheit in den Wörtern. Ein jedes hat ein kaum fassbares Bedeutungsfeld, trägt seine Geschichte in sich und zwar von seinem Entstehen aus einer bildhaften Vorstellung über die verschiedenen Verwendungsweisen im Laufe der Zeit bis hin zu seiner Banalisierung und Verflachung im Alter.

Deshalb besteht der Trick im absichtlich ungenauen Einsatz von Wörtern. Dann entfalten sie beim Leser mehr Bedeutung als der jeweilige Autor sich gedacht hat. Und dann ist da auch noch das Weglassen. Wo es nicht nötig ist, eine Sache genau zu beschreiben, da lässt man Leerstellen, damit der Leser auch was zu tun hat.

Frau Nettesheim
Wenn Sie so genau enthüllen können, wie Ihr Schreiben funktioniert, warum schreiben Sie dann nicht?

Trithemius
Weil ich in der Stimmung bin, beinahe alles wegzulassen. Ich schreibe zum Beispiel den Satz: „Natürlich war und ist die Menschheit dem Wahnsinn verfallen.“ Der reicht doch, Frau Nettesheim. Wie der Wahnsinn in seinen verschiedenen Erscheinungsformen aussieht, kann sich jeder selbst ausmalen.

Frau Nettesheim
Es wäre leichter, Ihren Satz zu verstehen, wenn Sie mir ein Beispiel geben.

Trithemius
Bin ich vielleicht ein Buchhalter, der den täglichen Hirnriss Seit um Seit in Folianten pinselt? Man braucht doch nur die Bildzeitung abzuheften und jeden Monat binden zu lassen, dann hat man eine wunderbare Chronik des Irrsinns.

Frau Nettesheim
Sie übertreiben, denn eine Zeitung spiegelt nicht das reale Leben, in dem es sehr wohl gute und nützliche Handlungen gibt, anders als die journalistisch frisierten Selektionen vermuten lassen.

Trithemius
Bitteschön, Frau Nettesheim, dann gebe ich Ihnen einen unfrisierten Dialog, den ich in einem Handyladen hörte. Ein Mann namens Dominik sagt dem Service-Techniker:
„Mein Handy kackt dauernd ab, und wenn mich einer anruft, kann ich ihn nur über Lautsprecher verstehen.“
Der Techniker betrachtet das defekte Gerät und sagt:
„Es kackt ab, und was war noch?“

Frau Nettesheim
Hihi.

Trithemius
Und Sie lachen auch noch.
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Eventuell du selbst - Ausfahrt in fünf Etappen

BlattwerkZeit der Saatkrähen. Fett und selbstgewiss sonnen sie sich auf der Hangwiese, zwischen ihnen wartet ein Graureiher. Mal erhebt sich eine Krähe mit leichtem Flügelschlag und zieht die anderen mit. Sie segeln im Wind, landen auf Weidenpfählen, fliegen wie nach gemeinsamem Ratschluss wieder auf, lassen ihr aggressives Kräääh hören, landen und suchen mal schreitend, mal hüpfend nach Nahrung.

Da entfernt sich eine Krähe übermütig von der Gruppe und steigt hoch hinauf in den blauen Himmel. Plötzlich ist ein Baumfalke bei ihr. Ein hartnäckiger Luftkampf beginnt. Für eine Weile ist nicht auszumachen, wer Jäger, wer Gejagter ist. Offenbar hat sich der Falke vertan, denn gemeinhin vergreift er sich an kleineren Vögeln. Er ist schneller als die Krähe, doch sie ist kein ängstlich flatternder Star. Sie wehrt sich und entzieht sich immer wieder durch enge Kreise, so dass der Falke über sein Ziel hinausschießt. Mal ist er über, mal unter ihr – nur ein richtiger Fangstoß gelingt ihm nicht. Die Krähe ermüdet, umrundet eine kleine Baumgruppe und rettet sich auf einen Weidenpfahl. Ihr Widersacher zieht einen suchenden Kreis, dann schießt er hinab und scheucht seine Beute auf. Erneut steigen sie in den Himmel, umkreisen sich im Tanz auf Leben und Tod. Endlich besinnt sich der Falke, lässt von der widerspenstigen Beute ab und fliegt davon. Matt kehrt die Krähe in ihre Gruppe zurück. Sie wird hungrig sein und bald nach einem Happen Ausschau halten. Dann muss Fräulein Spitzmaus unter der schönsten Herbstsonne sterben.

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Mitten im Anstieg auf den Höhenrücken war ich vom Rad abgestiegen, aufmerksam geworden durch das Geschrei der beiden Vögel. Jetzt steige ich wieder in die Pedale – es geht mühsamer als zuvor. Dabei führt der Weg hier noch schräg den Hang entlang. Beim Radsporttraining fuhr ich einmal mit einer großen Gruppe in die Eifel. Plötzlich bogen die Vorderleute ab, und es ging steil hinauf. Ich schaltete zweimal kurz hintereinander, und nach dem zweiten Mal sagte einer hinter mir: „Dat wor dä Letzte!“ Für einen Augenblick sank mein Mut, denn ich hatte keine Ahnung, wie lang der Anstieg sein würde und ob er eventuell noch steiler zu werden beliebte. Solche Bemerkungen gehören zur Zermürbungstaktik. Man darf sich davon nicht beeindrucken lassen, sonst verkrampft man und sackt wie ein Stein durchs Fahrerfeld. Hier hilft ein Gedanke: Was dir selbst weh tut, tut auch anderen weh. Denn es ist nicht ausgemacht, ob der andere nicht blufft und sich auf deine Kosten zu stärken versucht.

Trotzdem ist es gut, einen Gang in Reserve zu halten, was ebenfalls eine allgemeine Lebenslehre ist. „Alles uit de kast“ - „Zijn duivels ontbinden“ - alles geben, was möglich ist, sollte man nur in Ausnahmesituationen. Bald wird der Weg zum Hang hin abbiegen, als hätten seine Baumeister keine Lust mehr gehabt, die Steigung zu mildern. Dann brauche ich den Letzten, und aus dem Sattel muss ich auch, um die kleinste Übersetzung drehen zu können. Zum Glück ist niemand hinter mir, der es höhnisch trocken quittiert.

Zeit übers Rauchen zu fluchen, aber meine schlechte Kondition hat auch etwas mit den bequemen Wegen der letzten Wochen zu tun. Über den steilen Weg nur Gutes, denn mit seiner Hilfe habe ich mich aus dem lauten Talgrund der Maastrichter Laan erhoben, und schon auf halber Höhe gewährt er einen weiten Blick übers Tal und auf die dunstige Hügelkette am Horizont. Weiter oben verschwindet der Weg in einem Einschnitt, und dort werfen Bäume und Büsche seltsame Schattenmuster, in die sich aus der Ferne allerhand hineinsehen lässt. Die blitzende Herbstsonne gaukelt mir tagträumerisch einen Schattenmann vor, der oben im Hohlweg einen schwarzen Hund an der Leine führt.

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Bekanntlich symbolisiert ein geträumter Hund die menschlichen Triebe; diesen Hund gelegentlich an die Leine zu legen, das macht den kultivierten Menschen aus. Indem ich mich zwinge, den Anstieg zu nehmen aus purem Übermut und ohne äußeren Grund, habe ich mich selbst an der Leine. Und ist der Weg auch steil, es ist stets angenehmer, sich selbst anzutreiben als sich dem Zwang eines Stärkeren zu unterwerfen.

Mann und Hund lösen sich im Herannahen auf, sind harte Schatten im Hohlweg, und das Gesicht des Mannes ist nur trockenes Blattwerk. Steinchen und Blätter knistern unter den Reifen, noch zwanzig Tritte und ich habe das steilste Stück hinter mir. Diese Wegstrecke ist wie eine symbolische Ypsilonabzweigung. Der linke Ast des Ypsilons ist weiterhin asphaltiert und bequem zu fahren. Der rechte bleibt steil. Er ist nur eine Karrenspur im Gras, von einem Maisfeld gesäumt. Mehrfach schon war ich versucht, ihn zu fahren, und für einen Augenblick halte ich auf ihn zu. Doch dann ertönt vom Feld oben der aufbrausende Motor eines Traktors. Zu blöd, denke ich, dass einem auf dem rechten Weg neuerdings Traktoren entgegenkommen, so dass man unter die Räder zu kommen droht, weil die Böschung keinen Platz zum Ausweichen bietet.

Der linke Weg führt an einer längst abgeernteten Apfelplantage vorbei, dann stößt er im spitzen Winkel auf die Straße. Ich biege um die Ecke nach Osten ab. Einige Kilometer geht es jetzt durch die Felder über einen Höhenkamm. Leider rollt es nicht, ein kalter Wind aus Ost bremst die Fahrt. Es wird immer schwieriger, den rechten Weg zu finden. Die Sachverhalte werden stetig wirrer. Seit Tagen schwirrt mir der Kopf – zu viele Informationen aus zweiter Hand, allgemeines Hörensagen, nur selten eigene Anschauung, wie soll man da den Durchblick bewahren. Was alltäglich vom medialen Affenfelsen gerufen, getutet und geblasen wird, diese nervtötende Kakophonie ist kein getreuliches Abbild des Lebens, sondern im hohen Maße selbstbezüglicher Medienrummel. In unserer Welt vollzieht sich ein gewaltiger Umbruch, und das meiste geschieht im Verborgenen, ist schwer zu erhellen und einzuschätzen. Da ist es auch für ehemals seriöse Journalisten bequemer, irrelevante Nachrichten über eine durchgeknallte Ex-Tagesschausprecherin zu verbreiten. Dabei kann sich doch jeder denken, dass eine Frau, die früher alles vom Blatt abgelesen hat, mit eigenen Gedanken überfordert ist.

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Genug davon und
kein Wort mehr darüber. Es ist ein Kreuz, dass die Aufnahmekapazität des postmodernen Menschen beständig zugekleistert wird mit Schwachsinn und Berichten über die Produzenten von Schwachsinn. Ein Hinweisschild am Straßenrand zeigt eine Telefonnummer. Wer mutwillige Milieuvervuiling (Umweltverschmutzung) beobachtet, kann dort anrufen. Auf den ersten Blick ist’s eine gute Idee. Allerdings ist der Denunziant keine erfreuliche Erscheinung. Jedermann sein eigner Polizist, nicht der seines Nachbarn. Wenn wir wollen, dass unsere von Informationen und Daten geprägte Gesellschaft lebenswert bleibt, müssen wir neue Regeln des Zusammenlebens finden. Die umfassende Kontrolle durch den Staat wird das Leben nur härter machen, denn Überwachung ist ein Produkt der moralischen Verkommenheit. Die Deppen mit dem Ohr an der Tür des Nachbarn sind nur asozial, eine Staatsmacht, die ihre Bürger aushorchen will, ist antisozial.

Wir alle sind Opfer der Überwachung durch Wirtschaft und Staat. Doch einige Untaten verüben wir an uns selbst. Leichtfertig tragen wir private Dinge in die Öffentlichkeit. Bequemlichkeit oder Technikverliebtheit verstellt uns den Blick auf die Folgen für das eigene Leben und die Gesellschaft. Vor etwa zehn Jahren sah ich in der Stadt einen jungen Mann, der an einem Hemdenständer drehte und dabei jemanden per Handy befragte: „Verdammte Scheiße, wie soll ich denn wissen, welche Farbe dir gefällt!“, schimpfte er. Ich war verwundert, dass da jemand seinen privaten Kram so ungeschminkt in die Öffentlichkeit trug. Inzwischen zählt diese Form der Geistesverwirrung zum Normalverhalten.

Nicht nur
Banales, auch was früher verschämt unters Sofa geschoben wurde, das liegt im Scheinwerferlicht, wird abgefilmt und über diverse Kanäle der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Welt scheint oktoberbunt, doch im künstlichen Licht der Scheinwerfer wirft ein jeder von uns einen stetig größer werdenden Datenschatten. Er bildet verschiedene Facetten unserer Leben ab, und durch die Vernetzung der Facetten entstehen digitale Schattenmenschen.

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Zu-hohe-Spannung

Entschuldigung, war nicht so gemeint, so unter der hellen Oktobersonne - die äußeren Umstände ließen mich in schwere Gedanken geraten. Gegen den kalten Ostwind an, da rollt es einfach nicht. Bin auch, wie gesagt, ein wenig aus der Übung. Doch wenn der Geist überspannt ist, hilft die Anspannung der Muskeln. Da ist immer noch jemand stärker als du - eventuell du selbst.

Guten Abend
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Eins zwei drei, hier kommt die Ordnungspolizei

Eins-zwei-drei

Ein Kreis alter Damen sitzt hinter mir um einen Cafétisch. Ich versuche auszublenden, was sie sagen, denn ich habe keine Lust auf das ewig selbstbezügliche Gerede gut situierter Kreise. Augenblicklich werde ich eines Besseren belehrt und bekomme ein Lehrstück in Geschichtsbewusstsein zu hören, denn eine der Damen entwickelt eine Gedankenfolge, die ich in dieser Weise noch nie gehört habe. Man muss wohl den Überblick und die Abgeklärtheit des Alters haben, um leichthin über Kaffeetassen und Sahnetörtchen hinweg sagen zu können:
„Früher war es die Sklaverei, dann die Leibeigenschaft, dann der Frondienst, dann der Arbeitsdienst, dann die Dienstverpflichtung und heute ist es der Ein-Euro-Job. Das ist immer das gleiche, heißt nur anders.“
Schade, dass man fremde alte Damen nicht einfach küssen darf. Zugegeben, was sie gesagt hat, ist reichlich polemisch, der Ein-Euro-Job ist keine Sklaverei im alten Wortsinne, und Ein-Euro-Jobber sind keine Leibeigenen ostpreußischer Junker. Trotzdem hat die Darlegung etwas Erhellendes: Es gibt eine Kontinuität des gnadenlosen Zugriffs der Mächtigen auf die Lebensgestaltung der Ohnmächtigen.

Nicht weit entfernt von Sklaverei sind zum Beispiel die Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Das jedenfalls sehen auch die Autoren der ARD-Sendung (SWR) so und titeln: „Die Lohnsklaven“, ausgestrahlt am Mittwoch, dem 25. April 2007, um 23.15 Uhr im Ersten. Zitat aus dem Beitrag:
„Zwischen zwei und vier Millionen arbeiten - nach unterschiedlichen Hochrechnungen - schon heute für Löhne, die das Existenzminimum nicht abdecken. Und das, obwohl sie es sich bequem machen und Hartz IV beantragen könnten. Diese Menschen sind oft hoch motivert, fleißig, aber auch verzweifelt darüber, wie es sein kann, dass man in Deutschland unter Umständen nicht mehr von seiner Hände Arbeit leben kann.“

Diese moderne Form der
Sklaverei ist nicht staatlich verordnet wie der Ein-Euro-Job. Hier schaut der Staat einfach zu und nimmt weiterhin billigend in Kauf, denn eine flächendeckende Untergrenze für den Stundenlohn werden wir mit dieser Bundesregierung nicht bekommen. In unserem Land herrschen beschämende Zustände. Sie widersprechen unserem Rechtsempfinden und dem Grundgesetz. Doch der Rechtsstaat hat bei den derzeit Regierenden nur wenige Fürsprecher. Da passt es, dass man Symptome bekämpft, schwarze Sheriffs aussendet, um die Auswüchse der Armut aus den Innenstädten fernzuhalten.

Man wird bald mehr von ihnen brauchen. Überwachung ist ein wachsender Arbeitsmarkt - er wächst mit der Armut, und wo er nicht von Steuergeldern finanziert ist, gehört auch er zum Niedriglohnsektor. Der Staat bespitzelt, und Arme überwachen Arme. Arme Republik.
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