Zwiebeln, Butter, Netzers Frauen und Obst

Ein-Zettel-von-Netzers-Frau„Netzers Frauen sprechen in BILD“ Ja, ist denn der vielleicht Mormone? Nein, guckt man nach, dann sprechen Günter Netzers Frau Elvira (56) und seine Tochter Alana (20). Und worüber? Natürlich über Günter Netzer. Deshalb war er auch dabei, als Bild „seine Frauen“ interviewte, „im Luxus-Hotel ‚Baur au Lac’ am Züricher See nahe ihrer Wohnung“, und hat aufgepasst, dass „seine Frauen“ nichts Falsches über ihn sagen. Falls sich das Interview so zugetragen hat, dann hätte Günter Netzer besser mit Bild abgesprochen, wie sie den Beitrag titeln wollen, denn wer möchte schon gern von sich lesen, die 20-jährige Tochter sei eine seiner Frauen.

Es war aber alles ganz harmlos. Eigentlich geht es im Interview um gelbe Merkzettel. Die ältere seiner beiden Frauen klebt sie ihm auf die Kleidungsstücke, bevor Günter Netzer auf Reisen geht, damit er immer weiß, was er zu welcher Gelegenheit anziehen soll. Denn sich selbst anzuziehen, dazu habe er kein Talent, sagt Netzer. Wer fürs Ausziehen von Günter Netzer zuständig ist und ihm dann die Sachen zurechtlegt, wurde im Interview leider nicht gesagt.

Im Einkaufswagen des
Supermarktes lag auch ein Merkzettel. Sein Inhalt ist ebenfalls dürftig, womit ich nichts gegen Zwiebeln, Butter und Obst sagen will. Sich drei Dinge nicht merken zu können, ist eine unangenehme Sache. Geringe Merkfähigkeit gilt als eine Begleiterscheinung der Schrift, vor der bekanntlich schon Platon gewarnt hat. Wo viel aufgeschrieben wird, ist das Gedächtnis kurz. Hinzu kommt natürlich die Belastung durch bildhafte Zerstreuungsmedien. Wem sie ständig den Kopf zumüllen mit banalen Dingen, dessen Gedächtnis kann man nicht trauen. Und wer kein historisches Gedächtnis hat, dem mangelt es auch an Verständnis. Doch zeigt man ihm seine Vergangenheit in einer Retro-Show, sitzt er hüpfend auf dem Sofa und freut sich.

Die Informationsüberflutung ist das Gegenstück zum Klimawandel. Der Globus erhitzt sich, schwappt über und droht unter seinem eigenen Gequassel zu ersaufen. Wo soviel los ist, als wäre die ganze Welt ein allzeit überfüllter Markt, kann man sich nur noch schwer konzentrieren. Deshalb ist es manchmal ganz praktisch, sich einfachen und stillen Dingen zu widmen, wie zum Beispiel einem simplen Einkaufszettel.

Guten Abend
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Nächtlicher Auftrag

Nächtlicher-Auftrag

Gestern Nacht lag ich im Bett und dachte: Mach, dass ich morgen einige wichtige Dinge erledigen kann. So hingeschrieben, klingt es wie ein Gebet. Es war aber nicht wie ein Gebet gemeint, denn eigentlich sprach ich mit mir und gab meinem Ich der Nacht einen Auftrag. Einfache Dinge erledigt mein Ich der Nacht prompt. Wenn ich ihm zum Beispiel sage, dass ich am nächsten Morgen um 6:05 Uhr aufwachen will, dann wache ich pünktlich um 6:05 Uhr auf. Und stimmt die Uhrzeit nicht ganz, dann geht die Uhr nicht richtig. Mein gestriger Auftrag betraf viel schwierigere Angelegenheiten, und trotzdem wurde auch er durchgeführt. Ich erledigte den Tag über einige Dinge zu meiner Zufriedenheit, kam gut in meiner Arbeit voran und schaffte es sogar, zwei Beiträge für das Teppichhaus zu schreiben, einen polemischen und diesen hier. Man kann also sagen, das Ich der Nacht hat das Tages-Ich gut bedient. Wie ist das möglich?

Ein Versuch der Verallgemeinerung: Die Handlungen des Menschen bei Tag beeinflussen auf unwägbare Weise die nächtlichen Träume, mithin das Erleben einer der beiden menschlichen Daseinsformen. In der Daseinsform des Wachens ist der Mensch wiederum von seinen nächtlichen Traumerfahrungen und den unbewussten Vorgängen beeinflusst. So ragt eine Daseinsform in die andere und bedingt sich wechselseitig.

Sich selbst einen Auftrag für die Nacht zu geben, ist eine seltsame Angelegenheit. Tag-Ich spricht mit Nacht-Ich, und wer ist es, für den sie es tun? Irgendwo in der Mitte zwischen beiden ist ein beobachtendes und erlebendes Ich. Dieses Ich profitiert von einer Zusammenarbeit der beiden anderen. Die Hirnforschung behauptet, sie habe eine solche Zentrale nicht gefunden. Trotzdem kann jeder Mensch sie erleben, wenn er sich einmal einen Augenblick selbst betrachtet und gleichsam gut auf sich und seine Handlungen achtet. Sie sollten auf die Zukunft gerichtet sein. Denn seltsam genug, auch das Ich, das du gestern warst, beeinflusst dein Heute. Also ist es ratsam, vernünftig für das Ich vom morgen zu sorgen.

Es scheint, als verstünden es einige gut, für sich selbst zu sorgen, andere könnten es gar nicht. Die es nicht können, verfügen nicht über die materiellen Mittel, ihr Leben angemessen zu gestalten. Das würden sie auch nicht können, wenn sie sich nächtliche Aufträge geben, denn ein solcher Auftrag muss sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten bewegen. Es geht um Bildung, Können und Kapital, und wenn sie fehlen, ist Hilfe von außen nötig. Das Schicksal dieser Menschen muss einen nicht einmal groß bekümmern. Sozialer Ausgleich ist eine Angelegenheit der Vernunft. Es ist vernünftig, sich sozial zu verhalten, weil die Gesellschaft insgesamt durch ihren Zusammenhalt gestärkt wird. Sie ist effektiver, und das kommt allen zugute. Deshalb muss die verantwortliche Selbstsorge erweitert werden. Zu ihr gehört auch soziales Verhalten. Unsere Ichs der Zukunft freuen sich, wenn wir ihnen eine freundliche Welt bauen, in der es sich gemeinschaftlich gut leben lässt.
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Zeitalter der schreibenden Affen

Internetexperten sind Internetexperten, wobei zu bezweifeln ist, dass derzeit jemand das Phänomen Internet mit all seinen Erscheinungen auch nur annähernd überblickt oder sogar begreift. Wenn Internetexperten sich zu ihrem Medium äußern, neigen sie zur spekulativen Pauschalisierung, eben weil das Phänomen Internet kaum überschaubar ist. Das ist eigentlich ungeschickte Wissenschaft, nicht weit entfernt vom Kaffeesatzlesen. Oft sind Internetexperten so genannte Pioniere des Internets. Das bedeutet, ihr Expertentum haben sie aus der Praxis und der Reflektion dieser Praxis gewonnen, was natürlich ein eingeschränktes Blickfeld mit sich bringt.

Ein solcher Internexperte ist der Engländer Andrew Keen. Er hat ein provokantes Buch über das Internet geschrieben, worin er unter anderem sagt, das Internet sei gefährlich, denn es schaffe die Wächterfunktion der Medien ab, womit er wohl Medien wie Wochenschau, Radio und Fernsehen sowie Buch und Zeitung/Zeitschrift meint. Dabei geht er davon aus, dass in den Redaktionen dieser Medien Menschen mit Sachverstand sitzen, die die Informationen sichten und bewerten, bevor sie sie aufbereiten und verbreiten. Blogger vergleicht er mit Affen, die nicht nur unfähig sind, die Informationen aus dem Internet kritisch zu werten. Sie umgehen auch noch diese Wächterfunktion „der Medien“ und verbreiten „eine Kakophonie von Inhalten“, wie Keen in einem Interview mit dem Tagesspiegel sagt. Und weiter: „Natürlich glaube ich nicht wirklich, dass Blogger Affen sind. Ich erkenne an, dass von 70 Millionen Bloggern ein paar Tausend wirklich etwas zu sagen haben, diese Meinung aber aus welchen Gründen auch immer nicht über herkömmliche Medien verbreiten.“ Die anderen sind nach seiner Ansicht „Medienanalphabeten“, vor allem, wenn sie der YouTube-Generation entstammen. Und weiter sagt er: „Die Blogosphäre ist kein besonders effektives Medium, um qualitativ hochwertige Inhalte hervorzubringen oder neue Talente zu fördern.“, … weil die Inhalte nicht bezahlt würden.

Keens kulturpessimistische Ausführungen wirken schlüssig, denn wer sich in der Blogosphäre bewegt, kann seine Aussagen bestätig finden. Doch eigentlich betrachtet hier ein Experte des Internets sein Medium aus der Froschperspektive. Zu den Kinderkrankheiten des Internets finden sich Parallelen bei den Medien in der Vergangenheit. Bezieht man sie in die Betrachtung ein, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Das will ich hier skizzieren.

Jedes neue Medium wird in seiner Entstehungszeit mit Misstrauen beäugt. Das beginnt bereits bei der Schrift selbst: Im Dialog des Sokrates mit Phaidros lässt Platon Sokrates sagen, Gott Theuth habe dem ägyptischen König Thamus die Schrift gezeigt und gesagt: „(…) diese Kenntnis wird die Ägypter weiser machen und ihr Gedächtnis stärken; denn als Gedächtnis- und Weisheits-Elixier ist sie erfunden." Der aber erwiderte: „O meisterhafter Techniker Theuth! Der eine hat die Fähigkeit, technische Kunstfertigkeiten zu erfinden, doch ein andrer, das Urteil zu fällen, welchen Schaden oder Nutzen sie denen bringen, die sie gebrauchen sollen. Auch du, als Vater der Schrift, hast nun aus Zuneigung das Gegenteil dessen angegeben, was sie vermag. Denn sie wird Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, - aus Vertrauen auf die Schrift werden sie von außen durch fremde Gebilde, nicht von innen aus Eigenem sich erinnern lassen. Also nicht für das Gedächtnis, sondern für das Wieder-Erinnern hast du ein Elixier erfunden. Von der Weisheit aber verabreichst du den Zöglingen nur den Schein, nicht die Wahrheit; denn vielkundig geworden ohne Belehrung werden sie einsichtsreich zu sein scheinen, während sie großenteils einsichtslos sich und schwierig im Umgang, - zu Schein-Weisen geworden statt zu Weisen."

Und weiter sagt Sokrates:

"Denn diese Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht. Und wird sie beleidigt oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe; denn selbst ist sie weder sich zu schützen noch helfen imstande. (Phaidros 274c-278b)


Dass die Schrift das
Gedächtnis schwächt und die zu übermittelnden Weisheiten unsinnlich und unabhängig von Sprecher und Hörer verbreitet, so dass die Inhalte sich verselbstständigen, nicht begriffen, falsch verstanden oder fehl interpretiert werden können, ist eine noch heute gültige Kritik. Die Schrift hat viele Schein-Weise im Sinne Platons hervorgebracht und wird dies weiterhin verursachen. Die Kritik ist aber, das muss man einwenden, handschriftlich übermittelt, also vom kritisierten Medium selbst durch die Zeit transportiert worden. Trotz der von Platon aufgezeigten Schwächen löste das neue Medium Schrift die Mündlichkeit ab, veränderte Denken und Handeln der Menschen und prägte Kulturen. Diese Schriftkulturen messen dem Medium hohe Bedeutung zu, was sich besonders bei den Schriftreligionen zeigt. Und gleichzeitig sinkt die Wertschätzung des vorangegangenen Mediums, der Mündlichkeit. Ein Wort gilt weniger als ein handschriftlicher Vertrag. Die schriftliche Vereinbarung ist die Urkunde (im Sinne der ersten Kunde), nicht das Gesagte.

Die Kritik an der Schrift, die ja ursprünglich Handschrift ist, wird abgelöst von einer Kritik des gedruckten Buches. Vespasiano da Bistici berichtet vom Herzog von Urbino (+ 1482), dass er die kostbaren Handschriften in seiner Bibliothek nur mit weißen Handschuhen berührte und kein gedrucktes Buch in seiner Sammlung duldete. Er hätte sich dessen geschämt. So verwundert es nicht, dass die frühen Drucker ihren Büchern den Anschein gaben, sie wären mit der Hand geschrieben. Bereits Gutenberg hatte sich die Schrifttypen für die 42-zeilige Bibel von dem Kalligraphen Peter Schöffer gestalten lassen. Gedruckte Bücher galten noch lange Zeit als Werke, die nicht mit erlaubten Mitteln hervorgebracht waren. Buchdruck hatte den Ruch, Teufelswerk zu sein.

Dieses Misstrauen
entstand aus der für damalige Verhältnisse erstaunlichen Tatsache, dass sich mit Hilfe des Buchdrucks identische Kopien eines Originals herstellen ließen. Denn handschriftliche Abschriften waren Unikate und wurden als solche geachtet. Doch diese Unikate waren voller Fehler, unabsichtlichen und vor allem absichtlichen. Der Historiker Horst Fuhrmann nennt das Mittelalter „Zeit der Fälschungen“. Noch traute man vielerorts auch dem Buchdruck nicht. So schreibt Bischof Heinrich von Ahlsberg im Vorwort des Regensburger Messbuchs von 1485, er habe das Werk nach dem Druck prüfen lassen; dabei habe sich ergeben, dass die Drucke übereinstimmten. In Freising wurden fünf Männern dafür bezahlt, 400 Exemplare eines neu gedruckten Messbuches zu vergleichen, wobei sie entdeckten, dass alle Messbücher denselben Wortlaut enthielten.

Eine interessante Parallele aus der Frühzeit des Buchdrucks zu heutigen Internet-Weblogs ist das Fehlen eines Impressums auf Flugblättern (den Vorläufern der Zeitungen) und in vielen Büchern, denn es gab lange Zeit keine Pressefreiheit im heutigen Sinne, so dass sich die Drucker bei kritischen Inhalten tarnen mussten. Der Verleger und Typograf Johann Gottlob Immanuel Breitkopf (1719-1794) schreibt „In Frankreich that noch 1789 der Minister Calonne dem Könige Ludewig den XVI. den Vorschlag, die Pressfreiheit unter der Bedingung zu erlauben, wenn der Verfasser seinen Namen auf dem Titel angaebe, oder sich wenigstens der Drucker nennte, um einen von beyden noethigen Falls zur Verantwortung bringen zu koennen.“

Aus Selbstschutz tarnen sich viele der heutigen Internetuser. Denn es ist unzweifelhaft peinlich, im Internet eigene Worte oder Bilder zu finden, die man sich besser verkniffen hätte. Das werden jene User noch stärker erleben, die sich derzeit arglos offen auf Plattformen wie Facebook oder studiVZ tummeln. Wenn die Zeit darüber gegangen ist, wenn man sich selbst verändert hat, mag man sich nicht gerne konfrontieren mit einem Selbstbild der Unbedarftheit. Veröffentlichungen im Internet sind noch lange vorhanden und fallen zu beliebigen Zeiten auf ihre Urheber zurück.

Doch es geht nicht nur um Peinlichkeiten. Das zukünftige Web wird viel stärker der sozialen Kontrolle unterworfen sein als das derzeitige Internet. Wer sich zum Beispiel darin gefällt, seine Mitmenschen im Internet zu schmähen und zu beleidigen, wird in Zukunft keinen Arbeitgeber mehr finden, denn wer will sich eine Gift spritzende Persönlichkeit mit asozialen Neigungen ins Haus holen, scheinbar weise und schwierig im Umgang. Hier ergibt sich eine neue Herausforderung für die schulische Mediendidaktik, damit nachfolgende Generationen sich im Internet vorsichtiger, klüger und sozialer verhalten. Und es gilt auch zu vermitteln, medialen Informationen grundsätzlich zu misstrauen, nicht nur denen aus dem Internet.

FleißkärtchenZurück zum Buchdruck. Das gedruckte Wort erfuhr in der Folge eine enorme Aufwertung und verdrängte die Geltung der Handschrift wie die Handschrift das gesprochene Wort verdrängt hat. Handschriften stammten von einer Hand. Bücher und Zeitungen wurden von vielen Händen gemacht, von Menschen, die sich auf bestimmte Bereiche spezialisiert hatten. Autor, Lektor oder Redakteur, Setzer, Korrektor, Drucker, - sie alle standen hinter einem Werk oder hinter einer Zeitung. Dazu bedienten sie sich aufwendiger Technik, die allen anderen nicht zur Verfügung stand. Daraus bezog das gedruckte Wort seine Macht, die noch heute andauert, jedoch im Schwinden begriffen ist. Denn mit Computer und Internet kehrt alles in eine Hand zurück.

Und in der
Regel ist auch nur ein Kopf am Werk. Doch wer glaubt, dass Rundfunk, Fernsehen, Printmedien deshalb grundsätzlich verlässlicher sind, der irrt. Sie alle sind abhängig von gesellschaftlichen Umständen und politischen Vorgaben. In Diktaturen ist die Presse Verlautbarungsorgan, in Ländern mit Pressefreiheit diktiert die Wirtschaftlichkeit die Ausrichtung. Wirtschaftlichkeit hängt von Anzeigenaufkommen, Auflagenhöhe oder Einschaltquoten ab. Um sie zu steigern, schrecken manche Redaktionen nicht davor zurück, die niedrigsten menschlichen Neigungen zu befriedigen. Es gibt gewissenlose Schmocks in Redaktionen und es gibt Schmockzeitungen sowie Schmocksender. Selbst in seriösen Redaktionen werden Informationen journalistisch gefällig frisiert. Und keine Redaktion erlaubt es sich, einen großen Anzeigenkunden zu verprellen, indem sie allzu kritisch über ihn berichtet.

Durch das Internet
ist eine Gegenöffentlichkeit entstanden, und diese Gegenöffentlichkeit ist nicht durch Redaktionen kontrolliert. Die Gefahren dieser Entwicklung liegen offen auf der Hand. Sie werden von allen Skeptikern herausgestellt. Doch wo liegen die Chancen? Wir haben schlaglichtartig gesehen, dass Medien einander in der Geltung ablösen. Dabei gehen einige der spezifischen Stärken der abgelösten Medien verloren. Es ist das Opfer, das erbracht werden muss, denn die Entwicklung neuer Medien hat eine Eigendynamik und ist auch durch Kritiker nicht aufzuhalten, selbst wenn sie sich weiße Handschuhe anziehen wie der Herzog von Urbino. Doch jedes neue Medium hat auch eigene Qualitäten, die den anderen Medien fehlen. Worin liegen die neuen Qualitäten von Weblogs?

Dass eine Horde von Affen durch bloßes Herumhämmern auf der Tastatur alle Literatur der Welt hervorbringen kann, wenn man sie nur lange genug gewähren lässt, ist ein alter Witz und gleichzeitig eine rechnerische Tatsache. Stehen wir nun am Beginn dieses Experiments? Seit Jahrzehnten bemüht sich die Deutschdidaktik um reale Schreibanlässe. Schüler sollen Tagebuch schreiben, Brieffreundschaften eingehen, eine Klassenzeitung machen und dergleichen. Und wenn die realen Schreibanlässe fehlen, schreiben Schüler Aufsätze. Warum? Wer außer Lehrer und Verwandten will das lesen? Schreiben holt die Gedanken aus ihren natürlichen Kreisen und bringt sie in Sätze und logische Abfolgen. Schreiben zwingt dazu, eine Sache zu Ende zu denken und schult somit das Denken. Schreiben zwingt zum Hinterfragen und trainiert die Beobachtung. Schreiben ist ein kreativ-spielerischer und schöpferischer Prozess. Wer für Leser schreibt, muss sich Wissen aneignen. Und was geschrieben ist, lässt sich nachträglich auf seine Gültigkeit überprüfen. Das Schreiben mit einer technischen Schrift ist zudem eine Form der Objektivierung. Das Geschriebene hat eine überindividuelle äußere Form, ist dem Schreiber dadurch entfremdet und daher auch für ihn leichter zu beurteilen. Das schützt ein wenig vor einem Fehlurteil aus Zuneigung, dem auch Gott Theuth unterlag, als er die Schrift erfand.

Wer Texte im
Internet veröffentlicht, entwickelt seine Fähigkeit zu schreiben und profitiert von den geschilderten Effekten. Daher wird sich sein Schreiben auch verändern. Er wird ein Bewusstsein von Qualität entwickeln, wird sich an verschiedene journalistische Formen heranwagen, kurzum, er wird lernen, sich auszudrücken und zwar so, dass ihn andere verstehen und gerne bei ihm lesen. Jedermann sein eigner Redakteur. Eine andere Zensur findet nicht statt.

Ein weiterer Vorzug dieses
Mediums lindert einige der Mängel, die Platon der Schrift anlastet. In einem Blog schwirrt die Schrift nicht losgelöst von ihrem Erzeuger umher. Schreiben im Internet ist interaktiv. Der Autor ist eine Weile da und kann zu seinen Worten befragt werden, man kann sich ob des Verständnisses bei ihm rückversichern, kann ihn bestätigen, korrigieren, ihn auf Aspekte hinweisen, die er nicht bedacht hatte, man kann mit ihm plaudern. Das alles sind Elemente der Mündlichkeit. Dieses wundersame Medium vereint Herz, Hand und Verstand und trägt daher fast alle Vorzüge der Medien in sich, die es beerbt hat. Man muss den schreibenden Affen nur Zeit lassen, sich in seinem Gebrauch zu üben.
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Sonntagstour - Verwirrte Zeiten

Sonntagnachmittag zwischen Tag und Traum – eine befremdliche Stimmung über der Stadt. Richtig hell ist es den ganzen Tag über nicht gewesen, und gegen drei dämmert es bereits. Es ist die Zeit der bummelnden Paare ohne besonderes Ziel, in der Hoffnung, dass sich irgendwo etwas Sehenswürdiges findet. Und wo sich nur die Schaufensterauslagen stummer Läden betrachten lassen, ziehen namentlich die Männer, denen eine Frau im Arm hängt, Gesichter zwischen Missmut und Unglück. Das ist übrigens bei den meist jüngeren Händchenhaltern anders. Könnte es sein, dass große und ausdauernde Nähe die Langeweile im Gepäck hat?

Auf der Pontstraße unterhalb
des Markts rieche ich frisches Fleisch. Es gibt keine Metzgerei in der Nähe, und gäbe es eine, hätte sie geschlossen. Hat man etwa am heiligen Sonntag auf einem Hinterhof eine Sau abgestochen und zerhauen? Und das an diesem trüben Nachmittag? Eine Spur von Pferdeäpfeln führt über das Pflaster hinauf auf den Markt. Hier ist ein kleiner Menschenauflauf, und zwischen den dunkel gekleideten Passanten blinken Ritterrüstungen, streichen Herolde und Weibsbilder in Trachten umher. Über ihren Köpfen blitzen Schwertklingen auf und schlagen klirrend aneinander. Ein Planwagen steht auch da, und dunkle Zelte aus roher Leinwand sind errichtet. Rauch zieht gen Himmel, - in geschmiedeten Ständern glimmen Feuer. Was ist das für ein rustikaler Zauber? In einem geöffneten Zelt sitzen welche über Bratwürsten, und die werden verkauft an einem Stand der Metzgerinnung. An der Rückwand ein Plakat: „125 Jahre Aachener Metzgerinnung“. Hm. Wenn die Aachener Metzgerinnung noch so jung ist, was hat sie dann mit der Ritterzeit zu tun? Das erschließt sich nicht. Vielleicht ist einer der Innungsmeister in einem Verein von Freizeitrittern und hat das Spektakel angeregt.

Man kann das
Rathaus besichtigen. Kostümierte mit Hellebarden flankieren das Portal. Man muss sich nur zwischen ihnen hindurchtrauen, der Eintritt ist frei. Auch im Foyer stehen kostümierte Kerls. Sie werden an diesem Tag hunderte Mal fotografiert, und falls sie bei jedem Foto ein bisschen von ihrer Seele verlieren, sind sie fortan seelenlos. Eine Frau vom Fremdenverkehrsamt führt ins Amtszimmer des Bürgermeisters. Es zeigt nach hinten hinaus, auf den Katschhof. Die Fremdenführerin erzählt, als auf dem Rathausgrund noch die Kaiserpfalz stand, habe Kaiser Karl genau wie der Oberbürgermeister hinaus auf den Katschof geschaut, denn der Eingang sei damals auf der Katschhofseite gewesen, damit der Kaiser seinen Dom im Blick hatte. Ja, gut dass wir jetzt wissen, wo Karl der Große hingeguckt hat und in welcher Rausguck-Tradition der Oberbürgermeister von Aachen steht.

Die Fleischerinnung erinnert mit
frischer Bratwurst an das 19. Jahrhundert, ein Verein spielt Mittelalter, wie Kaiser Karl im 9. Jahrhundert aus dem Fenster geguckt hat, weiß eine Dame vom Verkehrsverein, und Japaner auf Fünf-Tage-Europa-Trip fotografieren die Inneneinrichtung im Aachener Barock, - was für ein Durcheinander. Übrigens wollte ich niemals hinsehen müssen, wo der Oberbürgermeister von seinem Schreibtisch aus hinschaut, wenn er mal nicht aus dem Fenster guckt. Er hat da etwas Scheußliches vor Augen. Ich habe es fotografiert, zeige das Bild aber erst am Schluss, um meine werte Kundschaft nicht zu verschrecken.

Im Krönungssaal, versteckt hinter
großen Pinwänden, lässt sich eine Stahltür öffnen. Sie führt ins Treppenhaus einer großen Wendeltreppe, in dem allerlei Gerümpel abgestellt ist. Es riecht nach Wein. An den Wänden sind gelegentlich alte Ziegel und noch ältere Bruchsteine zu sehen. Von weiter unten tönt das Klirren von Gläsern. Dort scheint eine Küche zu sein. Und unten am Fuß der Treppe läuft der Gang stumpf aus. Da ist eine Stahltür an der Seite, auch sie lässt sich öffnen. Ich stehe auf einer Treppenstufe und sehe hinab in einen Versammlungsraum, aus rohen Bruchsteinen gemauert. Der Saal ist voller Menschen an eingedeckten Tischen, die neugierig den Kopf wenden, denn die laut zufallende Seitentür stört einen Vortrag. An der Stirnseite des Raumes stehen fünf Männer in dunklen Anzügen auf einer Bühne. Sie haben Fühler auf dem Kopf und tragen in knubbeligem Hochdeutsch einen Sprechgesang vor. Da bin ich mitten in eine Geheimgesellschaft geplatzt, die unbemerkt von den oben herumlaufenden Touristen in einem verschwiegenen Ratskeller ihre Riten abfeiert.

Und ich habe meine
Jeckenkappe nicht bei mir. Man schaut mich abweisend an, will mich nicht dabeihaben, hatte ohnehin die Kellnerin erwartet, als ich durch die Tür kam. Deshalb lege ich gar nicht erst ab, sondern schlage den Mantelkragen hoch und gehe wieder. Es freut mich, dass die zufallende Stahltür noch mal ordentlich scheppernd ins Schloss fällt. Ich will schließlich auch einen Spaß machen.

Der Flügel eines schmiedeisernen Tores lässt sich aufschieben, ich stehe wieder auf dem Markt, abseits des halblustigen Treibens. Solch schmiedeeiserne Tore hat einst mein Vater gemacht. Auch mein Großvater und mein Urgroßvater waren Schmiede. Drum will ich einmal etwas zur Ehrenrettung der Schmiede sagen. Die Jakobsstraße hoch, da kommen wir an einem Denkmal für den wehrhaften Schmied vorbei. Von ihm erzählt die Sage, er habe in Gertrudisnacht von 1278 den Grafen Wilhelm von Jülich und seine Söhne mit dem Hammer erschlagen und so die Stadt gerettet. Graf Wilhelm war im Morgengrauen mit 500 Gefolgsleuten in die Stadt eingedrungen, und als er auf Widerstand stieß, wollte er sich zurückziehen. Da kam auf dem Weg zur Arbeit ein Schmied daher und schlug kurzerhand mit seinem Hammer zu. Früh morgens sind Schmiede nämlich schlecht gelaunt und brauchen einen Amboss. Zur Not tut’s da auch ein behelmter Kopf.

In Wahrheit war der
Mann kein Schmied gewesen, sondern ein Metzger. Es gab natürlich schon vor 1883 Metzger in Aachen. Metzger stehen auf im Bewusstsein, dass sie im Morgengrauen Blut vergießen werden. Es sieht genauso aus wie Menschenblut, und vermutlich riecht es auch so. Der wehrhafte Metzger jedenfalls fand nichts dabei, den flüchtenden Grafen und seine Söhne hinzuschlachten. Er tat es der Sage nach wortlos und natürlich mit einem Schlachterbeil. Später war den Aachenern die Sache peinlich. Die Stadt wurde nämlich wegen dieser Morde dazu verurteilt, die Grafenwitwe Richarda zu entschädigen. Und damit die Sache nicht ganz so blutig in Erinnerung blieb, machte man aus dem Metzger einen Schmied. Der steht nun in Bronze gegossen an der Jakobstraße und hält einen schweren Hammer bereit.

Für das angekündigte
Handyfoto müssen wir noch einmal zurück ins Rathaus. In den 50er Jahren habe man ins Amtszimmer des Oberbürgermeisters diese Sitzgruppe gestellt, erzählte die Fremdenführerin, was damals von vielen als Stilbruch kritisiert worden sei. Und als die Stühle verschlissen waren, habe man ähnliche besorgt. Das klingt irgendwie ulkig, denn warum sollte man einen Stilbruch erneuern, wenn er glücklich verschlissen ist? Haben Stilbrüche nicht etwas Derbes und in sich Hässliches? Wer als Oberbürgermeister in einem historischen Rathaus von lauter alten Dingen umgeben ist, hat es gewiss schwer, das Drinnen des Rathauses mit dem Draußen seiner Mitbürger in Einklang zu bringen. Gebäude stehen still da, rühren sich nicht und verraten nichts, und trotzdem beeinflussen und formen sie die Menschen, die zwischen ihnen daherlaufen oder sich in ihnen aufhalten. Und ich frage mich, was macht zum Beispiel dieser Anblick hier mit meinem Oberbürgermeister:

Sitzgruppe des Grauens

Hoffentlich schaut der Mann oft aus dem Fenster.
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Herumfliegende Worte

Ein schöner Tag, vorausgesetzt, man guckt nicht in die Zeitung. Wo ich heute herumlief, war es jedenfalls erbaulich. Ich kannte einmal eine Frau, die beim Stadtbummel nicht ansprechbar war, sobald sie irgendwo in der Nähe ein paar Gesprächsfetzen erhaschte. Meist bleib sie dann stehen und tat so, als müsse sie an Ort und Stelle irgendwas Wichtiges tun, um in Wahrheit noch mehr vom Gespräch zu erlauschen. Heute habe ich kurz hintereinander drei Gesprächsfetzen aufgefangen. Danach war ich in Sorge, einen Bekannten zu treffen oder etwas Ungewöhnliches zu sehen, - dann würden die Gesprächfetzen unweigerlich im Orkus des Vergessens versacken. Diese Sorge zwang mich, die Zitate im Stehen zu notieren und ich vermisste dabei eine Unterlage. Es wäre prima, wenn in den Innenstädten hier und dort Stehpulte angebracht wären. Ein solches Stadtmöbel fehlt.

Ich hätte natürlich in ein Cafe gehen können, doch ich hatte mir vorgenommen, zuerst die Schaufensterfensterpuppe einer Apotheke zu fotografieren. Sie war nämlich im Dezember ein Engel, und jetzt ist sie kein Engel mehr, sondern hat einen Knieverband. Bin gespannt, ob und wie die Metamorphose fortschreitet. Eigentlich müsste Figur derzeit eine rote Pappnase haben. Nach Karneval steht die Osterzeit an, dann wäre die Puppe als Bunny ganz hübsch und könnte für Potenzmittel oder Kondome werben.
Engel-mit-Knieverband

Vom Thema abgekommen. Meinen liebsten Gesprächsfetzen hörte ich einmal auf der Kölner Domplatte. Ein junger Mann sagte zu einem alten: "Reg dich nicht auf, Onkel Franz, ich mach das schon." Aus irgendeinem Grund ist dieser Satz für mich wie Poesie. Heute fing ich den ersten Gesprächsfetzen am Aachener Markt auf. Vor dem Lokal Postwagen, gleich neben dem Standesamt, hatte sich eine staatsgemachte Hochzeitsgesellschaft versammelt. Ein Mitvierziger sprach auf zwei Frauen und einen Mann ein, zeigte einer imaginären Person mit heftiger Geste einen Vogel, beugte sich vor und sagte empört: „… und feiert da Silvester!“ Warf sich in die Brust und fuhr fort: „ Ja gut, Okay, dat issss ….. „
Die Worte, der Mann, man hätte die Rolle nicht besser besetzen können. Vielleicht ging es erneut um die ominöse Nicole? Jedenfalls dachte ich mir, egal, um wen es geht, man sollte als Außenstehender nie so heftig urteilen. Man ist dann grundsätzlich im Irrtum.

Später überholte ich ein
älteres Ehepaar, und er sagte: „ … ja, isch hab an und für sisch … " - Diese Wendung hatte ich schon lange nicht mehr gehört. Sie gehört einem Soziolekt des Nichtssagenden an, kann ohne Informationsverlust gestrichen werden, hat aber etwas Kommunikatives. Die Wendung ist nur zu gebrauchen, wo es nötig oder erlaubt ist, sich sprachlich auszubreiten. Da braucht man als Zuhörer Zeit. Nur wer Zeit hat, kann sich so unterhalten.

Im Cafe sprach eine alte
Dame mit einer Kellnerin, die ihr mit den Krücken half. „Ne, ne, dat jehört sich nicht!“, sagte sie immer wieder. Was genau sich nicht gehörte, konnte ich nicht herausfinden. „Das gehört sich nicht“, wird sowieso mit den derzeit Alten aussterben. Die nachfolgenden Generationen haben nämlich sehr divergierende Ansichten darüber, was sich wie gehört. „Das gehört sich nicht“ gehört in eine Welt des Anstands. Diese Welt ist dabei, im Orkus des Vergessens zu verschwinden.


Guten Abend
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Wenn ein Stern vom Himmel fällt ...

unruehmliche-Begegnung
Aus aktuellem Anlass. Die Originalfassung ist ein Cartoon, das ich vor langer Zeit in einer Aachener Hochschulzeitschrift veröffentlicht habe.
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Herdprämie - Herdprämie - Herdprämie

Ab etwa dem 45. Lebensjahr will eine bestimmte Sorte des urbanen Mannes Modelleisenbahner werden. Mangelt es an handwerklichem Geschick, hat er, wie landläufig gesagt wird, zwei linke Hände, dann verlässt er den Modelleisenbahnclub wieder und tritt ersatzweise in eine Sprachgesellschaft ein, etwa in den Bund für deutsche Schrift oder in die Gesellschaft für deutsche Sprache. Und wie bei den Modelleisenbahner auch diplomierte Ingenieure mitmachen, so können auch Sprachgesellschaften Akademiker für sich gewinnen, zum Beispiel ältliche Professoren, die vergrämt auf wissenschaftlichen Abstellgleisen hocken. Heute meldeten die Medien, eine "Jury von Sprachwissenschaftlern" habe das Unwort des Jahres bekannt gegeben. Man hat „Herdprämie“ gekürt.

Ein unbefangener Betrachter könnte vermuten, dass sich die deutsche Sprachwissenschaft mit dem Küren von Wörtern und Unwörtern des Jahres beschäftigt, ja, dass es sogar ihre vornehmste Aufgabe ist, die Wörter des allgemeinen Sprachgebrauchs zu loben oder zu tadeln. Die Sprachwissenschaft wäre dann so etwas wie ein Wortgericht, in dem befunden wird, wie eine Sache genannt werden darf und wie nicht. Mit diesem Anspruch stünde die Sprachwissenschaft über allen, über den anderen Wissenschaften, über den Medien und über der Politik, ja, auch über den Kirchen, denn eine so verstandene Sprachwissenschaft wäre eine übermächtige Religion, die allein nach Gutdünken handelt. Sie kennt keinen Gott als ihren Auftraggeber. Ihr Auftraggeber ist die Sprache selbst, der sich auch Gott unterwerfen muss, denn mit Hilfe der Sprache kann der Mensch sogar mit Gott machen, was er will. Er kann GOTT in Versalien schreiben, GOtt mit zwei großen Anfangsbuchstaben, Gott getreu der amtlichen Rechtschreibung und zuletzt auch als einen kleinen gott.

Entschuldigung, vom Thema abgekommen. Unser Thema: Eine Sprachwissenschaft, die sich moralisierend in die Sprachentwicklung einschaltet, ist keine Sprachwissenschaft, sondern eine Religionsgemeinschaft. Wie kommt es, dass sich Sprachwissenschaftler dazu hergeben, an einem pseudoreligiösen Ritual wie der Wahl des Unwortes teilzunehmen? Es kann nur Eitelkeit sein. Denn eigentlich müssten sie wissen, dass sie spekulativen Unsinn betreiben. Sprache bezeichnet nur. Wenn ein Wort eine üble Sache bezeichnet, so liegt das Übel nicht im Wort, sondern in den realen Gegebenheiten, menschlichen Handlungen und Denkungsweisen.

Die Sprache der Politik und der Medien kennt viele Wörter, die eine bestimmte Gesinnung kennzeichnen. Diese Wörter zu verbieten oder moralisch zu geißeln ist genauso sinnvoll wie Impfung gegen Schweinepest. Man weiß nach Tilgung oder Impfung nicht mehr, wo der Pestvirus steckt. Also, froh um jedes entlarvende Wort.
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Abendbummel online - Anrüchiges Thema

Der Kreislauf des GeldesUnd kein Winter in Sicht. Und keine Themen auf der Straße. Und keine Kunden im Friseurladen. Und mein Friseur sagte so gut wie kein Wort. Nur einmal wurde die Stille von Bemerkungen unterbrochen, als nämlich die Schere zu Boden fiel. Zum Glück blieb sie nicht mit der Spitze im Boden stecken, denn das wäre ein schlechtes Omen; es bedeutet späten Besuch. Das könnte im Frisuerladen nur einer sein, der kurz vor Feierabend reinkommt und die Löschen so wild um die Ohren hat wie ich, bevor der Friseur Hand an mich legte. Doch ich kam zeitig. Meine eigene Mutter würde mich nicht mehr erkennen, so hingebungsvoll hat der stille Friseur mir jedes einzelne Haar geschnitten.

Danach bummelte
ich durch die leere Stadt und ließ mir vom böigen Wind die sorgsam geföhnte Haarfrisur wieder in Ordnung bringen. Das Jahr ist noch jung, und so sind noch lange nicht alle Figuren aufgetaucht, die das Jahr 2008 bevölkern werden. Sie stehen erst später im Jahr im Weg herum, wenn ich es eilig habe. Irgendwie vermisse ich das Volk, und ich bin heimlich froh, wenn sich die Reihen wieder auffüllen.

Das dachte ich, als ich im Café am Münsterplatz saß und draußen nichts Interessantes sah, bis auf einen Angestellten der Sparkasse im dunklen Anzug. Er hatte ein Handy am Ohr und schritt mit flatternden Hosenbeinen im Kreis. Er hätte das Gespräch auch in seinem wenige Meter entfernten Büro führen können, doch es war offenbar eines, bei dem man mit großen Schritten im Kreis laufen muss. Da waren auch zwei junge Stadtstreicher, die miteinander haderten. Ich habe die beiden schon einmal vor dem Eingang eines Supermarktes gesehen. Damals stritten sie auch. Der eine behauptete, dass er stets mehr Geld zusammenschnorren könne als der andere. Und auch jetzt blieb der bessere Geldsammler mit seinem Becher auf dem Münsterplatz zurück, derweil sich der andere scheltend entfernte. Der Bettler und der „Banker“ waren also beide mit Geldfragen beschäftigt. Der Unterschied zeigte sich in ihren Schritten. Der Bettler machte Trippelschritte auf der Stelle, wenn sich jemand näherte. Denn weil er Kleingeld erbettelt, kann er keine großen Schritte machen wie der Banker, der gewiss einen Millionendeal am Ohr hatte. Von der Stelle kamen beide nicht, denn ihre Gedanken kreisten um Geld.

Der moderne Mensch
denkt viel über Geld nach. Entweder drückt ihn ein Zuwenig oder es plagt ihn die Sorge, wie er sein Zuviel vermehren kann. Das ist irgendwie unerfreulich, denn es müssen so viele andere Dinge bedacht werden, wenn die Gesellschaft vorankommen will.

Später habe ich mir Rollkoffer angeschaut. Im Foyer des Ladens war eine große bronzene Springbrunnenplastik aufgestellt, eine Figurengruppe mit beweglichen Gliedern rund um ein ovales Becken. Im Becken lagen überdimensionale Münzen. Und ich dachte: Geld, verdorie, schon wieder dreht sich alles um Geld.

Guten Abend
Brunnen in Aachen: Der Kreislauf des Geldes
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