Ein dicker Mann am Gummiband - Der Gott der Beredsamkeit fährt Rad - Ohren kauen im Duett

Pataphysische Forschungsreise (5.1) – Durchs Ruhrtal nach Essen - Teil 1.1 - Teil 1.2 - Teil 2.1 - Teil 2.2 - Teil 3.1 - Teil 3.2 -
Teil 4.1 - Teil 4.2

In der Nacht hat es ordentlich geschüttet. Jetzt strahlt der frischgewaschene Morgenhimmel in zartem Blau. Früh bin ich aufgestanden und habe gefrühstückt, denn Frau Max sagt, dass ich bis Essen gut 80 Kilometer zu fahren hätte. Die Sonne malt einen Lichtkegel in den Hof des Hotels. Ich stelle mich hinein und rauche. Dann packe ich mein Rad und breche auf. Kalter Dunst liegt über dem Ruhrtal. An einer Steigung in ein tropfendes Waldstück fährt ein massiger Mann, das Fahrrad einseitig mit einer Packtasche behängt. Ein weißes T-Shirt klebt nass an seinem Rücken. Er hat gerade ein Paar auf Fahrrädern eingeholt, und bevor ich an den drei vorbeifahre, nicht ohne sie mit einem kräftigen „Morgen!“ zu erschrecken, sagt er zu den beiden: „Da bin ich wieder!“

Mich packt der Ehrgeiz, und ich mache eine Weile ordentlich Tempo. Bei mir soll keiner am Gummiband hängen. Bald führt der Ruhrtal-Radweg auf eine Brücke, in deren Mitte ein Bahngleis liegt. Drei Schwäne haben sich aufgemacht, um trockenen Fußes auf das nördliche Ufer zu wechseln. Sie nehmen die Schienen. Offenbar sind sie im früheren Leben Eisenbahner gewesen. Die Kamera habe ich zu Hause gelassen, denn wenn ich dauernd anhalte und fotografiere, komme ich im Leben nicht nach Aachen. Auch ist Fotografieren eine verführerische Technik. Sie schwächt die Erinnerung, indem sie das Wort verdrängt. Aber hier halte ich und knipse das Schauspiel mit dem Handy. Derweil ich die Schwäne verfolge und einen günstigen Kamerawinkel suche, nähert sich wieder der dicke Mann im weißen T-Shirt.

Gänse-auf-Schienen

Donnerwetter oder „Sauaas“, wie der Aachener sagt, der ist beharrlich, und trotz seiner Fülle fährt er nicht schlecht. Doch ich halte Abstand. Hinter der Brücke treffe ich einen alten Radfahrer auf dem Rennrad. Sein runder Tritt beweist, dass er in seinem Leben schon manchen Kilometer gefahren ist. Als er hört, dass ich zum Kemnader See will, beschließt er, mich zu begleiten. Wir rollen flott an der Ruhr entlang, und es dauert nicht fünf Kilometer, und ich kenne die wichtigsten Stationen seines Lebens. Auf den folgenden Kilometern geht er ins Detail, zählt auf, welche Alpenpässe er mit dem Rad gefahren ist und wann und warum er von solchen Touren lassen musste. Es folgen die Einzelheiten seiner Leidensgeschichte. Gelegentlich versuche ich etwas zu sagen, doch Seite um Seite einer gewaltigen Krankenakte wogt heran. Da muss jedes Wort von mir ersaufen. Er ist wie Ogmios, der keltische Gott der Beredsamkeit, dessen Zunge am Ohr des Zuhörers angekettet ist. Er bläst mir die Ohren voll, er quasselt mich bewusstlos. Er quatscht mir ein Ohr blutig. Er labert mir eine Kante ans Bein. Er läuft leer wie ein angestochenes Fass. Aber es ist ein großes Fass, und der Strahl ist gewaltig. Wenn man eine Turbine zwischenschalten würde, könnte der Wortschwall seine Wohnung das ganze Jahr mit Strom versorgen. Hat man diese Form regenerativer Energiegewinnung schon bedacht? Die redseligen Leute des Ruhrgebiets wären eine unerschöpfliche Quelle.

Ich kann mich auf nichts konzentrieren. Das Ruhrtal unter der Sonne zeigt sich von seiner schönsten Seite, bietet herrliche Ausblicke auf bewaldete Hänge, die Ruhr fließt mal still, mal schießt sie über Wehre, mal weitet sie sich zu langen Seen, aber rechts hat sich Ogmios an mir festgebissen und schleppt mich durch Notaufnahmen, Operationssäle und Aufwachräume. Wetter, Herdecke, Witten – nichts davon gesehen. Die Orte bleiben weiße Flecken auf meiner inneren Landkarte. Wir überholen unzählige Radfahrer, aber ich nehme sie kaum wahr. Auf der Höhe von Ortschaften wandeln sich die Ruhrauen zu gepflegten Parks, wo allerlei Volk lustwandelt oder auf Bänken hockt und die lang vermisste Sonne begrüßt. Ich mache Ogmios zaghaft auf schöne Plätze aufmerksam, die allemal einen Grund bieten zu verweilen, doch er sagt: „Nein, ich bringe sie zur Fähre am Kemnader See. Da können Sie Ihren Sohn treffen, aber nicht an der Brücke. Die ist nämlich weggeschwemmt.“ Inzwischen hat er die stattliche Krankenakte seiner Frau aufgeschlagen, und die wird bestimmt bis Kemnade reichen.

An einer Promenade tut sich ein Platz mit Bänken auf. Hier setze ich mich durch und sage, dass ich halten will. „Aber…“, vorwurfsvoll wedelt er mit der Krankenakte seiner Frau, „... wir sind ja erst beim Inhaltsverzeichnis!“ Doch ich bin unerbittlich. Die Krankenakte seiner Frau geht mich nun wirklich nichts an. Da fügt er sich bedauernd und verabschiedet sich mit besten Wünschen. „Vielleicht sehen wir uns ja noch mal!“ „Ja, ja, im nächsten Leben vielleicht!“ Aber wenn ich dann die Krankenakte seiner Frau durchackern muss, bin ich im nächsten Leben lieber ein Schwan, der auf Schienen läuft, weil er vorher ein wasserscheuer Bahnbeamter war.

Na gut, bei Klar-a in Essen werde ich mich rächen und vorlesen, bis denen die Ohren qualmen. Die sollen mich mal kennenlernen im Ruhrpott. Man kann auch einen Bären zanken. Ich drehe mir eine Zigarette, sitze rauchend in der Sonne und genieße die Stille an der Ruhr, esse einen Apfel, telefoniere mit Malte und verabrede mich für 13 Uhr an der Fähre, spreche mit Klar-a und sage, wann ich ungefähr bei ihr sein werde, rufe auch meine liebe Filialleiterin Frau Nettesheim an. Dann hole ich die Karte der Kaiserroute heraus und stelle fest, dass Ogmios mich bis nah an den Kemnader See gebracht hat, quasi im besinnungslosen Zustand.

Plötzlich blitzt ein weißes T-Shirt auf, der am Gummiband flutscht heran und parkt sein Rad neben meinem. Er kommt aus Menden. Das liegt ein Stück noch hinter Fröndenberg. Als ich ihn am Morgen im Wald bei Schwerte zum ersten Mal sah, hatte er also bereits eine ordentliche Strecke hinter sich. Wir sitzen eine Weile plaudernd auf der Bank. Er ist Mitglied im ADFC, einem Verein, der für Radfahrer sein will, was der ADAC für Autofahrer ist. Viele Bequemlichkeiten, die man als Radfahrer hat, gehen auf das beharrliche Einwirken des ADFC zurück. Polizei und öffentliche Verwaltungen verstehen die Straßenverkehrsordnung noch immer als Autoverkehrsordnung. Da bin ich froh im vorbildlichen Hannover zu wohnen und nicht etwa wie er in Menden, wo man kaum Radwege hat. Meine Achtung für diesen Lehrer und Moderator für Verkehrserziehung steigt.

Wir fahren zusammen los, aber er hängt weiter am Gummiband. An jedem Anstieg bleibt er zurück. „Ich bin zu langsam für Sie“, sagt er. „Na ja“, sage ich, „Sie haben einiges hoch zu schleppen.“ Mich wundert, dass er solche Strecken fährt, wöchentlich eine Tour mit dem ADFC macht, und trotzdem seine Pfunde nicht loswird. Aber der Frust über ignorante Verwaltungsmenschen ist wohl groß. Den ertränkt man bei den Zusammenkünften des ADFC in Bier. Pro Jahr verliere er fünf Kilo, sagt er. Seine Schlankheitskur ist also auf mindestens 10 Jahre angelegt. Kurz vor dem Kemnader See trennen sich unsere Wege.

An einem Zulauf mit Fähre und Schleuse steht ein hübsches Fachwerkhaus. Radsportler, Mountainbiker, Tourenradler und Ausflügler sitzen an diesem lauschigen Platz in der Sonne, trinken Kaffee oder Bier, essen Knüppel mit Gerümpel oder nur Bratwurst, nur Pommes rot-weiß, Wespen umschwärmen meine Cola, es ist sehr gesellig. Zwei Radsportler sitzen da, alte Kämpen, und der Kleinere, ein Ruhrpott-Original, unterhält alle Tische. Als sie sich verabschieden, sagt er: "Ich hab noch eine Frau, die steht auf meiner Lohnsteuerkarte, also muss ich da wieder hin.“

Malte ruft an und findet mich nicht. Ich wähne mich am Kemnader See und beschreibe ihm die Stelle. Aber ich bin noch gar nicht am Kemnader See, wie wir viel später herausfinden. Eine große Gruppe Tourenradler hält an. Da baut sich ein weißhaariger Mann vor mir auf und sagt: „Sie ... habe ich heute schon dreimal gesehen!“ Erstaunt schaue ich hoch. „Wirklich?“ „Ja, ich sah Sie überall mit Leuten sprechen. Da dachte ich, der quetscht Leute aus!“ Was? Musste ich vielleicht irgendwen ausquetschen? Einmal habe ich einen Radsportler nach dem Weg gefragt, der mir auf einer schmalen Brücke entgegenkam. Der hatte einen gezwirbelten Schnurrbart, aber nicht mal den musste ich ausquetschen. Und ein leer laufendes Fass kann man nicht quetschen. Auch den Mann im weißen T-Shirt habe ich nicht gequetscht. So lange Arme habe ich gar nicht.

Frau Nettesheim hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Herr zu mir gekommen sei, weil er ebenfalls von mir gequetscht werden wollte. Das aber habe ich nicht bemerkt.


Er ist ein Bauingenieur aus Köln, ein Herr mit Manieren. Zuerst sticht er mich an und wartet höflich darauf, was aus mir denn so herauslaufen würde. Und ich höre mich reden und reden. Dass ich ein reisender Internetdichter sei auf pataphysischer Forschungs- und Lesereise, wobei aus Mangel an Antizipation und wegen des Regens meine Reise erst ab Essen eine Lesereise genannt werden könne, dass ich ein virtuelles Teppichhaus hätte, in dem während meiner Abwesenheit meine Filialleiterin Frau Nettesheim das Sagen hat, aber auch, wenn ich da bin. Erst nach ausreichend bemessenen Nachfragen, die mir das Gefühl geben, ich habe mich leer gequatscht, erst dann sticht er sich selber an: Er habe damit angefangen, Tandemgeschichten zu sammeln, Erfahrungsberichte von Paaren, die sich symbiotisch auf ein Fahrrad hocken. Inzwischen habe er soviel Material, dass ein Buch daraus werden könnte. Mich fasziniert bei Tandemfahrern, dass die Frau grundsätzlich hinten sitzt. "Ja", sagt er, "aber das hat seinen Grund. Tandems sind enorm schwer zu lenken, und den meisten Frauen fehlt dazu die Kraft. Zudem ist der Mann meistens größer, bietet also der Frau mit seinem breiten Rücken einen idealen Windschatten." Die Frau sieht dafür natürlich nicht viel von der Landschaft, hat aber einen freien Blick auf seinen Arsch. Der Bauingenieur ist auch Schachspieler und liebt daran die künstlerische Poesie bestimmter Schachstellungen. "Matt in drei Zügen" und so. Ich verstehe nicht viel davon, erinnere mich nur an die Geschichte von der Schach spielenden Ratte. Die Schachspieler finden nichts dabei, gegen eine Ratte anzutreten, monieren aber, dass die Ratte nicht besonders gut spielt.

Kemnader-see

Malte ruft wieder an. Inzwischen ist er den ganzen Kemnader See rauf und runter gefahren, aber das Schleusenhaus hat er nicht gesehen. Ich gebe der Frau an der Essensausgabe das Handy, sie soll ihm erklären, wo wir sind. Erst danach wird mir klar, dass ich die ganze Zeit an der falschen Fähre gewartet habe. Ohne Handy hätten wir uns vermutlich nie gefunden. So aber starte ich, und wie wir noch erneut telefonieren, schießt einer mit wehenden langen Haaren aus einem Seitenweg, ganz in Schwarz auf einem schwarzen Bike. Mein Sohn. Da ist die Freude groß. Wir haben uns über ein Jahr nicht gesehen. Inzwischen ist heftiger Gegenwind aufgekommen, und mein eigener Sohn muss mir Windschatten geben. Jetzt hänge ich am Gummiband und bin froh, wenn ich an seinem Hinterrad lutschen kann. Malte sagt, wenn ich so lange Pause gemacht hätte, wäre das nicht verwunderlich. Mein Körper wäre schon in die Ruhe- und Erholungsphase eingetreten. Und später sagt er: "Ich glaube, wenn du kein Gepäck hättest, würdest du mich noch langmachen." So spricht ein guter Sohn. Wir haben noch ein ganzes Stück zu fahren bis Essen. Malte tröstet mich: "Ab jetzt ist alles flach." Er kennt sich aber auch nicht aus, denn er wohnt in Mülheim. Und so kann ich nicht murren, als die versprochene Ebene sich wie eine Achterbahn wellt. Erst als wir versehentlich auf die Mountainbike-Strecke geraten, die nicht nur steil in den Wald führt, sondern noch mit scharfkantigen Felsen aufwartet, die kaum zu befahren sind mit Gepäck auf dem Rad, sage ich: "Ein Glück, dass hier alles flach ist."

Fortsetzung: Glücklich bei Klara - Lesung mit Hilfe der Katze - Soziologie der Bürgersteige
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Verwinkeltes im inneren Kino - Traurige Gitarristen - Nie sah ich Bräute breiter beißen

Pataphysische Forschungsreise (4.2) – Schwerte
Teil 1.1 - Teil 1.2 - Teil 2.1 - Teil 2.2 - Teil 3.1 - Teil 3.2 - Teil 4.1

Eigentlich habe ich bis Wetter fahren wollen, denn ich komme gut voran auf dem Ruhrtal-Radweg. Aber als ich am frühen Nachmittag auf Schwerte zurolle, bin ich auf einmal schrecklich müde. Außerdem weiß ich nicht, was Wetter zu bieten hat. Während ich noch überlege, haben meine Neuronen und die Beine längst ausgehandelt, dass ich in Schwerte bleiben werde. Und was da in meinem Kopf klüger ist als ich, lässt mich getrost die Touristik-Information ansteuern. Sie ist im Alten Rathaus untergebracht, zusammen mit dem Ruhrtalmuseum. In einem lichtdurchfluteten Raum mit Ausstellungsvitrinen sitzt vor einer roten Ziegelwand an seinem Schreibtisch ein liebenswürdiger, schrulliger Mann. Offenbar freut er sich über jeden interessierten Besucher. Gelegentlich scheint er beim Sprechen nach innen zu schauen und einen Text abzulesen, der ihm auf die Innenseite seiner Stirn projiziert wird. Der muss so verwinkelt sein wie die Gassen der Schwerter Altstadt.

„Ein Hotel in Schwerte? Hm, hm, da ist die Auswahl wohl nicht groß.“
Oje.
„Da wäre das Hotel Menzebach. Man bereitet dort ein ausgezeichnetes Steak. Aber eventuell haben sie noch nicht wieder geöffnet.“
Oje oje.
„Da wäre noch das Hotel Reichshof.“
Klingt gut.
„Es liegt gleich am Bahnhof an einer, hm, durchaus befahrenen Straße.“
Oje oje.
„Aber sie haben kürzlich in ganz neue Schallschutzfenster investiert.“
Die werden’s nötig gehabt haben.
„Das Gebäude soll wohl, hm, Jugendstil sein.“
Jugendstil-Schallschutzfenster? Etwa „wunderschöne Jugendstilglasarbeiten“ aus Taiwan?
„Das Menzebach liegt näher, direkt in der Altstadt. Ich könnte mal anrufen.“
Wenn sie nur da sind, zur Not kann ich ein Käsebrötchen mit Remou…
„Hm, hm, sie gehen nicht ran.“
Oje oje.
“Sie müssten aber eigentlich wieder geöffnet haben.“
Die Hoffnung stirbt zuletzt.
„Tja, sie gehen nicht ran. Sie könnten es trotzdem versuchen. Wenn das Lokal geöffnet hat, sind sie auch wieder da.“
Wo waren die bloß? Haben sie neue Rinderhälften geholt und halbe Schweine? Egal, ich kann schon jetzt nicht mehr.

Die Leuchtschrift über dem Lokal Menzebach ist eingeschaltet. Ich drücke die Türklinke. Zu. Da hilft auch kein Rütteln. Die Tür ist verrammelt. Also Jugenstilschallschutzfenster am Bahnhof. Das mächtige Haus hat tatsächlich was von Jugendstil. Es liegt auf der Ecke. Auf beiden Straßen braust der Verkehr. Schräg gegenüber ist der Bahnhof. Links daneben ein von Baggern aufgewühltes Brachgelände so weit mein müdes Auge reicht. Die Rezeption ist auf der ersten Etage, sagt die Klingel. O nein, nicht schon wieder! In Gütersloh hätte mich das warnen sollen.

Der Lautsprecher über dem Klingelbrett knistert und eine muntere Frauenstimme ruft: „Ja, ich habe ein Zimmer für Sie!“ Ich steige eine lange Treppe hinauf zur Rezeption. Es ist da fast eine Halle, um die sich die Treppen auf die oberen Etagen winden. Eine echte Jugendstilglasarbeit überspannt das Treppenhaus und versorgt es mit Licht. Eine hübsche Frau lacht mich freundlich an: „Ich bin Frau Max. Wie Max und Moritz!“ Aus Hannover mit dem Fahrrad? Da hätte ich wohl viel Regen abgekriegt. Sie habe gestern auch Radfahrer bei sich gehabt. Deren Schuhe hätte sie mit Zeitungspapier ausstopfen müssen, um die wieder trocken zu kriegen.
„Sie haben denen die Schuhe getrocknet, Frau Max?“ Ich bin glatt ein bisschen neidisch auf die Weicheier. Frau Max lässt mich wählen zwischen einem Standardzimmer oder einem Komfortzimmer.
„Was ist denn der Unterschied?“
„Im Komfortzimmer haben Sie ein Doppelbett.“
„Es macht mich trübsinnig, wenn ich allein im Hoteldoppelbett liege.“
„Das kann auch bequem sein!“
"Möglich, wenn man quer liegen will."
Aber ich nehme das Standardzimmer. Sie gibt mir einen Bartschlüssel, ich durchschreite anheimelnde Gänge, sorgfältig ausgesuchte Farben überall, die wie selbstverständlich mit den architektonischen Jugendstilelementen des Hauses harmonieren, sanftes Licht - das ganze Hotel atmet Gastfreundlichkeit und sicheren Geschmack. So auch mein helles Standardzimmer, das andere Hotels als Komfortzimmer anpreisen würden. Es liegt zum Hof hinaus, und vom Verkehr ist nichts zu hören, obwohl es zwei große Fenster hat.

Später sitze ich frisch geduscht am Markt vor einem Restaurant, tanke Sonne, trinke ein Pils und bin guter Dinge. Vier reife, dicke Damen am Nebentisch schwatzen unaufhörlich und stopfen Tapas in sich hinein. Dann brechen Sie auf, um Eis zu essen. Das müsse jetzt sein. „O doch“, sagt die eine, „ich kann am Eis vorbeigehen.“ Nicht mal ich glaube das. Je mehr Pfunde man zu tragen hat, desto schwerer kann man überhaupt irgendwo vorbeigehen, und wenn sich Restaurants, Konditoreien und Eiscafes heimtückisch in den Weg legen, durch die man sich fressen muss …

Es zieht mich ins anheimelnde Bett. Nach zwei Stunden erholsamen Schlummers nehme ich an der St-Viktor-Kirche mit ihrem schrägen Kirchturm den Weg, der als „Altstadtrundgang“ ausgewiesen ist, schaue mir einige hübsche Fachwerkhäuser an, und wie ich wieder an Markt und Kirche ankomme, ziehen da zwei frustrierte Gitarristen mit ihren verhüllten Instrumenten davon. Sie hatten in der Kirche ein Konzert geben wollen, aber niemand war gekommen. Das entnehme ich dem Gespräch dreier Männer, die diskutierend vor dem Portal stehen. Dabei soll die Kirche doch so eine besondere Akustik haben. Aber wo sind denn die Leute? In der Dämmerung wirken die leeren Straßen mehr als trostlos. Plötzlich ein großes Haus, mit Schieferplatten verkleidet, das "Denk-mal", wo ein emsiges Kommen und Gehen ist. Mittwochs ist nämlich All-you-can-eat-Schnitzeltag im Denk-mal. An der Theke steht man dicht gedrängt, und auch die Tische nebenan sind besetzt. Es gibt einen Raucherbereich auf der ersten Etage, einen bunt erleuchteten Saal voller junger Leute. Ich finde einen Platz auf einer gepolsterten Sitzbank entlang der Rückfront.

Geschäftige Kellnerinnen eilen umher und können doch die Schlemmerwünsche kaum befriedigen. Nie sah ich die Jugend derart saufen und fressen. Man ist nicht ausgehungert, sondern schon jetzt wohl genährt. Rechts von mir sitzt ein Paar vor großen Tellern, und als man sie leergeputzt hat, wird sofort nachbestellt. „Wollt ihr die Gabeln behalten“, fragt die Kellnerin, als sie die zweite Lage auftischt. Na, klar, man hat keine Zeit zu verlieren. Später bestellt der junge Mann noch einen Salatteller, groß wie ein Karrenrad. Bald kommt eine zweite Freundin hinzu, die er selbstgewiss beküsst. Es gibt überhaupt einen Überschuss junger Frauen. Man unterhält sich über Handytarife oder zeigt Fotos, die man auf den Handys hat. Sie sind vermutlich selbst darauf zu sehen, wie sie Fotos zeigen, die sie auf dem Handy haben. Schlag 22 Uhr endet das Gelage. Die Jugend wedelt mit den Portemonnaies. Wahrscheinlich muss man um halb elf zu Hause sein. Neue Gäste betreten den Raum, gutsituierte Paare und launige Gruppen.

Auf dem Weg ins Hotel und noch im Bett versuche ich mir einen Reim auf alles zu machen. Das Schlemmen definiert offenbar den Status. Wer sich den Konsum im "Denk-mal" leisten kann, gehört dazu, wobei der darin versteckte Imperativ freundlich verhüllt, dass voller "All-you-can-eat-Wanst bekanntlich nicht gern studiert. Man ahmt ungeschickt das Verhalten der Eltern nach, ungeachtet der Gefahr, im gereiften Alter nicht mehr an einem Eiscafe vorbeizukönnen. Handytarife, All you can eat und teure Drinks sind die Eckpfeiler einer neuen Jugendkultur, nicht aber Gitarrenkonzerte in Kirchen mit schiefen Türmen.

Fortsetzung:
Ein dicker Mann am Gummiband - Der Gott der Beredsamkeit fährt Rad - Ohren kauen im Duett
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Frau Nettesheim ist irgendwie ...

trithemius & Frau Nettesheim

Frau Nettesheim
Wie kommen Sie dazu, mich in Ihrer Reisedokumentation „meine Freundin“ zu nennen Das besitzanzeigende Fürwort ist mir gar nicht recht. Es sollte „eine Freundin“ heißen.

Trithemius
Wer sagt, dass Sie die einzige Frau in meinem Leben sind, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Sie haben schon lange keine andere Frau erwähnt.

Trithemius
Na, bin ich vielleicht eine öffentliche Person, die ihr Gefühlsleben auf den Rummel tragen muss?

Frau Nettesheim
Über Regen jammern können Sie.

Trithemius
Wie herzlos. Erst waren Sie verschnupft wegen „meine Freundin“, und jetzt, wo nicht mehr klar ist, ob Sie gemeint sind, hauen Sie mich vor den Kunden in die Pfanne. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Heinrich. „Herzerweichend“ hat er im Kommentar geschrieben.

Frau Nettesheim
Kein Wunder, wenn Sie Ihren Jammer so auskosten. Voran kommen Sie auch nicht, schreiben langsamer als Sie Radfahren, sind nicht mal fertig mit dem Beitrag über Schwerte. Nachher verschießen Sie Ihr Pulver, bevor Sie überhaupt zu Ihren Lesungen in Essen und Aachen kommen. Aber Sie schreiben ja sowieso nur für sich, wie Sie der Mitarbeiterin der Aachener Nachrichten in die Feder diktiert haben.

Trithemius
Ach, das haben Sie gelesen. Vorher haben Sie kein Wort über die Zeitungsberichte verloren, nur nach Druckfehlern Ausschau gehalten. Es ist wahr, nach der Lesung im Kerstenschen Pavillon kam Denise Petzold zu mir und sagte, sie habe noch eine letzte Frage: „Für wen schreiben Sie?“ Weil ich auf diese seltsame Frage nicht vorbereitet war, habe ich gesagt: „Zuerst mal für mich.“ Denn ich veröffentliche nichts, was mir selber nicht gefällt. Das aber ist weniger selbstbezüglich als es klingt. Wenn ein Text nämlich mir nicht gefällt, kann ich nicht erwarten, dass er anderen gefällt. Deshalb sitze ich derzeit in Schwerte fest. Der Text ist noch nicht rund, obwohl ich mich heute sehr darum bemüht habe.

Frau Nettesheim
Dann rufen Sie doch Ihre „Freundin“ an. Sie wird Ihnen sicher auf die Sprünge helfen.

Trithemius
Frau Nettesheim, so habe ich Sie ja noch nie erlebt. Was kann ich tun, was kann ich nur tun?

Frau Nettesheim
Sie könnten sich für Ihre Geburt entschuldigen.

Trithemius
Ein Glück. Ich dachte schon, ich müsste mich erschießen.

Frau Nettesheim
Schaffen Sie doch nicht. Sie würden es literarisch ausschlachten wollen, stundenlang daran rumfeilen, und am Ende müssten Sie den guten Vorsatz aufgeben, weil Sie den Text nicht rund kriegen.

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Was Deutschland zusammenhält - Ein Praktikant wird entmachtet - Schwerte ist nicht Schwerte

Pataphysische Forschungsreise (4.1)
Soest – Werl – Wickede – Fröndenberg – Schwerte - ca. 53 km
Teil 1.1 - Teil 1.2 - Teil 2.1 - Teil 2.2 - Teil 3.1 - Teil 3.2

Soest - Schwerte

Meine Moral ist im Keller, was nicht an den anzüglichen Wortspielen liegt, die mir in Soest unterkamen. Die Tour ist verflucht ungesellig. Ich treffe keine Radfahrer, fahre meine Texte spazieren und finde keine Gelegenheit zu lesen. Der ständige Regen zehrt an meinen Kräften. Inzwischen packe ich morgens nicht, sondern stopfe alles nur irgendwie in die Taschen. Ab und zu telefoniere ich mit meiner Freundin und lasse mich ein bisschen ermuntern. Aus Aachen ruft mein Freund Thomas an und fragt, wo ich bin.

„Hinter Werl, es geht bergauf und regnet wie Sau.“
„Ich habe drei Kerzen für dich in St. Foillan aufgestellt, damit das Wetter besser wird!“


Wer solche Unterstützung hat, ist nicht verloren. In Essen erwartet mich morgen Blogfreundin Klar-a, vorher werde ich meinen Sohn Malte treffen, der schon geraume Zeit im Ruhrgebiet lebt und mich ein Stück begleiten will. Das alles tröstet, aber ich kriege kaum noch die Pedale rund. In Werl habe ich mir flüchtig die Innenstadt angesehen, vor einer Bäckerei ein Käsebrötchen gegessen und mir die Fahrradhandschuhe mit Remoulade eingesaut. Regen und Remoulade verfolgen mich hartnäckig. Der Regen wird bald aufhören. Aber der heilige Foillan wird seine Mühe haben, denn das Wetter darf schon seit Tagen ein Praktikant machen. Die Remoulade könnte ich loswerden, indem ich unterwegs etwas anderes esse als Käsebrötchen aus der Bäckerei. Aber inzwischen plagt mich ein wissenschaftliches Interesse. Soll es denn tatsächlich so sein, dass man von Hannover bis Aachen Remoulade auf die Brötchen schmiert? Ist Remoulade am Ende der Stoff, der Deutschland zusammenhält?

Ich möchte nicht wissen, wie viel Remoulade täglich durch die Verdauungstrakte der Deutschen gepumpt wird. Und wo ist die Quelle? Wo entspringt der Strom? Gibt es irgendwo unter der Erde einen schwabbelnden Remouladensee, aus dem er machtvoll hervorbricht? Kann man Boot darauf fahren, ist er am Ende sogar schiffbar und fette Remouladenköche fahren Patrouille? Wann, wie und warum kam die Remoulade in Deutschland an die Macht? Wie gelang es ihr, die regionalen Vorlieben zu überfluten? So eine aufdringliche Soße, die alle Geschmacksknospen versklavt und ungemein träge macht, sollte sie nicht wenigstens erst ab 18 sein? Mit solchen Fragen lenke ich mich ab von der Steigung, die nicht enden will, weil Regen und Gegenwind mich ausbremsen.

Auf dem Höhenrücken biegt ein Weg ab in den Wald. Unten muss das Ruhrtal sein. Ein erhitzter junger Mann auf dem Mountainbike kommt mir entgegen. Ja, ich sei auf dem richtigen Weg. Gleich gehe es steil bergab, und hinter einer Schranke werde der Belag auch besser. Tatsächlich, die Abfahrt über den aufgeweichten Waldweg dauert nicht lange, da gibt der tropfende Wald mich frei, ich sause hinaus und bin in Wickede an der Ruhr. Inzwischen hat St. Foillan den Praktikanten abgewatscht, und sobald ich in den Ruhrtalradweg einbiege, kommt die Sonne hervor. Danke, Thomas! Danke, hl. Foillan! O du herrlicher Sonnenball, mein Herz hüpft! Ich setze mich auf eine Bank und lasse mich bescheinen. Ein Schmetterling fliegt vorbei. Er hat die Regenfluten überlebt, welch ein Glück für unsere Urenkel. Sie müssen sich vielleicht gar nicht von Remoulade ernähren. Jetzt ist die Killersoße auf ihrem Zenit, beherrscht das Land von Ost nach West, von Nord bis Süd. Aber es wird ihr gehen wie dem Toast Hawaii. Dereinst wird sie nur noch Folklore sein, und keiner will sie mehr haben. Wenn jetzt nur nicht in Erikas Kneipe der allwissende Akrobat vom Thekenhocker fällt, einen trunkenen Soester Schmetterling unter sich begräbt und alles verdirbt.

Der Ruhrtalradweg ist eine beliebte Radfahrstrecke. Er ist Teil der Kaiserroute, die von Aachen nach Paderborn führt. Schon sehe ich die vertrauten Hinweisschilder. Zweimal bin ich die Tour von Aachen aus geradelt. Ich treffe eine Familie, Vater, Mutter, eine Tochter, zwei Söhne. Sie sind bis Winterberg im Sauerland mit dem Zug gefahren und rollen von dort mit den Rädern zurück nach Duisburg. „Das ist wie Motorradfahren“, sagt der Vater. Im Ruhrtal muss aber wieder gestrampelt werden. Hinter Fröndenberg ist die Route nicht gänzlich flach. Manchmal ragen Bergzungen bis dicht an die Ruhr. Vor vier Jahren haben ein Freund und ich prima im Fröndenberger "Haus Ruhrbrücke" übernachtet. Heute komme ich aus der Gegenrichtung und erkenne das Hotel erst wieder, als ich auf der Brücke bin, wo der Radweg auf die andere Ruhrseite führt. Wie ich von der Brücke aus zurückschaue, wirkt alles wie früher. Der einzige Unterschied, ich habe mir heute Morgen beim Rasieren ins Philtrum geschnitten, und vor vier Jahren wusste ich nicht mal, wie dieser Bereich zwischen Nase und Oberlippe heißt, was vermutlich der Grund ist, dass ich mich woanders schnitt.

Sich ins Philtrum zu schneiden, das kann entstellen. Als ich noch für die Titanic „Briefe an die Leser“ schrieb, traf ich auf dem Titanic-Buchmessenfest einmal die Zeichnerin Hilke Raddatz. Sie macht die Karikaturen zu den Briefen, wenn ein Prominenter darin vorkommt. Jedenfalls, ach, guck mal, wie schön die Ruhr in der Sonne glitzert. Wie herrlich ist es auf der Sonnenseite des Lebens! Also, da sagte mir Hilke Raddatz, dass bei den Karikaturen der Bereich zwischen Nase und Oberlippe für das Wieder erkennen wichtig sei. Das wusste ich nicht, aber jetzt weiß ich, die Furche in der Mitte dieser Stelle heißt Philtrum, wobei Furche nicht wirklich trifft, denn es ist ja mehr ein sanftes Tal, das sich vor der Oberlippe zum Amorbogen aufschwingt. Der Amorbogen galt in der Antike als wichtige erogene Zone. Sonst würde er auch nicht Amorbogen heißen sondern vielleicht Oberlippenbraue. Oder Schwerte. Das ist aber nicht der sanfte Ausläufer des Philtrums, sondern unser Zielort, ein altes Ruhrstädtchen mit einem schiefen Kirchturm.

Man kann übrigens Schneider heißen und später Schwerte. Der ehemalige Rektor der RWTH Aachen hat es vorgemacht. Als eifriger Nationalsozialist war er Mitglied der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe gewesen. Da hat er Hans Ernst Schneider geheißen. In den Nachkriegswirren ist er untergetaucht, seine Frau ließ ihn für tot erklären, und bald kam er als Hans Schwerte wieder ans Tageslicht und machte an der Hochschule Karriere. Es gab Mitwisser, doch man ließ ihn gewähren, behängte ihn sogar mit dem Bundesverdienstkreuz. Er war bereits 86 Jahre alt, als er von Reportern des niederländischen Fernsehens enttarnt wurde. Psychologisch interessant ist die Form des Namenswandels von Schneider zu Schwerte. Mit dem Schwerte schneiden. Bei solchen Assoziationen kriegt man das Gruseln


Ich ärgere mich, dass ich bei Schwerte immer an diesen Kerl denken muss. Das hat die Stadt nicht verdient. Die Menschen dort sind freundlich, wie überhaupt an der Ruhr. Jedenfalls kann ich über Schwerte nur Gutes sagen, aber zwei Punkte wären anzumerken:

1) Die Kirche mit dem schiefen Turm ist kein guter Veranstaltungsort.
2) In Schwerte finden rätselhaft surreale Schlemmerorgien statt.


Fortsetzung: Verwinkeltes im Inneren Kino - Traurige Gitarristen - Nie sah ich Bräute breiter beißen
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Ein Prost auf Soest - Brillanter Grund für Vandalismus - Sternstunden des Wortspiels

Pataphysische Forschungsreise (3.2) Soest
Teil 1.1 - Teil 1.2 - Teil 2.1 - Teil 2.2 - Teil 3.1

FahrtenschwimmerIn einer kleinen Soester Kneipe sehe ich erstmals auf dieser Reise eine Einrichtung im Gelsenkirchener Barock. Ich setzte mich auf einen Hocker an die Theke. Über dem Flaschenregal hängen Schalker Fanschals, rechts von mir blinkt und blubbert verlockend ein Spielautomat, aus den Lautsprechern schmalzt Wolfgang Petry. „Wolle“ hat zwar im Jahr 2006 seine Karriere beendet, aber seine Ohrwümer werden ihn in solchen Kneipen Jahrzehnte überdauern. Ich mahne mich, wenigstens auf zwei Bier zu bleiben. Immerhin bin ich besser dran als ein Ethnologe im Busch, dem der Dorfälteste fette Maden anbietet. Oder auch nicht. Denn Maden ringeln sich nicht in die Ohren.

Hinter der Theke steht eine verblühte Blondine. Auf der Rückseite ihrer hellen Jeansjacke ist mit silbernen Pailletten ihr Name aufgestickt. Wir nennen sie Erika, was aber nicht ihr richtiger Name ist. Ein fest gezurrter Gürtel bändigt nur unzureichend ihren Bauch. Die silbrig flitternde Erika hat fünf Gäste. Einer sitzt ganz in der Ecke hinter einer schmiedeeisernen Abtrennung und beobachtet schweigend das Geschehen. Ein zweiter sitzt trinkend hinter mir an einem der zwei Tische und kommentiert gelegentlich Dinge, die sich in seinem Kopf abspielen. Neben mir hat sich ein langer, dünner junger Mann akrobatisch auf den Hocker gefaltet. Ab und zu macht er hektische Bewegungen, holt ein Bein auf den Schoß zurück, das ihm entglitten war oder beugt sich nach seiner Zigarette, die ihm hinter die Fußstange gefallen ist. Er ist guter Dinge, lacht immer wieder vor sich hin wie ein Gott, der das ganze Weltgeschehen überblickt und all die Dinge versteht, die den Menschen verborgen bleiben, etwa: „Du bist noch nicht soweit, Erika, hehe, du bist noch nicht soweit!“

Das findet Erika auch. Sie pendelt einstweilen die wenigen Schritte zwischen Zapfhahn und Stirnseite der Theke. Dort sitzt ein Mann, der unaufhörlich auf sie einbrabbelt. Angenommen, du machst eine Zeitreise in das Mesozoikum und zertrittst da unachtsam einen Schmetterling. Dann kehrst du zurück in unsere Gegenwart, zurück in die Soester Kneipe, alles scheint wie gehabt, aber die Sprache der Menschen ist kaum noch zu verstehen. Sie artikulieren, du jedoch hast die Zunge quer im Maul und kannst das Deutsche nur lallen. Da sitzt du an der Theke, säufst ein Bier nach dem anderen und quatschst manisch auf Erka ein, die jetzt zwar Erika heißt, aber als einzige dich noch versteht. Ach, hättest du doch nur nicht den Schmätting zertreten.

Erika zapft mir ungefragt ein zweites Pils, aber das ist die einzige Regung, die sie mir zeigt. Hätte ich mich als Mann in eine Emanzenteestube verirrt, man könnte mich nicht abweisender behandeln. Der Hotelportier empfiehlt mir ersatzweise die Lamäng-Brasserie. Ich gestatte mir von der Homepage zu zitieren:

„Die Lamäng Brasserie Soest präsentiert sich auf 200 m2 verteilt auf 1 1/2 Ebenen mit einer offenen Atmosphäre, in der edle Hölzer, Messing und wunderschöne Jugendstilglasarbeiten interessante Akzente setzen. In den lichtdurchfluteten Räumlichkeiten, die sich durch ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem der Lichtstimmung draußen anpassen, bietet die Lamäng Brasserie für jeden einen brillanten Grund zum Verweilen.“


Jugendstilglasarbeiten? Wer hat die denn gemacht? Ein verfluchter Wiedergänger, ein Untoter aus dem Harem von Gustav Klimt? Das ist ein schöner Kitsch. Meine Herren! Da ist ja Gelsenkirchener Barock noch ehrlicher. Und den absolut „brillanten Grund“ wieder zu gehen, gibt mir das Baguette, das ich unvorsichtiger Weise bestellt habe. Ich beiße rein und schmecke den kulinarischen Höhepunkt all meiner Alpträume: Remoulade. Man hat Glück im verregneten Soest, dass Remoulade mich unmittelbar ermatten lässt, sonst würde ich auch "interessante Akzente" setzen. Dann könnten sie das Baguette von den „wunderschönen Jugendstilglasarbeiten“ putzen, „ausgeklügelt“ illuminiert, versteht sich.

Ich lege mich in
mein Hotelbett und drehe Soest den Rücken zu. Dieses schöne, historische Hanse-Städtchen ist ein kitschiges Geschichtsbuch, in dem Tausende Touristen stumpf herumtappen. Aber sie tun den Soester was an, vermitteln ihnen die trügerische Idee, man müsste ihnen dankbar sein, dass man sein Geld dalassen darf. Die ausländischen Hotel-Betreiber sind die lobenswerte Ausnahme. Das Zimmer, das sie mir gaben, ist klein, aber hübsch, mein Fahrrad steht sicher in einer großen Garage, und das Frühstücksbuffet ist reichhaltig.

Am Morgen regnet es wieder. Im Schaufenster eines Friseurladens hängt das lebensgroße Bild einer lasziven Frau. Sie ist geschminkt wie eine flippige Prostituierte, reißt den Mund weit auf und schreit: „Ich will, dass du kommst!“ Kurz hinter Soest im Dorf Ampen streckt mir von einem Plakat eine hübsche Frau ein Bügeleisen entgegen und ruft: „Ich will Ihnen an die Wäsche!“ Danke, die Sternstunden des Wortspiels haben die falsche Reihenfolge. Erst Bügeln, dann Kommen, aber nicht gegen Geld. Und außerdem will ich endlich ins Ruhrtal.

Fortsetzung: Was Deutschland zusammenhält - Ein Praktikant wird entmachtet - Schwerte ist nicht Schwerte
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Ein Polizist lässt mich klettern - Seltsame Gletscher in der Stromberger Schweiz - Wenig Staub in Soest

Pataphysische Forschungsreise (3.1) Gütersloh – Rheda – Stromberg – Herzfeld – Soest – ca. 60 km - Teil 1.1 - Teil 1.2 - Teil 2.1 - Teil 2.2

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.“ Wer sich diese Kalenderweisheit ausgedacht hat, der trage mal beim Radfahren Tage hintereinander eine Regenjacke, so dass er immer wieder nass von außen wird wie von innen. Und wer wollte behaupten, dass ihm egal ist, ob die Welt lichtdurchflutet ist oder regengetränkt und nebelverhangen? Wenn man bei Regen durch ein Waldstück fährt, droht der Trübsinn, denn es ist einsam und duster unter tropfenden Bäumen. Die Wege sind aufgeweicht, die Reifen schmatzen durch Schlamm oder tauchen in unwägbar tiefe Pützen. Der Rollwiderstand ist höher, vor Kurven muss man abbremsen, dahinter wieder beschleunigen, kurzum, eine Regenfahrt kostet mentale und physische Kraft.

Aus einem asphaltierten Waldweg kreuzt ein neuer VW-Kleinbus mit Hamburger Nummer, ein Mietwagen, vollbesetzt mit Männern, die mich hohläugig anschauen. Vielleicht eine Drückerkolonne, die auf einem Waldparkplatz übernachtet hat? Sie sind jedenfalls nicht auf Vergnügungsreise. Bis Rheda-Wiedenbrück sehe ich sonst keinen Menschen. Dort weisen die Fahrradwegweiser allesamt zum Schloss Rheda, und da geht es nicht weiter. Ich setzte mich in den Schlosspark. Die Wolkendecke scheint zum Greifen nah, hält aber ihr Wasser noch. Nach langer Zeit sehe ich mal wieder einen Radfahrer mit Gepäck. Er rollt wie ich bis zur Schlossmühle und wieder zurück zu den Wegweisern, wo ich ihn später antreffe, wie er ratlos seine Karte studiert. Es gibt unter den Radfahrern auch ungesellig Typen. Er ist einer, interessiert sich nur für seine Karte. Da habe ich keine Lust, ihm zu helfen, obwohl ich nach wenigen Metern durch die Altstadt den für ihn richtigen Wegweiser finde, er aber in die falsche Richtung strebt. Soll er suchen, bis er schwarz wird.

Ich sehe eine Polizeistation, gehe mein Sündenregister durch, aber da ich derzeit sauber bin, betrete ich das Gebäude und frage nach einer Radfahrstrecke Richtung Soest. Ein unglaublich zerknautschter Polizist in Zivil ist froh über die Abwechslung, verlässt seinen Schreibtisch und geht mit mir nach draußen. Wo der Amischlitten parke, da solle ich einbiegen, am Kreisverkehr Richtung St.Vit und weiter nach Stromberg fahren. Da geht es steil bergauf. Mein Gepäck will das nicht und macht sich schwer. Ich habe versäumt, die Regenjacke auszuziehen und bin darunter klatschnass, als ich oben in Stromberg ankomme. Hier solle ich noch mal fragen, hat mir der Polizist geraten. Ich spreche einen Mann an, der auf dem Weg in eine Reinigung ist. Oja, er kennt eine schöne Strecke, nämlich durch die Stromberger Schweiz.

Da fährt er manchmal mit seiner Frau. Da käme ich an einem Bauernhof mit einem eisernen Windrad vorbei, dann links und rechts und links, nein rechts, da gehe es den Berg hinunter, irgendwann käme auf der Ecke eine Autowerkstatt, aber das sei schon außerhalb der Stromberger Schweiz, an deren Anfang der besagte Bauernhof liegt, ich führe rechts dran vorbei, an der nächsten Kreuzung dann wieder links, oder ich könnte da auch rechts fahren und erst später links abbiegen. Während seiner interessanten Wegbeschreibung, bei der wir die Stromberger Schweiz von hinten bis vorne durchstreifen, tropft mir unentwegt der Schweiß von der Stirn. Nach einer Viertelstunde stehe ich in einer Lache. Inzwischen haben wir uns hoffnungslos in der Stromberger Schweiz verfahren, und er ist beinah so durcheinander wie ich, als ich mein Fahrrad entschlossen Richtung Stromberger Schweiz lenke.

Mehrmals sehe
ich den Bauernhof und sein eisernes Windrad, mal in der Ferne zu meiner Rechten, dann fahre ich links vorbei, wieder rechts, drehe auch mal eine Ehrenrunde auf dem Hof. Menschen zeigen sich nicht, aber viele Kühe. An einer Wegkreuzung sinke ich orientierungslos auf eine Bank, und die Kuh Nummer 31 gesellt sich zu mir an den Zaun. Solche Gesellschaft ist besser als gar keine. Eine seltsame Farbe und Konsistenz haben die hiesigen Gletscher. Sie sind dunkelgrün, und wenn ich nicht mitten in der Stromberger Schweiz wäre, würde ich denken, es sind Kuhfladen. Die Sonne lugt kurz durch ein Wolkenloch und zeigt mir die Himmelsrichtung. Sofort hebt sich meine Stimmung.

Auf einer Anhöhe liegt ein großes Gehöft. Vor ihm erstreckt sich den Hang hinab eine Hauswiese, groß wie zwei Fußballfelder. Auf dieser Wiese stehen unzählige Gänse. Wäre das eine feindliche Heerschar, die Stromberger Schweiz würde sofort ihre Neutralität erklären. Oben lagern die Gänse dicht an dicht und bilden einen weißen, dräuenden Wall vor dem Haupthaus. Vermutlich können sie St. Martin nicht erwarten oder sehnen Weihnachten herbei. Die Backröhre ist warm, und ihre Daunen haben Aussicht auf ein trockenes Bett. Andere Gänse hängen trotz des trüben Wetters noch am Leben, und so ergießt sich ihre weiße Flut über die Hangwiese bis zum Fahrweg hin. Sogar das angrenzende Maisfeld haben sie okkupiert, stehen da einfach nur rum oder haben sich trotzig in Schlammpfützen gelegt. Als ich in die Landstraße einbiege, fehlt auf der Ecke die Autowerkstatt. Aber ich will nicht in die Stromberger Schweiz zurück, um sie zu suchen. Autowerkstätten findet man auch außerhalb der Schweiz. Nur schade, dass während der ganzen Zeit kein einziger Alpenjodler zu hören war.

Pannenhilfe

Bald bin ich in
Herzfeld. Am Kreisverkehr gegenüber der mächtigen neugotischen Wallfahrtskirche mache ich Pause vor einem Café, sitze für einen Augenblick in der Sonne und bekomme meinen Schlag Remoulade untergejubelt, als ich ins Käsebrötchen beiße. Außer mir ist noch eine dicke Frau draußen. Sie trägt ein T-Shirt, als wäre Sommer befohlen, was aber bekanntlich nur bei der Bundeswehr gilt. Die zivile Welt muss sich mit den Unwägbarkeiten des Wetters herumschlagen. Manche gehen auch bei Sauwetter sommerlich gekleidet. Der Natur auf diese Weise zu trotzen, ist magisches Verhalten, ein kollektives Herbeiwünschen sonniger Tage. Diesen Schlechtwetterverleugnern ist vermutlich zu danken, dass der August 2010 nur der nasseste seit Beginn der Wetteraufzeichnung ist, nicht aber der nasseste August seit der Sintflut.

Es regnet wieder. Ich beschließe zu warten, aber das ist ein Fehler. Was den Kirchturm dunstig verhüllt, ist nur der Vorgeschmack. Bald bietet auch die große Markise keinen Schutz mehr. Bis Soest sind es nur 10 Kilometer, das tröstet. Ich zahle und fahre los. Wenn ich sage, es regnet dicht an dicht, dann scheint mir das Wörtchen „an“ viel zu breit. Da ist Platz für ein paar Hektoliter zusätzlich. Es ist grad so, als wollten mich die Götter ersäufen. Mir klappern die Zähne, und das liegt nicht allein an der holprigen Strecke und den Zweigen, die abgerissen von Regen und Sturm auf dem Fahrradweg liegen. Ich will Thilo Sarrazin heißen, wenn das nicht der heftigste Guss war, den ich auf meiner pataphysischen Reise abbekam.

Später geht vor mir ein Mann durch die Altstadt von Soest. Wie er einen Bekannten trifft, sagt er: „Es staubt heute nicht so!“ Diese launigen Worte gefallen ihm so gut, dass er sie noch mal von sich gibt, als er ein Café betritt. In Soest hat man Witz, mindesten einen, aber den Bürgern der hübschen kleinen Spießerstadt reicht's allemal. Sie sind sich selbst genug, denn sie wähnen sich im Nabel der Welt. Und der wurde heute gebadet.

Fortsetzung: Ein Prost auf Soest - Brillanter Grund für Vandalismus - Sternstunden des Wortspiels
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Tiefpunkt der pataphysischen Reise - in Gütersloh

Bad Oeynhausen – Herford - Bielefeld – Gütersloh - ca. 50 km Pataphysische Forschungsreise (2.2) - Teil 1.1 - Teil 1.2 - Teil 2.1

Irgendwann Ende der 60er Jahre wusste der Bürgermeister von Gütersloh nicht wohin mit einer leeren Zigarettenpackung, da hat er sie kurz entschlossen mitten ins Zentrum des Stadtplans gestellt und gesagt: „Das wird unser neues Rathaus.“ Da nahm der Sparkassendirektor zwei Streichholzschachteln, stapelt sie quer daneben und sagte: „Und das wird die Sparkasse. Geld und Politik müssen zusammenhalten.“ Der Bürgermeister beauftragte die besten Leute aus dem Liegenschaftsamt, der gelungenen architektonischen Lösung den letzten Schliff zu geben, und die hängten eine Uhr und ein Glockenspiel an die fensterlose Stirnseite. Fertig war das Rathaus. Und nebenan stand die Sparkasse.

Es herrscht da ein ständiges Kommen und Gehen, als ich gut 50 Jahre später am Gütersloher Rathaus vorbeirolle. Ich weiß nicht, was es ist, ob es die Durchquerung von Bielefeld war, die heimtückische Remoulade auf dem Käsebrötchen oder der Anblick des Gütersloher Rathauses mit Uhr und Glockenspiel auf der fensterlosen Stirnseite - ich bin auf einmal sehr müde. Ach, denke ich, die Leute hier sehen ganz und gar nicht so aus, als würden Sie meine Texte hören wollen. Hier brauche ich erst gar nicht zu fragen. Das ist natürlich eine Unverschämtheit gegenüber den Güterslohern. Aber wie da ständig welche ins Rathaus rennen, das verheißt nichts Gutes. Vermutlich müssen die Gütersloher Bürger einmal im Monat hin und kriegen dann im zuständigen Amt was zwischen die Hörner, damit sie willfährig bleiben.

Das würde erklären, warum diese Stadt keine nennenswerten Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Zwei Komiker stehen auf der Liste der berühmten Bürger und natürlich der Firmengründer Carl Bertelsmann, der im 19. Jahrhundert fromme Bücher gedruckt hat. An der Carl-Bertelsmann-Straße aber sitzt die Bertelsmannstiftung. Und das macht Gütersloh zur heimlichen Hauptstadt der Republik. Viele der Scheußlichkeiten, mit denen uns die neoliberalen Regierungen unserer Tage das Leben schwer machen, die hat man sich bei der Bertelsmannstiftung ausgedacht, die Eckpunkte von Schröders Agenda 2010 und mithin Hartz IV, die Studiengebühren, die neoliberale Ausrichtung der Hochschulen und des Arbeitsmarktes. Die Stiftung wächst beständig. Ihr gehören rund 77 Prozent des Medienriesen Bertelsmann, und weil die Stiftung weniger ausgibt als der Bertelsmannkonzern durch sie an Steuern spart, finanziert hier der Steuerzahler seinen eigenen Kriechgang in die Knechtschaft des Geldadels.

Bielefeld, das war Spaß, aber hier bin ich in feindseliger Stimmung. In Touristinformationszentralen legen sie keinen großen Wert auf durchreisende Radfahrer. Die geben kaum etwas aus in der Stadt, schlürfen abends nur eine 5-Minuten-Terrine, und am nächsten Morgen sind sie wieder weg. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, sollte in der Touristinformation nicht nach einer Unterkunft fragen, das lerne ich in Gütersloh. Sie schicken mich jedenfalls zu einem nahen Hotel. Dessen Außenwerbung ist völlig verrottet, so dass ich zuerst gar nicht glaube, dass es noch besteht. Die Rezeption ist auf der ersten Etage, und wenn ich sage, der Teppich vor dem Aufzug war nicht sauber, dann ist das euphemistisch. Der Teppich ist ein lumpiges Bazillenmutterschiff. Seine Flecken beherbergen uralte Universen von Mikroben. Der Aufzug ächzt bedenklich. Er kann schon 20 Jahre nicht mehr. Aber der Tüv verweigert ihm böswillig die Verschrottung. Vermutlich sitzt da ein Schwager des Hoteliers.

Als ich den
Hotelier an der Rezeption sehe, wird mir ein wenig mulmig, und seine Freundlichkeit ist mir nicht geheuer. Aber das ist ein Vorurteil, durch sein Umfeld hervorgerufen. Wenn ihm Novizen mit Weihrauchfässern vorweg laufen würden, könnte er gewiss auch als katholischer Bischof durchgehen. Nein, er habe in seinem Hotel kein Zimmer frei. Aber in seiner Pension könne er mich für 30 Euro Vorkasse unterbringen. Ich weiß, dass es ein Fehler war, den Aufzug zu betreten. Mit dieser Entscheidung habe ich mich ausgeliefert. Jetzt ist mir alles egal. Ich händige dem Mann willenlos 30 Euro aus, er gibt mir einen Schlüssel, skizziert mir, wie ich die Pension finde, und schon bin ich auf der Treppe nach unten. Den Teppich schaue ich nicht mehr an, denn wenn ich Ekelherpes möchte, zahle ich nicht auch noch 30 Euro dafür.

Die Skizze stimmt nicht. An einer Tierbedarfshandlung frage ich eine Frau, die gerade mit ihrer Tochter aus dem Auto gestiegen ist, nach dem Weg. Wir sind uns sogleich sympathisch, und sie hilft mir nach Kräften. Garantiert würde sie mich bei sich lesen lassen. Aber ich habe leider schon die Pension bezahlt und den Schlüssel in der Tasche. Ja, so ist das, wer mit Vorurteilen in eine Stadt fährt, hat die bitteren Konsequenzen zu tragen.

Das unansehnliche Haus steht auf der Ecke einer stark befahrenen Straße. Inzwischen hat es heftig zu regnen begonnen. Die schmutzige Haustür, das vernachlässigte Treppenhaus, das alles ist mir egal. Ich will nur noch ins Trockene und ein Bett. Die Zimmer sind auf der ersten Etage. Man kann sich nicht verlaufen, denn der Treppenabsatz der zweiten Etage hat eine Barriere aus stark riechenden Schuhen. Hinter einer Tür tut sich eine große, fensterlose Diele auf, die eine Küche und einen Wohnbereich beherbergt. Mein Zimmer liegt zur Straße hin. Es ist ziemlich geräumig, weshalb ich in den Keller gehe und mein Fahrrad hoch hole. Ich will es lieber bei mir haben. Im Keller läuft eine Waschmaschine, und vor ihr auf dem Boden … was ist das? Sind es nasse Lumpen? Ein Toter, der sich festgetreten hat? Zweifellos bin ich auf einer pataphysischen Forschungsreise, aber das zu erforschen, dazu bin ich einfach zu schwach. Beim erneuten Aufschließen der Tür habe ich die Klinke in der Hand, und ich beschließe, sie vorerst mit hinein zu nehmen. Einst hatte das Zimmer Wandleuchten, doch davon sind nur noch die Kabel da. Es gibt aber in die Decke eingelassene Spots, scheinbar wahllos angeordnet. Erst am späten Abend erkenne ich darin das Sternbild des großen Wagens. Ob seine Hinterachse aber genau zum Polarstern zeigt, kann ich nicht überprüfen, der Regenwolken wegen.

Das Bett steht unterm Fenster, und so wiegen mich prasselnder Regen, zischende Reifen und der brausende Verkehr in den Schlaf. Als ich erwache, tönt RTL 2 durch die Diele, und raue Worte werden gewechselt. Ich gehe hinaus, um zu sehen, wer meine Nachbarn sind. Da steht einer in Unterwäsche, kämmt sich die frisch gewaschenen Haare und redet durch die offene Tür mit einem Zweiten. Man fühlt sich offenbar wie zu Hause, ist wohl schon länger in diesem Etablissement. Es gibt übrigens drei Duschen. In der größten hat der Unterhosenmann seine Utensilien ausgebreitet. Die angrenzende Dusche liegt voller Schutt. Die dritte ist so eng, dass man für die erforderlichen Bewegungen einen Plan machen muss. In allen Duschen sind Fliesen heraus geklopft, so dass man einen guten Eindruck von der Beschaffenheit und Anordnung der Rohrleitungen bekommt. Wenn jemand zufällig einen Film über eine Räuberhöhle drehen will, ich wüsste eine passende Location.

In der Not wächst das Rettende auch. Unweit der Pension finde ich die restaurierten Ziegelgebäude einer alten Weberei. Darin ist ein Kulturzentrum untergebracht sowie ein großes Lokal mit mächtigen Belüftungsrohren an der Decke, einer Theke im Loungestil und tätowierten Kellnerinnen. Durch eines der großen Fenster sehe ich im Schein einer Hoflampe den Regen gülden aufleuchten. Ich esse eine leckere Pizza, trinke das eine oder andere Pils und schreibe in mein Büchlein. Als mich eine junge blonde Kellnerin mit Pferdeschwanz später fragt, ob alles zu meiner Zufriedenheit wäre, das sage ich aufrichtig ja, nur hätte ich keine Bierschaumphobie, man habe mich bestimmt mit einem verwechselt, als man mir das letzte Pils zapfte. „Oh“, sagt sie, „das war bestimmt ich. Ich bin nämlich neu hier.“ „Gut“, sage ich, „dann werde ich demnächst mal über Sie schreiben, und wenn Sie mir Ihren Namen sagen, dann werde ich andere Pilstrinker vor Ihnen warnen.“ Sie heißt Yvonne. Und das schlecht gezapfte Pils hatte Yvonne mir gar nicht gebracht, sondern eine Kollegin. Aber wer so bereitwillig einen Fehler auf sich nimmt, verdient es, lobend genannt zu werden.

Die Weberei kann ich dem Reisenden empfehlen. Sie versöhnt mit Gütersloh. Man kann sich da sogar eine verrottete Pension schön saufen. Heiter gehe ich zu Bett, schlafe wie tot unter dem Großen Wagen, und als ich am nächsten Morgen die Dusche aufsuchen will, da steht der Unterhosenmann fertig zum Aufbruch. Er trägt die orangefarbene Warnkleidung eines Straßenarbeiters. Die Küche ist tipptopp aufgeräumt, das Geschirr sauber gespült, da werfe ich mich vor ihm auf die Knie und leiste Abbitte. Solche Straßenarbeiter verdienen Respekt, auch wenn sie in Unterhosen nicht schön sind und nach Feierabend RTL 2 schauen.

Bald breche ich ebenfalls auf. Vor einer Bäckerei frühstücke ich, bin aber irgendwie durch den Wind, so dass ich unachtsam ein Gesteck umwerfe und das gelbe Zeug verstreue, in dem ein paar künstliche Grashalme stehen. Eine Bäckereifachverkäuferin sitzt am Nebentisch, sagt, das wäre nicht schlimm und räumt alles wieder ein. Sie hat beste Laune, weil sie heute in der Zeitung steht. Ständig kommen Leute vorbei und beglückwünschen Sie. Man hat sie zu Google Street View interviewt. Das aber spielt keine Rolle, alle reden nur von ihrem schönen Foto. Es muss ein guter Fotograf bei ihr gewesen sein. Hey, denke ich, mit Google Street View könnte man auch die Pension sehen, der ich glücklich entkommen bin. Aber der schlaue Hotelier wird sie gewiss verpixeln lassen.

Fortsetzung: Ein Polizist lässt mich klettern - Seltsame Gletscher in der Stromberger Schweiz - Wenig Staub in Soest
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Falschrum durch Bielefeld - Zwei Cafehausbesitzer auf der Autobahn und ein schlecht gezapftes Pils

Bad Oeynhausen – Herford - Bielefeld – Gütersloh - ca. 50 km Pataphysische Forschungsreise (2.1) - Teil 1.1 - Teil 1.2

Es mag schön sein in Bad Oeynhausen und anderswo auch. Aber wenn ich morgens meine Packtaschen auf dem Gepäckständer meines Fahrrads befestigt habe und mich verabschiede, dann bin ich jedes Mal heilfroh, ein reisender Internetdichter zu sein, der alles hinter sich lassen kann. Ich steuere wieder den Bahnhof an, will mich bei den Taxifahrern bedanken für ihre gute Wahl der Pension, aber sie sind nicht da. Drei Taxifahrerinnen trinken Kaffee aus Bechern und unterhalten sich. An den Bahnhöfen kann man sich als Radfahrer gut orientieren, denn hier stehen die Hinweisschilder für alle Fahrradstrecken der Region. Die Art der Beschilderung ist freilich verbesserungswürdig. Selten sind die Fernziele angegeben. Auch gibt es unterwegs unerfreuliche Lücken, und manche Schilder weisen in die Irre. Ich will nach Herford und frage die drei Taxi-Damen nach dem Weg. „Was?“ ruft die dickste von ihnen, „mit dem Fahrrad? Da würde ich ja nicht mal mit dem Auto hinfahren!“

Bad Oeynhausen - GüterslohEs ist in Wahrheit nicht weit, allenfalls anstrengend, denn aus Bad Oeynhausen geht es lange Zeit bergauf. Die Luft ist schwül, der Himmel dicht verhangen, und manchmal tröpfelt es. Trotzdem genieße ich die Ausblicke auf Wiesentäler und bewaldete Anhöhen. Gestern im „Brösel“ habe ich Herforder Pils getrunken, genug, um meinen Flüssigkeitshaushalt wieder in Ordnung zu bringen, denn ich war recht ausgelaugt von der Regenfahrt. Jetzt freue ich mich auf die Stadt, wo das Bier herkam. Inzwischen bin ich längst in Nordrhein-Westfalen, und warum sich Herford wie fast alle folgenden Städte mit dem Attribut „Fahrradfreundliche Stadt“ schmücken darf, verstehe ich erst richtig, als ich am Freitag die Landeshauptstadt Düsseldorf durchfahre, wovon ich jedem Radfahrer nur abraten kann. Jedenfalls sause ich hinab nach Herford, das verlogene Schild „Fahrradfreundliche Stadt“ wischt vorbei, und mein Rad hüpft über einen der übelsten Fahrradwege, der mir je untergekommen ist.

Herford hat eine schöne Altstadt. Während ich vor einer Kirche sitze, wird es für kurze Zeit hell, und sofort belebt sich die Fußgängerzone. Aus zwei benachbarten Cafes kommen die Besitzer und räumen Tische und Stühle auf den Platz. Sie sind Südländer, aber sprechen akzentfrei Deutsch. Der Kleinere will demnächst mit dem Auto nach Duisburg fahren und hat leichtsinnig seine avisierte Fahrstrecke preisgegeben. Zu seinem Unglück ist der Größere ein Stühle räumender Autoatlas. Er verlacht den Nachbarn wegen seiner Unkenntnis, sagt, welche Autobahnen er zu nehmen hätte, erklärt ihm noch mal und noch mal, wie falsch seine Planung ist, ja, wenn er in die Innere Mongolei wolle, dann wäre die Route richtig, aber nach Duisburg, so fährt man doch nicht nach Duisburg, wenn man die Siebenzwetschgen beisammen hat. So fahren noch nicht mal die dümmsten Idioten von Herford nach Duisburg, hehe. Sie fahren so und so.

Ich höre mir das eine Weile an, denn ich habe Zeit. Zu meinem ersten festen Lesetermin in Essen werde ich erst am Donnerstag erwartet. Die Strecke wäre in drei Tagen zu schaffen. Jetzt muss ich vier daraus machen, denn ich hatte den Termin verabredet, ohne eine feste Vorstellung zu haben, wie ich fahren will. Ich kenne viele, die nie in solche Verlegenheit geraten, immer alles genau planen, nie ohne Flickzeug fahren würden und auch immer die richtige Fahrtroute vor Augen haben. Selten beneide ich sie. Als Referendar hatte ich einen Kunst-Fachleiter, der stolz war, zusammen mit Joseph Beuys studiert zu haben. „Sie müssen antizipieren!“, mahnte er uns immer wieder. Guter Unterricht müsse vorausschauend geplant sein, und Imponderabilien sollten weitgehend ausgeschaltet werden. Das letztere habe ich schon damals nicht geglaubt und gedacht, das ist vermutlich der Grund, warum der eine Student später Kunstlehrer geworden ist und der andere Künstler mit Weltruf. Planen muss man, aber da müssen auch Leerstellen sein, damit sich das Leben entfalten kann. In meinem Leben hat es immer Imponderabilien gegeben, denn ich bin blauäugig von Beruf. Ich kann es nicht anders, es ist Teil der kreativen, pataphysischen Lebenshaltung. Deshalb schaue ich mit Sympathie auf den Kleineren, der von seinem Nachbarn so erbärmlich geschurigelt wird. Der ist vielleicht nur neidisch, weil er vor seinem Lokal deutlich weniger Tische und Stühle hat, obwohl er genau weiß, wie die dümmsten Idioten von Herford nach Duisburg fahren.

Mir ist ein bisschen mulmig, durch Bielefeld zu fahren. Nachdem mich Bielefelder wegen des YouTube-Filmes „In Bielfeld ist das Wegfahren am schönsten“ heftig beschimpft haben, bin ich vermutlich eine unerwünschte Person. Ich gerate auf einen Schotterweg, und würde der tatsächlich wie versprochen nach Bielefeld führen, müsste ich sagen, der Weg nach Bielefeld ist steinig und endet in der Einöde, wo Arbeiter im Becken einer neuen Kläranlage stehen und Kies harken. Als ich endlich einen Weg ins Zentrum finde, da ist es eine schier endlose, lärmende Straße durch ein Gewerbegebiet. Sie ist gesäumt von den versammelten Einrichtungen sozialer Deprivation, hat Spielhalle, Bordell, Pornoläden, Filialen zweier Fastfoodketten und eine Selbstwaschanlage, wo einhundert Bielefelder vorfahren können, um gleichzeitig ihr Auto zu waschen. Ich halte mich nicht lange auf in Bielefeld. Wenn man die Stadt verlässt, ist die Beschilderung prima, und der Randbezirk ist deutlich hübscher. Also finde ich das Wegfahren schon wieder am schönsten, aber bitte, liebe Bielefelder, mein Eindruck ist höchst subjektiv, denn es kommt ja darauf an, aus welcher Richtung man die Stadt durchquert.

Nach Gütersloh hin ist die Landschaft flach. Man sieht stattliche Bauernhöfe, umgeben von Kastanien und anderem Gehölz inmitten großer Hauswiesen. In Gütersloh sollte es junge Katzen, Hunde und Meteorologen regnen. In weiser Voraussicht halte ich an einer einsamen Konditorei und stärke mich, esse draußen am Tisch ein belegtes Brötchen zum Kaffee. Von Hannover bis Aachen jubeln sie dir in den Bäckereien einen Schlag Remoulade unter, heimtückisch verstecken sie das Zeug unter einem Salatblatt. Vermutlich wollen sie dem Kunden eine freudige Überraschung bereiten, wenn er ins Brötchen beißt, und in alle vier Himmelsrichtungen pratscht die Remoulade heraus. Auf einer Kreidetafel vor der Tür verheißt die Konditorei „Pflaumenzungen“. Ich durchsuche meinen faulen Nachmittagskopf nach Pflaumenzungen und finde Kartoffelaugen, hab schon welche ausgestochen, Knollennasen, Blumenkohlohren, Bananenflanken, Orangenhaut, Apfelbrüste, ja, sogar Pfirsichärsche und einige, die mir nicht einfallen, die kenne ich auch. Aber „Pflaumenzungen“? Nie gehört. Aber ich bin auch nicht von hier. Die Bäckereifachverkäuferin mag ich nicht fragen, als ich das Tablett zurückbringe, denn sie bündelt ächzend nicht verkaufte Zeitungen. Viele nicht verkaufte Zeitungen. Das geschriebene Wort hat es heutzutage schwer. Es ist einfach zu leicht geworden.

Das schlecht gezapfte Pils der Überschrift sollte ich in Gütersloh trinken. Aber das ist eine kleine Sache, kaum der Rede wert, denn als ich das schlecht gezapfte Pils bekam, saß ich eine Weile in angenehmer Umgebung und versuchte mir die Pension schön zu saufen, die man mir in der Gütersloher Touristinformationszentrale aufgeschwatzt hatte. Die Pension wäre zweifellos Luxus nach einem Atomschlag, aber wenn es nur regnet wie Sau …

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Tiefpunkt der pataphysischen Reise
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