Kopfkino

Wegen einer Betriebsstörung fällt die heutige Nachtdraisine aus - Nachtschwärmer online 4.2

Sollte eigentlich ein Nachtschwärmer folgen. Aber mir ist nicht danach. Vielleicht geht es Sonntag weiter, aber für heute will ich mich begrenzen und meine Truppen versammeln. Um es in ein Bild zu fassen: Die Gleisstrecke nach Moresnet ist gerade schrecklich vereist. Bei Vereisung der Strecke fährt auch die Deutsche Bahn nicht. Ich könnte hier nur noch ein bisschen schriftliches Geplauder bieten, quasi als Entschädigung für die ausgefallene Fahrt mit der Draisine.



Verehrte Kundschaft,
wegen anhaltenden Schneefalls und zunehmender Vereisung war das Befahren der Strecke Aachen-West - Moresnet - Plombiers und so weiter vergangene Nacht nicht möglich, - wobei Plombieres keinen Bahnhof hat, sondern nur Erwähnung findet, weil sich oberhalb des Ortes eine stählerne Brücke befindet, die sich auf mächtige gemauerte Pfeiler stützt, die ihrerseits so unfassbar hoch sind, dass es ein unverantwortliches Risiko wäre, die Strecke mit Ihnen an der Seite zu befahren. Dort oben ist nicht nur die Vereisung der Strecke schrecklich, es bläst auch ein sibirischer Wind.

Aus diesem Grunde bieten wir Ihnen hier lediglich noch einige Minuten Wortgeplänkel, das, wenn Sie viel Phantasie haben, so ähnlich klingen mag wie das leise Rattern der Räder unserer allseits beliebten Nachtdraisine. Sie wissen schon, an den Nahtstellen macht es tocktock. Es ist fast das gleiche Geräusch wie das einer Tastatur. Allerdings geben wir zu bedenken, dass unser Tastaturbediener einen deutlich schnelleren Rhythmus hat. Falls Sie in diesem Text Tippfehler finden, dann denken Sie daran, es liegt am Winter. Vereisung der Tasten, nichts zu machen. Selbst im innerstädtischen Bereich, (wobei sie das Wort "innerstädtisch" nicht ganz ernst nehmen dürfen und das Wort "Bereich" eigentlich unnötig ist), also selbst innerhalb der Stadt ist die Strecke nicht sicher.

Wir haben die örtlichen Verhältnisse hochgerechnet, das heißt, wir haben uns nicht per Augenschein davon überzeugen können, wie es nun wirklich ist oben auf der zugigen Brücke hoch über dem Flüsschen Geule. Die Geule ist zugefroren, in jedem Fall, doch ein Rinnsal ist sie nicht. Nur, wenn Sie jetzt hoch oben auf der Draisine säßen und würden einen Blick hinab werfen ins Tal, was wiederum nur ginge, wenn Sie absolut schwindelfrei sind; bei einem solch gewagten Blick hinab ins Tal hätten Sie den fälschlichen Eindruck, dass die Geule ein kleines eisiges Rinnsal ist. Sie hätten jedoch wahrscheinlich kaum den Mut, sich über den Rand der Draisine zu lehnen; es sei denn, man hielte Ihre Hand. Nicht allein wegen der ungewöhnlichen Höhe der Brücke, sondern auch wegen der eisigen Böen aus östlichen Richtungen, die Sie hinabzufegen drohen. Schade, es hätte dramatisch oder immerhin romantisch werden können, wenn die Bahnverwaltung die Fahrt nicht untersagt hätte.


P.S.: Inzwischen hat uns die belgisch hoheitliche Bahnverwaltung für die Provinz Lüttich mitgeteilt, dass man in spätestens ein, zwei Monaten die verwaltungsmäßigen Vorbereitungen getroffen haben wird, damit die landesweite Ausschreibung über die Vergabe der Enteisungsarbeiten auf der Brücke von Plombieres zügig vorangetrieben werden könne.
Lediglich die Zustimmung der Zentralbehörde in Brüssel zu dem eigens für diesen Notfall entwickelten 7-seitigen Formblatt in den drei Amtssprachen des belgischen Königreiches müsse noch abgewartet werden. Der König aller Belgen werde danach unverzüglich siegeln.

P.P.S.: Sollten sich jedoch die Witterungsverhältnisse rasch ändern, wenn der Wind zum Beispiel auf West umschlagen würde, wodurch er höhere Temperaturen brächte, da er von der nahen Nordsee und dem Golfstrom darin aufgewärmt wird, dann jedoch, bei laueren Winden, würden die Ausschreibungsvorbereitungen unverzüglich gestoppt. Das Siegel des Königs würde man aus der Vorlage entfernen und in einen Panzerschrank legen, wo es fortan unberührt verrotten dürfe. Also, in diesem durchaus wünschenswerten Fall werde die Strecke wieder frei gegeben, ohne dass man die Enteisungsarbeiten durchführt. Das Befahren geschähe dann auf eigene Verantwortung.

1919 mal gelesen

Zwischendurch - Vom Anfang und vom Ende - Nachtschwärmer online 4.1

Die Maastrichter Laan, von Westen kommend, wird beim Grenzübertritt im kleinen niederländischen Grenzort Vaals zur Vaalser Straße. Mit ihr beginnt die berühmte Bundesstraße 1. Einst führte diese 2000 Jahre alte Handelsstraße von Aachen bis Königsberg. Unterwegs macht die B1 einiges mit. Schon hinter Jülich verschwindet sie in einer Braunkohlegrube. Als junger Mann bin ich noch über die B1 durch das Dorf Lich-Steinstrass gefahren. Da wankten nur alte Mütterchen vor den zugenagelten Fenstern über den Gehsteig. Denn kurz danach sollte Lich-Steinstrass mitsamt der Bundesstraße 1 weggebaggert werden.

Ach, jetzt sind wir schon viel zu weit im Osten der B1.

Nochmal auf Los. - An der Deutsch-niederländischen Grenze bei Vaals beginnt die Bundesstraße 1. Sie steigt an - sie kommt ja aus den Niederlanden - überwindet bei Gut Kullen eine Kuppe und taucht dann schnurgeradeaus in den Talkessel von Aachen ein. „Vaals“ bedeutet übrigens "Tal". „Aachen“ bedeutet „Wasser“, - so schlicht sind die geographischen Namen.

Wo die B1 ihr wassersüchtiges Gefälle bekommt, durchschneidet sie den Aachener Westfriedhof. Beide Friedhofshälften sind durch eine alte Fußgängerbrücke verbunden. Die kleinere südliche Hälfte ist älter als die nördliche. Hier werden nur ganz bestimmte Personen begraben. Da ich diesen Personenkreis nicht kenne, hatte ich auch nie einen Anlass, durch den Torbogen zu gehen.

An einem grauen Tag im Herbst, an dem es nicht hell werden wollte, - ich war in düsterer Stimmung, - an diesem trüben Tag setzte ich mich aufs Rad und fuhr durch den kalten Dunst Richtung Niederlande. Der Weg führt an der Güterbahnlinie entlang, auf der ich vor einem halben Jahr und mehr, den „Nachtschwärmer Online“ fahren ließ.

Wo die Bahnlinie die Vaalser Straße kreuzt, bog ich ein. Da lag der Westfriedhof in der Dämmerung, und statt weiter zu fahren, querte ich die Straße und schob mein Rad durch die Pforte der alten Friedhofshälfte. Die Wege sind nicht asphaltiert. Man geht über knirschenden roten Split, Kies oder gestampfte Erde. Bald taucht ein Platz zwischen den Bäumen auf. Er wird nach Osten von einer großen Kapelle begrenzt. Um den Platz reihen sich gewaltige Grabmonumente. Alte Aachener Größen, Abkömmlinge großer Familien, sind hier unter steinernen Kolossen begraben.

Unsereiner wollte nicht soviel Geröll über dem Kopf. Mir würde ein Blechkranz genügen, damit ich hören kann, ob es regnet. Doch die Großen des 19. Jahrhunderts waren selbstherrlich und bigott. Da musste unbedingt ein Mausoleum her oder zumindest ein riesiger steinerner Engel. Engel aus Stein sind übrigens die irdische Variante. Sie fliegen nicht, sondern krachen irgendwann in sich zusammen.

Jedenfalls stand ich an den Grabmonumenten und versuchte mir zu vergegenwärtigen, welch wichtige Knochen dort verbuddelt lagen. Die Protzbauten auf alten Friedhöfen sind heidnisch. Sie sind noch der Idee verpflichtet, dass man seine Reichtümer mit ins Jenseits nehmen könnte. Vielleicht hat man ja das ein oder andere Dienstmädchen mit eingemauert, damit der hohe Herr etwas hat, womit er sich im Jenseits verlustieren kann. Tatsächlich hat es in Aachen einen unaufgeklärten Dienstmädchenmord gegeben. Ein kleiner Gedenkstein im Wald berichtet davon. Sie wurde am Fuße des Hügels gefunden, auf dem die Villa ihres Dienstherrn thronte. Man munkelt, er habe sie ermordet.

Was ein Mensch auf seinem Gewissen hat, nimmt er mit in seine Gruft. Was er sonst noch war und tat, ob er Häuser bauen ließ, Länder eroberte, eine Tuchfabrik besaß, das alles ist im Jenseits ohne Belang, ganz egal, was man glaubt. Im Gedenken der Menschen ist es nicht anders. Obwohl es Namen gibt, die das Gegenteil behaupten. Karl der Große, Alexander der Große, die Namen verbergen eine wesentliche Tatsache: Das waren doch vor allem große Menschenschlächter. Man mag sie in Geschichtsbücher schreiben, Denkmäler und Mausoleen für sie bauen – am Ende sind sie auch nur alte Knochen, die sich nicht besonders von deinen oder meinen unterscheiden.

Dieser alte Friedhof hat mich im Herbst eindrucksvoll mit dem Endlichen des Menschen konfrontiert. Es ist gut, sich das ab und zu klar zu machen, damit man im Leben nichts tut, was selbst durch steinerne Engel nicht getilgt werden kann.

Guten Rutsch

Weiter im
Hörspiel: Samstag, 17:30 Uhr
1503 mal gelesen

Es drückt was auf die Ohren - Nachtschwärmer -4-

Nachtschwärmer


Nachtschwärmer online - Folge 4: Es drückt was auf die Ohren
Text / Erzähler: Trithemius, Musik: Martin Kratochwil
Fortsetzung: Samstag, 17:30 Uhr
1584 mal gelesen

Der den Beuys schlug - Nachtschwärmer online (3)

Nachtschwärmer



Folge 3: Der den Beuys schlug
Text / Erzähler: Trithemius, Musik: Martin Kratochwil
Fortsetzung: Donnerstag, 16:30 Uhr
1289 mal gelesen

Fastenspeise der Buddhisten - Nachtschwärmer (2)

Nachtschwärmer



Folge 2: Fastenspeise der Buddhisten
Text / Erzähler: Trithemius, Musik: Martin Kratochwil

Fortsetzung: Mittwoch 16:30 Uhr
1448 mal gelesen

Nachtschwärmer online - (1) - Ein Nachtbummel

Nachtschwärmer



Folge 1: Ein Nachtbummel stünde vor der Tür
Erzähler: Trithemius, Musik: Martin Kratochwil, Schnitt: Mimiotschka

Fortsetzung: Dienstag, 16:30 Uhr
1215 mal gelesen

Nachtschwärmer - Eine Fahrt in den Heiligabend

HeiligabenddraisineZum Auftakt der Nachtschwärmer-Vertonungen ein professionell produziertes Hörspiel. Während der Rauhnächte werden die Folgen erscheinen, die ich selbst aufgenommen habe.

Vorbemerkung: Ab dem 13. Dezember 2005 begann ich die Nachtschwärmer zu schreiben, imaginäre Fahrten mit einer Draisine über eine Bahnlinie, die am Aachener Teppichhaus vorbei führt. Ich hatte im November zu bloggen begonnen und war begeistert von diesem neuen Medium. Die digitale Interaktion ließ mich eine bislang nicht gekannte Form der sozialen Energie spüren und beflügelte meine Phantasie. Wochen zuvor hatte ich noch in einem tiefen Tal gesessen, nicht wissend, was ich mit mir und meinem Kummer anfangen sollte. So wurde das Bloggen zur Selbsttherapie. Ich wünschte mir einen guten Platz in der Welt. Aber wo sollte der sein, wenn die Welt aus den Fugen ist? Daher sah ich im Medium Blog eine Möglichkeit der Vernetzung aller, die sich nicht abfinden wollen mit dem Gang in die Dystopie. Meine anfängliche Euphorie ist geschwunden. Aber Veränderungen sind möglich, und alle Veränderungen beginnen mit einem Traum.

Die Nachtschwärmer schrieb ich online in jeweils fünf Etappen. Bis April 2006 entstanden 44 Fahrten. Ich habe die Texte redigiert und werde sie demnächst als Buch vorlegen. Einen Text verwarf ich, den Weihnachtsnachtschwärmer. Er spiegelt ein Sendungsbewusstsein, das ich nicht mehr habe. Just diese Folge hatte Blogfreundin Marion Wolff (Immekeppel) in guter Erinnerung. Marion Wolff arbeitet bei der Deutschen Welle. Sie hat den Text leicht gekürzt und mit dem Redakteur Rolf Wenkel als Sprecher ein Hörspiel daraus gemacht:


Eine besinnliche Fahrt in den Heiligabend wünscht Ihnen und Euch,
Trithemius

Originaltext hier
1737 mal gelesen

Nachtzug mit Skoptophobie - Trickfilmstudio

Liebe Kundinnen und Kunden,

gleich wrdsch mer ehmd de Stimmbändor durchn Honischdopf ziehn, nu, äh, infiziert ... heute werde ich meine Stimmbänder ölen und aus dem Nachtschwärmer-Manuskript die ersten Folgen lesen. Sie werden die Rauhnächte über zu hören sein - zur Einstimmung auf das kommende Buch im Teppichhausverlag. Und natürlich werd 'ch ni Sächsisch sprechn duhn, sondern man wird allenfalls meinen rheinischen Tonfall heraushören können. Die ersten Nachtschwärmerfahrten rollen mit einer Draisine über das Gleisnetz einer Güterbahnlinie von Aachen nach Belgien.

Einstweilen die Neubearbeitung einer Eisenbahn-Gifgrafik als Video. Suchen Sie keinen Sinn darin, finden Sie höchstens einen, muss aber nicht. Viel Vergnügen, Ihr Trithemius

1528 mal gelesen

Langweiliges Paradies - aus der Serie: Kopfkino

Angenommen, wir beide wären Außerirdische, du und ich. Wir kämen zufällig an der Erde vorbei und würden uns sagen, wir wollen mal gucken, was da so alles passiert. Zuerst würden wir aus dem Orbit im Internet stöbern, und dann, um uns mit der Weltbevölkerung bekannt zu machen, lassen wir uns eine E-Mail-Adresse geben. Das erste, was in unserer Raumkapsel eintrudelt, ist die liebenswerte Begrüßungsmail des E-Mail-Anbieters, und direkt darauf kommt diese Mail:

Interssant für Außerirdische

„Kostenloses Girokonto: Mit Zufriedenheitsgarantie + 30,- Euro Media Markt-Gutschein!“
Manometer, wie wir Außerirdische zu sagen pflegen, Manometer, kostenlose Zufriedenheitsgarantie und auch noch ein geldwerter Gutschein! - Auf der Erde geht es ja nahezu paradiesisch zu. Beneidenswert, diese Menschen. Aber das reicht uns auch schon, und wir kehren der Erde den Rücken. Solche Paradiese sind doch meistens öde, findest du ja auch.
1663 mal gelesen

Jedermann sein eigner Zeigestock

Mein Mitschüler Paul, ein unruhiger Bauernsohn, immer von einem leisen Misthauch umweht, wird nicht viel aus der Schule mitgenommen haben, außer der Dresche, die er tagtäglich von Hauptlehrer Schmitz bekam. Pro Halbjahr zerschlug Schmitz einen Zeigestock, überwiegend auf Paul. Allerdings zielte der Lehrer nicht, schlug mehr ins Ungefähre, so dass auch Pauls Nachbarn sich unter dem Zeigestock ducken mussten. Wer als erster mit dem neuen Stock geschlagen wurde, gab ihm ungefragt seinen Namen. In den drei Jahren, die ich unter der Fuchtel von Hauptlehrer Schmitz verbrachte, nannte er jeden neuen Stock „Onkel Paul“. Der arme Paul wurde also von sich selbst geschlagen, und traf der Stock mal mich oder einen anderen, dann war’s wieder Paul, der uns wehtat. Er war dann auch gemieden und ist immer etwas kümmerlich geblieben.

Drei Schuljahre saßen bei Schmitz in der Oberklasse. Wer ein bisschen geschickt war, lernte schon im sechsten Schuljahr alles, was der Hauptlehrer in seinen wiederkehrenden Vorträgen zu bieten hatte. Man brauchte während der Stillarbeit nur mit einem Ohr zuzuhören, was Schmitz dem siebten oder achten Schuljahr beibrachte. Aber Paul konnte sich einfach nichts merken. Nur eines hatte sich bei ihm festgesetzt, dass nämlich die Fliege Facettenaugen hat. Tatsächlich hatte er aber nur das Wort Facettenaugen behalten, denn wenn er wiedergeben sollte, was der Lehrer im Naturkundeunterricht ins Heft diktiert hatte, glänzte Paul mit Facettenaugen. „Der Storch hat Facettenaugen“, sagte Paul, die Katze hatte auch welche, selbst der Hase verfügte darüber. Nichts davon wurde je richtig gestellt, denn wenn Schmitz einen Schüler abhörte, saß er mit geschlossenen Augen am Pult, und nur ein leichtes Fingertrommeln verriet, dass er nicht schlief. Das Fingertrommeln jedoch hatte Zeichencharakter, denn solange Schmitz trommelte, musste man reden. Allein auf den flüssigen Vortrag kam es an. Wenn Schmitz dann zum Notenbuch griff und sein kryptisches Urteil hineinschrieb, durfte man sich setzen.

Einmal schlug Schmitz mich aus nichtigem Anlass derart heftig, dass ihm die Uhr vom Arm flog. „Man merkt, dass dir der Vater fehlt!“, giftete er, nachdem er sich an mir abreagiert hatte. Ja, mein Vater fehlte mir, nachdem er plötzlich gestorben war, aber nicht als Prügelmeister. Anschließend durfte ich drei Tage nicht in den Klassenraum, musste im Flur vor der Tür stehen. Außer der Einsicht, dass Willkür und Niedertracht ein schulamtlich verliehenes Privileg war, habe ich nichts Wesentliches bei Schmitz gelernt. Im Gegenteil, er brachte mir bei, das Rechnen zu hassen, denn wenn er übler Laune war, hagelte es Kettenaufgaben als Kollektivstrafe für ein winziges Vergehen. An denen saß man den ganzen schönen Nachmittag. Eigentlich habe ich das meiste außerhalb der Schule gelernt, durch eigene Anschauung und unbotmäßiges Lesen. „Der liest ja soviel!“, sagte Schmitz meiner Mutter, und das war ein Vorwurf.

Tatsächlich las ich nicht nur aus Neugier, sondern auch, um einer Autorität widersprechen zu können, die sich als Hohlkopf entlarvt hatte. Daher rührt mein Zweifel an allen Autoritäten. Damit bin ich immer gut gefahren. Durch glückliche Umstände habe ich nicht mehr Schule erlebt, als ich ertragen konnte. Schon bald war die Setzerei meine Universität, und als ich später studierte, war ich rasch enttäuscht von dem, was mir die ausgewiesene Universität zu bieten hatte. Will sagen, ein wacher Mensch braucht nicht viel Schule, ja, es ist beinah besser, um alle Schulmeister und Universitätslehrer einen großen Bogen zu machen, die sich nicht als kritische Köpfe zu profilieren wissen. Wenn wir die derzeitige desolate Situation im Bildungswesen beklagen, dann sollten wir nicht vergessen, dass nur die Eigentätigkeit des Menschen im Stande ist, ihn zu bilden. Alles andere ist Dressur. Man kann an deutschen Gymnasien mit einer 1,0 aus einer Abiturprüfung gehen, ohne einen einzigen eigenen Gedanken geäußert zu haben.

Derzeit lese ich Ivan Illichs radikale Schulkritik: "Entschulung der Gesellschaft". Es ist ein Werk, das ich jedem empfehle. Illich zeigt, wie Schulen und Universitäten die Unbildung produzieren, wie Schule junge Menschen schon früh in Klassen einteilt und jene aus den unteren Schichten daran hindert, das Selbstwertgefühl zu entwickeln, das erst die Voraussetzung von Lernen und Bildung ist. Illich propagiert das Lernen nach Neigung, das sich am besten in Netzwerken organisieren lässt. Er hat, als er "Entschulung der Gesellschaft" schrieb, noch nichts vom Internet wissen können. Hier lassen sich seine Ideen auf nahezu wunderbare Weise verwirklichen, wenn wir nämlich die Netzwerke des Internets als Chance begreifen, voneinander zu lernen und so unseren geistigen Horizont zu erweitern. Diesem Gedanken ist auch die Idee der offenen Bloguniversität verpflichtet.
Aufruf zu einem Experiment - Freitag, 28. Mai 2010

Ich würde mich freuen, wenn sich hier in nächster Zeit Diskussionen entwickeln zu den unterschiedlichsten Themen, die wir besprechen als Gleiche unter Gleichen. Den Anfang werde ich am Freitag, dem 28. Mai 2010 machen. Das erste Thema soll Ivan Illichs Streitschrift "Entschulung der Gesellschaft" sein. Wer mitmachen will, sollte das Buch vorab lesen. Wenn das Experiment der "Freitagsdiskussion" erfolgreich ist, werde ich sie fest im Teppichaus einrichten. Sie wird dann jedesmal bis zum darauffolgenden Sonntag gehen.

Wir vertrauen nicht der politischen Kaste, wir lassen uns nichts vordenken durch Institutionen und Medien, wir bilden uns.
3351 mal gelesen

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Teppichhaus Trithemius / Teestübchen Trithemius

Aktuelle Beiträge

Jenseits der vertrauten...
„Wenn ein Mensch geboren ist und erste Eindrücke empfängt,...
Trithemius - 7. Apr, 17:26
Der Pohl
Einer, an den ich ein halbes Jahrhundert nicht gedacht...
Trithemius - 5. Apr, 18:25
Einfach zu viele Eier
Traditionell sammelten die Messdiener unseres Dorfes...
Trithemius - 4. Apr, 10:31
Ein Bote wird in den...
Der Schweizer Volkskundler Hanns Bächtold-Stäubli verzeichnet...
Trithemius - 1. Apr, 11:42
Die kulinarische Konsequenz....
Die kulinarische Konsequenz. Gibts Rezepte?
Trithemius - 29. Mär, 07:18
Irgendwann erreichte...
Irgendwann erreichte der Brief, wenn auch nach sehr...
Lo - 29. Mär, 00:14
Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

RSS Box

Links

Suche

 

Kalender

Mai 2026
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 
 

Web Counter-Modul

Status

Online seit 7008 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 10. Apr, 15:04

Credits


Abendbummel online
Bild & Text
dörfliches
Ethnologie des Alltags
Frau Nettesheim
freitagsgespräch
Gastautoren
Hannover
Internetregistratur
Kopfkino
Pataphysisches Seminar
Pentagrion
Schriftwelt im Abendrot
surrealer Alltag
Teppichhaus Intern
Teppichhaus Textberatung
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren