Papiere des PentAgrion - 2.4 Der Autor ist verwirrt

Papiere des PentAgrion bd 2
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Folge 2.1 - Die Macht der Jacke - Folge 2.2 - Von den Socken - Folge 2.3 - Realer Ruch des Blutes

Wer nichts in Monschau zu suchen hat, der sollte nicht die Straße hinab ins enge Rurtal fahren. Im Gegenteil, wer da nichts verloren hat, sollte einen weiten Bogen um dieses Städtchen machen. Hallo? Ich sage, lieber nicht hinunter fahren, aber du sitzt schon auf dem Rad und freust dich, dass es prima rollt? Die Freude wird dir noch vergehen, denn der Ort, in den du hinabsaust, über den habe ich schon mehr Schlechtes gehört als ich dir an einem Abend beim Bier erzählen könnte, auch wenn nur ich spreche und du überhaupt nichts sagst. Aber, du trinkst ja kaum Bier, also haben wir auch nicht bei einem Bier zusammen gesessen, und schon schlägst du meine Warnung in den Wind.

Die Straße, hier oben ist sie noch weit offen, freundlich und bequem, je tiefer du ins Tal kommst, umso steiler und enger wird sie. Und auch der Belag ändert sich, oben Makadam, unten grobes Kopfsteinpflaster. Der kleinste, ja der winzigste und unbedeutendste Schrecken, der dich unten beim ersten Anhalten durchfährt, du wirst denken: Schlimm genug, dass ich jetzt hier in Monschau bin, aber noch schlimmer ist die Vorstellung, diesen elend langen Anstieg über die Pflastersteine wieder hoch zu fahren. Da stehst du wie gelähmt. Von beiden Seiten zwängen dich schiefergedeckte Fachwerkhäuser ein. Hier mussten ja früher nur Eselskarren durch, also hat man nicht mehr Platz gelassen. Ein seltsame Sitte der Monschauer ist: Wer da unten in so einem engen Schamott haust, der darf zum Trost sein Auto mit in die Stadt nehmen und vor seinem Haus parken, aber nur ganz eng an der Wand, versteht sich. Trotzdem kommt man da nur noch im Gänsemarsch vorbei, und wehe, es gibt Gegenverkehr von einem Hund z.B., dann heißt es aber: Mach dich dünn so gut du kannst. Und den Leuten erst komm lieber nicht in die Quere. Die sind hartmaulig. Die können eine Distel quer fressen.

Eine Frage: Was ist eigentlich aus dem Paradies geworden, nachdem Adam und Eva rausgeworfen worden, waren, wurden sind? Ich habe mal einen Stich gesehen, der war, glaube ich von Gustave Doré. Der geniale Doré hat ja fast die ganze bekannte Weltliteratur des 19. Jahrhunderts illustriert, die Bibel, The Raven von Edgar Allan Poe, Don Quijote, Dante Alighieris Göttliche Komödie, John Miltons Paradise Lost, Gargantua und Pantagruel von Rabelais, Balzacs Tolldreiste Geschichten, - und so war auch sein Wahlspruch: „Ich werde alles illustrieren!“ Zeitweilig beschäftigte Doré an die hundert Stahl-, Kupfer- und Holzstecher, die seine Entwürfe in Druckformen umsetzen mussten. Gustave Doré hat garantiert einen stattlichen Engel mit flammenden Schwert und mächtig gerunzelten Brauen stechen lassen. Und vor dem laufen Adam und Eva weg, halbnackt. Sie hält sich nen Fetzen vorn Leib. Der Engel guckt noch, ob sie auch wirklich abhauen, löscht sein Flammenschwert in der Schwertscheide und dann wirft er die Tür zum Paradies von innen zu. Und jetzt? Wird die ganze Prachtanlage abgerissen? Wenn nicht, steht sie unendlich lang leer? Oder sitzen da schon ein paar Mümmelgreise rum und spielen Karten?

Übrigens ein Tipp, wenn du mal nicht so gut drauf bist. Eine wirksame Methode habe ich jüngst herausgefunden. Du machst einfach mal eine ganze Weile Dinge, die verboten sind, außer Morden und Brandschatzen natürlich. Du könntest zum Beispiel mal kiffen, den ganzen Tag nackt herumlaufen, ungesunde Sachen essen oder ein Gedicht auf deine Socken im Wäscheschrank machen und ihnen das Ergebnis laut vortragen, wobei ich jetzt nicht weiß, ob es wirklich verboten ist, den eigenen Socken Gedichte vorzulesen. Deine Stimmung wird sich heben, augenblicklich, spätestens nach dem Sockengedicht. Wenn dann noch draußen ein ordentlicher Regenguss niedergeht und du nicht nass wirst, sondern angenehm erschauernd aus dem Fenster siehst, wie Bäume, Büsche und selbst die elendsten Gräser sich freudig dem Regen entgegenrecken … Ehrlich gesagt, die Gräser halten nicht lange durch. Grad haben sie einen ordentlichen Guss empfangen, legen sie sich auch schon lang.

Mir tut gerade was schrecklich weh. Nein, es ist nichts Organisches. Ich glaube, ich hatte mich in die Postbotin Gina Enport verliebt, aber das Schlimme daran ist, ich habe sie mir vermutlich nur eingebildet. Man kann sich manchmal nicht vertrauen, also sich selbst, meine ich. Die Papiere des PentAgrion habe ich sehr wohl im Internet gefunden. Mir ist klar, dass ich nach dem Geständnis eben nicht gerade der Glaubwürdigste bin. Aber andererseits, du hast die Zitate aus den Papieren gelesen, die ich veröffentlicht habe. Also, dich gibt’s, oder? Auf deinem Bildschirm hat dann auch alles gestanden, du hast es lesen können und kannst es immer noch lesen, wenn du die Seiten aufrufst. Diese Texte habe ich also nicht geträumt, und ausgedacht habe ich sie mir erst recht nicht. Solch komplizierte Sachen passen gar nicht in meinen Kopf rein. PentAgrion gibt es wirklich, nur dass er die Postbotin Gina Enport sein soll, das glaube ich jetzt nicht mehr.

Tut mir leid, wenn ich dich jetzt betrübt habe, aber ich hatte dich darauf hingewiesen, du solltest lieber nicht hinab in das Städtchen Monschau rollen. Es ist übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit dem echten Städtchen Monschau in der Nordeifel. Ich war nur zu durcheinander, mir einen anderen Namen auszudenken.

Uff, das zieht in den Beinen. Ist das schwer, den steilen Berg wieder hoch zu radeln über die hubbeligen Pflastersteine. Wer die wohl alle verlegt hat von den Knien aus? Naja, hier liegt alt neben jung, denn wie man sieht, wurde häufig nachgebessert. Oder auch nicht wie bei dem Schlagloch da vorne. Ich habe mich schon immer gefragt, wieso sich die Steine im Kopfsteinpflaster nicht irgendwann mal so richtig aneinander angleichen, blankgehobelt von hundertausend Paar Füßen. Weißt du, warum das nicht gelingt? Die Menschen haben zu kleine Füße, die rutschen damit immer in die Rillen, und das rundete die Kopfsteine ab, statt sie zu egalisieren. Man müsste also kleinere Steine nehmen, aber das wäre vermutlich zu teuer. Die erste Generation müsste Unsummen aufbringen, ohne selbst was davon zu haben, weil sich die Steine ja höchsten nach zwei bis drei Generationen erbaulich abgeschliffen haben. Wer wollte für seine Urenkel soviel Geld ausgeben, nur damit deren Füße mal von glatten Steinen geschmeichelt würden. Es weiß doch kaum einer, ob er einmal Urenkel haben wird. Und für fremder Leute Urenkel muss man nun wirklich kein Geld ausgeben. Das ganze ließe sich also nur über deutlich größere Füße glätten. So Schuhgröße 84, das würde wohl reichen. Vielleicht bringt die Evolution ja mal solche Leute hervor, die quasi mit ihren großen Füßen für ihre Urenkel abstimmen.

Ich gebe zu, dass ich Quatsch erzählt habe. Aber es geschah zu deinem Nutzen, denn ich wollte dich von dem anstrengenden Anstieg ablenken. Wenn du nämlich glücklich wieder oben bist, erinnerst du dich kaum noch daran, wie weh es unterwegs getan hat, sondern nur an die Sache mit den Pflastersteinenurenkeln.

Folge 2.5: Planet der Postboten
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