I Can Hear The Grass Grow

Rot ist die einzige Farbe, die die rote Rose nicht hat. Ja, denn ihre Blütenblätter absorbieren alle Farben des Spektrums. Nur Rot will die Rose nicht haben. Daher strahlt sie es zurück. So geht es mit allen Farben, die wir sehen, stets sind sie der Sache nicht zueigen. Beim Menschen ist es zum Glück anders. Seine Ausstrahlung kommt von innen, ist also ein Ausdruck seiner selbst. Allerdings ist nicht zu bestreiten, dass manche Menschen etwas ausstrahlen, was sie nicht haben. Sie schauspielern, ahmen nach, was sie sich bei anderen abgeguckt haben. Es kann durchaus fruchtbar sein, sich bei anderen etwas abzugucken, besonders wenn man Kenntnisse erwerben und Fähigkeiten entwickeln, also wachsen will, womit wir endlich beim Thema sind. Es geht um grün.

15:14 Uhr auf der
Digitaluhr an der Apotheke, sie springt um und zeigt 12 Grad Celsius an. Wenn die Temperatur drei Tage hintereinander über zehn Grad Celsius liegt, beginnt es in der Natur zu wachsen. Grünen, niederländisch: groeien, schwedisch „gro“, englisch „to grow“. Alle diese Wörter sind verwandt mit dem althochdeutschen Adjektiv „gruoen“, woraus unser Adjektiv „grün“ entstand. „Grün“ ist wiederum eng mit „Gras“ verwandt. Eigentlich bezeichnet grün demnach wachsendes Gras.

In den Vorgärten blühen die Krokusse, und andere Frühlingsblumen sprießen auch. Dass unsere Vorfahren jedoch nicht die Blumen, sondern das sprießende Gras in ein Wort für Wachsen gefasst haben, ist ein Hinweis auf ihre Lebensweise. Sie waren Ackerbauern und Viehzüchter. Deshalb achteten sie in erster Linie darauf, wenn nach dem harten Winter das Gras wieder wuchs und das Vieh auf die Weiden konnte. In der Edda wird erzählt, dass es nichts gab am Anfang der Welt, nicht einmal Gras.



11. Februar. Das Gras grünt. Der Satz ist pleonastisch, denn Gras und Grün bedeuten ja eigentlich das gleiche. Leider ist in der Stadt vom Grünen nicht viel zu sehen. „Da jedermann gehet, waechst kein Grasz.“, wusste man schon 1622. Der germanische Schutzgott Heimdall konnte das Gras wachsen hören. Dazu ist der Mensch nur im übertragenen Sinne fähig, und wenn er es noch so hübsch besingt wie The Move. Unsere Welt ist vermutlich viel zu laut. Egal jetzt. Ich hoffe, dass der lausige Winter sich nicht mehr zurückmeldet. Meinetwegen kann Gras drüberwachsen.

Guten Abend
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Affenfelsen im Vorfrühling


Auf der
Dachterrasse saßen sechs Studenten, je drei um einen Tisch, und lernten Mathematik. Einer trug nur sein T-Shirt und hatte bereits einen Sonnenbrand auf den nackten Armen. Ich setzte mich dazu und las die Süddeutsche. Es hängt ja sehr von der Stimmung ab, wie man etwas beurteilt. Wenn die eifrigen Studenten sich leise unterhielten, freute ich mich jedesmal, dass ich mich nicht mit mathematischen Klausurfragen beschäftigen musste, sondern im linden Licht des Vorfrühlings in der Zeitung blättern durfte, um allein nach Lust und Laune zu lesen. Das alles war wichtiger als der Inhalt der Zeitungstexte, der ja austauschbar ist und selten lange im Gedächtnis bleibt. Die Situation hingegen ist mir gewiss noch lange präsent.

Salz-und-Pfeffer

Das war
gestern. Heute ist die Luft noch milder, und je weiter ich ins Stadtzentrum komme, desto wärmer wird es. Noch steht die Sonne zu tief, als dass sie die Häuserschluchten ausleuchten könnte. Doch hie und da gibt es kleine Lichtungen, und befinden sie sich vor Cafes, dann scheinen Tische und Stühle sich just dort zu versammeln. Der Münsterplatz liegt im Schatten. Trotzdem stehen Tische und Stühle vor dem Cafe. Man kann sich hinsetzen und auf die Sonne warten, denn am Dom entlang ist heller Sonnenschein, ein Streifen, der sich langsam von den Mauern des Doms herunter über das Pflaster verbreitert. Bald wird die Sonne über einen Dachfirst lugen, und nach und nach geraten die Tische ins Licht. Vom Dom her klingen die Glocken aus, und mit einem Mal ist die Szenerie ganz sonntäglich.

Das klingt nach heiler
Welt, ein bisschen klerikal eingefärbt. So heil ist die Welt dann doch nicht. Die Sonne lässt lange auf sich warten, vor mir sitzen zwei massige Holländer im Pitbullsmoking und sprechen derbes Zeug, links von mir nimmt ein Paar Platz, dessen großer Hund mir hinfort sein Hinterteil zeigt, und drüben im Licht des Münsterplatzes baut ein Musikant seine Einmannkapelle auf, der für meinen Geschmack schlechte Musik macht, wobei die Betonung von Musik auf dem U liegt und das S kurz gesprochen wird. Der Mann singt englisch und begleitet sich auf der elektronischen Orgel und einer verbeulten Trompete. Den Takt schlägt er nebenher auf einer Charleston-Maschine, besser bekannt als Hi-Hat. Mir rutscht sein Rhythmus in die Füße, doch er hält sich nicht dran, sondern wird langsamer oder schneller, wie er gerade lustig ist. Später singt er dann „Versuchs mal mit Gemütlichkeit“ in gebrochenem Deutsch, und danach lasse ich den Takt sausen, zumal die Sonne bei mir angekommen ist und mich blendet, so dass ich ihn kaum noch sehen kann, was wiederum ganz schön ist.

Man ist ja geneigt zu
vermuten, ein Straßenmusiker bekäme besonders viel Zuspruch, wenn er gut singt und spielt. Das jedoch ist vermutlich falsch. Denn wie auf unerklärlichen Ratschluss hin bleiben die Menschen mal stehen, mal gehen alle vorbei. Sobald jemand stehen bleibt und zuhört, bleiben auch andere stehen. Eine Weile wächst die Gruppe und umringt den Musiker, er fühlt sich angespornt und legt sich ins Zeug, es wird artig applaudiert, dann löst sich die Ansammlung auf, und der Musiker verfällt wieder in einen launigen Trott. So geht es hin und her. Es ist ein Schwingen wie überall in der Natur, und gesteuert wird es nicht von den Beteiligten, sondern der Art der Interaktion zwischen den Beteiligten und ihrer Umwelt.

Da denke ich, obwohl der
Mensch unserer Breiten sich mit Technik umgibt und er sich selbst als die wesentliche Größe in der Welt ansehen mag, ist er in Wahrheit in allen seine Urteilen und Handlungen wesentlich abhängig von der Umwelt, dem Wetter, seinen Stimmungen, der Situation und dem Verhalten der Artgenossen.
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Jeremias Coster entwirrt die Welt und verknuddelt sie wieder

was-die-Flamme-zusammenhältErstaunlich sei die innere Logik von Lebenswegen, sagte Coster. Leben sei doch eigentlich ein Durcheinander von Absichten, ein Chaos von Handlungen, Worten und Gefühlen, so dass jede Voraussage eine wilde Spekulation wäre. Schaue man sich jedoch eine Entwicklung rückblickend an, müsse man fast immer sagen: Es ist plausibel. Plausibilität sei die wichtigste Ordnungsregel im Chaos des Lebens.

"Sie meinen, es ist plausibel, dass wir beide uns heute am Münsterplatz getroffen haben“, fragte ich.
„Das nicht“, sagte Coster. „Doch dass wir in der Folge des zufälligen Zusammentreffens im Cafe sitzen und … „
„Vrouwen kijken?“
„… und uns dem Müßiggang hingeben, - das ist plausibel. Denk dir mal das Leben als ein gewaltiges Chaos, stelle dir die Kreuzungen und Verwirrungen der Lebenswege räumlich vor wie Schnüre, die sich verwickeln, verknäueln und aber auch durchdringen können. Wie können sich da Ordnungen entwickeln, die für das Leben nötig sind?“
Ich zeige mit dem Kinn zum Dom hinüber und sage: „Die dort drüben glauben an die ordnende Kraft eines Gottes.“
„Ja, das Naive im Menschen verlangt nach Bildern. Sie erleichtern enorm das Verständnis. Deshalb sprechen wir ja auch über ein Bild, die Chaoswelt. Also sag, wie können sich die wirren Strukturen des Lebens zu Ordnungen fügen?“
„Indem sich Ähnliches zu Ähnlichem gesellt, weil’s plausibel ist?“
„Stell dir vor, dass auch in einem völligen Chaos gelegentlich zufällige Ordnungen entstehen müssen. Du sprichst von Ähnlichkeit. So mag es sein. Wie sich zwei Wassertropfen zusammenziehen, wenn du sie dicht beieinander träufelst, so ziehen sie sich an. Wäre es so, dann hätten diese zufällig entstehenden Ordnungen die Tendenz, sich zu erweitern. Sie beziehen Elemente aus den Randbereichen ein und verbauen sie in bestehende Kontexte."
"Ach so. Und warum ordnet sich dann die Welt nicht, sondern verfällt in ihren Randbereichen immer wieder aufs Neue? Guck dir die heutige Welt an. Man kann doch nicht ernsthaft behaupten, sie sei geordneter als vor einem Jahrhundert."
"Die Erweiterung einer Ordnungsstruktur schreitet niemals fort, bis alles geordnet ist. Das wäre ein paradiesischer Zustand. Doch den wird es nicht geben, nicht in einem Einzelleben, nicht in der gesamten Menschheit, weil …" Coster stutze.
„Weil?“
„Ich zuerst noch einen Kaffee brauche“, sagte Coster, indem er sich nach der Kellnerin umsah, die ihm augenscheinlich so sehr gefiel, dass er in Gedanken versank. Dann aber beobachteten wir beide, wie sie mit dem Kellner eine vertraute Geste austauschte, genauer, er legte ihr flüchtig die Hand auf die Hüfte.

Coster rührte in seiner leeren Kaffetasse. „Da siehst du, warum sich Ordnungen nicht beliebig erweitern können. Sie treffen irgendwann auf andere Ordnungssysteme, die sich nicht einverleiben können, weil sie zu groß sind. Das kann zu zeitweiligem Stillstand, Reibungsverlusten, zu einer langsamen Erosion und sogar zu Zerstörungen in den Randbereichen führen.“
„Auf Deutsch: Du hast Interesse an der Kellnerin, doch der Kellner hat ältere Rechte. Also kannst du deine Ordnungsstruktur nicht um die Erfahrung mit der Kellnerin erweitern.“
„Es sei denn, es würde mich gewaltig hinziehen, weil die Ähnlichkeiten zu groß sind, dann käme es…“
„ … zu Reibungsverlusten, und Sie würden den Verstand verlieren, Coster. Chaos im Kopp.“

Er sah mich prüfend an. Dann sagte er: „Das musst du einmal erlebt haben.“
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Anleitung zum Unbeliebtsein

1a-Geschenktipp

Schatzilein, ich hab dir etwas ganz Besonderes zum Valentinstag mitgebracht. Siebenhundertvierundsiebzig rosenduftiges Blatt erzählen dir, wie lieb ich dich hab! Und das auch noch wahnsinnig irre, nein irrsinnig billig, ach, ich bin vor lauter Rührung ganz durcheinander!

Zirkus des schlechten Geschmacks
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Zwiebeln, Butter, Netzers Frauen und Obst

Ein-Zettel-von-Netzers-Frau„Netzers Frauen sprechen in BILD“ Ja, ist denn der vielleicht Mormone? Nein, guckt man nach, dann sprechen Günter Netzers Frau Elvira (56) und seine Tochter Alana (20). Und worüber? Natürlich über Günter Netzer. Deshalb war er auch dabei, als Bild „seine Frauen“ interviewte, „im Luxus-Hotel ‚Baur au Lac’ am Züricher See nahe ihrer Wohnung“, und hat aufgepasst, dass „seine Frauen“ nichts Falsches über ihn sagen. Falls sich das Interview so zugetragen hat, dann hätte Günter Netzer besser mit Bild abgesprochen, wie sie den Beitrag titeln wollen, denn wer möchte schon gern von sich lesen, die 20-jährige Tochter sei eine seiner Frauen.

Es war aber alles ganz harmlos. Eigentlich geht es im Interview um gelbe Merkzettel. Die ältere seiner beiden Frauen klebt sie ihm auf die Kleidungsstücke, bevor Günter Netzer auf Reisen geht, damit er immer weiß, was er zu welcher Gelegenheit anziehen soll. Denn sich selbst anzuziehen, dazu habe er kein Talent, sagt Netzer. Wer fürs Ausziehen von Günter Netzer zuständig ist und ihm dann die Sachen zurechtlegt, wurde im Interview leider nicht gesagt.

Im Einkaufswagen des
Supermarktes lag auch ein Merkzettel. Sein Inhalt ist ebenfalls dürftig, womit ich nichts gegen Zwiebeln, Butter und Obst sagen will. Sich drei Dinge nicht merken zu können, ist eine unangenehme Sache. Geringe Merkfähigkeit gilt als eine Begleiterscheinung der Schrift, vor der bekanntlich schon Platon gewarnt hat. Wo viel aufgeschrieben wird, ist das Gedächtnis kurz. Hinzu kommt natürlich die Belastung durch bildhafte Zerstreuungsmedien. Wem sie ständig den Kopf zumüllen mit banalen Dingen, dessen Gedächtnis kann man nicht trauen. Und wer kein historisches Gedächtnis hat, dem mangelt es auch an Verständnis. Doch zeigt man ihm seine Vergangenheit in einer Retro-Show, sitzt er hüpfend auf dem Sofa und freut sich.

Die Informationsüberflutung ist das Gegenstück zum Klimawandel. Der Globus erhitzt sich, schwappt über und droht unter seinem eigenen Gequassel zu ersaufen. Wo soviel los ist, als wäre die ganze Welt ein allzeit überfüllter Markt, kann man sich nur noch schwer konzentrieren. Deshalb ist es manchmal ganz praktisch, sich einfachen und stillen Dingen zu widmen, wie zum Beispiel einem simplen Einkaufszettel.

Guten Abend
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Nächtlicher Auftrag

Nächtlicher-Auftrag

Gestern Nacht lag ich im Bett und dachte: Mach, dass ich morgen einige wichtige Dinge erledigen kann. So hingeschrieben, klingt es wie ein Gebet. Es war aber nicht wie ein Gebet gemeint, denn eigentlich sprach ich mit mir und gab meinem Ich der Nacht einen Auftrag. Einfache Dinge erledigt mein Ich der Nacht prompt. Wenn ich ihm zum Beispiel sage, dass ich am nächsten Morgen um 6:05 Uhr aufwachen will, dann wache ich pünktlich um 6:05 Uhr auf. Und stimmt die Uhrzeit nicht ganz, dann geht die Uhr nicht richtig. Mein gestriger Auftrag betraf viel schwierigere Angelegenheiten, und trotzdem wurde auch er durchgeführt. Ich erledigte den Tag über einige Dinge zu meiner Zufriedenheit, kam gut in meiner Arbeit voran und schaffte es sogar, zwei Beiträge für das Teppichhaus zu schreiben, einen polemischen und diesen hier. Man kann also sagen, das Ich der Nacht hat das Tages-Ich gut bedient. Wie ist das möglich?

Ein Versuch der Verallgemeinerung: Die Handlungen des Menschen bei Tag beeinflussen auf unwägbare Weise die nächtlichen Träume, mithin das Erleben einer der beiden menschlichen Daseinsformen. In der Daseinsform des Wachens ist der Mensch wiederum von seinen nächtlichen Traumerfahrungen und den unbewussten Vorgängen beeinflusst. So ragt eine Daseinsform in die andere und bedingt sich wechselseitig.

Sich selbst einen Auftrag für die Nacht zu geben, ist eine seltsame Angelegenheit. Tag-Ich spricht mit Nacht-Ich, und wer ist es, für den sie es tun? Irgendwo in der Mitte zwischen beiden ist ein beobachtendes und erlebendes Ich. Dieses Ich profitiert von einer Zusammenarbeit der beiden anderen. Die Hirnforschung behauptet, sie habe eine solche Zentrale nicht gefunden. Trotzdem kann jeder Mensch sie erleben, wenn er sich einmal einen Augenblick selbst betrachtet und gleichsam gut auf sich und seine Handlungen achtet. Sie sollten auf die Zukunft gerichtet sein. Denn seltsam genug, auch das Ich, das du gestern warst, beeinflusst dein Heute. Also ist es ratsam, vernünftig für das Ich vom morgen zu sorgen.

Es scheint, als verstünden es einige gut, für sich selbst zu sorgen, andere könnten es gar nicht. Die es nicht können, verfügen nicht über die materiellen Mittel, ihr Leben angemessen zu gestalten. Das würden sie auch nicht können, wenn sie sich nächtliche Aufträge geben, denn ein solcher Auftrag muss sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten bewegen. Es geht um Bildung, Können und Kapital, und wenn sie fehlen, ist Hilfe von außen nötig. Das Schicksal dieser Menschen muss einen nicht einmal groß bekümmern. Sozialer Ausgleich ist eine Angelegenheit der Vernunft. Es ist vernünftig, sich sozial zu verhalten, weil die Gesellschaft insgesamt durch ihren Zusammenhalt gestärkt wird. Sie ist effektiver, und das kommt allen zugute. Deshalb muss die verantwortliche Selbstsorge erweitert werden. Zu ihr gehört auch soziales Verhalten. Unsere Ichs der Zukunft freuen sich, wenn wir ihnen eine freundliche Welt bauen, in der es sich gemeinschaftlich gut leben lässt.
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Zeitalter der schreibenden Affen

Internetexperten sind Internetexperten, wobei zu bezweifeln ist, dass derzeit jemand das Phänomen Internet mit all seinen Erscheinungen auch nur annähernd überblickt oder sogar begreift. Wenn Internetexperten sich zu ihrem Medium äußern, neigen sie zur spekulativen Pauschalisierung, eben weil das Phänomen Internet kaum überschaubar ist. Das ist eigentlich ungeschickte Wissenschaft, nicht weit entfernt vom Kaffeesatzlesen. Oft sind Internetexperten so genannte Pioniere des Internets. Das bedeutet, ihr Expertentum haben sie aus der Praxis und der Reflektion dieser Praxis gewonnen, was natürlich ein eingeschränktes Blickfeld mit sich bringt.

Ein solcher Internexperte ist der Engländer Andrew Keen. Er hat ein provokantes Buch über das Internet geschrieben, worin er unter anderem sagt, das Internet sei gefährlich, denn es schaffe die Wächterfunktion der Medien ab, womit er wohl Medien wie Wochenschau, Radio und Fernsehen sowie Buch und Zeitung/Zeitschrift meint. Dabei geht er davon aus, dass in den Redaktionen dieser Medien Menschen mit Sachverstand sitzen, die die Informationen sichten und bewerten, bevor sie sie aufbereiten und verbreiten. Blogger vergleicht er mit Affen, die nicht nur unfähig sind, die Informationen aus dem Internet kritisch zu werten. Sie umgehen auch noch diese Wächterfunktion „der Medien“ und verbreiten „eine Kakophonie von Inhalten“, wie Keen in einem Interview mit dem Tagesspiegel sagt. Und weiter: „Natürlich glaube ich nicht wirklich, dass Blogger Affen sind. Ich erkenne an, dass von 70 Millionen Bloggern ein paar Tausend wirklich etwas zu sagen haben, diese Meinung aber aus welchen Gründen auch immer nicht über herkömmliche Medien verbreiten.“ Die anderen sind nach seiner Ansicht „Medienanalphabeten“, vor allem, wenn sie der YouTube-Generation entstammen. Und weiter sagt er: „Die Blogosphäre ist kein besonders effektives Medium, um qualitativ hochwertige Inhalte hervorzubringen oder neue Talente zu fördern.“, … weil die Inhalte nicht bezahlt würden.

Keens kulturpessimistische Ausführungen wirken schlüssig, denn wer sich in der Blogosphäre bewegt, kann seine Aussagen bestätig finden. Doch eigentlich betrachtet hier ein Experte des Internets sein Medium aus der Froschperspektive. Zu den Kinderkrankheiten des Internets finden sich Parallelen bei den Medien in der Vergangenheit. Bezieht man sie in die Betrachtung ein, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Das will ich hier skizzieren.

Jedes neue Medium wird in seiner Entstehungszeit mit Misstrauen beäugt. Das beginnt bereits bei der Schrift selbst: Im Dialog des Sokrates mit Phaidros lässt Platon Sokrates sagen, Gott Theuth habe dem ägyptischen König Thamus die Schrift gezeigt und gesagt: „(…) diese Kenntnis wird die Ägypter weiser machen und ihr Gedächtnis stärken; denn als Gedächtnis- und Weisheits-Elixier ist sie erfunden." Der aber erwiderte: „O meisterhafter Techniker Theuth! Der eine hat die Fähigkeit, technische Kunstfertigkeiten zu erfinden, doch ein andrer, das Urteil zu fällen, welchen Schaden oder Nutzen sie denen bringen, die sie gebrauchen sollen. Auch du, als Vater der Schrift, hast nun aus Zuneigung das Gegenteil dessen angegeben, was sie vermag. Denn sie wird Vergessenheit in den Seelen derer schaffen, die sie lernen, durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, - aus Vertrauen auf die Schrift werden sie von außen durch fremde Gebilde, nicht von innen aus Eigenem sich erinnern lassen. Also nicht für das Gedächtnis, sondern für das Wieder-Erinnern hast du ein Elixier erfunden. Von der Weisheit aber verabreichst du den Zöglingen nur den Schein, nicht die Wahrheit; denn vielkundig geworden ohne Belehrung werden sie einsichtsreich zu sein scheinen, während sie großenteils einsichtslos sich und schwierig im Umgang, - zu Schein-Weisen geworden statt zu Weisen."

Und weiter sagt Sokrates:

"Denn diese Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht. Und wird sie beleidigt oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe; denn selbst ist sie weder sich zu schützen noch helfen imstande. (Phaidros 274c-278b)


Dass die Schrift das
Gedächtnis schwächt und die zu übermittelnden Weisheiten unsinnlich und unabhängig von Sprecher und Hörer verbreitet, so dass die Inhalte sich verselbstständigen, nicht begriffen, falsch verstanden oder fehl interpretiert werden können, ist eine noch heute gültige Kritik. Die Schrift hat viele Schein-Weise im Sinne Platons hervorgebracht und wird dies weiterhin verursachen. Die Kritik ist aber, das muss man einwenden, handschriftlich übermittelt, also vom kritisierten Medium selbst durch die Zeit transportiert worden. Trotz der von Platon aufgezeigten Schwächen löste das neue Medium Schrift die Mündlichkeit ab, veränderte Denken und Handeln der Menschen und prägte Kulturen. Diese Schriftkulturen messen dem Medium hohe Bedeutung zu, was sich besonders bei den Schriftreligionen zeigt. Und gleichzeitig sinkt die Wertschätzung des vorangegangenen Mediums, der Mündlichkeit. Ein Wort gilt weniger als ein handschriftlicher Vertrag. Die schriftliche Vereinbarung ist die Urkunde (im Sinne der ersten Kunde), nicht das Gesagte.

Die Kritik an der Schrift, die ja ursprünglich Handschrift ist, wird abgelöst von einer Kritik des gedruckten Buches. Vespasiano da Bistici berichtet vom Herzog von Urbino (+ 1482), dass er die kostbaren Handschriften in seiner Bibliothek nur mit weißen Handschuhen berührte und kein gedrucktes Buch in seiner Sammlung duldete. Er hätte sich dessen geschämt. So verwundert es nicht, dass die frühen Drucker ihren Büchern den Anschein gaben, sie wären mit der Hand geschrieben. Bereits Gutenberg hatte sich die Schrifttypen für die 42-zeilige Bibel von dem Kalligraphen Peter Schöffer gestalten lassen. Gedruckte Bücher galten noch lange Zeit als Werke, die nicht mit erlaubten Mitteln hervorgebracht waren. Buchdruck hatte den Ruch, Teufelswerk zu sein.

Dieses Misstrauen
entstand aus der für damalige Verhältnisse erstaunlichen Tatsache, dass sich mit Hilfe des Buchdrucks identische Kopien eines Originals herstellen ließen. Denn handschriftliche Abschriften waren Unikate und wurden als solche geachtet. Doch diese Unikate waren voller Fehler, unabsichtlichen und vor allem absichtlichen. Der Historiker Horst Fuhrmann nennt das Mittelalter „Zeit der Fälschungen“. Noch traute man vielerorts auch dem Buchdruck nicht. So schreibt Bischof Heinrich von Ahlsberg im Vorwort des Regensburger Messbuchs von 1485, er habe das Werk nach dem Druck prüfen lassen; dabei habe sich ergeben, dass die Drucke übereinstimmten. In Freising wurden fünf Männern dafür bezahlt, 400 Exemplare eines neu gedruckten Messbuches zu vergleichen, wobei sie entdeckten, dass alle Messbücher denselben Wortlaut enthielten.

Eine interessante Parallele aus der Frühzeit des Buchdrucks zu heutigen Internet-Weblogs ist das Fehlen eines Impressums auf Flugblättern (den Vorläufern der Zeitungen) und in vielen Büchern, denn es gab lange Zeit keine Pressefreiheit im heutigen Sinne, so dass sich die Drucker bei kritischen Inhalten tarnen mussten. Der Verleger und Typograf Johann Gottlob Immanuel Breitkopf (1719-1794) schreibt „In Frankreich that noch 1789 der Minister Calonne dem Könige Ludewig den XVI. den Vorschlag, die Pressfreiheit unter der Bedingung zu erlauben, wenn der Verfasser seinen Namen auf dem Titel angaebe, oder sich wenigstens der Drucker nennte, um einen von beyden noethigen Falls zur Verantwortung bringen zu koennen.“

Aus Selbstschutz tarnen sich viele der heutigen Internetuser. Denn es ist unzweifelhaft peinlich, im Internet eigene Worte oder Bilder zu finden, die man sich besser verkniffen hätte. Das werden jene User noch stärker erleben, die sich derzeit arglos offen auf Plattformen wie Facebook oder studiVZ tummeln. Wenn die Zeit darüber gegangen ist, wenn man sich selbst verändert hat, mag man sich nicht gerne konfrontieren mit einem Selbstbild der Unbedarftheit. Veröffentlichungen im Internet sind noch lange vorhanden und fallen zu beliebigen Zeiten auf ihre Urheber zurück.

Doch es geht nicht nur um Peinlichkeiten. Das zukünftige Web wird viel stärker der sozialen Kontrolle unterworfen sein als das derzeitige Internet. Wer sich zum Beispiel darin gefällt, seine Mitmenschen im Internet zu schmähen und zu beleidigen, wird in Zukunft keinen Arbeitgeber mehr finden, denn wer will sich eine Gift spritzende Persönlichkeit mit asozialen Neigungen ins Haus holen, scheinbar weise und schwierig im Umgang. Hier ergibt sich eine neue Herausforderung für die schulische Mediendidaktik, damit nachfolgende Generationen sich im Internet vorsichtiger, klüger und sozialer verhalten. Und es gilt auch zu vermitteln, medialen Informationen grundsätzlich zu misstrauen, nicht nur denen aus dem Internet.

FleißkärtchenZurück zum Buchdruck. Das gedruckte Wort erfuhr in der Folge eine enorme Aufwertung und verdrängte die Geltung der Handschrift wie die Handschrift das gesprochene Wort verdrängt hat. Handschriften stammten von einer Hand. Bücher und Zeitungen wurden von vielen Händen gemacht, von Menschen, die sich auf bestimmte Bereiche spezialisiert hatten. Autor, Lektor oder Redakteur, Setzer, Korrektor, Drucker, - sie alle standen hinter einem Werk oder hinter einer Zeitung. Dazu bedienten sie sich aufwendiger Technik, die allen anderen nicht zur Verfügung stand. Daraus bezog das gedruckte Wort seine Macht, die noch heute andauert, jedoch im Schwinden begriffen ist. Denn mit Computer und Internet kehrt alles in eine Hand zurück.

Und in der
Regel ist auch nur ein Kopf am Werk. Doch wer glaubt, dass Rundfunk, Fernsehen, Printmedien deshalb grundsätzlich verlässlicher sind, der irrt. Sie alle sind abhängig von gesellschaftlichen Umständen und politischen Vorgaben. In Diktaturen ist die Presse Verlautbarungsorgan, in Ländern mit Pressefreiheit diktiert die Wirtschaftlichkeit die Ausrichtung. Wirtschaftlichkeit hängt von Anzeigenaufkommen, Auflagenhöhe oder Einschaltquoten ab. Um sie zu steigern, schrecken manche Redaktionen nicht davor zurück, die niedrigsten menschlichen Neigungen zu befriedigen. Es gibt gewissenlose Schmocks in Redaktionen und es gibt Schmockzeitungen sowie Schmocksender. Selbst in seriösen Redaktionen werden Informationen journalistisch gefällig frisiert. Und keine Redaktion erlaubt es sich, einen großen Anzeigenkunden zu verprellen, indem sie allzu kritisch über ihn berichtet.

Durch das Internet
ist eine Gegenöffentlichkeit entstanden, und diese Gegenöffentlichkeit ist nicht durch Redaktionen kontrolliert. Die Gefahren dieser Entwicklung liegen offen auf der Hand. Sie werden von allen Skeptikern herausgestellt. Doch wo liegen die Chancen? Wir haben schlaglichtartig gesehen, dass Medien einander in der Geltung ablösen. Dabei gehen einige der spezifischen Stärken der abgelösten Medien verloren. Es ist das Opfer, das erbracht werden muss, denn die Entwicklung neuer Medien hat eine Eigendynamik und ist auch durch Kritiker nicht aufzuhalten, selbst wenn sie sich weiße Handschuhe anziehen wie der Herzog von Urbino. Doch jedes neue Medium hat auch eigene Qualitäten, die den anderen Medien fehlen. Worin liegen die neuen Qualitäten von Weblogs?

Dass eine Horde von Affen durch bloßes Herumhämmern auf der Tastatur alle Literatur der Welt hervorbringen kann, wenn man sie nur lange genug gewähren lässt, ist ein alter Witz und gleichzeitig eine rechnerische Tatsache. Stehen wir nun am Beginn dieses Experiments? Seit Jahrzehnten bemüht sich die Deutschdidaktik um reale Schreibanlässe. Schüler sollen Tagebuch schreiben, Brieffreundschaften eingehen, eine Klassenzeitung machen und dergleichen. Und wenn die realen Schreibanlässe fehlen, schreiben Schüler Aufsätze. Warum? Wer außer Lehrer und Verwandten will das lesen? Schreiben holt die Gedanken aus ihren natürlichen Kreisen und bringt sie in Sätze und logische Abfolgen. Schreiben zwingt dazu, eine Sache zu Ende zu denken und schult somit das Denken. Schreiben zwingt zum Hinterfragen und trainiert die Beobachtung. Schreiben ist ein kreativ-spielerischer und schöpferischer Prozess. Wer für Leser schreibt, muss sich Wissen aneignen. Und was geschrieben ist, lässt sich nachträglich auf seine Gültigkeit überprüfen. Das Schreiben mit einer technischen Schrift ist zudem eine Form der Objektivierung. Das Geschriebene hat eine überindividuelle äußere Form, ist dem Schreiber dadurch entfremdet und daher auch für ihn leichter zu beurteilen. Das schützt ein wenig vor einem Fehlurteil aus Zuneigung, dem auch Gott Theuth unterlag, als er die Schrift erfand.

Wer Texte im
Internet veröffentlicht, entwickelt seine Fähigkeit zu schreiben und profitiert von den geschilderten Effekten. Daher wird sich sein Schreiben auch verändern. Er wird ein Bewusstsein von Qualität entwickeln, wird sich an verschiedene journalistische Formen heranwagen, kurzum, er wird lernen, sich auszudrücken und zwar so, dass ihn andere verstehen und gerne bei ihm lesen. Jedermann sein eigner Redakteur. Eine andere Zensur findet nicht statt.

Ein weiterer Vorzug dieses
Mediums lindert einige der Mängel, die Platon der Schrift anlastet. In einem Blog schwirrt die Schrift nicht losgelöst von ihrem Erzeuger umher. Schreiben im Internet ist interaktiv. Der Autor ist eine Weile da und kann zu seinen Worten befragt werden, man kann sich ob des Verständnisses bei ihm rückversichern, kann ihn bestätigen, korrigieren, ihn auf Aspekte hinweisen, die er nicht bedacht hatte, man kann mit ihm plaudern. Das alles sind Elemente der Mündlichkeit. Dieses wundersame Medium vereint Herz, Hand und Verstand und trägt daher fast alle Vorzüge der Medien in sich, die es beerbt hat. Man muss den schreibenden Affen nur Zeit lassen, sich in seinem Gebrauch zu üben.
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Sonntagstour - Verwirrte Zeiten

Sonntagnachmittag zwischen Tag und Traum – eine befremdliche Stimmung über der Stadt. Richtig hell ist es den ganzen Tag über nicht gewesen, und gegen drei dämmert es bereits. Es ist die Zeit der bummelnden Paare ohne besonderes Ziel, in der Hoffnung, dass sich irgendwo etwas Sehenswürdiges findet. Und wo sich nur die Schaufensterauslagen stummer Läden betrachten lassen, ziehen namentlich die Männer, denen eine Frau im Arm hängt, Gesichter zwischen Missmut und Unglück. Das ist übrigens bei den meist jüngeren Händchenhaltern anders. Könnte es sein, dass große und ausdauernde Nähe die Langeweile im Gepäck hat?

Auf der Pontstraße unterhalb
des Markts rieche ich frisches Fleisch. Es gibt keine Metzgerei in der Nähe, und gäbe es eine, hätte sie geschlossen. Hat man etwa am heiligen Sonntag auf einem Hinterhof eine Sau abgestochen und zerhauen? Und das an diesem trüben Nachmittag? Eine Spur von Pferdeäpfeln führt über das Pflaster hinauf auf den Markt. Hier ist ein kleiner Menschenauflauf, und zwischen den dunkel gekleideten Passanten blinken Ritterrüstungen, streichen Herolde und Weibsbilder in Trachten umher. Über ihren Köpfen blitzen Schwertklingen auf und schlagen klirrend aneinander. Ein Planwagen steht auch da, und dunkle Zelte aus roher Leinwand sind errichtet. Rauch zieht gen Himmel, - in geschmiedeten Ständern glimmen Feuer. Was ist das für ein rustikaler Zauber? In einem geöffneten Zelt sitzen welche über Bratwürsten, und die werden verkauft an einem Stand der Metzgerinnung. An der Rückwand ein Plakat: „125 Jahre Aachener Metzgerinnung“. Hm. Wenn die Aachener Metzgerinnung noch so jung ist, was hat sie dann mit der Ritterzeit zu tun? Das erschließt sich nicht. Vielleicht ist einer der Innungsmeister in einem Verein von Freizeitrittern und hat das Spektakel angeregt.

Man kann das
Rathaus besichtigen. Kostümierte mit Hellebarden flankieren das Portal. Man muss sich nur zwischen ihnen hindurchtrauen, der Eintritt ist frei. Auch im Foyer stehen kostümierte Kerls. Sie werden an diesem Tag hunderte Mal fotografiert, und falls sie bei jedem Foto ein bisschen von ihrer Seele verlieren, sind sie fortan seelenlos. Eine Frau vom Fremdenverkehrsamt führt ins Amtszimmer des Bürgermeisters. Es zeigt nach hinten hinaus, auf den Katschhof. Die Fremdenführerin erzählt, als auf dem Rathausgrund noch die Kaiserpfalz stand, habe Kaiser Karl genau wie der Oberbürgermeister hinaus auf den Katschof geschaut, denn der Eingang sei damals auf der Katschhofseite gewesen, damit der Kaiser seinen Dom im Blick hatte. Ja, gut dass wir jetzt wissen, wo Karl der Große hingeguckt hat und in welcher Rausguck-Tradition der Oberbürgermeister von Aachen steht.

Die Fleischerinnung erinnert mit
frischer Bratwurst an das 19. Jahrhundert, ein Verein spielt Mittelalter, wie Kaiser Karl im 9. Jahrhundert aus dem Fenster geguckt hat, weiß eine Dame vom Verkehrsverein, und Japaner auf Fünf-Tage-Europa-Trip fotografieren die Inneneinrichtung im Aachener Barock, - was für ein Durcheinander. Übrigens wollte ich niemals hinsehen müssen, wo der Oberbürgermeister von seinem Schreibtisch aus hinschaut, wenn er mal nicht aus dem Fenster guckt. Er hat da etwas Scheußliches vor Augen. Ich habe es fotografiert, zeige das Bild aber erst am Schluss, um meine werte Kundschaft nicht zu verschrecken.

Im Krönungssaal, versteckt hinter
großen Pinwänden, lässt sich eine Stahltür öffnen. Sie führt ins Treppenhaus einer großen Wendeltreppe, in dem allerlei Gerümpel abgestellt ist. Es riecht nach Wein. An den Wänden sind gelegentlich alte Ziegel und noch ältere Bruchsteine zu sehen. Von weiter unten tönt das Klirren von Gläsern. Dort scheint eine Küche zu sein. Und unten am Fuß der Treppe läuft der Gang stumpf aus. Da ist eine Stahltür an der Seite, auch sie lässt sich öffnen. Ich stehe auf einer Treppenstufe und sehe hinab in einen Versammlungsraum, aus rohen Bruchsteinen gemauert. Der Saal ist voller Menschen an eingedeckten Tischen, die neugierig den Kopf wenden, denn die laut zufallende Seitentür stört einen Vortrag. An der Stirnseite des Raumes stehen fünf Männer in dunklen Anzügen auf einer Bühne. Sie haben Fühler auf dem Kopf und tragen in knubbeligem Hochdeutsch einen Sprechgesang vor. Da bin ich mitten in eine Geheimgesellschaft geplatzt, die unbemerkt von den oben herumlaufenden Touristen in einem verschwiegenen Ratskeller ihre Riten abfeiert.

Und ich habe meine
Jeckenkappe nicht bei mir. Man schaut mich abweisend an, will mich nicht dabeihaben, hatte ohnehin die Kellnerin erwartet, als ich durch die Tür kam. Deshalb lege ich gar nicht erst ab, sondern schlage den Mantelkragen hoch und gehe wieder. Es freut mich, dass die zufallende Stahltür noch mal ordentlich scheppernd ins Schloss fällt. Ich will schließlich auch einen Spaß machen.

Der Flügel eines schmiedeisernen Tores lässt sich aufschieben, ich stehe wieder auf dem Markt, abseits des halblustigen Treibens. Solch schmiedeeiserne Tore hat einst mein Vater gemacht. Auch mein Großvater und mein Urgroßvater waren Schmiede. Drum will ich einmal etwas zur Ehrenrettung der Schmiede sagen. Die Jakobsstraße hoch, da kommen wir an einem Denkmal für den wehrhaften Schmied vorbei. Von ihm erzählt die Sage, er habe in Gertrudisnacht von 1278 den Grafen Wilhelm von Jülich und seine Söhne mit dem Hammer erschlagen und so die Stadt gerettet. Graf Wilhelm war im Morgengrauen mit 500 Gefolgsleuten in die Stadt eingedrungen, und als er auf Widerstand stieß, wollte er sich zurückziehen. Da kam auf dem Weg zur Arbeit ein Schmied daher und schlug kurzerhand mit seinem Hammer zu. Früh morgens sind Schmiede nämlich schlecht gelaunt und brauchen einen Amboss. Zur Not tut’s da auch ein behelmter Kopf.

In Wahrheit war der
Mann kein Schmied gewesen, sondern ein Metzger. Es gab natürlich schon vor 1883 Metzger in Aachen. Metzger stehen auf im Bewusstsein, dass sie im Morgengrauen Blut vergießen werden. Es sieht genauso aus wie Menschenblut, und vermutlich riecht es auch so. Der wehrhafte Metzger jedenfalls fand nichts dabei, den flüchtenden Grafen und seine Söhne hinzuschlachten. Er tat es der Sage nach wortlos und natürlich mit einem Schlachterbeil. Später war den Aachenern die Sache peinlich. Die Stadt wurde nämlich wegen dieser Morde dazu verurteilt, die Grafenwitwe Richarda zu entschädigen. Und damit die Sache nicht ganz so blutig in Erinnerung blieb, machte man aus dem Metzger einen Schmied. Der steht nun in Bronze gegossen an der Jakobstraße und hält einen schweren Hammer bereit.

Für das angekündigte
Handyfoto müssen wir noch einmal zurück ins Rathaus. In den 50er Jahren habe man ins Amtszimmer des Oberbürgermeisters diese Sitzgruppe gestellt, erzählte die Fremdenführerin, was damals von vielen als Stilbruch kritisiert worden sei. Und als die Stühle verschlissen waren, habe man ähnliche besorgt. Das klingt irgendwie ulkig, denn warum sollte man einen Stilbruch erneuern, wenn er glücklich verschlissen ist? Haben Stilbrüche nicht etwas Derbes und in sich Hässliches? Wer als Oberbürgermeister in einem historischen Rathaus von lauter alten Dingen umgeben ist, hat es gewiss schwer, das Drinnen des Rathauses mit dem Draußen seiner Mitbürger in Einklang zu bringen. Gebäude stehen still da, rühren sich nicht und verraten nichts, und trotzdem beeinflussen und formen sie die Menschen, die zwischen ihnen daherlaufen oder sich in ihnen aufhalten. Und ich frage mich, was macht zum Beispiel dieser Anblick hier mit meinem Oberbürgermeister:

Sitzgruppe des Grauens

Hoffentlich schaut der Mann oft aus dem Fenster.
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