Teestunde (5) - Beachte den Strohwisch

Teestunde im Teppichhaus02Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen gegen 17 Uhr unterschiedlich lange Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, - ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute gehts um Territorialzeichen.
Taggen ist wie Bein hebenDas Territorialzeichen entzieht ein Gebiet der willkürlichen Nutzung durch Unbefugte. Ihre ursprüngliche und unmittelbare Erscheinungsform ist der Duft. Höhere Formen wie etwa Grenzsteine wirken nur mittelbar, da sie Erfahrung, Kenntnisse oder ein gewisses Maß an Vereinbarung voraussetzen. Territorialzeichen können bildhaft, gegenständlich oder schriftlich fixiert sein.

Hallo Hund, namens Joe oder so,
Der Gehweg ist kein Hundeklo.
Vielleicht sagst Du das auch
Deinem Herrchen oder Frauchen!

(Zettel am Zaun eines Hauses in Aachen)

Die Mahnung an den Hund spielt mit verschiedenen Zeichenebenen. Wo der Hund seine Duftmarke abgesetzt hat, erwidert der Mensch mit den Mitteln der Poesie. Tatsächlich berühren sich die beiden Kommunikationsebenen jedoch nicht, denn hier ist ein Mittler nötig "Herrchen oder Frauchen" und der wird ja allein auf der Ebene der Buchstabenschrift angesprochen, hier aber nur indirekt und unverbindlich. Zwingend erfolgreich wäre nur, wenn der Besitzer des Vorgartens eine eigene abschreckende Duftmarke gesetzt hätte.

In der Eifel hat sich bis in die heutige Zeit ein schriftloses Territorialzeichen erhalten, der Strohwisch am Weidenpfahl. Mit einem Strohbüschel am Weidenzaun untersagt der Bauer das Durchziehen einer Schafherde. "Früher gab's kaum Strohwische auf meinem Weg. Die alten Bauern hatten alle Verständnis für unsereins", klagt ein Schäfermeister in einer Reportage der Aachener Nachrichten vom 15.3.1995. Die jungen Landwirte würden den Schafen nicht einmal mehr das bisschen Gras gönnen, das sie während ihres Zugs fressen. "Leider nimmt diese Form des Futterneids immer mehr zu."

Den Ethnologen wird der wieder belebte Gebrauch dieses gegenständlichen Territorialzeichens freuen, die Sympathie aber gehört den Eifelschäfern und nicht den futterneidischen Wiesenbesitzern, die einen Strohwisch winden, gegen den es keine Widerrede gibt. Denn der Gebrauch des Strohwischs ist unwirsch und zeigt unverholen an, dass der Eigentümer über das Verbot keine Worte zu wechseln bereit ist. Es scheint, als würde auf diese Weise eine höhere Verbindlichkeit erzielt als mit einem schriftsprachlichen Verbot, weil sie eine archaische Zeit vergegenwärtigt, in der unerbittliche Regeln galten.

Das seltsame Gegenstück einer Territorialmarke fand ich bei einer Wanderung in der Nordeifel an mehreren Bäumen und Strommasten angebracht. Auf Computerausdrucken in Klarsichtfolien stand der Text:
"Vorsicht Gift!
gehen Sie mit ihrem Hund
einen anderen Weg!
Dieses Gift ist tödlich!"
Die Zettel trugen weder Unterschrift noch Herkunftsnachweis. Was hatte es damit auf sich? In der Nähe befand sich auf einer Wiese eine große Schafherde mit vielen neugeborenen Lämmern. In einem Gatter nebenan lagerten Mutterschafe, die gerade erst abgelammt hatten. Dem Schäfer stand zur Bewachung nur ein Hund zur Seite. Vermutlich hatte er diese Zettel aufgehängt, um seine Herde weiträumig gegen freilaufende fremde Hunde abzuschirmen. Interessant ist, dass der Schäfer der Alphabetschrift nur eine geringe Appellkraft zutraute, so dass er eine zuverlässige Wirkung nur durch übertriebene Drohungen zu erreichen glaubte. Dieses mangelnde Vertrauen in die Geltung der Alphabetschrift empfindet vielleicht derjenige besonders stark, der sich im Alltag meist anderer Kommunikationsformen bedient. Der Strohwisch symbolisiert die autoritative Kraft des Eigentümers, ohne dass er sich als Person oder gar namentlich legitimieren müsste. Die gleiche Wirkung ist schriftlich nur mit größerem Aufwand zu erzielen.

Auch die Tags im Straßenbild der Großstädte können Territorialzeichen sein. Sie kennzeichnen dann das Gebiet einer Gang und haben hohe Verbindlichkeit, der gegebenenfalls durch Schusswaffengebrauch Nachdruck verliehen wird.

von amts wegen entfernt Dieser Zettel aus dem Jahr 1989 fand sich unter den Scheibenwischern mehrerer Autos. Er gewinnt seinen Nachdruck nicht durch die falsche Unterschrift "gez. eckmann", sondern gerade aus der Vertuschung des Subjektiven durch Computerschrift und durch den Hinweis "von amts wegen". In einem niederländischen Einfamilienhaus fand ich einmal neben den Ehebetten zwei prachtvolle Bettvorleger, in die die Namen "Jolanda" und "Rob" eingewirkt waren. Das linke Bett gehörte Jolanda, das rechte Rob. Oberflächlich betrachtet handelt es sich hier um Eigentumsmarken. Wenn jedoch einmal eines Morgens ein fremder Mann neben Jolanda aufwacht, die Füße auf den Bettvorleger stellt und wenn ihn dann die plötzliche Einsicht mit erschreckender Wucht befällt, "O Gott, ich bin ja gar nicht Rob!" dann wird klar, dass auch solche Bettvorleger eindeutig Territorialzeichen sind.
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Teestunde (3) - Ich war hier

Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen unterschiedlich lange Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, - ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute gehts um Ich-war-hier-Marken.Teestunde im Teppichhaus02
Angeheiterte Japaner waren hierDie Ich-war-hier-Marke ist ein selbstbezügliches Graffito an berühmten oder banalen Orten. Der Ersttäter wählt eine Stelle, hinterlässt seine Marke und stimuliert damit den Nachahmungstrieb.

Dem Nachahmungstrieb erlag auch ein japanischer Tourist, der im September 1991 mit seiner Busreisegruppe das mittelalterliche Rathaus in Rothenburg besuchte und an der Wand des Glockenturms Graffiti in Englisch und Deutsch vorfand. Ermutigt vom Alkohol, den er zum Mittagessen getrunken hatte, schrieb er laut dpa "mit einem dicken Filzstift den Namen der Reisegruppe in englisch und japanisch" dazu. Daheim in Tokio bekam er Gewissensbisse. Der Zeitung Yomiuri Shimbun offenbarte er seine Untat und schwor Wiedergutmachung. Er werde erneut nach Rothenburg reisen, dem Bürgermeister einen Reuebrief überreichen und sein Graffito entfernen.

Die Ich-war-hier-Marke ist keine neuzeitliche Erscheinung. Bekanntlich hinterließ Till Eulenspiegel an den Orten seiner Untaten das dreiste: "Hic fuit!" (Hier ist er gewesen!). Auch die Gaunerzinken, von den Fahrenden an versteckten Plätzen angebracht, haben häufig den Charakter von ICH-war-hier-Marken.

Auf Tennessee Williams geht die bekannteste neuzeitliche Ich-war-hier-Marke zurück. In seinem Stück CAMINO REAL (1953) tritt der junge Boxer Kilroy an eine Tafel und schreibt: "Kilroy was here". Dieser banale Spruch umrundete alsbald den Erdball. Denn "Kilroy was here schrieben die amerikanischen Soldaten an die Abtrittswände in aller Welt", sagt der Theaterkritiker Georg Hensel. In den 60er Jahren war "Kilroy was here" auch in Schüler- und Studentenkreisen populär. Die illustrierte Variante zeigt ein Männchen, das versteckt über eine Mauer peilt und dabei die dicke Knollennase über die Mauerkrone hängen lässt. Die Variante "Kilroy/Schäuble is watching you!" ist eine Anlehnung an „Big Brother is watching you“ aus Georges Orwells Dystopie 1984.
is watching you

Manche Orte werden bewusst zum Absondern von IWH-Marken aufgesucht. Sehr bekannt sind zwei Mauerpfeiler vor den Abbey-Road-Studios der Beatles, die angeblich alle zwei Monate getüncht werden, damit Platz für neue Marken ist.

Ein besonders anrührende und schöne IWH-Marke hinterließ der junge Goethe an der Bretterwand einer Jagdhütte auf dem Kickelhahn im Thüringer Wald. In dramatisierter Form nachzulesen in einem frühen Abendbummel.

Hans Richter, der Chronist der Dadabewegung, berichtet von Kurt Schwitters:
"Wenn er in mein Atelier im fünften Stock (über ganz bürgerlichen Wohnungen) kam, bedeckte er stets die Wände, die Treppenfenster, die Türen über das ganze Gebäude mit Klebezetteln: 'Tretet DADA bei!' oder 'Anna Blume'. Er gebrauchte dafür einen Leim, der Porzellan klebt und sich nicht entfernen ließ."
Im Straßenbild der 90er dominiert eine rudimentäre Ich-war-hier-Marke, das TAG. Tags sind kalligraphisch bemühte Stilisierungen des eigenen Pseudonyms oder eines Lieblingswortes, die mit Filzstift oder Sprühdose in einem Zug geschrieben werden. Ziel ist es, möglichst im ganzen Stadtbereich präsent zu sein. Für Sprayer ist das Tag ein Mittel, einen hohen Bekanntheitsgrad in der Szene zu bekommen. Für alle anderen tendiert der Mitteilungswert dieser neuzeitlichen Großstadtchiffren gegen null. Tags sind Vorboten der tendenziellen Sinnentleerung der Schrift.

Auch Kommentare in Blogs haben gelegentlich den Charakter von Ich-war-hier-Marken. Weil es hier einen eindeutigen Adressaten gibt, haben sie eine kommunikative und sozial integrative Funktion.

Tretet DADA bei!
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Teestunde (2) - Heute mit Gebäck

Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen unterschiedlich lange Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, - ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Der heutige Beitrag ist die erste Folge zum Thema Buchstabenmagie - Essen von Schrift.

Teestunde im Teppichhaus02
"Woher die russischen Buchstaben stammen, die man bis 1914 als schmackhaftes Gebäck zu essen bekam, weiß ich leider nicht", bekennt der Altphilologe Franz Dornseiff (1888-1960) in seinem grundlegenden Werk: "Das Alphabet in Mystik und Magie" (Leipzig, Berlin 1925). Das Essen von Schrift sei jedenfalls uralter magischer Brauch.

Leibniz-ABCZum Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde Russisch Brot von zwei Firmen hergestellt, von der Dresdener Waffelfabrik Gebrüder Hörmann (Ende 19. Jahrhundert) und der Hannoverschen Cakes-Fabrik H. Bahlsen (seit 1906), zunächst als „Leibniz-ABC“. Die Dresdener Spezialitätenbäckerei Dr. Quendt produziert Russisch Brot seit 1959. Derzeit vertreibt sie ihr Produkt über die Handelskette EDEKA. Die Packung enthält nur die Buchstaben EDKA, weshalb sich kaum was damit schreiben lässt außer: DA, EDE, DEAD, DEKADE - und EDK.

Auf der Dr.-Quendt-Packung ist folgende Herkunfts-Geschichte abgedruckt:
Quendt Inhalt

Auf der Homepage der Firma findet sich eine zweite Version:
Eine andere Geschichte erzählt von einem Empfang russischer Gesandter am Wiener Hof im 19. Jahrhundert. Dort hat der Hofbäcker anlässlich des hohen Besuches beim Wiener Kongress 1814/1815 ein Gebäck entwickelt, welches die russischen Gepflogenheiten - zur Begrüßung eines Gastes wird ein Stück Brot serviert - und dem feinen Geschmack der Wiener, verbinden sollte. So fand man ein nach Karamell schmeckendes Eiweißgebäck und nannte es Russisch Brot.
Beide Fassungen wirken wie Ätiologische Sagen (Erklärungssagen).

Plausibler erscheint, was mir am 24. Mai 1989 die Gebäckfirma Bahlsen brieflich mitteilte: Der Name Russisch Brot habe gar nichts Geheimnisvolles. Er leite sich von "Rösches Brot" her (rösch = knusprig). Die Bezeichnung "Russisch Brot" beruhe auf einer volksetymologischen Umdeutung. Man bedankte sich für mein Interesse an dem "knackigen und knusprigen Gebäck, das im wesentlichen aus Eiweiß, Zucker und Kakaopulver besteht" mit einer "Tüte ABC". Die Entmystifizierung von Russisch Brot schien gelungen. Allerdings ging am selben Tag mein Auto kaputt.

Data-Becker-Russisch-Brot
Russisch Brot als Schrifttype wird übrigens von Linotype und Data Becker angeboten. Die im Schriftzug verwendete Variante Russianbread von Data Becker hat nur Versalien und Kapitälchen, die Linotype-Version hat Groß- und Kleinbuchstaben ...
Linotype-Russisch-Brot03
... und könnte deshalb in den kleinen Schriftgraden theoretisch als Brotschrift eingesetzt werden, was jedoch unerfreulich für die Augen wäre. Wie erfreulich Russisch Brot von Covo, Hausmarke der Handelskette Penny, für Gaumen und Zunge ist, dazu werden hier Erfahrungsberichte ausgetauscht. Vielleicht haben das aber auch Marketingfachleute im Auftrag von Penny geschrieben.

iss den Text
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Teestunde im Teppichhaus (1)

Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheint in den nächsten Wochen eine Reihe unterschiedlich langer Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Der erste kurze Beitrag beschäftigt sich mit dem Teehaus im Logo der Reihe.
Teestunde im Teppichhaus


Das Tee-Haus scheint etwas für verspielte Menschen zu sein. In der Praxis bewährt sich die Form nämlich gar nicht. Nach dem Aufbrühen bekommt man den aufgequollenen Tee nicht recht aus dem Häuschen, was auch einen Hinweis darauf gibt, dass der Tee nicht genug Raum hat, sich zu entfalten.

Benutzt man das Teehaus, dann wird das Wasser zum Tee, indem die Teestoffe in Form des Wortes Tea austreten, um sich erst dann im Wasser zu verteilen. Der Vorgang ist sprachtheoretisch interessant. Gemeinhin haben Lautfolge eines Wortes und seine schriftliche Form nichts gemeinsam mit der Sache, die sie bezeichnen. Da aber die Löcher im Dach das Wort "TEA" formen, wird bei jedem Aufbrühen das Wort TEA ins Wasser geschrieben. Hier liegt also ein schriftmagischer Gedanke zu Grunde. Das Zeichen für "Tee" vermischt sich mit der bezeichneten Flüssigkeit Tee.

Tee aus TeeEine Steigerung dieser magischen Idee wäre es, eine Schreibfeder in den so aufgebrühten Tee zu tunken, um das Wort "Tee" damit zu schreiben.
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Heimatkunde im Teppichhaus

Printen werden mit Rübenzucker gesüßt Der ehrenwerte Prinz Rupi denkt bei Aachen zuerst an Printen, hat er kürzlich geschrieben. Ich selbst habe noch nie eine Aachener Printe gegessen. Aber mein Nachbar hat einmal neben einem gesessen, der hat eine Printe gegessen. Das ist natürlich nur Spaß. Man kann in Aachen ganzjährig Printen kaufen. Oft bin ich in einen Printenladen gegangen, weil ich ein Gastgeschenk brauchte. Wenn nämlich einer aus Aachen zu Besuch kommt, was bringt er mit? Na, eben.

Das Wort „Printen“ ist verwandt mit dem englischen „to print“, also auch mit „Presse“ und dem deutschen Fremdwort „Printmedium“. Das alte deutsche Wort „prenten“ für „drucken“ ist ebenfalls mit den Printen verwandt. Warum? Kann man mit Printen drucken? Nein, allenfalls ein bisschen herumknüseln. Das Wort hörte ich einmal von einem Freund, der im Keller des elterlichen Buchladens eine Raubdruckerei betrieb. Er sagte: Ich bin kein Drucker, sondern ein Papierbeknüseler.

Der Printenteig wurde ursprünglich in hölzerne Druckformen gepresst, und zwar in Gestalt eines Heiligen. Printen sind eigentlich gepresste Heilige. Mehr weiß ich darüber nicht; man kennt ja die Besonderheiten der Heimatstadt selten so gut wie die Touristen, die einmal eine Fremdenführung mitgemacht haben. Der Nachtbummel zum und durch das Pataphysische Institut ist auch eine Fremdenführung. Dort hängt in einem der Treppenaufgänge ein großes Heiligenbild. Vorsorglich bitte ich die Besucher, den Heiligen nicht zu berühren, zu pressen oder etwa mit Schokoladenprinten zu beknüseln.

Einladung-zur-Lesenacht03

spaziergang

Musik: Martin Kratochwil
(aus der ersten Lesenacht)
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Warum ich nicht mit Coster gesprochen habe

Heute sah ich Jeremias Coster, den berüchtigten Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen, im Kaufhaus, und zwar, das gab mir einen Stich, in der Miederwaren-Abteilung. Und sah ich genauer hin, dann hielt er sich just bei den teuren Dessous auf. Er hatte eine rechte Kennermiene aufgesetzt, und ich muss sagen, dass es mich wider Willen ein wenig gegen ihn aufbrachte. Natürlich weiß ich nicht, warum Coster dort herumlungerte. Da ich jedoch Frau Nettesheim nicht entlocken kann, ob sie und Coster noch immer ein Verhältnis haben, bin ich ihm lieber nicht über den Weg gelaufen, obwohl es gut gewesen wäre, noch einmal mit ihm zu reden, denn am Freitag dieser Woche startet die interaktive Lesenacht, wozu ich herzlich einlade. Coster wird auch da sein – ohne ihn geht’s ja nicht.

Reden wir über etwas anderes, zum Beispiel über den fabelhaften Komponisten der Musik für die Lesenächte. Er hat in seinem Blog einen Link veröffentlich, den es anzuklicken lohnt.
Einladung-zur-Lesenacht03

trithemius bibliothek1

Musik: Martin Kratochwil
(aus der zweiten Lesenacht 2006)
1705 mal gelesen

Bitte geben Sie dem Leierkastenmann kein Geld

LoslassenDie Innenstadt ist schwarz von Menschen. Pech für uns, jetzt geht es nur schleppend weiter, - wir kommen nicht einmal über den ersten Satz hinaus. Wieso heißt es „schwarz von Menschen“? Da weiß nicht einmal Lutz Röhrich in „Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ einen Rat. Etymologisch gesehen ist schwarz verwandt mit den Wörtern „Dunkelheit“, „Nebel“ und „schmutzig“. Unzweifelhaft tragen die bummelnden Herrschaften überwiegend schwarze oder dunkle Kleidung. Man hat sich telepathisch darauf geeinigt. Wie das funktioniert, ist noch nicht erforscht. Einen ähnlich geheimnisvollen Einklang kennt man von Vögeln, wenn sie sich zu Schwärmen ballen und in der Dämmerung hin- und herwogen, bis sie einen Schlafplatz gefunden haben.

An Schlaf ist noch nicht zu denken. Die Geschäfte haben an diesem trüben Sonntag geöffnet, und durch die dunkle Menge schiebt ein Leierkastenmann orgelnd seine Orgel heran. Warum müssen Leierkästen eigentlich Räder haben? Könnte man den Schaden nicht begrenzen? Es ist ja schon ein Kreuz, dass man stets versucht ist, sich die Melodie aus dem Durcheinander der Orgelpfeifen herauszufieseln, und hat man sie dann, ist’s aus mit der Gemütlichkeit. „Ich küsse Ihre Hand, Madam – und wollt’, es wär’ Ihr Hund …“

Aus der Sicht eines Hundes verdunkelt die Bummlerschar gewiss die Welt. Welches Durcheinander der Gerüche seine Sinne vernebelt, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Für mein Empfinden wirken eigentlich alle sauber und herausgeputzt, bis auf den einen oder anderen schmutzigen Mann. Leierkastenmusik ist so penetrant brutal wie auf Felder ausgefahrene Gülle. Wer in der Nähe ist, kann seine Sinne nicht taub dafür machen, sondern ist hoffnungslos ausgeliefert. Wie, bitteschön, soll man da über die Etymologie von „Schwarz von Menschen“ nachdenken? Der Leierkastenmann wechselt zu: „We Can Work It Out“. Das ist eigentlich ein schönes Lied. Lennon/McCartney haben es am 20. Oktober 1965 aufgenommen. Im Augenblick wäre mir lieber, die beiden wären am 20. Oktober 1965 einfach mal nur so in die Stadt gegangen.

Jetzt steht der Leierkastenmann genau vor mir. Brummen, Pfeifen, Tirili, und dann höre ich tatsächlich „Penny Lane“ heraus. Uff, diese beschwingte Melodie kann noch nicht einmal ein Leierkastenmann komplett verhunzen. Nein, es ist sogar ganz hübsch, wie die Leute plötzlich im Takt von Penny Lane an mir vorbeiziehen. Gut, ich sitze nicht im Swingin London der 60er, sondern 2007 am Aachener Münsterplatz, und vom Aachener hat einst Heinrich Heine gesagt, er gehe, als hätte er gerade den Stock verschluckt, mit dem man ihn vorher geprügelt hat. Das Heine-Zitat ist natürlich nicht Ernst gemeint, sondern sogar Spaß. Inzwischen haben sich die Aachener gemacht und gemischt, und unter den Passanten sind ausländische Mitbürger, sogar dunkelhäutige. Für diesen Augenblick am Nachmittag ist die Welt jedenfalls ziemlich bunt, obwohl auch die zum Markt ansteigende Krämerstraße schwarz von Menschen ist. Man könnte sogar sagen, sie verdunkeln den Himmel, was übrigens gegen die These spricht, im Himmel wäre viel Betrieb.
Heißt es eigentlich "schwarz vor Menschen" oder "schwarz von Menschen"? Die sprachliche Richtigkeit wird nicht vom Duden oder von selbsternannten Sprachpflegern festgelegt, sondern allein durch die Gemeinschaft der kompetenten Leser und Schreiber. Mit einem Test im Internet können wir feststellen, was von der Mehrheit als sprachlich richtig empfunden wird.
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Plausch mit Frau Nettesheim - Fiese Witze

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Haben Sie eigentlich schon einmal „Schmidt & Pocher“ gesehen, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Wird ja oft genug wiederholt.

Trithemius
Und, was sagen Sie?

Frau Nettesheim
Ich würde einen anderen Titel vorschlagen: „Harry und Olli machen Insiderwitze über Kollegen und lachen sich schlapp.“

Trithemius
Hehe, das passt. Schon vor vielen Jahren las ich einmal in der Titanic eine Analyse der Shows im deutschen Fernsehen. Fazit: Man lädt sich gegenseitig in die Sendungen ein und promotet das Fürzchen, das die jeweiligen Kollegen gerade gelassen haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob man den Kollegen ein wenig veralbert. Denn ob bewitzelt oder nicht, alles trägt zu dessen Popularisierung bei.

Frau Nettesheim
Inzucht unter Medienhuren, die Instrumentalisierung des Witzes zu Werbezwecken - da bin ich fies vor.

Trithemius
Ui, Frau Nettesheim, Sie haben, so scheint’s, schlechte Laune.

Frau Nettesheim
Man kann das erbärmliche Gewürge nicht einmal kritisieren, ohne weiter an der Popularisierungsschraube zu drehen.

Trithemius
Oje, und ich habe Sie auch noch in dieses Gespräch verwickelt.

Frau Nettesheim
Sie müssen sowieso mal zum Friseur.
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Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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