Störung wegen fürsorglicher Maßnahmen

TrithemiusSchaeuble02Liebe Kunden,

sollten im Teppichhaus gewisse Bildstörungen auftreten, so bitten wir das zu entschuldigen. Es handelt sich nur um den unerwünschten Nebeneffekt einer fürsorglichen Maßnahme zur Terrorismusbekämpfung, der bald verschwinden wird und dann wie geplant lediglich im Hintergrund abläuft. Mehr über "Stasi 2.0" hier und hier.

Mit verbindlichstem Dank an Innenminister Wolfgang Schäuble für ein allzeit wachsames Auge auf alle Festplatten ...

Trithemius
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Abendbummel online - Oranje boven!

Abendbummel Animation01Furchtbares Katzenjammern tönt durch die Zimmerdecke. Zwei Frauen und ein Mann singen Karaoke. Manche schützen sich gegen die akustische Umweltverschmutzung der Obernachbarn, indem sie mit einem Besenstiel gegen die Decke stoßen. Das jedoch war mir unmöglich, und zwar nicht, weil ich etwa so klein bin oder nur einen ganz kurzen Besen hätte, sondern weil die Decke im Teppichhaus einfach zu hoch ist. Zudem ist ungewiss, ob das rituelle gegen die Decke stoßen überhaupt hilft. Eventuell handelt es sich um puren Aberglauben.

Die Katzenmusik wollte also ertragen werden. In meiner Not habe ich mir vorgestellt, da säßen drei Gehörlose um einen Lautsprecher, hielten jeweils eine Hand ans Gehäuse und versuchten nach den Vibrationen der Musik mitzusingen. Da fand ich ihre Sangesleistung wirklich beachtlich.

Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Alkohol im Spiel war, denn bekanntlich pflegt der alkoholisierte Mensch gelegentlich zu grölen. Übrigens feiert man heute in den Niederlanden den Koniginnedag (oder Koniginnendag), was bei strahlendem Sommerwetter zu übertriebenem Alkoholgenuss führen könnte. Doch dass sich die Niederländer heute kollektiv besaufen und schon gestern Abend damit angefangen haben, ist gewiss nur üble Nachrede.
friendschap
Die meisten trinken Orangensaft, wie überhaupt das ganze Land in die Nationalfarbe Orange getaucht ist, mit Fahnen, Wimpeln, T-Shirts, Perücken; - im letzten Jahr soll auf der Toilette eines Amsterdamer Cafés sogar orangefarbenes Toilettenpapier gehangen haben. Man feiert den Geburtstag der ehemaligen Königin Juliana. Ein Geburtstagsständchen ist deshalb nicht erforderlich. Allerdings darf man gelegentlich „Oranje boven!“ rufen. Der Koniginnedag ist der weltgrößte Ehrentag für eine Ex-Königin, mit Musik, Tanz und Spiel auf allen Straßen und Kanälen.

Zudem findet ein landesweiter Flohmarkt statt, auf dem jeder Holländer sein gesamtes Hab und Gut verkaufen darf, und das ohne „Vergunning“ (Gewerbeschein). Auf diese Weise wird alljährlich das komplette Volkseigentum einmal gründlich umgewälzt, gesichtet und neu bewertet, eine aus volkswirtschaftlicher Sicht geniale Maßnahme. Wenn Geld und Waren zirkulieren, wächst der Wohlstand. Das wiederum wissen die Niederländer ihrer Königsfamilie zu danken. So bringt der Koniginnedag allgemeines Wohlergehen, festigt den Zusammenhalt und stärkt die volksnahe Monarchie.

Wer nur einen kargen Bundespräsidenten namens Köhler (!) vorweisen kann, der den Verzicht und das Gürtelengerschnallen empfiehlt, muss da einfach neidisch werden.

Oranje boven
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Abendbummel Online - Gute Nachrichten

Gut, die Bienen fallen vom Himmel oder liegen tot in ihren Stöcken. Manche finden das beunruhigend, vor allem wegen Albert Einsteins Unkenruf: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.“

ApokalypseSo gesehen stecken wir mittendrin im Weltuntergang. Eines kann jedoch jetzt schon gesagt werden: Alle Schilderungen der Apokalypse sind stark übertrieben. Die Wahrheit ist: Man kann im offenen Cabrio fahren oder gemütlich draußen sitzen.

Es stimmt auch nicht, dass es draußen nur Kännchen gibt. Man muss halt ein bisschen umdenken und Milchkaffee bestellen oder mediterran korrekt: „Latte Macchiatt - o“. Die eigenwillige Orthographie der Computerkassen- Drucker missfällt mir am Weltuntergang, doch ansonsten ist er ganz O.K., denn dass die hübsche Kellnerin Melanie eigentlich ein Kellner war, ist mir nicht einmal aufgefallen.

Umdenken heißt auch, die alten Bauernregeln zu vergessen, z.B. die Regel für den 23. April: Vor Georgi trocken, nach Georgi naß. Von wegen. Kommt St. Georg geritten auf einem Schimmel, so kommt ein gutes Frühjahr vom Himmel. Falsch, alles falsch, es gab koan Schneesturm nicht und die Sonne lacht trotzdem aus blauem Himmel, - wir haben Weltuntergang. Noch eine Regel, die wir getrost vergessen können: Auf der Dame liegt der Herr - Nur in Monden ohne „R“. Stattdessen kann schon im April nach Herzenslust im Park gelegen, wahlweise gerangelt werden. Es ist auch hübsch, dass die Geldautomaten weiterhin funktionieren, so dass man immer Nachschub abheben kann, um zum Beispiel einige der 101 Eissorten zu probieren, die beim Weltuntergang angeboten werden.

Möglicher Weise, das sollte man als Chronist des Weltuntergangs nicht vergessen, möglicherweise steht manchen Leuten in anderen Gegenden auf dem Erdenrund schon bald das Wasser bis zum Hals. Das ist gewiss unangenehm, vor allem wenn sie dann wieder schreckliche Bilder in der Tagesschau zeigen. Am Ende jedoch kommt zuverlässig der Wetterbericht, und die freundlich lächelnde Claudia Kleinert verheißt schönes Wetter.

Wie gut, dass wenigstens der Weltuntergang nicht globalisiert ist.

Guten Abend
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Das Pataphysische Institut - Veranstaltungstipp für Nachtschwärmer

pataphysisches institut

Vorgestern Nacht konnte man erstmals das Pataphysische Institut der RWTH Aachen mittels webcam beobachten. Auch heute nach Einbruch der Dunkelheit wird die Kamera wieder eingeschaltet sein. Der Institutsleiter, Professor Dr. Dr. Jeremias Coster, hat nicht nur die webcam genehmigt, sondern auch einer virtuellen Besichtigung des Pataphysischen Instituts zugestimmt. Sie wird voraussichtlich Anfang Mai stattfinden. Interessenten sind jetzt schon herzlich eingeladen und können sich im Pataphysischen Seminar oder unter der nächtlichen Webcam-Übertragung anmelden.

Pataphysische Grüße
Trithemius
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Plausch mit Frau Nettesheim - Die Decke unter dem Kinn

trithemius-Frau-NettesheimTrithemius
Ich habe die Duden-Office-Bibliothek auf die Festplatte des Teppichhaus- Rechners gepackt, Frau Nettesheim. Das ist ziemlich bequem, denn ich kann während des Schreibens ein Wort nachschlagen. Doch ich spiele mit dem Gedanken, das Programm wieder zu löschen.

Frau Nettesheim
Sagt Ihnen die neue Duden-Orthographie doch nicht zu?

Trithemius
Wo sie mir nicht einleuchtet, schreibe ich eben anders. Nein, bislang bin ich gelegentlich beim Tippen aufgestanden und habe ein Wörterbuch aus dem Regal geholt, hab mich ins Licht gesetzt und nachgeschlagen. Und manchmal habe ich ein Wort durch verschiedene Wörterbücher hindurch verfolgt, bin also noch mal zum Regal gegangen und habe ein anderes Buch befragt. Da muss ich blättern, finde etwas anderes, was ich gar nicht gesucht hatte – das alles ist Teil der Verarbeitungsprozesses während des Schreibens.

Frau Nettesheim

Vergessen Sie die haptische Qualität nicht. Beim Blättern spürt man das Gewicht des Buches in den Händen, hat Papier zwischen den Fingern, nimmt seinen Geruch war, riecht die Druckerschwärze, sieht Benutzerspuren und Alterungserscheinungen – darauf wollte ich nicht verzichten.

Trithemius
Eben, das sind gewichtige Gründe, die für ein Buch und gegen eine Office-Bibliothek sprechen. Andererseits merke ich, dass sich meine Schreib- und Lesegewohnheiten verändern, denn oft weiß ich die Qualitäten eines Buches nicht mehr zu schätzen. Das gleiche gilt auch für das Schreiben, denn ich schreibe immer seltener mit der Hand, allenfalls wenn ich unterwegs bin.

Frau Nettesheim
Dann schaffen sie sich bloß keinen Laptop an, sonst fällt das auch weg. Ich wundere mich über Sie. Nach außen propagieren Sie den Wert des Materialcharakters von Schreiben und Lesen, und jetzt gestehen Sie mir solche Dinge. Das Wort „Paarung wirkt auf die Partner“ scheint sich auch im Hinblick auf die Paarung Mensch-Maschine zu bestätigen, nur dass Sie sich allein der Maschine anpassen. Warum setzen Sie sich sehenden Auges solchen Anpassungsprozessen aus?

Trithemius
Es ist das Prinzip der kurzen Decke, Frau Nettesheim. Zieht man sie sich unters Kinn, legt man seine Füße frei.

Frau Nettesheim
Und was ist gut daran, die Decke unterm Kinn zu haben?

Trithemius
Ein Weblog wie das Teppichhaus zum Beispiel. Es hat eine Reihe Vorteile gegenüber dem gedruckten Buch. Ich kann schreiben wie und was ich will, ohne dass mir ein Redakteur oder ein Lektor hineinfunkt. Mein Korrektiv sind Sie, und Sie machen ja meistens, was ich will.

Frau Nettesheim
Das ist eine Frechheit, Trithemius. Ich glaube, Sie haben heute Morgen einen selbstverliebten Clown gefrühstückt.

Trithemius
War doch Spaß, meine Liebe! Ich bin nur ein bisschen übermütig, denn ich freue mich über die internationale Kundschaft. Das ist nämlich auch ein Vorteil des Weblogs gegenüber dem Buch. Das Weblog verbreitet sich international, wohingegen ein deutsches Buch eher selten in ausländischen Buchhandlungen zu finden ist, mal abgesehen von der Schweiz und Österreich.

Länderstatistik02Frau Nettesheim
Die Einmal-Aufrufe besagen gar nichts. Da kann sich ein Leser auch zufällig ins Teppichhaus verirrt haben und kommt nie wieder.

Trithemius
Ja, aber schauen Sie, wie viele Besucher wir aus den Niederlanden haben, und das knapp vier Wochen seit der Eröffnung der neuen Filiale.

Frau Nettesheim

Dann sollten Sie schon mal üben: Goedemorgen, je mag nederlands praten!
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Abendbummel Online - Hurtig durch die Karrenspur

Abendbummel Animation01Im Frühjahr ist der Mensch unserer Breiten von Müdigkeit geplagt, denn er wird in dieser Zeit innerlich umgebaut oder in technischer Terminologie, die der „Gas gebenden“ Spezies eher angemessen ist, – wir kriegen die Sommerreifen aufgezogen.

Nun ist es im April schon so warm, und man hat zwar die Winterreifen schon runter von den Felgen, allein die Sommerreifen werden gerade erst herangerollt, und zwar gemächlich, denn die Natur nimmt sich Zeit. Da wundert es nicht, dass der Kopf ungern denken mag, sondern allerlei Ausflüchte macht und einen mit Fehlleistungen bestraft, wenn man ihm trotzdem Leistungen abverlangt. Nicht mal die kleinen Dienste werden zuverlässig erledigt, dachte ich heute, nachdem ich in einen klassischen Fall von gestörter Kommunikation geraten war.

Ich soll im Bäckereicafé 3,04 Euro bezahlen und lege der Bäckereifachverkäuferin 4,05 Euro in die Hand, in der begründeten Hoffnung, sie gebe mir einen Euro und einen Cent zurück. Sie aber schaut meine Münzenstückelung zweifelnd an und wiederholte ihre Forderung: „Drei Euro vier!“ Ja, sage ich, und zeige auf mein Geld, das zum Teil das ihres Arbeitgebers werden soll. Während ich sie für ein bisschen blöd im Kopf halte, grabscht sie aus den Kassenfächern 97 Cent kleinteilige Münzen, und aus ihrer Miene lese ich, sie hält mich noch für viel blöder.

Erst am Cafètisch draußen auf dem Münsterplatz fällt mir ein, dass ich ihr vermutlich nicht 5 Cent obendrauf gezahlt hatte, sondern 2 Cent, denn diese beiden Münzen kann ich ohne Lesebrille nur schlecht auseinander halten. Na ja, der Kaffee hat mir geholfen, meine Fehlleistung einzusehen. Es hat höchstens fünf Minuten gedauert. Hätte mein Leben davon abgehangen, die Sache innerhalb einer Sekunde zu verstehen, wäre ich jetzt tot.

Wenn wir demnächst einen RFID-Chip im elektronischen Pass oder unter der Haut haben, um die Furcht der Regierenden vor dem Volk zu mildern, sind wir ja wandelnde Bombenzünder, wie man Presseberichten dieser Tage entnehmen kann. Wer weiß, ob dann eine frustrierte Bäckereifachverkäuferin nicht den einen oder anderen missliebigen Kunden hochgehen lässt.

Das wäre allerdings ein tadelnswerter Eingriff in die staatliche Gewalt und deshalb illegal. Gut, so weit ist es sowieso noch nicht. Zur Zeit begeht mein Gehirn nur kleine Gedankenverbrechen, die auch bei Komplettüberwachung durch staatliche Behörden nicht zu meiner vorsorglichen Eliminierung führen dürften. Man würde nur angefangene Gedankenstränge bei mir messen, nichts Konkretes, denn ich bin zur Zeit mehr Auge als Kopf, und im Sehen liegt bekanntlich Vergessen, sonst hätten wir ja ständig Nachbilder vor Augen.

An den Tischen ringsrum werden allerlei Alltagsdinge besprochen, die zu hören oder nicht zu hören für einen Unbeteiligten keinen Unterschied ausmachen. In einigen dieser Köpfe ist vielleicht mehr möglich als das, allerdings nicht zu dieser Zeit und bei diesen Wärmegraden. Eine nicht mehr junge hübsche Frau liest ein Buch. Ich beneide sie, hab kein Buch bei mir, denn Lesen ist die beste Methode, sein Denken aus den energiesparenden Kreisen heraus zu holen, egal wie lahm es sich anstellt. Da hat in einer stillen Kammer ein Autor seine Gedanken ausgerichtet und zu Zeilen angeordnet, was so ziemlich genau das Gegenteil zum natürlichen kreisförmigen Denken ist. Wenn man als Leser diesen Zeilen folgt, hat man es so leicht, wie das faule Gehirn verlangt, denn man kann mitgehen oder sich sogar fesseln lassen, was so bequem ist, als wäre man wie ein Kalb hinter einem Karren angebunden. Jedenfalls gräbt der Karren des Autors eine ordentliche Spur, durch die sich auf die eine oder andere Weise traben lässt.

Wer selber schreibt, muss den Karren antreiben, doch wenn man es tut, während die Winterreifen zwar runter-, die Sommerreifen aber noch nicht aufgezogen sind, dann kommt ein Text heraus wie dieser. Vielen Dank, dass Sie den Zeilen trotzdem gefolgt sind. Ich hoffe, es hat nicht zu sehr gerumpelt.

Guten Abend
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Notiert: Ein Detail für die Geschichtsbücher

Vor Jahren erhielt ich einen Rundbrief eines Redakteurs der Frankfurter Rundschau, in dem unter anderem stand, der damalige Chefredakteur Roderich Reifenrath lasse grüßen, zur Zeit „kraxle“ er „mit Bundespräsident Roman Herzog auf der Chinesischen Mauer herum“. Kurz zuvor hatte der damalige FR-Verlagsleiter Utz Grimmer gesagt, von „Verlagsseite“ sei man nicht glücklich über das linke Image der FR. Potentielle Werbekunden würden abwinken, weil die FR ja nur von linken Oberstudienräten gelesen werde. So wunderte ich mich, dass ausgerechnet der Chefredakteur der FR im Tross des Bundespräsidenten auf Chinareise gegangen war.

Es ist verständlich, dass Journalisten der großen Zeitungen prominente Politiker bei deren Auslandsreisen begleiten. Eine Hand wäscht hier die andere. Der Politiker braucht Medienöffentlichkeit. Er will beim Händeschütteln abgelichtet werden. Und manchmal will er im Ausland den mitgereisten Journalisten auch etwas in die Feder diktieren, denn diese Botschaften aus der Ferne werden stets besonders wahrgenommen, spätestens seit Herbert Wehner in Moskau den für Willy Brandt und die SPD verheerenden Satz gesagt hat: „Der Herr (Willy Brandt) badet gerne lau.“

Trotzdem dachte ich, wie staatstragend die angeblich linke Frankfurter Rundschau ist, wenn man die Begleitung des Bundespräsidenten zur Chefsache macht. Diese Nähe der Presse zur Politik ist ein wenig dubios. Journalisten wandern auf einem schmalen Grat, denn gerade bei gemeinsamen Reisen verwischen die Grenzen rasch. Da ist jemand, der Nachrichten produziert, und jemand, der sie verbreitet und bewertet. Wenn diese Zweckgemeinschaft zur Kumpanei verkommt, ist das Berufsethos des Journalisten dahin.

Die Vorrede war nötig, den Zusammenhang herzustellen zur Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Samstag. Die Rückseite der SZ-Wochenendbeilage ist stets einem ganzseitigen Interview gewidmet. Letzte Woche stammte das Interview von Anne Will. Interviewt hat sie Frau Merkel. Auf Seite ZWEI wird der Text angekündigt:
SZWILL
Wie bitte? Das ist
ein Detail für die Geschichtsbücher?
Ja, aber nur unter der Überschrift:
„Die Entwicklung der Kumpanei zwischen Politik und Presse im Zeitalter Globalisierung“.

Allerdings wird es eine derartige Überschrift in einem zukünftigen Geschichtsbuch nicht geben, denn es wäre verboten, solche Dinge zu schreiben. Wenn nämlich die Presse sich aus Eitelkeit und purem Eigennutz weiterhin derart an Politiker ranschleimt, werden sie bald machen, was sie wollen. Vor allem wollen sie nämlich eines: regierungfreundliche Blätter, die ihnen das Schalten und Walten nicht erschweren; Zeitungen, die das Volk mit Homestorys erfreuen à la: Die Kanzlerin rührt mit dem Kuli der Kollegin ihr Mineralwasser um.

Man möchte sich fragen, ob es auf schicklicher Basis eine intimere Geste gibt als die. Das taktische Geschick von Frau Merkel zeigt sich hier in voller Größe. Es ist geradezu hinterfotzig, was sie da getan hat. Denn Frau Will konnte ja nicht brüsk reagieren, sondern musste den Distanzverlust zulassen, fühlte sich gar geehrt. Das aber ist eine sehr schlechte Voraussetzung für ein Interview. So konnte Anne Will nicht verhindern, dass die Situation zum Damenkränzchen verkam.

Im Interview geht es um belanglose Dinge. Ob Frau Merkel tatsächlich unter dem Tisch blind eine SMS schreiben könne (kann sie nicht). Und warum Frau Merkel „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ gut findet (eine schnarchsackige Erzählung von Heinrich Böll aus der Zeit des Dampfradios). Frau Merkel darf auch Wichtiges über das Schweigen sagen, so ein bisschen Kalenderspruchweisheit absondern, die jeder sich aus dem Ärmel schütteln kann, wenn er sich für einen nachdenklichen Menschen ausgeben will. Wenn’s ernsthaft ums Schweigen gegangen wäre, ja warum haben die Damen nicht ihre teeduselige Innigkeit genossen und die Klappe gehalten?

Und warum war Anne Will bei der Bundeskanzlerin? Sie ist nicht Hofberichterstatterin bei Angela Merkel, sondern moderiert die Tagesthemen, eine Sendung, von der man Objektivität erwartet. Im Herbst jedoch wird Anne Will die Ex-Stewardess Sabine Christiansen ablösen. Mit ihrem Merkel-Interview hat Anne Will schon einmal erprobt, ob sie auch in Christansens putzige Fußstapfen passt.

Den Redakteuren der SZ-Wochenendbeilage ist zu danken für dieses erhellende Detail „für die Geschichtsbücher“. Ein hübsches Selbstverständnis offenbart sich hier. Man badet gern exquisit. Denn in der Wochenendbeilage schreiben die „Edelfedern“, den Mächtigen näher als dem dummen Volk. Die "Kollegin" Anne Will ist auch eine „Edelfeder“, zu erkennen am "sündteuren Marken-Kugelschreiber", in Kanzlermineralwasser getauft. Warum hat man dem in Ehrfurcht erstarrenden Leser nicht die Marke mitgeteilt? Wenn man sich sowieso wie Schmocks verhält und jubelnd verbreitet, was die Kanzlerin der Will in den Edelkuli diktiert hat, sollte ein bisschen Product-Placement auch drin sein. Dann gibt es die sündteuren Marken-Kugelschreiber sogar für lau.

(Zirkus des schlechten Geschmacks)
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Pataphysisches Seminar - Schreiben

Phase 1 (rot) Einfache Mehrfachcodierung
Phase 2 (grün) Pataphysische Mehrfachcodierung

Mehrfachcodierung_ja_und_ne
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Plausch mit Frau Nettesheim - Auweia, das Buch trocknet ein

trithemius-Frau-NettesheimTrithemius
Ein schöner Nebel, was Frau Nettesheim? Man sieht ihn kaum, obwohl die Wetteranzeige noch immer FOG verspricht.

Frau Nettesheim
Ja, das ist wieder ein sonniger Frühlingstag. Ich hoffe, Sie begeben sich heute mal nach draußen.
Trithemius
Klar doch, vorgestern bin ich in die Niederlande gefietst, und gestern bin ich durch die halbe Stadt gebummelt. Und weil mich vor lauter Blust ringsum die Gucklust gepackt hatte, bin ich noch zum Königshügel hinauf und habe für eine geplante Reportage das Pataphysische Institut der RWTH fotografiert.

Frau Nettesheim
Haben Sie Professor Coster gesehen?

Trithemius
Coster? Nein, das Portal war zu, Frau Nettesheim. Ich will jetzt auch nicht über Ihren Verehrer sprechen, sondern über eine Auswirkung der Klimakatastrophe. Wenn nämlich im April der Frühling schon derart nach draußen lockt, mögen die Leute nicht mehr lesen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat schon gegen das gute Wetter protestiert, schreibt Michael Krüger vom Hanser Verlag in der Süddeutschen. Und tatsächlich sind die Buchhandlungen zur Zeit ziemlich verwaist, denn Bücher brauchen es kalt und nass.

Frau Nettesheim
Teppiche gehen auch schlecht. Die Besucher machen sich rar.

Trithemius
Beunruhigend. Man sollte endlich die Weltmeere mit Tennisbällen zuschütten, damit sie das Zuviel an Sonnenstrahlung reflektieren. Das habe ich schon vor gut anderthalb Jahren propagiert. Die Idee ist freilich nicht von mir, sondern kommt wie alles Gute aus den USA.

Frau Nettesheim
Das meinen Sie nicht ernst, oder?

Trithemius
Doch, Tischtennisbälle auf der Meeresoberfläche sind prima. Dann können wir weitermachen wie bisher, und der Klimawandel ist gelackmeiert. Zudem sieht es bestimmt hübsch aus, wenn bei Flut die Tischtennisbälle heranbranden und auf den Strand rollen. Und stellen Sie sich vor, Sie machen eine Kreuzfahrt und können diese wunderbare Bugwelle aus Tischtennisbällen sehen.

Frau Nettesheim
Gehen Sie mal an die frische Luft, aber passen Sie auf, dass Ihnen dort oben nicht noch mehr verbruzzelt.
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Power to the people

Abendbummel Animation01Hab heute eine Familie gesehen, deren Kleidung und Kopfzahl ein bisschen an die Kellyfamilie erinnerte. Der Mann sah wie ein Patriarch aus, und die Frau war schwanger. Man sieht übrigens immer seltener schwangere Frauen oder Frauen mit mehr als 1 1/2 Kleinkindern. Deshalb macht es mir auch gar nichts, wenn mich mal wieder eine Mutter mit dem Kinderwagen anfahren will, wie es mir heute im Kaufhof passierte. In unserer kinderfeindlichen Zeit haben junge Mütter es eben schwer, denn sie wissen, dass sie irgendwie out sind.

Als mir unmittelbar darauf die zweite Frau den Kinderwagen entgegen stieß, war ich ein bisschen ungehalten. Im Kinderwagen saß nämlich ein Hund. Ich konnte das kaum glauben und dachte, ich hätte mich verguckt oder gestern zuviel gekifft. Eben habe ich im Internet nachgeschaut, und tatsächlich, es gibt ihn, den Pet-Stroller-Kinderwagen für Hunde-Buggy. Diese Neuheit kommt aus den USA. Ist man in diesem Land eigentlich dem kollektiven Wahnsinn verfallen? Wenn ich Innenminister wäre, würde ich die Pet-Stroller nicht ins Land lassen. Schäuble sollte sich mal drum kümmern. Zum Glück will er ja einiges an unserer Verfassung ändern, da müsste auch ein Maßnahme gegen Pet-Stroller möglich sein. Die schon ins Land eingedrungenen Pet-Stroller könnte er abschießen lassen, egal ob ein Hund drin sitzt oder nicht. Das wäre dann eben ein Kollateralschaden. Es geht um höhere Werte. Wenn nämlich demnächst die besseren Damen mit ihren Tölen im Pet-Stroller die ihnen und ihrem Schoßhund angeborenen Vorrechte gelten machen, das wird der blanke Terrorismus. Lieber lasse ich mich zehnmal von einem Kinderwagen überrollen als dass ich noch einmal einer Tusse mit einem Pet-Stroller begegnen wollte.

In der Innenstadt fuhren von allen Seiten Polizeiwagen auf. Es hatte jedoch noch nichts mit den Pet-Strollern zu tun. Auf dem Markt war eine Demonstration für Patientenrechte. Etwa 25 Leute hatten einen weiten Halbkreis um eine Engländerin gebildet und hielten Pappschilder hoch, worauf sie zum Bsp. die Gesundheitsministerin zu mehr Patientenrechten aufforderten. Die Engländerin sprach ein Punkteprogramm in ein Standmikrophon, und neben ihr stand eine junge Frau und dolmetschte zwischendurch. Allerdings war ihrer Übersetzung kein direkter Sinn zu entnehmen. Überall lungerten gelangweilte Polizisten herum. Auf einen Demonstranten kamen mindestens drei Bewacher.

Was ist eigentlich los in diesem Land? Hat die Polizei nichts Besseres zu tun? Und seit wann besteht eine Demonstration aus 25 Leuten und lässt ihr Anliegen von einer Engländerin vortragen, die sich keinen Deut drum kümmert, ob man sie überhaupt versteht? Auf Radio Caroline singt John Lennon gerade “Power To The People”. Das ist eine ziemlich anachronistische Botschaft. Lennon ist jetzt 26 Jahre tot. Und mir ist auch schon ganz schlecht.

Guten Abend
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Lo - 29. Mär, 00:14
Auf einer Seite setzen...
Auf welcher Seite setzen denn nun die Bäume Moos an?...
Trithemius - 28. Mär, 11:06
Danke.
Danke.
Trithemius - 27. Mär, 08:51

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