Jeder sein eigner Zeigestock (2) - Diskussionsrunde

Willkommen zur ersten Freitagsdiskussion im Teppichhaus. Unser heutiges Thema ist gleichsam programmatisch. Wir diskutieren Ivan Illichs Streitschrift „Entschulung der Gesellschaft“. Als der universelle Denker Illich seine Kritik an der Institutionalisierung des Lernens aufgeschrieben hat, war das Internet noch in weiter Ferne. Seine Vorschläge, Netzwerke für die freie, selbsttätige Bildung zu organisieren, lassen sich im Internet leicht verwirklichen. Wer sich in einer Sache auskennt, kann bei Wikipedia sein Wissen anbieten, seine Kenntnisse in Foren und Blogs. Wer sich über ein Thema mit anderen austauschen will, kann sie über das Internet finden. Diese Möglichkeit greifen wir heute auf.

Ich habe unsere Veranstaltung nicht inhaltlich, sondern formal gegliedert. Wir nähern uns dem Thema auf verschiedene Denkweisen, wie sie der englische Kreativitätsforscher Edward de Bono erdacht und praktisch erprobt hat, im 6-Hut-Denken.

Das 6-Hut-Denken ist in der Gifgrafik spielerisch veranschaulicht. Damit wir am heutigen Abend bis zur fünften, visionären Stufe gelangen, werde ich etwa alle 20-30 Minuten eine Zäsur machen. Bis Sonntag können jedoch weitere Kommentare abgegeben werden. Den in der Grafik fehlenden blauen Hut des Organisators dieser Diskussion muss leider ich tragen.

Denkhüte-animation

Für jeden der fünf Denkansätze ist nur ein Kommentarstrang vorgesehen. Jedem neuen Kommentarstrang werde ich den passenden Hut voranstellen. Ich bitte alle Teilnehmer sich den jeweiligen Hut aufzusetzen, auf die richtige Zuordnung zu achten und sich möglichst kurz zu fassen. Wir beginnen mit dem weißen Hut, setzen ihn auf und hüpfen hinein .....

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Jeder sein eigner Zeigestock (1) - Freitagsdiskussion

Prolog-Freitagsdiskussion
Schalt das Radio ein: "Einstürzende Altbauten" von Martin Kratochwil
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HEUTE - 20:20 Uhr - Freitagsdiskussion

Einladung zum Gespräch über Ivan Illichs radikale Gesellschaftskritik und seine Ideen zur Entschulung der Gesellschaft. Illich im Zeitalter des Internets, Freitag, 28. Mai, 20:20 Uhr im Teppichhaus Trithemius.

Wer noch keine Gelegenheit hatte, das Buch zu lesen,
Frau Faust hat eine Online-Ausgabe gefunden.
Zur Einstimmung: Jedermann sein eigner Zeigestock.
Einige Informationen über Deschooling hier.
Musiktipp: We don't need no education

Nachfrage-nach-Illich
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Bitte noch mehr schlechtes Wetter

Vor einigen Jahren war ich an einem Sonntagmorgen zum Radsport verabredet. Der Himmel düster, immer wieder regnete es, aber ich setzte mich trotzdem aufs Rad und rollte zu meinem Trainingspartner hin. Er stand nicht vor der Haustür, also klingelte ich. Da guckte er oben im Unterhemd aus dem Fenster.

„Was wollen Sie?!“ rief er.
„Ja, was wohl, Radfahren!“
„Haben Sie mal hochgeguckt?“
„Ja, eben kam sogar die Sonne kurz raus!“
„Die hätten Sie aber fotografieren müssen.
Sonst glaubt Ihnen das keiner!“

An diesen Dialog muss ich in letzter Zeit immer wieder denken, womit das Thema Wetter weitgehend erledigt ist, denn meine Kamera ist kaputt. Allenfalls wollte ich noch sagen, dass man in der galaktischen Wetterzentrale einen Praktikanten rangelassen hat, und das seit Monaten. Das passt natürlich, denn wir werden ja auch von Praktikanten regiert.

Derzeit weinen die etablierten Massenmedien einem ausgemachten Schurken nach, der die Politik verlassen will. Das aber ist nur weiterer Müll, den sie in unsere Köpfe schaufeln wollen. Schurken wachsen schneller nach als Bedarf in Wirtschaft und Hochfinanz ist. Da muss erst ein Platz frei werden, man hat genug eigenen Nachwuchs, weshalb die Adepten so lange in die Politik gehen und ein Parkstudium in Verlogenheit, Hinterlist und kalt lächelnder Bosheit absolvieren. Aber nur, wem es gelingt, die Konkurrenten auszustechen und sich von verwirrten Wählern in irgendein Regierungspraktikum heben zu lassen, der hat Aussicht, bei den wahrhaft Mächtigen einen Beratervertrag zu bekommen und ihn mit Schampus zu begießen.

Gut, das Wetter macht mir üble Laune. Zum Schutz des Volkes vor sich selbst und seinen Antreibern sollte es noch eine Weile so bleiben. Sonst hängen wieder alle in den Biergärten rum oder liegen auf den Wiesen, und derweil ihnen der Grund unter Arsch und Bauch verramscht wird, lassen sie den lieben Gott einen guten Mann sein. Aber das ist er nicht. Wenn’s ihn gibt, dann will er die Welt, wie sie ist. Ein guter Gott würde uns nicht durch Praktikanten piesacken, sondern höchstpersönlich Verstand regnen lassen.

Tretet dAdA rein!

Abgelegt unter: Zirkus des schlechten Geschmacks
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Wir sinds, die Menschen - Teppichhaus-Gastautoren

Flashback Sonntag, 16. Mai 2010, Hannovers Innenstadt war autofrei. Mitten auf der Kreuzung am Aegidientorplatz gaben sieben Poetry-Slammer eine Kostprobe ihres Könnens, unter ihnen Robert Kayser. Sein Beitrag hat mir besonders gut gefallen, und daher eröffnet er die Reihe mit Gastautoren im Teppichhaus Trithemius. Auch diese Bühne hier ist autofrei, auf der Bühne Robert Kayser. Viel Vergnügen, Trithemius

Klingeln bis die Leine bebt
von ROBERT KAYSER

Gottes Plan ist nicht aufgegangen. Nicht die Menschen, sondern die Autos haben sich die Erde untertan gemacht. Die Menschen huldigen ihren blechernen Herren, indem sie alle öffentlichen Freiflächen mit grauem Asphalt abdecken und weiße Linien und Pfeile darauf malen, weil sich die Autos so besonders wohl fühlen. Dass sie die Fläche nicht mehr selbst nutzen können, sondern sich mit schmalen Bürgersteigen am Straßenrand begnügen müssen, nehmen die Menschen in kauf, denn sie sind ja nur Menschen.

Wenn eine außerirdische Intelligenz versuchen sollte, mit den Bewohnern der Erde in Kontakt zu treten, wird sie als erstes die Autos ansprechen. Wer sich das Treiben auf den Straßen und Plätzen anschaut, kommt niemals auf die Idee, dass diese albernen Zweibeiner irgendwas zu sagen haben oder gar die Herrscher des Planeten sein könnten. Die Besucher aus dem All würden selbstverständlich die Autos als Repräsentanten des Planeten erkennen und als Zeichen des Entgegenkommens die Gestalt ihrer Gastgeber annehmen. Sie würden auch ein paar von diesen zweibeinigen leise winselnden Menschen laut anhupen, wenn sie sich frech aus ihren Reservaten an den Straßenrändern hervorwagen, und ab und zu würden sie auch mal einen totfahren, denn als Tourist versucht man ja gern, die Gepflogenheiten der Einheimischen nachzuahmen. Zum Abschied würden sie ihren Gastgebern noch einen großen Gefallen tun und mit einem gigantischen Abgasfurz die langersehnte Klimakatastrophe auslösen, an der die Autos schon so lange arbeiten, und die ihnen endlich die lästigen Zweibeiner vom Hals schafft.

Aber vielleicht haben wir auch Glück, und die Außerirdischen halten uns für die Herrscher des Planeten, weil sie zufällig am Autofreien Sonntag landen. Da das eher unwahrscheinlich ist, können wir nur hoffen, dass sich unsere galaktischen Freunde noch ein paar Jahrzehnte Zeit lassen und erst dann landen, wenn das Zeitalter des Automobils vorbei ist und wir uns die blechernen Unterdrücker als die zweckdienlichen Transportmittel nutzbar machen, als die sie ursprünglich mal gedacht waren.

Doch woran werden wir erkennen, dass das Zeitalter des Automobils vorbei ist?

Vielleicht daran, dass man mitten auf dem Aegi sein eigenes Wort verstehen kann, auch wenn nicht gerade Autofreier Sonntag ist. Daran, dass man sich vor allem überhaupt mal dort aufhalten kann und will, also mitten auf dem Platz, um dort zu verweilen, und nicht nur am Rand, um rasch von Lärm und Abgasen genervt weiterzulaufen. Daran, dass man auf dem Weg in die Mitte des Platzes oder über den Platz hinweg weder angehupt noch angeschrien, beschimpft oder totgefahren wird.

Wenn man sich doch nochmal in echte Lebensgefahr begeben will, wird man zivilisationsferne Gegenden aufsuchen oder krasse Extremsportarten betreiben müssen. Man wird sich in zwielichtige Milieus begeben oder sehr konfliktfreudig auftreten müssen, wenn man mal wieder angepöbelt oder bedroht werden will.

Das Ende der automobilen Herrschaft wird auch daran erkennbar sein, dass im Radio nicht mehr vor Flitzerblitzern gewarnt wird. Wenn nämlich irgendein Arschloch mit 120 durch dein Dorf oder deinen Kiez fährt, ist das gar nicht – wie du vielleicht denkst – ein bescheuerter rücksichtsloser Raser, sondern nur ein kleiner Flitzer, der ein bisschen Spaß haben will. Und den muss man davor schützen, dass er geblitzt wird. Der ist nämlich ganz traurig, der Flitzer, wenn er geblitzt wird. Und wenn die kleine Lara auf der Straße spielt und der Flitzer sie totfährt, dann ist das ein tragischer Unfall, und dann stellen wir Schilder auf, dass doch die Flitzer bittebitte nicht ganz so schnell flitzen sollen, wegen der Kinder, aus Rücksicht. Freiwillig. Bittebitte. Wir wissen ja, dass ihr die Herren der Welt seid und so, und wir wollen ja auch gar keine Ökosteuern mehr von euch und keine Tempolimits, aber lasst doch bitte ein paar von unseren Kindern am Leben, ihr lieben Flitzerlein.

In der durch die Flitzerblitzer freiwerdenden Sendezeit könnte man stattdessen Einbrecher darüber informieren, welche Häuser mit Alarmanlagen ausgestattet sind und welche nicht. Und Ladendiebe (die natürlich dann Stibitzer hießen) könnte man vor Kaufhausdetektiven warnen (die man heiter-originell Stibitzerknipser nennen wüde): „ffn-Hörer Kevin hat Stibitzerknipser bei Esprit gesehen. Also dort bitte besonders vorsichtig stibitzen. Und jetzt geht’s weiter mit den Superhits der 80er und 90er.“

Auch das Flensburger Punktesystem könnte man dann stattdessen auf Eigentumsdelikte anwenden. Kaufhausdiebstahl bis zu einem Warenwert von 100 Euro: 1 Punkt. Taschendiebstahl auf offener Straße: 4 Punkte, Wohnungseinbruch: 7 Punkte, bewaffneter Raubüberfall mit Geiselnahme und allem Tamtam: 12 Punkte. Und wenn das Punktekonto voll ist, wird die Kreditkarte gesperrt.

Im postautomobilen Zeitalter wird man beim Tippen eines Textes für einen Poetry Slam nicht mehr vor Schreck vom Stuhl fallen, weil draußen mal wieder irgendein Autofahrer seine Hupe ausprobieren muss. Der Text würde auch nicht von den Unbilden der autogerechten Stadt handeln, sondern vielleicht von tyrannischen außerirdischen Invasoren, die uns dann unterdrücken werden.

Und nicht nur die Hochniveauprosa des Poetry Slam, auch die Presseerzeugnisse vom unteren Ende der Niveauskala werden von der Zeitenwende betroffen sein. Bei steigenden Kraftstoffpreisen z.B. werden die armen Leser der Bildzeitung nicht mehr von der schlimmen Benzinwut geplagt werden. Das furchtbare Krankheitsbild der Benzinwut beschreibt ja merkwürdigerweise nicht die Wut auf die skrupellosen Benzinverbrenner, die den Planeten an den Rand des Abgrunds gebracht haben, sondern die Wut der Benzinverbrenner darüber, dass sie in ihrem Zerstörungswahn nicht noch mehr Unterstützung erfahren als sowieso schon.

Auch die bisher stets reich gefüllte Rubrik „Böse böse Radfahrer“ der hier ansässigen Niederniveaublätter aus dem Madsack-Verlag, eine Fundgrube fein gesponnener Holzhammerpropaganda, die einem manchmal richtig Angst machen kann vor diesen skrupellosen Autoverweigerern, wird gut beraten sein, sich neue Opfer zu suchen, denn wir werden dann ganz schön viele Radfahrer sein. Wir werden in der Mitte der Straße fahren, und wir werden klingeln, dass die Erde bebt. Wir werden uns nicht mehr auf Bürgersteige und schmale Fahrradstreifen zwängen lassen. Wir werden die scheißlangweiligen Linien und Pfeile übermalen mit bunten Bildern, wir werden Bäume pflanzen, auch mitten auf der Straße, und wir werden alle Ampeln auf rot stellen als Mahnmale, und dann immer bei rot rüberfahren.

Robert Kayser
Blog: Wirkweise
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Die Weltrettungszentrale ist leider viel zu klein

Genaues über die Weltrettungsfrisur kann ich nicht sagen, denn ich hatte Schwellenangst. „Was geht mich die Weltrettung an?“, habe ich mich getröstet. „Wenn sie mit Föhn und Kamm zu erledigen ist, dann sollen die Frisöre das machen.“ Man könnte mich jetzt für unverantwortlich halten und meinen, es wäre doch gut zu wissen, ob die Schaufensterbilder alle Weltrettungsfrisuren zeigen oder ob es Alternativen gibt.
Weltrettungs-Zentrale

Weltrettungszentrale in Wolfsburg - Fotos/Gif: Trithemius

Es war ja auch nicht viel Andrang vor der Weltrettungszentrale. Ich hätte mir in Ruhe alle rettenden Frisuren zeigen lassen können und vielleicht Lust bekommen, meinen Teil zur Weltrettung beizutragen. Die Frisöre hätten Muße gehabt, mir eine perfekte Weltrettungsfrisur zu verpassen. Später, wenn die Weltrettung dringend wird und großer Andrang herrscht, werden sie gestresst sein und mit Kamm und Schere nur so über die Köpfe huschen. Dann verlassen manche den Laden mit einer nur hin gehudelten Frisur, die überhaupt nicht als Weltrettungshaarschnitt zu erkennen ist.

Das wiederum erlaubt den Rückschluss, dass die Errettung der Welt aus einer derart kleinen Zentrale gar nicht möglich ist. Zum Glück bin ich nicht hineingegangen. Wenn die Weltrettung sowieso scheitern wird, kann ich meine apokalyptische Frisur gleich behalten.

Abgelegt unter: Ethnologie des Alltags
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Warnung vor dem Graphologen!

 

An einem Frühlings Abende von 1794 sah ein Mann durch das Fenster seines Gartenhauses eine junge Dame, die zum Besuch da war, beschäftigt, mit einer Schere seinen Namen, den er mit Kresse gesäet hatte, für ein Butterbrot abzuschneiden, das auf dem Teller neben ihr auf der Erde stund.

Was machen Sie da, rief er, indem er das Fenster aufriß: Schneiden Sie mir meinen guten Namen nicht ab, das will ich mir verbitten.
Das Frauenzimmer, ohne sich im mindesten in ihrer Arbeit stören zu lassen, antwortete vortrefflich: Ihrer Ehre thut es keinen Schaden, und für mich ist es ein kleiner Gewinn.

 

Der Mann, der seinen Namen mit Kresse gesät hatte, war Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799). Wie mag der Schriftzug aus Kresseblättchen wohl ausgesehen haben? Lichtenberg schrieb Kurrent, die handschriftliche Variante der Fraktur. Er selbst sagt: Wir glauben öfters, daß wir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Hände schrieben, während als sie einem Dritten immer einerlei erscheinen.

Man muss noch einen Schritt weiter gehen: Die Handschrift bleibt immer charakteristisch und unverkennbar, gleich welches Schreibgerät man benutzt, gleich welche Größe der Schriftzug hat, ob papiersparend klein oder Ergebnis einer weit ausladenden Körpergeste des Sämannes. Eckhard Henscheid, Lichtenbergs geistiger Urenkel, springt eines Morgens aus dem Bett und notiert unbeschwert in sein Sudelbuch:

Dass man jeden Morgen, wenn's wieder losgeht, noch immer dieselbe Handschrift hat, obwohl im Kopf doch nichts mehr stimmt: Charmantcharmant

Es war da wohl kein Graphologe in der Nähe. Die Konstanz der persönlichen Handschrift ist der Hebel der Graphologie. Ihr Begründer ist Ludwig Klages, der sie 1916 mit seinem Buch: "Handschrift und Charakter" erstmals wissenschaftlich zu fundieren versucht hat. Indem die Natur selbst ein "rhythmischer Sachverhalt" sei, so müssten sämtliche Bewegungen des Menschen umso rhythmischer verlaufen, je mehr er sich im "Naturzustande" befinde. Rhythmusstörungen gehen demnach auf psychische Zustände zurück und zeigen sich in der Handschrift. Klages und seine Anhänger profitieren von der Umorientierung in der Schreibdidaktik, weg von der Duktusschrift, hin zur Ausdrucksschrift. In der persönlichen Ausdrucksschrift zeigen sich die charakterlichen Prägungen deutlicher als im Duktus der Vergangenheit, so dass sich dem Graphologen neue Anhaltspunkte bieten.
Den rechten Aufwind bekommt die Graphologie im Nationalsozialismus. Auf Klages diffuser Lehre aufbauend, isoliert man nicht nur charakterliche, sondern auch rassische Merkmale aus der Handschrift. Die Graphologie wird zum probaten Selektionsinstrument. Im Dienste der Nationalsozialisten wächst dem Graphologen erstmals eine unheilvolle Macht über Menschen zu. Er wird zum Taxator, der den Daumen hebt oder senkt, der vermeintlich rassisch oder charakterlich Minderwertige aussortiert und sich dabei vor seinen Opfern nicht zu rechtfertigen braucht, da er seine zweifelhafte Kunst, dieses pseudowissenschaftliche Kaffeesatzlesen, im Geheimen ausübt. Von diesen Wurzeln her stinkt die Graphologie noch heute. Sie ist weiterhin ein missbräuchliches Machtmittel von fragwürdiger Natur.

Lichtenberg konnte sich noch getrost über die Charakterlehre und Handschriftendeutung seines Zeitgenossen Johann Caspar Lavater (1741-1801) erheitern, heute ist die Handschrift und somit die Persönlichkeit des Schreibers kaum vor dem Zugriff des Graphologen und dessen Auftraggeber zu schützen. Wer im Bewerbungsverfahren einen handschriftlichen Text vorlegen soll, nehme tunlichst davon Abstand. Unternehmen, die immer noch auf das Urteil von Graphologen vertrauen, sind nicht unbedingt seriös.

Ludwig Klages Idee vom ruhig dahin fließenden Naturzustand des Menschen ist ein Ideal, das von den Gegebenheiten des Alltags gestört wird. Annähern kann man sich diesem Zustand schon, wenn für eine Weile die innere Sammlung gelingt. Das zeigt sich dann an der Handschrift, wenngleich es anderen nicht unbedingt auffällt, wie Lichtenberg sagt. Man selbst kennt sich besser.

Es gab eine Zeit, in der ich viel kalligraphisiert habe. Damals war ich innerlich ruhig. Denn die Kalligraphie bringt Sammlung, es ist wie Meditation. Man tut etwas Schönes mit der Hand. Der Geist bummelt, und das Herz erfreut sich an den Formen der Buchstaben. Sehr zu empfehlen.

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Abendbummel – Leistungsträger mit rostiger Kette

Weil mein fauler Nachmittagskopf mal wieder nicht denken wollte, setzte ich mich trotz stürmischer Witterung aufs Rad und fuhr an Ihme und Leine entlang, streifte den Maschsee und umrundete die Ricklinger Teiche. Im Ricklinger Holz verlor ich ein bisschen die Orientierung, weil ich unbedingt mir unbekannte Wege fahren wollte, umarmte dafür in Ruhe und unbeobachtet eine stattliche Buche und fand dann beinah nach Hause, wenn mich nicht eine Neueröffnung gelockt hätte: „Deutschlands größter Fahrradfachmarkt“, auf 10.000 Qadratmetern in der ehemaligen Flugzeughalle von Hanomag. Dieser funkelnde Radfahrertempel weckte in mir eine Unzahl von Gelüsten. Nie zuvor habe ich so viele neue Fahrräder gesehen. In den breiten Gängen sah ich die potentiellen Käufer auf ihren potentiellen Neuerwerbungen Probe fahren, widerstand aber der Versuchung, es ihnen nachzumachen.

Später hielt ich an einem Kiosk. Da stand ein junger Mann, fast noch ein Kind, ein wenig verlottert. Er trug die rote Jacke eines Pizza-Lieferservices und eine verschossene Camouflage-Hose. Hinten auf seinem uralten roten Damenfahrrad hatte er ein Gestänge für die Pizza-Liefertasche. Das Rad hatte keine Gangschaltung, und die Kette war völlig verrostet. Ich mochte kaum glauben, dass die Kettenglieder sich noch bewegen würden. Während ich wartete, kaufte der Junge sich für 25 Cent Süßigkeiten, eine Colaflasche aus Weingummi, eine kleine gelbe Banane von mir unbekannter Konsistenz und irgendwas aus Schaum.

Nachdem ich mein Rad auf dem Hof abgestellt hatte und hinauf wollte in meine Wohnung, sah ich durch die Glasscheibe der Haustür eine rote Jacke, hörte, wie es im Haus irgendwo klingelte, und dann war der Junge hinter mir auf der Treppe. Er stieg sie hoch wie ein alter Mann. Dieses Nebeneinander von glitzerndem Überfluss und hoffnungsloser Unterversorgung macht mich manchmal gemütskrank.

Guten Abend
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Mein surrealer Alltag (14) Blaues Auge, Himmelstern

Seit zwei Tagen laufe ich mit einem blauen Auge durch die Gegend. Als ich vorgestern Morgen in den Spiegel schaute, war es einfach da. Seither beäuge ich mich misstrauisch, denn dieses nächtliche Eigenleben ist mir suspekt. Ich hatte in der Nacht am Dachfirst eines unwägbar hohen Hauses gehangen, mich mit beiden Händen festgehalten, obwohl das unmöglich schien. Der First war nämlich so breit, dass man darauf bequem hätte balancieren können, und er hatte auch keine Kante, um die ich meine Finger krampfen konnte, sondern war abgerundet. Links neben mir lag ein englischer Kleinadliger auf dem Bauch, und anders als ich konnte er sich gelegentlich mit den Füßen auf der Dachrinne abstützen. Sie hing aber schon ein bisschen lose in der Halterung.

Auf dem Dach
Während ich leise fürchtete, jeden Moment loslassen zu müssen und in die Tiefe zu stürzen, war der englische Kleinadlige guter Dinge. Er blies mir sauber geformte Rauchringe ins Gesicht, indem er mit dem Zeigefinger der freien Hand auf seine linke Wange klopfte. Die Rauchringe kamen aber nicht aus seinem grinsenden Maul, sondern aus der rechten Wange. Mir war klar, dass es sich um einen Taschenspielertrick handelte, aber ich kam nicht dahinter, wie der Kerl das gemacht hat. Vor allem frage ich mich eines: Wenn er mit der Linken auf seine Wange klopfte, mit der Rechten am Dachfirst klammerte, wie hat er mir ein blaues Auge gehauen und vor allem, warum?
Ob das Lexikon der Traumsymbole hilft?

Englisch - sprechen: Glück in Geschäften,
aber Pech in der Liebe
.
Gut, wir haben nichts gesagt.
- ein Buch in dieser Sprache lesen:
man wird sich langweilen.

Ging sowieso nicht, ich hatte keine Hand frei.
Kleinadel steht nicht drin, aber ...
Adel - mit Adelspersonen sprechen:
ein gestecktes Ziel wird nicht erreicht.

Selbstverständlich. Man muss nicht mal was sagen,
schon hat man ein blaues Auge.
Dach - besteigen: Man wird sich in Gefahr begeben.
Wer hätte das gedacht.
- auf einem stehen: hohe Ehre
Mist, ich hab gehangen.
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Ballack, Bobbejaan, schneeweiße Hasen und Gipsbein

Aus mir unbekannten Gründen dachte ich gestern an den jodelnden Cowboy Bobbejaan Schoepen, und dann konnte ich nicht umhin, seinen kuriosen Hit „Ich weine in mein Bier“ zu singen. Schon ewig hatte ich nicht an Bobbejaan gedacht, obwohl ich ihn im Jahr 1997 einmal leibhaftig gesehen habe, in seinem belgischen Freizeitpark Bobbejaanland.

Da rollte Bobbejaan in einem weißen Straßenkreuzer voller Nippes durch den Park, mit aufgeklebten Silberdollars, anmontierten Colts und einem Gehörn auf der Kühlerhaube, stieg gelegentlich aus und schüttelte den Besuchern die Hand. Es gab da auch eine Showbühne, wo als Höhepunkt Bobbejaan persönlich auftrat und „Ich weine in mein Bier" sang, wozu er gekonnt auf der Mundharmonika spielte. Sein Auftritt wurde von übergroßen lebendigen Stofftieren begleitet. Das wird wohl der Grund sein, warum ich eben bei der Recherche nach Bobbejaans Hits „Ich habe Ehrfurcht vor schneeweißen Hasen“ las. Es muss aber „Haaren“ heißen. Also, gestern musste ich an Bobbejaan denken, und was soll ich sagen, heute ist Bobbejaan Schoepen gestorben. Dieses Zusammentreffen sorgt mich ein bisschen, aber ich versichere, dass nicht alle Leute sterben, an die ich zufällig denke.

Ballack Ab-in-den-Urlaub

Es handelt sich vermutlich nur um einen Fehler in der kosmischen Software, der jeden ab und zu mal treffen kann, auch den Fußballspieler Michael Ballack. Im Juli 2009 unterschrieb er einen Werbevertrag bei „Ab in den Urlaub.de“, wurde sogar „das neue Gesicht“ dieses Unternehmens und jetzt, last minute vor der WM in Südafrika die „Schreckensnachricht“: „Der Schlüsselspieler“ (Joachim Löw) Michael Ballack ist verletzt und fehlt bei der WM, weshalb die Deutsche Nationalmannschaft in „Schockstarre“ (Tagesschau.de) gefallen ist. Und als Sportler dürfen sie nicht mal in ihr Bier weinen.

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Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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