Schriftwelt im Abendrot

Entschuldigen Sie bitte, dass meine Schrift so zittert – Über Wörterbücher und Lemmata (2)

Wörterbücher bilden nicht nur den Wortschatz ab, sie vermitteln auch kulturelle Normen. Zunächst ist das erkennbar an der Lemmalücke, wenn also ein Wort aus dem Alltagsgebrauch lexikalisch nicht erfasst ist, weil es einem Tabubereich angehört. Dass sich die Tabubereiche verändern, zeigt der ‘Schülerduden – Die richtige Wortwahl’, bearb. von Wolfgang Müller, bereits in seiner Auflage von 1977. Unter dem Stichwort ‘onanieren’ lernt der Schüler die Synonyme der verschiedenen Stilebenen, nämlich neben dem bildungssprachlichen ‘masturbieren’ auch fünf saloppe Bezeichnungen, offenbar für den Fall, dass der arme Junge mal in Bezeichnungsnot gerät:

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Pflanzherr, mein Pflanzherr! Über Wörterbücher und Lemmata (1)

Ein Lemma ist das Stichwort des Wörterverzeichnisses. Wenn ein Stichwort des Sprachgebrauchs fehlt, sprechen wir von einer Lemmalücke. Das Wort 'Lemmalücke' ist in vielen Wörterbüchern selbst eine Lemmalücke, was kaum auffällt, denn anders als die Zahnlücke sieht man die Lemmalücke nicht. Lediglich der erste Duden nach der Nazizeit, die 13. Auflage, die ich leider nicht besitze, soll weiße Flecken, also erkennbare Lemmalücken gehabt haben. Als Notbehelf hat man angeblich aus dem Blei der stereotypierten Seiten der 12. Auflage die Begriffe Nazideutschlands heraus gestochen, um nicht alles neu setzen zu müssen.

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Not lindern mit Nägeln – etwas über Etymologie

Über die Schwierigkeit, die Herkunft (Etymologie) eines Wortes oder einer Wendung sicher zu ermitteln, wenn Wörterbücher keine, konkurrierende oder fragwürdige Etymologien angeben, lese man bei Kollegin Cuentacuentos die umfassende Darstellung zum Verb „türken“ für „absichtlich fälschen“.

Das Wort hat gewiss nichts Diskriminierendes, wie eifernde Sprachreiniger glauben, doch über seine Herkunft kursieren eine ganze Reihe von Geschichten. Sicherheit könnte hier nur ein früher literarischer Fund bieten, aber der ist wie jeder Fund eben Glücksache.

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Begraben unter muffigen Perücken: Handschrift braucht Luft

Wie sieht es mit der Zukunft der Handschrift aus? Soll sie tatsächlich abgeschafft werden, wie von manchen Medien behauptet wird? Das Interesse an dieser Frage ist aufgekommen, nachdem vom finnischen Bildungsministerium verbreitet wurde, man wolle an finnnischen Schulen zukünftig nur noch Druckschrift lehren und möglichst früh den Gebrauch der Tastatur trainieren. „Schneller SMS verschicken und Texte auf dem Tabletcomputer bearbeiten zu können, das gehöre jetzt zu den neuen Bildungszielen. Einzelne Buchstaben auf Papier mit der Hand zu verbinden“, zitiert die FAZ, „sei für viele Kinder derart mühsam, dass es zu Schreibblockaden führe. Der Computer löse das Problem und erlaube es den Schülern, sich stärker auf den Inhalt des Geschriebenen zu konzentrieren.“

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Von Bachblüten, dem Stiftehandel und der Zukunft der Bildung

Angenommen, der Begründer der Bachblütentherapie habe nicht Edward Bach, sondern Edward Runkelrübe geheißen und hätte sein Behandlungsverfahren eigensinnig Runkelrübentherapie genannt, dann wäre ihm vermutlich kein Erfolg beschieden gewesen. Denn das Wort ‚Runkelrübe’ ist kaum geeignet auch nur annähernd so schöne Bilder in den Kopf zu zaubern wie ‚Bachblüte’. Als ich erstmals von der Bachblütentherapie hörte, dachte ich nicht an einen britischen Arzt mit leerem Gesicht und Stirnglatze, der gerade mal 50 Jahre alt geworden ist, sondern hatte sogleich ein anheimelndes Bild vor Augen:
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Hab du nur deine Lust ...

Aus dem literarischen Untergrund, Fundstück im Poesiealbum eines Heidelberger Studenten um 1817.
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Inspirierender Merzmensch

Auf dem Allstadtflohmarkt schiebe mich unter einer brennenden Sonne durch die Menschenmasse zwischen den Ständen. Es ist blöd, etwas gezielt zu suchen, wenn ringsum die Bummler und Gaffer kaum vorwärts kommen und Männer wie Frauen, am liebsten in Paaren, im Weg rumstehen und alten Pröll bestaunen, den sie aber nicht kaufen wollen. Ich hingegen suche einen Stand mit alten Postkarten, weil ich mich Freund Merzmensch eingeladen hat, mich an seinem archäologischen Projekt
"Inspiring voyeurism"
zu beteiligen.



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Konnotationen ² und Akzeptanz der Orthographie

„Ich weis schier nicht, was daraus werden will zu letzt, ich zu meinem theyl wais schier nicht, wie ich meine Schulers leren sol, der vrsachen halben, das yetzunder, wo ynser drey oder vier Deutsche schreibers zusamen koment, hat yeder ein sonderlichen gebrauch. Der ein schreibt ch, der andere c, der dritte k, wollte Gott, dass es darhyn komen möchte, das die Kunst des schreibens einmal wieder in rechten prauch komen möchte“,

schreibt der Schreibmeister Hans Fabritius im Jahr 1531 in seinem Büchlein: etlicher gleichstymender worther, aber ungleichs Verstandes

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Konnotationen² – über Bildwerte unserer Schrift

Zum Einstieg in ein faszinierendes Thema ist ein wenig Theorie nötig. Ich muss das mal aufschreiben, um mir selbst freie Sicht zu verschaffen auf ein weitgehend unbeackertes, großes Feld. Lange habe ich mich gewundert, dass die Linguistik sich selten bis nie mit bildhaften Aspekten der Schrift beschäftigt. Heute weiß ich, woran es liegt. Die Vernachlässigung geht auf den Vater der strukturalistischen Linguistik, Ferdinand de Saussure, zurück. Für Saussure ist die Schrift ein sekundäres Zeichensystem und hat sich nicht einzumischen, wenn Erwachsene sich mit Sprache beschäftigen.

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Vom applikationsgestützten Eingang des Menschen in seine selbst verschuldete Unmündigkeit

Gestern habe ich es schon wieder gehört. Ich saß beim Mittagstisch, und gleich nebenan hockten zwei Frauen vertrauensvoll über ihrem Kaffee beieinander und unterhielten sich halblaut. Eine Weile gelang es mir, sie zu ignorieren und keine ihrer Äußerungen zu verstehen, denn ich wollte meinen eigenen Gedanken nachhängen. Doch plötzlich wehte aus dem Redefluss der jüngeren Frau ein deutlicher Fetzen an mein Ohr und wollte partout verstanden werden: „keine Ahnung“. Ausgerechnet: “keine Ahnung.” Gibts nichts Interessanteres zu verstehen? Freilich wurde ich nicht versehentlich hellhörig.

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