Schlangenlinien auf der Gegenspur

Am Sonntag bin ich mit dem Fahrrad mitten auf der Straße gefahren und bei Rot über die Ampel, unter den Augen der hannöverschen Polizei. Anschließend, weil’s so schön war: Schlangenlinien auf der Gegenspur, und zwar ungefähr da, wo sie Frau Käßmann aus dem Phaeton gezerrt haben. Die Polizei ließ mich gewähren, nicht etwa, weil ich keine Bischöfin bin und man mich aus meinem Fahrrad nicht herauszerren könnte, sondern weil in Hannover autofreier Sonntag war – mit Spektakel in der gesamten Innenstadt und rundum. Plötzlich schien es, als wären fast alle Hannoveraner Bummler, Radfahrer oder Mitglieder von Vereinigungen, die nichts Besseres zu tun haben, als Stände mit alternativen Fortbewegungs- und Energiekonzepten zu errichten, Kunstrad zu fahren, um aufgestellte Hütchen zu skaten oder auf Stelzen zu laufen.

Anders die manischen Autofahrer, die in den Außenbezirken auf die Aufhebung der Sperrungen gewartet haben, um endlich wieder in die Innenstadt zu brausen und dem Wahnsinn zu frönen, den man Autoverkehr nennt.

Gewiss war am Abend der Teufel los auf den Straßen Hannovers, denn der Triebstau der Autofahrer wird gewaltig gewesen sein. Endlich mal wieder jemand totfahren können, wenigstens ein bisschen verletzten, erschrecken, anmaulen, anhupen oder immerhin das Autofahrermantra „Arschloch!“ murmeln. Natürlich haben Autofahrer auch Rechte. Aber sie werden nicht gern hören, was am Sonntag allenthalben gedacht wurde, als sie nicht da waren, wie wunderschön nämlich die Welt wäre, wenn der Mensch nicht zwanghaft Autofahren müsste. Dieser unbändige Zwang hat wahrscheinlich etwas mit frühkindlicher Konditionierung zu tun, beispielsweise durch Bobbycars, auf die man seit Jahrzehnten unschuldige Kinder setzt, damit sie lernen, dass nur der Mensch mit vier lärmenden Rädern unterm Arsch ein angesehenes und vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist.

Rund 4000 Verkehrstote jährlich sind keine Kleinigkeit. Wir müssten mindestens eine Kompanie Selbstmordattentäter ins Land holen, um das zu toppen. Aber warum ausländische Arbeitskräfte für eine Sache anwerben, die wir selber viel besser können, zumal ein paar verstreute Sprengsätze zwar saftige Kollateralschäden anrichten, aber nicht geeignet sind, eine Dunstglocke aus Abgasen über die Stadt zu stülpen. Bei ausgedehnten Wanderungen oder Radtouren durch den Wald bekomme ich häufig Kopfschmerzen. Da sind einfach nicht genug Abgase in der Luft, weshalb Selbstmordattentäter für mich keine Alternative sind. ADAC-Mitglieder sind zuverlässiger. Das ist noch gute deutsche Wertarbeit. Und so gesehen, bin ich doch ziemlich froh, dass der autofreie Quatsch nur einmal im Jahr stattfindet.
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Philosophie mit vier Brötchen

Philosophie-mit-Brötchen
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Jedermann sein eigner Zeigestock

Mein Mitschüler Paul, ein unruhiger Bauernsohn, immer von einem leisen Misthauch umweht, wird nicht viel aus der Schule mitgenommen haben, außer der Dresche, die er tagtäglich von Hauptlehrer Schmitz bekam. Pro Halbjahr zerschlug Schmitz einen Zeigestock, überwiegend auf Paul. Allerdings zielte der Lehrer nicht, schlug mehr ins Ungefähre, so dass auch Pauls Nachbarn sich unter dem Zeigestock ducken mussten. Wer als erster mit dem neuen Stock geschlagen wurde, gab ihm ungefragt seinen Namen. In den drei Jahren, die ich unter der Fuchtel von Hauptlehrer Schmitz verbrachte, nannte er jeden neuen Stock „Onkel Paul“. Der arme Paul wurde also von sich selbst geschlagen, und traf der Stock mal mich oder einen anderen, dann war’s wieder Paul, der uns wehtat. Er war dann auch gemieden und ist immer etwas kümmerlich geblieben.

Drei Schuljahre saßen bei Schmitz in der Oberklasse. Wer ein bisschen geschickt war, lernte schon im sechsten Schuljahr alles, was der Hauptlehrer in seinen wiederkehrenden Vorträgen zu bieten hatte. Man brauchte während der Stillarbeit nur mit einem Ohr zuzuhören, was Schmitz dem siebten oder achten Schuljahr beibrachte. Aber Paul konnte sich einfach nichts merken. Nur eines hatte sich bei ihm festgesetzt, dass nämlich die Fliege Facettenaugen hat. Tatsächlich hatte er aber nur das Wort Facettenaugen behalten, denn wenn er wiedergeben sollte, was der Lehrer im Naturkundeunterricht ins Heft diktiert hatte, glänzte Paul mit Facettenaugen. „Der Storch hat Facettenaugen“, sagte Paul, die Katze hatte auch welche, selbst der Hase verfügte darüber. Nichts davon wurde je richtig gestellt, denn wenn Schmitz einen Schüler abhörte, saß er mit geschlossenen Augen am Pult, und nur ein leichtes Fingertrommeln verriet, dass er nicht schlief. Das Fingertrommeln jedoch hatte Zeichencharakter, denn solange Schmitz trommelte, musste man reden. Allein auf den flüssigen Vortrag kam es an. Wenn Schmitz dann zum Notenbuch griff und sein kryptisches Urteil hineinschrieb, durfte man sich setzen.

Einmal schlug Schmitz mich aus nichtigem Anlass derart heftig, dass ihm die Uhr vom Arm flog. „Man merkt, dass dir der Vater fehlt!“, giftete er, nachdem er sich an mir abreagiert hatte. Ja, mein Vater fehlte mir, nachdem er plötzlich gestorben war, aber nicht als Prügelmeister. Anschließend durfte ich drei Tage nicht in den Klassenraum, musste im Flur vor der Tür stehen. Außer der Einsicht, dass Willkür und Niedertracht ein schulamtlich verliehenes Privileg war, habe ich nichts Wesentliches bei Schmitz gelernt. Im Gegenteil, er brachte mir bei, das Rechnen zu hassen, denn wenn er übler Laune war, hagelte es Kettenaufgaben als Kollektivstrafe für ein winziges Vergehen. An denen saß man den ganzen schönen Nachmittag. Eigentlich habe ich das meiste außerhalb der Schule gelernt, durch eigene Anschauung und unbotmäßiges Lesen. „Der liest ja soviel!“, sagte Schmitz meiner Mutter, und das war ein Vorwurf.

Tatsächlich las ich nicht nur aus Neugier, sondern auch, um einer Autorität widersprechen zu können, die sich als Hohlkopf entlarvt hatte. Daher rührt mein Zweifel an allen Autoritäten. Damit bin ich immer gut gefahren. Durch glückliche Umstände habe ich nicht mehr Schule erlebt, als ich ertragen konnte. Schon bald war die Setzerei meine Universität, und als ich später studierte, war ich rasch enttäuscht von dem, was mir die ausgewiesene Universität zu bieten hatte. Will sagen, ein wacher Mensch braucht nicht viel Schule, ja, es ist beinah besser, um alle Schulmeister und Universitätslehrer einen großen Bogen zu machen, die sich nicht als kritische Köpfe zu profilieren wissen. Wenn wir die derzeitige desolate Situation im Bildungswesen beklagen, dann sollten wir nicht vergessen, dass nur die Eigentätigkeit des Menschen im Stande ist, ihn zu bilden. Alles andere ist Dressur. Man kann an deutschen Gymnasien mit einer 1,0 aus einer Abiturprüfung gehen, ohne einen einzigen eigenen Gedanken geäußert zu haben.

Derzeit lese ich Ivan Illichs radikale Schulkritik: "Entschulung der Gesellschaft". Es ist ein Werk, das ich jedem empfehle. Illich zeigt, wie Schulen und Universitäten die Unbildung produzieren, wie Schule junge Menschen schon früh in Klassen einteilt und jene aus den unteren Schichten daran hindert, das Selbstwertgefühl zu entwickeln, das erst die Voraussetzung von Lernen und Bildung ist. Illich propagiert das Lernen nach Neigung, das sich am besten in Netzwerken organisieren lässt. Er hat, als er "Entschulung der Gesellschaft" schrieb, noch nichts vom Internet wissen können. Hier lassen sich seine Ideen auf nahezu wunderbare Weise verwirklichen, wenn wir nämlich die Netzwerke des Internets als Chance begreifen, voneinander zu lernen und so unseren geistigen Horizont zu erweitern. Diesem Gedanken ist auch die Idee der offenen Bloguniversität verpflichtet.
Aufruf zu einem Experiment - Freitag, 28. Mai 2010

Ich würde mich freuen, wenn sich hier in nächster Zeit Diskussionen entwickeln zu den unterschiedlichsten Themen, die wir besprechen als Gleiche unter Gleichen. Den Anfang werde ich am Freitag, dem 28. Mai 2010 machen. Das erste Thema soll Ivan Illichs Streitschrift "Entschulung der Gesellschaft" sein. Wer mitmachen will, sollte das Buch vorab lesen. Wenn das Experiment der "Freitagsdiskussion" erfolgreich ist, werde ich sie fest im Teppichaus einrichten. Sie wird dann jedesmal bis zum darauffolgenden Sonntag gehen.

Wir vertrauen nicht der politischen Kaste, wir lassen uns nichts vordenken durch Institutionen und Medien, wir bilden uns.
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Zum Gedenken an Shaveskin

Noch heute habe ich seine leise, heisere Stimme im Ohr. Wir hatten uns zu sechst auf der Terrasse vor Jennes Mühle versammelt, und mit der Dämmerung zog es aus dem Bächlein unten kalt und feucht herauf. Ein Grill stob mit seinen Funken dagegen an. Eine Weile saßen wir nebeneinander und sprachen kaum. Zu fremd schienen unsere Lebenswelten.

Ich war ein wenig enttäuscht gewesen, als wir bei Jennes Mühle in Mücheln eintrafen. Er hatte schon im Jahr zuvor elf untereinander befreundete Bloggerinnen und Blogger eingeladen, aber kurz vor dem Treffen hatten die meisten dann abgesagt. Und jetzt saß da zum Ausgleich ein ernster, düsterer Mann, der sich im Internet Shaveskin nannte, durch eine dunkle Brille schaute, tätowiert war bis zum Hemdkragen hinaus, die Ohrläppchen mit schwarzen Schmucksteinen geweitet, - und wir hatten uns nichts zu sagen. Wir waren uns auf der Blogplattform nie begegnet und wussten nichts voneinander. Für ihn war ich vermutlich ein arroganter Wessi, verwöhnt vom Überfluss des kapitalistischen Westens, kaum angefächelt von den Härten des Lebens.

Meine Vorbehalte gegen Shaveskin hatten aber gar nichts mit Ost-West-Befremdung zu tun. Für mich, das muss ich gestehen, hat das Tätowieren, Durchbohren und Beringen etwas von Sklavenart. Im Leben habe ich noch keinen Ring getragen, denn er ist ja nur das Glied einer Kette. Warum sollte ich mich ohne Not ketten, kennzeichnen oder brandmarken lassen? Und nun saß da ein Mann, der sich nach meinem Verständnis selbst versklavt und geschunden hatte. Das hinderte mich zunächst daran, mit ihm warm zu werden, wie man im Rheinland sagt. Irgendwann jedoch, als wir gegessen hatten und die Kohlen im Grill nur noch glimmten, beim Licht der Kerzen auf dem Tisch, da kamen wir uns näher. Er sprach leise über seine Jugend in der DDR. An eines erinnere ich mich: Manchmal habe er Angela Merkel an der Straßenbahnhaltestelle gesehen, und wenn er sie angeschaut, errötete sie augenblicklich. Merkel sei überhaupt als Jugendliche ein verhuschtes Ding gewesen.

Am nächsten Tag schon reiste er ab. Seinen stacheligen Bart habe ich noch gespürt, als wir uns zum Abschied umarmten, denn es wird sich ja heutzutage meistens umarmt. Kaum kennt man sich, schon ist Umarmen angesagt. Diese Umarmung aber, so fremd mir dieser Mann war und blieb, an die erinnere ich mich gern. Der Blogger Shaveskin hat im realen Leben Dieter Bernhardt geheißen. Die Berliner Zeitungen bezeichnen ihn als Mieter-Aktivist. In seinem Kreuzberger Fanny-Hensel-Kiez organsierte er den Widerstand gegen drastische Mieterhöhungen. Es betrifft 28.000 Wohnungen, für die es von der Stadt Berlin keine Anschlussförderung mehr gibt.

In der Nacht zum 2. Mai 2010 hat sich Dieter Bernhardt das Leben genommen. In seinem Abschiedsbrief nennt er als Grund die für ihn unerträgliche soziale Kälte. Er habe es nicht mehr ausgehalten, mit welcher Gefühlskälte und Gleichgültigkeit der Berliner Senat auf die existentiellen Sorgen der von horrenden Mieterhöhungen betroffenen Mieter reagiert, „die vom Verlust ihrer Wohnungen und ihres Lebensumfelds bedroht sind.“

Wir haben uns daran gewöhnt, dass täglich über Milliarden geredet wird, Schulden, die der Staat macht, um seine neoliberale und ungerechte Politik zu kaschieren. Gegen die realen Auswirkungen der Ausplünderung unserer Gesellschaft hat Dieter Bernhardt gekämpft und verloren. Die Lumpen mögen Champagner saufen, einem wie Shaveskin können sie nicht das Wasser reichen.

Pressespiegel:

Berliner Kurier. Berliner Mieter trauern um ihren Vorkämpfer
Berliner Zeitung. "Ich habe keine Kraft mehr"
Tagesspiegel. Mieteraktivist nahm sich das Leben
Radio Utopia. Arm und tot. Zum Selbstmord von Dieter Bernhardt
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Abendbummel - Kalte Hände und frische Banknoten

Draußen warten die Eisheiligen, heute Eyjafjallajökull, morgen tritt Mamertus hinzu, übermorgen herrscht Pankratius, am 13. Mai Servatius, gefolgt von Bonifatius und der kalten Sophie. Ich musste Geld aus dem Automaten ziehen. Es war frisch gedruckt. Gegen besseres Wissen trug ich es in den Supermarkt auf der anderen Straßenseite. Hier war mir schon mehrmals eine schlechte Stimmung unter den Angestellten aufgefallen.

Auch heute wurde wieder gestritten, als ich in der Kassenschlange stand. Zwei Kassiererinnen, Rücken an Rücken, sprachen über die Schulter hinweg von Mobbing unter den Kollegen. Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, als dieser Supermarkt zu einer anderen Kette gehörte. Da trugen die Kassiererinnen Kittel mit der Aufschrift: „Wir werden Sie begeistern.“ Mir haben sie damals Leid getan, denn der Slogan war eine höhnische Etikettierung; sie wurde von den realen Arbeitsverhältnissen und Verhaltensweisen Lügen gestraft, wenn zu Stoßzeiten die Kassenschlangen herandrängten.

Herzfehler
Die Bediensteten der Supermärkte müssen nicht begeistern. Man muss mir die jüngsten Sonderangebote nicht besingen oder eurythmisch vortanzen. Ich will auch nicht von den Angeboten in den Wahnsinn getrieben werden. Geniale Kunstwerke in der Metzgerei-Bedientheke - bitte nicht. Mir reicht es, wenn ich bedient werde von Menschen, die ausgeglichen wirken und gelegentlich Freude an ihrer Arbeit zeigen. Das lässt sich nicht durch Kittelaufschriften verordnen, sondern liegt allein am Betriebsklima. Und das wiederum hängt von menschlichen Arbeitsbedingungen ab.

Für das Management vieler Großunternehmen sind menschliche Arbeitsbedingungen keine rechnerische Größe, weil sie ihre Arbeitnehmer primär als Kostenfaktor sehen. Das ist die logische Konsequenz einer politisch gewollten gesellschaftlichen Entwicklung. Wenn man sie nicht mehr durch alberne Kittelaufschriften zu kaschieren versucht, wenn man zulässt, dass die Kunden sich vernachlässigt fühlen, weil ihnen sogar die letzte Zuwendung, der Gruß, verweigert wird, dann wird greifbar, dass die wahren Eisheiligen im Berliner Regierungsviertel und in den Vorstandsetagen sitzen, und das über den 15. Mai hinaus. Dafür bekommen wir aber nach der ruinösen Eurostabiliserung immer öfter frisch gedrucktes Geld.

Guten Abend.
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Die Handschrift hat Schwindsucht

Stuk01

Manchmal, wenn ich mich mit einem Stift in der Hand erwische, frage ich mich: Was, zum Teufel, tue ich da? Dann ist mir das Schreiben mit der Hand ganz fremd. Die Auseinandersetzung zwischen Ausdrucks- und Formwillen, Beschreibstoff und Schreibgerät kommt mir anachronistisch vor, gehört in die Vorzeit des Computers.

Der niederländische Kabarettist, Autor und Sänger Wim de Bie veröffentlichte schon in den 80ern in einer Tageszeitung eine Glosse, worin er das Schreiben mit dem Computer ironisch lobte. Der Text ist mit der Hand geschrieben, weil der Computer des Autors kaputtgegangen war. Und was stellt Wim de Bie fest? Seine regelmäßige, geläufige, männliche Handschrift, mit der er früher manches Mädchen zu betören wusste, ist verschwunden.


Stuk2
Das ist der Preis für die wundersame neue Schreibtechnik. Aber die Vorteile überwiegen. Umberto Eco hat bereits in den 80ern den Computer als „spirituelle Maschine“ gefeiert, weil man mit ihm fast so schnell schreiben wie denken könne. Er hat sich vertan. Mancher Tastenvirtuose kann sogar viel schneller schreiben als denken.

Handschrift dagegen hinkt dem Denken hinterher. Aber das wirkt sich auf die sprachliche Form aus. Mit der Hand zu schreiben, zwingt zu einer gedanklichen Durchdringung, zumal jede Korrektur mit Aufwand verbunden ist. Daher ist ein handschriftlicher Text näher am Schreiber, man spürt ihn als Leser fast noch. Diese Zeilen hier wurden beim Schreiben ständig korrigiert. Manches wurde spurlos getilgt, anderes ebenso spurlos an eine andere Stelle verschoben. Das Ergebnis ist ein künstliches Produkt und auf bedauerliche Weise steril. Und das liegt eben nicht nur daran, dass mein Text sich dem Leser in 12 p Verdana präsentiert.

Eine schöne Handschrift will geübt sein. Die Voraussetzungen dafür werden in der Grundschule gelegt. Deutsche Schulkinder haben jahrzehntelang nach hässlichen Schriftvorlagen lernen müssen, und viele haben sich dabei eine ministeramtlich verordnet Sauklaue zugezogen. Hier ist ein Änderungsbedarf. Der bundesweite Grundschulverband hat in seinem Maiheft von Grundschule aktuell das Problem der Ausgangsschriften für Grundschüler thematisiert und dabei eine beachtliche Kehrtwende vollzogen, denn seit den 70ern hatte man die missratene Vereinfachte Ausgangsschrift propagiert. Das Heft enthält unter anderem eine überarbeitete und erweiterte Version meines Blogbeitrags „Einiges über Handschrift“. Die neue Fassung ist hier vorab als PDF zu bekommen.

Der Grundschulverband schlägt vor, keine Ausgangsschrift mehr zu lehren, sondern nur noch eine Grundschrift, die von den Kindern individuell abgewandelt werden soll. Ich halte das für einen genialen Befreiungsschlag. Mein Künstlerfreund Rudolf hat mich letztens einen Verräter gescholten, holte Notizbücher hervor, um mir die Schönheit der Lateinischen Ausgangsschrift zu beweisen. Es war aber seine Schrift, die vom Formwillen durchdrungene Handschrift eines Künstlers. Man kann sie nicht als Maßstab nehmen. Die meisten Adaptionen der gängigen Ausgangsschriften sind weit davon entfernt auch nur geläufig zu wirken. Wie soll sich auch eine Kinderschrift ästhetisch entwickeln können, wenn überkommene barocke Formen gelehrt werden und zudem kaum noch Zeit für die Vermittlung mehr ist?

Stattdessen müssen sich Kinder schon im zarten Alter mit einer Unzahl von Dingen beschäftigen, die nicht zu ihrer Lebenswirklichkeit gehören, z.B. Autoren suchen, die gar kein Buch geschrieben haben, nicht mal mit der Hand.

Homer
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Plausch mit Frau Nettesheim - Geschlossene Fenster

trithemius & Frau NettesheimTrithemius - Die Heizung geht wieder, Frau Nettesheim. Gestern habe ich über eine Stunde nach der Anleitung für den elektronischen Thermostaten gesucht. Dabei fiel mir auf, dass ich enorm viel Zeug in den Schubladen habe, das ich nicht mehr brauche.


Frau Nettesheim - Und warum werfen Sie nichts davon weg?

Trithemius - Das liegt zum Teil an der „von unbestimmter Sehnsucht erfüllten Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu früheren, in der Erinnerung sich verklärenden Zeiten, Erlebnissen, Erscheinungen in Kunst; Musik, Mode u. a. äußert.“

Frau Nettesheim - Was für ein Satz! Geht es auch kürzer?

Trithemius - Nostalgie. Sie wissen, Frau Nettesheim, dass ich mich bemühe, Fremdwörter zu vermeiden, aber manchmal fehlt eben ein entsprechendes deutsches Wort. Wegen Nostalgie habe ich im Fremdwörterduden nachgeschlagen. Der Duden braucht zum Verdeutschen 27 Wörter. Was ist wohl der Grund für die Lemmalücke im deutschen Wortschatz?

Frau Nettesheim - Unsere Vorfahren hatten offenbar keinen Bedarf. Vielleicht haben sie sich nie sehnsuchtsvoll an die Vergangenheit erinnert, sondern waren in der Gegenwart zu sehr gefordert und haben auf eine bessere Zukunft gehofft.

Trithemius - Das klingt zwar nach einer gewagten These, Frau Nettesheim, aber irgendwie haben Sie vermutlich Recht. Nostalgie ist erst durch die gereiften 68er in Mode gekommen, wie ich einem aufschlussreichen Essay entnommen habe.

Ich vermute, das Wort kam auf, weil die Welt sich durch die modernen Kommunikationsmittel beschleunigte. Wenn alles so rasch geht und immer schneller in der Versenkung verschwindet, wollen wir manchmal innehalten und zurückblicken, aus der „von unbestimmter Sehnsucht erfüllten Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu früheren, in der Erinnerung sich verklärenden Zeiten, Erlebnissen, Erscheinungen in Kunst; Musik, Mode u. a. äußert.“ Und wenn einer dieses Gefühl hat und ein anderer fragt, was guckste so blöd, dann ist es einfacher zu sagen: "Ich hab' Nostalgie!“ Auch wenn’s ein Fremdwort ist oder sogar, weil es ein Fremdwort ist.

Frau Nettesheim - So ein Quatschkopfwort kommt mir nicht über die Lippen.

Trithemius - Was halten Sie von Vergangensucht, Früherweh oder Frühersucht, Vergangenweh?

Frau Nettesheim - Frühersucht wäre etwas anderes als Früherweh. Genauso ist Vergangensucht nicht gleich Vergangenweh. Warum haben Sie so viele Gegenstände in Ihren Schubladen, Trithemius?“

Trithemius - Aus Vergangenweh. Ach, die süßen Erinnerungen!

Frau Nettesheim - Heuchler. Vermutlich sind Sie nur zu faul, mal gründlich auszumisten.

Trithemius - Nicht ganz, Frau Nettesheim. Einiges in den Schubladen ist Autobiographie durch Dinge. Anderes, wo ich die Herkunft nicht mehr weiß, liegt da für die Zukunft. Man könnte es vielleicht mal brauchen. Und dann sind da Dinge, die ihre Bedeutung verloren haben, weil sie Technikgeschichte sind: Bedienungsanleitungen, Kassetten, Floppy Discs, Kompakt Discs, CD-Roms, Festplatten. Die Datenträger bewahren ihre Inhalte als stillschweigendes Geheimnis, denn ich besitze keine Geräte mehr, sie zum Sprechen zu bringen. Soll ich die Datenträger wegwerfen? Die Inhalte sind ja noch nicht wirklich im Orkus verschwunden. Man könnte sie theoretisch noch auslesen. Aber sie leiden an Schwindsucht. Wie traurig. Das macht mir so ein Vergangenweh.

Frau Nettesheim - Do mäht mer en Kölle kein Finster för op.
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Oranje boven und die letzte Freinacht

Heute feiert man in den Niederlanden den Koninginnedag. Dass die Niederländer sich kollektiv besaufen und schon gestern Abend damit angefangen haben, ist nur üble Nachrede. Die meisten trinken Orangensaft. Das ganze Land ist in die Nationalfarbe Orange getaucht, Fahnen, Wimpel, T-Shirts, Perücken. Auf den Toiletten der Cafés hängt traditionell orangefarbenes Toilettenpapier. Man wischt sich feierlich zum Geburtstag der ehemaligen Königin Juliana und ruft „Oranje boven!“

Freundschaft
Der Koninginnedag ist der weltgrößte Ehrentag für eine Ex-Königin, mit Musik, Tanz und Spiel auf allen Straßen und Kanälen. Zudem findet ein landesweiter Flohmarkt statt, auf dem jeder Holländer sein ganzes Hab und Gut verkaufen darf, und das ohne „Vergunning“ (Gewerbeschein). Auf diese Weise wird alljährlich das komplette Volkseigentum gründlich umgewälzt, gesichtet und neu bewertet, eine aus volkswirtschaftlicher Sicht vernünftige Maßnahme. Wenn Geld und Waren zirkulieren, wächst der Wohlstand. So bringt der Koninginnedag allgemeine Wohlfahrt und festigt den Zusammenhalt. Stolze 85 Prozent der Niederländer sind für die Monarchie. Wer nur einen unsichtbaren Frühstücksdirektor namens Horst Köhler vorweisen bzw. nicht vorweisen kann (wo ist der Mann eigentlich?), muss da einfach neidisch werden. Oranje boven.

Zum Ausgleich feiern wir heute eine Freinacht. Verschiedene Gewährsleute haben mir aber bestätigt, dass man in Hannover keine Maibräuche feiert. Man versteigert keine Maibräute, klaut und setzt in der Nacht keine Maibäume, hängt keine Fensterläden aus, macht kein Maifeuer daraus usw.;- wo bleibt denn da die Lebensfreude? Ach so, hier, tags drauf, am Kampftag der Arbeiterbewegung, bei Wurst und Witzigkeit, aber gesittet und nicht zu laut.

Erster-Mai

P.S.: Die Schilderung einer Freinacht im Rheinland meiner Jugend findet sich in dem Romanfragment: "Die letzte Freinacht", Kapitel 17 ff. Man kann aber auch den ganzen Text lesen.
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Volontär Schmocks unterhaltsames Magazin (2)

E D I T O R I A L

Liebe Leserin, lieber Leser,

Teppichhaus-Volontär Hanno P. Schmock ist bekanntlich einem Irrglauben verfallen: Er sieht sich selbst als Humorexperten. Da ist er im Teppichhaus leider arbeitslos, denn Humor, die verspielte Heiterkeit – ich bitte Sie. Das lässt einen doch an die Bäckerblume denken und an schlecht gezeichnete Witze Ohne Worte.

Humor, (lat. „Feuchtigkeit“) hat jedenfalls schon der Sprachreiniger Philipp von Zesen vergessen einzudeutschen. Kein Interesse. Demgemäß hat Volontär Schmock glücklicherweise nichts Humoriges produzieren dürfen, sondern musste eine neue Folge des unterhaltsamen Magazins vorlegen: etwas zum Schauen, Lesen und Denken, vielleicht auch Nachschlagen. Zum Schluss eine neue Anregung zum eigenen schöpferischen Tun oder besser gesagt: selber machen.

Viel Vergnügen
Ihr Trithemius

Schmock-Magazin-2

Archiv: Volontär Schmocks unterhaltsames Magazin (1)
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Die kulinarische Konsequenz. Gibts Rezepte?
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Irgendwann erreichte der Brief, wenn auch nach sehr...
Lo - 29. Mär, 00:14
Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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