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Trithemius - 26. Aug, 10:16
Liebe Leserin, lieber Leser! Liebe Freundinnen und Freunde dieses Blogs!
Niemand weiß, wieviel Zeit ihm noch bleibt. Wir wachen viele Male morgens auf und finden uns zurück im vertrauten Leben. Das nährt die Vorstellung, dass es ein Gewohnheitsrecht darauf gibt. Schon zweimal wurde ich nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es ein solches Gewohnheitsrecht nicht gibt. Die Idee ist eine Anmaßung, eine Illusion, die uns die Gedanken an die eigene Endlichkeit erträglich macht. Bisher bin ich trotz Herzinfarkt, trotz Schlaganfall weiterhin morgens aufgestanden, habe mich auf meine Alltagstermine gerichtet, und wenn mir Zeit genug blieb, habe ich mein digitales Teppichhaus aufgesucht, ganz wie ich früher in meinem Tagebuch gelebt habe.
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Trithemius - 20. Aug, 09:38
Morgens habe ich es schon eine Weile gehört, eigentlich nicht gehört. Die Vögel haben nämlich aufgehört zu singen, begrüßen das Tageslicht nicht mehr mit Pfeifen, Zwitschern, Tirili. Kürzlich war ich im Bad und eine scheußliche Taube gurrte vom Dach in den Luftschacht. Hörte sich aber an, als wäre sie zu Besuch, wie letztens die krächzende Krähe mich fürchten ließ, das wäre ein herbstlicher Auftakt. Die Singvögel aber haben die lautstarke Balz schon lange hinter sich, ihr Nachwuchs ist bestimmt schon flügge. Wenn ich aus dem Fenster schaue, dann werden die Bäume so erbärmlich vom Sturmwind gezaust, dass man sie glatt nach drinnen holen möchte. Nein, gar nicht, um sie zu verheizen. Meine Heizung verbrennt Gas und ist längst aus einem kurzen Sommerschlaf erwacht.
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Trithemius - 16. Aug, 09:33
Das Wort „Husse“ ist mir spät im Leben begegnet. Ich musste fünfzig werden, bevor der Weltgeist mich für gefestigt genug hielt, das visuelle Unglück „Husse“ kennenzulernen. Damals trat ein junger Kollege in mein Leben ein, mit dem ich mich anfreundete. Nicht lange, da waren wir so vertraut, dass er mich arglos zu sich einlud. Er hatte alle Stühle am Esstisch unter komischen Überzügen verborgen, verlor darüber aber kein Wort. Er fand es offenbar normal. Ich wollte nicht als Banause dastehen, sagte also auch nichts, zumal sich damals die Ehefrau gerade von ihm getrennt hatte und ich dachte, die Kondomisierung der Stühle stammte noch von ihr.
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Trithemius - 12. Aug, 10:53
Liebe Leserin, lieber Leser!
Liebe Freundinnen und Freunde dieses Blogs!
An einem Sonntagmorgen suchte ich in fünf Schachteln nach einem Dokument. Natürlich fand ich tausend andere Dokumente, das Gesuchte aber erst in der letzten Schachtel. Als ich noch darüber nachsann, welches Gesetz wirksam ist, wenn das Gesuchte sich stets findet, wo man zuletzt nachsieht, fiel mir auf, dass ich die letzte Schachtel zuerst in der Hand gehalten, dann aber gedacht hatte, darin wird das Dokument keinesfalls sein. Daraus erklärt sich die Überschrift vom vorvorletzten Beitrag. Der Satz: „Beim ersten hätte ich bleiben sollen“, wollte nicht so recht passen, bis mir einfiel, dass er eigentlich den Schachteln gegolten hatte.
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Trithemius - 11. Aug, 17:06
Hannovers Stadthalle liegt passender Weise in Hannovers Stadtpark. Der wiederum liegt im noblen Zooviertel mit herrschaftlichen Häusern, deren Bewohner den Stadtpark verschmähen, weil sie vor ihren Terrassen eigenes Grün und eigene Gärtner haben. Öffentliche Parks sind doch eigentlich dazu gut, dass auch der Hinterhofbewohner mit seinen Kellerkindern einen Schritt in die Natur machen kann, zwischen Blumenrabatten spazieren, Springbrunnen bestaunen, auf weißlackierten Bänken ausruhen, und so dem grauen Alltag für eine Weile enthoben wird. Insofern liegt der Stadtpark Hannover völlig falsch.
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Trithemius - 9. Aug, 08:26
In frischer Morgenluft fuhr ich mit dem Rad ein Stück die Ihme hinauf, vorbei am Wehr, wo aus dem schnellen Graben das Wasser der Leine in die Ihme stürzt. Auf der Wiese wurden zu mietende Kanus von Anhängern abgeladen. Kleine Gruppen standen beieinander und wurden für Kanufahrten instruiert. Jeder hatte schon die leuchtend orangefarbene Schwimmweste umgetan. Ich überquerte die Leinebrücke zum Maschsee hin. Ah, wie sanft die Leine dahin zieht mit dem wenigen Wasser, das man ihr gelassen hat.
Vorher war die Ihme vom Uferweg nicht zu sehen gewesen. Ein Meer von hohen Stauden verwehrt die Sicht. Das Kraut blüht dunkelrot mit einem Stich zum Violetten, und die Blüten duften durchdringend bis hart an den Rand des Unangenehmen. Vermutlich ist das Zeug von irgendwo eingewandert, sein Same mit Meteoriten von fernen Planten zu uns gekommen, und breitet sich langsam von der Ihme aus, um irgendwann den ganzen Planeten zu erobern. Man soll nicht sagen, ich hätte nicht gewarnt.
Aber egal jetzt. Es rollt so schön am Maschsee entlang. Da sind schon die ersten Zelte vom Machseefest. Zum Glück haben alle Vergnügungstempel, Sauf- und Fressbuden noch geschlossen. Ich kann ungehindert durch die stille Budengasse am Nordufer entlang der Promenade rollen und mich an die Umrundung des Maschsees machen. Doch da lockt in der Sonne eine leere Bank. Warum nicht hier eine Weile sitzen? Es ist ja noch so früh!
Ein leiser Wind streicht von Süden über den See und kräuselt die Wasserfläche. Kleine Wellen streben dem Nordufer zu. Nach einer Weile frage ich mich, was geschieht, wenn sie an die Ufermauer treffen. Wohl gar nichts; sie werden sich nicht auftürmen dort. Dazu sind sie zu schwach. Sie werden einfach aufhören, Wellen zu sein.
Ach, wie dumm die deutsche Sprache doch ist, indem sie jederzeit liebedienerisch Substantive anbietet für Vorgänge. Indem wir eine Bewegung „Welle“ nennen, denken wir wie Starrköpfe. Wir haben zwar das Verb „wellen“, nutzen es aber selten. Denn wollte ich schreiben „Das Wasser wellt sich“, denkt man sogleich an eine Riesenwelle, die sich aufbaut und, einen Tunnel bildend, nach vorne rollt, um an ihrem Kamm zu brechen. Ein todesmutiger Surfer schneidet die Welle im Tunnel an und lässt sich in ihr vorwärts treiben, bis die Gischt über ihm zusammenbricht, ihn mit sich reißt bis auf den Grund. Ob er noch mal auftauchen wird? Das sind bange Minuten.
Hallo?! Wir sitzen am Maschsee. Das ist kein Gewässer für Wellensurfer. Wie die Wasserfläche vor dem Wind sich kräuselt und wie es scheint, vorbeiströmt, wirkt der See wie ein Strom, breiter als der Rhein. Von links nach rechts wellt es sich unablässig wie wäre ich sehr betrunken, besoffen, richtig hackevoll, wenn das Bild meiner Umgebung gegen alle physikalische Logik unablässig vor meinen Augen von links nach rechts schiebt, ohne je nach links wieder zurückzukehren. Es heißt in solchen Fällen, dass die Welt sich drehe, aber es ist gar kein Drehen. Es ist immer das gleiche Bild, das sich vorbeischiebt. Wie das Bild dieser Wellen hier, die ja keine Individualität haben, auch gar nicht bestehen, sondern sich nur gleichförmig immer wieder neu bilden, so dass es besser wäre nur von „wellen“ zu sprechen, weil sie gar keine Wellen sind.
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Trithemius - 7. Aug, 18:49
Mein erster Beitrag zum archäologischen Literaturprojekt I
nspiring Voyeurism des Kollegen
Merzmensch ist im HACK-Blog erschienen. Ich habe ihn
Der liebe Hans genannt.
Hans hat im Abstand von drei Jahren zwei Ansichtskarten an seine Eltern geschickt, die erste 1954 aus Bonn, die zweite 1957 aus Berlin. Ich habe die Karten auf dem Flohmarkt hintereinander gestapelt gefunden, ein Glücksgriff. Denn so erzählen die Karten eine längere Geschichte aus dem Leben von uns unbekannten Personen. Wäre es nicht so heiß gewesen am Stand des Trödlers, hätte ich gern weitere Karten von Hans gesucht. Aber so ist auch schön. Sehen Sie selbst.
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Trithemius - 7. Aug, 09:09
Rauschen ist ein Begriff aus der Kommunikations- und Informationstheorie. Der Begriff meint stochastische Störungen, die auf dem Übertragungskanal zwischen Sender und Empfänger einer Nachricht auftreten können. Was Trick 17 ist, lässt sich leider nicht so genau klären. Die sogenannte Pro7-Wissensshow „Galileo“ hat verbreitet, ein Magier namens Carlos Luminoso (zu deutsch “leuchtender Karl”) habe ein Buch mit seinen Zaubertricks hinterlassen. Die letzten Seiten, auf denen sein Trick Nummer siebzehn beschrieben war, seien bei einem Brand vernichtet worden. Schöne Geschichte, doch leider nicht wahr.
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