Abendbummel online - Magisches Denken und zwei Richtungen der Kette

Abendbummel Animation01Eine frühkindliche Erinnerung an magisches Denken: Ich muss noch sehr klein gewesen sein, da erwachte ich einmal aus einem mittäglichen Schlaf. Die Sonne drang schummrig durch die zugezogenen Vorhänge, und in diesem Zwielicht sah ich am Fußende meines Bettes einen Löwen liegen. Er schaute mich an und schien darüber zu wachen, dass ich nicht vorzeitig aufstand. Das machte mir so große Furcht, dass ich erstarrt im Bett liegen blieb und wartete, bis meine Mutter mich erlöste. Sie zeigte mir, dass ich den Faltenwurf der Zudecke für einen Löwen gehalten hatte.

Daran wurde ich heute erinnert, als ich vom Café Egmont in der Pontstraße seitlich über den Markt nach Hause bummelte. Es gibt dort ein seltsames Geschäft, das Möbel, Einrichtungsgegenstände und Skulpturen im pseudo-morgenländischen Stil anbietet. Die Sachen sind reichlich teuer und finden gewiss ihren Platz in repräsentativen Häusern, zu denen nur wenige Zugang haben, - wenn sie nicht den Dienstboteneingang nehmen. Vor diesem Geschäft war an einer Säule ein lebensgroßes graues Krokodil angekettet. Das Abendlicht ließ die Kette silbern aufblitzen, und für einen Moment dachte ich, das Krokodil sei angekettet, damit es keine Passanten beißt.

Es hat sich jedoch nicht gerührt, als ich vorbeiging. Über solche Momente magischen Denkens freue ich mich. Sie beflügeln die Phantasie, denn nichts kettet die schöpferischen Kräfte mehr als das nüchterne Betrachten der Dinge. Doch man muss frei wählen können zwischen den Weisen zu denken, was uns zum Beispiel vom mittelalterlichen Menschen unterscheidet, der auch in der christlichen Religion überall magische Erscheinungen witterte.

In den mittelalterlichen Kirchen lag die wertvolle Bibel an einer Kette, um sie vor Dieben zu schützen. Selbst Luther fand in Erfurt die Bibel noch „angekettet wie ein Hofhund“. Dass die Bibel in Ketten lag, wurde vom unkundigen Volk für verdächtig gehalten, und man mutmaßte, die Bibel müsse angekettet sein, weil sie für das einfache Volk gefährlich sei.

Nicht immer weiß man, wovor eine Kette schützt. Gerade hatte mich das Krokodil unbehelligt vorbeigelassen, da stieg aus einem schwarzen Mercedes der Eigentümer einer berühmten Aachener Printenfabrik, schob sich ein silbern blitzendes Handy unter die dauergewellte graue Mähne, sprach wichtige Sachen hinein und eilte in eine Parfümerie. Sein Fahrer und Bodygard folgte ihm einige Schritte und lungerte dann in der Nähe des Autos auf dem Bürgersteig herum. Da dachte ich, dass es seltsam sein muss, auf Schritt und Tritt von einem bulligen Mann begleitet zu werden. Ein A- oder B-Promi, der keinen Gang mehr ohne Bodygard tut, ist auch ständig unter Beobachtung und irgendwie angekettet. Die Kette wirkt hier in beide Richtungen.

Guten Abend
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Abendbummel online - Die hohen Schuhe wären nicht nötig gewesen

Heute bin ich zweimal beim Radfahren von einer Frau überholt worden. Die erste habe ich ziehen lassen. Sie war in Sportkleidung. Später jedoch rauschte eine Mutter mit leerem Kindersitz auf dem Gepäckständer an mir vorbei und lächelte überlegen, als sie auf meiner Höhe war. Sie trug auch noch hohe Schuhe. Da wunderte ich mich, denn ich war zügig gefahren. An einer Wegkreuzung habe ich sie wieder überholt, weil sie einen kleinen Umweg machte. Um die Schmach nicht noch einmal zu erleben, bin ich schneller gefahren und habe sie abgehängt. Jedenfalls wähnte ich mich bald allein auf der windigen Vennbahntrasse. Und da ich nicht verschwitzt im Institut ankommen wollte, fiel ich wieder in meinen alten Trott, zumal ich noch ein wenig die Landschaft genießen wollte, das Wechselspiel des Lichts unter den jagenden Wolken.

Diesen Teil der Vennbahntrasse fahre ich besonders gern. Er ist ein bisschen wellig und geht leicht bergauf. Doch zunächst taucht man in einen schnurgeraden Abschnitt, der links und rechts von halbhohen Bruchsteinmauern begrenzt ist. Darüber wölbt sich ein dichtes Blätterdach. Hier ist es stets ein wenig feucht und deutlich kühler als unter dem Himmel. Man fährt über nasse Blätter und kleine Zweige, die vom Sturmwind der letzten Tage herabgerissen wurden.

Weit hinten lockt hell
der Ausgang aus dem grünen Dämmer des Kanals. Es geht hinaus auf einen Viadukt, der in beachtlichen Bögen aus Bruchstein das Tal eines kleinen Flusses überspannt. Das schwarzbunte Vieh unten auf den Wiesen trampelt manchmal hindurch, und so sind die Ränder des Flüsschens schlammig ausgefranst.

Vennbahntrasse01

Drei Fugenrinnen hat die betonierte Fahrbahn der Brücke. Dort rumpelt es ordentlich, weil sie mit den Jahren etwas abgesackt sind. Links öffnet sich der Blick auf ein zweites Tal. Da gehen die Wiesen steil hinab, und für die Pferde dort wäre es bequemer, wenn sie zur Bergseite hin kürzere Beine hätten. Auf der anderen Talseite ragen aus dem Gebüsch die rötlichen Klippen eines Steinbruchs auf. Auch dieses Tal ist von einem Viadukt überspannt, denn von Osten schwingt eine weitere Bahnlinie heran. Anders als auf der Vennbahntrasse liegen dort noch Gleise. Der Nachtschwärmer ist vor gut einem Jahr darüber gerollt, von Walheim zur gallo-romanischen Kultstätte Varnenum.

Hinter einer Biegung taucht man erneut unter ein Blätterdach, und dann kommt von links aus einer Schneise das alte Gleis heran und begleitet die Vennbahntrasse. Und grad als ich am Gleiskörper entlang fuhr, die Schwellen und den Schotter kaum noch sah und dachte, „bald ist alles vom Gras überwuchert, dann könnte auch die Nachtschwärmer-Draisine nicht mehr rollen“, in diesem Moment strampelte die Frau mit dem Kindersitz hinten drauf an mir vorbei, lachte mich an und rief: „Da bin ich wieder!“
Ich hab mich erschreckt und aus tiefem Herzen gesagt: „Heute sind die Frauen stark.“
„Der Wind ist stark!“ rief sie zurück. Und als sie schon ein ganzes Stück enteilt war, verstand sie erst und rief: „Ach so, die Frauen sind stark!“

Vennbahntrasse02

Über einer kleinen
Straßenbrücke kreuzt die Vennbahntrasse das Gleis und hat auch eine steil gewundene Abfahrt zur Straße hinunter. Da musste ich abbiegen. Als ich unter dem Brückengewölbe hinab in den Ort sauste, da wurmte mich vor allem, dass die Frau kein bisschen verschwitzt ausgesehen hatte oder, um es feiner auszudrücken: Das bisschen, was sie transpirierte, wurde vom Wind verblasen.

Frauen sind eindeutig von der Natur begünstigt. Das hat ja schon Frau Nettesheims Vorfahr Agrippa gesagt.

Guten Abend
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Die Mördergrube des Herzens ist manchmal undicht


Auch in den
Redaktionen konservativer Zeitungen wie der F.A.Z. und der Welt gibt es linksliberale Journalisten, und umgekehrt gibt es rechtskonservative Journalisten in linksliberalen Zeitungen. Wer als Journalist die Chance bekommt, in einer der großen Zeitungen zu arbeiten, nimmt die Ausrichtung seiner Zeitung in Kauf. Es reicht ja, wenn gelegentlich ein bisschen vom eigenen Geist zwischen den Zeilen hervorblitzt.

Trotzdem ist es erstaunlich, wie der Welt-Chefkolumnist Alan Posener jüngst über den Bild-Chefredakteur Kai Diekmann herzog, denn beide Zeitungen gehören zum Springer Verlag. Allerdings erschien die saftige Polemik nicht in der Welt, sondern in Poseners Weblog. Inzwischen ist der Text auf Intervention des Springerverlags gelöscht worden.

Doch das Internet vergisst nichts. Was hier einmal in die Welt gesetzt wurde, kann auf Jahrzehnte im Netz vagabundieren. Damit muss man sich auch auf der Springer-Vorstandsetage abfinden.

Zeitungs-Weblogs haben sich inzwischen an die Spitze der Aufmerksamkeit in der Bloggerszene gesetzt. Es scheint, als würde der professionelle Journalismus auch hier die Oberhand behalten. Wenn es dabei zu solch hübschen Geschichten kommt wie der zwischen Posener, Diekmann und Springer Verlag, soll es mir recht sein.

Teppichhaus Internetregistratur
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Abendbummel online - Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein, die nachts gut schlafen

Dicke sind in Wahrheit gluecklicherWissenschaftler untersuchen vieles und kommen oft zu erstaunlichen Ergebnissen. Ob sich ein Weihnachtsbaum länger hält, wenn man ihn in Wasser stellt? (Ja, und jeder hat’s vorher schon gewusst.) Oder ob Dicke glücklicher sind als Dünne? (Auch ja, was besonders die Hungernden der Welt gerne glauben werden).

Eine interessantere Behauptung stellt der RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger heute in der Süddeutschen Zeitung auf. Er sagt, die Masse sei klüger als der Einzelne. Der Publikumsjoker bei „Wer wird Millionär“ sei zum Beispiel erfolgreicher als der Telefonjoker. Vielleicht liegt es daran, dass das Publikum bei den eher einfachen Fragen zu Rate gezogen wird. Hier ist die Mehrheitsmeinung die beste. Das bestätigt auch ein Test des WDR-Moderators Ranga Yogeshwar. In seiner Sendung „Quarks & Co.“ ließ er die Zuschauer die Anzahl von Liebesperlen in einem Glas schätzen, und die durchschnittliche Schätzung lag ziemlich dicht bei der richtigen Lösung.

Je komplexer eine
Sache, desto dümmer stellt sich die Masse an. So ist Volkes Stimme nicht unbedingt mit politischer Klugheit gesegnet. „Vox populi – vox Rindvieh“, hat Franz-Josef Strauß über sein Wahlvolk gesagt. Die Tatsache, dass er über viele Jahre unumschränkt in Bayern herrschen konnte und sein Ziehsohn Edmund Stoiber ebenso, scheint seinen Befund zu bestätigen.

Komplexere Fragen erfordern
Wissen, oft sogar Expertenwissen. Wer nicht darüber verfügt, entscheidet notgedrungen aus dem Bauch. Und der Bauch ist nicht sonderlich an komplizierten Weltfragen interessiert, sondern will in erster Linie gefüllt sein. Doch auch wo Sachverhalte eigentlich überschaubar sind, verhält sie sich die Mehrheit oft irrational. Ein Jahr ist’s her, da wurden in Deutschland viele Millionen Tiere vorsorglich gekeult, um die angebliche Gefahr durch die Vogelgrippe abzuwehren, derweil in Deutschland 15.000 Menschen an der Humangrippe verstarben, keiner jedoch an der Vogelgrippe. Es hat wegen der sinnlosen Keulerei keinen massenhaften Aufschrei des Abscheus gegeben, wohl aber, nachdem in Bayern ein Bär abgeschossen wurde. In diesem Jahr trieb man Wiedergutmachung für des Baren unwürdigen Tod und entdeckte die Liebe für einen Eisbären.

Aus der Psychologie ist bekannt, dass Bären, besonders kleine Bären, dem Kindchenschema entsprechen, also an unseren Fürsorge- und Kümmerungsinstinkt appellieren. Der inzwischen abgeflaute Hype um den Berliner Eisbären hatte also humangenetische Ursachen. Die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit wurde zusätzlich geweckt, weil beide Bären einen Namen hatten. Namen machen die Welt für den Menschen leichtfasslich. Das wiederum entlastet sein Gehirn, und das ist bekanntlich der größte Energieverbraucher und somit eine ständige Last für den Bauch.

In der Vergangenheit haben die Bauern ihren Kühen ebenfalls Namen gegeben. Es machte sie zu Individuen. Die moderne Massentierhaltung gestattet diesen Aufwand nicht. Heutzutage haben die Rinderviecher Ohrclips mit Nummern oder gar einen RFID-Chip unter der Haut, der jede äußere Kennzeichnung überflüssig macht. Das erlaubt den entfremdeten Umgang mit dem Tier.

Nicht zu ändern. Fleischproduktion muss sein, denn zum Wohlstand gehören noch immer Fleisch und Wurst. Es ist eine Idee der Kriegsgenerationen, die den Hunger erfahren haben. Unsere Vorfahren glaubten auch, dass dicke Menschen glücklicher sind. Sie nannten es nur anders. Ein dicker Mensch war „stattlich“.

Stellt sich die Frage wirklich, ob man mager und unglücklich sein will oder stattlich und froh? Dieser Gegensatz ist konstruiert, denn der „wissenschaftliche" Befund, dass Dicke "in Wahrheit" glücklicher sind als Dünne, ist keine Nachricht, nach der man sich richten kann. Eine Gesellschaft, in der nur glückliche Dicke herumlaufen, wäre irgendwie surreal. Die "Wahrheit" ist: Der Bauch allein kann nicht dauerhaft glücklich machen. Egal, was man ihm reinpfeift - nach einer Weile knurrt er wieder.

Guten Abend


Zitat in der Überschrift: Julius Caesar bei Shakespeare
Foto: Trithemius
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Einiges über die Grenze des Sagbaren

„Die Stadt wird Zeitung“, schreibt die niederländische Punkdichterin Diana Ozon in einem Gedicht über Graffiti. Ihr Sprayer-Gedicht „Klick klick klick“ entstand in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, als Graffiti noch Botschaften transportierten. Heute überwiegen die unleserlichen Tags, die in etwa die Funktion von Revier- oder „Ich-war-hier-Marken“ haben. Eine Zeitung mit redaktionellen Inhalten ist das Straßenbild einer Stadt heute nicht mehr, sondern ein einziges großes Anzeigenblatt. Die Plakatanschläge dieses Anzeigenblattes werben und informieren nicht nur, sie geben überdies Zeugnis von einer Qualität der materiell verbreiteten Grafik und Schrift, die bei digital verbreiteten Texten fehlt. Die Texte der Wandzeitung altern, wie auf dem Foto zu sehen.

Zuerst war da nur der neutrale Anstrich des Hauses. Dann wurde das unleserliche rote Tag aufgesprüht. Darüber klebt das Plakat eines Aachener Event-Veranstalters. Das jüngste Plakat wirbt für ein Rockpalast-Konzert. Auf dem Kasten darunter sind die Zeitstufen noch dichter gestaffelt. Was nicht mehr gilt, ist überklebt und trotzdem weiterhin präsent, bis alles von Sturm und Regen oder vom Kasteneigner heruntergeholt wird. Dann sind die Plakate weg, und mit ihnen sind ihre Botschaften verschwunden.
Bitte ein wenig Geduld, der Text geht gleich weiter.
Die-Stadt-wird-Zeitung02

Schriftwelt im Abendrot
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Frau Nettesheim mag nicht konkurrieren

trithemius-Frau-NettesheimFrau Nettesheim
Wann machen Sie die Exkursion zum Pataphysischen Institut? Sie haben es für Anfang Mai versprochen.

Trithemius
Vielleicht nächste Woche, Frau Nettesheim, wenn Professor Coster im Urlaub ist.

Frau Nettesheim
Wieso hat Coster mitten im Semester Urlaub? Davon weiß ich nichts.

Trithemius
War doch nur Spaß, ich wollte Sie ein bisschen ärgern. Die Vorbereitung macht halt viel Arbeit, obwohl der Kurzfilm übers Essen schon seit längerem fertig ist. Eine Bildstrecke für den Fußweg zum Institut habe ich auch schon. Doch zur Zeit habe ich nicht die Muße, die Texte zu schreiben. Und wenn ich ständig zwischen Arbeit und Teppichhaus hin und her switchen muss ...

Frau Nettesheim
„Wenn man viel hineinzustecken hat, hat ein Tag auch viele Taschen!“

Trithemius
Das ist von Nietzsche, nicht wahr? Ich staune, dass Sie den zitieren. Ein Pataphysiker ist er jedenfalls nicht. Allerdings ist es ein hübsches Bild, das gut zu Ihnen passt. Als Frau sind Sie freilich von der Natur begünstigt, denn Frauen können ja verschiedene Dinge gleichzeitig tun.

Frau Nettesheim
So einfach ist das nicht. Jeder kann schließlich Handlungen automatisieren und andere intuitiv erledigen.

Trithemius
Ja, aber indem im Gehirn der Frau Gefühl und Verstand ständig miteinander korrespondieren, ist es irgendwie leistungsfähiger. Man bekommt ja auch nie Recht bei einer Frau, denn ihr Gefühl bestärkt stets die Logik und die Logik bestärkt ihr Gefühl. Gegen dieses Fühldenken ist kein Kraut gewachsen.

Frau Nettesheim
Sie wollen sich rausreden, weil Sie in Wahrheit noch nicht in der Stimmung sind, die Exkursion zu planen. Fangen Sie einfach damit an, die Lust kommt beim Tun.

Trithemius
Da gebe ich Ihnen allerdings Recht. Gerade klingelte die Briefträgerin, und diese Frau finde ich bewundernswert. Wie sie „Die Post!“ in die Sprechanlage ruft und „Danke!“, nachdem ich aufgedrückt habe, daran hört man, dass sie ihre Arbeit mit Freude tut, selbst wenn es gerade junge Hunde, Katzen oder gar Meteorologen regnet.

Frau Nettesheim
Sie hat es automatisiert.

Trithemius
Frau Nettesheim ist eifersüchtig.

Frau Nettesheim
Das werden Sie nicht erleben. Ich konkurriere nicht.
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Abendbummel online - kleine Stilkunde

Wie ich so durch den Regen bummle, warte ich an der roten Ampel, obwohl kein Auto kommt. Man weiß ja nie, ob Kinder zugucken, und denen darf man kein schlechtes Beispiel geben. Und da mache ich mir meine Gedanken über den gestrigen Abendbummel. „Wenn nun Kinder mitlesen, und ich habe gesagt, dass ich die armen Frauen in die Luft sprengen will.“ Da kriege ich ein schlechtes Gewissen, denn man darf natürlich keine Leute in die Luft sprengen. Man sagt schon mal, den oder die könnte ich erwürgen, zum Mond schießen oder so. Das ist nicht ernst gemeint, sondern eine Übertreibung. Die Übertreibung, fachsprachlich Hyperbel, ist ein satirisches Stilmittel.

Leute in die Luft sprengen dürfen nur Präsidenten, die eine Armee befehligen. Und dann heißt das auch nicht in die Luft sprengen, sondern Kollateralschaden. Also stell dir vor, du sitzt mit Mama und Papa und Oma und Opa beim Essen, plötzlich macht es Bumm, und wo Papa und Mama saßen, ist nur noch ein tiefes Loch. Das ist jetzt blöd, doch es war nicht so gemeint, es war ein Versehen und geschah eigentlich zu eurem Schutz gegen Terrorismus. So ein Versehen nennt man Kollateralschaden. Das Wort ist ein Euphemismus, zu Deutsch, ein Hüllwort. Es verhüllt die Tatsache, dass du nur noch ein Bein hast und Mama und Papa zerfetzt wurden.

Politiker benutzen beide
Stilmittel, wie es gerade nützlich ist. Wenn ein Präsident zum Beispiel einen Krieg anzetteln will, dann sagt er, da, wo du wohnst, ist das „Reich des Bösen“. Das ist eine Übertreibung, zumindest hast du bis dahin vielleicht nichts davon gewusst. Ein Politiker kann auch eine Mauer an der Grenze errichten lassen und ihn „antifaschistischen Schutzwall“ nennen. Das ist dann wiederum ein Euphemismus, denn das Wort verhüllt, dass der Schutzwall die Untertanen des Politikers an der Flucht hindern soll. Und damit sie die Mauer nicht kaputt machen, befiehlt er, dass man allen, die sich nicht schützen lassen wollen, in den Rücken schießt.
Brille Fielmann
So, das war schon unsere kleine Stilkunde. Und mach dir nix draus, ja? Übrigens, eines ist tröstlich, auch solche menschenverachtenden Politiker sind irgendwann am Ende. Und dann kann sich jeder über sie lustig machen. Also lach mal, du da mit einem Bein.

Guten Abend

(Foto: Trithemius)
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Der Beruf des Satirikers

Michael-Sostschenko

aus: Michael Sostschenko; Das Himmelblaubuch
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Abendbummel online - Zweimal deutscher Lebenszweck

Abendbummel Animation01Vier Damen an einem Cafétisch planen, im Rudel zu verreisen. „Paris!“, wäre eine Option, doch „ohne die Anhängsel“, und dann wird eingekauft „auf dem Schwarzmarkt.“ Beim Juwelier in Paris hat die eine bei ihrer letzten Rafftour eine Kette gekauft. „Du hast umsonst gelebt, wenn du diese Kette nicht hast!“, ruft sie in die gut gelaunte Runde. Man könne auch zusammen nach Shanghai fliegen, da kenne sie ebenfalls einen guten Schwarzmarkt. Oder der Schwarzmarkt von Nizza wäre gut.

Was für ein Geschnatter, da wird mir glatt der Kaffee ölig. Und mein rechtes Ohr kann sich nicht lösen, im Gegenteil, es wird immer hellhöriger. Dabei muss ich solche Sachen nicht hören. Dann kriege ich Lust auf Anarchismus und will nutzloses hedonistisches Pack in die Luft sprengen. Die mit der Kette hat schließlich ihren Lebenszweck schon erfüllt. Und die anderen haben sie zur ihrer Anführerin erhoben, denn sie sei ja eine richtige „Gangsterbraut“. Angenommen, diese gutsituierte Gangsterbraut würde in Shanghai auf dem Schwarzmarkt von den Triaden entführt. Dann müsste sie von der deutschen Botschaft mit Steuergeldern freigekauft werden, und ich müsste mir ihr Gesicht auch noch in der Tagesschau angucken.

Gegen Mittag konnte ich kaum etwas gucken, denn ich habe ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt, genauer, ich bin mit einem Bus der Aachener Verkehrsbetriebe (ASEAG) gefahren. Die ASEAG ließ mich durch das Innere eines fetten gelben „e“ nach draußen lugen, denn die Busscheiben waren von außen mit einer Werbeaufschrift zugeklebt. Diese kundenfeindliche Aufschrift zieht sich über den ganzen Bus, und man hat die Wahl, von welchem Buchstaben man sich die Sicht nehmen lassen will. Bei der ASEAG denkt man vermutlich, mit dem Bus fahren sowieso nur die drei A: Arme, Auszubildende und Arbeitslose. Wozu sollen die nach draußen schauen, zumal die meisten sowieso stehen müssen. Drei Jungen hielten sich in der Ziehharmonika des Gelenkbusses fest, und der eine erklärte, wieso die Armut in Deutschland wächst. Wenn zum Beispiel eine Tüte Haribo früher eine DM gekostet habe, koste sie jetzt einen Euro. Sein Vater habe früher 3000 DM verdient, und mit dem Euro habe sich sein Lohn halbiert. Darum könne man sich jetzt nichts mehr leisten.

Der Fehler des Vaters ist natürlich, dass er nicht auf dem Schwarzmarkt von Shanghai einkauft oder zumindest auf dem von Nizza. Allerdings besteht im Einkaufen nicht sein Lebenszweck. Seine Bestimmung ist es, für einen Hungerlohn zu arbeiten, damit nutzlose Weiber in der Welt herumgurken und noch nutzloseres gefälschtes Zeug raffen können, um anschließend damit im Café zu prahlen und mir den Kaffee ölig zu machen.

Guten Abend
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Die Religion von der Anbetung der goldenen Kalbsleberwurst


Heute brauchen wir
feste Schuhe und einen Regenschirm, denn was da von Himmel kommt, ist ergiebiger Landregen. Der Einkauf muss erledigt werden, doch wir haben es nicht weit. In dem hübschen Altbau schräg gegenüber wohnt Mike.
„Hallo Mike, das ist ..., sach ma, wie heißt du eigentlich? Na, egal. Wir gehen eh direkt in die Küche. Mach doch mal den Kühlschrank auf! Hm, was haben wir denn da? Die zwei Flaschen Bier gehen mit, … ich hoffe, du machst mir einen guten Preis, Mike. Was wir an deinem Kühlschrank zu suchen haben? Na, was schon: Wir kaufen ein bei Freunden!“
Beste FreundeBei Freunden einkaufen kann man auch im HIT-Markt und muss dafür nur ein Lächeln schenken. So geht es zu im Land der Freunde, das im letzten Jahr sogar die Welt zu Besuch hatte. „Die Welt zu Gast bei Freunden“, hat die FIFA gesagt, darum ist das Freunde-Prädikat quasi amtlich.

Bald werden wir uns vor
Freunden nicht retten können. Die Konjunktur zieht an. Die Werbebeilagen in den Zeitungen nehmen zu. Der Freund hat wieder mehr Geld und will es nicht immer nur „saubillig“.

Manche sagen ja, der Konsum sei eine Religion. Ihre Adepten lieben nicht mehr Gott und Mitmensch, sondern Produkte, also Dinge. Diese Religion hat in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts als Sekte angefangen. Im Jahr 1957 warb Mondial Aperitif: „Liebe auf den ersten Schluck.“ Campari konterte 1969: „Die Liebe kommt beim zweiten Schluck.“ Erst 2003 klärt Andreas Pils apodiktisch: „Liebe auf den ersten Schluck.“ Irgendwie rund und weniger barsch klingt es im gleichen Jahr bei Dab: „Aus Liebe zum Bier.“ Da kann man nur zustimmen: Ich liebe es!

Das wiederum könnte mich eine Abmahnung kosten, denn „Ich liebe es“ gehört seit 2003 McDonald's. Diesen schlichten deutschen Satz haben sich Heye & Partner gewiss teuer bezahlen lassen, denn Liebe auf Hamburger zu reimen, das ist schon hohe Werbekunst. Trotzdem ist die Idee weder abwegig noch neu, denn Liebe geht durch den Magen, und so versprach 1999 die österreichische Firma Groissböck: „Liebe auf den ersten Biss.“ Genauso fluppt die Liebe bei „Käse aus Frankreich“: „Liebe auf den ersten Biss.“, ein Slogan von der Agentur Fröhling im Jahre 2003. Wenn man sich bei der Firma Groissböck über den dreisten Wortdiebstahl geärgert hat, warum nicht eine gute alte „Eckstein“ rauchen? Denn Eckstein ist seit 1953: „Liebe ohne Worte.“ „Gold ist Liebe.“, behauptet der Schmuckhandel 1973. Das ist Quatsch, Gold kann man nicht essen. Wer trotzdem auf Gold herumkauen will, braucht eventuell das Arzneimittel „Silberne Boxberger“: „Gold wert bei träger Verdauung.“ (1978).

Über das emotionale Gefühlsleben seiner Hände und Füße weiß der Mensch nur wenig, so dass man der Behauptung von Adidas: „Zehen lieben diesen Schuh.“ (2005) einfach glauben schenken muss. Für die Hände gilt das schon seit 1963: „Alle Hände lieben Atrix, denn es macht sie schön.“

Die Religion von der Anbetung der Goldenen Kalbsleberwurst wird immer strenger. Seit 2007 fordert sie vom Fernsehzuschauer, dass er seine verliebten Hände faltet, wenn „Magnum Java“ gezeigt wird. Und er soll sagen: „Ich bete es an.“
„Darauf trinken wir einen. Ach, hör mal, Mike, dass wir dir Geld für das Bier geben wollen, war nur Spaß!“

Prost und guten Abend


Zirkus des schlechten Geschmacks
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