Ein Prost auf Soest - Brillanter Grund für Vandalismus - Sternstunden des Wortspiels

Pataphysische Forschungsreise (3.2) Soest
Teil 1.1 - Teil 1.2 - Teil 2.1 - Teil 2.2 - Teil 3.1

FahrtenschwimmerIn einer kleinen Soester Kneipe sehe ich erstmals auf dieser Reise eine Einrichtung im Gelsenkirchener Barock. Ich setzte mich auf einen Hocker an die Theke. Über dem Flaschenregal hängen Schalker Fanschals, rechts von mir blinkt und blubbert verlockend ein Spielautomat, aus den Lautsprechern schmalzt Wolfgang Petry. „Wolle“ hat zwar im Jahr 2006 seine Karriere beendet, aber seine Ohrwümer werden ihn in solchen Kneipen Jahrzehnte überdauern. Ich mahne mich, wenigstens auf zwei Bier zu bleiben. Immerhin bin ich besser dran als ein Ethnologe im Busch, dem der Dorfälteste fette Maden anbietet. Oder auch nicht. Denn Maden ringeln sich nicht in die Ohren.

Hinter der Theke steht eine verblühte Blondine. Auf der Rückseite ihrer hellen Jeansjacke ist mit silbernen Pailletten ihr Name aufgestickt. Wir nennen sie Erika, was aber nicht ihr richtiger Name ist. Ein fest gezurrter Gürtel bändigt nur unzureichend ihren Bauch. Die silbrig flitternde Erika hat fünf Gäste. Einer sitzt ganz in der Ecke hinter einer schmiedeeisernen Abtrennung und beobachtet schweigend das Geschehen. Ein zweiter sitzt trinkend hinter mir an einem der zwei Tische und kommentiert gelegentlich Dinge, die sich in seinem Kopf abspielen. Neben mir hat sich ein langer, dünner junger Mann akrobatisch auf den Hocker gefaltet. Ab und zu macht er hektische Bewegungen, holt ein Bein auf den Schoß zurück, das ihm entglitten war oder beugt sich nach seiner Zigarette, die ihm hinter die Fußstange gefallen ist. Er ist guter Dinge, lacht immer wieder vor sich hin wie ein Gott, der das ganze Weltgeschehen überblickt und all die Dinge versteht, die den Menschen verborgen bleiben, etwa: „Du bist noch nicht soweit, Erika, hehe, du bist noch nicht soweit!“

Das findet Erika auch. Sie pendelt einstweilen die wenigen Schritte zwischen Zapfhahn und Stirnseite der Theke. Dort sitzt ein Mann, der unaufhörlich auf sie einbrabbelt. Angenommen, du machst eine Zeitreise in das Mesozoikum und zertrittst da unachtsam einen Schmetterling. Dann kehrst du zurück in unsere Gegenwart, zurück in die Soester Kneipe, alles scheint wie gehabt, aber die Sprache der Menschen ist kaum noch zu verstehen. Sie artikulieren, du jedoch hast die Zunge quer im Maul und kannst das Deutsche nur lallen. Da sitzt du an der Theke, säufst ein Bier nach dem anderen und quatschst manisch auf Erka ein, die jetzt zwar Erika heißt, aber als einzige dich noch versteht. Ach, hättest du doch nur nicht den Schmätting zertreten.

Erika zapft mir ungefragt ein zweites Pils, aber das ist die einzige Regung, die sie mir zeigt. Hätte ich mich als Mann in eine Emanzenteestube verirrt, man könnte mich nicht abweisender behandeln. Der Hotelportier empfiehlt mir ersatzweise die Lamäng-Brasserie. Ich gestatte mir von der Homepage zu zitieren:

„Die Lamäng Brasserie Soest präsentiert sich auf 200 m2 verteilt auf 1 1/2 Ebenen mit einer offenen Atmosphäre, in der edle Hölzer, Messing und wunderschöne Jugendstilglasarbeiten interessante Akzente setzen. In den lichtdurchfluteten Räumlichkeiten, die sich durch ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem der Lichtstimmung draußen anpassen, bietet die Lamäng Brasserie für jeden einen brillanten Grund zum Verweilen.“


Jugendstilglasarbeiten? Wer hat die denn gemacht? Ein verfluchter Wiedergänger, ein Untoter aus dem Harem von Gustav Klimt? Das ist ein schöner Kitsch. Meine Herren! Da ist ja Gelsenkirchener Barock noch ehrlicher. Und den absolut „brillanten Grund“ wieder zu gehen, gibt mir das Baguette, das ich unvorsichtiger Weise bestellt habe. Ich beiße rein und schmecke den kulinarischen Höhepunkt all meiner Alpträume: Remoulade. Man hat Glück im verregneten Soest, dass Remoulade mich unmittelbar ermatten lässt, sonst würde ich auch "interessante Akzente" setzen. Dann könnten sie das Baguette von den „wunderschönen Jugendstilglasarbeiten“ putzen, „ausgeklügelt“ illuminiert, versteht sich.

Ich lege mich in
mein Hotelbett und drehe Soest den Rücken zu. Dieses schöne, historische Hanse-Städtchen ist ein kitschiges Geschichtsbuch, in dem Tausende Touristen stumpf herumtappen. Aber sie tun den Soester was an, vermitteln ihnen die trügerische Idee, man müsste ihnen dankbar sein, dass man sein Geld dalassen darf. Die ausländischen Hotel-Betreiber sind die lobenswerte Ausnahme. Das Zimmer, das sie mir gaben, ist klein, aber hübsch, mein Fahrrad steht sicher in einer großen Garage, und das Frühstücksbuffet ist reichhaltig.

Am Morgen regnet es wieder. Im Schaufenster eines Friseurladens hängt das lebensgroße Bild einer lasziven Frau. Sie ist geschminkt wie eine flippige Prostituierte, reißt den Mund weit auf und schreit: „Ich will, dass du kommst!“ Kurz hinter Soest im Dorf Ampen streckt mir von einem Plakat eine hübsche Frau ein Bügeleisen entgegen und ruft: „Ich will Ihnen an die Wäsche!“ Danke, die Sternstunden des Wortspiels haben die falsche Reihenfolge. Erst Bügeln, dann Kommen, aber nicht gegen Geld. Und außerdem will ich endlich ins Ruhrtal.

Fortsetzung: Was Deutschland zusammenhält - Ein Praktikant wird entmachtet - Schwerte ist nicht Schwerte
3112 mal gelesen
Trithemius - 1. Sep, 16:00

Die Idee von dem bei einer Zeitreise in die Erdvergangenheit zertretenen Schmetterling entstammt einer SF-Kurzgeschichte von Ray Bradbury, die in der dt. Übersetzung "Ferner Donner" heißt.

pathologe - 1. Sep, 17:23

Soweit

ich weiss, wurde diese Kurzgeschichte auch verfilmt, allerdings nicht sehr erfolgreich.
Trithemius - 1. Sep, 19:10

Tatsächlich!

Habs gefunden: //de.wikipedia.org/wiki/A_Sound_of_Thunder
ebenso einen Wikipedia-Artikel über die Kurzgeschichte:
//de.wikipedia.org/wiki/Ferner_Donner_(Ray_Bradbury)

Danke für den Hinweis!
Eugene Faust - 1. Sep, 16:56

Also, aus der Lamäng tät ich sagen

der angespriesene Jugendstil ist Gelsenkirchener Barock in Reinstform. ;)

Edith hat soeben DAS gefunden.

Eugene Faust - 1. Sep, 18:44

Trithemius - 1. Sep, 19:22

Sie sind eine Meisterin der Internet-Recherche,

liebe Frau Faust. Ich verneige mich. Just hinterm rechten Arm der fliegenden Musketeuse habe ich an der Theke gesessen und Remoulade mit einem Baguette drumrum gegessen. Man darf eben bei einer pataphysischen Forschungsreise nicht zimperlich sein. Das Licht war anders als auf dem Foto, aber so gebe ich zu, dass dieser Jugendstil nicht weit vom Gelsenkirchener Barock entfernt ist.

Über Ihre Fotomontage mussste ich herzlich lachen. Vielen Dank für den gelungenen Witz auf meine Kosten. Früher war es anders. Da hat Frau Nettesheim mir ordentliche Stullen geschmiert, wie auf diesem Tableau zu sehen, dass ich unter dem Pseudym Hanno. P. Glimmerschiefer bei der letzten Dokumenta eingereicht habe.
//trithemius.twoday.net/stories/3898646/
Für den Titel des Werks bin ich aber von ihr sehr gescholten worden. Und die Remouladenration ist vermutlich die Rache.


Und genau DAS Foto war auf dem Plakat für einen Bügelservice. Wie hat Edith das so schnell finden können? Ich hatte vermutet, es wäre ein Unikat, aber vermutlich ist's ein Bild, das viele Bügelservices benutzen.
Eugene Faust - 1. Sep, 20:07

Es IST ein Unikat! :)

(Jetzt werde ich erst einmal nach Hanno schauen)
Trithemius - 1. Sep, 22:35

Also doch,

von der Soester Bügelfee selbst ausgedacht. Dankeschön für den Nachweis.
Eugene Faust - 2. Sep, 16:38

@documenta-Tableau

Frau Nettesheim schmiert Stullen als habe Sie unter einer Nebenwirkung von Napitol zu leiden. ;)

Leider ist mein PC inkl. GIF-Animator gerade in Reparatur, sonst hätte ich auch mal wieder gebastelt. Wie Sie das mit dem Arm hingekriegt haben - echt toll!
Trithemius - 3. Sep, 12:54

Herrlich, vielen Dank! Frau Nettesheim nimmt natürlich kein Napitol, sie nimmt quasi gar nichts, und ist immer guter Dinge. Vielleicht ist das der Grund.

Ich drücke die Daumen, dass Ihr PC bald wieder läuft.
maranaZ3 (Gast) - 1. Sep, 23:45

Du läufst zu Höchstform auf.

Wahrscheinlich war dir an Ort und Stelle nicht so zum Lachen, wie wir jetzt lachen dürfen, können, wollen, tun.
Vom Galgenhumor scheinen deine "Sudelbuch "-Notizen geprägt zu sein, die du uns jetzt markant ausgearbeitet vorlegst.
Regen bringt Segen, welch ein Vergnügen.
:-)))

Trithemius - 2. Sep, 12:44

Das wäre dann ein weiterer Beleg dafür, dass man auch mal tiefe Täler durchwandern muss, wenn man etwas Ordentliches schaffen will. Wohlleben hingegen lässt einen erschlaffen. Es bereitet mir natürlich jetzt ebenfalls Freude, die Erlebnisse aufzuschreiben, während ich warm und trocken am Rechner sitze. Dankeschön für dein Lob!
Videbitis (Gast) - 2. Sep, 09:49

Das Fahrtenschwimmerabzeichen durch Fahrradfahren - das macht Dir so schnell keiner nach! Und das ist, so scheint's, nicht der einzige Orden, den Du verdienst. Immer, wenn ich mich mal aus Versehen in so eine Erika-Kneipe verirrt hatte, war ich der Überzeugung, daß irgendetwas Kriminelles oder Unheimliches im Gange war: Der Ort konnte nur der Geldwäsche dienen, da man offensichtlich keinen Wert darauf legte, zu zusätzlichen Einnahmen zu kommen. Oder es war ein Treffpunkt für Zombies oder außerirdische Invasoren, jeder Fremde bildete die Gefahr einer vorzeitigen Enttarnung. Aber die Wirklichkeit ist wohl viel trauriger: Erika hofft, daß die üblichen Alkoholkranken aus der Nachbarschaft noch so lange überleben, bis sie in Rente gehen kann, ein Gleichgewicht ist mit der Zeit entstanden, in dem Fremde nur stören. Zugang zu diesem erlauchten Kreis findet nur, wer bereit ist, mehrmals die Woche mit seinem Erscheinen die Bereitschaft zum persönlichen Niedergang zu beweisen.

Trithemius - 2. Sep, 12:51

Da kriegt das Wort "Fahrtenschwimmer" gleich eine neue Bedeutung. Was du über die Erika-Eckkneipen sagst, scheint mir ziemlich plausibel. Man fühlt sich da als Eindringling und wird auch so behandelt. Wer Stammgast in einer solchen Kneipe ist, der hat da so was wie die Erweiterung seines Wohnzimmers, und im eigenen Wohnzimmer will man natürlich keine Fremden.
Diese Kneipen sind mir aber lieber als aufgehübschte Brasserien, die mit Jugendstilkitsch zu gefallen versuchen. Solche postmodernen Lokale passen allerdings besser in unsere verlogene Zeit. Erika-Eckkneipen sind da eher anachronistisch und werden gewiss mit den Erikas aussterben.

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