Zwei Zettel vom Bürgersteig (2)

Referat MMIZettel (2) fand ich unweit von Zettel (1), und zwar am selben Tag auf der Aachener Jakobstraße. Links unten hat der Zettel eine Chiffre, die darauf schließen lässt, dass der Zettel von D stammt und an S weitergegeben werden soll. Der handschriftliche Text ist die Gliederung eines Referats zum Thema: Computer als Werkzeug. Unter dem Thema stehen die dem Referat zugrunde liegende Literatur und die Namen von drei Autoren, Züllinghoven, Reinhard Budde und Carola Lilienthal. Es folgt eine Vierpunkte-Gliederung von a) bis d). Unter a) sollen Werkzeug- und Maschinenbegriff geklärt werden, b) behandelt offenbar die Handhabung des Werkzeugs in Auseinandersetzung mit Material, c) stellt Werkzeug und Maschine vergleichend gegenüber. Die Schlussfrage, d), lautet: „Was hat das alles für Auswirkungen auf die SW-Entwicklung und MMI“ SW meint Software, mit MMI ist die Mensch-Maschine-Interaktion gemeint.

Erhebt sich die Frage, was denn „das alles“ genau ist. Ist es ein wichtiger Unterschied, ob man einen Computer als Werkzeug begreift oder als eine Maschine? Wenn ich meinen Laptop nehme und damit nach einem Kaninchen werfe, um es zu erlegen, benutze ich ihn eindeutig als Werkzeug, nämlich zur effektiven Ausnutzung meiner Körperkräfte durch ein Gerät. Es hängt dann ab von meiner Kraft, meiner Geschicklichkeit, den Flugeigenschaften meines Laptops und vom Verhalten des Kaninchens, ob ich erfolgreich bin und mir am Abend ein Kaninchen braten kann oder nicht. Angenommen, ich hätte das Kaninchen nicht getroffen, dann könnte niemand mit Genauigkeit sagen, woran es gelegen hat. Die Einflussgrößen erschließen sich nicht, denn die Welt ist zu komplex, als dass man eine zuverlässige Beschreibung eines Vorgangs geben könnte. Die Wahrheit lässt sich nur annähernd erschließen, niemals jedoch restlos.

Ein Programmierer schreibt ein Computerprogramm, in dem man mit Laptops nach Kaninchen werfen kann. Die Grundlagen des Programms sind Mathematik und Logik sowie eine Programmiersprache, die auf den Regeln von Mathematik und Logik beruht. Mit Hilfe der Programmiersprache entwirft der Programmierer eine grafische Welt, in der auf bestimmte Weise die Formen von Kaninchen auftauchen. Dem Nutzer dieser Welt verleiht der Programmierer Einflussmöglichkeiten. Er kann über Maus oder Tastatur einen Effekt auslösen, der die bewegte Grafik eines Laptops aufruft. In einem Kollisionsregister wird abgefragt, ob sich Laptop und Kaninchen berührt haben, worauf eine Unterroutine dieses Ereignis grafisch darstellt. Wenn nun der Benutzer mit einem Mausklick einen Laptop Richtung Kaninchen schickt, dann ließe sich mathematisch genau nachvollziehen, warum er getroffen hat oder nicht, denn das Ereignis auf dem Computerbildschirm geschieht innerhalb streng definierter Bedingungen. Ein Computerprogramm ist eine virtuelle Maschine, und eine Maschine arbeitet nach genau festgelegten Regeln. Alles was in diesen Regeln und Routinen nicht berücksichtigt ist, existiert nicht.

Die Maschine legt den Menschen auf ihre Regeln fest und lässt ihm nur einen streng definierten Gestaltungsspielraum. Ist die Maschine so komplex wie ein Computer, kann sie beim Nutzer die Illusion erzeugen, der Gestaltungsspielraum sei unendlich, woraus sich ein trügerisches Vertrauen in die Technik entwickelt, eine Gleichsetzung der Maschinenwelt mit der realen Welt.

Es ist also ein großer Unterschied, ob man den Computer als Werkzeug benutzt oder als Maschine. Der Maschinenwelt fehlen wesentliche Elemente des menschlichen Daseins, das Unwägbare sowie Ethik und Moral. Logik kommt ohne sie aus. Die Mensch-Maschine-Interaktion darf nicht nur darauf angelegt sein, dass der Mensch sich den logischen Bedingungen der Maschine anpasst. Indem der Mensch viele seiner Handlungen und Entscheidungen von Maschinenregeln anhängig macht, ja die gesellschaftlichen Vorgänge überhaupt zunehmend diesen Regeln unterwirft, macht er sein Leben unwirtlich und hart. Eine allein nach logischen Erwägungen organisierte Gesellschaft würde die Wahlmöglichkeiten ihrer Mitglieder immens einschränken, sie völlig abhängig machen und somit ihrer Menschlichkeit berauben. Es lohnt sich, darüber nachzudenken oder gar ein Referat darüber zu schreiben.
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Zwei Zettel vom Bürgersteig (1)

mein Freund und ich
Zettel (1) fand ich gestern auf dem Bürgersteig. Der handschriftliche Text ist in deutscher Sprache verfasst. Es ist eine Kontaktanfrage an einen Unbekannten, der einen ausgebauten Transporter besitzt. Handschrift und Inhalt lassen auf eine junge Frau schließen. Sie hat auf den gedrehten Abriss eines Geschäftsbriefes geschrieben. Dieser Text ist niederländisch und von einem „Voorzitter“ (Vorsitzender) unterschrieben, der den seltsamen Namen Bas Eenhoorn trägt. Der voorzitter schreibt offenbar über eine Marketingstrategie. Der letzte Satz des Briefes lautet: „Om te zorgen dat de consument steeds bewuster gaat kiezen voor dé specialist in beweging!“. Das bedeutet frei übersetzt: Um dafür zu sorgen, dass der Konsument immer bewusster DEN Spezialisten für Bewegung wählt. Was ist ein „specialist in beweging“? Ein bewegter Spezialist? Die Eingabe von „specialist in beweging“ bei Google ergibt als ersten Link:

„Bewegung“ ist also buchstäblich und übertragen zu verstehen. Der Bewegungsspezialist will potentielle Konsumenten zu sich bewegen, damit er ihre Gliedmaßen bewegen kann. Leider enthüllt der Abschnitt nicht, mit welcher Werbestrategie das Unternehmen den Konsumenten für sich gewinnen will, auf dass er „bewusst“ das Angebot des vorzitters wählt. Führt Werbung zu bewussten Wahlentscheidungen? Es kann ein Nebeneffekt von Werbung sein, doch eigentlich zielt sie ja auf das Unbewusste des Konsumenten, soll dort ziehen und zerren, wo er sich nicht wehren kann. Was der Vorsitzende „bewusste Wahl“ nennt, ist ein Euphemismus für „beeinflusste Wahl“.

Es besteht ein ulkiges Bindeglied zwischen dem getippten Brief und dem handgeschriebenen Zettel, nämlich dort, wo der vorzitter unterschrieben hat. Hier treffen zwei Handschriften aufeinander. Die Frau hat geschrieben: „Mein Name ist“ und dahinter steht auf dem Kopf "Bas Eenhorn", denn Dorit, die Verfasserin des Zettels, hat sich nicht getraut, ihn zu streichen oder zu überschreiben. Er hatte schließlich das Erstlingsrecht auf dem Papier.

Der Zettel offenbart zwei unterschiedliche Lebenswelten. Trotzdem haben sie mehr als das Papier gemeinsam. In beiden Botschaften geht es um Spezialwissen zum Thema Bewegung. Wir leben halt in einer bewegten Zeit, und wer mitschwimmen will im großen Strom, muss sich auch bewegen, wird gezogen, gezerrt, geschoben oder geschubst. Deshalb ist es der größte Luxus, sich allein aus eigenem Antrieb bewegen zu dürfen.
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Neues aus zweitausendacht

neues-aus-2008

Selten ist der Entschluss, einem Laster zu entsagen, so gefeiert worden. Am 31. Dezember 2007, wenige Sekunden vor zwölf Uhr trat ich meine letzte Zigarette aus. Und sogleich erhob sich ringsum ein unfasslicher Jubel. Sektkorken knallten, Sprengkörper wurden gezündet, Raketen zischten in den dunstigen Nachthimmel, und unter vielfarbigem Sternenregen lagen sich einander wildfremde Menschen in den Armen und stammelten Worte der Rührung. Prächtig! Das hatte ich nicht erwartet. Niemand hatte mir gesagt, wie sehr die Welt sich wünschte, dass ich dem Rauchen entsage.

Es wäre jetzt natürlich hübsch, diese Idee noch ein bisschen auszumalen. Das geht aber leider nicht. Es ist nämlich so. Wenn ich früher einen Text geschrieben habe und plötzlich stockte der Fluss meiner Gedanken, dann bin ich aufgestanden, ins Nebenzimmer gegangen und habe eine Zigarette gedreht. Das ist jetzt Vergangenheit, alter Kuchen sozusagen, weshalb dieser Text also stockt, wo er hätte noch ziemlich lustig werden können oder wenigstens ein bisschen lustig, so dass der werte Leser, die verehrte Leserin hätten schmunzeln müssen.

„Herr Trittenheim, ich musste nicht schmunzeln!“, das werde ich in 2008 oft zu hören kriegen und das vermutlich von den selben Leuten, die in der Silvesternacht Böller gezündet und Raketen abgefeuert haben. Allerdings bin ich ja auch nicht verantwortlich fürs Schmunzeln weiter Kreise, nö, ganz und gar nicht. Man kann schließlich nicht von mir erwarten, dass ich meine Gesundheit ruiniere, nur weil grad mal irgendeiner schmunzeln will und weiß nicht worüber.

Vorsorglich wünsche ich allen Kundinnen und Kunden ein gutes neues Jahr 2008 sowie Grund zur Freude satt und genug.

Herzlichst
Trithemius
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Wallfahrt auf dem rechten Weg

Wallfahrt in =>=>=>=>=> Etappen

Es gibt viele Gründe, den Jakobsweg zu gehen. Mein Grund ist anrüchig. Ich trat in einen Hundehaufen. Das fühlte sich weich und freundlich an, war aber bei näherer Betrachtung eklig. Manche sagen ja, in einen Hundehaufen zu treten bringe Glück. Vermutlich stammt der Spruch von einem faulen Hundebesitzer. So, jetzt hatte ich also dessen faules Glück am Fuß, was sich zwar besser anhört als Scheiße am Bein, mich jedoch vor die Frage stellte, wie ich das beschissene Glück wieder loswerden kann.

Da sah ich an einem Verkehrsschild die Jakobsmuschel, und ich dachte: Gut, dann mache ich es wie alle, ich laufe ich mir auf dem Jakobsweg die Sohlen ab, dann bin ich die Scheiße los. Ich bin bestens gerüstet, denn ein Pilger geht mit kleinem Gepäck. In meinen Manteltaschen habe ich ein Handy, einen Ersatzknopf, einen fünf Zentimeter langen Nagel, 17 Cent, verteilt auf drei Münzen, zwei Zuckertütchen, ein hübsch gestaltetes Notizbüchlein mit Roboter-Motiv sowie einen edlen Stift, den ich jüngst von einer lieben Freundin bekam. Natürlich sind die beiden letztgenannten Gegenstände für meinen Pilgerbericht ungeeignet, denn mit einem edlen Stift darf man keinen Scheiß in ein hübsch gestaltetes Notizbüchlein mit Roboter-Motiv schreiben. Ich tippe alles ins Handy ein - Mobloggin ist wie gemacht für Scheißberichte.

Tut mir leid, dass das Wort Scheiße hier so oft auftaucht. Ich bin ja gerade erst losgegangen, und es dauert noch eine Weile bis ich mir die Sohlen mitsamt Scheiße abgelaufen habe.

Alles am Start

Steil steigt der Weg an, und schon winkt die erste Versuchung. Ehrlich gesagt, eigentlich winkt sie nicht, das machen Häuser nur selten. Also neuer Versuch: Rechts lockt (hehe) die erste Versuchung, der Söller, in dem ich mich trefflich besaufen und eventuell allen Scheiß am Bein eines Thekenhockers abwischen könnte. Und der Rest, der noch in den Rillen steckt, stört mich nicht, wenn ich den Kanal voll habe.

Ich rufe mich zur Ordnung! Wie man sieht, ist ein Pilgerweg steil, hart und steinig, nämlich mit Versuchungen und Schwierigkeiten gepflastert. Und jetzt kommen mir auch noch zwei hübsche Frauen entgegen.

=>=>=>=>
alle-Tage-glücklichAch, wie fällt der Jakobsweg mir schwer. Ist’s denn nicht genug, dass er als Einbahnstraße beginnt? Muss an ihrem Ende bei der Kneipe zum lüsternen Bären dieses Schild so faul im Kneipenfenster lehnen? Montag - Tacotag, Dienstag - Schnapstag, Mittwoch - Hefetag, Donnerstag - Biertag, Freitag - Starkbiertak, Samstag - Longdrinktag - an allen Tagen könnte ich glücklich sein, nur sonntags nicht, was für eine Schmach.

Vielleicht fragt sich der eine oder andere Leser, wie es denn inzwischen um die Scheiße bestellt ist. Sie ist noch da, und besonders seitlich der Sohle. Mir ist übrigens etwas aufgefallen. Im Rinnstein des Jakobswegs liegen Botschaften. Die Botschaft lautet „Billig“. Das ist hübsch. Man weiß ja nicht, ob der Jakobsweg überall so gut ausgeschildert ist wie hier. So habe ich eine zweite Richtschnur. Solange ich die Botschaft „Billig“ im Straßendreck finde, bin ich auf dem Pilgerweg.

Es ist überhaupt
besser, den Blick auf den Boden zu senken, denn locken nicht ringsum alleweil die schrecklichsten Ablenkungen und oder Versuchungen? Kaffeemomente zum Beispiel, denn „Wir lieben Kaffee-Momente“, in denen schöne blonde Frauen in Wäsche vor dem Spiegel posieren. Für meinen Geschmack sollte die Wäsche nicht unbedingt die Farbe von Kaffee mit viel Milch haben. Dieser Umstand sowie das Bewusstsein, eine kotige Schuhsohle zu haben sind meine Rettung. „Kackbraun“, denke ich, reiße mich los vom Kaffee-Moment der Liebe, wende mich ab und steige weiter die Straße hinauf.

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Den fünf Zentimeter langen Nagel kann ich gut gebrauchen, denn ich will überall Ich-war-hier-Marken ritzen, auf dass die Welt sehen kann, dass auch ich den Jakobsweg gegangen bin, die innere Einkehr zu suchen, um die Ergebnisse in die Welt hinaus zu tröten. Ach nein, ich habe ein noch schlichteres Motiv. Ich will nur den Scheiß vom Fuß los werden. „Eine Reise ins innere Ausland“, verspricht das Plakat eines ausländischen Gurus, der sich nach Aachen verirrt hat, hehe. Gut, das wird bestimmt vergnüglich. Da kann ich so oft Scheiße, bekackt und Dreckswelt rufen, wie ich lustig bin, denn in meinem inneren Ausland kennt mich ja keiner.

Schon spüre ich die Befreiung von der Alltagslast, und vor lauter Übermut greife ich in die Manteltasche und schmeiße mein Geld weg. Was? Das sind ja nur 17 Cent und somit so gut wie nichts? Es ist alles, was ich habe und somit gleich viel wie eine Million, die ich weggeworfen hätte. Ja, und das wird meine Botschaft sein an die anderen Pilger, so ich welche treffe. Schmeißt das Geld weg, Leute, das macht Jux! Sind wir denn Wallfahrer zum schnöden Mammon? Nein, wir wollen den Alltagsscheiß hinter uns lassen. Nebenbei, der klebt zwar noch an meiner Fußsohle, allein, es ist deutlich weniger, weil ich eben in einem vom Leser unbeachteten Moment etwas nachgeholfen habe, indem ich den Fuß an Bodendeckern abwischte. Die sind sowieso meistens hässlich, weil es einfach nicht gut für ein Lebewesen ist, so nah am Boden zu kriechen. Richten wir uns also auf und lassen den Blick schweifen.

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entenrennenDu liebe Zeit, könnte man den Dreck der Welt doch einfach so an Bodendeckern abwischen. Ob es so viele Bodendecker gibt? Ich will nicht memorieren, was es alles an Scheiß gab im Jahr 2007. Den Rückblick spare ich mir, und dem werten Mitpilger sollte ich erst recht nicht damit in den Ohren liegen, sonst geht er nachher krumm und will gestützt werden. Dazu habe ich aber ums Verrecken keine Lust. Viel mehr will ich die Reise ins innere Ausland genießen, in dem sich nämlich prima pilgern und nach Herzenslust fluchen lässt. Hussa, ihr Weggenossen, wir sind fremde, ganz anders empfindende Wesen. Egal ob das Gras alle ist oder ob das Plumeau nass im Garten liegt, wir sind auf dem rechten Weg. Und ehrlich gesagt, die Jakobsmuschel kann mir da auch gestohlen bleiben. Denn sie zeigt nur an, wo andere bereits gegangen sind. Da geht es zu wie auf der Kölner Hohe Straße am verkaufsoffenen Sonntag. Das ist eine merkantile Angelegenheit mit schwülstiger Überhöhung und öffentlicher Selbstbespiegelung. Nichts - und drüber Glasur. Ein blödes Entenrennen, irgendwie.

O
Ogmios, du weißt wie ich die verirrten Menschen flüchte, die nach einer Reise darauf lauern, mir ihre flachen Erinnerungen in die Ohren zu blasen. Da nähe ich mir lieber den Mantelknopf an die Backe oder bohre mir ein Loch ins Knie und säe Salat rein. Ja, das darf ich hier sagen, denn wir sind im inneren Ausland, wo sogar die Polizei außer Betrieb ist. Dessen habe ich mich vergewissert.

=>

nein danke! Eine Luft zum Saufen, unser sonntägliches Hochamt. Und das beste ist, wir brauchen nichts, denn wir sind uns selbst genug. Liebe, Hass, Wahnsinn – vorhanden - wozu soll diese Kombination gut sein? Wir bestellen das nicht. Bitte keine neue Scheiße. Da finden wir doch lieber eine Antwort auf eine Frage, die wir nicht gestellt haben: zweiundvierzig. Bitteschön, hier geht’s lang. Übrigens, wir hätten dem Jakobsweg ohnehin nicht mehr lange folgen können. Er führt nämlich durch Frankreich, und da lassen sie uns nicht rein. Besser so.
Zum Glück

zweiundvierzig
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2008 wird schmierig aber schön

ZauberpampeWas dabei heraus kommt, wenn man Pflegedusche, Shampoo, Zahnpasta und pflegende Intensiv-Coloration mischt und für welchen Körperteil das Geschmiere dann gut ist, weiß ich nicht. Jedenfalls soll diese Mischung „2008 noch schöner machen“, was ja irgendwie Hoffnung weckt, denn schön würde das neue Jahr auf jeden Fall werden, wenn man dem Hitmarkt glauben darf. Möglicherweise und wahrscheinlich sowieso gilt dieses Versprechen aber für einen ganz bestimmten Kundenkreis, vielleicht für blonde Frauen, die außer schön doof zu gucken nicht viel zu tun haben, und ihre smarten Männer.

Man hat ja bei Hit nach eigener Aussage Deutschlands beste Wein- und Sektabteilung. Der Connaisseur kann sich das Jahr auch auf hohem Niveau schön saufen, wenn er sich dort bedient, - falls er bezahlen kann versteht sich.

„Jottseidank, Peter, et is vorbei, jottseidank!“,
sagte gestern ein Mann auf dem Aachener Markt zum anderen, der vermutlich Peter hieß. Derweil zerlegten raue Burschen den Weihnachtsmarkt. Die potemkinschen Bretterbuden der Innerlichkeit offenbarten ihre schäbigen Rückfronten und wurden dann schnöde in Laster gestopft. Gut, die sind schon mal für eine Weile weg. Peter sollte seinem Gewährsmann trotzdem nicht trauen. „Vorbei“ ist nämlich so gut wie gar nichts. Nicht mal BILD hat über die Tage eine Weihnachtsfeuerpause eingelegt, sondern wusste am Heiligabend mit der hübschen Schlagzeile aufzuwarten: „Du Scheißdeutscher!“ In diese Schlagzeile war man bei BILD so weihnachtlich verliebt, dass sie am Tag nach Weihnachten erneut auftauchte, jetzt nur ein bisschen kleiner, weil „der brutale U-Bahn-Schläger“ vorgeführt werden musste.

BILD trommelt, und unzählige politische Pappnasen fordern: „Länger wegsperren, das Pack!“, womit sie leider nicht die Bildredakteure meinen. Das Wegsperren jugendlicher Straftäter hört sich toll an, ist aber eigentlich eine Problemlösung auf Kosten der Zukunft. Je länger nämlich ein desorientierter junger Mensch im Knast ist, um so besser ist er bei seiner Entlassung in allen Gemeinheiten ausgebildet, die sich ein Menschhirn ausdenken kann, soweit einer nicht sowieso vom Militär im bedenkenlosen Niederstrecken seiner Mitmenschen unterwiesen wurde.

Ich weiß nicht, warum sich alle aufregen über die wachsende Brutalität in Deutschland. Unsere Gesellschaft toleriert, dass die Medien die niedersten menschlichen Instinkte befriedigen, dass zu Unterhaltungszwecken Gewalt verübt und Blut vergossen wird, und das rund um die Uhr und auf allen Publikationskanälen. Gehuldigt wird der Quote, der Göttin der Blödheit. Macht, Gewalt und Blödheit sind die Leitmotive in unserer Gesellschaft. Wer in dieser Leitkultur aufwächst und weder im Elternhaus noch in der Schule andere Werte erfährt, will doch einfach nur mitmachen, weiß aber nicht, dass Macht, Brutalität und Blödheit viel subtiler und geschniegelter daherkommen müssen, wenn sie hohes Ansehen in Öffentlichkeit und Medien garantieren sollen.

„Wie habe ich das vermisst, das Adrenalin, den Kampf, den Spaß!“, ruft Boris Becker im Werbespot für Pokerstars, stürzt aus dem Tennis tief nach unten und landet an einem Pokertisch. „Pokern ist großes Tennis!“ kann Becker noch stöhnen, bevor sie ihn wegblenden. Nein, das ist Pokern ganz und gar nicht. Die Verherrlichung des Spiels um Geld ist nichtswürdig und erbärmlich. Und es ist strunzblöd, sich aus Geldgier beim Absturz zum Glücksspieler filmen zu lassen. Selbstentlarvungen wie den Beckerschen Werbespot finde ich überaus erquicklich. Bitte unbedingt mehr davon, dann wird das Jahr 2008 noch vielviel schöner.
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Frohe Weihnachten

rasch die frohe Botschaft
Engel sind an die Leine zu führen
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Teestunde (8) - Willfährige Frauen tippen besser

Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen unterschiedlich lange Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags.
Heute: Schreibmaschine und Universaltastatur
Schriftwelt im Abendrot
Wer das 10-Finger-System nicht beherrscht, will gerne glauben, die seltsame Anordnung der Tastatur habe etwas mit der Buchstabenhäufigkeit oder den besonderen Finessen des 10-Finger-Schreibens zu tun. Tatsächlich gibt es aus den Anfängen der Schreibmaschinentechnik verschiedene Anordnungen, die dem Bau der Hand und der Buchstabenhäufigkeit in den jeweiligen Sprachen entsprechen (Ergonomische Tastatur bzw. Idealtastatur).

Durchgesetzt hat sich jedoch ein anderes Prinzip. Die heutige Tastaturanordnung geht auf die Universaltastatur des Waffenherstellers Philo Remington zurück. Dessen erste Schreibmaschinenserie hatte noch eine alphabetische Anordnung besessen. Das Zusammenschlagen und ständige Verhaken der Typenhebel erzwang aber eine Umgruppierung. Auf der internationalen Stenographentagung von 1888 in Toronto gelang es Remington, seine "Universaltastatur" zum Standard zu erheben. Allein dem regen Geschäftssinn Remingtons verdankt also die schreibende Nachwelt eine Tastatur, bei der sich häufig gebrauchte Buchstaben an ungünstigen Außenpositionen befinden, so dass man beim 10-Finger-schreiben das "a" zum Beispiel mit dem schwächsten Finger überhaupt, dem kleinen der linken Hand, anschlagen muss.

So ist die Universaltastatur nicht dem Menschen angepasst, sondern verlangt die Anpassung des Menschen an die Mechanik der Maschine. Ungewollt eröffnete Remington damit den Frauen den Einzug in die Bürowelt. In einem Regierungsbericht von 1908 heißt es, die Arbeitgeber würden weibliche Arbeitskräfte wegen ihrer "größeren Wohlfeilheit und Willigkeit" bevorzugen. Frauen geben sich nicht nur mit geringerer Entlohnung zufrieden, ihre fingerfertigen Hände kommen auch besser mit der schlecht angeordneten Tastatur zurecht als die ihrer männlichen Kollegen.

Mutter muss arbeitenDas Kalenderblatt im Bild oben rechts zeigt den September 1873. Beginnt hier die Emanzipation der Frau? Die Schreiber schauen skeptisch auf die Tippmamsell, nur der kleine Junge scheint zu begreifen, dass Mutter sich unwiderruflich vom häuslichen Bereich der Berufswelt zugewandt hat.

Das laute Klappern von Tastatur und Typenhebeln wurde bald mit Maschinengewehrfeuer assoziiert, was aber nicht nur am Ruch der Waffenfabrik lag. So beklagt der Buchwissenschaftler August Demmin 1890, die Schreibmaschine werde "an den Grenzen Russlands aber, durch die bekannte Unwissenheit der russischen Beamten als 'revolutionäres Werkzeug' in Beschlag genommen." Hier hatten die russischen Beamten anscheinend größeren Weitblick als August Demmin. Die Schreibmaschine sollte die Welt verändern.

Mit zunehmendem Einsatz der Schreibmaschine verdrängen die Tippmamsells die männlichen Schreibkräfte völlig. Die smarten Schreibmaschinenhersteller reagieren schon bald und widmen den Frauen viele ihrer Modellserien: ERIKA, MERCEDES, NORA, GISELA, MONICA, GABRIELE. Heute wirken die Plaketten auf den Schreibmaschinen wie Ehrentafeln für die ersten berufstätigen Frauen. Sie haben sich über die boshafte Universaltastatur mühevoll an das ferne Ziel der beruflichen Emanzipation herangetastet.

aus Süddeutsche ZeitungDas 10-Finger-Schreiben, das Blindschreiben, konnte nur durch stumpfsinnigen Drill eingeübt werden. So hat das Maschinenschreiben etwas geistlos Dummes, wie es einmalig dasteht in der Geschichte des Schreibens. Die Heerscharen von Tippsen in riesigen Schreibsälen, stumm fremde Texte schreibend, taub für die Umwelt dem Diktat aus dem Kopfhörer lauschend und blind in die Tastatur einhämmernd, diesen kafkaesken Alptraum können sich eigentlich nur ausgemachte Frauenfeinde ausgedacht haben.

Die meisten Übungsbücher geben über Sinn und Herkunft der Tastaturanordnung keine Auskunft. Sie folgen der Erkenntnis, dass Reflexion dem Erlernen mechanischer Tätigkeiten abträglich ist. So führt denn auch lange Zeit kein Weg von der Tätigkeit einer Schreibkraft zu der eines Autors. Eine dumme Tastaturanordnung verlangte jahrzehntelang dumme Schreibkräfte. Erst mit dem Schreibcomputer weicht die Trennung von Kopf und Hand. Trotzdem gilt das 10-Finger-System unter Gebildeten noch immer als nichtswürdig; ja die instinktive Ablehnung gegen die Universaltastatur ist groß, und viele rechnen es sich als Vorzug an, nach dem "Adler-Suchsystem" oder nach dem Terroristensystem (Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen) zu schreiben.

Die Universaltastatur ist ein Beispiel, wie sich einmal eingeführte Systeme selbst erhalten, wenn auch die technische Notwendigkeit längst verschwunden ist. Die Remingtontastatur berücksichtigt mechanische Probleme, die es schon bei der Kugelkopfmaschine nicht mehr gibt, und mit dem Aufkommen der Schreibcomputer erübrigt sich jegliche mechanische Rücksichtnahme. Trotzdem bleibt die alte Anordnung, mit einigen unwesentlichen Änderungen (QWERTZ). Eine Generation nach uns wird sie kaum noch nachvollziehen können, weil Typenhebelmaschinen dann verschwunden sein werden.

Ahnungslos war 2005 auch die Jury von Jugend forscht:
Jugend forscht daneben

Teestunde im Teppichhaus
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Teestunde (7) - Weder sitt noch schmöll

Schriftwelt im Abendrot

Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen unterschiedlich lange Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute: die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS)

Über ihre Aufgaben und Ziele schreibt die GfdS auf ihrer Homepage: "Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) ist eine politisch unabhängige Vereinigung zur Pflege und Erforschung der deutschen Sprache. Seit ihrer Gründung im Jahre 1947 sieht sie es als ihre Aufgabe an, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die deutsche Sprache zu vertiefen und ihre Funktion im globalen Rahmen sichtbar zu machen. Die GfdS hat sich zum Ziel gesetzt, die Sprachentwicklung kritisch zu beobachten und auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschung Empfehlungen für den allgemeinen Sprachgebrauch zu geben."

Vereinslogo GfdSAnders als der Verein behauptet, wurde er bereits 1885 als Allgemeiner Deutscher Sprachverein gegründet, unter Vorsitz des Braunschweiger Museumsdirektors Hermann Riegel. Ziel war die Reinigung der deutschen Sprache von Fremdwörtern. Der Kölner Germanist Fritz Tschirch schreibt, mit Riegels Vorsitz sei dem Sprachverein der "Fluch des Dilettantismus in die Wiege gelegt", dem sich der Verein nie mehr zu entziehen vermocht habe. Das Organ des Vereins war die "Muttersprache". Freudig begrüßte die "Muttersprache" im April 1933 die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Bis 1939 trieb man exzessive Fremdwortjagd. Neben den skurrilen Eindeutschungsvorschlägen zu Automobil (Zerknalltreibling) oder Elektrizität (Bern); (E-Lok = Bernzieh) gebar der Verein auch ein wunderbar selbstentlarvendes: aus Profil sollte Gebüge werden. Ja, das kann man sich fein vorstellen, wie im 3. Reich die Menschen mit Profil durch die hundsföttisch Gebogenen verdrängt wurden. Dem Verein nutzte alle Kriecherei nichts. Mit der von Hitler per Erlass verfügten Umstellung von Fraktur auf Lateinschrift kam 1940 auch das Aus für die Fremdwortjagd. Das Vereinsblatt "Muttersprache" war schon im Jahr zuvor verboten worden. Der Verein war den Nazis mit seiner provinziellen Deutschtümelei peinlich geworden.

gfds1947 konstituierten sich die alten Herrschaften wieder, unter dem neuen Namen "Gesellschaft für deutsche Sprache". Das Vereinsblatt heißt weiterhin "Muttersprache". Den vom Verein 1987 gestifteten "Medienpreis für Sprachkultur" bekam als erster der WDR-Hörfunk- Journalist Klaus-Jürgen Haller. Haller, Sprachpapst von eigenen Gnaden, polemisiert in seiner Preisrede "Vom Niedergang eines Handwerks" gehorsam gegen Fremdwörter: "Nichts gegen Lehnwörter, aber wer einen Gedanken nicht deutsch formulieren kann, könnte ihn nicht zureichend verstanden haben." Gemeint sind nicht Lehnwörter, sondern Fremdwörter, doch dieser unlogisch verschwurbelte Satz widerlegt Hallers eigene These. Er wird auch nicht besser, wenn man das Fremdwort "formulieren" durch "ausdrücken" ersetzt. Vielleicht war es erneut der "Fluch des Dilettantismus", der den Verein dazu trieb, mit Haller einen Preisträger zu küren, der sich brüstete, die Entwicklung der Sprachwissenschaft der letzten 10 Jahre verschlafen zu haben.

Schon Goethe hatte für Sprachreiniger nur Spott übrig. So schrieb er 1801 an Joachim Heinrich Campe, den Verfasser des "Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke":
Sinnreich bist du, die Sprache
von fremden Wörtern zu säubern.
nun sage doch, Freund, wie man
Pedant uns verdeutscht?
Wie die Kleingärtner alljährlich ihre dicksten Kohlköpfe herzeigen, so präsentiert die GfdS traditionell "Wörter und Unwörter des Jahres" und eine Hitparade der Vornamen. Finanziert wird die Spielerei zu 80 Prozent aus öffentlichen Mitteln. Immer wieder mischte sich die GfdS auch in die Diskussionen um Orthographiereformen, und man gestattet ihr sogar, Vertreter in den Rat für deutsche Rechtschreibung zu entsenden. Ebenso könnte man aber den Kleingärtnern erlauben, den Regenwald zu jäten. Ab und zu murkst die GfdS auch ein bisschen am Wortschatz herum. 1988 suchte man ungebeten einen "angemesseneren und humaneren Ausdruck für das `Retorten-Baby'" und fand nach einem öffentlichen Wettbewerb den erbärmlichen Vorschlag "IVF-Kind" preiswürdig:
"Die Abkürzung für `In-vitro-Fertilisation` (Befruchtung im Reagenzglas) wurde als bester Vorschlag zur Übernahme in den allgemeinen Sprachgebrauch angesehen, wie die GfdS mitteilte."
(dpa vom 12.8.1988).
"Genauso haben wir uns das Humanum immer vorgestellt", höhnte darauf die Süddeutsche Zeitung in ihrem STREIFLICHT. 1989 wollte der Verein die Deutschen aus einer anderen Bezeichnungsnot erlösen. Es fehle in der deutschen Sprache das Gegenstück zu "satt", wenn man genug getrunken habe, also nicht mehr durstig ist. Wieder lobte man einen Preis aus und bekam auch das entsprechende Medienecho. Leider weiß ich nicht mehr, welches Kunstwort man prämierte. Es ist im Sprachgebrauch jedenfalls nicht aufgetaucht.

Uns allen fehlt ein WortNebenbei:
Im Sommer 1999 wandte sich die Dudenredaktion zusammen mit Lipton Ice Tea mit einer Neuauflage der Frage an die Schulen: „Uns allen fehlt ein Wort“, behauptete man. Die vermeintliche Lemmalücke sollte mit Lehrerschweiß, Schülergehirnschmalz und Ice-Tea geschlossen werden. Preiswürdig fand man das Wort sitt. Was in Wahrheit fehlte, war Verstand, denn Wortbildung per Preisausschreiben funktioniert einfach nicht, was zumindest die Dudenredaktion hätte wissen müssen.

Die GfdS und Duden/Lipton Ice Tea hatten zwei Aspekte übersehen: Erstens war die Frage nach einem Antonym zu durstig schon 1975 gestellt worden. Der Satiriker und Dichter Robert Gernhardt veröffentlichte damals in "Welt im Spiegel", einer Satire-Beilage der Pardon, den Brief eines fiktiven Herrn Schmöll. Schmöll wollte seinen Namen als Wort für satt getrunken zur Verfügung stellen. "Magst noch was trinken? Nein, danke, ich bin schmöll ..." Gernhardts Kollege Bernd Eilert griff den Jux 1987 in seinem "Hausbuch der literarischen Hochkomik" auf, um einen Auszug aus Hamsuns "Hunger" anzumoderieren. Hier wird wohl ein Mitglied der GfdS darauf gestoßen sein, die Quelle wurde aber verschwiegen.

Zweitens ist die Frage wirklich rein akademisch. Wir vermissen keine Bezeichnung, weil das Trinken kein echtes Sättigungsgefühl vermittelt. Anderenfalls käme man ja mit flüssiger Nahrung aus, nach dem Motto: Das bisschen, was ich esse, kann ich auch trinken. Der weltkluge Egon Erwin Kisch hatte es lange zuvor schon auf den Punkt gebracht:
Die Liebe gleicht dem Trinken
Man wird davon nicht satt,
Wenn man auch viel geliebet
Und viel getrunken hat.

Die Beschränkung beim
Trinken ist eher vernunftsgesteuert, wie eine alte Dame, die ich kannte, abends höchstens eine Tasse Tee trank, damit sie nachts nicht aufs Klo musste. Nie kriegt man vom Trinken richtig satt, drum kann man, wenn man will, saufen bis zum Umfallen. Die GfdS und andere Sprachreiniger wären schon ein guter Grund.
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Teestunde (6) - Hübsches Kauderwelsch

Teestunde im Teppichhaus02Früh sinkt am Nachmittag die Dunkelheit herab, Zeit zu lesen. In der Reihe „Teestunde im Teppichhaus“ erscheinen unterschiedlich lange Beiträge zu den Bedingungen von Lesen und Schreiben, - ein Bummel durch die Jahrtausende der Schriftkultur, ausgehend von Phänomenen des Alltags. Heute gehts um Fremdwörter.

Das Duden-Fremdwörterbuch hat fast so viele Einträge wie der Rechtschreibduden. Natürlich sind viele der dort aufgelisteten Fremdwörter kaum bekannt. Was zum Beispiel bedeutet „Isanemone“? Ich fand es gerade, indem ich im Fremdwörterbuch gedäumelt habe. Däumeln ist übrigens eine Praxis des Orakelns. Man tat es früher mit der Bibel. Daumen rein und nachlesen, welche Botschaft sich dort befindet.

Die Isanemone (gr.-nlt.) ist eine Linie, die Orte gleicher Windgeschwindigkeit verbindet. Wann hast du das zum letzten Mal gemacht? Noch gar nicht? Dann bist du vermutlich kein Meteorologe. Viele Fremdwörter sind fachsprachlicher Natur. Sie begegnen uns im Alltag selten oder nie. Andere sind uns so geläufig, dass wir sie nicht mehr als Fremdwort empfinden, das Wort Natur zum Beispiel. Trotzdem wollte der Allgemeine Deutsche Sprachverein in der Zeit des Nationalsozialismus unter anderem auch Natur durch ein deutsches Wort ersetzen: Zeugemutter. Jagd auf Fremdwörter, wie sie besonders heftig zu Beginn des Nationalsozialismus betrieben wurde, ist das Produkt einer eifernden Nationalgesinnung. „Fremdwörter sind die Juden der Sprache“, urteilte Adorno später, womit er die unheilige Brisanz der Fremdwortjagd in ein fassbares Bild überträgt.

fairspieltAnders als manche Eiferer behaupten ist der Gebrauch eines Fremdwortes immer dann legitim und überaus sinnvoll, wenn es einen Bedeutungsbereich bezeichnet, den es in der jeweiligen Sprache nicht gibt. Indem es zwischen den Sprachen unzählige Wörter gibt, deren Bedeutung nicht deckungsgleich ist, gleicht jeder Purismus dem Versuch, das Denken und Ausdrücken zu kanalisieren. Bei genauer Betrachtung wird sich kein einziges Wort finden, das eine völlige Entsprechung in einer anderen Sprache hat, von den Internationalismen wie Hotel oder Taxi einmal abgesehen. Der Deutsche spricht Englisch zum Beispiel als Deutscher, er kann sich beim Erlernen des Englischen als Fremdsprache nur die Bedeutung eines Wortes aneignen, seine Gefühlswerte jedoch allenfalls erahnen. Ein Kid ist eben kein englisches Kind, mit Kid ist in Deutschland ein globalisiertes Kind gemeint.

Der deutsche Sprecher fügt dem englischen Wort immer auch eigene Gefühlswerte und Assoziationen hinzu, die einem Engländer nicht einfallen können. So kann zum Beispiel die Klanggestalt eines Wortes an ein völlig anderes der eigenen Sprache erinnern, so dass dieser Anklang ungewollt immer mitschwingt. Darum ist der Gebrauch eines Fremdwortes immer die deutsche Gebrauchsweise des Wortes. Sie mag sich von der muttersprachlichen Gebrauchsweise erheblich unterscheiden, was sich auch darin zeigen kann, dass ein Fremdwort ein deutsches Suffix bekommt wie etwa die Infinitivendung –en bei downloaden, mailen oder ein Präfix wie ansurfen, anmailen oder spielerisch mit einem deutschen Wort zusammengesetzt wird wie in fairwöhnt.

Die Übernahme eines Fremdwortes ist also eine Adaption zur Erweiterung des eigenen Wortschatzes. Im häufigsten Fall erlöst sich der Sprecher damit aus einer empfundenen Bezeichnungsnot. Darum ist jede Fremdwortjagd auch töricht. Denn wenn einem Sprecher der Zugriff auf Bedeutungsbereiche verwehrt wird, für die er in seiner Sprache keinen treffenden Begriff zu finden glaubt, zwingt man ihn, in einer Welt der weiten Horizonte auf den ausgefahrenen geistigen Furchen seiner Vorfahren durch einen Hohlweg zu fahren. Die Entscheidung für den Gebrauch eines Fremdwortes ist subjektiv, die grundsätzliche Verdammung des Fremdwortes hat ihre Ursachen im kulturellen Minderwertigkeitskomplex.

Eigentlich ist sogar der modische Gebrauch von Fremdwörtern legitim, wenn die Fremdwörter zum Soziolekt gehören, beispielsweise dem einer Berufsgruppe. Nur wer seinen Soziolekt außerhalb der sozialen Gruppe verwendet, wem es also an Sprachkompetenz mangelt, der macht sich dumm und lächerlich.

Wer anschaulich schreiben möchte, sollte allerdings nur wenige Fremdwörter benutzen. Deutsche Wörter haben für Deutschsprachige einfach einen höheren Bedeutungsgehalt. Sie sind konkret, Fremdwörter sind abstrakt. Die deutsche Entsprechung zu konkret ist anschaulich, greifbar. Das wollte ich hier einmal konkret machen. ;)
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