Zum Gedenken an Shaveskin

Noch heute habe ich seine leise, heisere Stimme im Ohr. Wir hatten uns zu sechst auf der Terrasse vor Jennes Mühle versammelt, und mit der Dämmerung zog es aus dem Bächlein unten kalt und feucht herauf. Ein Grill stob mit seinen Funken dagegen an. Eine Weile saßen wir nebeneinander und sprachen kaum. Zu fremd schienen unsere Lebenswelten.

Ich war ein wenig enttäuscht gewesen, als wir bei Jennes Mühle in Mücheln eintrafen. Er hatte schon im Jahr zuvor elf untereinander befreundete Bloggerinnen und Blogger eingeladen, aber kurz vor dem Treffen hatten die meisten dann abgesagt. Und jetzt saß da zum Ausgleich ein ernster, düsterer Mann, der sich im Internet Shaveskin nannte, durch eine dunkle Brille schaute, tätowiert war bis zum Hemdkragen hinaus, die Ohrläppchen mit schwarzen Schmucksteinen geweitet, - und wir hatten uns nichts zu sagen. Wir waren uns auf der Blogplattform nie begegnet und wussten nichts voneinander. Für ihn war ich vermutlich ein arroganter Wessi, verwöhnt vom Überfluss des kapitalistischen Westens, kaum angefächelt von den Härten des Lebens.

Meine Vorbehalte gegen Shaveskin hatten aber gar nichts mit Ost-West-Befremdung zu tun. Für mich, das muss ich gestehen, hat das Tätowieren, Durchbohren und Beringen etwas von Sklavenart. Im Leben habe ich noch keinen Ring getragen, denn er ist ja nur das Glied einer Kette. Warum sollte ich mich ohne Not ketten, kennzeichnen oder brandmarken lassen? Und nun saß da ein Mann, der sich nach meinem Verständnis selbst versklavt und geschunden hatte. Das hinderte mich zunächst daran, mit ihm warm zu werden, wie man im Rheinland sagt. Irgendwann jedoch, als wir gegessen hatten und die Kohlen im Grill nur noch glimmten, beim Licht der Kerzen auf dem Tisch, da kamen wir uns näher. Er sprach leise über seine Jugend in der DDR. An eines erinnere ich mich: Manchmal habe er Angela Merkel an der Straßenbahnhaltestelle gesehen, und wenn er sie angeschaut, errötete sie augenblicklich. Merkel sei überhaupt als Jugendliche ein verhuschtes Ding gewesen.

Am nächsten Tag schon reiste er ab. Seinen stacheligen Bart habe ich noch gespürt, als wir uns zum Abschied umarmten, denn es wird sich ja heutzutage meistens umarmt. Kaum kennt man sich, schon ist Umarmen angesagt. Diese Umarmung aber, so fremd mir dieser Mann war und blieb, an die erinnere ich mich gern. Der Blogger Shaveskin hat im realen Leben Dieter Bernhardt geheißen. Die Berliner Zeitungen bezeichnen ihn als Mieter-Aktivist. In seinem Kreuzberger Fanny-Hensel-Kiez organsierte er den Widerstand gegen drastische Mieterhöhungen. Es betrifft 28.000 Wohnungen, für die es von der Stadt Berlin keine Anschlussförderung mehr gibt.

In der Nacht zum 2. Mai 2010 hat sich Dieter Bernhardt das Leben genommen. In seinem Abschiedsbrief nennt er als Grund die für ihn unerträgliche soziale Kälte. Er habe es nicht mehr ausgehalten, mit welcher Gefühlskälte und Gleichgültigkeit der Berliner Senat auf die existentiellen Sorgen der von horrenden Mieterhöhungen betroffenen Mieter reagiert, „die vom Verlust ihrer Wohnungen und ihres Lebensumfelds bedroht sind.“

Wir haben uns daran gewöhnt, dass täglich über Milliarden geredet wird, Schulden, die der Staat macht, um seine neoliberale und ungerechte Politik zu kaschieren. Gegen die realen Auswirkungen der Ausplünderung unserer Gesellschaft hat Dieter Bernhardt gekämpft und verloren. Die Lumpen mögen Champagner saufen, einem wie Shaveskin können sie nicht das Wasser reichen.

Pressespiegel:

Berliner Kurier. Berliner Mieter trauern um ihren Vorkämpfer
Berliner Zeitung. "Ich habe keine Kraft mehr"
Tagesspiegel. Mieteraktivist nahm sich das Leben
Radio Utopia. Arm und tot. Zum Selbstmord von Dieter Bernhardt
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