Finkenschlag und Klickern

Welch ein Glück, dass die Evolution die Dinosaurier auf ein erträgliches Maß verkleinert hat. Was wäre das für ein entsetzliches Krachen im Geäst, wenn sie von Baum zu Baum hopsen. Und erst das schmachtende Grunzen der Balzvorbereitung. So aber schlägt der Fink sein helles Lied, und hüpft er von Zweig zu Zweig, wir sehen ihn kaum. Die Sonne scheint, – ich werd' verrückt –, reiße meinen Mantel auf und schlendere durch den Park. Das Frühjahr, der Frühling, der Lenz – die drei geben ein Gastspiel, das hoffentlich noch in die Verlängerung geht.

In meiner Kindheit begann jetzt die Klickerzeit. Andernorts heißen die Klicker „Murmeln“, was vom Wort Marmor hergeleitet ist. Klicker oder Knicker aber ist schöner, weil onomatopoetisch. Die Wörter ahmen den Laut nach, wenn die Ton- oder Glaskugeln zusammenstoßen. Ein leises Klickern ist schon zu hören, wenn man das Säckchen aufnimmt, worin die Kugeln aufbewahrt werden. Ich hatte eines aus grauem Leinen, das sich oben mit einer eingenähten Schur zuziehen ließ. Reich an Klickern war ich nicht, denn obschon ich mir gelegentlich welche kaufte, verlor ich die meisten wieder. In meiner Nachbarschaft wohnten die Gebrüder Schnitzler. Beide waren Kannibalen im Klickern und unschlagbar, so dass niemand gern mit ihnen spielte. Freilich hatten sie die dicksten und schönsten Glasmurmeln, nicht gut für leichtsinnige Menschen wie mich.

Zum Frühling gehört noch heute für mich der erdige Geruch des Bürgersteigs vor unserem Haus. Einer drehte mit dem Absatz ein spitzes Loch hinein, wir klopften die Erdkrümel wieder platt, ein Strich wurde gezogen, und dann ging’s los, das Schussern und Schieben, das Einlochen, das Hin und Her von Klickergewinn, -verlust und erneutem Einsacken der farbig lackierten Ton- und geheimnisvoll marmorierten Glaskugeln. Es war wunderbar – aber nur bis irgendwann die Schnitzlers kamen, sich ins Spiel drängten und gnadenlos alles abräumten. Außer Klickern konnten sie nicht viel, und daher war der Frühling ihre Saison. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist, ob ihre Klickermeisterschaft ihnen beruflich weitergeholfen hat oder ob sie im Lenz ihres Lebens auch schon den Zenit erreicht hatten. Aber manche sind gar niemals in irgendwas richtig gut, da ist es doch besser, wenn man von sich sagen kann: „Als Kind war ich Klickermeister.“ Damit wird man im Alter seinen Enkeln imponieren, so man welche hat, die wissen, was das ist.

Als meine Kinder im Klickeralter waren, lebten wir in der Stadt. Da kann man mit dem Absatz keine Klickerlöcher in die Bürgersteige machen. Sie hatten zum Klickern einen flachen Stumpfkegel aus Plastik mit einer Mulde darin. Da haben sie mir immer ein bisschen leid getan, denn mit der Nase über Plastik und Betonplatten, das ist etwas anderes als den Duft der frühlingshaften Erde zu riechen. Trotzdem werde ich nicht behaupten, dass früher alles besser war. Was nämlich schlechter war, das war natürlich nicht besser.

Lies auch: Hüpfekästchen
2041 mal gelesen

Mein surrealer Alltag (12) - Mag nicht einkaufen

Ding-auf-der-Schwelle
2567 mal gelesen

Kopfkino - Die Pforten der Wahrnehmung

Nur selten erinnere ich mich an die Einzelheiten eines Traums. Viel öfter bleibt nach dem Erwachen nur eine Ahnung, die sich nicht mehr erhaschen lässt. Dann ist der Traum wie ein durch die Gassen flüchtender Kerl, von dem ich noch die Fußhacke sehe, bevor er um die nächste Ecke verschwindet. Und eile ich hinterher, biegt er schon um die nächste Ecke, aber diesmal sehe ich das flatternde Hosenbein. Das macht Mut, ich strenge mich an, erblicke sogar seinen Rücken, aber dann schlägt er mir grinsend ein Schnippchen, wird schneller und schneller, bis mir die Puste ausgeht und ich mich resigniert an eine Hauswand lehne, derweil er sich in der Ferne verflüchtigt. Ich wende mich ab. Plötzlich scheint er mich zu rufen, taucht wieder aus dem Nebel auf, kommt sogar näher und lockt mich. Aber will ich ihn ergreifen, dann rennt er schneller als zuvor.

Letzte Nacht gegen Morgen träumte ich, einen Text zu schreiben. Er war nicht erbaulich, sondern eine sarkastische Bestandsaufnahme dieser Welt an ineinander verwobenen Beispielen. Seltsamerweise träumte ich dann, dass ich den Text nach dem Erwachen wohl kaum noch vor Augen hätte. Da muss ich mich schon im Halbschlaf befunden haben, träumte nicht einfach willenlos daher, sondern versuchte einiges zu sichern, in eine feste Form zu bringen, die sich leicht memorieren ließe. Geholfen hat es nicht. Sobald ich die Augen aufschlug, rannte der Traum von mir fort.

Gestern Abend, als mich einmal mehr der Weltschmerz umfing, da dachte ich schon, dass es wenig hilft, die gesellschaftlichen Übel immer wieder aufzuzeigen. Man muss sich gelegentlich anderen Themen zuwenden. Daher nehme ich den vergessenen Traum als Zeichen und schreibe über das Traumphänomen selbst. Offenbar ist etwas im Kopf klüger als wir. Man muss es nur gewähren lassen, die Dinge zu richten. Wir wissen, dass es besser ist, eine wichtige Entscheidung nicht am Abend zu fällen, sondern sie zu überschlafen. Am Abend ist der Verstand von den Wirren des Tages geschwächt und daher kein kluger Ratgeber. Auch was man am Abend niederschreibt, hat unter der hellen Morgensonne kaum Bestand.

Es heißt, der visionäre Malerdichter William Blake (1757 – 1827) habe eine künstlerische Drucktechnik erfunden, die Reliefradierung. Er selbst berichtete, im Traum sei ihm sein verstorbener Bruder erschienen und habe ihm die neue Drucktechnik beigebracht. Man muss nicht daran glauben, dass Verstorbene in den Träumen der Lebenden herumgeistern und sich sogar mit so irdischen Dingen wie der Weiterentwicklung von Drucktechniken beschäftigen. Vielleicht war Blakes verstorbener Bruder nur ein Bild, in das der selbsttätig arbeitende Verstand die Lösung eines Problems kleidete, mit dem sich William Blake am Abend zuvor beschäftigt hatte.

Natürlich ist ein verstorbener Bruder ein starkes Bild, das am Morgen nicht so leichtfüßig davonrennt wie mein Traumgesicht. Überhaupt hat es etwas mit Achtung und Beachtung zu tun, mit der Frage, wie ernst und wichtig man seine Phantasien nimmt und ob man bereit ist, Phantasien hervorzulocken, mit ihnen zu spielen und ihnen lang genug hinterher zu rennen. Denn alles Neue muss in der Phantasie vorweggenommen sein. Das so genannte Kreative fällt nicht vom Himmel und entspringt auch nicht dem Musenkuss. Wer nicht spielerisch umzugehen versteht mit seiner Realität, dessen Himmel ist grau und dessen Lippen taugen nur dazu, das nachzuplappern, was andere schon x-mal vorgeplappert haben.
1620 mal gelesen

Kopfkino - Nachteile eines Haufenkriechers

Heute Morgen habe ich unter der Dusche einen träumerischen Spaziergang gemacht wie durch einen warmen Frühlingsregen. Ich überwand dabei mühelos Zeit und Raum. Irgendwann erwachte ich, und als ich die Augen öffnete, war ich ganz erstaunt, mich in meiner Duschkabine wieder zu finden. Rasiert habe ich mich nicht, denn wenn ich mich morgens rasiere und abends noch wohin will, muss ich mich zweimal rasieren. So werde ich den Tag über unrasiert herumlaufen, was einen gewissen Nachteil hat. Wenn ich nicht rasiert bin, sehe ich aus wie ein Bärremkrüffer, und die Leute fürchten sich ein bisschen vor mir.

Bärremkrüffer ist ein Wort aus meiner Kindheit, es ist Nettesheimer Platt, (eine Form des Ripuarischen, nahe verwandt mit Kölsch Platt), und bedeutet „Haufenkriecher“. Ein Bärrem ist ein Strohballenstapel, ein haushoher Quader auf einem Stoppelfeld. Als Kinder haben meine Freunde und ich gerne am Bärrem gespielt, bis der Bauer mit seinem Traktor übers Feld herankam und uns verjagt hat. Wir sind hochgeklettert und runtergesprungen oder haben Strohballen aus dem Bärrem herausgezogen und uns darin eine Höhle gebaut, in der Hoffnung, es würde regnen und wir könnten gemütlich drinnen sitzen. Manchmal bauten wir auch ausgedehnte Labyrinthe. Dann lockten wir Mädchen herbei und forderten sie auf, durch das Labyrinth zu kriechen. Damit sie sich in der absoluten Finsternis erschreckten, hatten wir an verschiedenen Stellen Kohlblätter ausgelegt. Die fühlten sich dann feucht und unheimlich an.

Einmal entdeckten wir weit draußen im Feld eine fertige Höhle im Bärrem. Die war eingerichtet wie eine Wohnung, hatte eine Schlafstelle mit Decken, da waren Kochgeschirr, Kleider, alte Zeitschriften und diverses Kleinzeug, was man halt zum täglichen Leben braucht. Wir stöberten ein wenig herum, fanden eine runde Dose mit Veilchenpastillen und klauten uns welche. Später sagte meine Mutter, die Wohnung habe sich ein Bärremkrüffer gebaut. Das ist ein Landstreicher, der für eine gewisse Zeit in einem Bärrem lebt.

Schriftkartei

Vorgestern hatte ich mich morgens auch nicht rasiert und fuhr am späteren Nachmittag ein bisschen mit dem Rad herum. Plötzlich fiel mir ein, dass ich mir eigentlich in der Leibnizbibliothek einen Vortrag anhören wollte, wusste aber die Uhrzeit nicht mehr. Außerdem wollte ich nicht wie ein Bärremkrüffer in der Leibnizbibliothek sitzen. Also fuhr ich wieder nach Hause, suchte die Programmankündigung hervor, und siehe da, die Veranstaltung würde in genau zwei Minuten beginnen, nämlich um 17 Uhr. Das war nicht mehr zu schaffen, selbst wenn ich sofort aufgebrochen wäre, ohne mich zu rasieren. Verpasst habe ich die Lesung von Dr. Olaf Thomsen, Berlin: Buchskorpione, Leseratten, Nackenbeißer. Zur Geschichte der Schrift, des Buches und des Lesens.

Kleine Pause, ich muss Wäsche aufhängen und mal kurz weg.

Weiter: Jean Pauls vergnügtes Schulmeisterlein Maria Wutz zu Auenthal war sein Lebtag so bettelarm, dass er sich keine Bücher leisten konnte. Darum besorgte er sich den Leipziger "Meßkatalog" und schrieb sich die Bücher selbst, unter anderem auch Kants „Kritik der reinen Vernunft“.

Ich wäre zwar nicht zu arm gewesen, mir den Vortrag von Dr. Olaf Thomsen aus Berlin zu leisten, aber aus den oben geschilderten Gründen muss ich mir jetzt die Geschichte der Schrift, des Buches und des Lesens selber schreiben. Sie befindet sich aber schon in der oben abgebildeten Schublade. Diese vorwärts wie rückwärts beschriebenen Karteikarten enthalten nämlich die Ergebnisse meiner Studien von etwa zehn Jahren. Dazu bin ich durch einen ziemlich großen Bücherhaufen gekrochen, tauchte oftmals blankrasiert ein und kam bärtig wieder raus. Gerne hätte ich allerdings erfahren und dem geneigten Leser mitgeteilt, wie Dr. Olaf Thomsen es angestellt hat, etwa 3000 Jahre Schriftgeschichte und über 500 Jahre Buchproduktion und -rezeption in höchstens zwei Stunden zu packen und nebenher noch zu erklären, was Buchskorpione, Leseratten und Nackenbeißer sind. Das könnte ich nicht, wie hier und hier zu sehen, wo nur ein Geringes schon zusammengetragen ist. Die Kunst liegt eben im Weglassen, und daher ist es wohl gut, dass ich schon mal den Vortrag von Dr. Olaf Thomsen weggelassen habe.
1849 mal gelesen

Erneut vergessen - Internationaler Tag der Frau

frauenlob02
2027 mal gelesen

Mensch im Mantel

Wann immer ich in den Garderobenspiegel sehe, was trage ich da? Einen Mantel. Kann mich inzwischen kaum noch erinnern, dass es einmal anders gewesen sein muss. Jedenfalls weiß ich mit Sicherheit, dass ich nicht mit einem Mantel um die Schultern geboren wurde, sondern sogar – pardon – ganz nackt war. Nicht, dass ich so auf die Straße spazieren wollte, aber wenn ich den Mantel mal weglassen dürfte, das wäre schon eine feine Sache, denn immerhin trage ich darunter noch einen dicken Pullover.

Was ist das eigentlich da draußen? Eine kleine Eiszeit? Die letzte soll vom Anfang des 15. bis ins 19. Jahrhundert hinein gedauert haben. In den nasskalten Sommern verfaulte das Korn auf den Halmen, und in der Folge gab’s Hungersnöte, Hexenverfolgung, diverse Seuchen, Überschwemmungen, den 30-jährigen Krieg, blutige Metzeleien zu Hauf, die französische Revolution, und das Kölner Stadtarchiv stürzte ein. Ach nein, das war ja erst letztens.

Jetzt soll bloß kein Meteorologe daherkommen und klugscheißen, Winterwetter im Frühling sei noch kein Hinweis auf eine neue Eiszeit, weil man Wetterbeobachtung langfristig ansetzen müsse. Wenn das so ist, kann er mir auch nicht das Gegenteil beweisen. Also kusch, sonst gibt es gehörig was vors Protoplasma. Die Kälte macht nämlich schlechte Laune. Den Mantel um die Schulter tragen, das bedeutet redensartlich, dass man waffenlos daherkommt, in bester Absicht. Aber was hätte ich schon für Waffen vorzuweisen gegen die andauernde Kälte. Vielleicht müssen wir zu radikalen Mitteln greifen, ein paar eiskalte Gierhälse in Vulkane stürzen, die falschen Propheten Hans-Werner Sinn und Hans-Olaf Henkel teeren und federn, Jörg Kachelmann der Inquisition übergeben oder den Wunsch einer Nervensäge namens Sonja Zietlow erfüllen und sie zum Mond schießen, ohne Rückfahrkarte natürlich.

Zietlow bietet sich an
1865 mal gelesen

Bußprediger werfen nicht mit Wattebäuschen

Es ist keine Kunst, aus dem zeitlichen Abstand zu urteilen. Wenn erst die Jahre über alles gegangen sind, kann jeder sehen, wo etwas falsch gelaufen ist, wo Fehlurteil, Verblendung und Irrsinn die Motoren waren. Letztens sah ich einen Film über den deutschen Kaiser, wie er im belgischen Kurort Spa umherstolzierte und dann verbittert ins niederländische Exil übersiedelte, weil man ihn zu Hause in Deutschland nicht mehr haben wollte, nachdem er die ganze Nation ins Grauen des ersten Weltkriegs getrieben hatte. Selten habe ich eine derart groteske, schauerliche Witzfigur gesehen, denn natürlich zeigt sich der Irrsinn einer Zeit am deutlichsten in den Anführern, in den Vorbildern und bei ihren Steigbügelhaltern und Speichelleckern. Hitler, Goebbels, Göring – sieht man sie abgefilmt, da scheinen sie einer Irrenanstalt entsprungen und man möchte nach Zwangsjacken rufen oder zumindest das tun, was in alten Slapstickfilmen eine probate Problemlösungsstrategie war: ihnen einen ordentlichen Tritt in den Hintern verpassen. Aber es bedarf schon des Künstlers, das zu sehen, während die Mehrheit noch dem gleichen Irrsinn verfallen ist und sich solche Figuren zum Vorbild nimmt. Als Charlie Chaplin in „Der große Diktator“ das alberne Getue Hitlers herausarbeitete und überhöhte, so dass es jeder ablesen konnte, da hat er das Visionäre geleistet, hat quasi die Zeit voraus gedreht und dem Betrachter die Einsicht vermittelt, die er sonst erst in der Rückschau hätte gewinnen können.

Die Deutschen tun sich schwer mit der künstlerischen Form der Satire. Trifft eine Satire hart auf den Solarplexus, dann schreien auch jene auf, die gar nicht gemeint sind. Dann wird Tucholsky zitiert, der gefragt hatte, was Satire darf und „Alles!“ befunden hatte. Ja, heißt es dann, Satire darf alles, aber doch nicht so. Denn wirklich treffen darf sie nicht, sondern nur ein bisschen zanken. Den Eliten ist die harmlose Satire am liebsten, denn sie schadet ihnen nicht, trägt im Gegenteil zu ihrer Popularisierung bei, schmeichelt sogar ihre Eitelkeit. Dann reiben sie sich vergnügt die versoffene Nase und suchen grinsend die Kameraobjektive wie alljährlich bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst zu sehen. Und so erwarten sie es auch beim alljährlichen „Derblecken“ am Nockherberg. Ein bisschen Parodie ist fein, aber wehe, es geht ihnen ans Fell, es macht einer einen ordentlichen Holzschnitt und haut ihnen die miese Gesinnung gestrichen um die Ohren, die sie sonst mit rhetorischen Finten zu verbergen verstehen.

Der Herr Guido Westerwelle will nicht mehr eingeladen werden zum Münchner Nockherberg. Er ist beleidigt. Denn der Schauspieler Michael Lerchenberg in der Rolle als Bußprediger Barnabas hat über ihn folgendes gesagt: "Alle Hartz-IV-Empfänger versammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein großer Zaun.“ Über dem Eingangstor werde "in großen eisernen Lettern" stehen: "Leistung muss sich wieder lohnen."

Yo, das ist hart, ein unerlaubter Vergleich, politisch nicht korrekt. Den Holocaust darf man nicht benutzen, um eine miese Gesinnung zu kennzeichnen, findet der Zentralrat der Juden und protestiert. Die Verlierer der neoliberalen Politik sind in der Tat nicht an Leib und Leben bedroht. Eine kollektive Vernichtung droht ihnen nicht. Aber sie stecken in schweren Nöten, denn sie werden von Westerwelle und Konsorten geschmäht, von den Medien über den Löffel barbiert, ihrer Menschenwürde beraubt, und das nicht etwa, weil sie den Bestand unserer Gesellschaft gefährden wie gierige Finanzjongleure, gewissenlose Banker, gleichgültige Unternehmensvorstände. Nein, Leuten wie Westerwelle geht es allein um Machterhalt und Schutz der eigenen Wählerklientel. Da greift er zu einem Mittel, das schon immer geholfen hat, sucht die Schuldigen für gesellschaftliche Fehlentwicklungen in einer Minderheit, die sich isolieren lässt und nur wenige Fürsprecher hat. Er drischt auf die Schwachen ein und schert sich einen Dreck um die tatsächlichen Verhältnisse. Da wird man doch einmal fragen dürfen, was mit diesen Menschen eigentlich werden soll, welche Perspektive man für sie vorgesehen hat und wo eine Gesellschaft enden könnte, die mit den Schwachen umgeht, als wären sie eine Sorte Sondermüll.

Der Zentralrat der Juden befürchtet eine Banalisierung des Holocaust. Doch in die Zukunft schauen kann er nicht, kann nicht garantieren, dass sich Ähnliches nicht wiederholt. Wir wissen nicht, welche Fehlentwicklungen durch neoliberales Denken angestoßen werden. Deutschland ist gemessen an Ländern der dritten Welt noch immer ein Paradies. Doch weltweit ist zu beobachten, wie im Namen des entfesselten Raubtierkapitalismus ganze Volksgruppen bis aufs Blut ausgebeutet werden, in Lagern verhungern oder hingemetzelt werden von verbrecherischen Regimen, die gute Beziehungen zur EU und den USA unterhalten, weil man mit ihnen Geschäfte machen kann. Wir erleben im Zuge der Globalisierung eine Nivellierung der Lebensverhältnisse nach unten. Es gibt wenige Gewinner und immer mehr Verlierer. Wo wir in Deutschland in 25 Jahren stehen, wie dann umgegangen wird mit den Verlierern des gnadenlosen Profitstrebens, das weiß auch der Zentralrat der Juden nicht. Und darum sollte er sich auch nicht aufregen, wenn ein düsteres Bild gezeichnet wird, damit es sich die Entscheidungsträger unserer Gesellschaft als Mahnung hintern Spiegel stecken können. Denn nachher zu wissen, ab wann eine Sache falsch gelaufen ist, das ist wie gesagt keine Kunst.

Abgelegt unter: Zirkus des schlechten Geschmacks
1686 mal gelesen

Effizientes Flippern im schwarzen Dress

Schon im Jahr 1922 wünschte sich der Schriftsteller Alfred Polgar von der Schreibmaschine: „Die Entwicklung muss hier, wie bei jeder Maschine, dahin streben, die notwendige menschliche Mitarbeit immer mehr und mehr einzuschränken. Der Tag, an dem es gelungen sein wird, den Schriftsteller ganz auszuschalten und die Schreibmaschine unmittelbar in Tätigkeit zu setzen, wird das große Zeitalter menschlicher Dichtkunst einleiten.“

Dieses große Zeitalter ist ja längst angebrochen, seitdem wir über den Computer verfügen, den Umberto Eco schon in den 80ern zur "spirituellen Maschine" erklärt hat. Also lasse ich die Finger über die Tasten eilen, ohne sie von kruden Gedanken stören zu lassen, und berichte über die weltweit größte Demonstration mannigfaltiger Bestrebungen, den menschlichen Geist weitgehend überflüssig zu machen und den Rest zu steuern. Wie sich jeder ohne Anstrengung denken kann, geht's um die CeBIT 2010. Hier zeigen sich zwei große Tendenzen, beide nicht neu, aber immer ausgefeilter:

Erstens sollen Hard- und Software zunehmend übernehmen, was der Mensch früher mit seinem Kopf bewerkstelligen musste, sogar als intelligentes Verhalten angesehen wurde, und weil die Maschinen inzwischen so ungleich schneller und genauer sind als er, kann er am Ende nicht mehr sicher sein, ob er wenigstens noch zum Kaffeeholen taugt, ohne zu schlabbern. Was Programme so alles können und wie sie zu bedienen sind, erfährt der geneigte Fachbesucher in diversen Auditorien. Da agieren Moderatoren mit Mikrophonen vorm Maul, von Kameras abgefilmt und überhöht, vor und auf Displays groß wie Hauswände, und man sieht wie hie angeklickt, da etwas eingeben wird oder wie ganze Elemente von einer Ecke der Bedieneroberfläche in die andere gezogen werden, worauf weitere Pop-Up-Fenster aufspringen und damit vor allem eines zeigen: Die Software ist ein nicht auszulotendes Universum. Glücklich, wer sich nicht darin verrennt, sondern eine Weile zu tun imstande ist, was das Programm von ihm verlangt.

Um was es geht, das tönt aus allen Lautsprecherboxen: „Effizienz“. Das Wort bedeutet etwa „bestmöglicher Wirkungsgrad“, „besonders wirtschaftlich“. Man ahnt, wie sich die Leute fühlen, die vor dem Geflimmer der Riesendisplays sitzen wie Ochsen vorm Berg, mal aufs Klo müssten oder Hunger haben, schon eine Weile nicht mehr mitkommen, weil ihnen neue Fachtermini nur so um die Ohren fliegen und alles viel zu rasch aufeinander folgt. Die überwiegend männlichen Zuschauer lernen hier vor allem eines: Besonders wirtschaftlich sind sie nicht, wenn sie kaum die Hälfte mitkriegen und den Rest auch noch vergessen, sobald eine der aufgezäumten Messehostessen vorbeistöckelt. Effizienz ist das dem Menschen unerreichbare Ziel, denn egal, welche Bedienungsvorschriften er sich auf die unzulängliche menschliche Festplatte schafft - schon im nächsten Jahr wird man ihm zeigen, dass alles noch viel effizienter geht.

cebit2010

Immerzu hinterher zu hecheln und ständig in Gefahr, abgehängt zu werden, das deprimiert, und so erklärt sich der allgemeine Dresscode: Schwarzer Anzug. Die langhaarigen Garagentüftler sind Technikgeschichte, und die digitalen Bohemiens sind längst in einer ineffizienten Zeitblase gestrandet, wo sie ein bisschen an sich und ihren digitalen Gimmicks herumspielen dürfen. Den Ton geben die Technokraten und Ingenieure an, und die servilen Maschinendiener geben auch das Tempo vor. Im Gewusel der Messebesucher überwiegt schwarz, und hier unterscheidet sich der Inder nicht vom Japaner, der Turkmene nicht vom Spanier oder Brandenburger. Aber was man ganz und gar nicht sieht, sind Schwarzafrikaner. An Computertechnologien haben sie offenbar keinen Anteil. Der schwarze Kontinent ist ein weißer Flecken auf der digitalen Landkarte, ein ganzer Kontinent ist längst abgehängt und folglich hoffnungslos ineffizient, nicht mehr zu retten.

Der zweite Anschlag auf den menschlichen Geist ist weit radikaler. Es geht um die totale Vereinnahmung des Menschen, um die Anpassung des Menschen an die Maschine. Sie beginnt schon mit dem Einlass. Du kannst nicht einfach eine Eintrittskarte kaufen und durch eines der Drehkreuze spazieren. Du musst dich zuerst über ein Terminal registrieren, deinen Wohnort und die E-Mail-Adresse preisgeben, das Unternehmen benennen, von dem du geschickt worden bist, und hinsichtlich seiner Größe klassifizieren, deine Funktion angeben. Irgendwo wird dein Name auf ein Kärtchen gedruckt, und danach tritt eine freundliche Hostess an dich heran und händigt dir einen Anhänger mit Hosenträgerklammer aus, den du tragen musst, als wärst du ein wandernder Kartoffelsack. Seitlich befindet sich ein Scan-Code, und wo du überall gescannt wirst, weißt du nicht. Offenbar will man jederzeit wissen, wo der Kartoffelsack unterwegs ist. Ein Wunder, dass dem Messebesucher noch kein RFID-Chip untergejubelt wird, mit dessen Hilfe sich ein komplettes Bewegungsbild erstellen lässt.

Am Stand des Bundesministeriums für Bildung und Forschung setze ich mich an einen Flipper. Und wie ich noch nach den Bedienknöpfen taste, tritt eine Dame hinzu und erklärt, dass man diesen Flipper nur mit Gedanken steuern könne. Tags zuvor habe ein junger Mann auf meinem Platz gesessen, etwa eine Dreiviertelstunde sein Gehirn trainiert, und dann habe er flippern können, ohne seine Hände zu benutzen. Nur etwa 70 Prozent der Menschen seien in der Lage, gedanklich zu flippern; - wer hätte das gedacht. Das wirft die Frage auf, was werden soll mit den 30 Prozent mentaler Flipper-Analphabeten. Kann sich die digitale Gesellschaft auf Dauer leisten, diese Versager durchzufüttern? Wer seine gedanklichen Abläufe nicht auf einfaches Links-Rechts und Ja-Nein konditionieren kann, wozu soll der noch gut sein?

Die gedankliche Steuerung von Flippern, Computern, Flugzeugen oder Waffensystemen funktioniert nur ohne Wenn und Aber. Wer zweifelt, wer sich ein Vielleicht vorbehalten möchte oder noch mal in Ruhe drüber nachdenken, ist nicht maschinenkompatibel. Unsere Schulen werden ein neues Denken lehren müssen, das Denken der reinen Zweckbestimmung. Dann, und das ist ein Grund zum Jubeln, dann erklärt sich alles zum gedanklichen Ballast, was Sand ins Getriebe der Mensch-Maschinen-Interaktion streuen könnte: Das üble Zweifeln, die quälerischen Sinnfragen und das ganze Gedöns können wir getrost vergessen. 70 Prozent der Menschheit geht herrlich effizienten Zeiten entgegen. Und der Rest hat frei.
1597 mal gelesen

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Teppichhaus Trithemius / Teestübchen Trithemius

Aktuelle Beiträge

Jenseits der vertrauten...
„Wenn ein Mensch geboren ist und erste Eindrücke empfängt,...
Trithemius - 7. Apr, 17:26
Der Pohl
Einer, an den ich ein halbes Jahrhundert nicht gedacht...
Trithemius - 5. Apr, 18:25
Einfach zu viele Eier
Traditionell sammelten die Messdiener unseres Dorfes...
Trithemius - 4. Apr, 10:31
Ein Bote wird in den...
Der Schweizer Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli verzeichnet...
Trithemius - 1. Apr, 11:42
Die kulinarische Konsequenz....
Die kulinarische Konsequenz. Gibts Rezepte?
Trithemius - 29. Mär, 07:18
Irgendwann erreichte...
Irgendwann erreichte der Brief, wenn auch nach sehr...
Lo - 29. Mär, 00:14
Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

RSS Box

Links

Suche

 

Kalender

April 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 2 
 3 
 6 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 

Web Counter-Modul

Status

Online seit 6984 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 10. Apr, 15:04

Credits


Abendbummel online
Bild & Text
dörfliches
Ethnologie des Alltags
Frau Nettesheim
freitagsgespräch
Gastautoren
Hannover
Internetregistratur
Kopfkino
Pataphysisches Seminar
Pentagrion
Schriftwelt im Abendrot
surrealer Alltag
Teppichhaus Intern
Teppichhaus Textberatung
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren