Bei BILD am Sonntag wurde geweint, aber warum?

Es muss schrecklich zugegangen sein in den Redaktionsräumen von BILD am Sonntag. Ungefähr so: Wunderschöne Volontärinnen lagen über den Schreibtischen und flennten sich die Augen raus, gestandene Bürohengste standen schluchzend am Fenster, und selbst Herausgeber Kai Diekmann war völlig von seinem eigenen Körper überrascht, als er urplötzlich entdeckte, was es heißt, hemmungslos auf die italienischen Maßschuh zu weinen.

Unter diesem allgemeinen Geheule aber machte sich ein anderer Gedanke breit: Toll, dass die Polen-Promis noch rechtzeitig vor Redaktionsschluss abgestürzt waren. Was, wenn der Pilot vor seinem Landeversuch noch eine Schleife gedreht hätte? Dann wären sie am Ende viel später oder gar nicht abgestürzt. Und dann wäre das elende Gegurke mit dem geplanten Aufmacher weiter gegangen, wo die griffige Form sich einfach nicht einstellen wollte.

Irgendein Gegenstück für „Wir sind Papst“ hatte es sein sollen, weil es ratsam wäre, sich rechtzeitig zu distanzieren, bevor weitere Enthüllungen über Missbrauch durch Kirchenmänner und die Vertuschung der Straftaten durch den Vatikan die guten Deutschen in kollektive Mithaftung nehmen könnten. Die Headline:

WIR SIND GEGEN PAPST

war diskutiert, aber nach heftigen Kontroversen verworfen worden. Just in diesem Augenblick knallte die Meldung vom Absturz herein, und der rumste als Befreiungsschlag durch die BamS-Redaktion. Klar, wie die Schlagzeile der BamS jetzt lauten musste. Sie tauchte beinah gleichzeitig in den Köpfen auf, die nahezu wunderbare, rührende, familienfreundliche Schlagzeile:

Polen, wir weinen mit dir!

So einen Aufmacher hatte man schon lange nicht mehr. Das war ein richtiger Augennagel. Der würde sich ins kollektive Gedächtnis eingraben. Und da war es mit einem Mal gar nicht mehr schrecklich in den Redaktionsräumen der BamS. Der erste, flüchtige Eindruck hatte getäuscht. Was da floss, das waren Tränen der Dankbarkeit.

Abgelegt unter: Zirkus des schlechten Geschmacks
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Sattelnotstand in Hannover - Felgenschlag in Aachen

Man hat mich beklaut, mich bestohlen, mir die Lampe vom Fahrrad abgezogen. Wer war das? Fluch über dich, du elender Mensch. Du sollst am eigenen Leibe fühlen, wie unangenehm es berührt, wenn man beklaut worden ist. Man klaue dir die Satellitenschüssel! Es ist nicht nur der Verlust von Licht, Bild und Ton, nein, es ist auch die ärgerliche Aussicht auf den Aufwand der Wiederbeschaffung und Montage, mal abgesehen davon, dass es auch noch Geld zu kosten beliebt.

Beim Discounter gab es heute preiswerte Fahrradsättel. Vielmehr waren schon alle weg, als ich gegen Mittag dort ankam. Nur noch das Schild war da, und das leere Korbfach gähnte mich an und sagte: „Ich habe meine Arbeit schon in aller Früh getan, als du noch faul in den Morgen gegammelt hast.“ Das fand ich ziemlich unverschämt, denn woher sollte ich wissen, dass in Hannover ein derart großer Notstand an Fahrradsätteln herrscht, dass man sich im Morgengrauen vor dem Laden anstellen muss und womöglich noch in Nahkämpfe verstrickt wird. Was ist denn bloß los in Hannover? Wo sind eure Sättel hin?

Mann - sein Fahrrad und Wolke
Vermutlich sind sie durchgescheuert oder mürbe geworden vom vielen Besessensein. Denn in Hannover fährt man gut und gerne Rad. Bisher sah ich keine Stadt, die ein solch ausgedehntes und gut angelegtes Radwegenetz hat. Jede Straße, die breiter ist als ein Eselspfad, hat mindestens auf einer Seite einen Radfahrweg, und manche Gassen sind überhaupt nur Fahrradstraßen, weil sie links und rechts Radwege haben, weshalb dann gar kein Platz mehr für die Autofahrbahn ist. Nahezu wunderbar ist die Absenkung der Bordsteine an Straßeneinmündungen. Sie sind derart sanft, dass man am liebsten nur auf und ab fahren würde. In Aachen hingegen sind die Absenkungen so ruppig steil, dass man sich einen Schlag in die Felge holen kann, weshalb man in Aachen auch mehr Fahrräder sehen kann, die einen Schlag im Reifen haben. Eigentlich hat jedes Rad in Aachen mindestens einen Schlag in der Felge. Man kauft sie schon so. Inzwischen muss ich zugeben, dass Aachen, an Hannover gemessen, eine Radfahrerdiaspora ist. Das liegt natürlich auch an den vielen Hügeln in und um Aachen, die ein Radfahrer ständig vor den Bauch bekommt. Da zweifeln die Stadtväter vermutlich daran, ob sie die Extremsportart Radfahren überhaupt fördern sollen.

Das Stadtgebiet von
Hannover dagegen ist flach, abgesehen vom Lindener Berg, von den Brücken über die Leine, die Ihme, den Mittellandkanal und über diverse Eisenbahnlinien und Autobahnen. Ziemlich abenteuerlich sind die Brücken über die Schnellwege im ausgedehnten Stadtwald, der Eilenriede. Manche führen in einer Art Parabel hinüber, die an ihrer steilsten Stelle gut 20 Prozent Steigung hat. Da hoch zu fahren, das ist ein bisschen wie Achterbahn. Die Kuppe ist so spitz, dass man zweifelt, ob man hoch über dem brandenden Autoverkehr überhaupt stehen kann. Auch hat man am Fuß der Parabel nicht die Gewissheit, dass sie auch eine andere Seite hat, so dass man mit leiser Sorge gen Himmel fährt. Die Erbauer dieser Kunstwerke haben vorsorglich an beiden Enden der Brücken rotweiß markierte Sperren angebracht. Daher kann man weder mit Schwung hinauffahren, noch vollstoff hinabsausen. Natürlich dient diese Vorsichtsmaßnahme auch der Sicherheit der Fußgänger.

Man hat ja schon von den wunderlichen Fällen gehört, dass sich Hund und Katze vertragen, sogar aus einem Napf fressen. So ähnlich wunderbar ist die friedliche Koexistenz der Hannöverschen Fußgänger und Radfahrer. Selbst wo sie sich den Weg teilen, geht alles gemessen, ruhig und höflich zu. Fußgänger lassen sich gelassen umkurven, Radfahrer fahren den Fußgängern kaum in die Hacken, man macht sich ohne viel Gewese Platz – ach, wäre die Welt überall so harmonisch. Ist sie aber nicht. Meine Fahrradlampe wurde gestohlen. Und ich bekam keinen neuen Fahrradsattel. Aber Lampen gab’s noch beim Discounter. Fahrradlampen gehen in Hannover nicht. Wenn der Hannoveraner eine Lampe braucht, dann klaut er eine.
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Kopfkino - Bitte geben Sie den Dingen einen Sinn

Aller innerster Sinn ist Sinn für Sinn.

Ein Zitat des Romantikers Novalis, bei Dr. Schein gelesen.

Der Gedanke, dass der Sinn aus dem Sinn für Sinn besteht, ist ziemlich verlockend. Er verlegt die Verantwortung für den Sinn ganz in den Menschen selbst. Er allein bestimmt in seiner Welt den Sinn, gibt den Dingen erst eine sinnvolle Bedeutung. Ein Romantiker wie Novalis sieht hierin vor allem die Verlockung, nämlich die abenteuerliche Grenzerweiterung des menschlichen Lebens und Erlebens. Denn nichts hindert ja den Menschen daran, den Dingen des Alltags eine eigenwillige Bedeutung zu geben, eine heiter-komische etwa oder eine geheimnisvolle.

Nüchtern betrachtet ist das Zitat ein Abgesang. Novalis macht eindeutig Schluss mit dem Sinn. Der innerste Sinn besteht aus Sinn für Sinn, - der Satz ist hermetisch. In ihm ist kein Platz für einen so genannten höheren Sinn von außen.

Mir gefällt das. Einerseits werde ich dadurch in die Verantwortung genommen, meiner Welt einen Sinn zu geben, anderseits habe ich die absolute Gestaltungsfreiheit, kann das zum Sinn erklären, was andere für Unsinn halten. Ein Freund, den ich aus den Augen verloren habe, hat zu seiner belgischen Villa wohl die längste Auffahrt Europas, vielleicht sogar der Welt. Sie reicht aus der Innenstadt von Aachen bis kurz vor Verviers in Belgien. Es handelt sich um seinen täglichen Weg zur Arbeit und zurück. Mein Freund erklärt: „Wenn ich mir sage, all die Leute in ihren Häusern entlang der langen Straße von Aachen bis zu meiner Haustür, die wohnen an meiner Auffahrt, ja, dann ist die lange Straße von Aachen bis zu mir meine Auffahrt.“ Soweit zur freien Sinngebung. Sie ist ein probates Verfahren, glücklich zu werden, ja, mein Freund schwört sogar darauf, dass sich das Leben meistens nach seinen Wünschen zu richten pflegt, weil er nämlich alles daran setzt, sich sein Leben gefügig zu machen.

Dem religiösen Menschen bietet Novalis nichts, nicht einmal Trost. Da gibt es kein höheres Wesen, keinen Sinn gebenden Gott. Es ist alles Menschenwerk, ersonnener Sinn. Warum sollten Menschen so etwas tun, sich einen eigenen Gott ersinnen, wo sie doch die Freiheit der Sinngebung haben? Warum sich künstlich schwächen und sich von einem imaginären Gott die Sinn-Regeln auferlegen zu lassen? Vermutlich hat es etwas mit Selbsterkenntnis zu tun: Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. Wenn jeder nur seiner egoistischen Natur folgt, kann kein vernünftiges Gemeinwesen entstehen. Aber unter Egoisten diese Einsicht zu verbreiten, braucht es schon eine höhere Macht, also einen Gott als eine Sorte Übervater. Den sich zu denken, das kann manchmal sinnvoll sein. Friedliche Völker brauchen ihn kaum. Wo aber die Gewaltbereitschaft hoch ist, braucht man einen starken Gott. Und wie stärkt man ihn? Indem man andere zwingt, an ihn zu glauben. Mit diesem Eigensinn entfernt man sich zwangsläufig vom gewünschten Sinn.

Manchmal ist es also besser, gar keinen Sinn zu suchen. Ein Tisch ist ein Tisch, daran ich sitzen kann und meine Suppe löffeln. Und wenn ich sitze, sitze ich, und wenn ich löffle, löffle ich. Und das hier ist ein Blogeintrag. Er hat keinen höheren Sinn als den, dass ich eben erst über Sinn nachgedacht habe.
1993 mal gelesen

Plausch mit Frau Nettesheim - CERN-Espresso bitte

trithemius & Frau NettesheimFrau Nettesheim
Die Sache mit dem Hackerangriff war ja wohl ein Aprilscherz. Das haben Sie selbst gefingert, Trithemius.

Trithemius
Bewahre. Ich kenne das Wort
„gefingert“ nicht einmal, liebe Frau
Nettesheim. Glauben Sie denn im
Ernst, ich würde meine eigenen
Texte elektronisch destabilisieren und die Kunden absichtlich
verunsichern, womöglich sogar nervös machen?

Frau Nettesheim
Und wie kommt es, dass Ihre Ausflüchte bombenfest da stehen, obwohl Ihr so genannter Internetexperte gar nichts gemacht hat?

Trithemius
Sagen Sie ja nicht solche Wörter wie „bombenfest“. Wir sind hier nicht bombenfest. Bedenken Sie, wie fragil digital verbreitete Texte sind. Sie bestehen doch quasi aus Nichts und können jederzeit ausgelöscht werden, so dass niemand auch nur eine Ahnung davon hat, dass sie einmal bestanden haben.

Frau Nettesheim
Schlechter Stil.

Trithemius
Was?

Frau Nettesheim
Zwei abhängige Nebensätze hintereinander mit der
Gliedsatzkonjunktion „dass“.

Trithemius
Ach, Sie lenken nur ab, Frau Nettesheim, weil Sie Ihre bodenlose Unterstellung nicht beweisen können. Inzwischen glaube ich, dass die beiden Texte flackern, weil unser gesamtes Raumzeitkontinuum vorübergehend ein wenig instabil war. Vermutlich ein unerwünschter Nebeneffekt der Versuche im Teilchenbeschleuniger von CERN. Aber das nehme ich gern in Kauf. Grundlagenforschung ist wichtig. Man weiß noch nicht, wozu sie gut ist, aber irgendwann profitieren wir alle von den Ergebnissen.

Frau Nettesheim
Dass nenne ich eine nassforsche Behauptung. Sie wissen nichts darüber, sondern plaudern einfach was daher. Beweisen müssen Sie nichts, denn sollte sich ein Nutzen nicht einstellen, können Sie immer noch auf eine unbekannte Zukunft verweisen.

Trithemius
Sie werden es noch erleben, Frau Nettesheim, den Segen für die Menschheit. Dank CERN werden wir bald Espressomaschinen haben, die das Wasser mit Überlichtgeschwindigkeit ins Kaffeepulver schießen, so dass Wasser- und Kaffeemoleküle in einem kleinen Urknall verschmelzen. So einen köstlichen Espresso haben Sie noch nicht getrunken. Er ist fertig, bevor Sie die Espressomaschine überhaupt angeworfen haben, und von hier bis Feuerland werden die Menschen in Jubel ausbrechen und ihre Hüte in den Himmel werfen, so sie welche haben. Natürlich sind die Prototypen groß wie Einfamilienhäuser, aber man kann ja die Zimmer in die Außenhülle einbauen, wohnt dann quasi direkt in der Espressomaschine.

Frau Nettesheim
Na dann frohe Ostern, Sie Irrer, da lobe ich mir den Handaufguss.

Trithemius
Das ist beinah so schön, wie das hier:
2008 mal gelesen

Gemein! Hacker greifen Teppichhaus Trithemius an

April-April!
8805 mal gelesen

Einfüßler, Chinesen und schon wieder Weltuntergang

Der bundesweite FUSS e.V. interessiert sich für alles, was mit Füßen zu tun hat. Im letzten Sommer beispielsweise meldete der Verein in einer Pressemitteilung einen rätselhaften Fußabdruck, der im Norden Brandenburgs entdeckt wurde:
April
Was hatte der Einfüßler wohl 1,50 Meter tief unter Brandenburg verloren, und wo kam er her? Im Sandkasten des Spielplatzes neben dem Teppichhaus muss ein ziemlich tiefes Loch sein. Ringsum sind Sand und Erde aufgeworfen, und zwar von innen herauf. Und seitdem ich das vom Fenster aus entdeckt habe, lungern hinten beim Sandkasten vier Gestalten herum. Scheinen ziemlich erschöpft, denn sie sitzen seit Stunden unentwegt auf einer Bank. Zum Glück sind es Zweibeiner. Geheuer sind sie mir trotzdem nicht, denn sie könnten ja Chinesen sein, die ein Loch durch den Globus gegraben haben. Man möge mich korrigieren, denn ich weiß nicht wirklich, welches Land auf der anderen Seite der Erde genau gegenüber Hannover-Linden Mitte liegt. Der Ozean kann’s aber nicht sein, sonst wären die Männer nass und es käme Wasser aus dem Loch. Oder nicht? Kann man gar nicht durch einen Tunnel zur anderen Seite des Globus kriechen? Bliebe man etwa in der Erdmitte stecken oder würde dort schweben, weil es keine Gravitation gibt?

Wer sich mit derartigen Fragen beschäftigt, betreibt theoretische Grundlagenforschung. Will man die Thesen und Theorien der Grundlagenforschung in der Praxis untersuchen, braucht man lange Tunnel, und das ist sehr teuer. Im CERN haben sie einen Ringtunnel von nur 27 Kilometer Länge, und der kostet schon 10 Milliarden. Und sie schießen dieser Tage auch keine Chinesen durch, sondern je zwei Protonenbündel. Die sollen in der Mitte kollidieren und kleine Schwarze Löcher erzeugen. Es geht darum, in den Zerfallsprodukten der urgewaltigen Explosionen das Higgs-Teilchen zu finden, besser bekannt als „Gottesteilchen“. Der Name ist freilich Unsinn. Selbst wenn das Higgs-Teilchen gefunden wird, kommt es nicht tatsächlich von Gott. Zum Glück nicht, denn sonst wären Wissenschaft und Glaube mit einem Knall dasselbe, eine schreckliche Vorstellung. Wie es zur irreführenden Wortprägung „Gottesteilchen“ gekommen ist, erklärt Robert Aymar, ehemaliger Generaldirektor der Europäischen Organisation für Kernforschung CERN:

„(…) das Higgs- bzw. schöpferische Teilchen. Es ist ein Name, den der Physik-Nobelpreisträger von 1988, Leon Lederman, geprägt hat. Der Amerikaner hatte ursprünglich einen ansprechenden Titel für sein Physikbuch gesucht (…) Enttäuscht darüber, dass er das Higgs-Teilchen jahrelang nicht finden konnte, hat er es als das ‘gottverdammte Teilchen’ bezeichnet. Sein Verleger fand aber, ‘Gottes-Teilchen’ wäre ansprechender.“

Sie suchen im CERN also nach einem gottverdammten Teilchen. Das sagt eigentlich alles. Übrigens muss man sich wegen eines eventuell entstehenden winzigen Schwarzen Lochs keine Sorgen machen. Die Welt geht noch nicht sofort unter, denn Schwarze Löcher sind nur mäßig gefährlich. Es gibt sie überall. Wir sind quasi umgeben davon, man muss nur in die Zeitung schauen oder das Fernsehgerät einschalten. Wer es aber nicht erwarten kann, hier die Wiederholung des Weltuntergangs in CinemaScope:

Apokalypse-mit-Musik
Fotos, Text, Animation: Trithemius
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Finstere Erlebnisse und Spaß im Dunkeln

Früher war der Gang zum Briefkasten weitgehend ungefährlich, zumindest in Hannover, glaube ich, - als der Mann noch kein Auto hatte, der mich heute überfahren wollte. Er wartete in der Einmündung der Nebenstraße auf eine Lücke im Verkehr, um in die bevorrechtigte Straße einzubiegen. Ich möchte nicht darüber streiten, ob ich eine Lücke bin oder nicht. Meiner Ansicht nach bin ich so etwas wie ein Festkörper, der sich durch den physikalischen Raum bewegt. Ich querte also die Straßeneinmündung, als der Autofahrer sein Auto nach vorn hüpfen ließ, um eine Lücke im Verkehr zu nutzen, und dann äußerst unwillig direkt an meiner linken Wade stoppte.

Da hatte ich wenig Zeit, mich zu erschrecken. Durch die Frontscheibe des Autos sah ich den Kopf des Autofahrers aufleuchten wie eine rote Glühbirne. Und seine Hände flogen vom Lenkrad in die Höhe, um mich wegzuscheuchen oder mehr noch, um eine Lücke aus mir zu machen. Seine Lippen formten irgendein Wort mit A.

Böse Zungen
würden behaupten, ich hätte dem Ballon einen Vogel gezeigt. Das werde ich abstreiten, denn Vögel bringen Ballons zum Platzen. Geplatzt ist er nämlich nicht, sondern er stieß die Tür auf und den Kopf hinterher und schrie mich an: „Guck doch, wo die Autos fahren!!!“ Da beugte ich mich über die Motorhaube, damit er mich auch gut verstehen konnte und sagte: „Wenn Sie hier einbiegen wollen, müssen Sie mich vorlassen!“ Diese Gliedsatzkonstruktion verfehlte ihre Wirkung. Der Satz war ihm zu kompliziert. Er beendete unser Gespräch abrupt und zog die Tür zu.

Auf der anderen Straßenseite ein Vater mit seinem kleinen Sohn. Beide staunten die Szenerie an. Als ich an ihnen vorbeiging, sagte der Vater: „Weiß der nicht, dass er warten muss?“
„Ach, sagte ich, „er hat keinen Führerschein.“ Das war nicht ganz korrekt, ich kann’s gar nicht wissen, denn über seinen Führerschein hatten wir uns nicht mehr unterhalten können. „Anzeigen!“, sagte der Vater, „nur so kriegt man die von der Straße.“

Uff, dachte ich, das ist der Grund, warum man die Dummbratzen und Halunken niemals alle aus dem Verkehr ziehen kann. Man müsste ja den ganzen Tag Anzeigen schreiben, und das vor allem gegen die Halunken in Kirche, Wirtschaft und Politik. - Entschuldigung, vom Thema abgekommen. Schon wird’s finster. Wie gestern, als für den Klimaschutz weltweit die Lampen ausgemacht wurden. Das las ich im Tagesspiegel. In den Leser-Kommentaren wird darüber spekuliert, ob uns die Politiker lieber im Dunkeln sähen oder daran gewöhnen wollten, dass demnächst das Licht ausgeht, weil die Länder pleite sind. essen im DunkelnEinen Vorgeschmack kann man sich hier schon holen: Essen im Dunkeln, blinde Kellner, und dann kommt ein blinder Friseur und schneidet dir über den Tellerresten die Haare. Aber der Koch ist selbstverständlich nicht nur blind; er hat Schnupfen, eine taube Zunge und beide Arme in Gips.

(Anzeige aus: Hallo Sonntag)

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Schreit euch frei, aber woanders

Wann immer ich am Hannöverschen Theater am Aegi vorbeikomme, schreien mich von einem Plakat die Scorpions an, und drei von ihnen zeigen sogar mit dem Finger auf mich. Der Grund dafür ist eigentlich keine Entschuldigung: Die aus Funk und Fernsehen bekannte Hannöversche Rockgruppe geht auf Abschiedstournee, weil ihre Mitglieder inzwischen in die Jahre gekommen sind. Vermutlich sind sie müde und auch irgendwie lustlos, denn man hat so ziemlich alles erreicht, was eine Rockband sich erträumen mag. Inzwischen wohnt man schön im Grünen, da draußen im Speckgürtel von Hannover, wo viele Millionäre sich dem luxuriösen Nichtstun hingeben.

Wurst-Scorpions

Ehrlich gesagt, habe ich die Musik der Scorpions nie gemocht. Sie zu hören, bereitet mir Unbehagen. Mir ist dann jedes Mal, als würden mir zwei frittierte Marsriegel in die Ohren gerammt, - plopp, plopp. Und du kriegst das klebrige, süße Zeug kaum wieder heraus. Will sagen, die Musik der Scorpions ist ziemlich aufdringlich, genauso aufdringlich wie ihr hoffentlich letztes Plakat.

Der für die scheußliche Bildidee des Plakats verantwortliche Fotograf hat vermutlich gesagt: "Na los, schreit euch frei! Zeigt, was ihr noch drauf habt!", und das haben die fünf eigentlich müden Männer dann getan, ohne Rücksicht auf mein ästhetisches Empfinden. Man kann solche erstarrten Posen einnehmen, darf wie Sänger Klaus Meine (Bildmitte) in die Knie gehen, als hätte man sich grad vom Topf erhoben, darf auch schreiend auf den blödsinnigen Fotografen zeigen, aber so ein Bild sollte doch besser nicht in die Öffentlichkeit gelangen. Im öffentlichen Raum gilt es Rücksicht zu nehmen. Es ist nicht schön, sich von Wildfremden anschreien zu lassen, und die ausgestreckten Zeigefinger erscheinen mir wie die entsetzliche Drohung: Gleich gibt’s wieder zwei frittierte Marsriegel in die Ohren.

Lange konnte ich mich nicht dazu überreden, das aufdringliche Plakat zu fotografieren. Noch länger dauerte hat’s gedauert, bis ich wusste, woran mich die gequälten Gesichtsgrätschen der Scorpions erinnern: an Wurst-Achim, das lauteste Lebewesen der Welt.

Wurst Achim

abgelegt unter: Zirkus des schlechten Geschmacks
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Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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