Mein surrealer Alltag (13) - Windgeist

Ich hatte Kerzen angezündet, so dass ich, als beide verloschen, im Dunkeln saß. Die Flämmchen hatten sich zuerst der Tür zugeneigt. Dann rissen sie sich los, um wild zu taumeln. Zuletzt wurden sie niedergedrückt und verrauchten. Von einem Docht stob noch ein kleiner Funke. Das alles rührte von einem deutlichen Luftzug her, als hätte jemand die Tür aufgerissen und wäre durch den Raum geeilt. Zu den Kerzen hin.

Mein surrealer Alltag

Die Hopi-Indianer, habe ich gelernt, kennen für Naturvorgänge keine Substantive, sondern nur verbale Phrasen, sagen nicht „der Regen“, sondern „es regnet“. Das entspricht der Vergänglichkeit solcher Erscheinungen wie Regen und Wind. Deshalb würde ein Hopi-Kind nicht auf die Idee kommen, zu fragen: „Was macht der Wind, wenn er nicht weht?“ In seiner Welt windet und regnet es, und dieses „es“ bleibt ungenannt. Die Substantivierung hingegen macht Wind und Regen zu Personen.

Ich möchte mir den Herrn Wind ungern denken als Kerl im wehenden Mantel, der einfach durch meine Stube eilt und mir die Kerzen auslöscht. Man stelle sich einen anhaltenden Sturmwind aus Westen vor als ein Heer solcher Gestalten. Vom Atlantik her über Belgien und die Niederlande ergießt sich das finstere Heer ins Land, sie kommen die Straße hoch, legen die Stromversorgung lahm und umzingeln dein Haus.

Einer von ihnen dringt durch die Haustür, in deine Wohnung, in dein Zimmer - und erstickt mit seinem Mantel deine einzigen Kerzen, so dass du im Finstern sitzt und dich fragst: Was, zum Teufel, soll das?
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Neues von der Bielefeld-Verschwörung

Die Bahnfahrt von Aachen nach Hannover dauert etwa vier Stunden. Gut zwei Jahre ist es her, da war mir schon die Fahrt durch Wuppertal recht lang geworden, denn obwohl der ICE den Hauptbahnhof von Wuppertal schon hinter sich und längst wieder Fahrt aufgenommen hatte, zog sich Wuppertal wie ein Kaugummi. Dann drohte auch noch der Halt in Bielefeld. Wer dort aussteigen muss, wirkt unfroh, wer eingestiegen ist, sinkt aufatmend in den Sitz. Aus purer Langweile hielt ich meine Kamera ans Fenster und filmte, wie der Zug den Bahnsteig verließ. Diesen belanglosen Film nannte ich arglos: „In Bielefeld ist das Wegfahren am Schönsten“, obwohl ich so gut wie nichts über diese Stadt wusste, nur froh war, weil der Zug wieder fuhr.



Der Film hat derzeit bei YouTube 1.797 Aufrufe und wurde eine Weile heftig kommentiert. Go2Dominik schrieb: „Auf solche Videos kann man wahrlich bei Youtube verzichten!“
Und 619freak2 meinte: „du hast doch ein schaden ich würde dier sogar abkaufen das du arbeitslosb bist und dir das handy auf pump geholt hast. aber naja nich jeder darf bielefelder sein“
Der User gibtsnochnnamen fragte: „.... gibts in deiner stadt....wo auch immer du her kommst....nur arbeitslose penner die sich n kamera handy mit schlechter quali geklaut haben und nix besseres zu tun haben als den bielefelder hbf zu filmen????...xD DUMM ODER SO???? aua tut weh sowas.... xD ... und anhand dieser kack bilder willste beurteilen obs bei uns fun oder nich git??? dumm!“

Das ist Deutsch, ohne Zweifel, aber so ein Idiom war mir bislang noch nicht untergekommen, ist vermutlich ein Ausdruck von Wut, tiefer Verletzung und geistiger Verwirrung. Eine Bemerkung von Blogfreund Frieling über die so genannte Bielefeldverschwörung brachte Licht in die Sache. Es wird allgemein angenommen, dass Bielefeld gar nicht existiert, wozu es eine Reihe von Anhaltspunkten gibt, was aber von jenen, die wahnhaft glauben, Bielefelder zu sein, energisch bestritten wird. Das erklärt, warum ich so heftig beschimpft wurde.

Inzwischen weiß ich, dass Bielefelder auch anders schreiben können. Vor einigen Wochen nämlich schrieb mir der Bielefelder Verleger und Herausgeber Günter Butkus, er habe in seinem Pendragon Verlag gerade ein Buch über die Bielefeldverschwörung herausgebracht. Es heißt "Rätselhaftes Bielefeld" und enthält Beiträge namhafter Autoren wie Wiglaf Droste, Franz Mon, Hans Zippert und Udo Lindenberg. Ex-Titanic-Chefredakteur Hans Zippert habe ich mehrfach auf dem jährlichen Titanic-Buchmessenfest getroffen und kann bestätigen, dass es ihn tatsächlich gibt. Von den anderen Autoren, die angeblich aus Bielefeld stammen, kann ich das leider nicht sagen. Ich weiß nicht einmal, ob es Günter Butkus gibt, denn sein Buch ist nicht geeignet, die Existenz Bielefelds und mithin echter Bielefelder zu beweisen. Es hebt an mit literarischen Aussagen über diese phänomenale Stadt, zusammengesucht von Dietmar Bittrich. Mark Twains ultimative Bielefeldleugnung gefällt mir am besten:

„Himmel, die Deutschen mit ihrer brutalen Sprache! Auf meiner Reise mit Doktor Seyfried gelangte ich in Städte wie Würgsburg, Chemienitz, Gestankfurt und Schrecklinghausen. Es wunderte mich kaum noch, dass er eine Stadt namens Befiehlt erwähnte. Nur das nicht, rief ich! Es mag bei Ihnen Abortmund geben und Dünster und Rostnabrück und Hangover. Aber Befiehlt? Unannehmbar für einen überzeugten Demokraten und Pazifisten. Nein, ihr Deutschen. Die Stadt Befiehlt darf es nicht geben. Wird es nicht geben. Gibt es nicht. Niemals.“

Obwohl ich Mark Twains wunderbares Werk: „Bummel durch Europa“ kreuz und quer gelesen habe, sein Bielefeldverbot habe ich nicht gefunden. Vermutlich hat Dietmar Bittrich (Das Gummibärchen Orakel) die Zitate erfunden. Den Band „Fünf Freunde in Bielefeld“ von Enid Blyton gibt es auch nicht, weil die Freunde nie aus Bielefeld zurückgekehrt sind. All die Ungereimtheiten rund um Bielefeld vermag das Buch nicht aufzuklären. Je länger man sich mit dieser Stadt beschäftigt, desto schlimmer die Verwirrung. Daran ändert auch Stephen Hawkins Erklärung nichts, Bielfeld sei „ein Objekt, dessen Gravitation so hoch ist, dass die Fluchtgeschwindigkeit für dieses Objekt höher liegt als die Lichtgeschwindigkeit.“ Denn immerhin habe ich aus Bielefeld wegfahren können und würde es jederzeit wieder tun.

Günter Butkus (Hrsg): Rätselhaftes Bielefeld. Die Verschwörung,
Bielefeld 2010, ISBN 978-3-86532-188-6


Rätselhaftes Bielefeld

Nachschrift: Nicht verschwunden sind meine beiden Zeichnungen von Bielefeld. Sie haben sich vielmehr nie in diesem Buch befunden, weil Herausgeber Butkus sie zu spät entdeckt hat. Geheimnis der Quantenphysik.
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Youtube sperrt Hitlerparodien - hier noch zu sehen

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De populaire videowebsite Youtube is begonnen met het verwijderen van alle filmpjes met fragmenten uit de film Der Untergang. Ook de tientallen parodieën op één van de sleutelscènes uit de film zijn niet langer te bekijken.
(Quelle: Het Nieuwsblatt.be)


Die Parodien aus dem Film "Der Untergang" sind englisch untertitelt, worin etwa Hitler wütet, dass die Band Oasis auseinandergeht ("This is a fucking Joke!") oder weil sein iPod Touch keine Kamerafunktion hat. Der Radiosender Studio Brussel zeigt die Paraodien noch auf seiner Homepage, aber man müsse rasch gucken, bevor YouTube sie stoppe, sagte soeben der Moderator Sam De Bruyn.
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"Die Firewall Gottes" oder die Asche des Bösen?

Je absurder eine Gesellschaft, desto absurder sind auch ihre Krisen. Ein isländischer Vulkan bricht aus, und was er ausbricht, ist bei uns zwar nur im Abendrot zu sehen, verursacht aber ein unglaubliches Durcheinander in ganz Europa. Jetzt erweist sich, was ich mir vorher nie klar gemacht habe, dass nämlich ein Gutteil der so genannten Erdbewohner sich normalerweise ständig in der Luft befindet. Natürlich wechseln sich die Akteure ab, aber zu jeder Sekunde ist die Erde um ein paar Millionen Menschen leichter als man denkt. Und diese Millionen hocken jetzt zusätzlich auf der Erde rum und beschweren sich. Wenn das mal keine Erdbeben verursacht.

Vorsorglich hat sich der isländische Erste Vulkanminister Ólafur Ragnar Grímsson schon bei BILD für die „Asche“ entschuldigt, was nebenher die Frage aufwirft, wieso sich Frau Merkel nicht für den langen, harten Winter bei uns entschuldigt hat. (Immerhin wurde Kachelmann verhaftet.)

Flughafen Hannover

Man kennt es aus Katastrophenfilmen. Seltsame Dinge geschehen, ein Wissenschaftler kommt ihnen auf die Spur und warnt eindringlich vor einem drohenden Desaster, aber die Verantwortlichen ignorieren ihn. Das sind quälerische Minuten für den Zuschauer, so dass er froh ist, wenn es endlich zur erwarteten Katastrophe kommt. Dann sagt irgendein Politiker noch: „Was, zum Teufel, soll das?!“, und schon wird ihm von einem Außerirdischen oder einer Killerkakerlake der Kopf abgebissen, ersatzweise trägt ihn eine Monsterflutwelle davon.

Solche Filme haben unsere Politiker natürlich auch schon gesehen und gelernt, dass man auf Wissenschaftlerwarnungen immer hören muss. Daher ließen sie im Jahr 2005 beinah das gesamte Federvieh keulen, weil Wissenschaftler vor der Vogelgrippe gewarnt hatten, verschliefen 2008 die aufkommende Finanzkrise, weil die Experten abwiegelten, haben anno 2009 für ungezählte Millionen Impfstoffe gegen Schweinegrippe eingekauft, weil Wissenschaftler von einer Pandemie schwadronierten, und jetzt haben unsere Politiker den Luftverkehr in halb Europa lahm gelegt, weil Wissenschaftler Flugzeugabstürze vorausgesagt haben, ohne über sichere Daten zu verfügen.

Hier trotzdem Vorsicht walten zu lassen, wäre für sich genommen eine logische Entscheidung. Doch allein in Deutschland sterben jährlich etwa 4000 Menschen im Straßenverkehr, ohne dass der Verkehrsminister je auf die Idee gekommen wäre, vorsorglich alle Straßen zu sperren. Der Wert eines Menschenlebens hängt also davon ab, mit welchem Verkehrsmittel er unterwegs ist. Rational kann man das nicht nennen. All das sind deutliche Kennzeichen von Hysterie, und wenn auch der Einzelne nicht hysterisch sein muss, die Medien-Gesellschaft ist es.
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Volontär Schmocks unterhaltsames Magazin (1)

EDITORIAL

Liebe Kundinnen und Kunden des Teppichhauses,

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Diese uralte Kalenderweisheit musste auch Teppichhaus-Volontär Hanno P. Schmock am eigenen Leib erfahren, als ich ihn aus purer Laune dazu zwang, ein neues Internet-Magazin als Gif-Grafik zu konzipieren. Das Magazin sollte unterhaltsam, lehrreich und typografisch ansprechend sein, Überraschendes bieten und die besonderen Lesegewohnheiten des Internetnutzers berücksichtigen. Schmock hätte lieber in der Teppichhausfiliale staubgesaugt, als so eine schwierige Aufgabe zu übernehmen. Aber die Sorge um den Arbeitsplatz trieb ihn an, zähneknirschend schlug er sich Nachtstunden um die Ohren und präsentierte heute das Ergebnis. Schauen und urteilen Sie selbst, erleben Sie die Weltpremiere des ersten unterhaltsamen Schmock-Magazins im Internet.

Viel Vergnügen,
Ihr
Trithemius

Schmocks-Magazin-1
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Teppichhaus Musiktipp - Kate Nash; Do Wah Doo

Schönes Wochenende

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Ende der Freiheit? Oder: Wer mir den freien Willen bestreitet, hat selber keinen

Da war eine Jazzband auf der Bühne im Lichthof der hannöverschen Leibnizuniversität. Fünf reifere Herren und eine Frau spielten populäre Stücke nach, aber nicht im Originaltempo, sondern langsamer als der Schall. An der Trommel saß ziemlich lustlos ein junger Mann. Er hatte viel Zeit zwischen den einzelnen Schlägen. Leider sah ich ihn nur verdeckt, aber ich vermute, er löste nebenher ein Kreuzworträtsel. Seine älteren Kollegen dagegen hatten Spaß an der Sache und wippten sogar im Rhythmus. Er war auch für Herzschrittmacher ungefährlich und somit gut gewählt.

Denn das Publikum war überwiegend betagt und sehr gut situiert. Gebildete Männer mit Frau sowie umgekehrt und als Duett. Hie und da saßen Studierende, aber sie waren in der Minderzahl. Das Thema der Podiumsdiskussion scheint junge Leute kaum zu interessieren, es lautete: „Ende der Freiheit?“ Dabei ging es um die Befunde der Hirnforschung, dass der Mensch nicht wirklich über einen freien Willen verfüge, und um die Frage, wie sich diese "Erkenntnis" auf die Rechtsordnung und auf unsere Vorstellung von Strafe auswirke.

Vielleicht waren
einige Zuhörer gekommen, um sich vom freien Willen freisprechen zu lassen, weil sie beispielsweise Schwarzgeld in der Schweiz gebunkert haben. Sie könnten dann sagen: „Was kann ich dafür, wenn meine mir leider unbewussten neuronalen Prozesse mich dazu gebracht haben, mein Geld in die Schweiz zu bringen?“ Andere waren da, die sich den freien Willen nicht nehmen lassen wollen, zumindest nicht von Hirnforschern, die sich selbst den freien Willen absprechen.

Podiumsdiskussion

Ich hätte gedacht, das Thema ist längst durch, aber da tönte der Rechtswissenschaftler Reinhard Merkel (rechts im Bild) vollmundig vom Podium herab: „Wir haben ein ernstes Rechtsproblem, und wer das nicht auch so sieht, muss seinen Standpunkt ändern!“ Ein Mikrophon ist eine feine Sache. Es heiligt auch den übelsten rhetorischen Trick, denn was laut durch den Saal tönt und machtvoll in alle Ohren dringt, kann es denn falsch sein? Dürfte der Mann überhaupt ans Mikro, wenn er nichts zu sagen hätte? Manchmal schon, das muss man sich vor Augen halten, wenn der akustische Filter von einem Lautsprecher übertönt wird.

Haben wir tatsächlich ein ernstes Rechtsproblem? Was hat die Hirnforschung herausgefunden? Millisekunden bevor ein Mensch in ein Mikrophon spricht, wurde das unbewusst schon geplant. Der Sprecher glaubt nur, er habe sich entschieden, etwas Wichtiges zu sagen. In Wahrheit sind tief verborgen in seinem Hirn unbewusste neuronale Prozesse abgelaufen und haben ihn dann zum Großsprecher gemacht, bevor er überhaupt dachte: „Alle sollen hören, wie toll ich bin!“ Und wenn jetzt seine neuronale Verdrahtung so beschaffen ist, dass er gar nicht so Wichtiges spricht, wie er glaubt, ja, dann kommt immer nur eitler Quatsch heraus. Da kann er wollen wie er will. Denn eigentlich ist er nur das willenlose Opfer seiner speziellen neuronalen Verdrahtung. Soweit die Ergebnisse der Hirnforschung.

Hat sie wirklich etwas Neues erbracht? Was haben wir denn geglaubt, bevor die Hirnforschung mit ihren Befunden anrückte? Dachten wir, der freie Wille sitzt nicht im Kopf, sondern vielleicht im Bauch? Da wird verdaut und gefühlt, aber nicht logisch gedacht. Oder dachten wir, unser wollendes Ich befindet sich gar nicht in unserem Körper, sondern wäre ein Geist ohne Materie, der wie ein Nimbus über uns schwebt? Wie soll ein solcher Geist denken und womit? Information braucht doch ein Medium, damit sie fließen kann.

Der freie Wille muss also im Netzwerk unseres Gehirns entstehen. Damit das geht, müssen im Netzwerk neuronale Schaltprozesse ablaufen, und zwar rasch, damit der Mensch auch auf plötzliche Einflüsse angemessen reagieren kann. Diese Entscheidungen werden erst auf höherer Ebene in Sprache übersetzt, so dass wir die Dinge im Nachhinein denken und erfassen können. Es war nie anders, - für diese Erkenntnis ist nicht einmal moderne Hirnforschung nötig. Wenn also von dieser Tatsache hergeleitet wird, wir hätten keinen freien Willen, dann braucht es uns nicht anzufechten, weil es eine systeminhärente Schwäche des Gehirns ist, die sich nicht umgehen lässt. Doch der Mensch agiert und reagiert eben nicht allein tierhaft. Er hat im Laufe der Evolution die Idee von der Verantwortlichkeit des Handelns entwickelt. Diese Verantwortung liegt bei allen geistig gesunden Menschen vor, denn kybernetisch betrachtet, ist das menschliche Gehirn ein Rückkopplungssystem. Ein solches System reagiert auf neu eintreffende Informationen und passt seine Struktur daran an; es ist lernfähig. Wenn ich also beim ersten, impulsiven Handlungsakt willenlos bin, dann nicht unbedingt beim zweiten. Wenn ich einmal aus einem Impuls heraus einen Rechtswissenschaftler geschmäht habe, muss ich es nicht ein zweites Mal tun, denn etwas anderes in mir hat die Oberhand gewonnen und gesagt: Jetzt lass den, der ist ja auch nur ein Mensch. Was da Oberhand gewonnen hat, war soziale Kontrolle. Sie existiert im Netzwerk der Mitmenschen, und wir haben Anteil daran, bemühen uns, vernünftigen sozialen Regeln zu entsprechen, atavistische Neigungen hingegen zu kontrollieren. Darum können wir uns auch gegenseitig verantwortlich machen für das Schlechte oder Gute, das wir einander antun.

Ein interessantes Phänomen ließ sich auf dem Podium beobachten. Als der alerte Diskussionsleiter Hoyningen-Huene, Professor für Philosophie, das Podium vorstellte, die Philosophin Bettina Walde, den Philosophen Ulrich Pothast und den schon genannten Herrn Merkel, da fehlte noch der Hirnforscher Gerald Hüther. Wie er dann verspätet eintraf, hatten die vier anderen sich schon so am Podium breit gemacht, dass er nur halbschräg auf der Ecke sitzen konnte. Das wiederum schwächte seine Position, so dass er während der gesamten Diskussion nicht richtig ins Gespräch kam und sogar fälschlich für die radikalen Leugner des freien Willens, (seine nicht anwesenden Fachkollegen Roth und Singer), in die Verantwortung genommen wurde. Die vier haben ihr unkollegiales Interagieren gar nicht bemerkt. Das hätte den Außenblick erfordert und eine Reflexion dieses gruppendynamischen Prozesses. Hier zeigte sich, dass der freie Wille zum Zwecke des sozialen Handelns erst aufgerufen werden muss, weil er sich nicht von selbst einstellt.

Abschließend wäre noch zu sagen, dass die Jazzband nicht schlecht gespielt hat. Aber auch nicht gut, sondern irgendwas dazwischen, was man hören kann, aber nicht muss. Wirklich nicht.
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Abendbummel - Der Bauch im Frühling

Es war schön heute im ergrünenden hannöverschen Stadtwald, der Eilenriede, und es wird wieder eifrig Sport gemacht. Noch überwiegen die Hageren, die Durchtrainierten, solche, die schon im Leibchen gelaufen sind, derweil es im Schatten noch kalt war. Sie haben den langen Winter über streng asketisch gelebt, sind nicht dagesessen, wenn sie haben stehen können, sind nicht gestanden, wenn Platz zum Gehen war, sind nicht gegangen, wenn es eine Möglichkeit gab zu laufen. Treppen zum Beispiel. Den Fahrstuhl haben sie selbstverständlich nie benutzt. Vielleicht haben sie auch ein Laufband im Hobbykeller. Solche Körperfetischisten sind derzeit im Wald schon unterwegs. Von Dickbäuchigen ist noch wenig zu sehen, was nur scheinbar ein Widerspruch ist.

Dickbäuchige kommen offenbar langsam aus dem Pudding. Den Vorsatz abzunehmen haben sie aber schon längst gefasst, weil die Hosenbünde zu eng geworden sind. Aber das Bauchgefühl sagt ihnen, dass die Zeit noch nicht reif ist. So ein Bauch ist mächtig, und je fülliger er ist, desto größer ist seine Macht. Will einer laufen, um den Bauch abzutrainieren, hält der Bauch ihn zurück. Er macht sich einfach schwer, so dass schon das Aufstehen mühsam wird. Und natürlich knurrt er beständig und ruft nach Atzung. Dem zu widerstehen, ist wirklich nicht einfach. Von außen hört sich das Bauchknurren eher unerfreulich an, weil Rumoren und Knurren eben keine schöne Melodie macht. Der inwendige Ruf des Bauches nach Essen scheint hingegen verlockender zu sein als der Gesang der Sirenen, vor dem sich schon Odysseus die Ohren verstopfen musste.

Ich sah einen Mann mit hellblauem Pullover kräftig ausschreiten und dachte, er hätte einen schlappenden Schuh. Doch als er näher kam, erkannte ich meinen Irrtum. Immer wenn er mit Links auftrat, klatschte der Mann mit der flachen Hand auf seinen Bauch. Plötzlich hörte er auf und pulte ausführlich im Ohr, holte etwas heraus und betrachtete es. Für einen Augenblick schien es, als würde er mit dem Krümel sprechen. Dann aber ließ er ihn achtlos auf den lichten Waldweg fallen. Ich weiß nicht, ob es sich beim Bauchklatschen und Ohrpulen um ein Ritual handelt, aber so etwas habe ich zuvor noch niemals gesehen. Wer freilich liebevoll seinen Bauch beklatscht, ist gegen übertriebene sportliche Kasteiung gefeit. Ein liebevoll geklatschter Bauch darf so füllig sein wie er will, nur dann ist er ein guter Resonanzkörper.

Teppichhaus Musiktipp: White Rabbits "Percussion Gun"
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Danke.
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