Erneuter Scheckschwindel - Westerwelles Millionen

Westerwelles Millionen

Schon wieder hat Teppichhaus-Volontär Hanno P. Schmock einen Riesen-Scheck-Schwindel enttarnt: Diesmal traf es den ehrenwerten FDP-Chef Guido Westerwelle und Hochwohlgeboren August Baron von Finck (Mövenpick). Aber was stimmt hier nicht? Die unverschämte Fotomontage ist der billige Abklatsch einer berühmten Collage des Dadaisten John Heartfield. Bitte klicken und treten Sie dAdA rein.

Lesetipp zum Thema: Raumgewinner
7766 mal gelesen

Ein Rheinländer in Hannover (1) – "Da nicht für!"

Hannoveraner sind höfliche Leute. Wenn dir in der Dunkelheit auf dem Bürgersteig eine Rotte Halbwüchsiger entgegenkommt, selbst dann musst du nicht vorsorglich die Straßenseite wechseln; sie stoppen ihre wüsten Gesten, belästigen dich nicht mit harten Worten, sondern verstummen, indem sie dir artig Platz machen. Eines Abends wollte ich verschneite Autos fotografieren. Auf dem Gehweg war nur ein schmaler Streifen geräumt. Da kam eine dunkle Gestalt mir entgegen und verharrte geduldig in der Kälte, bis ich mein Foto geknipst hatte. Ich sagte: „Dankeschön!“, aber die Gestalt sagte wegwerfend: „Ach! Da nicht für!“

Hannoveraner sind
freundlich, aber man kann es ihnen nicht wirklich recht machen. Du bist eingeladen, bedankst dich geflissentlich, und was kriegst du zu hören? „Da nicht für!“ Sofort hast du ein schlechtes Gewissen. Hätte man sich für etwas anderes bedanken müssen, für eine riesige, weltbewegende Sache, die einem zuteil wurde, aber man hat’s nicht gemerkt, ist einfach zu blöd?

„Da nicht für!“, nuschelte gestern einer der Moderatoren beim Poetry-Slam im Hannöverschen Kulturzentrum Faust in sein Mikrophon. Es hat mich beruhigt, dass auch Hannoveraner sich gegenseitig keinen Dank gönnen. Leider weiß ich nicht, was der Anlass für „Da nicht für!“ war, denn die Moderatoren Jan Egge Sedelies und Henning Chadde redeten unentwegt durcheinander. „Dankeschön, dass ich nix verstanden habe.“ „Ach, da nicht für!“ Thema des Slams war an diesem Abend was? „Hannover“. Neun Slammer traten an, und die meisten gaben sich redliche Mühe, die Stadt in den Dreck zu ziehen, was mich als Neubürger ziemlich verunsicherte. Sollte ich am Ende einen Knick in der Optik haben und Schönheit sehen, wo nur Beton ist? Schließlich befleißige ich mich, die Stadt in den höchsten Tönen zu loben, wann immer einer wissen will, warum ich ausgerechnet von Aachen nach Hannover und so.

Rathaus Hannover

Ja, Hannover hat auch Beton. In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts liebte man den architektonischen Stil des Brutalismus. Inzwischen wollen die Stadtväter den Beton aber loswerden, weshalb es in Hannover viele hartnäckige Baustellen gibt. An Beton hat sich eben schon mancher Bagger die Zähne ausgebissen. Bevor man mich rügt: Ich weiß, es gibt auch Stadtmütter, aber das zarte Geschlecht hatte es nie mit Beton, ausgenommen vielleicht Ursula von der Leyen. An ihre brutalistische Betonfrisur lässt sie keinen Abrissbagger, was wiederum beweist, wie sehr die Architektur die Menschen prägt und manchmal sogar härtet.

Zugegeben, das alles ist abschreckend, aber was hat beispielsweise Wanne-Eickel zu bieten? Doch offenbar nicht viel, aber hätte jemals einer aus Wanne den Beton seiner Stadt verflucht? Nein, der guckt einfach in den Himmel und besingt den Mond. Und sag mal leichthin, in Bielefeld wäre das Wegfahren am schönsten, dann kannst du dich aber warm anziehen. Monatelang haben mich Bielefelder deswegen beschimpft, und manche konnten sogar beinahe Hochdeutsch.

Es war voll im Faust, und wer zu spät kam, musste am Rand stehen. Zuletzt kam eine Blondine, verschmähte den Rand, platzierte sich gut gelaunt mitten im Raum und verstellte etwa 25 Leuten die Sicht auf die Bühne. Immerhin, wenn sie eitel mit dem Kopf wackelte, konnte ich durch ihre Haare gucken. In der Pause stand ich draußen bei den Rauchern. Da sagte einer: „Ich sehe nur den Rücken von so einer blöden Blondine im weißen T-Shirt.“ Darüber habe ich mich doch gewundert. Wenn er gleich hinter ihr saß, warum hat er sie nicht ermahnt? Das ist typisch für Hannoveraner; sie ertragen selbst Unverschämtheiten geduldig und murren nur, wenn sie glauben, unter sich zu sein.

Sinnbildhaft für diesen Untertanengeist ist eine wunderliche Sitte. Auf dem Bahnhofplatz steht das Reiterstandbild von König Ernst August I. Wenn sich Hannoveraner verabreden, dann am liebsten „Unter dem Schwanz“ seines Pferdes. Offenbar gefällt ihnen die Vorstellung, sich vom königlichen Ross bekötteln zu lassen. Als Ernst August noch lebte, hat man die Köttel nämlich gesammelt, um sich im Winter die Hände daran zu wärmen. Wenn der König durch die Stadt ritt und sein Pferd kötteln ließ, dann jubelten seine Untertanen: „Gott schütze den König!“ Und Ernst August I. antwortete generös: „Ach, da nich für!“
7188 mal gelesen

Gott schütze Merkel - wünscht Volontär Schmock

Die Chance, von einem Meteoriten erschlagen zu werden, ist recht gering, wohl aber könnte man einen dicken Eisbrocken auf den Kopf kriegen. Heute Mittag gehe ich nichts ahnend die Straße lang, da löst sich einer polternd vom hohen Dach, sauste nieder und zerplatzte direkt neben mir auf dem Bürgersteig. Du lieber Herr Gesangsverein, dachte ich, so ein dicker Eisklumpen kann jedem den Schädel zertrümmern. Der macht keinen Unterschied zwischen arm oder reich, schwach oder mächtig. Mal angenommen, Angela Merkel würde von einem verirrten Eisbrocken erschlagen, dann wäre Guido Westerwelle augenblicklich unser Bundeskanzler. Ich würde Merkel persönlich in den Schneematsch schubsen, um das zu verhindern.

Bei diesem Wetter zeigen sich die Großstädte von ihrer hässlichsten Seite. Sieben Wochen mindestens haben die Hunde in den Schnee geschissen, weil’s den Hundebesitzern einfach zu kalt war, weiter als drei Meter zu gehen. Jetzt tauen die Schneehaufen weg und geben ein Meer von zerlaufenen Hundehaufen frei. - Tut mir leid, Frau Merkel, meine Schuld ist’s nicht, ich habe ja gar keinen Hund. - Zweimal sogar habe ich Hundebesitzer ermahnt, und beide gaben mir die erstaunliche Auskunft: „Ich wohne ja selbst hier.“ Vermutlich urinieren sie auch guten Gewissens ins Bett, aber nur, wenn es ihr eigenes ist.

Ach, wie schön, dass Boris Becker sich nicht mehr in fremden Betten wälzen muss. Kaum hat seine Liebste entbunden, will er ihr schon ein neues Kind machen, aber nicht, weil ihm das erste nicht gefällt, sondern als Zeichen seiner großen Liebe. „Sobald Lilly signalisiert, dass sie dazu bereit ist, steh ich Gewehr bei Fuß“, sagte Becker der Zeitschrift „Bunte“. Meine Herren, mir ist nichts Menschliches fremd; manchen erregt es vielleicht, wenn er neben dem Bett die Hacken zusammen schlägt und einen Gewehrkolben in die Auslegeware rammt. Aber eins ist sicher: So wurde noch keine Frau schwanger.
2074 mal gelesen

Knapp am Tod vorbei - gefährliche Textbetrachtung

Aus dem Regal eines Supermarktes fischte ich eine Einkaufsliste. Jemand hatte sie zu den Plastiktüten unter dem Förderband gestopft. Solche Zettel sind alltagsethnologische Dokumente, geben Auskunft über Einkaufs- und Orthographiegewohnheiten und über den Zustand unserer Handschrift. Dieser hier trägt auf der Rückseite eine rätselhafte Botschaft: „manche mögen es schon kennen wiederum die die es nicht kennen werden sich Tod lahen“.

Tod-lachen

Zunächst fällt die
radikale Kleinschreibung auf, die allein beim Wort „Tod“ aufgegeben wurde. Auch „Tod lahen“ entspricht nicht der herkömmlichen Orthographie, es müsste nach alter wie neuer Rechtschreibung „totlachen“ heißen. Die Sonderstellung von „Tod“ wirkt bedrohlich. Das fehlende „c“ bei lachen und der Verzicht auf Punkte und Kommata verleihen der Botschaft etwas Atemloses. Trotzdem wurden die Zeilen nicht rasch geschrieben, wie etwa unter einem erstickten Lachanfall, denn die hübschen Buchstaben sind bis zuletzt sauber ausgeführt.

Die Einkaufsliste auf der Vorderseite ist mit Bleistift geschrieben, die Rückseite mit Kugelschreiber. Beide Aufschriften sind also zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Demnach ist der Schreiber noch einkaufen gegangen, nachdem er die unfertige Ankündigung verfasst hatte, anders als jene „wiederum“, die „es“ schon kennen. Wenn die Prophezeiung des Textes stimmt, müssen sie sich bereits in den Tod gelacht haben, liegen vermutlich glucksend in der Kiste und kriegen sich nicht mehr ein. Darauf verweist das Präsens, denn sonst müsste es heißen: „Manche kannten es schon.“

Den Grund für
deren Lachtod teilt der Schreiber nicht mit. Man mag das bedauern, doch die Unterschlagung des Anlasses ist ganz offenbar eine notwendige Sicherheitsmaßnahme. Nicht einmal der Schreiber hat gewagt, sein Wissen zu Papier zu bringen, und das erklärt auch, warum er selbst noch "Lambrusko 9% Rotwein" nach Hause tragen konnte. O Mensch, verlange nicht, "es" zu erfahren.
2745 mal gelesen

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim - Richtig Klauen

trithemius & Frau Nettesheim
Trithemius
Hallo, Frau Nettesheim, ich gucke jetzt zu Ihnen rüber!

Frau Nettesheim
Und warum kündigen Sie das an?

Trithemius
Ich wollte Sie nur vorwarnen. Am Ende erwische ich Sie, wie Sie gerade eine Büroklammer klauen, und dann, das können Sie sich denken, müsste ich Sie entlassen.

Frau Nettesheim
Weil ich eine Büroklammer in der Hand habe?

Trithemius
Nein, weil Sie sich haben erwischen lassen. Klauen will nämlich gekonnt sein, und ich vermute, da haben Sie zu wenig Übung.

Frau Nettesheim
Da vermuten Sie richtig.

Trithemius
Hm, das ist ein Fehler. Klauen ist eine Kulturtechnik.

Frau Nettesheim
Wer hat Ihnen denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?

Trithemius
Rüdiger Schaper vom Berliner Tagesspiegel. Der hat zur Verteidigung von Fräulein Hegemann geschrieben: „Klauen ist kein Kulturbruch, sondern eine altbewährte Kulturtechnik.“

Frau Nettesheim
So wie Lesen, Schreiben und Rechnen?

Trithemius
Genau. Zuerst war ich auch ein wenig befremdet. Aber nach kurzem Überlegen habe ich einsehen müssen, der Mann hat Recht. Freilich muss man sich auf Kosten anderer bereichern, ohne den juristischen Tatbestand des Diebstahls zu erfüllen. Dann kann man seine Mitmenschen, ja, sogar ganze Gesellschaften nach Herzenslust ausrauben und genießt trotzdem hohes Ansehen.

Frau Nettesheim
Sie meinen: Richtiges Klauen will gelernt sein.

Trithemius
Das ist der Punkt. Unsere Schulen haben versagt. Klauen ist kein Schulfach, und es gibt auch keine Didaktik des Klauens. Dieses Feld wird bislang nur an Hochschulen und Eliteuniversitäten beackert, in der Wirtschaftswissenschaft und im BWL-Studium. Manche lernen das richtige Klauen freilich durch das gute Vorbild im Elternhaus, doch die breiten Massen, vor allem die unteren Schichten, sind klautechnisch völlig unterbemittelt. Sie haben nicht die geringste Klaukultur, sind quasi funktionale Klau-Analphabeten.

Frau Nettesheim
Das ist doch Unsinn. Ehrlich währt am längsten.

Trithemius
Sagen Sie mal, Frau Nettesheim, wenn Sie hinterm Mond leben, wozu brauchen Sie dann überhaupt eine Büroklammer?
2587 mal gelesen

Volontär H. P. Schmock entlarvt Riesenschwindel: Schmier-Scheck für Harald Schmidt ist eine Collage

Nicht schlecht habe ich gestaunt, als mir heute per E-Mail ein Foto zuging. Es zeigt die für ihren Roman Axolotl Roadkill gefeierte Jungautorin Helene Hegemann, wie sie dem ARD-Moderator Harald Schmidt einen Riesenscheck zuschiebt. Der Scheck stammt angeblich vom renommierten Berliner Ullstein Verlag und trägt die Aufschrift: „An: Harald Schmidt – privat, Verwendungszweck: Werbung für den Roman Axolotl Roadkill von Helene Hegemann“.

Harald-Schmidt-Helene-Hegemann-

Natürlich hatte ich mich gestern abend auch gewundert, als Harald Schmidt in seiner gleichnamigen Late-Night-Show die Autorin Helene Hegemann mit Samthandschuhen anfasste und die Plagiatsvorwürfe gegen sie abtat mit den Worten, sie habe ungefähr „17 Buchstaben“ von einem Blogger abgeschrieben. Auch die Süddeutsche Zeitung wundert sich in ihrer TV-Kritik: „ARD-Moderator Harald Schmidt umschmeichelt Helene Hegemann“ und klagt: „(...) leider war 'Dirty Harry' in dieser Nacht in der ARD bedingungslos zum Kuscheln aufgelegt.“

Wollte Dirty Harry nur kuscheln oder findet er tatsächlich nichts dabei, dass Helene Hegemann sich für ihren Roman fremder Quellen bedient hat? Sich geistiges Eigentum anzueignen, ist zwar Schmidts täglich Brot, aber ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass er seinen Gag-Autoren für jeden gesendeten Witz ein gutes Trinkgeld zahlt.

Jedenfalls zweifelte ich sogleich an der Echtheit des Fotos. Wer von den Rundfunkgebührenzahlern so fürstlich entlohnt wird, dass er sich eine eigene Jacht leisten kann, die er ungenutzt im Hafen von Cannes ankern lässt, würde er sich für lumpige 10.000 Euro verkaufen? Da wäre es noch wahrscheinlicher, dass Schmidt der Berliner Hochkultur-Mafia einen Gefallen schuldig war. Ein weiteres Indiz: Das Foto kann unmöglich auf der Terrasse von Harald Schmidts Kölner Wohnung aufgenommen worden sein, wie der anonyme Einsender des Fotos behauptet. In Köln liegt derzeit Schnee. Es kostete mich nicht einmal eine Stunde, die Einzelteile ausfindig zu machen, aus denen das gefälschte Foto besteht. Hier die Bildquellen des dreisten Mashup-Artisten:

1) Das Basisfoto
2) Harald Schmidts Kopf
3) Helene Hegemanns Kopf

Die Fotomontage ist schamlos, billige Stimmungsmache gegen einen verdienten Komiker, boshafte Herabsetzung einer wahnsinnig intelligenten und eloquenten Jungautorin. Nicht zuletzt eine dreiste Verletzung der Urheberrechte. Und natürlich zahlt der ehrenwerte Ullstein Verlag an seinen Autor Harald Schmidt nur reguläre Honorare. Ich bedanke mich bei mir, diesen dreisten Betrugsversuch entlarvt zu haben.

Hanno P. Schmock für Teppichhaus Trithemius
10190 mal gelesen

Schlechte Laune im Universum

Heute habe ich nichts geleistet. No, Sir. Wenn ich aber doch etwas Sinnvolles getan hätte, dann wäre es nichts gemessen an dem, was ich hätte bei besserem Wetter tun können. Dann hätte ich am Morgen in alle Himmelsrichtungen losgehen können, um mich irgendwo nützlich zu machen. Aber nein, ich bin nur in eine Richtung gegangen, nach Osten, glaube ich, und bald wieder zurück. Auf den Gehwegen war Eis, das in Schlamm überging, braun und hässlich schmatzend unter meinen Stiefeln. Das war überaus verdrießlich. Wie überhaupt die Stadt derzeit nur noch hässlich ist. Da wären meterhohe Schneewehen einfach besser, aber das darf man sich auch nicht wünschen, weil das öffentliche Leben dann ganz zum Erliegen käme.

Andererseits kann ich wünschen, bis ich schwarz werde. Denn wer noch einen Beweis gesucht hat, dass Wünschen nicht hilft, sogar kollektives Wünschen nicht, der hat ihn jetzt. Oder sollten etwa die Streusalz- und Granulathersteller beim Universum besser angesehen sein als alle anderen? Es könnte wohl sein, dass die Streusalz- und Granulathersteller die einzigen sind, die fest zusammen stehen und sich diesen abscheulichen Winter wünschen, was das Zeug hält. Die anderen, also du und dein Nachbar, sein Bruder und so fort, sich einfach nur abfinden mit dem Schnee und gar nichts wünschen, sondern nur murren und maulen oder sogar still erdulden. Das ist so abwegig nicht, wenn man sieht, was die Deutschen sich als Regierung gewählt haben. Vielleicht oder sogar offenbar sind alle von einer kollektiven Todessehnsucht befallen und kriegen deshalb genau das, was sie im Stillen wünschen: Frau Holles Leichentuch, Merkel und Westerwelle.

Natürlich, wir haben Karneval, Fastnacht, Fas(e)nacht, Fastelabend, Fasnacht, Fasching, um den Winter auszutreiben. Aber wenn ich in der kosmischen Registratur was zu sagen hätte, dann würde ich den Winter erst recht so richtig lang, kalt und widerlich machen - als Strafe. Was heißt hier austreiben? Die Menschen sollen gefälligst wünschen. Wünschen, wünschen, wünschen. Wünscht euch besseres Wetter, und dann kriegt ihr es, das würde ich sagen, wenn ich was zu sagen hätte. Aber nicht närrisch werden, das macht uns Wettergöttern schlechte Laune. Wagt es ja nicht, etwa Prinzen zu küren, die sich „die Ehre geben“, am Ende noch bei Kaufhof, um sich in Kamelle aufwiegen zu lassen. Das gibt mindestens fünf Wochen Strafrunde im Winter.

Was-soll-der-Elefant

Aber Ihr Götter, wir sind so entsetzlich wintermüde. Und Ihr wisst doch: Nach müde kommt albern. Wir meinen's nicht so.
"Ach ja? Und was soll der Elefant?"
3451 mal gelesen

Mein surrealer Alltag (10) - Automatisches Schreiben

Morgens, 6:15 Uhr. Gnädig bedeckt der Neuschnee den gefrorenen Schneematsch. Auch die Müllsedimente der letzten Wochen sind nicht mehr zu sehen. Das ist immerhin eine Erleichterung fürs Auge, verbirgt auch die Schneehaufen am Straßenrand, die noch am Vortag ausgesehen hatten wie Berge von Schutt. Aus dem Kiosk fällt Licht auf den Bürgersteig und lässt die dünnen Schneeflocken golden aufleuchten. Da warten zwei Kunden auf Bedienung, derweil der Kioskbetreiber die Werbetafel der Bildzeitung nach draußen bringt. Besser nicht hingucken, was BILD heute titelt. Man will ja nicht am frühen Morgen schon in den jungfräulichen Schnee brechen.

Die Bäckereifachverkäuferin hat Ränder unter den Augen. Hat sie die Nacht auf einer Luftmatratze im Laden verbracht? Das war doch gestern, als in Hannover Busse und Bahnen nicht fuhren. Vermutlich hat sie sich noch nicht davon erholt. „Endlich hat’s mal wieder geschneit!“, sage ich, um sie aufzumuntern. „Ja“, sagt sie, „ich kann’s bald nicht mehr sehen.“ Kein Wunder, bei den dicken Augen. Immerhin ist sie schon ironiefest, braucht keine Häkchengeste bei dem Wort „Endlich“. Sie stopft die Brötchen in die Tüte, als hätte sie auf jedes einzelne einen bodenlosen Groll, wünscht dann aber trotzdem einen schönen Tag.

Die beiden vor dem Kiosk sind wetterfest. Der eine hat sogar die Jacke offen. „Nein“, ruft er zur Kioskluke hinein, „gib mir mal ein Bier! Kaffee hab ich schon an der Tanke getrunken.“ Es ist nicht mal hell, unentwegt rieselt der Schnee und pudert ihm die Haare, geschätzte drei Grad unter Null, und dann schon an einer eiskalten Bierflasche lutschen? Offenbar kann man sich den Winter schön saufen. Aber man muss schon in aller früh damit anfangen.

Auf der Ihmebrücke am Schwarzen Bär gleitet einer mit dem Fahrrad aus, wirft die Arme nach vorn und legt sich lang. „Alles in Ordnung?!“ fragt ein älterer Fußgänger. „Ja, ja“, sagt der Radfahrer und rappelt sich hoch. Der Alte tritt hinzu und sagt: „Wissen Sie, was mich am meisten ärgert?“ „Nein“, sagt der Radfahrer und richtet seine verbogene Lampe. „Dass so viele, ich mache das ja auch manchmal, ohne Helm fahren.“ „Wieso?“, fragt der Radfahrer, „ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen.“ Es ist zweifellos doppeltes Pech, direkt vor einem Klugscheißer auszurutschen.

Automatisches-Schreiben
Bei aller Klage über den Winter, er ist, wie man sieht, eine gute Zeit für automatisches Schreiben. Bei dieser experimentellen Form der Kunst sind Zufallsprozesse gestaltbildend. Automatische Texte und Bilder erlauben eine Lesart der freien Assoziation. Erfunden wurde das Automatische Schreiben um 1924 von französischen Surrealisten. Max Ernst berichtet, der Arzt André Breton habe die Gruppe der Pariser Surrealisten zu einer Mauer geführt, gegen die Tuberkulosekranke zu spucken pflegten. Man hoffte, aus den Schlieren an der Wand Inspiration zu ziehen. Es handelt sich dabei um die Technik des Hineinsehens. Sie wird noch heute beim "kreativen Schreiben" angewandt. Auswurf gibt es genug auf der Welt, und wo immer einer hingespuckt hat, steht ein anderer und schreibt einen Roman. Ich hätte die heutige Bildschlagzeile vielleicht doch lesen sollen.

Mein surrealer Alltag - Folgen 1-7
2545 mal gelesen

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Teppichhaus Trithemius / Teestübchen Trithemius

Aktuelle Beiträge

Jenseits der vertrauten...
„Wenn ein Mensch geboren ist und erste Eindrücke empfängt,...
Trithemius - 7. Apr, 17:26
Der Pohl
Einer, an den ich ein halbes Jahrhundert nicht gedacht...
Trithemius - 5. Apr, 18:25
Einfach zu viele Eier
Traditionell sammelten die Messdiener unseres Dorfes...
Trithemius - 4. Apr, 10:31
Ein Bote wird in den...
Der Schweizer Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli verzeichnet...
Trithemius - 1. Apr, 11:42
Die kulinarische Konsequenz....
Die kulinarische Konsequenz. Gibts Rezepte?
Trithemius - 29. Mär, 07:18
Irgendwann erreichte...
Irgendwann erreichte der Brief, wenn auch nach sehr...
Lo - 29. Mär, 00:14
Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

RSS Box

Links

Suche

 

Kalender

Juni 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 
 

Web Counter-Modul

Status

Online seit 7040 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 10. Apr, 15:04

Credits


Abendbummel online
Bild & Text
dörfliches
Ethnologie des Alltags
Frau Nettesheim
freitagsgespräch
Gastautoren
Hannover
Internetregistratur
Kopfkino
Pataphysisches Seminar
Pentagrion
Schriftwelt im Abendrot
surrealer Alltag
Teppichhaus Intern
Teppichhaus Textberatung
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren