Die Papiere des PentAgrion - 2.6 Forschungsreise durch den Kopf und andere Netze

Folge 2.1 Die Macht der Jacke - Folge 2.2 Von den Socken - Folge 2.3 Realer Ruch des Blutes - Folge 2.4 Der Autor ist verwirrt - Folge 2.5 Planet der Postboten

Wie ich da sitze und in ein Buch schaue, blitzt plötzlich die freundliche Abendsonne durch die Bäume vor meinen Fenstern, und ich sehe die Haarstränen vor meinem rechten Auge glitzern. Ich lasse den Kopf gesenkt, schaue nicht hinein in den Sonnenball, sondern will Sonnenlicht auf meinem Haarschopf. Da stelle ich mir vor, es würde durch dringen, in meinen Schädel fallen und ein paar dunkle Kammern erhellen. Bald habe ich Lust, wieder zu schreiben und kritzele unschuldige Papierblätter voll. Sie haben sich nicht direkt beschwert bei mir, aber als ich mit ihnen fertig war, sahen sie doch recht vorwurfsvoll aus und sagten: „Vorher waren wir hübscher!“ Ich gebe zu, sie sind mir etwas wirr geraten, weil die Worte so ungeordnet über mich kamen. Aber auch nach dem Durchkämmen ist nicht jedes am richtigen Platz, vor allem, was die Chronologie der Ereignisse betrifft.

Früh morgens vor einem Café. Am Tisch hinter mir reden zwei Männer. Dann höre ich den in meinem Rücken sagen: „Ich fahre einmal im Jahr nach Thailand, ins Land der jungen Frauen.“ Was für ein Geständnis an einem unschuldigen Sommermorgen um 8:30 Uhr, denke ich, derweil ich sehe, dass mir Lindenblütenblättchen in den Kaffee fallen. Es ist freilich schon recht warm, beinah heiß, trotz der frühen Stunde. Eben im Café an der Theke blieb der schmucken Bäckereifachverkäuferin ein Zwei-Euro-Stück am Daumen kleben, von wo es sich löste, zu Boden fiel und ein bisschen im Kreis rollte. Schwül und klebrig kommt mir auch das Geständnis des Mannes vor. So etwas würde ich nicht dem engsten Freund erzählen. Die Sache selbst tät mich sowieso rundum beschämen. Wie es schien, waren die beiden nicht mal eng befreundet, sondern hatten sich zufällig getroffen. Der Thailandfahrer konnte nicht wissen, wie seine Aussage auf sein Gegenüber wirken würde. Das schien ihm aber nichts zu machen, sonst hätte er es nicht hinausposaunt. Vielleicht verkehrt er üblicherweise mit Männern, die es auch so machen, weshalb ihm die Sache als nichts Besonderes erschien.

Die Wörter in seinem Satz sind das Personalpronomen „ich“ (Subjekt des Satzes), das Verb „fahren“ (Prädikat), die Umstandsangaben der Zeit/des Ortes „einmal im Jahr“/„nach Thailand“, das Bezugssubstantiv „Land“, das Genitivattribut „der jungen Frauen“. An keinem Wort, an keinem dieser Satzteile ist etwas Anstößiges. Das Anstößige liegt nicht im Satz selbst, nicht in seiner grammatischen Struktur. Sprache muss erst mit Bedeutung aufgeladen werden. Der Sprecher verbindet mit seinem Satz offenbar lustvolle Erfahrungen. Mit welcher Bedeutung seine Äußerung vom Hörer gefüllt wird, hängt von vielen Umständen ab, von der Aufmerksamkeit, von der Akustik, vom Vorwissen und von der moralischen Haltung, von der Situation, vom sprachlichen Kontext, von der emotionalen Stimmung, von Gestik und Mimik oder deren Abwesenheit.

Ich habe diesen kurzen Abschnitt vorausgestellt, um einige Aussagen aus den Papieren des PentAgrion verständlich zu machen, zumindest aber so zu bebildern, dass du mir nichts nachsagen kannst, höchstens, „Danke, das wäre nicht nötig gewesen, ich kann selber denken.“


Menschensprache und die sekundären Medien
(aus den Papieren des PentAgrion)

Jedes Wort der Menschensprache ist seinem Wesen nach neutral. Deshalb ist die Menschensprache grundsätzlich ein perfektes Kommunikationsmedium. Eine jede Schriftsprache verfügt über Millionen Wörter. Ein Teil davon ist in Wörterbüchern verzeichnet und steht theoretisch jedem Sprecher zur Verfügung. Darüber hinaus kennt jedes Mitglied der Sprachgemeinschaft eine Fülle weiterer Wörter, die aus unterschiedlichen Gründen nicht lexikontauglich sind oder noch in Warteschleifen hängen. In der Praxis ist der Sprachschatz dem Sprecher aber nur in Teilen zugänglich. Wollte jemand etwa zwei Millionen Wörter seiner Sprache sprechen und nehmen wir für jedes Wort die Zeit von drei irdischen Sekunden, dann wäre er (3 * 2 000 000) / 60 = 100 000 Stunden damit beschäftigt, was
(((3 * 2 000 000) / 60) / 24) / 365 = 11.4155251 Erdjahren entspricht. In diesen 11 Jahren hätte er nicht kommuniziert, sondern nur Wörter geleiert. Im Regelfall geht der Umfang des Wortschatzes aber weit über zwei Millionen Wörter hinaus. Hinzu kommen Wörter aus den Dialekten, aus unzähligen Fachgebieten, aus Sonder- und Gruppensprachen, Augenblicksbildungen sowie private, idiomatische Ausdrücke. Diesen gewaltigen sprachlichen Ozean zu durchmessen, ist in einem Menschenleben praktisch unmöglich, auch wenn einer den Mund noch so voll nimmt.

Ein durchschnittlicher Sprecher beschränkt sich etwa auf 10.000 Wörter. Sie sind sein aktiver und passiver Wortschatz. Den letzteren benutzt er nicht, aber versteht die darin enthaltenen Wörter. Man sollte annehmen, dass der Mensch danach trachtet, seinen aktiven Wortschatz ständig zu erweitern, denn es brächte eine Verfeinerung der Denkgewohnheiten mit sich, würde mithin sein Denken und Handeln verändern, sein Urteilsvermögen schärfen, ihm ein tieferes Verständnis seiner Welt und seiner Mitmenschen bescheren und seine soziale Kompetenz erhöhen. Tatsächlich aber herrscht in allen Kulturen die Bestrebung, den Wortschatz einzuschränken. Bestimmte Wörter sind aus religiösen, moralischen oder politischen Gründen tabuisiert, bestimmte Wörter und Sätze nur besonderen Gelegenheiten, sozialen Situationen und sprachlichen Kontexten vorbehalten. Manche Wörter tauchen nicht in Fachliteratur auf, andere nicht in erzählenden Texten. Diese Gebrauchsweisen werden angestoßen von den Massenmedien und geraten meist ungefragt in die Alltagssprache. Nach der Herkunft der Sprachmoden wird selten gefragt, denn der Mensch lebt in einer Welt der Konventionen, kann sich kaum vorstellen, dass die Dinge anders betrachtet werden könnten, als er es üblicherweise tut, wie es alle tun.

Der Erweiterung des Wortschatzes steht eine Streitmacht von Verhinderern entgegen. Die geistige Trägheit hat viele Schutzheilige in Schulen, Hochschulen, in den Medien. All diese Sprachverhinderer setzten Normen, schlagen Pflöcke ein, wo nicht weiter gegangen und gedacht werden darf, weit vor den Grenzen des Denk- und Sagbaren. Diese geistige Unterdrückung geschieht nicht aus Bosheit, sie ist nicht das Werk einer weltweiten Verschwörung, sondern entspricht einem systeminhärenten Problem der menschlichen Sprache. Allen Sprachen ist zueigen, dass sie nur für die Kommunikation in kleinen Gruppen taugen, nur taugen, den unmittelbar überschaubaren Bereich zu bewältigen. In kleinen sozialen Gruppen sind die menschlichen Sprachen entstanden, und wie seine Sprache, so der Mensch. Er ist ein Gruppenwesen, versteht nur, was er in seinem unmittelbaren Bereich sehen, riechen, schmecken und hören kann. Seine Weltwahrnehmung formt sich danach, was er mit seinen Sinnen erfasst. Größere Zusammenhänge kann er demnach nicht gut begreifen, will sie auch nicht begreifen, weil sie ihn bei der Bewältigung seiner täglichen Pflichten stören.

Das Gruppenwesen Mensch aber findet sich in einem Staatswesen vor, von dem er nur über Fremdzeugnisse erfährt, also mittelbar über die Fernkommunikation durch die diversen sekundären Medien. Was er davon begreift, ist von Zufällen bestimmt und wird in der Regel nicht kontrolliert durch den Abgleich mit den Fakten. Denn viele der Informationen aus den Massenmedien werden erzeugt in sozialen Zirkeln, zu denen nur Medienvertretern eingeschränkten Zugang haben. Der mediale Einfluss auf den Einzelnen ist enorm. Die irdischen Massenmedien sind gigantische Manipulationsmaschinen, deren Macht täglich wächst. Sie sind die Denkfabriken, in denen der Inhalt der Köpfe erzeugt wird. Sie begründen die Ohnmacht des Menschen, denn wichtig und wirklich, das ist in seinen Augen nur, was den medialen Segen der Denkfabriken erfahren hat. Selten ist es sein eigenes Leben, wo er doch so gerne teil hätte und aufgenommen würde in die Sozialgemeinschaft des globalen, für ihn viel zu großen Dorfes. Seine Tiernatur treibt ihn dahin, wo die Musik spielt. Aber die Musik lockt ihn weg vom eigenen Herd, wo seine Aufmerksamkeit gefordert ist. Aus diesem Dilemma ist dem Menschen nicht zu helfen.

„Aber ja doch!“, hatte Coster bestimmt gesagt, in der Nacht, als wir trinkend in seiner Küche saßen, „natürlich ist dem Menschen zu helfen. Er muss vor allem in alten Büchern lesen. Und das ist durchaus nicht nur literarisch gemeint. Wir müssen auch in den Büchern der eigenen Vergangenheit lesen. Die Erinnerungen sind nicht nur Teil des eigenen gedanklichen Netzwerks; alles, was danach kommt, baut auf ihnen auf und wird beständig von ihnen modifiziert. So wirkt die Vergangenheit zu jeder Zeit auf die Wirklichkeitswahrnehmung ein. Wer freilich nur durch seine übermächtige Gegenwart taumelt und sich von ihr niederdrücken lässt, ohne seine Vergangenheit als Ursache und Wirkung zu betrachten, dem allein ist nicht zu helfen.“

Am Morgen dieser heißen Sommernacht, als er mir ein wenig verkatert schien, wollte er von all dem nichts mehr wissen. Was Costers eigene Themen betraf, so erinnerte ich mich zwar, aber nur ungenau. Vor allem die Fakten waren mir entfallen. Es ist eine meiner Plagen, dass ich mir keine Zahlen merken kann, wie ich überhaupt vieles ziemlich rasch soweit vergesse, dass ich nur noch weiß, dass ich es mal gewusst habe und wo es wieder aufzufrischen wäre. Deshalb brauche ich so viele externe Erinnerungsspeicher. Das zumindest habe ich als meinen Kardinalfehler erkannt und mich darauf eingestellt, mir erst einmal grundsätzlich nicht zu trauen, wenn es um die Einzelheiten einer Sache geht. Und das gleicht die Schwäche aus und bereitet mir eine ruhige Selbstgewissheit. Es ist nicht gut, eine Sache nur halb zu wissen und an ihr Entscheidungen fest zu machen. An welcher Seite setzen denn die Bäume Moos an, an der westlichen Wetterseite oder im geschützten Osten? Da ich das immer wieder vergesse, werde ich mich nie nach dem Moos richten.

Folge 2.7: Große ist kleine Welt
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